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Sonny's Erbe

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Police Department, Confidence/Vermont

"Wollen Sie mich verarschen, Connor?" McNeal sprang auf und ging um den kleinen Tisch herum, der in der Mitte des winzig anmutenden Verhörraumes des Police Departments von Confidence stand, und baute sich bedrohlich vor dem Verdächtigen auf.

"Wenn ich’s ihnen sage, Sheriff McNeal", antwortete ein ziemlich verloren wirkender Magnus Connor der nervös auf einer Zigarette herumkauend auf einem unbequemen Plastikklappstuhl Platz genommen hatte.

Hektisch spie er eine blaue Rauchwolke nach der anderen unter die, mit grellen Neonleuchten ausgestattete, niedrige Decke des kleinen Verhörraumes und starrte dabei deprimiert ins Leere. Seine Stimme war fest, aber abwesend.

McNeal drehte sich stürmisch herum und ging wieder zu seinem Stuhl, setzte sich aber nicht gleich wieder.

"Ich krieg raus was Montag passiert ist, das schwör ich ihnen Connor."

Er machte eine Pause, in der er sich schnaufend in seinen Stuhl zurückfallen ließ und suchte dann den Blickkontakt mit Connor. Erfolglos.

"Wenn Sie meine Meinung hören wollen, Connor, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie die Kleine abgeschlachtet haben", stellte McNeal mit bebender Stimme fest und nippte vorsichtig an seinem Kaffee, während er Connor über den Rand des Pappbechers einen zweiten abschätzenden Blick zuwarf.

Connor ließen die Bemühungen McNeals ihn aus der Reserve zu locken kalt. Mit verschleierten, blutunterlaufenden Augen blickte er weiter regungslos in das Nichts irgendwo hinter McNeals Schultern.

"Ich war’s nicht...glauben Sie es mir oder nicht. Im Grunde genommen hat sie sich selbst umgebracht. Ich hab mich nur gewehrt. Ich hätte ihr doch gar nichts zu leide tun können", Atempause "Ich habe Sie doch geliebt!"
"Einen Scheißdreck haben Sie!" bellte McNeal wütend wobei Kaffee von seinen Lippen sprühte. "Die Geschichte kauft ihnen nicht mal ihr Psychiater ab!"
Connor stieß seine Zigarette in den Aschenbecher und grunzte McNeal deprimiert an.

Als Funken auf seine Hand sprühten, reagierte er nicht. Nachdem die Glut ihm ein paar Härchen am Handknöchel versengt hatte griff er in die rot-weiße Schachtel Pall Mall, die neben dem Aschenbecher lag, und nahm sich eine neue Zigarette heraus.

"Erlauben Sie mir eine Frage, Connor?" fragte McNeal und stellte sie ohne auf eine Erlaubnis zu warten.

"Sie haben sie mit einem beschissenen Brotmesser ermordet. Sagen Sie mir...wie ist ein Mensch zu so etwas fähig?"

"Sie haben keine Ahnung. Ich sage nichts mehr ohne meinen Anwalt."

"Wie Sie wollen, Connor. Aber Sie machen es sich nicht leichter", antwortete McNeal in etwas milderem Tonfall und nahm sich auch eine Zigarette aus der Schachtel Pall Mall. Dann griff er nach einem Stapel schwarz-weiß Fotografien, die auf dem Tisch lagen und musterte sie konzentriert. Er zog noch einmal an der Zigarette, postierte sie dann am Rand des Aschenbechers, und nahm seinen Kaffee wieder in die Hand, während er mit der anderen weiter die Fotos durchblätterte.

Der Sheriff war beim vierten Bild angekommen, als er erschrocken zusammenfuhr und den Becher in der Faust zusammenknüllte, heißer schwarzer Kaffee brodelte, wie heiße Lava über seine Hand.

Sein Gesicht zeigte keine Veränderung.

Die vor Schreck zu einem stummen Schrei verzogene Grimasse blieb.

Stumm wandte Connor den Blick erst auf McNeal’s Hand, dann auf den braunen Fleck auf seinem weißen Kragenhemd und schließlich in die weit aufgerissenen Augen des Sheriffs.

Erst als McNeal der Kaffee aus der geballten Hand in den Schritt tröpfelte, reagierte er. Bedächtig legte er die Fotografien zurück an ihren Platz und sah nachdenklich Connor an.

Dann explodierte er.

"Hören Sie mir zu, Connor. Egal was für ein verfluchter Psychokack oder kranke Eingebung Sie zu diesem Scheiß", er tippte mit einem Finger auf das oben liegende Foto.

"...getrieben hat. Ich hoffe Sie schmoren dafür in der Hölle!"

Bevor Connor antworten konnte klopfte es und McNeal fuhr, wie von der Tarantel gestochen, herum.

"Herein!"

Noch bevor das Wort verklangen war, flog die Tür des winzigen Raumes auf und ein athletischer, junger Kerl trat herein. Er war in einen schicken schwarzen Anzug gekleidet und hatte blondes, nach hinten gegeltes Haar.

In der linken Hand trug er ein aufgeklapptes Etui.

"Agent Higgins. FBI."
Die Buchstaben F-B-I schienen ihm dabei genüsslich von der Zunge zurollen.

McNeal sprang auf.

"Was wollen Sie?" Seine Stimme klang giftig zischend und sein Gesicht war noch immer eine wütende Maske.

Er sah wie jemand aus der es nicht gewohnt war unterbrochen zu werden.
Higgins trat mit einem großen Schritt auf McNeal zu und richtete seinen Ausweis wie eine Waffe auf ihn.

"Wir übernehmen ab hier."
McNeal warf einen flüchtigen Blick auf den Ausweis und bleckte dann wieder Higgins mit nach hinten gezogenen Lippen argwöhnisch an. Dieser grinste selbstgefällig und hielt McNeal’s mittlerweile fast glühendem Blick locker stand.

Nach ein paar Sekunden verlor McNeal das Duell.

"Mir egal", murmelte er und trat unsicher einen Schritt auf Higgins zu, so dass er nun direkt vor ihm stand.

"Machen Sie das Schwein ordentlich fertig. Hat’s nicht besser verdient", flüsterte der Sheriff, der mit einem Schlag fast alles seiner Selbstsicherheit eingebüßt zu haben schien.

Higgins, der fast einen Kopf größer war als McNeal, blickte verächtlich auf den Sheriff herab, einen Augenblick verharrte dabei sein Blick an dem frischen Kaffeefleck auf McNeal’s Hemd und richtete sich dann stechend in seine Augen.

Wie ein geprügelter Hund senkte McNeal den Blick.

Ein dünnes, hässlich kaltes Lächeln umspielte Higgins Lippen.

"Wir tun was wir für nötig halten, Officer...?"

"Sheriff. Sheriff McNeal", ergänzte McNeal unnötigerweise, denn der FBI-Agent hatte sich längst an Connor gewandt und seine volle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.

"Wie immer sich das Schicksal des Verdächtigen entwickeln wird...Sie sind nun nicht mehr dafür verantwortlich...", sagte Higgins und drehte sich dann doch noch einmal zu McNeal herum.

"...Sheriff McNeal", eingeschüchtert drehte sich McNeal um, schnippte die fast abgebrannte Pall Mall einen Meter neben den Papierkorb und verließ eiligst den Raum.

"Kleinstadt Sheriff", murmelte Higgins angewidert und ließ sich auf den Stuhl, auf dem gerade noch McNeal gesessen hatte, sinken.

Connor der die ganze Zeit bewegungslos dagesessen hatte, musterte den FBI-Agenten unsicher.

"Wenn Sie mich zum sprechen bringen sollen, muss ich Sie warnen, Agent Higgins. Ich bleib bei meiner Geschichte."
Higgins blickte Connor unverwandt interessiert an.

"Bei welcher Geschichte denn?"

Connor warf seine Zigarette unbeholfen in den Aschenbecher und fingerte fast gleichzeitig eine Neue aus der mittlerweile halbleeren Schachtel.

Während Connor mit seiner Zigarette beschäftigt war, riskierte Higgins einen raschen Blick auf die Hände des Verdächtigen. Sie waren in Handschellen aneinander gekettet. Zufrieden nickte der Agent.

"Wissen Sie, ich hab ziemlich lange und auch ziemlich erfolgreich damit aufgehört," sagte Connor und wippte die Zigarette zwischen seinen Lippen, dann griff er nach einem billigen roten Feuerzeug das auf dem Tisch lag und entzündete sie sich. Nachdem er das Feuerzeug zurückgelegt hatte, nickte er.

"Stimmt. Sie kennen die Geschichte gar nicht. Ich hab sie ja auch nur McNeal erzählt", Connor grinste wirr, aber seine Augen blieben ernst. In Higgins bis jetzt ausdruckslosem Gesicht zuckte es unmerklich.

"Sie haben ihre Frau getötet. Ihr Blut klebte ihnen am ganzen Körper und ihre Fingerabdrücke wurden an der Tatwaffe sichergestellt. Sie sind ein Monster, Connor."

"Nur ein Teil der Wahrheit...das ist nur ein verflucht kleiner Teil der Wahrheit", schrie Connor. Panisch schüttelte er den Kopf, wobei seine fettigen schwarzen Haare durch die Luft schleuderten.

"Ich hab Sie nicht umgebracht. Es hat das getan!"

"Soso, Es?!" fragte Higgins und verzog das Gesicht in schlecht gespielter Verblüffung.

"Schon klar, Sie glauben mir nicht", sagte Connor heiser und krümmte sich kläglich wimmernd auf seinem Stuhl. Er war den Tränen nahe.

"Erzählen Sie es mir", sagte Higgins und lehnte sich mit gefalteten Händen etwas über den Tisch. Sein Gesicht machte dabei eine faszinierende Metamorphose durch. Es sah aus als verwandele sich eine Motte in einen Schmetterling.

"Erzählen Sie mir den Rest der Wahrheit. Wir haben alle Zeit der Welt."
Die boshafte Gleichgültigkeit war nun fast völlig aus Higgins Stimme gewichen.

"Also gut," antwortete Connor und nahm die Zigarette die bis jetzt wie ein uraltes Kugellager stockend zwischen seinen Lippen hin und her gerollt war aus seinem Mund.

Er wirkte jetzt etwas gefasster.

"Alles begann vor zwei oder drei Monaten, hier in der Nähe. Genauer gesagt in Little Chester, dem so ziemlich einzigen wirklichen Reichenviertel von Confidence. Mein Onkel Sonny war gerade an einem Herzinfarkt verstorben und weil ich so ziemlich das einzigste Familienmitglied war, dass ihm in seinen letzten Jahren wenigstens noch etwas zur Seite stand, erbte ich ’ne ganze Menge. Denn Sonny war als er starb kein armer Schlucker. Vielleicht kennen Sie ihn sogar, er war Inhaber von Sonny’s bitter-sweet Cruelities.’Ner ziemlich gut laufenden Süsswarenfirma, die sich in den vergangenen Jahren in ganz Vermont einen Namen gemacht hatte. Heute, glaube ich, beliefert SB-SC sogar New Hampshire und Massachusetts beliefert.

Es war nicht ganz so was wie Lacys, Nestle oder Chupa Chups. Sonny hatte die Idee irgendwann mal in einem Supermarkt, als er sich mal wieder über die langweilige und zu kommerziell gewordene Süsswarenindustrie aufregte. Süsse Abführmittel nannte er die immer.

Und da Sonny jemand war der schon immer gerne tat was ihm in den Sinn kam, war auch eine Firma relativ schnell gegründet. Anfangs noch mit ihm als einzigsten Mitarbeiter.

Die Idee war einfach, er produzierte einfach Süssigkeiten die zwar genial schmeckten, aber furchtbar ekelerregend aussahen. Oder andersherum, je nach Laune.

Fast lebensecht aussehende Kakerlaken aus Lakritz und Innereien aus Erdbeerschaumgummi, Drops die aussahen als wären sie frisch aus dem Nagelbett gerissene Fingernägel und jede Menge chemischem Quatsch.
Naja, es gab halt zwei Sorten an Bittersüssem bei Sonny, die wirklich widerlich aussehenden Weingummis, Drops und Zuckerstangen, und auf der anderen Seite, die Sachen die wirklich Spaß machten.

Bonbons die sobald sie mit Speichel in Verbindung kamen, regelrecht im Mund explodierten. Wie Schmeißfliegen aussehende Weingummis, die sobald man sie aus ihrem härmethisch abgeriegeltem Papier nahm, noch ein paar Sekunden ihre feinen Beinchen und Fühler bewegten...sah verdammt echt aus, glauben Sie mir, schmeckte aber super.

Eben bittersüß irgendwie.

Sonny experimentierte gerne. Klar hat er nicht Chemie studiert und war sicher in der High School nicht Klassenbester. Dennoch faszinierte er sich für praktische Chemie.

Die, die schockte.

Wenn er mal nicht weiter wusste, zog er Chemie Oberschullehrer oder praktizierende Wissenschaftler zu Rate...seine Ideen in die Tat umgesetzt hat er aber fast immer.

Und Mann, er hatte jede Menge Ideen, eine widerlicher und zugleich faszinierender als die andere. Manchmal über ein Dutzend im Monat und bald platzte SB-SC vor Angeboten aus alle Nähten.

Fast hätte man sagen können, Sonny war der Thomas Edinson der modernen Süßwarenindustrie.

Wie ich schon sagte, Sonny war kein armer Schlucker als er starb, und ich erbte besser als andere im Lotto gewinnen: 2,5 Millionen Dollar und ein Herrenhaus etwas außerhalb von Little Chester. Alles in allem war das fast die Hälfte von Onkel Sonnys Vermögen, den Rest des Erbes spendete er kleineren Organisationen die sich der Krebsforschung verschrieben hatten. Eine Millionen Dollar bekam Sonnys Butler und bester Freund Winfrey Barnes.

In den letzten Monaten arbeitete Winfrey weiter für Sara und mich. Nicht des Geldes wegen, denn er hatte ausgesorgt, keine Frage, sondern einfach weil es ihn ausfüllte. Weil es sein Leben war.

Auf jeden Fall zogen Sara und ich eine Woche nach Verlesung des Testaments in Sonnys Villa ein.

Bis zu Sonnys Tod hatten wir in einer schäbigen Wohnung an der Wilson Road mitten in Confidence City gewohnt. Deshalb freuten wir uns wirklich sehr über die Möglichkeit eines solch krassen Tapetenwechsels. Winfrey half uns so gut es ging, er trauerte zwar immer noch sehr um seinen alten Freund, freute sich aber schon riesig auf den Tag an dem wieder etwas Leben in das große Haus kommen würde. Wir hatten Winfrey bereits zu Sonnys Zeit kennen und schätzen gelernt und waren uns daher sicher uns würde eine wunderbare Zeit erwarten. Nun...ich glaube mich auf jeden Fall erinnern zu können, dass es der erste Sonntag im Februar des Jahres ’99 war, an dem wir einzogen.

Ein furchtbarer Tag. Graue Wolken hangen tief am Himmel und in fast regelmäßigen Abständen ergoss dieser wie aus Eimern Regen auf Confidence. Es war bitterkalt und wir freuten uns auf den Schnee, den die Wetterstationen für Vermont vorgesehen hatten. Leider enttäuschte uns das Wetter; Eisregen und Kälte blieben uns nicht nur den Tag, sondern auch fast den kompletten Folgemonat über erhalten. Winfrey dagegen enttäuschte uns nicht. Als wir mit unserem alten Ford und ein paar wenigen Habseligkeiten, den langen Kiesweg zum Haus heraufkamen, strahlte uns dieses bereits einen gemütlichen warmen Schein entgegen.

Als wir wenig später eintraten wurden nicht nur wir fast umgehend von der heimeligen Atmosphäre brennender Kamine und auf vollen Touren laufender Heizungen umschlossen, sondern auch von Winfrey und einem Tablett voll von prächtig dampfendem Tee begrüßt.

"Kommen Sie auf den Punkt, Connor", unterbrach ihn Higgins, dessen Miene sich im Laufe der weiten Ausschweifungen Connors wieder verfinstert hatte.

"Ich bin mir darüber im Klaren dass Sie geerbt haben und ich weiß auch das ihr Onkel in der Süßwarenindustrie tätig war, auch wenn ich ihn nicht als den Thomas Edinson dieser bezeichnen würde. Es stand in den Akten."
Connor verzog beleidigt die Lippen, zwischen denen schon wieder eine neue Zigarette glimmte.

"Ich dachte wir hätten Zeit", sagte er vorwurfsvoll.

"Nun, Zeit schon...", flüsterte Higgins, der nun wieder die stählerne Haltung eines Wellenbrechers eingenommen hatte.

"...aber kein Interesse."

Verblüfft starrte Connor Higgins an. Dieser erwiderte den Blick seelenruhig.

"Eure kleine Vorstadtidylle endete im Massaker. Vom Tellerwäscher zum Psychopathen.

Der amerikanische Traum." Higgins lächelte dünn. "Das interessiert mich. Also los, fassen Sie sich kurz und kommen Sie zum blutigen Punkt."
Connor zuckte betroffen zusammen. "Sie sind von meiner Schuld überzeugt", stellte er ernüchtert fest, Schweißperlen rannen ihm von der Stirn die Wangen hinunter und verklebten seinen Hemdkragen.

Higgins nickte trocken. "Bis Sie oder die Tatsachen mich vom Gegenteil überzeugen. Das sollten sie aus dem Fernsehen kennen." Connor sank verzweifelt in sich zusammen.

Für einen kurzen Moment hatte er das Gewicht, dass auf seinen Schultern lastete abgelegt, doch nun schien wieder alles über ihm zusammenzubrechen.

Verunsichert fuhr er fort:

"Also wo war ich? Beim Einzug? Ich soll mich also so kurz wie möglich halten? Und Ihnen nur die verflucht wichtigen Sachen erzählen? Schön, Agent Higgins...ich versuchs. Also wir waren zwei Wochen vor Ort, also eingezogen. Sara hatte ihren Posten als Kassiererin im Booker’s Market aufgegeben und ich, na ja vielleicht steht’s ja in ihren Akten. Ich war arbeitslos.

Nicht erst seit ich geerbt hatte, sondern schon länger, eigentlich mein ganzes gottverdammtes Leben. Okay. Aber 2,5 Millionen, lassen einen die Dinge anders sehen. Da ist man dann in erster Linie nicht mehr arbeitslos, sondern vermögend. Also ließen wir es uns so richtig gut gehen, lebten wie Gott in Frankreich und verprasselten das Geld wo es nur ging. Wir machten uns nichts vor, eine solch verschwenderische Lebensweise würde nicht lange anhalten können, wollte man mit dem Geld bis zu seinem Lebensabend auskommen wollte, das kapierten selbst wir. Aber ein oder zwei Wochen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, das hatten wir uns verdient.

Also trieben wir uns wenn nicht im Darling’s Place oder in noblen Läden in Little Chester vor allem im Haus herum. Genossen die vielen verschiedenen Möglichkeiten sich im Hobbykeller, zu amüsieren, ließen uns von Winfrey bedienen, bekochen und verhätscheln, und erkundeten etwas das alte Haus, nicht nur ich und Sara auch Winfrey. Wir waren alle gespannt ob es nicht vielleicht noch das ein oder andere Geheimnis für uns bereit halten würde. Schließlich, ein so altes Haus ohne Geheimraum oder versteckter Folterkammer? Wohl kaum. Ach Scheiße, wir waren wie Kinder, die man eine Nacht im Kaufhaus eingesperrt hatte, haben jederzeit damit gerechnet dass der nächste Tag kommt, dass der Traum endet, die Seifenblase platzt. Wir genossen die uns zur Verfügung stehende Zeit und dachten nicht an die Sanduhr, die langsam Minute für Minute oder eher Dollarschein für Dollarschein verrann.

Alles klar, okidoki...Sie wollen nur die Tatsachen, keine Details, die unwichtigen Dinge einfach rauskürzen. Okidoki, Chief alles im Lot. Wir lebten also so gut wie man es sich als Durchschnittsverdiener halt vorstellen kann. Hatten keine Probleme mehr und beteten das alles blieb wie es war. Wissen Sie, wir haben fast jeden Abend miteinander gevögelt. Kein Spaß, kein Viagra, wir waren toll wie die Tiere. Sara, war super. Die beste Ehefrau von allen. Rauchte ein bisschen viel, aber Mann, sie wollte aufhören. Im Nachhinein könnte man sagen, Sie hat’s geschafft, nicht Agent? Das hat Sie geschafft. Yeah und wie!

Also die ganze Scheiße fing an als Winfrey diesen beschissenen Plan fand. Er machte grad im alten Arbeitszimmer vom guten Sonny sauber. Ein bisschen Ordnung muss schon sein. Wir waren vielleicht asozial, aber wir wussten zu schätzen was wir hatten. Punkt. Okay, also Winfrey saugte grad Staub, na ja vielleicht hat er dabei auch ein wenig in Sonnys Sachen herumgestöbert, konnte ich ihm nicht verdenken. Vielleicht wollte er den verloren gegangenen Ideen von Sonny auf die Spur kommen, das wär doch was, oder? Selbst mal ein bisschen Edinson spielen. Sonny hatte glaube ich alles im Kopf und hinterließ außer seinem Testament nichts schriftliches, im Nachhinein klar...aber ein bisschen träumen darf man wohl noch, oder Chief? Das ist noch nicht verboten. Roger, er fand also diesen einen kleinen Zettel, unauffällig. Der wär mir nicht aufgefallen. Ein kleines vergilbtes Zettelchen. Eine Art Schatzkarte, war das Erste was man dachte wenn man darauf sah. Ein rotes Kreuz...ein Wegplan, fehlte nur der notorische Kompass, rechts unten. Winfrey zeigte es uns nicht gleich, lag wahrscheinlich an der Uhrzeit und seinem englischen Temperament. Es muss schon 22 Uhr durch gewesen sein, als er den verfluchten Zettel fand, deshalb glaubte ich ihm auch nich das er da nur Staub wischen wollte, der hat direkt nach Erfindungen oder so gesucht. Ach, ich hab’s ihm nicht übel genommen. Winfrey war eine treue Seele und immerhin arbeitete er umsonst für uns, also was sprach gegen ein kleines Honorar? Im Nachhinein hab ich ihn nicht drauf angesprochen, wär nur unnötig peinlich geworden, für uns beide. Außerdem lenkte uns seine Entdeckung lange genug von dem Thema ab, dass irgendwann vergessen war wer den Raum fand.

An dem Abend waren wir auf jeden Fall schon zu Bett gegangen, sie verstehn schon? Ein bisschen was für die Beziehung tun. Sara rauchte danach immer. Ich hasste das, hab echt lange aufgehört mit dem Scheiß und wollt auch nicht wieder anfangen. Aber Sie? Keine Chance, der Geist war willig, aber das Fleisch...Sie kennen den Rest, es war schönes Fleisch, also ließ ich sie machen. Winfrey hat an dem Abend also direkt ein wenig auf eigene Faust den Jim Hawkins gespielt.
Also sie müssen sich das so vorstellen, Sonny hatte etwas eingezeichnet. Klar, auf ner Schatzkarte zeichnet man was ein, obwohl ich im Nachhinein natürlich sagen muss, Kacke das war keine Schatzkarte, das war eine gottverhurtes Freifahrt in die Hölle. Sicher keine Schatzkarte, vergessen Sie das wieder, aber der erste Blick darauf...na ja, machte neugierig.

Also da war der Grundriss unseres Hauses, Sonnys Hauses. Und unter der Treppe in der Eingangshalle, tja da war halt das legendäre rote Kreuz. Eigentlich ist da nichts gewesen, also keine Tür oder so. Dachten wir zumindest. Winfrey ging also an die Treppe, es war eine große Treppe, sehr lang, bestimmt hundert Stufen und aus Marmor, aber klar nur die wichtigen Details. Also er ging dahin und blieb kurz vor dem Kreuz stehen. Winfrey war ganz schön verwundert, weil da einfach nichts war. Nur der Rand der Treppe. Und da der Gute nicht mehr der Jüngste und schon gar nicht mehr sonderlich spontan war, ließ er die Sache auch erst einmal auf sich beruhen und ging schlafen.

Am nächsten Tag brachte er uns dann zu guter Frühe, also zu guter Frühe für Leute die ausgesorgt hatten, dass muss so gegen neun oder zehn Uhr gewesen sein, das Frühstück, den Confidence Mirror und diesen einen vergilbten Zettel. Herrgott, hätte er ihn nur vergessen, verloren oder aufgefressen, alles wäre mir lieber gewesen als ihn an diesem Tag auf dem silbernem Tablett gleich neben der Tageszeitung zu finden. An jenem Morgen war das natürlich noch nicht so. Sara und mich packte gleich die Abenteuerlust und da draußen bloß ein weiterer eiskalter, verregneter Märztag auf uns wartete, machten wir uns auch gleich an die Arbeit. Auf zwei verschiedene Arten; Zu erst einmal verbrachten wir das komplette Frühstück damit uns zu überlegen was dieses Kreuz anzeigen könnte. Eine geheime Schatzkammer, Sonnys Raum für perverse sexuelle Praktiken. Ach, wir gingen an dem Morgen so weit an dem Kreuz einen Keller voller Leichen zu vermuten. Wir waren gerade zu von der Abenteuerlust beseelt. Eine willkommene Abwechslung im Trist gewordenen Millionärsleben.

Winfrey stand der Sache etwas skeptischer gegenüber.

Zur Teatime, die seit ein Engländer für uns sorgte, zu einem angenehmen Abschnitt in unserem Alltag geworden war, erzählte er uns ein paar Dinge über Sonnys Art zu arbeiten. Dinge von denen nur er und Sonny selbst etwas wussten.

Sozusagen eine Art Blick hinter die Fassade des genialen Erfinders.

Er erzählte uns dass Sonny seinen Beruf zu seinem Leben gemacht hatte, dass er in seinem Keller ein kleines Labor eingerichtet hatte und dort, oft bis tief in die Nacht, herum experimentierte. Manchmal sogar bis in den nächsten Tag, fügte Winfrey nachdenklich hinzu und ein Schatten huschte dabei über sein vertraut sympathisches Gesicht. Manchmal, so erzählte uns Winfrey, murmelte Sonny gedankenverloren über riskante Experimente die er plante, darüber Stoffe die nicht zueinander passten miteinander zu verbinden und andere Versuche die sich fast schon rebellisch gegen die Gesetze der Schulchemie zu stemmen schienen.

Winfrey meinte, dass Sonny ihm oft sogar etwas unheimlich vorkam
Nicht am Tag, nicht wenn Sonny herumalberte oder mit dem Butler über das Leben philosophierte. Dann nicht.
Düstre Gedanken über die seltsamen Marotten seines Herrn kamen erst im Zwielicht des Mondes, wenn Winfrey alleine in seinem Bett lag und grübelte.

Er hatte ein wenig Angst vor ihm, gestand er uns. Nicht genug um an seiner Freundschaft zu zweifeln, aber genug für ein paar schlechte Träume und schlaflose Stunden. Des weiteren erzählte Winfrey uns, dass er manchmal sogar kleine Explosionen aus dem Keller hatte hören oder stechend saure Gerüche daraus hatte riechen können.

Er war sich sicher egal was sich im Hohlraum unter der Treppe verbarg, es sollte verborgen bleiben. Es wäre gefährlich darauf zu vertrauen, dass Sonny harmlos war, versicherte er uns mit verschwörerischer Miene. Dafür hätten wir ihn zu wenig gekannt.

Wir lachten an diesem Tag über Winfrey. Während er uns prächtig schmeckenden, heißen englischen Schwarztee servierte und uns seinen Verdacht offenbarte, bedeckten wir ihn mit Spott und nannten ihn paranoid. Zum ersten Mal seit ich ihn kannte sah ich an diesem Tag so etwas wie Wut in Winfreys sanften Augen aufblitzen, wie einen Brandpfeil der durch dunkle Nacht geschossen wurde.
Für einen Augenblick starrte er uns zornig an, dann erlosch der Funken und wich einem gutmütigem Lächeln. Es war ein Lächeln das man gegenüber unbelehrbaren Kindern auf seine Miene zaubert um sie bei Laune zu halten.

Ich ärgerte mich über diese Geste und war wild entschlossen die Wand unter der Treppe aufzubrechen, wenn es irgendwie möglich war, noch an jenem Tag.

Sara lächelte wissend als ich ihr sagte, ich wolle die Wand mit einer Spitzhacke aufschlagen und sagte mir, dass sie sich die Wand aus Marmor bereits angesehen hatte und glaube, dass wenn man gut genug suche sicher einen Geheimschalter oder ähnliches finden würde. Schließlich hatte Sonny an oder in dem Raum gearbeitet, wenn Winfrey längst zu Bett gegangen war, es wäre also unlogisch zu glauben, dass Sonny die Wand innerhalb einer Nacht aufgeschlagen und wieder zugemauert habe ohne den Geräuschpegel über Zimmerlautstärke und damit den aufmerksamen Winfrey zu wecken.
Der Butler nickte und sagte er glaube, dass dieser Geheimraum schon vom ersten Besitzer des Herrenhauses eingerichtet worden war, von einem gewissen Jeremy Paxton, und zwar um die letzte Jahrhundertwende.

Also stimmte ich zu nach einem geheimen Schalter oder ähnlichem zusuchen. Ehrlich gesagt, tat es mir auch etwas um den guten Marmor leid.
Er existierte schon über hundert Jahre dort und hatte es nicht verdient mit Werkzeug behandelt, oder gar zerstört zu werden.

Mit ein wenig Geld hätte man das sicher alles restaurieren können, aber das hätte diesem Haus einen Teil seines Geistes, seiner Atmosphäre geraubt.

Nunja, ich und Sara machten uns also gleich auf die Suche, während Winfrey etwas später dazustieß.
Draußen wütete noch immer ein grausamer Sturm der heftig an den Ziegeln und Fensterläden rüttelte und noch immer in einer solchen Unbarmherzigkeit über Confidence tobte, dass der Glaube an Sonnenschein soweit entfernt schien wie der an einen uralten heidnischen Gott.
Alles in allem großartige Schatzsucherbedingungen.

Klar, wir waren keine Experten in diesem Gebiet, keine Hobbyarchäologen, aber der bloße Wille etwas zu finden was dieses Haus, Sonny und Mr.Paxton ein Jahrhundert über geheim gehalten hatten, spornte uns dermaßen an, dass wir Indiana Jones ein ebenbürtiger Gegner gewesen wären.

Irgendwie rief der Raum nach uns. Murmelte dass er gefunden werden wollte...

Natürlich war es nur der Regen der mit unglaublicher Wucht gegen die alte Villa brandete, aber alleine in einem alten Haus das nur von gelegentlichen Blitzen erhellt wurde...das ließ viel Raum für Phantasie.

Und so suchten wir.

Ich hektisch und durch den prasselnden Regen nervös. Sara mit der typischen Winston zwischen den Lippen, die Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, in einer bleichen Jeans und einem süßen, weißen Trägerhemd, wie immer ruhig und gelassen. Wie die Frauen nun mal sind, entspannt aber nicht fahrlässig.

Und schließlich Winfrey auch er ruhig, aber deutlich kleinlicher. Schien er jedes Staubkorn, das um die Treppe lag, umdrehen zu wollen. Er kam am langsamsten voran.

Die Erinnerungen an jene Nacht sind im Laufe der Zeit und der Geschehnisse die ihr folgten zu grauen undeutlichen Schemen verblichen. Können Sie sich vorstellen dass das einzige Bild das ich noch deutlich vor Augen habe ist, dass Sara keinen BH trug?

Achja, so etwas interessierte Sie ja nicht.

Hmm...Winfrey fand am Ende den Schalter, nicht durch seine penible Suche sondern durch puren Zufall. Im Nachhinein hatte ich nicht das Gefühl, dass wir das Zimmer fanden, eher dass es sich uns offenbarte.

Eines späten Abends, ich und Sara suchten noch verbissen nach dem Schalter, fand ihn Winfrey dann ohne wirklich danach zusuchen. Er schlenderte versonnen in die geräumige Bibliothek der Villa, um sich ein neues Buch zu holen und das alte, gelesene zurückzubringen.

Er verharrte ein paar Sekunden vor der riesigen Auswahl an Werken und entschied sich schließlich für...na raten Sie mal...Robert Louis Stevensons die Schatzinsel.

In dem Moment als er das Buch aus dem Schrank zog geschah es:
Der Marmor unter unseren Händen sprang einfach in der Form einer niedrigen Tür auseinander.

Es klang als ob feines Glas zerbräche.

Was meinen Sie wie wir uns gewundert haben. Wir hatten keine Ahnung, dass Winfrey durch Zufall den Schalter gefunden hatte und dachten so, dass wir die Tür durch eine Art telepathisches Sesam öffne dich geöffnet hatten. Für ein paar Sekunden, in denen wir verdutzt vor dem sich öffnendem Marmor knieten, glaubten wir tatsächlich daran, und lachten umso lauter als ein, ein wenig verträumt aussehender Winfrey mit der Schatzinsel unterm Arm an uns vorbeischlenderte.

Gott, wir lachten das uns die Bäuche schmerzten.

Selbst der sonst so todernste Winfrey stimmte mit ein, als auch er erkannte, dass der Schalter sich im ältesten Schatzsucherklischee aller Zeiten versteckt hatte.

Wir wurden alle ziemlich schnell wieder ernst. Das Dunkel hinter dem geöffnetem Portal war ganz und gar nicht lustig. Es war unheimlich und beängstigend.

Voller Unbehagen schossen mir Gedanken an Sonny, den am Ende verrückten Erfinder, durch den Kopf und erinnerte mich wieder an Winfreys Worte, dass, was immer dort im Dunkeln lag, nicht gefunden werden sollte.

Jegliche Spannung oder Nervosität fiel in diesem Augenblick von mir ab und alles was blieb war Angst...furchtbare Angst.

Mein Herz schlug langsam und unregelmäßig und mein Atem entfuhr mir in rasselnden Stößen.

Glauben Sie mir, Agent Higgins, ich bin kein feiger Kerl, aber in dieser Situation...Gott, alles erschien mir auf einmal so unwirklich.

Sara bot mir abwesend eine ihrer Zigaretten an und Mann, ich hätte sie fast genommen.

Ohne daran zu denken, dass ich seit fast sechs Jahre keine mehr angerührt hatte. Ohne an irgendetwas zu denken...außer diesem Raum.

Winfrey durchbrach schließlich die Stille, die sich nach unserem gemeinsamem Lachkrampf über uns gesenkt hatte.

"Haben wir es also geschafft? Der Raum liegt offen. Wollen Sie nun herein gehen?"
Verstört antwortete Sara, es klang als ob man sie gerade aus tiefem Schlaf geweckt hätte.

Ehrlich gesagt habe ich sie selten so aufgelöst gesehen wie in diesem Augenblick.

"K-K-K-lar gehen wir rein. Das wollten wir doch schließlich die ganze Zeit, oder Jungs?"
Aber wollten wir das? Ich hatte plötzlich keine üble Lust die sich nach vorne geschobene Tür einfach wieder zuzudrücken und den ganzen Mist wieder zu vergessen.

Schätze oder Geheimräume suchen, das war etwas für Kinder. Das war genauso etwas für Kinder wie im dunklen Keller zu pfeifen wenn ihnen unheimlich ist.
Ich hatte Lust zu pfeifen...meine Lippen waren bloß zu trocken.

Sara gab schließlich den Ausschlag.

Sie trat mutig einen Schritt auf das Marmorportal zu, drehte sich mit einem fragenden Gesicht zu uns herum und schien sich dann ein Herz zu fassen.

"Kommt schon Jungs, da drinnen wird schon nicht der Schwarze Mann lauern." Sicher, Sara? Aber dann überwand auch ich mich. Sara mutiger als ich? Wohl kaum. Also trat ich neben sie und fasste nach ihrer Hand.
Sie war kalt, doch ihr Händedruck fest und entschlossen.

Ich sah zu Winfrey zurück.

Er wirkte um zwanzig Jahre gealtert. Unsicher kam trat er einen Schritt hinter uns.

Auf seinem faltigen Gesicht lag ein düsterer Schatten und sein graues Haar klebte ihm in schweißnassen Strähnen an den Schläfen.

"Geht es Winfrey?" fragte ich ihn mit der schwachen Hoffnung, dass er es nicht schaffen würde. Dann würde ich auch nicht gehen.

Doch er nickte.

"Dann packen Sie mal mit an, Winfrey. Ich an der einen Seite und Sie ziehen von der anderen. Sara tritt einen Schritt zurück. Sei so gut."
Sie trat nicht beiseite. Sie half uns. Einer für alle, alle für einen.

Mit einem dumpfen Knirschen ließ sich die Tür von uns Dreien aufziehen. Es ging leichter als ich gedacht hatte, als wäre es kein stabiler Marmor sondern bloß eine Wand aus Kartonpappe.

Und dann war er einfach da. Der Raum...finster lag er vor uns und muffige abgestandene Luft stieg mir in die Nase.

Das Licht aus der Eingangshalle verebbte knapp hinter der Türschwelle. Es war stockdunkel in dem kleinen Zimmer unter der Treppe.

"Winfrey", meine Stimme hatte den befehlenden Ton eines Arbeitgebers angenommen. "Holen Sie Kerzen oder eine Taschenlampe." Er nickte erleichtert, drehte sich um und verschwand beinahe fluchtartig in den Weiten der Villa.

"Ich hab kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache", wandte ich mich an Sara.

Wir standen dort Hand in Hand vor dem Eingang, wie Kinder vor einer dunklen Höhle, und zitterten um die Wette.

Sie sah zu mir hinauf und ihre Augen waren groß vor Erwartung.

"Mag, wir müssen darein. Ich möchte jeden Winkel des Hauses kennen in dem ich wohne. Du kennst mich, ich könnte nicht mit dieser Ungewissheit leben."
Ja, ich kannte sie, seit wir Teenager waren. Ich hatte es befürchtet.

"Ich habe auch Angst, Magnus. Aber Mann, dein Onkel war ein Süssigkeitenerfinder, oder wie sich das nennt," sie lächelte warmherzig. "Nicht Fu Man Chu."

Ich nickte und in diesem Augenblick kam Winfrey wieder und trat an unsere Seite, in seiner Hand trug er zwei Mag Lites von denen er mir eine reichte und die andere einschaltete.

Mein Herz schlug noch immer so unregelmäßig wie nach einem Sprint, beruhigte sich aber langsam wieder.

"Also packen wir’s an, Jungs." Sara hatte meine Hand losgelassen und sich eine Zigarette angesteckt. Die Spitze des Glimmstängels glühte gespenstisch in der Dunkelheit auf und verzerrte Saras wunderhübsches Gesicht zu einer unheimlichen Maske aus Haut und Schminke.

Wissen Sie was das Schlimmste ist? Wenn ich an Sara zurückdenke, sehe ich nur noch dieses alptraumhafte Schattengesicht. Wie es mich vorwurfsvoll anstarrt.

Winfreys Lampe warf einen hellen Lichtkegel in den Raum der jenseits der Realität zu liegen schien. Dann trat er durch die Tür. Sara folgte ihm auf den Fuß und auch ich verließ noch immer zögernd und unsicher das Treppenhaus und tauchte ein in die Welt der bittersüssen Grausamkeiten.

Als das Licht meiner Lampe Saras Rücken streifte war der letzte Abschnitt ihres Lebens bereits eingeschlagen. Es gab keinen Ausweg mehr. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

Aber lieber Gott, das wussten wir doch damals noch nicht."


Higgins sah Connor nachdenklich an. In seinen ausdruckslosen Augen war keine Spur von Glauben oder Unglauben zu erkennen. Dann federte er gelenkig von seinem Stuhl empor und schlenderte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen zum einzigen Fenster des Verhörraumes.

Draußen verschwand allmählich die Sonne hinter der Saint Edward High School und tauchte die Maple Road, an der das Police Department lag, in ein dunkles, blutendes Licht.

"Ich hoffe das wird nicht noch phantastischer, Connor", entfuhr es dem Agent schließlich.

Er drehte sich herum und fixierte Connor mit einem zermürbendem Blick.

"Sie glauben mir nicht mal das mit dem Geheimraum. War mir klar, aber bis hier hin kann ich noch alles beweisen", antwortete Connor müde. Zwischen Connors Lippen zitterte ein Zigarettenstummel.

Hatte er nicht erfolgreich aufgehört?

Vielleicht gibt es Dinge die man nicht beenden kann. Man verdrängt oder vergisst sie für eine gewisse Zeit, einen Atemzug im Auge der Unendlichkeit, aber niemals lässt man sie für immer hinter sich. Ein kleiner Knick im grauen Alltag, ein schmaler Riss an der Oberfläche und man steckt wieder mitten im alten Trott.

In der zerknautschten Schachtel stecken nur noch vier Zigaretten. Connor hatte schon eine Menge geraucht. Eine wirklich beträchtliche Menge.
Er fischte die vorletzte Zigarette aus dem Päckchen, rollte sie zwischen seinen Handflächen und verzog angeekelt den Mund, als er sie sich zwischen die blassen Lippen schob.

Dann erzählte er seine Geschichte zu Ende. Kam zum blutigen Punkt.

"Wir waren drin. Wir hatten einfach die Türschwelle übertreten und nichts war passiert.

Die Welt war nicht aus den Angeln geraten und wir waren nicht von grotesken Bestien von anderen Planeten attackiert worden. Wir konnten sogar atmen. Ich hatte den Atem angehalten als ich den Raum betreten hatte, man konnte ja nie wissen. Aber die Luft war okay. Sie schmeckte abgestanden und kratzte etwas in der Kehle war aber, alles in allem, wirklich in Ordnung.

Staubkörner tanzten im Licht unserer Lampen und aufgescheuchte Spinnenweben flogen wie von Geisterhand bewegt zu Boden.
Was wir als erstes in dem, etwa fünf Schritt langem und drei Schritt breitem, Raum sahen beruhigte uns etwas.

Es waren Regale...an beiden Seiten des schmalen Raumes waren sie aufgestellt worden.

Mannshohe Stahlregale, auf denen bunte Kartons und Tüten fein säuberlich aneinandergereiht worden waren.

Ich prustete gackernd auf als ich auf einem der Kartons den Schriftzug bitter-sweet Caramelos las und auch Sara kicherte hinter vorgehaltener Hand.

Tatsächlich, Sonnys Hamsterbau.

Ich kam mir plötzlich sehr dumm vor und schämte mich etwas wegen meinem kindischen Verhalten.

Angst vor dem Geheimraum eines undenklich liebenswürdigem Onkel? Lächerlich!

"Was hast du erwartet? Er war in der Süsswaren- und nicht in der Bestattungsindustrie, Sara. Sei nicht albern." Ich bemühte mich um einen gleichgültigen Tonfall und zauberte einen gelangweilten Ausdruck auf mein Gesicht, aber hinter meiner Stirn arbeitete es und ich glaube Sara sah das.

"Mach dich nicht über mich lustig, Magnus", fauchte sie und trat an das erst beste Regal heran. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schielte aufgeregt auf die bunte verpackten Süssigkeiten die darauf lagen.

"Was meinst ihr warum die hier liegen?"
Ich zuckte unwissend die Schultern.

Winfrey murmelte etwas und synchron drehten sich Sara und ich zu ihm herum.

Winfrey war wie versteinert am Türrahmen stehen geblieben und klammerte sich mit zitternden Händen daran fest.

"Was, Winfrey?" - "Was hast du gesagt?" fragte Sara.

Wir hatten ihn verstanden, unsere Ohren hatten seine Artikulation deutlich verstanden,

Es war totenstill in dem Raum und wenn man wollte konnte man den Staub auf den Boden rieseln hören, lediglich unsere Hirne spielten da nicht mehr mit, wollten Winfrey nicht verstehen.

"Weil Sie gefährlich sind", wiederholte er tonlos.

Sara kicherte wieder, diesmal wirkte es nicht erleichtert.
Sie kicherte ungehalten und schrill. Ich warf ihr einen wütenden Blick zu und wandte mich mit heiserer Stimme an Win.

"Red keinen Mist, Winfrey. Genug Ammenmärchen für Heute."

Die Dunkelheit im Raum hatte meine Seele wieder gefangen genommen. Die Angst war wieder da.

Sara schien das nicht zu stören. Sie griff mit gespreizten Fingern und wieder auf den Zehenspitzen stehend nach einem der etwas kleineren Kartons auf dem Regal, an dem sie stand, und zog ihn mit sichtbarer Mühe davon herunter. Nachdem sie den Karton mit Aufbringung ihrer ganzen Kraft aufgerissen hatte musterte sie ihn misstrauisch.

Im Karton lagen viele kleine Packungen, die aussahen wie Kaugummischachteln, aufeinandergestapelt.

"BeeJee Gums...hört sich irgendwie seltsam an, aber doch nicht gefährlich."
Sie ließ sich auf die Knie sinken und nahm eine der Schachteln heraus.

Sie riss sie auf, schüttelte sie und ließ zwei, etwa fingernagelgroße, Kügelchen auf ihre Handfläche rollen. Sie waren feuerrot.

Keine Streifen dachte ich, bis jetzt kannte ich nur streifenförmige Kaugummis. Nette Idee.

"Ich wäre vorsichtig damit, Mam", flüsterte Winfrey und machte, die Arme zu einer beschwörenden Geste erhoben, einen vorsichtigen Schritt in den Raum.

"Verarsch Sie nicht, Win", zischte ich. Mittlerweile mach mich der Kerl mit seiner ewigen Panikmache wirklich sauer. Er blickte mich kurz an und fixierte dann wieder Sara, die drauf und dran war sich einer der hellroten, kleinen Kugeln in den Mund zu schieben.

"Liegt ein Zettel bei, Liebling?"
"Hmhm..."
"Wie wärs dann wenn du ihn erst mal liest bevor du dir dieses Zeug da in den Mund stopfst?"

Ich war nun wirklich kurz davor die Geduld zu verlieren. Der prasselnde Regen machte mich nervös und die Dunkelheit und abgestandene Luft in dem kleinen Raum ließen meinen Schädel brummen.

Ohne zu reagieren glotzte Sara beinahe hypnotisch die beiden Kugeln auf ihrer Hand an.

"Herrgott, Mädel!" Mit einer herrischen Geste war ich bei ihr und griff in den Karton.

Ein hellblaues Zettelchen lag auf den Kaugummischachteln.

Moment mal. Das hab ich sogar noch."

Connor stand auf und streckte kläglich die aneinander geketteten Hände vor. Als Higgins keine Anstalten machte ihm zu helfen, verdrehte er seine Arme, was schmerzhaft aussah, und gelangte so mit viel Mühe an die linke Tasche seiner beigefarbenen Khakihose.

Er fummelte kurz mit verkniffenem Gesichtsausdruck und verdrehten Gliedern darin herum, schien dann gefunden zu haben was er suchte und brachte, wieder etwas zufriedener dreinblickend, ein zusammengefaltetes Blättchen Papier zum Vorschein.

Er reichte es Higgins der es argwöhnisch entgegennahm und auffaltete.

Der Zettel war in deutlich zu lesender, ordentlicher Handschrift geschrieben:

Beejee Gum’s

If you want it, you can reach it.

Endlich bequem Nichtraucher werden?

Kennen Sie das, da gibt es so viele Nikotinkaugummis, Pflaster und so vieles mehr was ihnen angeblich helfen soll ihre Sucht zu bekämpfen und das einzige was diese Produkte bekämpfen ist, den Wunsch mit dem Rauchen aufzuhören?

Die ultimative Revolution im Kampf gegen das Nikotin.

Der Weg zum Nichtraucher ist nicht länger steinig - im Gegenteil, er wird zu einem wahren Vergnügen.

Beejee Gum’s schmecken köstlich nach frischer Minze, nehmen einem die Lust auf Zigaretten und das Besten: Sie enthalten kein Nikotin!

 

Higgins Gesicht blieb unbewegt. Er blickte von dem Zettel zu Connor und wieder auf den Zettel.

"Nett", sagte er dann, legte den Zettel vor sich auf den Tisch und musterte Connor.

"Fahren Sie fort, Mr. Connor."

"Ich starrte verdattert auf den Zettel. Es sah wie eine Idee zu einer Werbebroschüre oder vielleicht einem Werbespot aus, überlegte ich. Aber was hatte Sonny da erfunden? Es erschien mir wie...wie eine Revolution.
"Und was steht drauf?" fragte Sara.
"Da steht drauf das du da grad das Mittel gegen Lungenkrebs in deiner Hand rollst", sagte ich. Es klang zu heroisch, so fühlte ich mich nicht. Winfrey trat neben mich, seine Mag Lite blendete die kniende Sara, die sich keuchend die freie Hand vor die Augen hielt.

"Sie baten mich darum mit den Ammenmärchen aufzuhören, Mr. und Mrs.Connor", flüsterte er. "Nun habe ich eine Bitte. Geben Sie mir Gelegenheit ihnen eine letzte Geschichte zu erzählen, kein Märchen." Dann wirbelte er herum und verließ den Raum ruckartig.
Ich knipste meine Taschenlampe aus und folgte ihm langsam, während Sara, die die beiden BeeJee’s noch immer wie zwei Ying und Yang Bälle in der Hand balancierte, die Faust ballte und förmlich an mir vorbei aus dem Zimmer hechtete.
Draußen hatte sich Winfrey bereits auf die Stufen der Treppe gesetzt und sich eine Zigarette angesteckt.

Ein wenig verduzt registrierte ich den glühenden Stängel in seiner Hand, dazu muss ich sagen das ich bis dahin nicht geahnt hatte das Winfrey auch rauchte.

Ich war etwas enttäuscht von ihm.

Auf jeden Fall saß er da und paffte. Als Sara ihn sah setzte sie sich neben ihn, verschnaufte, und bat ihn um eine Zigarette.

Er hielt ihr fahrig seine Schachtel hin und fing an zu erzählen.

"Was wir dort gefunden haben könnt ihr getrost als Sonnys Giftkämmerchen, oder den Raum seiner fehlgeschlagenen Experimente bezeichnen. Unter seinen Angestellten kursierten Gerüchte über einen solches Zimmer oder Lager.

Ich selbst habe das als Unsinn und Legendenbildung abgetan, aber jetzt wo wir ihn tatsächlich gefunden haben, erkenne ich meinen Fehler.
Ich war naiv zu glauben das jeder Versuch Sonnys glatt lief", er deutete mit dem Zeigefinger auf die zur Seite geschobene Wand.

"Wahrscheinlich war es zu impulsiv von mir zu behaupten, dass die Süssigkeiten dort drinnen gefährlich seien. Ich meinte eher dass Sie nicht sicher sind." Er suchte einen Augenblick nach den richtigen Worten.

"Wie ein geladener, entsicherter Revolver."

Er warf einen kurzen Blick auf Saras geschlossene Hand, in der sich noch immer die beiden Kaugummis schlummerten.

"Sonny muss die Dinge nach dort unten gebracht haben die er...die er für nicht, oder noch nicht marktfähig hielt. Egal aus welchen Gründen auch immer."

Sara öffnete unentschlossen ihre Hand.
Sie sah aus wie jemand der sonst keinen Alkohol trank und nun einen Magenbitter serviert bekam.

"Am Besten, wir räumen den Mist einfach raus und richten da unten eine schön feine, hundsmoderne Sado-Maso Kammer ein." sagte ich und kicherte kindisch.

Nachdenklich sah Winfrey zu mir auf.

"Wahrscheinlich haben Sie Recht, Mister Connor. Lassen wir Sonnys Andenken in Frieden ruhen."
Doch Sara schüttelte entschieden den Kopf.

"Leute bis jetzt fand ich Sonnys Ideen immer ganz lustig", sie drehte eine der Kugeln zwischen Zeigefinger und Daumen.
"Wenn das Teil hier oder der ganze Rest dort unten Scheiße schmecken ist das okay, dann schmeißen wir sie weg. Aber lasst uns das Zeug wenigstens probiern."
Ich war mir nicht sicher welcher Teufel sie ritt.

"Hey, ich meine vielleicht gibt’s dort unten noch ein oder zwei Ideen die man rausbringen kann. SB-SC gehört uns nicht, aber wer weiß vielleicht bezahlen sie noch eine Stange Geld für Produkte die aus Sonnys Feder stammen."
Vielleicht bildete ich es mir ein, doch ich glaubte es in diesem Moment in Saras Augen aufblitzen zu sehen.

Herrgott, ich stieß ein stilles Gebet gen Himmel, dass sie den Gedanken einfach wieder verwarf, oder vergas.

Hauptsache sie entschied sie nicht mit der geladenen Waffe herumzuspielen.

"Also los, ich geb mir jetzt die Kugel", wisperte sie und schob sich eine der kleinen Kugeln zwischen die zusammengepressten Lippen.

Winfrey musterte sie besorgt von der Seite an.

Keine Ahnung was ich erwartete, vielleicht dass ihr der Kopf explodieren oder pure Salzsäure die Speiseröhre versengen würde.

Ihre Kiefer arbeiteten gleichmäßig unter den blassen Wangen und sie hatte voller Erwartung die Augenlider zusammen gekniffen.

Nach ein paar Mal kauen öffnete sie zaghaft die Augen und sah sich um, als entdecke sie die Welt völlig neu.

"Und?" fragte ich.

"Nichts Und", antwortete sie und ich glaube es klang ein wenig enttäuscht.

"Schmeckt ein bisschen nach Minze. Eigentlich nicht schlecht", freundschaftlich schlug sie unserem ziemlich verkrampft aussehendem Butler auf die Schulter.

"Entspann dich, Win." Sie klang beinahe zärtlich.

Der alte Butler erhob sich wortlos, haderte einen Augenblick mit seinem Gleichgewicht und nahm sich dann noch eine Zigarette aus seiner Schachtel Dunhill, dann bot er Sara eine an.

Wir hatten eine Menge erlebt, nun hatten sich die Beiden die traditionelle Zigarette danach wirklich verdient.
Doch Sara schüttelte den Kopf und sagte schmatzend: "Ach, lass stecken, Winny."

"Keine Zigarette?" fragte ich ungläubig.

"Na ja, vielleicht sollte ich wirklich ein wenig kürzer treten."
Ich sah sie verwundert an.

"Wirkt das Kaugummi schon?" fragte Winfrey und schob die Packung Dunhill zurück in die Brusttasche seiner Weste. Seine Lider zuckten verschmitzt.

Einen Augenblick später prusteten wir alle vor Lachen los.

Am nächsten Morgen war unser großartiger Fund schon wieder fast vergessen. Winfrey arbeitete, wie immer. Ich glaube das war seine Art den Verlust eines guten Freundes, zu verarbeiten. Während Sara und ich ein wenig das Leben genossen.

In der vergangenen Nacht hatten wir den Raum wieder, wie geplant, verschlossen.

Jedoch nicht bevor wir jedes der Päckchen, Tüten und Kartons aufgerissen und probiert hatten. Zwei oder drei besonders gefährlich aussehende Süssigkeiten warfen wir geöffnet in den Hundezwinger, sollten sich doch Sonnys Dobermänner den Magen verderben...

Wir fanden durch diese kleine Schlemmorgie nicht mehr über den Raum heraus und gingen dann gegen zwei Uhr mit Magenschmerzen und ordentlich angeschlagenen Zähnen zu Bett.

Die Süssigkeiten schmeckten teils bitter, teils zu süss und manchmal einfach nicht definierbar...manche waren so sauer dass es einem die Tränen in die Augen trieb, und wieder andere explodierten einfach in einer kleinen blauen Flamme, wenn man sie aus ihrer Packung nahm. Nichts wirklich besonderes. Nichts marktfähiges.

Die einzige Ausnahme schienen tatsächlich die DeeJee Gums darzustellen und wer weiß vielleicht halfen sie ja tatsächlich. Genügend davon vorrätig waren auf jeden Fall.

Sara beschloss sie ein paar Wochen lang auszuprobieren.

Konnte sicher nicht schaden. Also half ich ihr sämtliche Kartons des Kaugummis unter unserem Bett zu verstauen und verschloss danach endgültig den Raum. Hoffentlich für immer, dachte ich noch, dann fiel das mächtige Marmorportal ins Schloss und verriegelte sich selber.

Ich verschwendete ehrlich gesagt kaum noch einen Gedanken an die Geschehnisse der vergangenen Nacht, weil ich mit Sara und Winfrey die stille Übereinkunft getroffen hatte, alles zu vergessen. Wir hatten uns alle zum Affen gemacht, und es war mir sehr peinlich das ich fast die Nerven verloren hatte.

An jenem Tag rauchte Sara eine halbe Schachtel...das waren zwar fünfzig Prozent weniger als an guten Tagen, hatte im Grunde genommen aber nichts zu bedeuten.

Zwei oder drei Tage nach dem Fund von Sonnys Lagerraum hatte sie ihre Tagesration auf ein halbes Dutzend Zigaretten gedrosselt und knapp eine Woche später rauchte Sara nur noch regelmäßig nach dem Essen und nach dem Sex.

Können Sie sich das vorstellen? Sie hatte sich innerhalb einer Woche von einer lebensmüden, aber uneinsichtigen Lungenkrebskandidatin zu einer Gelegenheitsraucherin gemausert. Ein toller Fortschritt bedachte man das Sara seit fast fünf Jahren Kettenraucherin war.

Es dauerte eine weitere Woche da erzählte sie mir nach dem Abendessen, dass ihr Zigaretten eigentlich nicht mehr wirklich schmeckten und verzichtete zum ersten Mal seit ich sie kannte freiwillig auf die Zigarette nach dem Essen.

Es war unglaublich, ihre Lunge schien sich zumindest bildlich zu der eines Kindes zurückentwickelt zu haben.

Statt einer Winston schob sie sich nun öfters eins der Deejees in den Mund. Aber Gott, sie rauchte nicht mehr...ich war mordsglücklich!

Unser Vorrat an Deejee Gums war riesig gewesen, mehr als zehn Kartons in denen jeweils etwa zweihundertfünfzig der schmalen Zehnerpackungen steckten.

Alles in allem hatten wir also knapp zweitausendfünfhundert dieser runden Kaugummis.
Mehr als genug für eine kleine Testphase.

Nach den ersten zwei Wochen musste Sara etwa hundertfünfzig Kaugummis verbraucht haben, stellte ich später erschrocken fest.
Rechnen Sie es sich aus, dass waren fünfzehn Packungen, nicht genug um Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht bei diesem riesigen Bestand, denn die erste Kiste war nach zwei Wochen noch fast voll. Und so bemerkte ich nicht wie Sara von einer Sucht, die sie vielleicht zehn oder zwanzig Jahre ihres Lebens gekostet hätte, in eine schlitterte die sie viel schneller töten sollte.

Ich war sprichwörtlich blind vor Freude.

Sie sah Nikotin plötzlich nicht mehr als eines der Hauptnahrungsmittel an, sondern als das was es nun einmal war...ein leichtes, im Grunde genommen nicht schmeckendes, Nervengift.

Die ersten körperlichen Veränderungen stellte ich etwa einen Monat nach ihrem ersten Kaugummi fest. Sie war mittlerweile bei anderthalb Packungen Deejees pro Tag angelangt, aber Scheiße, sobald sie Zigaretten sah oder auch nur roch wurde ihr speiübel.

Die World Health Organisation hätte ihre Freude an ihr gehabt.

Der Sturm und das schlechte Wetter hatten sich größtenteils gelegt und wir befanden uns mitten in einem frischen aber durchaus schönem April.

Es war Teatime und Sara und ich saßen in dicken Daunenjacken und aneinandergekuschelt auf der großen überdachten Veranda der Villa, während Winfrey in der Küche stand und für uns echten englischen Cream Tea vorbereitete.

Versonnen saß ich da vor mir, auf unserer großen Hollywood Schaukel, Sara.

Ihre schönen langen Beine vor sich ausgestreckt, hatte sie es sich zwischen meinen Oberschenkeln bequem gemacht.

Verträumt beobachteten wir den großen Garten des Hauses, in dem langsam die ersten Knospen des Jahres aufgingen und die Sonne schüchtern über die Wipfel der hohen Kiefern lugte, die den unser Anwesen zur Straße hin abgrenzten.

Es roch mild nach frisch gemähtem Gras und aus dem Haus stieg der kräftige Geruch von kochendem Tee.

Ich sah zu Sara herab, wie vor mir saß und schwieg und hatte plötzlich den Wunsch sie zu küssen.

Wenn ich damals den Wunsch hatte Sara zu küssen, dann tat ich es. Das kann ich ihnen sagen, Agent Higgins!
Also schmiegte ich meine Lippen an ihre Haare und gab ihr einen feuchten Schmatzer.

Gott, es schmeckte widerlich. Als ob man einen angefeuchteten Finger in ein Glas Salz steckte und ableckte.

Bitter. Ich musste einen Augenblick um meine Beherrschung kämpfen um nicht angeekelt mein Gesicht zu verziehen. Dieser Geschmack, diese klitzekleine Veränderung in vertrauten Kleinigkeiten, traf mich wie ein herzhafter Schwinger in den Magen.
Normalerweise rochen und schmeckten Saras Haare immer leicht nach Lavendel. Sie benutzte irgendein Bioshampoo aus einem kleinen Ökoladen an der Barrow Avenue.

Sie nahm das seit ich denken konnte. Nicht erst seit wir Millionäre waren.

Dieser Geruch, diese laue Briese von Lavendel war immer so etwas wie ihr Markenzeichen gewesen.
Aber nun...dieser Geschmack...dieser Geruch...nach Salzwasser – Es war ebenso verwirrend, wie ekelerregend.

Ich sah verdattert auf ihre schwarzen Haare, die mir auf einmal unglaublich fremd vorkamen,

hinab. Sie schimmerten wie in Öl getauchter Seetang.

Mit einem Schlag verlor die Situation jeglichen Bezug zur Realität. Ich kam mir plötzlich vor wie in einem schlechten Traum. Unwirklich und betäubt.

Meine Beine begannen unkontrolliert zu zittern und ich musste mir auf die Lippen beißen um nicht verwirrt aufzustöhnen.

Mit einem Ruck richtete Sara sich auf und blickte mich interessiert an.

"Ist irgendwas nicht in Ordnung, Schatz?" Ihre Stimme klang weich und typisch herzlich.

Mit ihrem süssen kleinen Po rutschte sie ein Stück weiter in meinen Schoß. Dieses bisschen Bewegung hätte normalerweise für mehr als eine kräftige Erektion meinerseits ausgereicht, aber Gott! Ihr lief flüssiges Öl den Kopf herunter.

Es fiel mir undenklich schwer den Blick von ihren Haaren abzuwenden.

Ihre Augen wurden härter.

"Mag, was ist los? Hab ich Irgendetwas in meinen Haaren?" Mit spitzen Fingern fuhr Sie durch ihr Haar und betrachtete dann ihre Hand. Sie glitzerte. Ich sah genauer hin, kein Zweifel!
Auf ihrer Hand hatte sich ein leicht dunkler, glibberiger Film gebildet. Durch die Haare, schoss es mir durch den Kopf, oder schlimmer...dieser schwarze dünne Wackelpudding war vorher schon da gewesen.

Sie sah mich nun nicht mehr an. Sie glotzte mich an. Kalt und leblos mit den verlaufenden, wabernden Augen eines toten Fisches.

"Entschuldige, Sara", flüsterte ich mit gebrochener Stimme, schob sie ein Stück von mir und sprang von der Hollywoodschaukel auf.

Was in aller Welt, geschah hier? Mir war plötzlich speiübel. Explosionsartig hatte sich die vertraute, geliebte Sara in etwas verwandelt, dass ich nicht deuten konnte.

Es war noch immer Sara, die vor mir auf der Schaukel saß, das hätte jeder der sie kannte, ausgenommen vielleicht mir und ihre Mutter, bezeugen können. Es waren winzige Details die sich mit einem Schlag auf ihrem Körper wie ein Spinnennetz ausgebreitet hatten. Nicht genug um sie auf den ersten Blick zu erkennen. Aber Scheiße, Scheiße riskieren Sie bloß keinen zweiten!

Ihre Hand fuhr zur Seite und umklammerte plötzlich mein Handgelenk. Mit der Unbarmherzigkeit eines Schraubstocks drückte sie zu. Ihre kalten, feuchten Finger gruben sich in mein Fleisch.

Ich riss den Zeige- und Mittelfinger meiner freien Hand hoch und presste sie gegen den Mund. Verflucht, der schwarze Film auf ihren Fingerkuppen und ihrem Handballen berührte mich! Brennende Legionen der Panik eroberten animalisch kreischend meinen Verstand und klarer, bitter schmeckender Speichel sammelte sich literweise unter meiner Zunge. Ich werde mich erbrechen versicherte mir mein Magen zuversichtlich.

Ihre Umklammerung fühlte sich an als ob ich mein Handgelenk in ein nasses Stempelkissen drücken würde.

Sauer stieß es mir auf.

"Schatz, was ist los?" mit der freien linken Hand griff sie in ihre graue Jogginghose und beförderte ein dunkelblaues schmales Päckchen ans Tageslicht.

Einen Augenblick später schob sie sich eines der Deejees in den Mund.

Während ein dünner Speichelrinnsaal troff an ihrem Kinn herab, kaute sie zweimal schmatzend auf dem Kaugummi herum und blickte wieder zu mir auf.

Wären ihre Augen noch menschlich gewesen, wer weiß, vielleicht hätten sie Besorgnis wiedergespiegelt.

Nun aber war da nichts mehr, nicht mal mehr der Anflug einer menschlichen Emotion, bloß noch dieses kalte ausdruckslose Gesicht und ihre mahlenden Kiefer.

Mit einem brutalen Ruck riss ich mich los und stürmte ins Haus. Scheppernd wich mir Winfrey aus, der mir, mit zwei Tabletts beladen, entgegenkam. Er muss mir wohl ziemlich erstaunt nachgesehen haben. Ich blieb nicht stehen. Ich musste ins Bad. Ich musste kotzen!

Die Fliesen waren zu weiß, die Luft die das Lüftungssystem ins Bad blies zu kalt und die Welt, wie ich sie kannte, schien nicht nur einen feinen Riss an der Oberfläche bekommen zu haben, sondern in vollem Masse aufgebrochen zusein, um nun grausam anmutende Alptraumbestien aus ihrem Inneren zu gebären.

Neonbunte Punkte tanzten vor meinen Augen und ich hatte einen widerwärtigen Geschmack auf meiner Zunge. In meiner Nase stand noch immer dieser starke Salzwassergeruch.

Mein Schädel pulsierte und mein Magen grollte verstimmt.

Ich hatte alles ausgekotzt was ich Heute zu mir genommen hatte...und noch viel, viel mehr.

Sicher eine Viertelstunde hatte ich würgend und sabbernd über der Kloschüssel gehangen und mit aller Kraft versucht zu überleben. Nach etwa fünf Minuten hatte Winfrey an der verschlossenen Tür geklopft und gefragt ob alles in Ordnung sei und nach zehn Minuten war Sara gekommen, und hatte in typisch heller Stimme nach meinem Wohlbefinden gefragt.
Mein sich gerade beruhigender Magen hatte sich erneut gurgelnd erbrochen und mir war für einen Moment schwarz vor Augen geworden.

Nun kniete ich dort auf den kalten Fliesen meines Bads, die Beine im Schneidersitz überkreuzt und kam langsam wieder zu mir. Was geht hier vor? kreischte mein Verstand. Was in drei Teufels Namen geht hier vor?

Ich erinnerte mich nicht mehr deutlich. Schattenhafte Bilder schossen mir durch den Kopf...teerfarbene Finger, tote Pupillen die mich von tief unterhalb der Meeresoberfläche anglotzten.

Scheiße, hatte ich nicht noch eben Arm in Arm mit meiner Traumfrau auf der Veranda meines riesigen Anwesens gelegen? Hatte ich nicht bis eben noch in einem einzigen Traum gelebt?

Es klopfte wieder, und ein paar Sekunden nachdem es abgeklungen war erhob ich mich vorsichtig.

"Mister Connor? Was haben Sie denn? Soll ich Doktor Laine verständigen? Soll ich einen Notarzt rufen?" Winfrey klang wie immer, ruhig und überlegt, dennoch glaubte ich einen Hauch von Angst aus seiner ansonsten sicheren Stimme, herauszuhören. Vielleicht bildete ich mir das ein. Vielleicht überschätzte ich Wins Freundschaft. Aber ich brauchte einen Halt.
Ich ging zur Tür, öffnete Sie und zog Winfrey ins Bad, dann verschloss ich sie wieder...zweimal.

"Was ist passiert?" fragte Winfrey und musterte mich mit sorgenvollem Blick.
Verdammt, ich muss furchtbar ausgesehen haben.

"Hast du Sara den Tee gebracht?" fragte ich ohne zu antworten.

Winfrey runzelte die Stirn und bedachte mich mit einem Blick, der abzuschätzen schien ob ich noch alle Tassen beisammen hatte.

"Natürlich, Sir." – "Es war Teatime."

Ich grinste breit, packte Win bei den Schultern und schüttelte ihn grob.

"Hast du was gesehen?" Ich schrie beinahe.
"Sah Sara aus wie immer?" Winfrey löste sich behutsam aus meinem festen Griff und trat erschrocken einen Schritt zurück.

"Soll ich nicht doch einen Arzt holen, Mr.Connor?"
"Ach Win, ich werf gleich ’ne Reisetablette ein und dann wird’s dem Magen wieder einigermaßen gehen. Mein Problem ist nicht das ich gekotzt habe, sondern warum ich gekotzt habe. Oh Mann, Winfrey, raus damit. Sah Sie irgendwie anders aus?"

"Hübsch wie immer", nuschelte Winfrey ein verlegen. In einer anderen Situation hätte ich über den Anblick eines grau gewordenen englischen Butlers, dem die Röte in die Wangen schoss wahrscheinlich gelacht. Jetzt geriet ich in Panik.

Meine Augen weiteten sich und meine Hände begannen sich zu verkrampfen.

Lass dir nix anmerken, Mag. Gott, der hält dich für geisteskrank!
Lass dir bloß nichts anmerken!

Mir schoss es wieder säuerlich die Speiseröhre hinauf und ich rülpste nass.

"Okay", murmelte ich, rieb mir die Schläfen und biss mir auf die aufgedunsene Zunge.

"Alles Okay."

Winfrey blickte mich mit einem Stirnrunzeln an.

Jaja, er wollte jetzt ein entschlossenes Nicken sehen, wollte sehen wie ich mir mit einem Lächeln den Bauch rieb und alles auf ein verdorbenes Essen schob. Er wollte sehen wie ich meine Fassung wiedergewann.

Drauf geschissen! Ich konnte froh sein das mein Magen leer war.

"Schon gut, Win. Ich leg mich besser ein wenig hin", murmelte ich, und meine Stimme schien in meinen Ohren zu klingen als käme sie von weit, weit her.

Anscheinend war Winfrey nicht ganz überzeugt, denn er musterte mich noch immer abschätzend. Dann schüttelte er den Kopf, drehte sich um, und verließ den Raum.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel taumelte ich auf die mittlerweile zugeklappte Toilette zu, setzte mich und ließ verzweifelt meinen Kopf in die Hände stürzen.

Aber klar, das wollen Sie nicht hören. Sie interessiert Sara. Aber sie sollten wenigstens wissen, dass ich mich echt beschissen fühlte und erst nach etwa einer Stunde die Toilette mit dem fest gefassten Entschluss verließ, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte.

Scheiße, hat mich das eine Überwindung gekostet.

Ich bin nicht schlau, aber mein Verstand war immer etwas gewesen auf das ich mich verlassen konnte.

Ich hörte keine Stimmen, träumte nicht mit offenen Augen, ich hatte keine Halluzinationen und verdammt, ich sah keine toten Menschen.

Ich beschloss dass mein Verstand zusammengefallen war, wie ein Kartenhaus. Das sollte mir nicht noch mal passieren. Es war grauenhaft gewesen!

Passierte mir so ein Dreck noch mal würd ich auf die Couch gehen, nahm ich mir fest vor und verließ mit einem etwas besseren Gefühl im Magen das Bad.

Sara suchen, such sie und entschuldige dich, spukte es mir durch den Kopf...und unterschwellig: Gott lass es wirklich nur Einbildung gewesen sein.

Wie Herzschläge pulsierten Gedanken durch mein Hirn.

Winfrey der sagte Sara wäre okay gewesen.

Winfrey der sagte Sara wäre hübsch gewesen.

Haare die wie Öl fließen.

Graue Finger die nach mir greifen...das Kaugummi...

Sara rauchte jetzt nicht mehr. Sara kaute jetzt.

Rauchen zerstört die Lunge. Was zerstört Kauen?

Das war lächerlich. Lächerliche Bilder und Fragen die mir nicht halfen eine Erklärung zu finden...aber das war schon in Ordnung. Es gab mir einen gewissen Halt. Anders ausgedrückt klammerte ich mich daran wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring.

Ich sah Sara erst spät am Abend wieder, und raten Sie mal, sie sah gottverdammt gut aus.

Trockenes Haar, weiße Haut.

Die Farbe ihres Gesichts erinnerte mich etwas an Wachs, aber sie sah normal aus. Das war das Wichtigste.

Ich traf sie in unserem Schlafzimmer. Sie saß mit überschlagenen Beinen vor unserem Bett und hatte sich vor den angebrochenen Karton Deejees gesetzt.

Der Inhalt lag ausgeschüttet in ihrem Schoß und darum herum.

Stolz wie ein Kind mit neuen Spielzeugen wühlte sie in den Packungen.

Ich betrat leise das Zimmer und stellte mich hinter sie.

Zum ersten Mal dachte ich bei ihrem Anblick an einen Junkie.

"Weißt du, Sie haben mir echt geholfen. Und Sie schmecken mir gut. Ich glaube Sie würden dir auch schmecken." Sie drehte sich zu mir herum und ich zuckte erschrocken zusammen.
Die Haare in meinem Nacken richteten sich auf und mir wurde kalt.

Wie hatte Sie mich bemerkt?

Als sie weitersprach hörte sie sich an wie in Trance.

"Ich könnte mir nicht vorstellen was wäre wenn mir der Vorrat an meinen Deejees ausginge.

"Aber..." sie kramte mit den Händen in den Kaugummipäckchen. "Noch habe ich wohl genug."
Ein Schauer ließ meinen Körper erzittern.
"Was war denn überhaupt gerade?" fragte sie und drehte sich halb zu mir herum.

"Irgendwas Schlechtes im Essen, oder so. Hat mir ziemlich auf den Magen geschlagen." Jedes Wort lag mir wie Blei auf der Zunge.

Im Gegensatz zu Winfrey gab sie sich mit der Essensausrede zufrieden, früher hätte sie es gemerkt wenn ich sie belogen hätte.

Etwas war nicht in Ordnung. Ganz und gar nicht in Ordnung.

Und es hatte mit den Kaugummis zutun. Das war nun kein Geheimnis mehr, das war selbst mir klar.

Wie Sara dort in ihren Kaugummis saß...wie sie abwesend vor sich hinbrabbelte. Ihre bleiche talgige Hau, diese Illusion (???) auf der Hollywoodschaukel...DAS Kaugummi tat etwas mit Sara.

Ich musste hier raus, raus aus dem Haus, weg von diesem Gespenst das einst meine Frau gewesen war.

Ich drehte mich um und flüchtete ein zweites Mal an diesem Tag vor Sara.

Hinaus! Ich rannte die Marmortreppe hinunter, die Treppe die in sich wie eine verdorbene Missgeburt Sonnys Geheimraum trug, durchquerte die Eingangshalle und rannte in den Garten. Den riesigen Garten.

Es trieb mich einen schmalen Kiesweg entlang, der einen durch den kompletten Garten führen konnte, und schließlich zum Hundezwinger. Etwas war da.

Als ich davor zum stehen kam war es mir klar. Natürlich wir hatten ein paar besonders gefährlich aussehende Süssigkeiten an die Hunde verfüttert.

Stille empfing mich...wie lange war es her, dass wir das Süsse ohne nachzudenken in den Käfig geworden hatten?

Zwei Wochen, drei Wochen? Ich sah durch das Gitter, das die Hundewelt und Realität von einander trennte.

Zwei Hunde lagen da, den Kopf auf den Pfoten liegend blickten sie mich mit ihrem gewohnt treublödem Blick an.

Sie bellten nicht. Ich hatte freudiges Gekläff erwartet, wurde aber enttäuscht.

Sie lagen bloß da und grinsten mich an.

Auf erschreckende Weise erinnerten sie mich an Sara, wie sie hypnotisiert vor unserem Bett gehockt hatte und vielleicht noch immer hockte.

"Was ist los, Jungs?" Ich erwartete irgendetwas.

Meine Finger krallten sich krampfhaft an das Gitter, weiß traten die Knöchel aus meinem Fleisch.

Es waren nur zwei Hunde im Zwinger. Die Hälfte fehlte.

"Zwei sind tot."
Ich zuckte herum und starrte Winfrey aus weit aufgerissenen Augen an.

Der Butler hatte sich mucksmäuschenstill an mich heran geschlichen und stand nun kaum einen Schritt hinter mir.

"Scheiße, Winfrey." Ich fasste mir übertrieben ans Herz. "Willst du mich umbringen?"

Er senkte schuldbewusst den Kopf.

"Tut mir leid, Sir."

"Ist okay, Win. Bin vielleicht ein wenig schreckhaft Heute."

Er hob den Blick und schaute in den Zwinger.
"Einer ist noch am selben Abend gestorben. Ich hab ihn zwar nicht zum Tierarzt gebracht aber ich glaube er ist einfach innerlich verkocht. Habe ihn im Garten verscharrt und es vergessen. Verzeihen Sie, dass ich ihn nicht zum Arzt gebracht habe, aber überlegen Sie einmal, was hätte ich ihm sagen sollen?"
"Schon gut, Winfrey. Und der andere? Was ist mit dem passiert?" fragte ich niedergeschlagen.

"Er starb zwei oder drei Tage später. Ich musste ihn erschießen. Heilige Mutter Gottes, so was habe ich noch nicht gesehen. Es war als hätte Jack die Tollwut, als hätte er Tollhass.

Er war immer der Chef im Käfig, schon als Baby war er eine echte Führungspersönlichkeit. Er war ein paar Monate älter als die anderen, das und ein wenig Arroganz genügten wohl um aus ihm den König der Dobermänner zu machen.

Er bekam die Hundekuchen, er fraß zuerst, wenn er ruhte hatten die anderen auch zu ruhen.

Logischerweise war er auch der Erste der die Süssigkeiten in sich hineinschlang. Er ließ nicht viel übrig. Bino bekam noch etwas, aber für die Weibchen...keine Chance.

Bino starb als erstes.

Und Gott, was mit Jack geschah – Ich hätte ihm auch einen schnellen Tod gegönnt.

Ich sperrte ihn schon nach einem Tag in den kleinen Käfig, den der normalerweise für kranke Hunde vorgesehen war, und ich glaube das war Jack. Krank.

Nach dem ersten Tag hatte Jack blutunterlaufende Augen und einen wirren und aufgelösten Blick.

Nach dem zweiten Tag brach sich Jack vier Zähne bei dem Versuch heraus das Gitter aufzureißen. Nach dem dritten Tag verweigerte er jegliche Nahrungsaufnahme, und nach vier Tagen war er bloß noch ein Schatten seiner selbst.

Er war so wütend, Sir Connor, so voller Hass, dass ich Angst hatte es würde ihm tatsächlich gelingen aus dem Zwinger zu entkommen. Am Donnerstag, vier Tage nachdem wir den Raum gefunden hatten brach sich Jack die beiden Vorderläufe und ich hatte endgültig genug.

Ich fragte Mrs.Connor um Rat."

"Warum nicht mich?" bellte ich, ebenso verzweifelt wie wütend dazwischen. "Warum wusste ich da nichts von?"

Winfrey blickte nervös durch die Gartenanlage, als habe er Angst vor meinem Blick.

"Ich fragte sie also was ich tun sollte und mit Verlaub gesagt, reagierte Mrs.Connor sehr seltsam. Längst hatten sich Jacks wimmernden Klagelaute in mein Unterbewusstsein gegraben wie eine Schaufel in frische Erde, und ich war mir sicher, dass er wenn er nicht Binos Schicksal teilen wollte, Hilfe brauchte.

Sara antwortete mir wie aus der Pistole geschossen. Sie gab mir keinen Rat, sondern fragte zuallererst ob Sie, Mr.Connor, schon davon wüssten. Als ich verneinte nickte sie zufrieden und lobte mich.

Wie einen Hund, dachte ich damals.

Dann befahl sie mir, ich solle mir Sonnys altes Jagdgewehr, ein Drilling 3000, nehmen und Jack töten.

Danach sollte ich seinen geschundenen Kadaver neben Bino vergraben und, sie wiederholte sich, ihnen bloß nichts über den Vorfall mitteilen. Es schien mir grausam, aber ich tat wie mir geheißen.

Wenn ich ihnen mit meiner Reaktion in irgendeiner Art vor den Kopf gestoßen habe, Mr.Connor, dann tut mir das sehr leid, aber für mich war die Sache damit erledigt."
Winfrey schien etwas extrem interessantes auf seinen Fußspitzen entdeckt zu haben und taxierte es nun aufmerksam.

Der sonst so zuverlässige Butler machte mich plötzlich wütend.

Hatte er von der Gefahr gewusst in die sich Sara mit dem Kaugummikonsum gebracht hatte?
"Winfrey", und nach einer bewusst eingelegten Pause. "Sieh mich verdammt noch mal an wenn ich mit dir rede!"

Betroffen blickte Winfrey auf.

"Die Süssigkeiten haben die Hunde getötet und du wusstest das Winfrey, stimmts?"
Er überlegte kurz, dachte dabei aber wohl eher an den besten Anwalt Confidences oder besser Neu Englands, und nickte dann zögerlich.

"Schätze schon, Sir."
"Okay, okay", nickte ich und stellte belustigt fest, dass die Situation langsam die Grenze der gesetzlich vorgeschriebenen Zumutbarkeit überstieg. Und zwar mit einem Riesenschritt.

"Sie haben die Hunde begraben und wahrscheinlich eine Stunde später Sara ihre beschissenen Kaugummis haben kaun sehn?" Ich fuhr mir mit den Händen durch die Haare und registrierte beiläufig dass sie schweißnass waren.

Immerhin ölen sie nicht, teilte mir die morbide Ader in meinem Schädel mit und ich kicherte hysterisch.

"Winfrey, sagen Sie was! Sagen Sie mir was hier vorgeht. Hunde sterben, Sie belügen mich zum ersten Mal seit wir uns kennen und Sara haben ihre Kaugummis in etwas verwandelt das ich nicht identifizieren kann. In etwas das ich nicht identifizieren will!"
Auf meiner belegten Zunge sammelte sich mal wieder nach bleischmeckender Speichel. Welch seltsame neue Marotte meines Körpers zu kotzen, wenn er nicht mehr weiter wusste, nicht Agent? Ich gaffte Winfrey verzweifelt an und rülpste.

Er zuckte unschlüssig die Schultern schrumpfte in seiner schwarz-weißfarbenen Uniform auf die erstaunliche Größe eines Gartenzwergs.

"Ich glaub..." sagte ich und brach ab als ich merkte wie eine heiße Gischt in meinen Magen schwappte. Ich rülpste noch einmal jämmerlich und starrte aus weit aufgerissenen Augen auf den Winfreyzwerg herab.

"Winfrey, ich bin in zehn Minuten wieder da und Gott schütze dich wenn ich dann keine Antworten bekomme! Klare Antworten! Kein Gestammel, keine Ausreden oder Ausflüchte und keine Lügen." Und mit diesen Worten wirbelte ich herum und rannte zur Toilette hinauf.

Es war das letzte Mal, dass ich Winfrey sah.

Der Magen war leer. Ich hatte den ganzen Tag an bohrender Appetitlosigkeit gelitten, wer konnte mir das verdenken, und jetzt hing ich dort in einer fast schon lächerlichen Perfektion über der Kloschüssel und würgte die letzten Tropfen Magensäure aus meinem Gedärmen, während Gedanken schwer wie Bowlingkugeln durch meinen Kopf rollten und meinen Verstand wie Kegeln umstießen. Alle Neune, Agent Higgins. Glauben Sie mir ein, erstklassiger Wurf.

Ich war am Ende, physisch wie psychisch. Es war ein Gefühl solch immenser Hilflosigkeit, dass die vielen unbeantworteten Fragen die mir durch den Kopf rasten wie Nadelstiche schmerzten.

Wie hatte die neue Sara – der einzig vertretbare Name, der mir bei der Erinnerung an sie einfiel und der noch einigermaßen in den Grenzen der Realität anzusiedeln war – Winfrey derart beeinflussen können, dass er MIR nichts von den Hunden erzählt hatte?
Hatte sie dem altem, pausbäckigen Butler einen geblasen? Ihm gedroht? Nichts schien mehr abwegig wenn man Zuschauer eines solch grotesken Schauspiels wurde wie ich.

Aber was für eine unmenschliche Drohung wäre nötig gewesen um Winfrey, der sämtliche englische Tugenden der Ehrlichkeit in sich zu vereinen schien, zum Lügen zu zwingen?

Ich entschied, dass die sexuelle Alternative die realistischere war. Wog man Unmögliches gegen Unmögliches ab.

Ich würgte noch einmal, was keinen größeren Effekt als ein klares Speicheltröpfchen aus mir heraus beförderte, und ließ mich dann erschöpft und völlig verstört nach hinten sinken.

Irgendwie, überlegte ich, war es für mich nicht mehr wichtig zu erfahren was hier geschehen war, was hier geschah. Ich wollte es beenden. Wollte das sich alles wieder einrenkte. Am Besten von alleine!

Von alleine geschah nichts, soviel wusste ich. Und um der Lösung des Puzzles etwas näher zu kommen musste man sich halt wohl oder übel an die Teilchen machen.

Tatsachen, Sherlock.
Die Hunde waren tot. Die Süssigkeiten hatten sie umgebracht.

Soviel war unumstößlich.

In den Süssigkeiten die wir den Hunden hingeworfen haben, weil wir zu feige waren sie selbst zu kosten war etwas gewesen das sie innerlich hatte verbrennen oder verrückt werden lassen.

Ein Stoff der für Sonny Grund genug gewesen war diese Süssigkeiten zu verstecken.

Warum hat er sie nicht vernichtet?
Gott, warum hatte dieser alte Hund seine Experimente nicht vernichtet?

Mir kam ein Gedanke an Professor Frankenstein, der gegen Ende des Films eine fast väterliche Beziehung zu seiner Kreatur aufgebaut hatte...aber ich verwarf die Idee. Verflucht, Sonny hatte gewusst das die Süssigkeiten Stoffe enthalten hatten die tödlich, oder vielleicht noch schlimmer gewesen waren. Es gab keine Entschuldigung, keine Erklärung für sein Handeln. Ich erhob mich mühsam, wobei meine Beine sich unerträglich fremd anfühlten und klammerte mich kläglich am Rand des Waschbeckens fest. Ich blickte auf und zuckte panisch zusammen. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken starrte mich aus bleichen, leblosen Augen ein Zombie an. Ich rieb mir die Augen und sah erneut hin...natürlich war ich das, doch die Illusion verschwand auch nach dem zweiten Blick nicht ganz. Ich sah aus wie tot. Meine Haare hingen mir in schwarzen nassen Strähnen über den blassen Augen und meine Haut spannte sich kalkweiß über den eingefallenen Wangenknochen. Da wusste ich plötzlich warum Onkel Sonny nicht alles vernichtet hatte, warum er uns ein Haus, das auf einem Vulkan zu stehen schien, ohne Warnung vererbt hatte. Der Tod hatte ihn einfach überrascht. Hatte ihn plötzlich und ohne Guten Tag zu sagen heimgesucht, und damit ein Ballett des Schreckens entfesselt.

Der Raum war nicht dazu da gewesen gefunden zu werden, er war ein Versteck und Sonny hatte den Zettel mit dem Lageplan wahrscheinlich immer mit sich geführt, fest entschlossen eines Tages, wenn die Arbeit etwas weniger geworden noch einmal diesen Ort aufzusuchen und alles zu vernichten was er wohl als misslungene Experimente abgestempelt und vergessen hatte.

Verdammte Scheiße, in was für eine Misthaufen waren Sara und ich da gefahren?
Sara hatte am Steuer gesessen, keine Frage, und ich hatte bloß blind und blauäugig den Beifahrer gemimt, aber das entlastete mich nicht meiner Schuld. Ganz und gar nicht.

Die Hunde waren tot, was mit Sara geschah wusste ich nicht. Feststand sie veränderte sich, aber liebe Scheiße, in was? War die Veränderung, die Mutation schon abgeschlossen? Oder befand sie sich nur in einer Zwischenstufe, wie Schmetterlinge die erst noch aus ihren Kokons schlüpfen mussten?

Was aber würde aus Sara werden, wenn die Verwandlung noch nicht abgeschlossen war?
Ich erschauderte bei dem Gedanken daran und merkte wie mir wieder etwas schummerig wurde.

Du musst es vernichten, Mag. Ganz einfach, zerstör das Kaugummi. Beende es. War es so einfach? Unterbewusst war mir schon lange klar, dass dies der einzig wirksame Schritt gegen Saras Verfall seien würde. Ich musste die Süssigkeiten vernichten!

Aber wie?
Ich erkannte plötzlich ein Problem vor das Sonny wahrscheinlich schon vor Jahren, oder sogar Jahrzehnten gestoßen war. Wie sollte man etwa fünfzig Schachteln Giftmüll entsorgen?
Es der städtischen Mülldeponie überlassen wäre keine gute Idee, die Chancen waren zu groß das jemand, ein Penner vielleicht, auf das Zeug stieß und meinte auf eine Goldader offengelegt zu haben.

Ich musste es ein für alle Mal aus dem Weg räumen, soviel war schon mal klar. Und was lag näher als das Zeug einfach zu verbrennen? In einer der nächsten Nächte vielleicht.
Ich würde mir einfach den Wecker auf eine unmenschliche Zeit stellen, so gegen 3 Uhr Nachts wäre perfekt, und dann einfach alles rausschaffen. Ich hatte Angst vor Saras Reaktion, hatte Angst davor wie sie sich vielleicht ohne Kaugummi weiterentwickeln würde, vielleicht würde es sie sogar töten. Dennoch, eins war sicher, ich wollte nicht mit ansehen wie Sara sich in einen Vorzeigezombie aus die Nacht der lebenden Toten verwandelte!

Herrgott, wie leicht und wunderschön war das Leben noch vor zwei Wochen gewesen. Angst wandelte sich in Wut. Ziellose Wut.

Wann hatte Saras Metamorphose begonnen?
Ich rieb mir die pochenden Schläfen und dachte angestrengt nach.

Erst heute?

Niedergeschmettert stellte ich fest, dass ich es nicht wusste.

Heute hatte ich gemerkt in was Sara sich drauf und dran war zu verwandeln. Ja. Aber hatte es auch heute begonnen?
Ich fokussierte meine Gedanken auf die zurückliegende Woche. Es war komisch, aber sie war mir erschienen wie jede andere Woche auch – STOP – da war etwas...jetzt bei genauerem Überlegen erkannte ich es doch. Wir hatten seit fast zwei Wochen nicht mehr miteinander geschlafen. Vielleicht hatte sie sich tatsächlich im Laufe der letzten vierzehn Tage verändert, aber es war unmerklich geschehen. Der krasse Ausschlag in ihrer Veränderung hatte heute Mittag stattgefunden. Als wir kurz davor waren miteinander ins Bett zuhüpfen.

Ich grübelte wie ein Schachweltmeister, konnte aber dennoch zuerst keinen logischen Zusammenhang zwischen den Ereignissen erkennen. Dann kam es mir langsam...es waren ihre Gefühle...ja, natürlich. Vielleicht hatte es etwas mit dem Stoff der in den Kaugummis war zutun, der sich besonders auf die Drüsen auswirkte. Ein extremer Hormonausschuss hätte vielleicht Saras Veränderung beschleunigt. Das war toll, wirklich super. Die tollste Sache war verdorben. Ich war fest entschlossen die Kaugummis zu vernichten, ich wollte Sara zurück und wenn das nicht klappen würde, wollte ich wenigstens mein Leben zurück!
Ich drehte mich um und verließ hastig das Bad. Winfrey war mir noch ein paar Antworten schuldig und die wollte ich mir jetzt einholen. Es galt ein paar weitere Puzzlesteinchen zusammenfügen.

Auf dem Weg die Treppe hinunter fühlte ich mich wieder etwas besser, und als ich schließlich das Haus verließ und in den großen, frisch erblühenden Garten trat, war ich schon wieder fast der Alte. Ausgenommen des Bewusstseins natürlich, dass mein bisheriges Leben wohl oder übel seinen Zenit überschritten hatte und nun wie ein Marathonläufer zum letzten Hundertmetersprint ansetzte.

Winfrey war nicht mehr da. Ich stand vor dem klobigen Hundezwinger und sah mich misstrauisch um. Dieser alte Tattergreis würde sich nicht vor mir drücken können.
Wenn er drinnen war und beschlossen hatte mir erst mal eine Zeitlang aus dem Weg zugehen musste ich ihn leider enttäuschen, ich würde ihn mir noch heute vornehmen und danach würde ich diesem Alptraum ein für alle Mal ein Ende bereiten.

Ein Schuss durchbrach die Stille des Gartens und für einen winzigen Augenblick schien mein Herz stehen zubleiben. Ein paar Vögel stoben aufgescheucht durch den unerwarteten Knall in die Luft und ich roch fast augenblicklich die milde Prise von etwas Unbekanntem.

Ich fuhr ruckartig herum und sah zum Haus hinüber.
Die Dämmerung hatte sich wie lauerndes Tier über dem Haus ausgebreitet und die fast untergegangene Sonne tauchte das bedrohliche Panorama in ein triefendes Zinnoberrot.

Ich fluchte und rannte ohne zu zögern los.

Es gab nur eine Möglichkeit was dieser markerschütternde Knall hatte seien können, aber mein Verstand stemmte sich wie ein Matrose bei einem Sturm gegen diese Tatsache.

Es konnte nicht sein, Punktum.

Keuchend kam ich im Haus an, schleuderte die große Eichentür hinter mir ins Schloss und verharrte einen Moment schwer atmend.

Von wo war die Explosion gekommen?
Ich wusste es. Wusste es auch wenn ich es nicht wissen wollte.

Etwas langsamer als bisher hechelte ich die Treppe, unter der ein Raum des Todes auf seine Zerstörung wartete, hinauf, hielt mich als ich Oben angekommen war links und beendete mein panisches Rennen vor der Tür von Winfreys Zimmer.

Der Geruch war jetzt stärker, viel stärker. Es stank salzig und verbrannt.
Ich hielt mir die Nase zu und trat das schlimmste erwartend in Winfreys Zimmer.

Das erste was ich realisierte war nicht Winfrey, der mit eingefallenem Körper und mit zerschossenem Gesicht auf seinem Bett lag. Dieser Anblick war zu hart, zu krass aus der Wirklichkeit gerissen, als dass ich ihn hätte sofort erkennen können.

Das erste was ich wahrnahm als ich in den kleinen, völlig aufgeräumten Raum trat war das scharfe in der Luft hängende Aroma. Ich erkannte es erst jetzt als das was es war. Schrot.

Dann sah ich Winfrey. Besser gesagt das was die Ladung des Sauer-Drillings von ihm übrig gelassen hatte.

Sein Kopf war eine zusammenlaufende Masse aus Blut, Russ, verkohlter Haut und Knochensplittern und sein linkes Auge war ihm in einer großen Träne aus dem Schädel getropft.

Das Gewehr lag vor seinen nackten Füssen, seine Schuhe ein wenig daneben.

Es war eine rabiate Art Selbstmord zu begehen.

Mit Beinen aus denen jegliches Gefühl gewichen war trat ich einen Schritt in den Raum.

Qualm stieg von Winfreys Leichnam auf und mir wurde schlagartig klar was hier geschehen war.

Ich hatte Winfrey mit meinem Wutanfall derartig unter Druck gesetzt, das er keinen anderen Ausweg mehr gewusst hatte, als seinem Leben auf der Stelle ein Ende zusetzten. Bevor er sich meinem Kreuzverhör stellen musste und mir eventuell die Wahrheit hätte kundtun müssen. Wie unvorstellbar, wie unzumutbar musste diese Wahrheit gewesen sein, wenn Winfrey dieses Schicksal, dem vorzog was geschehen wäre, hätte er mir alles gesagt.

Ich stand nun direkt vor der Leiche und meine Innereien zogen sich schmerzhaft zusammen, als ich graue Hirnmasse an der Wand hinter Winfrey herunterlaufen sah.
Sein Hinterkopf war förmlich explodiert und aus der frischen Wunde, die einst seine Schädeldecke gewesen war, pulsierte noch immer klares, helles Blut. Mit der gleichen Gewissheit wie ich heute Mittag gewusst hatte das ich kotzen würde, wurde mir nun klar das ich in Ohnmacht fiele wenn ich nicht schleunigst den Raum verließe.

Übergebliebene Haare kräuselten sich in der Hitze des brennenden Fleisches an Winfreys Schläfen, als wären sie zum Leben erwacht und aus seinem einen Auge starrte mich unser Butler vorwurfsvoll an.

Ich fuhr herum. Panik überkam mich und wenn ich am heutigen Tage mit vielen Arten der körperlichen und seelischen Panik konfrontiert worden war, so wusste ich erst jetzt was es hieß wirklich in Panik zu geraten.

Ich spürte noch in der Drehung wie sich meine Unterhose nässte und Pisse mir in einem heißen Rinnsaal an den Innenseiten meiner Schenkel herunterlief. Ich spürte wie mein Kopf auf die Größe eines Ballons anschwoll, wieder abklang und erneut anschwoll. Ich spürte wie mein Herzschlag auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigte und realisierte fast schon gelangweilt wie mein ermüdeter Magen wütend grollte.

Ich fuhr herum, fest entschlossen diesen Raum, dieses Haus, diese Zeit ein für allemal zu verlassen, doch als ich den Rest des Zimmers sah war dieser naive Wunsch vergessen.

Es war wie der tote Winkel beim Autofahren, sie stand in der hintersten Ecke des kleinen Zimmers und wäre ich nicht so hektisch herumgewirbelt, wer weiß vielleicht wäre sie entkommen. Wenn sie das überhaupt gewollt hatte.

"SARA?!" Ich spürte wie sich meine Blase wieder entspannte und sah an mir herunter.
Ein dunkler Pissefleck im Schritt war nicht mehr zu übersehen.

Ich rieb mir den Schweiß, der mittlerweile in Strömen floss, aus den Augen und sah wieder in die Ecke des winzigen Zimmers.

Sie war es. Nicht Sara, sondern die neue Sara. Sie stand dort, etwas zusammengekauert, und ich war mir völlig sicher, dass sie nicht nach mir gekommen war.

Sie war vor mir in diesem Raum gewesen.

Vielleicht war sie sogar vor Winfrey in diesem Raum gewesen.

"Was...was ist hier geschehen, Mag? Oh bei Gott, was ist hier geschehen?" fragte Sara und trat einen unsicheren Schritt auf mich zu. Ich wich zurück.

"Ich war im Schlafzimmer, als ich diesen furchtbaren Knall hörte. Winfrey ist tot, er ist tot, oder Mag?" Sie klang nicht berührt. Wenn das stimmte, was ich mir über ihre Mutation zusammengereimt hatte, konnte sie sich das gar nicht erlauben.

Ich wich noch einen Schritt vor Sara zurück und stieß mit dem Rücken unsanft gegen die Tür. Als ich vor Schmerz keuchte, funkelte es diabolisch in ihren Augen.
Ihre Bestürzung war nicht echt. Sie schauspielerte schlecht, vielleicht weil Lügen etwas durch und durch menschliches waren.

Vielleicht weil sie es nicht mehr für nötig hielt mich zu manipulieren.

"Selbstmord", flüsterte ich mit brüchiger Stimme und klang Sara dabei sehr ähnlich.

"Winfrey hat sich ins Gesicht geschossen."

"Ja, aber warum, Mag?"

Ich zuckte verzweifelt mit den Schultern und schob Sara ein Stück von mir weg.

Bei der bloßen Berührung von ihr marschierte ein ganzes Bataillon Schauer über meinen Rücken.

"Ich weiß es nicht. Beim besten Willen nicht."
(Lügendetektoren hätten in diesem Moment einen Mordsspaß an uns gehabt.)

"Aber wann weiß man das schon, bei Selbstmördern?"

Sara nickte zufrieden und ich konnte mich nicht des Eindruckes erwehren, dass sie von dieser möglichen Todesursache begeistert war.

Dann glänzten Tränen in ihren Augen und für einen winzigen Augenblick schimmerte die echte Sara durch ihr furchtbares Äußeres. Schemenhaft wie ein Gespenst sah ich für einen Augenaufschlag wieder das Mädchen das ich geheiratet und das ich geliebt hatte, wie noch nie jemand anderen in meinem Leben. Sie schmiegte sich an meine Brust und umarmte mich beinahe zärtlich. Der brennende Gestank von Seetang verflog und machte für einen kurzen Moment einem leichten Lavendelduft Platz.

"Oh, Mag. Was ist hier los? Was geschieht hier? Was geschieht mit mir?"
Ich seufzte tief und strich meinem Mädchen über die trockenen Haare, die jeden Augenblick wieder zunässen anfangen konnten. Es war der letzte Augenblick der vollkommenden Harmonie den ich mit Sara erlebte.

"Ich weiß es nicht, Baby."

Und dann waren wir einfach still. Ich vernahm trauriges Schluchzen von meiner Brust und spürte wie Sara mein Hemd voll weinte, während ich dort stand, drei Schritte von Winfreys kalt werdendem Leichnam entfernt und darüber nachdachte wann Sara wieder das werden würde, weshalb diese ganze Scheiße hier passiert war. Wann sie sich wieder in Winfreys Mörder verwandeln würde.

Es fing an wie es schon einmal begonnen hatte. Ich roch eine stechende Salzwolke von Sara aufsteigen und spürte beinahe gleichzeitig wie sich mein Hemd nicht mehr nur mit Tränen, sondern auch etwas anderem beinahe heißem voll sog.

Sara sah zu mir hinauf und für einen Augenblick machte es den Anschein, als würden nicht nur ihre Augen, sondern ihr ganzes Gesicht weinen. Es glänzte feucht und schien durchsichtig zu werden, ich erkannte Saras dunkelblauangeschwollene Zunge in ihrem Rachen, sah also durch ihre Backen hindurch und konnte von oben herab, und hinter gelatineartiger Haut, sogar Saras Gehirn sehen.

Verdammte Scheiße, es war der pure Horror. Etwas schien sich auf ihrem Hirn zu bewegen.
Wand sich wie eine Schlange darüber, pulsierte wie ein kleines Herz. Es schlang sich um ihr Hirn, sah aus wie ein dunkler, dünner Darm und schien irgendwie zu leben. Es war als könnte ich durch ihre Schädeldecke greifen und dieses Ding einfach mit Daumen und Zeigefinger packen, es zerquetschen und die Sache damit einfach beenden. Und für einen Moment hatte ich genau das vor. Keine Ahnung ob es geklappt hätte, ob ich wie durch Wackelpudding in ihren Kopf hätte greifen können und diesen dunkelgrünen Wurm hätte erwischen können, ich war wie zu Stein erstarrt. Es ging einfach nichts mehr.

Mein Körper versagte mir einfach den Dienst, verstehn Sie, Agent?
Ich war plötzlich nur noch wie ein Zuschauer, mit verdammt guten Sitzplatzkarten.

Aus tiefen, kleinen Augen starrte mich Sara an.

"Winfrey ist tot. Mein Gott, er war so ein guter Mensch. Aber er starb schnell. Er hatte keine Schmerzen. Oder, Mag?"
Es klang nicht wie Trauer, es klang wie eine Rechtfertigung.
Sie hatte Winfrey erschossen und jetzt würde sie das Gleiche mit mir tun.
Das Gleiche, wenn ich Glück hatte.

Ich konnte nicht antworten. Ihre kleinen, in tiefen Höhlen liegenden Augen fixierten mich hypnotisch. Es war undenkbar zureagieren, undenkbar sich zu bewegen, ich wollte einfach nur sterben. So schnell und schmerzfrei es eben ging. Wie paralysiert stand ich da und wartete darauf das Sara mir befohl wie ein Hund zu bellen, oder mit dem Kopf so lange gegen die Wand zu laufen bis er wie ein rohes Ei zerplatzte.

"Du bist ziemlich am Ende, oder Mag?" fragte Sara ohne dieses pure Böse ganz aus ihrer Stimme verdrängen zu können. Ich nickte lethargisch und lehnte mich Halt suchend an die Wand.

"Ich fahre ihn ins Blue Mountain, Mag. Okay?" fragte Sara und als ich nicht antwortete da drehte sie sich, Scheiße stellen sie sich diesen Anblick vor, da drehte sie sich einfach um, stemmte den toten, tropfenden Leichnam auf ihre schmalen Schultern und sah mich etwas missmutig an.

"Ich hab keine Ahnung wohin mit einer Leiche, Mag und ich glaube du auch nicht. Aber ich denke mal im Memorial werden sie am Besten wissen was nun zutun ist."
Nein Sara, keine Polizei, Sara. Bloß nicht, die würden bloß Fragen stellen und Antworten finden, nicht?

Ich dachte wirklich an die Polizei. Ihren Freund und Helfer, wissen sie? Na ja, insofern ich in diesem Moment denken konnte.

Sara stand da hatte eine Leiche auf ihren Schultern, die fünfzig Zentimeter größer als sie selbst gewesen war und wahrscheinlich gute hundertachtzig Pfund gewogen hatte und starrte mich noch immer aus ihren furchtbaren Augen heraus an.

"Du müsstest mir schon Platz machen, Darling. Sonst wird das hier heute nichts mehr."
Blut troff ihr auf die Brüste und durchnässte ihr Top, während allerlei Scheiß aus Wins Kopf auf den Boden tropfte.

Ich glaube dies war der Augenblick an dem mein Verstand den Schlussstrich zog und sich für eine lange Zeit aus dem Staub machte.

Vielleicht fiel er auch einfach wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammen, obwohl ich jetzt lieber sagen würde, wie ein Mann dem ins Gesicht geschossen wurde.

Ich wich einen Schritt zur Seite und Sara stapfte wie ein kleiner Kobold an mir vorbei aus dem Raum. Sie hatte nun keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der alten Sara, ihre Körperhaltung war gebückt, entweder aufgrund der immensen Last die Winfrey wohl oder übel war, oder einfach weil es bequemer war sich wie ein Schimpanse fortzubewegen. Ihr kompletter Körper schien zu schwitzen und ihre Klamotten waren durchnässt wie nach einer Wäsche. Ihre Haare ähnelten dünnen Tentakeln die ihr wirr vom Kopf standen und ich dankte Gott, das mir ein weiterer Blick in ihre Fratze erspart blieb. Die Haut schien sich nur unfreiwillig über ihrem Gesicht zu halten und war klar und durchsichtig geworden. Den Rest überlasse ich ihrer Phantasie, Higgins. Nur soviel, außer dem Wurm der sich noch immer um ihr Hirn schlängelte sah man auch den kompletten Rests ihres Schädelsinnerns. Wie es pulsierte, lebte. Wie es glitschig übereinander kroch. Glauben Sie mir, darin war nichts mehr in Ordnung. Darin war nichts mehr heile.

Auf dem Flur blieb sie noch einmal stehen und rief mir "Bin in zehn Minuten wieder da", zu dann ging sie.

Hinter sich, wie eine Schnecke, eine Spur ziehend. Feucht schmatzend.

Zehn Minuten bis zum Blue Mount Memorial und zurück? Das kam nicht mal hin, wenn sie die Leiche bloß aus der Beifahrertür stieß und Gas gab.

War mir egal, alles war mir egal. Wahrscheinlich würde sie Win neben den Hunden verscharren, mit Klauen, ähnlich Freddy Krügers Messerhand, und dann zurück kommen und einfach Schluss machen. Mich von Oben bis unten aufschlitzen und dann...verspeisen, vielleicht? Wäre möglich. Nein, lustiger, das wäre durchaus denkbar!

Ein Gedanke, oder besser ein Bild schlängelte sich durch meinen Schädel, wie der Kaugummiwurm durch Saras. Ein brennender Haufen voller Süssigkeiten. Das wäre prächtig. Das wäre wie Geburtstag und Weihnachten an einem Tag!

Als ich von unten den gedämpften Laut der zufallenden Haustür vernahm, federte ich herum.

Mir war scheißegal, was diese Bestie mit Winfrey anstellte.
Es gab nun nur noch ein Ziel.

Ich stürmte in die Abstellkammer, fand was ich suchte, ein Brecheisen und ein Frostschutzmittel Namens Antifreeze, und lief die Treppe hinunter. Beinahe rutschte ich dabei auf Saras Schleimspur aus, ich wich aus und stolperte ein paar Stufen, bis ich dann am Ende der Treppe angekommen war und nach ein paar Schritten, vor Sonnys Geheimraum zum stehen kam.

Ich legte Antifreeze zur Seite und nahm das Brecheisen in beide Hände. Ich verschwendete nicht einen Gedanken daran in die Bibliothek zugehen und einfach den Schalter zu betätigen der hinter der Schatzinsel auf uns gewartet hatte.

Ungestüm stemmte ich die kleine Tür unterhalb der riesigen Treppe auf und trat schwer atmend in den staubigen Raum.

Es war alles wie wir es zurückgelassen hatten.
Die meisten Kartons lagen geöffnet in der Mitte des Raums auf dem Boden, zwischen den Regalen. Es waren viele, mehr als ich in Erinnerung hatte und ich hatte nicht viel Zeit.

Also machte ich mich gleich an die Arbeit.

Mein Kopf war wie leergefegt und ich funktionierte wie eine gut geölte Maschine.

Innerhalb von fünf Minuten hatte ich sämtliche Kartons nach draußen getragen und sie auf der Veranda aufgestapelt.

Nun stand ich dort, immer noch völlig außer Atem und musterte Sonnys Freakshow angewidert.

Ich fühlte mich irgendwie unter Zeitdruck, denn was immer Sara mit Winfreys Leiche vorhatte, sie würde dafür nicht lange brauchen.

Sie würde sich nicht die Mühe eines Begräbnisses machen, dessen war ich mir sicher. Ich war eine Gefahr und das bisschen Mensch das noch in ihr übrig geblieben war, wusste dies.

Also war Eile gefragt.

Ich ging zum Gartenhäuschen des Herrenhauses, das etwas Abseits der Villa, hinter dem Hundezwinger lag und holte einen Spaten, dann schlug ich mich noch ein wenig weiter in den Garten, war nun schon fast an dem kleinen Wäldchen, das unser Anwesen von dem der Does abgrenzte und verharrte schließlich an einer Stelle, die ich für genau richtig hielt.

Von der Straße aus würde man den Rauch kaum sehen und die Does, ein älteres Ehepaar, waren zu Besuch ihrer Enkel in Massachusetts. Alles war perfekt.

Geburtstag und Weihnachten an einem Tag halt.

Ich grub in Windeseile ein kleines Loch, nicht tief, vielleicht gerade mal drei oder vier Fuß.

Dann sah ich auf meine Swatcharmbanduhr und stellte erstaunt fest, dass Sara erst seit etwa zehn Minuten außer Haus war. Ich hatte gearbeitet wie ein Berserker.

Die Sonne war unterdessen völlig untergegangen und der Garten schlummerte in stiller Dunkelheit.

Sie sollten wissen, das ich, als ich das Loch fertig ausgehoben hatte, tot war.

Körperlich ging es mir so schlecht wie noch nie.

Ich glaube zehnmal schlechter, wie es mir ging als ich mit zwölf Jahren fast an den Masern gestorben wäre.

Mir stand kalter Schweiß auf der Stirn, mein Magen hatte sich noch immer nicht wieder erholt, ich bezweifelte mittlerweile, dass er das je wieder tun würde, und in regelmäßigen Abständen erschütterten mächtige Schauer meinen ärmlich verkrampften Körper. Irgendwie bin ich heute froh, dass mein Verstand damals nicht mehr mitspielte, wahrscheinlich hätten mich sonst die Erinnerungen an den zurückliegenden Tag und an den Tod Winfreys völlig niedergeschmettert.

Doch so behielt ich die Nerven. Ich musterte fachmännisch das Loch, verweigert meinem geschundenen Körper die Gelegenheit sich zu erholen und machte mich auf den Weg zurück zur Veranda.

Der Plan war einfach: Ich würde einfach die schmalen, meist auch noch flachen Kartons in der Grube platzieren, das Frostschutzmittel drüber gießen und mit einem Fünkchen aus der Zunderbüchse dem ganzen Scheiß, ein für alle Mal, ein Ende machen.

Ich grinste wild als ich, wieder auf der Veranda angekommen, an das Bild von brennenden Süssigkeiten im Dunkel einer milden Frühlingsnacht dachte. Ein perfektes Panorama für das Cover jeder beliebigen Zeitschrift.

Ich hatte schon die ersten vier, oder fünf Kartons geschultert da fielen mir erst die Kaugummis wieder ein. Ich ließ die belanglosen Süssigkeiten fallen und schlug mir gegen die Stirn. Ich Trottel! Das war nun so, wie Weihnachten ohne Christbaum.

Ich trat genervt ein paar Kisten beiseite die mir auf dem Weg ins Haus im Weg lagen und sprang durch die Hintertür der Küche zurück ins Herrenhaus.

Die Kaugummis würden als erstes brennen, das war klar. Alles weitere wäre nur schöner Christbaumschmuck. Nutzlos ohne den Baum.

An der Treppe, die nach oben führte angekommen, blieb ich stehen.

Etwas stimmte nicht, aber ich war zu aufgewühlt, zu verwirrt um noch irgendetwas anderes als dieses verfluchte Bild zusehen; Kaugummis die in Flammen aufgingen.

Der Gedanke daran erleichterte mich.

Dennoch, an der Treppe, oder besser auf der Treppe stimmte etwas nicht. Es war so offensichtlich, dass man es nicht übersehen durfte. So offensichtlich, dass ich es übersah. Ich schüttelte den Kopf, als wolle ich den Gedanken an die Treppe abschütteln und setzte mich wieder in Bewegung.

Erst als ich an der Tür unseres Schlafzimmers angekommen war verschnaufte ich. Kurz und hektisch, denn ich konnte es mir nicht erlauben Zeit zu verlieren.

Wieder wurden meine Gedanken, beinahe brutal zu der Treppe zurückgezerrt, aber ich konnte noch immer nichts mit dem Bild das sich vor meinen Augen abspielte anfangen.

Ich war völlig von der Rolle. Ich konnte nicht nachdenken, jeder einigermaßen konstruktive Gedankengang kehrte immer wieder zu den Kaugummis zurück. Wie ein Seefahrer der von den Sirenen angezogen wurde, wusste auch ich unterbewusst das es mein Ende seien würde, wenn es mir nicht gelang meine Gedanken vom Bild des Kaugummis auf das Offensichtliche zu lenken. Aber keine Chance. Ich war ein schwacher Geist. Schon immer.

Also drückte ich die silberne Türklinke unseres Schlafzimmers herunter und betrat es in der gleichen, fast fließenden Bewegung.

Als ich die Tür hinter mir zurück in den Rahmen warf, geschahen einige Dinge auf einmal.

Zuallererst stellte ich erschrocken fest das meine Finger von einem schwarzen, glitschigem Film bedeckt waren. Ich sog verzweifelt die Luft durch die Zähne und dachte mit den verworrenen Geistesblitzen eines Irren daran, dass es nun auch mich erwischt hatte.
Die Mutation ging auf mich über. Aber das ist nicht möglich, du verdammter Idiot. Du bist kein Beejee Junkie! Sieh auf die Türklinke und dann denk noch mal über die Treppe nach...verdammter Verlierer! Es war wahrscheinlich das letzte bisschen Verstand, dass sich in den hintersten Winkeln meiner Gehirngänge verschanzt hatte und nun einen Ausbruch wagte, was dort zu mir sprach. Ich hörte auf die Stimme.
Fast mechanisch beugte ich mich vor und warf einen kurzen Blick auf die Türklinke.
Sie war schwarz. Auf ihr bildete sich eine dunkle schwammförmige Schicht, die tropfte und zu leben schien. Dann übernahm noch einmal die Vernunft die Kontrolle über mich.

Die Treppe, natürlich!
Eine zweite Schleimspur war darauf gewesen.
Ich war zwischen zwei Schleimspuren die Treppe hinauf gelaufen.

Wir beschissen dumm ich doch gewesen war...

Aber es war zu spät.

Ich realisierte zwar die Tatsache, dass Sara wieder da war, aber an Flucht war nicht mehr zu denken.

Eine kalte, schleimige Hand legte sich auf meine Schulter.

Ich drehte mich langsam, fast wie in einem Zeitraffer gefangen um. Dickflüssiger Speichel verklebte meine Kehle und der Geruch von Salzwasser und Benzol stieg so intensiv in meine Nase das es mir die Tränen in die Augen trieb.

Das war gar nicht Sara!
Mich packte plötzlich ein irrsinniger Drang, laut aufzulachen. Einfach so. Wie ein Verrückter eben.

Es sah glitschig aus, was sich dort vor mir wand und schlängelte wie eine mannshohe Anakonda, es war völlig nackt und unbehaart. Eine gallertartige bleiche Haut lag wie ein knitteriger Umhang über dem Skelett des Wesens, das einst Sara gewesen war.

Meinem Mund entrang sich ein hilfloses Keuchen, als der Druck seiner Hand kräftiger wurde und sich der Blick der Bestie in meinen bohrte.

Mein Gott, dieses Gesicht, dieses abstoßende Gesicht. Etwas menschliches lag dort nicht mehr drin und mit irgendwelchen Tieren konnte ich auch nicht die geringste Ähnlichkeiten feststellen.

Ihre Lippen schienen der einzige Ruhepunkt in dieser Mimik des Schreckens zu seien, feucht und schlaff wie die eines Fisches hingen sie herab. Ihre Augen gafften mich aus furchtbar tiefen Höhlen heraus an, wie zwei hungrige Raubtiere lagen sie auf der Lauer.

Die feuchte ölige Haut auf ihren Wangen spannte und entspannte sich in kurzen, regelmäßigen Abständen, während ihr dicker Brei zwischen den bewegungslosen Lippen herausrann. Sie kaute...und ich sah es. Ich sah wie ihre Zähne auf den Kaugummis herum mahlten. Wie das Wesen gierig die Säfte daraus sog und mit der Zunge die Kaugummis immer wieder in die richtige Lage brachte um ein weiteres Mal mit den Backenzähnen in sie zustoßen.

Es hörte sich an wie beim Zahnarzt, wenn dem Patienten der Speichel abgesaugt wird.

Mir wurde speiübel, aber gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht kotzen würden. Für solche primitiven Bedürfnisse war längst keine Zeit mehr.

"Du kommst zu spät, Darling." Es war eine tiefe, gutturale Stimme die zu mir sprach und sie drang von irgendwo aus dem fließendem Körper meiner Ehefrau.
"Du kommst etwa zwei Wochen zu spät."
Ich zuckte zurück, wollte mich ihrem Griff entwenden, aber was ich schon heute Morgen festgestellt hatte, war nun eine Tatsache.
Ihre Hände waren wie Schraubstöcke. Umbarmherzig grub sie ihre schlaffen Finger in mein Fleisch und legte dann auch ihre zweite Hand auf meine andere Schulter.
Sie war kräftig, Agent, so kräftig!

Ich wollte da heraus, wollte aus dieser toten Umarmung flüchten. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich sterben würde, aber Scheiße, ich wollte nicht so sterben. Es war die Hölle.
Ich mobilisierte alle meine mir zur Verfügung stehenden Kräfte, meine Muskeln müssen vibriert haben, aber es ging nicht. Ihre Umklammerung löste sich nicht einen Zentimeter. In ihren blassen roten Augen glomm es belustigt auf. Wahrscheinlich bildete ich mir das ein.

"Mag, Mag...was soll ich denn bloß mit dir machen?" Ihre Stimme war klanglos und es fiel mir schwer aus ihren Worten eine Frage zu verstehen.

In diesem Augenblick federte die Kreatur herum und schleuderte mich auf unser Bett.

Mit der Wucht eines umstürzenden Baumes landete ich darauf und brach mir zwei Rippen.

Ich hörte sie bersten. Es klang wie Salzstangen die man in der Mitte brach.

Schmerz und irrer Wahnsinn gaben sich die Klinke in die Hand.

Ich lachte und weinte, während die neue Sara torkelnd wie eine Betrunkene auf das Bett zu wankte.

"Du wünscht dir, dass ich dich töte, nicht Mag? Ich lese es in dir."
Mahlende Kiefer grinsten mich an.

Vielleicht verstehen sie mich, vielleicht auch nicht, aber ich nickte stumm und heftig.

"Winfrey ist schnell gestorben, er hatte keine Schmerzen." GOTT, diese Stimme, sie war dunkel und ich hörte sie in meinem Kopf wiederhallen. Vielleicht hörte ich sie auch nur in meinem Kopf, was macht das schon für einen Unterschied.

Die neue Sara war jetzt am Bett angekommen. Heiße Tropfen von salzigem Schleim liefen auf mein Hemd und versengten es an den Stellen an der sie es trafen.

"Ich hatte keine Zeit. Du warst ja gleich da. Wirklich bedauernswert. Du verwehrtest mir die Gelegenheit noch etwas mit Winfrey zuspielen." Sara ließ sich zu mir herab.

"Du wirst es jetzt nicht ganz so leicht haben, Mag. Wir haben alle Zeit der Welt."

Ich war zur Stein erstarrt. Bibbernd und vor Angst gleichzeitig schwitzend starrte ich sie an. Sah wie der Wurm in ihrem Kopf pulsierte und sich an ihr labte. Sah wie zwei gelbe Zahnreihen alle Kraft aus den Kaugummis saugten die sie im Mund hatte. Ihre durchsichtige Haut schimmerte in einem kalten Ton, wie Fischschuppen. Und ihre kräftigen, wulstigen Hände griffen wieder nach mir.

Der Anblick der membranartigen schwarzen Schwämme erlöste mich aus meiner Erstarrung.

Noch war ich nicht tot.

Ich rollte mich unbeholfen zur Seite weg und stand wieder, einen halben Schritt neben dem Bett, während Sara sich noch immer wie eine Betrunkene gebärdend unvorsichtig über das Bett robbte.
Sie warf mir nicht einen Blick zu. War wohl zu vertieft in die mühselige Aufgabe über das Bett, und zu mir, zu gelangen.

Es war die einzige Chance. Sie war unaufmerksam. Alles was ich sah war der schleimende Wurm der sich zuckend am Hirn meiner Frau schabte.

Ich sah mich um, irgendetwas, ich brauchte irgendeine Waffe. Mein Blick fiel auf das Brotmesser mit dem Sara den zweiten Karton der Beejee Gums aufgeschlitzt hatte. Es lag griffbereit auf meiner Seite des Bettes, neben Dean R. Koontz’s Schattenfeuer und einer halbleeren Flasche Sprudel.

Es blieb nur ein Problem. Ich stand auf Saras Seite des Bettes. Bläuliche Masse sabbernd blickte Sara auf. Sie war nicht unbeholfen, ganz im Gegenteil sie schien ungemein athletisch.

Ihr cremiger Körper behinderte sie einfach. Mit einer halben Vorwärtsrolle brachte sie das Bett hinter sich und landete auf beiden Füssen stehend neben mir.

Mir blieb keine Sekunde die Situation zu erfassen, ich sprang einen Schritt nach hinten und setzte gleich darauf einen Ausfall zum Fußende des Bettes durch. Sie war hinter mir, wie ein klebriger Schatten hing sie an mir. Ich spürte ihren kalten, stinkenden Atem auf meinen Schultern und ihre nässenden Finger die sich brutal um mein Becken spannten.

Ich entfloh ihrer Umklammerung ein letztes Mal mit äußerster Not, sprang das letzte Stück zum Nachtschränkchen und griff nach dem silbernen Messer. Mir blieb nur ein Versuch.

Das Messer war weder sonderlich spitz noch sah es scharf aus aber es war die einzige Chance. Ich fuhr herum und stand vor Sara.

Unsere Körper verharrten schwer atmend ein kleines Stück von einander entfernt.

"Hab ich dich, Mag. Hier beginnt das Spiel!" flüsterte das Sara-Ding fast lasziv und einen Augenblick später erbrach sie einen Schwall ihres bläulichen Speichels in mein Gesicht.

Es brannte wie Batteriesäure die man in eine offene Wunde gab.
Ich spürte keine Verbrennungen an meiner Haut, ganz einfach weil keine entstanden, aber irgendwie reizte ihre Säure meine Poren aufs Äußerste. Vor Schmerz und Wut schreiend fuhr ich mir mit der freien Hand durch mein Gesicht, aber das Spiel schien zuenden bevor ich wirklich reagieren konnte, denn zeitgleich mit ihrer Spuckattacke fuhr sie mit ihren Armen vor und umfasste meine Taille mit festen und zugleich irgendwie weichen Tentakeln. Ich spürte wie ihr Griff mir die Luft aus den Lungen trieb und die Knochen brach. Die zwei bereits gebrochenen Rippen auf der linken und rechten Seite des Brustkorbs schmerzten als stieße jemand Messer hinein und drehe sie herum, und meine Wirbelsäule knackte bedrohlich, während ihr Griff immer und immer mehr an Kraft gewann.

Ich würgte trocken nach Luft und reagierte.
Ich reagierte einfach. Im Nachhinein ist es eine unlogische Reaktion meines Körpers, weil er sich fast völlig selbstständig machte. Ich dachte in diesem Moment nicht mal mehr an das Messer in meiner Hand und stieß doch damit zu.
Unglaublich präzise.

Das Messer schlug genau dort ein, wo ich es haben wollte. Es durchtrennte die Schädeldecke des Sara-Dings mit einem stumpfen schlutsch und spießte das wurmähnliche Wesen, dass sich an ihrem Hirn festgesaugt hatte auf.

Ich sah nicht wie ich traf, fühlte es aber. Das Messer vibrierte leicht, als es das Wurmtier traf, nachdem es sich wie durch Wackelpudding durch ihre Schädeldecke geschoben hatte.

Erst geschah gar nichts. Die Situation schien wie mit dem Videorecorder angehalten.

Saras Griff lockerte sich weder, noch wurde er fester, und mir gingen langsam aber sicher die Luftreserven aus.

Ich rang mit weit aufgerissenem Mund und laut und rasselnd luftholend nach Atem und merkte wie sich meine Augäpfel aus ihren Höhlen wölbten.

Es muss noch mal mindestens fünf oder zehn Sekunden gedauert haben, ehe der Wurm starb.
Saras Körper löste sich von meinem und stemmte sich wie von einem gigantischem Krampf befallen in die Höhe. Das Messer steckte noch immer in ihrem Kopf und gab ein groteskes Bild ab. Ihr Körper, oder das was einmal ein Körper gewesen war, zuckte wie unter Stromschlägen und sie ließ sich rückwärts auf das Bett fallen.

Speichel oder Blut, der Unterschied war aufgrund der einheitlichen Farbe von Aquamarinblau kaum zu erkennen, rann ihr aus den Mundwinkeln, ihre Füße zuckten ziellos, und ein langes gurgelndes Geräusch entrang sich ihrer aufgedunsenen Kehle.

Sie starb. Ich hatte gehofft nur den Wurm töten zu können und vielleicht irgendwie meine alte Sara wieder zubekommen, aber sie starb. Keine Frage.

Und sie verwandelte sich.

Schweratmend rieb ich mir die Augen, das musste eine Illusion sein!

Es geschah augenblicklich.

Mit dem Enden der krampfhaften Zuckungen ihres Körpers begann die Rückverwandlung.

Ihre membranartige, knittrige Haut verwandelte sich wieder zurück in die blasse, glatte Mädchenhaut die ich immer so abgöttisch geliebt hatte. Nahm wieder menschliche Farbe an und war schließlich nicht mehr durchsichtig.

Ihr Augen färbten sich fast mit einem Schlag von diesem düsteren Rot das sie beherrscht hatten in ein normales Blau und ihre dicken Strähnen von öligem Haar verdichteten sich innerhalb weniger Sekunden fast vollkommen.

Ihr Gesicht nahm wieder die gewohnten spitzen Züge an, die Sara immer so gut gestanden hatten. Und von ihren Fingern fiel dieser schwarze Film ab, landete auf dem Boden und löste sich auf.

Dann war es vorbei.

Vor mir lag meine Frau. Wie in hässlich gerahmt, kaschierten Blut und ein Messer im Kopf, das an sich wunderschöne Bild.

Noch immer sprudelte helles Blut aus ihrem Mund und der Wunde in ihrem Kopf und als ich mir mit den Händen durch das Gesicht fuhr, waren auch sie von Blut besudelt.
Ich war wie gebadet in ihrem Blut.

Es war zuende.

Ihr blasser, mädchenhafter Körper lag nackt vor mir, an unzähligen Stellen aufgerissen, aber dennoch menschlich und...tot.
Ich spürte wie mir bittere Tränen die Wangen herunter rannen und sich mit Saras Blut vermengten, dass mir fast am ganzen Körper klebte.

Der Schlussstrich fehlt, dachte ich, beugte mich zu Saras Leichnam herunter und hauchte ihm einen Kuss auf die kalten Wangen. Ihre leblosen Pupillen verfolgten mich ausdruckslos.

"Wart’ auf mich, Darling." murmelte ich. "Ich komme."

Dann drehte ich mich um und ging zur Tür.

Das Drillingsjagdgewehr musste noch immer, in einer Lache aus Gehirn, Knochensplittern und Blut, in Winfreys Zimmer liegen. Sara hatte alles so aussehen lassen, als hätte sich Winfrey selbst den Kopf weggeschossen. Bei mir würde niemand die Leiche präparieren müssen. Ich würde einfach meinen großen Zeh auf den Abzug drücken, den Lauf in den Mund nehmen und POW!

Das war’s.

Ich öffnete die Tür und mir stand Sheriff McNeal flankiert von zwei Deputys gegenüber.

Irgendjemand hatte im Vorbeigehen den Schuss gehört, den Sara auf Winfrey abgefeuert hatte, war nach Hause gelaufen und hatte im Police Department angerufen.
McNeal und ein weiterer Streifenwagen des Departments war dann zu Sonnys Villa beordert worden, was etwas länger gedauert hatte, weil es bei den Fowleys, draußen am Beaver Lake ein Feuer gegeben hatte.

Den Rest kennen Sie, Agent Higgins.

Sheriff McNeal nahm mich mit vorgehaltener Waffe fest. Was wohl ein Zeichen für die Härte des mir vorgeworfenem Verbrechens war, weil in Confidence soweit ich weiß vor zehn Jahren das letzte Mal jemand mit vorgehaltener Waffe abgeführt wurde. Damals war es Dean Boyd, der Frauenmörder.

Einer der Deputys kotzte als er sah was geschehen war und der andere wurde ganz bleich um die Nasenspitze.

Es sah aber auch wirklich Scheiße für mich aus und die Fakten sprachen nicht gerade für meine Unschuld.

Ich wette sogar, die schieben mir auch noch Winfreys Tod in die Schuhe, wenn sie seine Leiche finden. Das heißt wenn Sie sie finden. Es wird noch ne Menge Scheiße auf mich zukommen. Aber nun kennen Sie die Wahrheit. Glauben Sie mir oder nicht, aber ich werd mich nicht korrigieren."

Connor drückte seine letzte Zigarette in den Aschenbecher und blickte dann auf.

Sein trauriges Gesicht glänzte vor Schweiß. Tränen schimmerten in seinen Augen.

Gegen Ende der Geschichte war er immer mehr in eine Art Trance gefallen, hatte die Ereignisse detailgenau wiedergegeben und nichts ausgelassen. Ganz so als erlebte er das ganze immer und immer wieder.

Agent Higgins stand wieder am Fenster.

Fast zwei Stunden waren vergangen seit Connor mit der Geschichte begonnen hatte und draußen waren mittlerweile die Laternen angegangen und ein blasser Mond hatte sich über die Dächer der Kleinstadt geschoben.

Es sah nach Regen aus.

Higgins drehte sich herum und musterte Connor zufrieden. Etwas hatte sich an seinen Zügen verändert. Er wirkte nun entspannter.

"Eine ziemlich reißerische Geschichte, finden sie nicht, Connor?" fragte er und trat einen Schritt auf den Verdächtigen zu.

"Ja-ah." murmelte Connor, warf Higgins einen verzweifelten Blick zu und sah dann in die Pall Mall vor sich. Sie war leer. Connor hatte in zwei Stunden fast fünfzehn Zigaretten geraucht. Er nahm die Zigarettenschachtel in die zusammengeketteten Hände und schüttelte sie, dann wandte er sich wieder an Higgins.

"Sie haben nicht zufällig ein paar Zigaretten für mich, oder?" murmelte er.

In Higgins ausdruckslosem Gesicht zuckte es belustigt auf und er setzte sich wieder an den Tisch an dem er fast zwei Stunden, ohne jede Regung gesessen hatte.
Dann griff er in die Hosentasche seines Anzugs und verharrte.

"Wissen Sie, Mr.Connor. Sie waren mir sehr, sehr hilfreich. Ich möchte mich bei ihnen für ihre hilfsbereite Zusammenarbeit bedanken. Außerdem wünsche ich mir, dass Sie wissen, dass ich ihnen glaube." In sein Gesicht schnitt sich ein unbeholfenes Lächeln und auch Connor lächelte schüchtern und fragte dann mit etwas mehr Nachdruck als gerade noch nach Zigaretten.

"Ich habe erfolgreich aufgehört." sagte Agent Higgins, diesmal mit dem deutlichen Anflug eines breiten Grinsens im Gesicht, und zog die Hand aus der Tasche.

Connors Gesicht verlor innerhalb eines Atemzugs alle Farbe. Er wurde aschfahl.

Bedächtig streifte Higgins die Hülle des Zehnerpäckchens ab und ließ sich ein Kügelchen der Kaugummis auf die ausgestreckte Hand rollen.
Connor kannte die Schachtel, Beejee Gums stand darauf und ein wenig darunter in grellen Lettern: If you want it, you can reach it.

Genüsslich schob sich Higgins das Kügelchen in den Mund und verdrehte bewegt die Augen, als er zubiss.

"Wissen Sie, Connor, sie hatten Recht als sie sagten Bitter-Sweet Cruelities wäre mittlerweile bis nach Massachusetts und New Hampshire expandiert. Großartiger noch, uns gehört bald ganz New England", fuhr Higgins im Plauderton fort.

"Ihr Onkel, Sonny beging einen schweren Fehler, was seine fehlgeschlagenen Experimente anging, er führte Zeugnis darüber. Wissen Sie, dass er eine wahre Sammlerseele war?"
Der Agent kicherte mittlerweile fast albern, wobei ihm Speichel von den Lippen sprühte und er schmatzend weiter auf dem Kaugummi kaute. Connor röchelte.

"Keiner der Pläne ging verloren. B-SC fand alles. Der meist war wirklicher Mist. Tödlich, und somit nicht brauchbar. Aber diese Kaugummis, mit einer Erfolgsrate von 99,7%, machten es uns möglich die Geschäfte der Firma auszuweiten, weit, weit bis über die Grenzen Vermonts."

Stetig fließend ergraute Higgins Gesicht. Seine Haut schien sich von seinem Schädel zu lösen und nur locker darauf liegen zubleiben, während sie immer durchschaubarer wurde.

"Wissen Sie, dass man durch gezielten Kaugummikonsum seine Verwandlung kontrollieren kann? Ich wette, dass wussten sie nicht, sie aufgeblasener Verlierer." Seine Stimme ging in ein tiefes Blubbern über, ohne dass Connor etwas merkte. Sein Verstand zerbrach wieder. Diesmal für etwas länger als ein paar Stunden. Diesmal für immer.

Er zersprang wie ein Luftballon in den man zu viel Wasser füllte. Und Connor war froh darüber.

Sein Kopf sackte ohne Gegenwehr auf den Tisch. Higgins warf den Kopf zurück und lachte.

"Sie haben in ihrer Geschichte nicht eine lebende Person erwähnt die noch von den Kaugummis weiß. Das hätte ich mir denken können. So ist der moderne Amerikaner. Arrogant und egozentrisch. So etwas ist ungemein praktisch, wenn es darum geht Dinge zu vertuschen. Vielleicht, wer weiß vielleicht toleriert die Menschheit irgendwann einmal andersartige Kreaturen. Und selbst wenn nicht..."
Higgins grunzte was wohl pure Befriedung widergespiegelt hätte, wäre er nun noch menschlich, was nicht der Fall war. Er hatte sich in die gleiche pulsierend, farblose Masse verwandelt die Connor schon einmal getötet hatte. In seinem Schädel nagte ein kleiner dunkelgrüner Wurm am Hirn des Humanoiden.

"Es gibt auf der Welt 1.1 Milliarden Raucher und irgendwann..."
Er blubberte wieder und blauer Brei tropfte ihm aus dem Mund. Sein schwarzer Anzug wirkte jetzt fast lächerlich an dieser großen, wabernden Masse Schleim.

"Aber was erzähle ich ihnen das, Connor. Das interessiert Sie ja nun wirklich nicht, oder? Sie wollen bloß noch sterben, nicht?"
Die Higgins Kreatur erhob sich wankend von ihrem Stuhl und griff mit einem ihrer Tentakel in ihren Anzug, der völlig durchnässt an ihrem Rumpf klebte.
Mit aufgeblasenen Fingern zog er etwas heraus und sah Connor mit einem kalten, nichtsagendem Grinsen an.

Connor sah auf und erkannte es. Er kannte es aus den vielen Filmen, die er in seinem Leben gesehen hatte. Es war eine Smith and Wesson 1056, die Dienstwaffe des FBI.


Dann drückte das Higgins Ding ab.


 

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