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Das Oktagon

© Gerhardt Colin
Die ist nur der Prolog, wer es komplett lesen möchte,
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Prolog zum
"Das Oktagon"
von Tdrahreg Niloc

Erzählt von Ulrich Beulek

Alles begann vor rund 36 Jahren. Darmstadt litt damals, im Jahre 1957, noch immer unter den entsetzlichen Wunden des Fliegerangriffs, der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944, bei dem englische Bomberverbände unter der Leitung von Vizemarschall Sir Ralf Cochrane 78 Prozent der Innenstadt in Schutt und Asche legten. Ein gemeiner Terroranschlag, bei dem rund 12.000 Menschen getötet und etwa 70.000 obdachlos gebombt wurden.

Für uns Kinder - Albert und ich waren damals gerade taufrische neun Jahre alt - gehörte es zu den größten Abenteuern, in den Trümmern, der im Bombenhagel zerstörten Häuser, nach noch brauchbaren Gegenständen zu stöbern. Das war zwar sehr gefährlich und streng verboten - sicher, man hörte gerüchteweise von Jungen, die von einstürzenden Mauern begraben wurden -, aber uns (ich meine damit nicht nur uns beide, sondern fast alle Jungen dieser Nachkriegsgeneration) konnte das nicht davon abhalten, unsere abenteuerlichen Streifzüge durch verschüttete Keller und baufällige Ruinen zu machen. Buben haben in diesem Alter im allgemeinen schlechte Antennen für die Gefahren, die in ihrer Umwelt lauern.

Nur die Ruine des sagenumwobenen Niloc-Hauses - wo dieser seltsame Name herkam, und ob das Gebäude tatsächlich so hieß, wusste damals keiner von uns - wurde von den meisten Kindern gemieden. Dort sollte es angeblich nicht nur spuken, sondern auch exotische Spinnen geben, die so groß wie kleine Schweine seien, kleine Kinder fingen und diese zu Vorratspaketen einwebten.

Doch für Albert und mich war das kein Hinderungsgrund. Im Niloc-Haus fanden wir die schönsten Dinge, wahre Schätze in unseren Kinderaugen. Sicher, es kostete einige Überwindung, die gespenstisch anmutende Ruine zu betreten und die klebrigen Spinnennetze zu beseitigen, die an vielen Stellen den Weg versperrten, aber die phantastischen Funde entschädigten uns voll und ganz für diesen Wagemut und für die Überwindung des Ekels.

Da waren Kisten voller Zauberutensilien, elektrische Geräte der unbekannten Art und ganze Berge von glitzernden Kleidungsstücken.

Albert wollte von seinem Vater gehört haben, dass das Niloc-Haus vor dem schrecklichen Krieg das Geisterhaus eines Magiers namens Niloc gewesen sei. Andere Gerüchte wollten von einem schizoiden Sektenprediger wissen, der in diesem düsteren Gemäuer kleine Jungen gefoltert und diese anschließend seinem Gott Niloc geopfert habe. Ich hatte da so meine Zweifel. Wahrscheinlich sollten wir Kinder durch solche Schauergeschichten davon abgehalten werden, dieses gefährliche Trümmergrundstück zu betreten.

Doch wenn ich heute darüber nachdenke, was uns beiden durch ein dort gefundenes Relikt viele Jahre später widerfuhr, beginne ich, Alberts damalige Behauptung zu glauben.

An einem sonnigen Oktobertag des Jahres 1957, das genaue Datum weiß ich heute leider nicht mehr, fanden wir in einem düsteren Keller des Niloc-Hauses einen Gegenstand, über dessen Besitzrecht wir zum erstenmal seit unserer langjährigen Freundschaft in ernsthaften Streit gerieten.

Albert sah die verbeulte Zinkblechwanne hinter einem Stapel alter Zeitungen - ich glaube, es handelte sich dabei um vergilbte Exemplare des NSDAP-Organs Darmstädter Zeitung - zwar als erster, traute sich dann aber nicht in die öligtrübe und tierisch stinkende Flüssigkeit zu greifen, mit der die Wanne bis fast zum Rand gefüllt war. Das tat ich. Und ich war es auch, der den in vergammeltes Ölpapier gepackten Gegenstand in dieser unappetitlichen Brühe fand. Anfangs dachte ich, es handele sich dabei um eingewickeltes Autowerkzeug und wollte das schmierige Paket schon wieder in die braune Suppe werfen. Doch Albert hielt mich zurück.

"Halt! Uli! Pack's aus!" befahl er mir und hielt mit seiner linken Hand meinen rechten Arm fest. Meine Finger waren nun eh schon versaut und rochen nach in Altöl eingelegten Heringen, also machte es mir auch nicht viel aus, die Autowerkzeuge aus dem brüchigen Ölpapier zu schälen. Doch heraus kamen keine zusammengebundenen Schraubenzieher, Maul- oder Steckschlüsselsätze, sondern eine Glasflasche. Aber es war keine gewöhnliche Flasche, sie hatte die Form eines kopflosen weiblichen Körpers. Albert wollte sie sofort besitzen.

Er hätte die verbeulte Blechwanne schließlich zuerst entdeckt, schimpfte er lauthals, als ich das Ding ohne Umschweife zu meinem Besitztum erklärte. Und er hätte außerdem verhindert, dass ich die Flasche wieder dorthin zurückwerfen konnte, wo diese wer weiß wie viele Jahre lang vor sich hin geschlummert hatte. Aber das wollte ich nicht gelten lassen. Schließlich hatte ich und nicht er in die ekelhafte Soße gegriffen, ohne zu wissen, was mich darin erwartete. Es hätte ja auch eine gespannte Mausefalle, eine tote Schweinespinne oder gar ein schleimiges, grünes Etwas von einem anderen Planeten darin sein können. Ich kramte mein neues Schnupftuch aus der Hosentasche und wischte damit das kopflose weibliche Wesen sauber. Gut, dass Mutter das nicht sehen konnte, denn ich hatte die geblümte Rotzfahne erst zwei Wochen zuvor zum Geburtstag geschenkt bekommen. Und jetzt wurde sichtbar, dass die exotische Flasche mit einer Flüssigkeit gefüllt war, deren Farbe man nicht auf Anhieb beschreiben konnte. Hauptsächlich war sie wohl blau, aber es war auch eine Spur Rot bzw. Gelb und auch ein wenig Schwarz darin. Und wenn man die Flasche ins Licht hielt, sah man kleine goldene Plättchen in der Flüssigkeit glitzern. Einige Zentimeter über dem kräftigen Gesäß der nackten Dame, so etwa in Gürtelhöhe, waren winzige Buchstaben in die Flasche eingraviert und mit schwarzer Farbe sichtbar gemacht.

"T r a u m e l i x i e r ( T. N. T d a t s m r a d )", las ich stockend vor, und Albert kam sofort wieder mit seiner Magiergeschichte, denn das "N." könnte, so meinte er, für Niloc-Haus stehen. Er bot mir all seine Schätze für diese Flasche an, doch ich blieb hart. Auch sein Lederfußball und das etwas ausgefallene Angebot, einen Monat lang meine Hausaufgaben für mich zu erledigen, konnten mich nicht umstimmen. Doch als er dann zu flennen anfing, wurde ich ein wenig unsicher und versprach, ihm die Flasche hin und wieder zu leihen. Doch es sollte ganz anders kommen ...

Meine Mutter war vom Anblick der Flasche total entsetzt und verbot mir, das ekelhafte Ding (Originaltext Mutter) zu behalten. Jetzt hatte ich mir die ganze schöne Geschichte vom Fund der Flasche in einem Papierkorb des Herrngartens umsonst zurechtgelegt. Zum Glück wollte Mutter das perverse Ding (Originaltext Mutter) nicht anfassen, sonst hätte sie meinen bisher interessantesten Fund bestimmt sofort selbst zur Mülltonne getragen.

Ich konnte damals absolut nicht verstehen, was sie an der Flasche so schlimm fand. Es war doch nur die Nachbildung einer nackten Frau.

So hatte ich also noch eine Chance, meinen Schatz in Sicherheit zu bringen. Ich ging zur Tonne - damals übrigens noch aus Blech -, öffnete sie geräuschvoll und schlug den Deckel dann dermaßen fest wieder zu, dass Mutter es auch ganz bestimmt hören würde. Dann flitzte ich zu Albert - er hauste damals zwei Blocks in der Nachbarschaft - und wollte ihm die Flasche zur Aufbewahrung anvertrauen.

Aber er, diese viermotorige Sumpfsau (Originalgedanke anno 1957), nutzte die Sachlage schamlos aus. Er wollte das nackte Frauenzimmer nur dann bei sich verstecken, wenn ich ihm zumindest das halbe Besitzrecht einräumen würde. Ich war stinksauer.

Aber was hätte ich in dieser beschissenen Situation anderes tun können?

Wir besiegelten die erpresste Abmachung mit einem Handschlag und gingen uns von nun an für einige Wochen, nein, eigentlich waren es sogar Monate, aus dem Weg.

Doch mit der Zeit verblasste die Erinnerung an das gute Stück, und im Sommer des Jahres 1958 war die Sache vergessen. Und das blieb sie auch, 36 Jahre lang, bis zu jenem Tag, an dem mich Albert anrief und fragte, ob ich mit ihm ein Fass aufmachen wolle.

Und heute denke ich: Hätte ich das Niloc-Haus doch niemals betreten bzw. diese verfluchte Flasche damals wieder in die alte Blechwanne zurückgeworfen, dann wäre mein Freund Albert heute vermutlich noch bei mir.

Das Mysterium passierte dann am 15. März 1993. Ich kann bis heute selbst noch nicht verstehen, was damals vor sich ging. Aber es geschah genau so, wie ich es jetzt berichte. Es klingt wie Science-Fiction und ist dennoch wahr.

"Hallo, Uli! Du wirst nicht glauben, was ich heute mit der Post bekommen habe", grölte Albert aus dem Telefonhörer, dass mir das Trommelfell nur so schepperte. Er wartete nicht einmal ab, bis ich mich richtig meldete. "Wenn du heut Abend Zeit hast, machen wir zusammen das größte Fass auf, das du je gesehen hast."

"Was ist denn los, Albert? Mach's nicht so spannend", versuchte ich, ihm den Grund für seine wilde Erregung wie einen Popel aus der Nase zu ziehen. Doch Albert gab das feuchte Stück nicht her bzw. gab sein Geheimnis nicht preis.

"Komm einfach und: Lass dich überraschen", sagte er, und den zweiten Teil sang er mit einer Stimme, die sich wohl wie Rudi Carrell anhören sollte, mich aber eher an Udo Lindenberg erinnerte. "Oder hast du heute etwa keine Zeit für mich?"

"Eigentlich hab ich den heutigen Abend Angela versprochen", meinte ich etwas kleinlaut, "aber wenn du so großen Wert darauf legst, dass ich zu dir komme, muss ich sie wohl auf ein andermal vertrösten."

Mir war etwas mulmig bei dem Gedanken, meiner Gattin schon wieder einen Korb zu geben. Zu oft hatte ich sie in letzter Zeit vernachlässigt. Aber die Neugier siegte natürlich doch wieder über die Bedenken, und so entschied ich mich also an diesem Abend, nicht wie vorgesehen ins Kino zu gehen, sondern ließ meine aus verständlichem Grunde verärgerte Ehefrau alleine zu Hause sitzen.

Wäre ich damals doch nur mit Angela in "Bodyguard" gegangen und hätte mir angesehen, wie sich Kevin Costner in Whitney Houston verliebt, dann stünde ich heute nicht am Rande des Wahnsinns.

Als ich so gegen 2030 Uhr bei Albert eintraf, hatte er schon runde Füße und neblige Augen. Wie viel er bereits intus hatte, konnte ich nur ahnen. Es musste schon eine ganze Menge gewesen sein, denn Albert war kein Kostverächter.

"Jetzt sag mir, was los ist. Hast du etwa im LOTTO gewonnen?" forderte ich ihn schon an der Wohnungstür energisch auf, mit der blöden Geheimnistuerei endlich aufzuhören. Doch er schleppte mich wortlos und mit einem Grinsen im Gesicht, das mich an Jack Nicholson erinnerte, in sein geräumiges Arbeitszimmer und deutete dort auf seinen Schreibtisch.

Zuerst konnte ich das kleine Wunder zwischen den vielen anderen Papieren nicht sehen, und Albert wurde ungeduldig. Er ließ seine rechte Hand eine Zeitlang wie ein Flugzeug über dem Schreibtisch kreisen und dann, gleich einem Kamikaze-Flieger, auf ein bestimmtes Dokument hernieder sausen. Dabei ahmte er mit seinen Lippen das Geräusch eines angreifenden Stuka-Flugzeugs nach.

Und dann sah ich es. Konnte aber noch nicht daran glauben. Ich ging näher, nahm die Fotokopie der Urkunde in die Hand und las, was darauf in Sütterlinschrift geschrieben stand. Abgehäutete Gänse watschelten über meinen von Pickeln übersäten Rücken und zogen mein Unterhemd so tief in die Hose, dass meine Socken Besuch bekamen. Albert hatte es tatsächlich geschafft. Die letzte noch fehlende Heiratsurkunde war endlich in seinem Besitz. Wir hatten schon nicht mehr daran geglaubt, dieses verschollene Dokument in die Hände zu bekommen.

Damit Sie besser verstehen, warum wir uns über dieses simple Stück Papier so sehr freuten, muss ich ein wenig ausholen. Albert und ich betrieben schon seit ungefähr acht Jahren ein besonderes Hobby. Wir forschten nach unseren Vorfahren. Und das mit ganz ansehnlichem Erfolg. So mancher professionelle Genealoge wäre vielleicht erstaunt gewesen, wenn er die Ergebnisse unserer amateurhaften Nachforschungen hätte einsehen können.

Alberts Ahnentafel erstreckte sich bereits bis zur sechsten Generation. Bei mir sah die Sache noch nicht so gut aus. Ihm fehlten nur noch wenige der 63 Geburtsurkunden bzw. Kirchenbucheintragungen und nur noch drei der theoretisch möglichen 31 Heiratsdokumente.

Eine der Heiratsurkunden fehlte deshalb, weil zwei seiner Vorfahren anno 1861 große Schande über die Familie brachten und in wilder Ehe zusammenlebten. Eine andere, weil Frau Anna-Maria Scheringer, Alberts Oma mütterlicherseits und Nummer 7 im Ahnenverzeichnis, im Jahre 1914 nicht angeben wollte, von wem sie den Braten Else in der Röhre hatte und niemals heiratete. Die dritte Urkunde, die fehlte, war das Problem gewesen.

Man sollte denken, dass es besonders schwierig wäre, Fotokopien von Dokumenten aus dem 18. bzw. 19. Jahrhundert zu beschaffen, ist es natürlich auch.

Aber die Urkunde, die uns die größten Schwierigkeiten bereitete, war das Hochzeitsdokument von Alberts Großeltern väterlicherseits. Keine Zeitspanne von hundert oder gar zweihundert Jahren führte zu dem Problem, denn Großvater Hans-Peter Frodel hatte seine Yvonne Daiela (geb. von Schönfeld) im Jahre 1922 geehelicht und zwei Jahre später für männlichen Nachwuchs, Alberts Vater Andreas, gesorgt.

Doch die Dokumente nicht nur dieser Heirat waren im Bombenhagel des Jahres 1944 verbrannt. Das war aber nicht das eigentliche Problem, denn es gab natürlich Abschriften, die an anderen Orten verwahrt wurden. Nur in Hans-Peter Frodels Fall, war auch dieses Duplikat verschollen.

Wann es wohin verbracht worden war, hatten wir zwar durch langwierige Nachforschungen annähernd ermitteln können, aber auch das half uns nicht weiter. Das Dokument war nicht aufzufinden.

Und nun hielt ich es in Händen. Wie hatte Albert das angestellt?

"Mann, das ist ja phantastisch!" rief ich und klopfte Albert anerkennend auf die Schulter. "Wie hast du das geschafft? Sag, wie hast du's gemacht?"

"Großes Geheimnis", flüsterte er, legte einen Finger vor seine Lippen und öffnete mir eine Flasche Darmstädter Pils. "Lass uns feiern, Uli. Lass uns saufen, bis gerade Linien krumm aussehen."

"He! Albert, sag mir, wie du's gemacht hast", wollte ich noch einmal von ihm wissen, aber er blieb zugeknöpft. Vielleicht verrät er mir die Zusammenhänge später, wenn gerade Linien krumm aussehen, wie er so schön zu sagen pflegt, ging es mir durch den Kopf, und dann genoss ich den ersten Schluck dieses alkoholreichen Abends mit Genugtuung.

So gegen 2310 Uhr waren Alberts Alkoholbestände erschöpft, und gerade Linien sahen nicht nur krumm aus, sondern schienen Lambada zu tanzen. Und ich dachte zu diesem Zeitpunkt an alles und jedes, nur nicht mehr daran, zu fragen, wie Albert zu der verschollenen Urkunde gekommen war.

Plötzlich raffte sich mein Freund aus seinem Sessel auf und verschwand torkelnd aus dem Arbeitszimmer. Ich dachte, er müsse mal für kleine Jungen und befragte meine Blase, ob auch sie eine Entleerung benötige. Sie bejahte zwar meine Anfrage, ich blieb aber trotzdem sitzen.

Kurz darauf kam Albert schwankend zurück und hielt einen Gegenstand hinter seinem Rücken versteckt.

"Naaaschubb", lallte er grinsend und stellte die nackte Dame von 1957 auf den Tisch. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die verstaubte Glasfrau nach all den Jahren wiedersah.

Und heute kann ich Mutter etwas besser verstehen, dass sie von dieser Flasche so entsetzt war. Denn die Körperformen der Dame waren doch sehr üppig und detailliert ausgefallen. So etwas musste eine Frau des Jahres 1957 ja schocken. Schließlich sah man zu dieser Zeit nicht auf jeder zweiten Plakatwand oder Illustrierten provozierend nackte Tatsachen.

Albert nahm einen Korkenzieher und wollte das wollüstige Überbleibsel einer vergangenen Epoche öffnen.

"Albeeert, wasch hascht du vor?" nuschelte ich, obwohl ich doch genau wusste, was jetzt kam.
"Gluck, gluck", gab er zur Antwort, und mit einem explosionsartigen Plopp schoss der am oberen Ende mit grünem Schimmel überzogene Korken aus dem Hals der Flaschenfrau.

Und in diesem Moment überkam mich das irrationale Gefühl, als ob es im Arbeitszimmer zehn Grad kälter und zwei Glühbirnen dunkler geworden wäre.

Ein Blick zur Deckenlampe zeigte aber, dass keine der sechs Kerzenbirnen erloschen war. Sicherlich hatte ich mir das mit dem Licht bzw. der Temperatur nur eingebildet.

Albert goss jedem von uns gut zwei Zentimeter Traumelixier in ein Schnapsglas ein und stellte die nackte Dame anschließend wieder auf den Schreibtisch zurück. "Tschum Woohl!" meinte er dann und kippte sich die seltsamfarbige Flüssigkeit hinter die Binde. Und ich tat es ihm gleich, ohne auch nur eine einzige Sekunde darüber nachzudenken.

Wären wir nicht so besoffen gewesen wie zwei Goldfische, die in Whisky schwimmen statt in Wasser, dann hätten wir eine solche Dummheit mit Sicherheit nicht verzapft. Die Flüssigkeit hätte ja ungenießbar oder, der Himmel bewahre uns davor, sogar giftig sein können. Aber so war es nun einmal passiert. Und die Wirkung ließ auch nicht lange auf sich warten. Ich konnte nur deshalb noch sehen, was mit Albert geschah, weil ich das Teufelszeug ein paar Augenblicke später als er getrunken hatte. Der Geschmack war seltsam - er erinnerte mich an ... nein, ich komm jetzt nicht drauf -, und die Wirkung kam wie ein Vorschlaghammer.

Albert legte seinen Kopf seitwärts auf den Schreibtisch und sabberte aus seinem Mundwinkel einige mit Speichel vermischte Tröpfchen vom Inhalt der nackten Dame auf Großvater Frodels Heiratsurkunde, die direkt unter seiner Wange lag.

Und dann begann es, um mich herum dunkel zu werden.

Mein Kopf wurde so schwer wie eine gefüllte Mülltonne des Jahres 1957 (Blech, kein Kunststoff, wenn ich erinnern darf), und meine Augen schlossen sich ohne mein Zutun.

Dann fiel ich in ein tiefes Loch und sah einige Meter vor mir meinen Freund Albert fallen. Für einen kurzen Moment konnte ich erkennen, dass das Gebilde, durch das wir stürzten, wie eine achteckige Tunnelröhre aussah. Und am Ende dieses langen Absturzes landeten wir, in der ersten Bankreihe der Johanneskirche, inmitten einer Hochzeitsgesellschaft.

Die zwei Plätze, auf denen wir zu sitzen kamen, waren offensichtlich für jemanden freigehalten worden. Aber doch nicht etwa für uns?

Niemand der Anwesenden schien unser plötzliches Erscheinen aus dem Nichts zu verwundern. Die Trauungszeremonie ging ohne Unterbrechung weiter.

Ich schaute mich um.

Die Gläubigen waren alle sehr altmodisch gekleidet. So, wie ich das nur von alten, vergilbten Fotografien kannte. Wo waren wir hier nur hereingeplatzt?

Doch als ich das Brautpaar etwas näher unter die Lupe nahm, ahnte ich, was die Stunde geschlagen hatte. Die Ähnlichkeit des Bräutigams mit Albert war unverkennbar. Hier fand ohne Zweifel die Hochzeit seines Großvaters statt.

"He! Albert", flüsterte ich ihm ins Ohr, "weißt du wer da heiratet?" Doch Albert reagierte nicht. Auch ein kräftiger Rippenstoß ließ ihn kalt und ungerührt. Er saß neben mir wie eine Schaufensterpuppe. Offensichtlich konnte ich in diesem Traum - ich dachte damals, es sei ein Traum, was hätte es denn auch sonst sein sollen - zu meinem Freund keinerlei Verbindung aufnehmen. Dafür knüpfte ich aber im nächsten Augenblick eine um so intensivere Verbindung zu der vor dem festlich geschmückten Altar stehenden Braut.

Sie hatte sich einmal kurz umgeschaut - mutmaßlich, weil sie den Blickkontakt mit ihrer Mutter, ihrem Vater oder einer Freundin suchte - und war unvermittelt an meinen Augen hängen geblieben.

Einer schöneren Frau war ich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Sie hatte Augen wie ein Reh, Haare wie gesponnenes Gold, und ihre Haut sah wie Milch und Honig aus. Bei ihren Gesichtszügen musste ein Engel Modell gestanden haben.

Mich durchlief ein regelrechter Blitz, vom Kopf bis zu den Fußsohlen, und ihr, dieser Blume des Himmels, schien es nicht anders zu ergehen.

Wenn es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick wirklich gibt, dann war uns beiden dies soeben passiert.

"... frage ich dich, Yvonne Daiela von Schönfeld, willst du mit dem hier anwesenden Hans-Peter Frodel durch das heilige Band der Ehe in Liebe und Treue verbunden sein, bis dass der Tod euch scheidet? So antworte mir: Ja, ich will."

Erst als die darauffolgende, peinlich lang andauernde Stille durch ein Räuspern des Pfarrers unterbrochen wurde, kamen wir, die Braut und ich, wieder zu uns. Und in dem Moment, als Yvonne ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Zeremonie richtete, fiel ich erneut in ein schwarzes Loch und erwachte am Ende des Fallens wieder in Alberts Arbeitszimmer.

Ich dachte zumindest im ersten Augenblick, ich sei erwacht, aber die weiteren Ereignisse dieser Nacht deuteten eher darauf hin, dass ich nach wie vor in einem Traum gefangen war, der nun zu einem entsetzlichen Alptraum eskalierte. Albert lag noch immer besinnungslos mit seinem Kopf auf dem Schreibtisch, aber etwas Entscheidendes hatte sich verändert. Großvater Frodels Heiratsurkunde war verschwunden. Aber das war noch lange nicht alles.

Alberts Hand, die noch das Glas umklammerte, aus dem er das Traumelixier getrunken hatte, war seltsam farblos. Ja, ich möchte sogar sagen, wenn es sich nicht so unglaublich anhören würde, dass zwei Finger dieser Hand durchsichtig waren. Aber nicht nur seine Hand war seltsam verändert, der ganze rechte Arm sah nicht normal aus. Was ging hier vor?

Ich raffte mich aus meinem Sessel auf, taumelte in Alberts Arbeitszimmer hin und her und schaute, ob sich vielleicht noch andere Dinge veränderten.

Mein Blick fiel auf Alberts Ahnentafel, die, in einem rustikalen Rahmen gefasst und einer Acryl-Glasscheibe vor Verunreinigungen geschützt, über dem Kamin hing.

Oh nein! Das kann doch nicht war sein, dachte ich. Alberts Name war vom Baumstamm des Stammbaums verschwunden. Das Blut in meinen Adern begann zu gefrieren und gleichzeitig zu sieden. Herzklopfen ließ meine Halsschlagadern wie prallgefüllte Feuerwehrschläuche anschwellen und meine Trommelfelle wie von Paukenschlägen erzittern. Ein ängstlicher Blick auf Albert raubte mir fast den Verstand. Mittlerweile war sein gesamter Körper von dieser rätselhaften Durchsichtigkeit befallen. Ich konnte ihn kaum noch ausmachen. Nur verschwommene, nebelartige Konturen zeigten noch undeutlich an, wo Albert sich befand. Von Entsetzen geschüttelt schaute ich erneut auf die handgeschriebene Ahnentafel. In ihrer Mitte stand jetzt der Name Michael Frodel, und die Eintragungen darauf stammten ganz eindeutig nicht mehr von Alberts Hand.

Außerdem hatte laut dieser Tafel Großvater Hans-Peter Frodel nicht im Jahre 1922 geheiratet, sondern erst drei Jahre später. Und seine Gattin hieß nicht Yvonne, sondern Roswitha, geb. Schnabler. Der Name Yvonne Daiela Frodel, geb. von Schönfeld, war vom Stammbaum der Frodels getilgt. Grauen erfüllte mich.

Und es ging mit den Seltsamkeiten noch immer weiter.

Alberts Großvater hatte dieser Ahnentafel zufolge zwei Jahre nach seiner Hochzeit mit Roswitha keinen Sohn gezeugt, sondern ein Jahr danach eine Tochter. Und erst zwei Jahre später kam dann ein Stammhalter zur Welt, den die beiden aber nicht Andreas, sondern Stephan nannten. Und dieser Stephan sorgte im Jahre 1949 dafür, dass Michael Frodel das Licht der Welt erblickte.

Jener Michael Frodel, der jetzt den Baumstamm des Stammbaums verunzierte.

Albert und dessen Vater Andreas hatten diesem genealogischen Machwerk zufolge niemals existiert.

Die restlichen Eintragungen stimmten alle mit meinen Erinnerungen vom ursprünglichen Stammbaum der Frodels überein. Da hatte sich offensichtlich nichts verändert. Was war nur mit der schönen Yvonne passiert?

Und was passierte hier überhaupt?

Höchstwahrscheinlich steckte ich abgrundtief in einem Delirium.

So viel wie heute hatte ich ja auch in meinem ganzen Leben noch nicht getrunken. Und das Traumelixier, ein wahrscheinlich harmloses, aber hochprozentiges Kräutergebräu, gab mir den Rest.

Ich ging zu Alberts Schreibtisch zurück und ließ mich auf jenem Sessel nieder, auf dem mein Freund noch vor ein paar Minuten gesessen hatte, jetzt aber offensichtlich zu Nebelschwaden verdunstet war.

Dies alles konnten nur die Auswirkungen einer gewaltigen Alkoholvergiftung sein. Ich würde jetzt meine Augen schließen, diesen Rausch gründlich ausschlafen und nie wieder einen Tropfen Alkohol anrühren.

"He! Was machen Sie in meinem Wohnzimmer?" weckte mich die beißende Stimme eines mir fremden Mannes. "Wer sind Sie? Und was machen Sie hier?" wiederholte er seine drohend ausgestoßene Frage.

Ich schlug die Augen auf, und vor mir stand ein Mann, der entfernt meinem Freund ähnlich sah. Aber es war nicht Albert. Und es war auch nicht Alberts Arbeitszimmer, in dem ich mich jetzt befand. Der Raum war mir völlig fremd. Was war jetzt schon wieder passiert?

Ich konnte Herrn Michael Frodel - so stellte sich der Mann mir vor, nachdem ich ihm versicherte, dass ich hier weder als Einbrecher noch als Mörder tätig sei - mein widerrechtliches Vorhandensein in seinem Wohnzimmer natürlich nicht erklären.

Wie auch? Ich verstand ja selbst nicht, was mit mir geschehen war.

Der einzige Gegenstand in diesem Raum, der mir einigermaßen vertraut vorkam, war eine Ahnentafel, die in einem modernen Hinterglasrahmen zwischen zwei wertvoll aussehenden Ölgemälden an der Wand hing. Diese, nicht die selbe, aber eine ähnliche, hatte ich während meines Deliriums schon einmal gesehen. Es war die bildhafte Darstellung der Familienchronik der Frodels mit dem Namen Michael Frodel im Zentrum. Und jener Herr, der anscheinend meinen Freund Albert aus seinem Leben verdrängt hatte, machte mit mir dann kurzen Prozess und übergab mich der Kriminalpolizei.

Dort schlief ich dann in einer äußerst kargen und ungemütlichen Zelle den Rest meines Rausches aus.

 

Als ich am nächsten Morgen mit fürchterlichen Kopfschmerzen erwachte, begann ich mir ernsthafte Sorgen um meine Frau zu machen. Denn Angela hatte ich vor rund 20 Jahren durch Alberts Hilfe kennen gelernt.

Ich, selbst ein hoffnungslos schüchterner Mensch, hatte Albert, in diesen Dingen das genaue Gegenteil von mir, damals gebeten, das schwarzhaarige Mädchen, deren Minirock meine Mutter 1957 vermutlich als einen breiten Gürtel bezeichnet hätte, auf dem Heinerfest für mich anzusprechen und sie mir dann dezent zu übergeben.

Für ihn war das ein Leichtes. Derartige Dienste hatte er mir damals des öfteren erwiesen. Und bei Angela damit sogar eine mittlerweile 19jährige Ehe gestiftet.

Was war wohl jetzt mit ihr?

Oder besser gefragt: Wo war sie jetzt?

War sie zu Hause, in unserer gemeinsamen Wohnung? Und, gab es unsre Wohnung überhaupt?

Fragen über Fragen. Alle ohne Antworten.

Mir wurde schwindlig.

 

Zum Glück hatte ich meine Papiere bei mir, sonst hätten mich die freundlichen Beamten vom Polizeipräsidium bestimmt nicht nach Hause gehen lassen, und ich hätte noch nicht einmal gewusst, wo sich mein Zuhause überhaupt befindet. Denn ich wohnte nicht mehr in der Pallaswiesenstraße, in der ich meines Wissens die letzten 17 Jahre glücklich lebte. Aus meinem Personalausweis ging eindeutig hervor, dass meine Adresse jetzt bzw. schon immer die Wilhelm-Leuschner-Straße 13 sei. Dass mir die Wohnhäuser in dieser Gegend aber fremd erschienen, sprach gegen die Behauptung meines Ausweises.

Wer würde wohl unter dieser mir unbekannten Adresse auf mich warten?

Und, würde überhaupt irgend jemand irgendwo auf mich warten?

Meine Eltern waren vor 9 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Aber vielleicht stimmte auch diese Tatsache nicht mehr, denn auch bei jenem schrecklichen Unglück hatte Albert unbewusst und ungewollt eine kleine Nebenrolle gespielt.

Sollte ich zuerst einmal die ehemalige Wohnung meiner Eltern aufsuchen und mit ihnen, falls sie tatsächlich noch am Leben waren, die ganze mysteriöse Sache besprechen? Mama würde sich vielleicht sogar noch an die obszöne Flasche erinnern können. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Nach Hause gehen, zu einer Frau, die ich möglicherweise nicht kennen, die aber über diesen Umstand sehr erstaunt sein würde? Oder aber dort eine Junggesellenbude vorfinden und dadurch definitiv wissen, dass es kein weibliches Wesen in meinem Leben gibt.

Ich wusste nicht, was tun.

Und so ging ich erst einmal zum Herrngarten, setzte mich in der Nähe des Goethe-Denkmals auf eine Parkbank und dachte nach.

 

Ungefähr fünf Stunden später hatte ich meine sämtlichen Fingernägel so weit abgekaut, dass die Kuppen bluteten. Ich kam zu der ernüchternden Überzeugung, dass ich höchstwahrscheinlich verrückt geworden war und machte mich resigniert auf den Weg nach Hause bzw. in die Wilhelm-Leuschner-Straße. Egal was mich dort erwarten würde, ich würde es entweder verkraften müssen oder mir das Leben nehmen.

 

Zu Hause wartete natürlich nicht Angela auf mich, sondern eine Frau, die mir aber dennoch nicht unbekannt vorkam.

Ich begrüßte sie, wie man seine Ehefrau begrüßt und spürte bei diesem Kuss einen Blitz durch meinen Körper sausen. Ein Gefühl, das ich vor nicht allzu langer Zeit schon einmal spürte. Und in diesem Moment wusste ich auch, wo ich ihr Gesicht schon einmal sah.

Yvonne Daiela von Schönfeld.

Meine jetzige Frau musste eine Nachfahre dieser wunderschönen Braut meines Alptraums - oder was immer es auch gewesen sein mochte - sein.

Entweder war ich verrückt geworden oder die Welt.

 

In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten versuchte ich, mit den so dramatisch veränderten Umständen meines Lebens, so gut es ging, zurechtzukommen. Isabella, meine jetzige Frau, mit der ich laut Familienstammbuch schon über 23 Jahre verheiratet bin und zwei fast erwachsene Kinder habe, erklärt mich zwar ab und zu augenzwinkernd für total bekloppt, weil ich manchmal die einfachsten Zusammenhänge nicht verstehe und manche unserer langjährigen Bekannten und sogar bestimmte Verwandte angeblich nicht kenne, aber sonst ging es mir bis gestern eigentlich ganz gut.

 

In der Zwischenzeit habe ich einige meiner früheren Schulkameraden aufgesucht und sie vorsichtig über Albert Frodel befragt. Keiner konnte sich an einen Jungen mit diesem Namen erinnern. Nur Volker Freud, dem mittlerweile 71jährigen ehemaligen Hausmeister der Goethe-Schule, klingelten beim Namen Frodel ein wenig die Ohrläppchen. Er war der vagen Meinung, dass es entweder in meiner Parallelklasse oder aber in einer Klasse unter der meinen einen Frodel gegeben habe. Dessen Vorname sei aber nicht Albert gewesen. Bei der Erwähnung des Namens Michael wiegte er sein greises Haupt eine Weile hin und her, kratzte sich geräuschvoll die grauen Bartstoppel, fuhr mit der Zunge unter sein Gebiss und ließ seine fünften Zähne klappern und meinte dann, dass er es nicht mehr genau wisse, es aber durchaus sein könne, dass dieser Frodel Michael geheißen habe.

Ich kam also mit der Zeit zu dem Schluss, dass ich mein ganzes bisheriges Leben wohl in einer Art Traumwelt verbracht haben musste.

 

Dann, sieben Wochen nachdem sich meine Lebenssituation so dramatisch veränderte, fand ich im Keller unserer 4-Zimmer-Wohnung rein zufällig jene Flaschenfrau, die ich mittlerweile für alles verantwortlich mache. Sie war hinter einem Stapel alter, vergilbter Darmstädter Echos in einem schmuddeligen Schuhkarton versteckt gewesen.

Dieser Fund trug natürlich auch nicht dazu bei, meine geistige Gesundheit wieder herzustellen. Am Inhalt der nackten Dame fehlten etwa vier Zentimeter.

Und gestern bekam ich dann einen Brief, der mich völlig durcheinander brachte.

Aber lesen Sie bitte selbst:

 

Sehr geehrter Herr Beulek,

wie Sie ja möglicherweise bereits wissen oder ahnen, bin ich ein Mann für schwierige Fälle. Falls Ihnen mein Name jedoch nichts sagen sollte, möchte ich Ihnen hiermit gerne auf die Sprünge helfen.

Ihr guter Freund Albert Frodel war einmal ein Kunde von mir.

Er beauftragte mich vor rund zwei Jahren, ihm die verschollene Heiratsurkunde seines Großvaters zu besorgen. Dieses Dokument war durch Umstände, die ich hier nicht näher erläutern kann und will, in Raum und Zeit verlorengegangen; für gewöhnliche Sterbliche wie Sie und Ihr Freund das sind bzw. waren, unmöglich wiederzubeschaffen. Aber für mich kein großes Problem.

Sollte auch Sie einmal ein Problem der unlösbaren Art belasten - ich denke, Sie haben ein solches -, stehe ich Ihnen gerne mit meinem gesamten Wissen und Können zur Verfügung.

Aber ich bitte Sie, bevor Sie sich an mich wenden, meine etwas ungewöhnlichen Gebühren zu beachten. Sie wissen ja, womit Albert zahlen musste.

Das Fräulein von Schönfeld hatte aus Gründen, die wahrscheinlich nur Ihnen und mir bekannt sein dürften, während der Hochzeitszeremonie plötzlich ihre Meinung geändert und wollte danach Herrn Hans-Peter Frodel für nichts auf der Welt mehr ehelichen.

Pech für Albert! Gut für mich! Wieso gut für mich?

Das kann und will ich Ihnen in diesem Brief nicht erklären.

Aber bei Ihnen liegt der Fall sowieso ganz anders.

Ich würde mich freuen, bald von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen

Tdrahreg Niloc

PS: Meinen Aufenthaltsort finden Sie im Gürtelbereich einer Ihnen nicht unbekannten, etwas korpulenten nackten Dame.

 

So, nun haben Sie selbst gelesen, was dieser unheimliche Fremde geschrieben hat und können mir vielleicht raten, ob ich mich mit meinem Problem an ihn wenden soll. Ganz schlau bin ich aus seinen Anspielungen nicht geworden. Sollte die schöne Yvonne Daiela von Schönfeld tatsächlich ihre Einwilligung zur Eheschließung mit Alberts Großvater nur deswegen zurückgezogen haben, weil wir uns in einem Traum ineinander verliebten? So etwas kann es doch gar nicht geben! Vielleicht kann Herr Niloc mir erklären, was wirklich passierte.

 

Eine genauere Beschreibung der Zusammenhänge ist mir zur Zeit leider nicht möglich. Ich bin sogar sehr froh darüber, dass ich die unheimlichen Vorgänge überhaupt in dieser Form festhalten konnte. Vielleicht gelingt es mir ja, wenn ein paar Jahre ins Land gezogen sind und ich es unter Umständen geschafft habe, neues Material zu sammeln, ein wenig Licht in das mysteriöse Verschwinden meines Freundes Albert zu bringen. Wenn dies eintritt, werde ich versuchen, ein Buch über diesen Fall zu schreiben.

 

Anmerkung des Autors:

Das erwähnte Buch wurde tatsächlich geschrieben. Aber nicht von Ulrich Beulek, sondern von Tdrahreg Niloc. Sein Titel lautet: "Das Oktagon"

Und wer es gerne lesen möchte, kann es kostenlos per E-Mail beziehen bei:

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