Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header5.jpg

Die Autoren von BookOla.de erstellen Rezensionen von Romanen, Kurzgeschichten
und allem was von bekannten und unbekannten Autoren zu Papier gebracht wird.
Die Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links.
Wenn du auf so einen Affiliate-Link klickst und über diesen Link einkaufst, bekomme ich
von Amazon eine kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht, aber dieser kleine
Betrag hilft mir, die Unkosten der Seite zu bestreiten.

Wusstest du schon, dass das Wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann,
dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt
 


© 2003 Konz

"Wusstest du schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt", sagte ich zu Clemens. "Soll das eine Frage sein?", entgegnete er verwundert. "Nein, das habe ich neulich gelesen und ich fand es ... wie soll ich sagen ... so merkwürdig, außerdem waren alle Worte darin klein geschrieben und es war nur ein Teil eines großen Gedichtes, aber diese eine Strophe hat es mir angetan. Findest du nicht auch, das sie irgendwie toll klingt?" Was folgte, war ein kurzes, aber sehr intensives Schweigen im Zimmer von Clemens, wo wir saßen. Dann endlich sagte Clemens: "Es ist schon außergewöhnlich, aber wenn es, wie du sagtest, nur ein Teil von etwas Größerem ist, lässt es sich nicht einfach so bewerten. Für mich handeln diese Worte von Freundschaft. Freundschaft über den Tod hinaus."

Mir war bewusst, was Clemens damit sagen wollte. Es war schon lange klar, das uns beide etwas verband. Wir gehörten zwar einer Clique von sechs Jungs an, aber Clemens und ich waren wohl so etwas, was man "beste Freunde" nannte. Wir verstanden uns alle mit den anderen vier sehr gut aber manchmal habe ich das Gefühl, das wir zwei uns gesucht und gefunden haben. Ein Wink des Schicksals? Ich weiß es nicht. Und um ehrlich zu sein, möchte ich das auch gar nicht wissen. Es ist wunderbar, das es Clemens gibt, mit keinem anderen Menschen kann ich über meine Probleme so reden wie mit ihm. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Aber es ist nicht nur das. Einen Freund oder eine Freundin mit solchen Eigenschaften hat sicher jeder. Aber manchmal, wenn ich mich mit ihm treffe, dann passiert etwas völlig verrücktes, zumindest würden das die denken ,die uns hören könnten. Wir unterhalten uns einfach und ohne das wir es bemerken, haben wir uns in ein Thema vertieft und philosophieren. Wir reden über Mädchen, Jungs und die Unterschiede, über Schule und über das Leben an sich.

Aber nicht selten fantasieren wir über Sachen wie Leben nach dem Tod, die Frage nach außerirdischer Existenz usw. Diese Aufzählung könnte ich bequem ergänzen, wir sprechen über alle möglichen Dinge.

Es kommt vor, dass wir am Wochenende oder in den Ferien bei mir oder ihm übernachten und dann wird meist die ganze Nacht über geredet und geredet. Das könnte ich mittlerweile mit keinem anderen Menschen tun.

Gerade jetzt, wo wir beide 16 sind, kurz vorm Verlassen der Schule, machen wir uns sehr oft Gedanken über den Sinn des Lebens und andere Fragen die dadurch aufgeworfen werden. Und in einer solchen Zeit ist Clemens jemand, den ich einfach nicht verlieren will. Natürlich gibt es nebenher noch andere Freunde, ohne die ich nicht der wäre, der ich bin, aber das sind Freunde, die sehr schnell kommen und gehen. Bei Clemens ist das anders.

Ich glaube, wenn mich jemand fragen würde, warum ich mit ihm befreundet bin, würde ich demjenigen genau das antworten, was ich eben sagte. Anders ließe es sich nicht erklären.

Warum auch? Solche Sachen bedürfen keiner Erklärung.

Wir waren also wie schon gesagt bei Clemens zu Hause und warteten darauf, dass seine Mutter kam, um ihr die entscheidende Frage zu stellen. Es war Freitag nachmittag und wir hatten wieder einmal vor, bei mir die Nacht zu verbringen. Nur leider erfordert so etwas nun mal das Einverständnis von Papa oder besser noch Mama. Wir warteten also. Es war noch knapp eine halbe Stunde Zeit, bis sie auftauchen würde.

Da stellte mir Clemens eine Frage: "Was würdest du tun, wenn du erfahren würdest, dass ich tot bin. Einfach so ,von einer Minute auf die andere. Was wäre deine Reaktion?" Ich erstarrte, war verwirrt. Wie konnte er das nur fragen? Aber genau das war auch meine Antwort. "Ich wäre fassungslos...genau wie jetzt. Ich würde mich wundern, was das soll würde ich fragen. Letztlich würde ich es einfach verdrängen. Aber warum interessiert dich das?" "Ich wollte nur sichergehen, ob du genau so denkst wie ich. Und auch wenn es in Anbetracht der Frage makaber erscheint, bin ich erfreut zu hören, dass dies der Fall ist. Ich habe mir diese Frage kürzlich selber gestellt und kam zur gleichen Erkenntnis."

Ich war noch immer wie gelähmt. Natürlich haben wir uns auch schon über den Tod unterhalten, aber jetzt traf mich die Frage.

Die Haustür wurde geöffnet. Wir wussten beide was das bedeutete. Clemens rief: "Mutti, bist du es?" "Ja", ertönte es aus dem Flur ein Stockwerk tiefer. Wir rannten in den Flur hinaus. Als wir an dem Spiegel, der hier hing, vorbeiliefen, sah ich kurz hinein und erkannte unscharf unsere beiden Gestalten. Clemens erreichte vor mir die Treppe, die nach unten führte. Er bewegte sich sehr schnell und als er die erste Stufe hinab gelaufen war, rutschte er plötzlich aus, fuchtelte mit den Armen und versuchte so, wieder Gleichgewicht zu erlangen. Ich griff ihm geistesgegenwärtig von hinten unter die Arme und konnte so verhindern, das er nach unten stürzte. "Danke. Wenn du nicht reagiert hättest, läge ich jetzt unten." "Ach nicht der Rede wert, antwortete ich, "jeder hätte es getan". Wir gingen gemeinsam in die Küche und stellten nach einer kurzen Begrüßung Clemens’s Mutter die Frage. Das eigentliche Thema, der Tod und das Sterben, war vergessen.

Draußen war herrliches Wetter. Die Sonne schien, es war angenehm warm, ein leichter Wind wehte. Wir waren auf dem Weg zur Half – Pipe neben der Turnhalle. Clemens und Norbert, ein anderer Junge unserer Clique, waren seit kurzem dabei, mir das Skateboard fahren zu lernen.

Auf dem benachbarten Sportplatz konnten wir einige Jungs beim Fussballtraining beobachten. Bis auf Skateboard und Rad fahren interessierte ich mich nicht sonderlich für Sport. Da las ich lieber Bücher.

Mein absoluter Traumberuf ist ja, Schriftsteller zu sein, aber das ist Illusion. Ich werde nach dem Abitur Journalist. Dazu bräuchte ich als Idealvorraussetzung zwar noch ein abgeschlossenes Studium, aber mein Ziel und die Bedingung dafür ist das Abitur.

Wir skateten. "Wie lange könnt ihr heute abend raus?", fragte Norbert. Ich antwortete sofort: "Clemens übernachtet heute mal wieder bei mir" "Ach dann wohl nicht sehr lange." "Wie lange darfst du denn?", rief ich Norbert entgegen. Er sagte, er könne nur bis 22:30 Uhr, weil er sich neulich mal um über eine Stunde verspätet hatte. Also einigten wir uns auf 22:00 Uhr.

Die Zeit verging sehr schnell, wie immer an einem solchen Nachmittag. Und doch wünscht man sich, diese Zeit würde nie enden.

Um kurz vor 7 am Abend bekam Norbert einen Anruf. Am Handy meldete sich seine Mutter, die verkündete, das sie kurzfristig übers Wochenende Bekannte besuchen wollten und noch heute losfahren. Da hieß es dann wohl Abschied nehmen. Wir brachten Norbert noch zu seinem Haus, und da Clemens nicht weit weg wohnte, holten wir gleich seine Sachen für die Nacht ab und fuhren zu mir. Um so besser, bei mir zu Hause war auch keiner da, also bestellten wir uns eine Pizza und machten einen kleinen Videoabend. Gegen 23:00 Uhr gingen wir auf mein Zimmer. Darauf folgte eine der nicht enden wollenden Nächte in denen wir über Gott und die Welt diskutierten.

"Stell dir vor, ich sterbe und du bist dabei. Aber du überlebst. Was..." "Halt!!!" schrie ich. "Erst willst du wissen wie ich reagiere, wenn mich die Nachricht deines Todes überrascht und jetzt fragst du auch noch was passiert, wenn ich dabei bin?" "Wenn du nach dem Grund fragst," entgegnete er, "dann sollst du wissen, es ist der selbe wie heute nachmittag." "Aber warum willst du das alles plötzlich erfahren?" "Ich weiß auch nicht, es ist einfach wichtig für mich zu wissen, wie du darüber denkst." Clemens war auf einmal sehr unsicher. "Ich kann dir nur sagen, das ich dazu jetzt überhaupt keine konkrete Meinung habe! Darüber denkt man doch erst nach ,wenn es wirklich passiert ist!

Oder glaubst du etwa, es macht mir Spaß mich jeden Tag damit zu beschäftigen, was wäre, wenn du nicht mehr hier bist? Ich will mein Leben genießen, verdammt nochmal! Ich lebe im Hier und Jetzt, du bist bei mir und das ist einfach toll!" Die Worte schossen förmlich aus mir heraus.

"Ich dachte, mit meinem besten Freund kann ich über meine Ängste reden", sagte Clemens ziemlich beleidigt. Die ganze Angelegenheit drohte zu eskalieren.

Wenn ich jetzt einen Themenwechsel vorschlagen würde, wäre Clemens noch schlechter gelaunt.

Ich sagte: "Natürlich können wir darüber reden, aber du hast mich völlig überrascht mit dieser Fragerei. Darauf war ich nicht vorbereitet, verstehst du das? Ich wollte dir ja nichts Falsches sagen."

Sein Gesicht nahm wieder freundliche Züge an. Ich schaute auf die Uhr: 3:57 Uhr. "Wir sollten jetzt schlafen", sagte ich. Morgen sieht es schon wieder anders aus. OK?" "Ja".

In der Nacht wurde mir einiges klar. Ich hatte damit angefangen. Ich hatte Clemens erst auf diese Idee gebracht. Ich habe ihm von dem Gedicht erzählt. Diese eine Strophe:

wusstest du schon

dass das wegbleiben

eines menschen

sterben lassen kann

dass das kommen

eines menschen

wieder leben lässt.

Deshalb diese Fragen. Er sagte, diese Zeilen handeln von Freundschaft. Freundschaft über den Tod hinaus. Das wollte er also wissen. Er wollte mich prüfen. Er wollte Klarheit darüber, ob ich, wenn er stirbt, noch sein Freund bin. Und ob ich es darüber hinaus nach seinem Tod noch sein werde. Das waren alles Fragen, so viele Fragen. Natürlich werden ich noch sein Freund sein, auch wenn er gestorben ist. In meiner Erinnerung wird er immer da sein. Das hoffe ich zumindest. Ist es nicht seltsam? Ich weiß im Moment nicht, ob ich später, wenn wir uns nicht mehr sehen, noch an ihn denken werde. Ob es Clemens genau so geht? Er sagte mir, dass er nur überprüfen will, ob wir beide das Gleiche denken. Denkt er noch an mich, wenn ich tot bin? Das wurde mir zuviel. Ich blickte zu Clemens. Er schlief. Es war mittlerweile 6 Uhr morgens. Ich schloss die Augen.

 

 

Zwei Stunden später wurde ich wach geschüttelt. "Aufstehen, es ist schon nach 8 Uhr!" Langsam öffnete ich die Augen und sah die selbigen von Clemens. Ich stieß ihn weg. Ich lachte. "Sag mal ,bist du meine Mutter oder was?!?"

Beide grinsten wir. "Na hast du dich wieder beruhigt?..." "Was meinst...?" Da wusste ich. Unser Gespräch vor einigen Stunden.

"Jaja, hab da etwas überreagiert, entschuldige. Ich weiß was du sagen wolltest. Dir geht diese Strophe von gestern nicht mehr aus dem Kopf, nicht wahr?"

"Genau", sagte er wie in Trance. Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Glaubst du, dass wir uns irgendwann wieder sehen? Ich meine, wenn wir beide tot sind. Nicht im Himmel oder so, sondern ob es da etwas gibt wo wir beide noch präsent sind? Oder auch nur unsere Seelen."

"Das frage ich mich täglich, aber am besten findet man es heraus, wenn man es sich ganz stark wünscht, es sich vorstellen kann und hofft, das es wahr wird. Aber du findest keine Antwort, wenn du ständig nach dem Wie und Warum fragst. Weißt du was? Lass uns frühstücken und nicht mehr daran denken, sonst verquatschen wir heute noch den ganzen kostbaren Tag." Mit diesen Worten, denen ein zustimmendes Nicken von Clemens folgte, verließen wir das Zimmer und suchten die Küche auf. Wir aßen und es verging noch einige Zeit, bis ich wieder an diese Nacht zurückdachte.

Der gesamte Samstag gehörte uns. Es dauerte zwar noch fast bis Mittag, ehe Clemens nach Hause fuhr, aber da war ja immer noch der Nachmittag. Den verbrachten wir mit einigen anderen wieder mal auf der Pipe. Norbert war noch bei seinen Bekannten zu Besuch, würde aber am Abend zurück kommen. Ich machte deutliche Fortschritte beim Fahren, versicherte Clemens mir.

Plötzlich klingelte ein Handy. Es war das von Clemens. Er nahm ab. "Ja", "Hallo", und ähnliche Wortfetzen bekam ich mit. Er telefonierte noch eine Weile. Ich hatte gerade beschlossen doch erst zu fragen, wer es denn gewesen sei, wenn er aufgelegt hatte, als Clemens noch mit dem Telefon am Ohr fragte: "Heute abend Cliquentreffen, was hältst du davon? Alle anderen bis auf Norbert haben schon zugesagt, aber den können wir ja noch kontaktieren." Ich hatte natürlich nichts dagegen, dass sich mal wieder alle treffen würden, also stimmte ich zu. Clemens legte auf. "Es war Michael." Natürlich. Michael war so etwas wie das heimliche Oberhaupt unserer Gruppe. Er war es meist, der Treffen u.ä. ins Rollen brachte, so auch heute.

Wir riefen Norbert an. Er versicherte uns, gegen 19:00 Uhr da zu sein, sogar noch 1 Stunde vor der ausgemachten Treffzeit. Treffen wollten wir uns alle an meinem Haus, dies hatten wir schon oft getan, da es zentral lag. Es war einfach gut zu wissen, dass man seine Freunde alle wieder mal sieht und einfach nur zusammen Spaß hat. Vielleicht würde ich den Fotoapparat mitnehmen, denn die schönsten Erinnerungen werden durch Bilder noch stärker.

Bald war es 18:00 und wir beschlossen, aufzubrechen. So hatte jeder noch knapp 2 Stunden für sich und dem Treffen stand nichts mehr im Wege.

10 Minuten vor 8 standen Norbert und Clemens mit ihren Rädern vor meiner Tür. Wenn wir uns trafen, hatten sie schon oft ihre Räder bei uns abgestellt.

Wir begrüßten uns und warteten auf den Rest. Und es dauerte nicht lange, da tauchten Michael sowie Paul und Martin, welche noch zur Gruppe, in der wir uns immer trafen, gehörten, auf.

Und so ging ein Abend seinen Gang, welcher mittlerweile schon völlig normal war, aber er stellte auch, wie jedes Mal wenn Clemens und ich in der Nacht stundenlang redeten, etwas besonderes und einmaliges dar.

Es war einfach Routine und doch immer wieder umwerfend sich mit den anderen 5 Jungs zu amüsieren. Wir wollten das einfach genießen, solange es noch möglich war. In spätestens 2 – 3 Monaten würde das schon anders aussehen. Nach den Ferien würden Paul, Michael und ich das Wirtschaftsgymnasium besuchen und uns weiter täglich sehen. Aber Norbert würde dann seine Lehre als IT – Systemelektroniker in Erfurt beginnen, was mit Martin sein würde, konnte keiner sagen ,wahrscheinlich würde er ein BVJ – ein Berufsvorbereitungsjahr, absolvieren, und Clemens startete mit der Ausbildung zum Koch in der Hotelfachschule Pirna.

Der Abend neigte sich dem Ende, Clemens, Norbert und ich waren die letzten der Gruppe, wir hatten die Anderen nach Hause gebracht. Wir waren auf dem Weg zu meinem Haus. Ich würde sie wie immer verabschieden und dann, nachdem ich das Tor hinter mir geschlossen hatte, sehen wie sie sich auf den Heimweg machten. Wir gaben uns wie gewöhnlich zum Abschluss die Hand. Zu erst Norbert. Als ich Clemens‘ Hand ergriff und sie schüttelte, war mir nicht bewusst, welche Bedeutung dieser Handschlag haben würde. Noch nicht in diesem Augenblick. Erst später.

Noch während ich seine Hand hielt, schossen mir plötzlich folgende Worte durch den Kopf: Wusstest du schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt. Ich konnte mit diesem Satz nichts anfangen, obwohl ich wusste, das ich ihn irgendwo schon einmal gelesen hatte. Ich kannte ihn. Aber die Bedeutung war mir entfallen.

Ich blickte daraufhin auf den Menschen vor mir und es dauerte 2 – 3 Sekunden bis mir klar war, dass Clemens vor mir stand.

Beide schwangen sich auf ihre Räder und verschwanden in der Nacht. Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach 12. Der neue Tag war angebrochen. Sonntag morgen, sozusagen. Ich öffnete die Haustür, trat hinein, ging die Treppe hinauf, zog Jacke und Schuhe aus und ging eine weitere Treppe nach oben, bis ich schließlich vor meiner Zimmertür war. Ich lief weiter und sank ohne Grund auf meinem Bett zusammen. Ich dachte gar nicht daran, meine Sachen auszuziehen. Ich schlief ein.

"Oh Gott, nein! Das ist nicht wahr!!!" Clemens lag im Flur, am Fuße der Treppe, die in den nächsten Stock seines Hauses führte. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Vor allem sein Kopf war merkwürdig verdreht. Mit Entsetzten stellte ich fest, das er fast um 180 Grad gedreht war. Und die nächste Erkenntnis kam wie der Blitz! Clemens war tot!!! Oh mein Gott! Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Wenn sein Kopf so aussah, konnte er gar nicht überlebt haben.

Vermutlich war er beim Rauf – oder Runter laufen ausgerutscht und sofort gestürzt. Ich rannte zu ihm, doch es war zu spät. Er hatte den Mund zu einem Schrei grotesk weit aufgerissen. Seine Augen starrten mir entgegen.

In ihnen konnte ich etwas lesen. Sie sagten mir: wusstest du schon, dass das wegbleiben eines menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines

menschen wieder leben lässt.

Ich riss die Augen auf und fuhr in die Höhe. Ein rascher Blick auf die Uhr verriet mir, das es kurz vor halb fünf am Morgen war. Ich hatte geträumt. Und jetzt wusste ich auch, weshalb ich mich nicht ausgezogen hatte! Es war noch nicht zu spät! Ich konnte Clemens noch helfen, wenn ich nur rannte. Sofort stürzte ich aus dem Bett und verließ das Haus. Ich vergaß sogar meine Schuhe. Ich wollte nur weg hier und so schnell wie möglich zu Clemens, um ihn zu retten. Er würde stürzen, das weiß ich. Aber wenn ich schnell genug war, könnte ich ihn vorm Sterben bewahren.

Ich rannte durch die Nacht, barfuß, meine Füße hämmerten auf dem Asphalt der Straßen. Ich dachte an nichts anderes als an meinen besten Freund. Würde ich ihn noch rechtzeitig warnen können? Obwohl mein Ziel in 5 Minuten erreicht war, kam es mir vor, als würde ich ewig rennen. Nichts nahm ich auch nur im Geringsten von meiner Umwelt wahr.

Als ich schließlich in die Einfahrt einbog, welche dem Haus meines besten Freundes gehörte, schaute ich auf die Uhr. Tatsächlich. Es war gerade eine Minute nach halb fünf. Ich war gelaufen wie ein Wahnsinniger. Meine Füße schmerzten. An einigen Stellen waren sie aufgerissen und bluteten. In den offenen Stellen klebte Dreck und Sand. Es brannte. Die Haustür war natürlich verschlossen. Jedoch bestand sie zum größten Teil aus einer Glasscheibe. Die musste ich nur zerstören und schon konnte ich nach innen greifen und sie öffnen. Ich suchte das Grundstück ab. Steine. Irgendwo müssen hier große Steine rumliegen. Aber wo? Ich rannte über die Wiese in den hinteren Gartenbereich. Hier lagen alte Steinplatten, die zum Teil zerbrochen waren. Ich griff eine von ihnen. Rannte zurück zur Tür. Auf die Veranda. Mit aller Kraft stemmte ich die Platte nach vorn. Sie krachte gegen das Glas, welches splitterte. Der Stein landete auf dem Boden. Noch war das entstandene Loch zu klein.

Ich hob mein Werkzeug auf und schleuderte es erneut in Richtung Tür. Wieder Glassplittern. Jetzt war die Stelle groß genug. Ich griff nach innen und tastete nach der Klinke. Nach mehreren Versuchen meiner zittrigen Hand gelang es mir,sie herunter zu drücken. Ich trat ein und erschrak. Denn genau wie im Traum lag Clemens an der Treppe, ein blutiger Kranz umhüllte das, was von seinem Hals noch übrig war, doch er schien noch zu atmen.

Mit seinem letzten Atemzug hauchte er: "Rette mich". Aber wie? Mir stellten sich noch mehr Fragen. Wo war sein Bruder? Hatten seine Eltern nichts gemerkt? Ich schaute zu Clemens. Seine Augen schlossen sich. Ich weiß nicht warum, aber ich tat das gleiche.

In meinem Kopf sagte plötzlich eine Stimme diese mir so bekannte Strophe des Gedichtes auf: Ich sollte handeln. Ich war mir plötzlich völlig im Klaren darüber, was zu tun war. Mit geschlossenen Augen sprach ich der Stimme in meinem Kopf nach: "Wusstest du schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt."

Alle Fragen waren zwecklos. Geistesgegenwärtig rannte ich die Treppe hinauf. Genau wie ich es erwartet hatte, hing da der Spiegel, an dem ich immer vorbeilief, wenn wir Clemens‘ Zimmer verließen. Ich schlug mit der Faust hinein, in der Hoffnung, dass eine möglichst große Scherbe übrigblieb. Meine Hand schmerzte und blutete sofort, aber es hatte sich gelohnt. Jetzt war sowieso alles egal und nur noch wichtig, das ich Clemens möglichst schnell folgte. Denn das war die einzige Lösung. Ich musste ihm folgen, um bei ihm zu bleiben. Auf dem Boden lagen einige Splitter, einer war fast doppelt so groß wie meine Hand. Ich ergriff die Scherbe, rief: "Wir werden uns wiedersehen!", rammte sie mir in den Hals und dann wurde alles weiß.

Ich schaute mich um. Noch bevor ich merkte, wo ich überhaupt war, fiel mir auf, dass ich keinen Schmerz verspürt hatte. Ich hatte einen schnellen und schmerzlosen Tod gewollt und ich habe ihn auch bekommen. Ich fasste mir an den Hals, aber da war nichts zu spüren. Mit mir war alles in Ordnung. Ich hatte einen noch existierenden Körper, aber doch schien einiges anders zu sein als vorher. Auch die Wunden an meinen Füßen waren verschwunden.

Ich versuchte, mich zu erinnern, wo ich gewesen war, bevor ich hier her kam. Es war zwecklos, darüber nachzudenken, ich konnte ja nicht zurück. Oder doch? Wo war ich überhaupt?

Ein tolles Jenseits, wirklich, dachte ich. Da wurde es heller. Immer greller schien das Licht um mich. Dann stand ich plötzlich im Zimmer des Menschen, welchen ich eigentlich hatte retten wollen. Ich machte einen Schritt nach vorn und plötzlich stand ich in meinem eigenen Zimmer. Voll Neugier tat ich noch einen Schritt, nur um festzustellen, das ich mich jetzt wieder in völliger Schwärze befand, wie zuvor. "Hallo, Clemens wo bist du?" Kein Echo. Nichts. Gar nichts. Auch keine Antwort.

Ich machte eine volle Drehung um mich selbst und nun stand ich an der Treppe, von welcher aus Clemens in den Tod gestürzt war. Ich stand oben. "Na toll!", rief ich. "Alles war umsonst. Ich bin tot, Clemens auch, aber es gibt keinen Ort, an dem wir uns wieder sehen. In meiner Verzweiflung blickte ich mich um. Meine Augen erstarrten am Fuß der Treppe. Endlich! Ich hatte ihn gefunden. Clemens wartete unten auf mich. Da stand er. Ich lief los, rutschte aus und fiel.

Während ich stürzte, hörte ich ihn sagen: "Na Na, nicht so schnell, du willst doch nicht etwa wieder zurück in deine Welt und dort auf ewig tot sein". Er fing mich auf. Ich schloss ihn in meine Arme.

"Aber jetzt bin ich bei dir. Für immer. Wir sind Freunde. Freunde über den Tod hinaus. Nun hast du deine Antwort." "Ja", entgegnete er. Doch sofort ergaben sich für mich neue Fragen: "Sind wir denn die Einzigen hier? Und wo sind wir?" "Das werden wir schon noch herausfinden. Du warst ja bereits an drei Orten. Und weil du dich geopfert hast, darfst du auch entscheiden, wo wir als nächstes hingehen, indem du ganz fest an diesen Ort glaubst, wo du hin möchtest."

"Ach?", fragte ich, "und was ist mit dir, hast du gar kein Recht darauf zu wählen?" "Doch, und ich erkläre dir auch, wie das jetzt weiter abläuft. Du bist ja auch tot.

Sobald jemand von der anderen Seite merkt, dass du nicht mehr da bist, sondern hier bei mir, sind wir beide sozusagen gleichberechtigt, und jeder darf dahin, wo er will, nur muss der andere immer mitkommen." "Ich nehme an, wenn die Menschen der anderen Seite mich für tot erklären, hast du den nächsten Ortswunsch und dann erst wieder ich." "Genau!, du hast es erraten" freute sich Clemens.

Die Zeit verging. Clemens und ich besuchten jeden Ort aus unserem früheren Dasein erneut, welchen wir gesehen hatten. Das war toll. Ich nahm meinen besten Freund mit nach London, wo er nie gewesen war und er zeigte mir Paris, das er mehr als einmal bereist hatte. Aber wir gingen auch in die Häuser unserer Freunde und Familien. Sie konnten uns zwar nicht sehen, aber wir bekamen einen tollen Einblick in die Welt, wie sie nach uns weiter existierte. Doch auch im Jenseits galten die Gesetze der Zeit. Wir konnten nie ewig an ein und der selben Stelle verharren. Wenn die Person, mit der die Erinnerung verbunden war, den Raum verließ, in dem wir uns befanden, dann standen wir plötzlich in der schwarzen, gähnenden Leere. Das ist die Leere des Todes. Hier sind die Menschen auf ewig gefangen, die keine Erinnerungen an ihr Leben haben, dachte ich und zitterte.

Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben ist gar nicht beendet worden. Oft besuchen wir die Schule.

Wir setzen uns dann in unsere Klassen an unsere Plätze, die jetzt natürlich leer sind. Wir nehmen am Unterricht teil. Die Lehrer redeten in den ersten Tagen nach unserem Verschwinden sehr oft mit den Schülern über uns.

Nach langer Überlegung haben wir uns dazu entschlossen, den Friedhof aufzusuchen. Es wurden zwei Gräber errichtet. Direkt nebeneinander. Und es vergeht kein Tag, an dem niemand vorbeikommt.

Es ist nur etwas deprimierend, das keiner uns sehen kann. Wir leben in den Köpfen unserer Mitmenschen weiter. Das ist sicher auch der Grund dafür, das wir mit Hilfe unserer Erinnerungen die geliebten Menschen wiedersehen können.

Es ist vieles passiert, wir haben ununterbrochen Besuche getätigt. Dabei ging mir eine Frage nie aus dem Kopf. Warum ist Clemens in jener Nacht gestürzt? Warum ist er um halb fünf Uhr morgens zur Treppe gegangen? Was hatte er vor? Ich habe mich bis jetzt nicht getraut zu fragen, weil ich Angst habe vor den Konsequenzen. Wenn ich ihn das frage, dann könnte die schöne Zeit hier vorbei sein. Ich würde das Geheimnis seines Todes lüften und wäre dann nicht mehr bei ihm, oder wir könnten nicht mehr in die uns altbekannte Welt eintauchen.

Soll ich dieses Risiko eingehen? Ich habe schon einmal mehr Glück als Verstand besessen, als ich mich dazu durchgerungen habe, den Spiegel zu zertrümmern und Clemens zu folgen. Auch das hätte schief gehen können.

Clemens hatte schließlich eine geniale Idee. Er wünschte sich einfach zurück in mein Zimmer und zwar in jene letzte Nacht, die wir gemeinsam lebend verbrachten. Er wollte noch einmal mit mir über all das reden, was ihn bewegte. Ich auch. Also schlossen wir beide die Augen und dachten ganz fest daran, jetzt in meinem Zimmer zu sein. Zurück in die Nacht, in der wir uns auch gestritten hatten. Es funktionierte. Nachdem wir einige Zeit geredet hatten, fasste ich mir Mut und sagte: "Clemens, ich habe eine sehr wichtige Frage. Damals, kurz vor deinem Tod, als du die Treppe hinuntergestürzt bist, was zum Teufel hattest du vor? Was hat dich nach unten getrieben? Warum bist du letztlich gefallen? Welcher Grund führte dich dazu, dein Zimmer zu verlassen und nach unten zu gehen?"

"Du wirst lachen, sagte er, "denn die Sache, wegen der ich nach unten wollte, hatte einzig und allein mit dir zu tun. Oder besser gesagt mit dem, was du mal zu mir sagtest, einige Tage vor unser beider Tod. Es ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich hatte die Worte vergessen, aber ich hatte sie aufgeschrieben ,der Zettel lag unten und ich musste ihn holen. Jetzt weiß ich die Worte wieder, es waren folgende:

 

 

"wusstest du schon

dass das wegbleiben

eines menschen

sterben lassen kann

dass das kommen

eines menschen

wieder leben lässt."

 


Copyright 2022 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla