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Des Schnitters Müßiggang

(etwas kam, und etwas ging...)

 

© 2005 Frederick Fell

Erbarmungslos und rastlos bewegte sich ein einsamer Wanderer durch den kniehohen Neuschnee am Morgen dieses 16ten Januars 1219. Der, dessen Antlitz noch kälter und eisiger war als die frostigen Temperaturen.

Wenn irgendjemand auf dieses Tal herabgeblickt hätte, hätte er ihn sofort gesehen. Seine komplett tiefschwarzen Gewänder, samt Kapuze die ihm tief vor die dunklen Augen fiel, zeichneten sich auffälliger denn je in dieser weißen Einöde ab. Aber er wusste genau dass niemand ihn beobachtete – allein schon weil sich niemand bei dieser Kälte und dem dazugehörigen Nebel freiwillig aus dem Haus trauen würde.

Außer ihm – denn er hatte zu tun.

ER, der Sensenmann, niemandem untergeben, unabhängig von Gottes oder Luzifers all umgreifender Macht, der Schnitter; er, der keinen Namen und keine Vergangenheit hatte, der Tod. Der, der eben noch die unheiligen Gewässer Lethes überquert hatte, und nun auf dem Weg nach Wintergarten war. Dort, wo sich gestern Nacht ein herrliches Schauspiel menschlicher Dekadenz abgespielt hatte...

In der örtlichen Taverne kam es zu einem berauschendem Festgelage, geradezu orgiengleich wurde gefeiert und selbst das härteste Gebräu getrunken als wäre es Wasser. Zehn Leute starben in dieser Nacht. Sie lagen bleich und leblos auf dem Fußboden der mittlerweile verlassenen Schänke und warteten auf den Schnitter der bald kommen sollte um sich ihre Seelen anzueignen und ihnen Ruhe zu geben. Bald war er an seinem Ziel angekommen – das Dorf war nicht mehr weit.

Und das war auch gut so, denn er hatte nicht viel Zeit. Überall wo es zu einem Überschuss mehrerer Seelen kam, musste er anwesend sein. Eine Seele allein konnte ihren Weg in die Ewigkeit finden, aber viele Seelen blockierten sich gegenseitig und verharkten sich ineinander. Daher war er da, und eigentlich hatte er immer etwas zu tun. Nach dem Auftrag in Wintergarten warteten bereits unzählige Pestopfer in Marzich auf ihn...

Und immer wieder strömten eisige Winde auf ihn herab. So kalt war es schon lange nicht mehr in diesem Tal gewesen – es wirkte fast so als wollte die Natur ihm den Marsch versüßen...

Und mit diesem Gedanken betrat der Schwarzgekleidete Wintergarten. Das Dorf wirkte friedlich und erhaben; heute würde ihn wohl niemand bei der Arbeit stören. Auf den Wegen lag hoher Schnee, die Fenster waren völlig vereist und der Nebel wirkte im Dorf noch dichter als im Tal. Obwohl er von lauter Menschen umgeben war, blieb er doch ungesehen.

Er tauchte immer dort auf wo er nicht gesehen wurde...

Und so kam es dass er schließlich vor der Taverne stand: Dem Ziel seiner Reise. Das Schlimmste war überstanden, der Rest war nur noch Gewohnheit.

Auf dem schneebedeckten Schild, das über der Türe hing war noch in schwer erkennbaren Lettern die Schrift ‚Zum betrunkenen Esel’ zu lesen. Nun; nach diesem Vorfall würde der Name des Wirtshauses garantiert eine völlig neue Bedeutung bekommen...

Vorsichtig legte er seine gebrechliche ausgemerkte, aber doch ungemein starke Hand auf das eiskalte Holz der Eingangstür. Bereits jetzt hätte ihm auffallen können dass irgendetwas anders war; dass statt der gewohnten Hektik einfach nur völlige Ruhe auf der andere Seite des Holzes lag, doch in seinen Gedanken versunken übersah er dieses Detail schnell.

Mit einem leichten Knarren öffnete sich die hölzerne Tür und gab das Innere des Raumes preis. Ohne genau nachzudenken oder sich die Leichen genauer anzuschauen, machte er die Türe hinter sich wieder ruckartig zu, bevor es noch mehr ins Zimmer schneite, und musterte interessiert den Raum. Es brannte noch immer ein kleines Feuer im Kamin, welches unter anderem die nobel wirkende Holzvertäfelung an den Wänden beleuchtete. Auf dem schmutzigen Tresen standen immer noch einige geöffnete halbvolle Schnapsflaschen, und Teile der Tischoberflächen waren mit Bier und Erbrochenem bedeckt. Es musste wahrlich eine interessante Feier gewesen sein, bevor die ersten Männer umgekippt waren...

Die Männer..!

Erst jetzt wurde dem Schnitter bewusst dass hier etwas nicht stimmte, und als er dass ganze Ausmaß dieser Katastrophe erkannt hatte traf ihn der Schock bis tief ins Mark. Das hier konnte nicht sein – was er hier vor seinen Augen sah war völlig unmöglich!

Noch nie hatte er so etwas ansehen müssen... Sein kaltes Herz verkrampfte sich in seiner Brust, und er ging wie besessen und ziellos um die übelriechenden Leichen herum. Was sollte er jetzt machen? Wie sollte er in dieser Situation handeln?

Die Seelen fehlten!

Auf dem verdreckten Boden lagen einfach nur zehn tote Körper! Normalerweise hatten sich auch nach dem Tod noch immer die Seelen im Inneren der Hüllen verborgen gehalten bis der Schnitter kam – aber dies hier war nicht mehr als eine Ansammlung toten Fleisches! Was mochte das bedeuten? Wer hatte diesen unschuldigen Lebewesen ihre Lebensgeister gestohlen?

Das hier war eine Katastrophe...

Die Seelen waren für die Lebensdauer auf der Erde nur geliehen! Sie mussten wieder zur Quelle, dem Lebensbaum Yggdrassil zurück! Wenn Yggdrassil nicht alle Seelen zurückbekäme die er einst gab, würde die Gleichung nicht mehr aufgehen und die gesamte humane Rasse würde im Chaos versinken! Die Seelen bestanden aus purer astraler Energie, die unverzichtbar für die Existenz des Planeten war!

"Gottverreckte Finsternis!", fluchte der Tod wütend und suchte krampfhaft nach einer Lösung für dieses Desaster. Egal wer diese Seelen gestohlen hatte – und egal wie er es gemacht hatte – er musste für diese Sünde bezahlen und würde bis zum Ende seiner Existenz in unendlicher Qual leben!

Wer war für diese gottverreckte Sauerei verantwortlich?!?

...gottverreckt..?

Das könnte die Lösung sein! Wer sonst könnte astrale Energie besser gebrauchen als der Schöpfer selbst? Vor allem nachdem der Einfluss den der Morgenstern – Luzifer – auf die Welt hatte Jahr für Jahr größer wurde... Gott musste irgendwie eine Möglichkeit gefunden haben wie er den Tod hintergehen und die Seelen stehlen konnte!

Gott hatte ihn betrogen! Er hatte den Schnitter betrogen um seine eigenen egoistischen Ziele zu verfolgen!

Langsam brach die unbarmherzige Wut in ihm hervor und machte aus ihm eine Maske des Grauens. Die astrale Energie in der Luft um ihn herum sammelte sich in seinen Händen und gab ihm mehr Macht als ein Mensch je erlangen könnte.

Vor lauter Raserei verlor er die Fähigkeit seine humane Gestalt zu bewahren und veränderte seine Form in eine transparente Energiegestalt, die ein merkwürdiges farbloses Licht von sich gab. Seine schwarze Kutte glitt durch seinen masselosen reinen Astralkörper hindurch und fiel auf den dreckigen Boden; und dort wo vor Sekunden noch seine Augen das Licht dieser Welt erblickten, blinzelten nun tiefschwarze Höhlen.

Und die Energie sammelte sich weiterhin um seine erhabene Aura. Der Schnitter war kurz davor die astrale Kraft die er in seiner unmenschlichen Wut gesammelt hatte, wie einen Vulkan explodieren zu lassen und gegen den Himmel zu schleudern. Doch er kam nicht dazu, denn eine Stimme die hinter ihm ertönte riss ihn aus seiner Konzentration - was in seinem gegenwärtigen Zustand nicht ganz ungefährlich war.

"Was ist hier geschehen?"

Gottverreckte..!

Fast wäre alles aus gewesen. Die Worte die er plötzlich hinter ihm hörte, hätten ihn fast so erschrocken dass ihm die astralen Kräfte aus den Fingern geglitten wären und eine gewaltige Druckwelle das ganze Dorf dem Erdboden gleich gemacht hätte! Wer konnte es wagen ihn in diesem Moment zu stören?!?

Er drehte sich um.

Ein Engel!

Sofort hatte sich der Tod wieder gefangen und richtete seine ganze Wut und astrale Kraft nun auf den Engel, der ansatzlos zwischen dem Türrahmen aufgetaucht war und ihn fragend anblickte ohne vermutlich die Gefahr in der er sich befand wirklich zu verstehen.

"Was ist hier geschehen?", fragte er nochmals und ging einen Schritt auf den Schnitter hin.

"Bleib sofort stehen du gottverreckter Parasit...", zischte letzterer aggressiv und funkelte den neu Hinzugekommenen voller Wut an. "Wie habt ihr es geschafft diesen unschuldigen Menschen die Seelen zu rauben?"

Der Engel wollte schon etwas erwidern, ließ dann seine unwissende Maske allerdings fallen und grinste den ehemals Schwarzgekleideten sarkastisch an. "Es war nicht schwer...", begann er ohne den Satz zu Ende sprechen zu können. Der Schnitter hatte die Kraft zwischen seinen Fingern nicht mehr kontrollieren können und eine derart gewaltige Druckwelle auf das Himmelswesen geschmettert, dass von letzterem nicht einmal mehr Staub übrig war.

Doch das galt nicht nur für den Engel: Auch das komplette Wirtshaus wurde bis auf die Grundmauern zerfetzt. Der Schnitter stand nun wieder im Freien und ließ sich vom sanften Neuschnee langsam wieder abkühlen.

Doch nur äußerlich – denn in seinem Inneren war er immer noch der puren Raserei verfallen.

"Adonai...", flüsterte er diabolisch und richtete den Blick gen Himmel, "warum hast du mich hintergangen?"

"Ich habe dich nicht hintergangen..."

Direkt vor dem Abbild des Schnitters tauchte wie aus dem Nichts ein groß gewachsener Mann mit langem Haar und einer etwas grazilen Figur auf. Allein das helle Licht dass seine Erscheinung verströmte ließ darauf schließen dass es sich hierbei um den Schöpfer handelte. Auf der irdischen Sphäre konnten weder Gott noch Luzifer in ihrer ‚reinen’ Gestalt auftreten, sie mussten sich mit dem Körper eines Menschen zufrieden geben.

"Was weißt du über diese seelenlosen Körper?", zischte der Schnitter und beruhigte sich langsam wieder. Obwohl er es eigentlich bevorzugte weder mit Adonai im Himmelreich noch mit dem Morgenstern in den Sphären der Hölle etwas zu tun zu haben. Er liebte seine Unabhängigkeit. Er war weder auf der Seite des Lichts, noch auf der der Dunkelheit – er war einfach nur der Tod.

Aber die Tatsache dass der Schöpfer selbst vor seinen Augen aufgetaucht war, verwunderte ihn etwas.

"Ich weiß nur dass ich die Seelen nicht gestohlen habe. Nur ein Teufel ist zu so etwas fähig..."

Aha...

Darauf wollte Adonai also hinaus. Wieder einmal der alte Konflikt zwischen Paradies und Fegefeuer, und der Schnitter selbst befand sich direkt zwischen den Fronten. "Und was gedenkst du nun dass ich tun soll? Yggdrassil braucht die Seelen."

Der Schöpfer fing müde an zu lächeln. "Du solltest mit Luzifer reden. Er muss dafür verantwortlich sein."

Doch kaum konnte Adonai die Worte zu Ende sprechen, hatte sich bereits eine dritte Gestalt neben Gott und Tod manifestiert. Sie hatte denselben menschlichen Körper wie der Schöpfer, doch von ihr ging ein durchweg dunkles Licht aus.

"Ihr irrt euch beide", fing Luzifer mit emotionsloser Stimme an. "Yggdrassil hat die Seelen bereits zurück bekommen, und ich habe sie nicht gestohlen."

"Was?" Der Schnitter war nun endgültig perplex.

Diesen Tag würde er wohl nie vergessen; allein schon weil die Umstände zum ersten Mal ein Treffen zwischen ihm, Gott und dem Teufel erfordert hatten. Zum aller ersten Mal standen sich diese drei Mächte nun auf der Erde gegenüber.

"Erkennt ihr es nicht?", fragte Luzifer mit einer Spur Überlegenheit im Wortlaut. "Diese Menschen waren seelisch schon lange tot."

"Aber wie ist das möglich?"

"Wenn Menschen über Jahre hinweg ihre Stimme nicht benutzen, verlieren sie sie irgendwann für immer. Mit ihrer Seele ist es genauso."

Diesmal war es Adonai der entzürnt war. Jegliche Kritik an der humanen Rasse sah er als Kritik gegen sich selber, denn er hatte sie erschaffen und wie ein Kind großgezogen. "Wie kann man verlernen seine Seele zu benutzen?", rief er spöttisch und funkelte Luzifer wütend an.

"Sieh sie dir doch an..." Letzterer zeigte mit dem Finger auf die am Boden liegenden Leichen, die langsam von Neuschnee bedeckt wurden. "Ignorante Wesen die in ihrer eigenen Belustigung ertrinken. Unfähig irgendetwas zu empfinden."

"Zieh mein Werk nicht in den Schmutz, elende Kreatur!"

Des Schöpfers Beleidigungen ignorierend drehte sich der Höllenfürst dem Tod zu. Zwischen beiden entstand binnen weniger Sekunden eine merkwürdig bizarre Atmosphäre, als ob sich zwei Freunde nach langer Zeit endlich wiedersehen würden.

"Du spürst es, wenn du vom Leben umgeben bist?", fragte Luzifer mit ruhiger Stimme und sah den Schnitter an.

"Ja", antwortete letzterer zaghaft.

"Und was spürst du im Moment?"

"Nichts."

Das Geschöpf der Dunkelheit fing kurz und sarkastisch an zu Lachen und wies mit offenen Armen auf die gesamte Umgebung. "Schaut euch um!"

Und der Tod erkannte was Luzifer meinte... Überall wurden sie von Menschen beobachtet, die aus den Fenstern ihrer Häuser hinaus auf sie gafften und eine völlig gefühllose Miene inne hatten. Wesen die sie anstarrten, ohne noch nicht einmal zu begreifen versuchten was sie hier vor Augen hatten.

Diese Menschen hatten keine Seelen. Sie waren Tote in lebendigen Körpern. Lebende Leichen.

Wesen die ihm angst machten...

"Siehst du zu was du diese Kinder erzogen hast?", fragte Luzifer den Schöpfer in schnippischem Ton und verschwand wieder im Nichts. Dort wo er eben noch gestanden hatte, befanden sich nur noch frische Fußspuren im Schnee.

Und auch Adonai erkannte keinen Grund länger in diesem erschreckenden Dorf zu bleiben und löste sich wie Wasserdampf in der Luft auf.

Menschen die keine Seelen haben und trotzdem noch lebendig sind...

Der Schnitter sah betroffen auf den Boden und gewann langsam wieder seine menschliche Form. Nachdem er sich wieder gefangen hatte, ergriff er sein schwarzes Gewand vom Boden und zog es sich an. Er wusste dass er die Zeugen seines Treffens mit Gott und Teufel, die immer noch in ihren Häusern standen und aus dem Fenster starrten, nicht zu töten brauchte. Sie hatten ihm seine Arbeit bereits abgenommen. Gazellen die sich auf der Flucht vor dem Löwen selbst die Kehle aufgebissen hatten.

Würde irgendwann eine Zeit kommen in der er überhaupt keine Arbeit mehr hätte? In der er einfach in der Öffentlichkeit umherwandern könnte ohne dass man ihn erkennen würde?

Er dachte an die Pestopfer in Marzich, die bereits sehnsüchtig auf ihn warteten.

Noch hatte er etwas zu tun, aber irgendwann würde bestimmt die Zeit kommen in der er sich dem Müßiggang hingeben könnte.

Mit diesem Gedanken verließ er Wintergarten. Seine Arbeit war getan.

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