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Rauchen kann tödlich sein

© 2007 Torsten Hefenbrock

Edward Becker, der jeden Morgen um sieben Uhr dreißig mit dem Bus Nummer 12 die Arlene Lane entlang zur Schule fuhr, kam mit bepacktem, schweren Rucksack aus der Haustür des Einfamilienhauses in der Andrew-Norrington Street heraus. Die Andrew-Norrington Street war eine lange Straße. Na ja, eigentlich hatte er noch nie etwas von einem Typen mit dem Namen Norrington gehört, aber es ist doch eine hilfreiche Information, um sich in Raddock City zurechtzufinden. Schließlich gab es nur einen einzigen Laden in der riesigen, versmogten Stadt, der Landkarten mit eingezeichneten Straßen verkaufte, und dieser befand sich ganze sechsunddreißig Straßen weiter.

Edward Becker rückte die Riemen etwas zurecht und ging mit großen, Schatten werfenden Schritten auf dem Gehweg die Straße hinunter. Im Ohr steckte ein Minikopfhörer von Phillips, aus dem Elvis Presleys Stimme tönte (Warum hören in dieser gottverdammten, geschehnisreichen Stadt immer alle Leute Elvis? Das ist doch nicht normal für Jugendliche!).

Er bog um die Ecke und kam zur Arlene Lane. Noch sechzig, vielleicht siebzig Schritte, dann wäre er an der Haltestelle, deren Schild einen riesigen Schatten auf den Asphalt warf. Die Sonne schien, der Wind wehte, die Vögel zwitscherten und Edward Becker ging die Straße entlang.

Raddock City ist, wie schon gesagt, versmogte Stadt. Jedes zehnte Auto besaß vielleicht einen Russpartikelfilter, aber nur jedes zehnte und jeder fünfte Mensch in Raddock City war Gewohnheitsraucher, jeder vierte Gelegenheitsraucher und jeder zweite ein Wenn-ich-trinke-rauche-ich Mensch. Man konnte hin und wieder sogar zehnjährige in versteckten Winkeln der Stadt rauchen sehen, die ganz und gar nicht den Eindruck auf einen machten, als wollten sie cool sein, wie man so schön sagt. Sie wollten es einfach nur ausprobieren und wissen wie es ist. Vielleicht wollten sie sich auch nur wie ein Erwachsener fühlen oder den Geschmack kennen lernen. Und viele von ihnen sind auf den Geschmack gekommen und auf dem Geschmack geblieben. Liebe Leute, jeder weiß, dass rauchen schädlich ist und die Warnungen auf den Kippenpackungen beachten wir meistens nicht.

Edward Becker hat noch nie in seinem Leben eine Zigarette auch nur angefasst. Er ist dreizehn und kann lesen. Rauchen kann tödlich sein, Rauchen macht abhängig, fangen Sie gar nicht erst an, Rauchen in der Schwangerschaft schadet ihrem Kind, Auch Passivraucher werden geschädigt, Raucher sterben früher. All diese Warnungen und Prophezeiungen kannte Edward Becker ebenso gut, wie alle diese Raucher auf der Welt, von der er in seinem bisherigen Leben nur Raddock City gesehen hatte. Wieso sollte er auch raus aus der Stadt? Hier gab es alles was er brauchte: Lebensmittel, Spielwarenläden, Süßigkeiten – Shops, Comicgeschäfte und so weiter und so fort. Was wollte er mehr? Sogar einen Strand gab es in der Nähe. Aber dieser Smog!

Edward Becker kam zur Bushaltestelle und sah auf die Anzeigentafel: 7 Minuten bis zur Ankunft seines Busses. Wäre er ein Raucher gewesen, hätte er sich wahrscheinlich in diesem Moment eine Zigarette angezündet, aber das tat er nicht. Er war kein Raucher. Er war kein Nikotinabhängiger, er war kein Giftstängelkonsumierender. Er war ein glücklicher Nichtraucher auf dem Weg zur Schule. Außerdem war er noch etwas zu jung, um sich diesem Gift hinzugeben.

Sieben Minuten später kam der Bus Nummer 12 quietschend vor ihm zum Stillstand. Die Klapptüren öffneten sich und er stieg, zwei Stufen mit einem Schritt nehmend, ein. Es stank fürchterlich in diesem Fahrzeug und…

Moment mal. Wieso war er leer? Normalerweise drängelten sich Leute im engen Innenraum des Busses, um auch nur einen Platz zu ergattern, aber an diesem Morgen befand sich keine Menschenseele dort. Jeder Sitz, jede Stange, jeder Quadratmeter Platz war leer. Aber der Gestank war trotzdem fürchterlich, als hätte der Bus kurz zuvor eine Horde Abschlusspartyfeiernder transportiert.

Edward kümmerte sich nicht weiter darum. Ihm konnte es recht sein, schließlich fuhr er am morgen nicht gerne im Stehen zur Schule. Er ging schnellen Schrittes nach rechts und setzte sich links von ihm auf einen Zweierplatz ans Fenster und lehnte sich mit dem Ellenbogen dagegen.

Elvis war einem Hip - Hop singenden Typen in seinem Kopfhörer gewichen, der laut in sein Ohr schrie. Er mochte diese Musik, aber ab und zu kam sie ihm auch krank oder psychisch gestört vor. Er wühlte den MP3 – Player aus seiner rechten Jackentasche und wechselte zum nächsten Song. Der Bus setzte sich in Bewegung. Zuerst ein kleiner Ruck, dann kam lautes Motorenbrummen.

Was lag da neben ihm? Eine rote Schachtel. Er sah es sich genauer an. Zigaretten. Aber er konnte keine Marke sehen. Nur das weiße Hinweiskästchen auf dem unteren Teil der Schachtel. Die Klappe war einen halben Zentimeter geöffnet und er konnte drei, nein, vier Zigaretten erkennen.

Wer ist schon so blöd und lässt seine teuren Ziggis irgendwo liegen? fragte er sich. Mit gerunzelter Stirn sah er sich das Kästchen mit der schwarzen Schrift darin an.


Auch der, der in

Versuchung ge-

rät ist schuldig.

Auch nur der

Gedanke daran

ist strafbar.

Don’t touch.


„Was ist denn das für eine Scheiße“, sagte er leise, es hätte ihn schließlich jemand hören könne, wie er Selbstgespräche führte. Niemand war im Bus und dieser war auch nicht an der nächsten Haltestelle angehalten. Er nahm die Schachtel in die Hand, drehte sie um, suchte nach einem weiteren Hinweiskästchen auf der Rückseite, sah keins und legte die Schachtel wieder auf den Sitz neben ihm. „Soll das ein Scherz sein, oder was?“

Die nächste Haltestelle war „Raddock City Middleschool“. Quietschend kam das Fahrzeug in dem er sich befand zum Stillstand und öffnete die Türen. Er stand auf, warf einen letzten Blick auf die Zigarettenschachtel, ließ sie liegen und stieg aus. Hinter ihm schlossen sich die Türen wieder und Nummer 12 fuhr davon.

Wieder griff er in seine Mp3 – Playertasche um umzuschalten, fand dort aber nicht nur das kleine schwarze Ding. Dort befand sich noch etwas anderes, etwas Rechteckiges. Er nahm es heraus.

Es war die rote Schachtel mit derselben Aufschrift. Staunend, mit zweifingerbreit geöffnetem Mund sah er dem, um die Ecke biegenden, Bus hinterher.

Plötzlich hatte er das Verlangen sich einen Giftstängel zu nehmen, ihn sich in den Mund zu stecken und anzuzünden. Erstens: Einmal Nichtraucher, immer Nichtraucher. Zweitens: Er hatte kein Feuer.

Er warf die Schachtel in den gelben Mülleimer neben ihm.

Zwei Schritte später bemerkte er wieder das zugenommene Gewicht in der Tasche und ertastete wieder dieses rechteckige Teufelsding.

Na gut, na gut, dachte er. Gut, gut, gut. Er öffnete die Klappe, und sah nicht mehr nur vier Zigaretten, sondern noch ein Feuerzeug. Es war ebenfalls rot mit der schwarzen Aufschrift: Smokin’ to hell. Danach nahm er sich eine Zigarette und steckte sich diese in den Mund. Er drehte am Feuerstein des Feuerzeugs und eine kleine Flamme sprang ihm entgegen, wo er sich den Tabak anzündete und kräftig zog. Er musste nicht husten oder keuchen, wie er es erwartet hatte. Im Gegenteil. Es fühlte sich herrlich, wunderbar an. Wie ein Segen.

Das Feuerzeug verstaute er an seinem ursprünglichen Platz und die Schachtel wieder in die Tasche.

Er rauchte die ganze Zigarette bis zur Schrift, die er erst jetzt erkannte: Hell.

Schnell schmiss er sie auf den Asphalt und trat mit dem Absatz seines Turnschuhs drauf. Mit kreisenden Bewegungen trat er sie aus und ging ein paar Schritte auf die Raddock City Middleschool zu. Er fühlte sich erleichtert, gut, herrlich-

Er fühlte sich mies, übel, schlecht und zum kotzen.

Zum kotzen.

Und es kam seine Speiseröhre hoch gekrochen wie eine Ratte durch den Abfluss einer Toilette. Der eigenartige Saft landete zuerst in seiner Mundhöhle, wo er einen Augenblick ins stocken geriet und sprühte dann über den Asphalt direkt vor ihm. Edward hatte nicht einmal Zeit seine Hände vor den Mund zu halten. Wie aus einem Feuerwehr schlauch sprudelte das gelbliche Wasser aus ihm hervor und landete spritzend auf dem Boden vor ihm. Kleine Tröpfchen befleckten seine weißen Reebok Turnschuhe. Er konnte nicht einmal Luft holen, weil der Wasserfall keine Pause einlegte und ihm keine gönnte. Inzwischen hatte sich vor ihm eine riesengroße Pfütze gebildet. Seine Wangen fielen ein, seine Augen verkrochen sich in ihren Höhlen, seine Arme wurden dünner, wie der Stiel einer ausgetrockneten Rose. Mit aufgeblähten Backen, als würde er pusten erbrach er sich und erbrach sich und erbrach sich. Doch was er da erbrach wusste er nicht. Doch eines wusste er: Es war viel zu viel. So viel konnte er niemals in sich haben. Mindestens zehn Liter war er schon losgeworden. Die gelbe Flüssigkeit verfärbte sich rot. Die rote Flüssigkeit wurde rosa und diese wiederum weiß. Dann brach er zusammen und sah aus wie ein mit Haut umhülltes Skelett.

Niemand war in der Nähe gewesen, als Edward Becker zuerst Nikotin in gruseligem Ausmaß, dann Blut, dann beides vermischt und schließlich Unmengen Spermien erbrochen hatte und dann tot zusammengesackt war.

Wie gesagt, rauchen kann tödlich sein.

ENDE

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