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Der Mann im Zimmer

 Copyright 2006 by Martin Geldmacher

Er starb.

An jedem Tag, an dem er mordete starb auch ein Teil von ihm. Seine Seele zerfiel zu grauer Sinnlosigkeit. Er suchte sich seine Opfer aus. Manchmal schlug er einfach das Telefonbuch an einer willkürlichen Stelle auf und tippte mit verschlossenen Augen auf die dünnen Seiten. Es waren nur Daten für ihn, Buchstabenfolgen. Die Menschen, die sich dahinter verbargen interessierten ihn nicht.

Wenn er die Lust verspürte, ein Leben auszulöschen, aber kein Telefonbuch in der Nähe war, stellte er sich einfach an den Eingang eines Ladens oder Geschäftes. Dort zählte er. Er zählte die Menschen, die durch die Tür kamen. Wenn er bei zehn angekommen war, kannte er sein Opfer.

Nur ein Gesicht. Er machte keinen Unterschied zwischen jung und alt. Ob das Opfer arm oder reich war? Es interessierte Ihn nicht. Neunzehn. Neunzehn Menschen sind schon durch ihn gestorben. Wie viele würden es werden? Er kannte seine Opfer nicht. Aber den letzten Mensch, den er töten würde, den kannte er schon lange.

Er selbst.

Er selbst würde sein letztes „Kunstwerk“ sein. Er bezeichnete sie immer als Kunstwerke einer kranken Phantasie. Was das ist, liegt ja bekanntlich immer im Auge des Betrachters.

Er hatte nie etwas für Menschen übrig. Seit seiner Jugend interessierten ihn die Menschen in seiner Umgebung nicht. Sie waren ihm egal. Er betrachtete sich selbst nicht als einer von Ihnen. Und er glaubte, das dieses auf Gegenseitigkeit beruhte.

Er war der stumme Zeuge. Unbeachtet von allen anderen. Verloren, vergessen, ignoriert von der Gesellschaft. Und genau so ignorierte er auch die klagenden und flehenden Schreie seiner Kunstwerke. Er schaltete alles auf stumm.


Er saß auf seinem Bett. Es war schmutzig. Überall lagen Essensreste; unter dem Bett, der Couch, auf dem Bett.

Die Sonne strahlte durch die Jalousie und die Lichtstrahlen schienen mit ihren leuchtenden Fingern nach ihm zu greifen. Er wich ein Stück zurück.

Neben ihm lag etwas unter der Decke. Er lehnte sich mit ausgestreckten Armen nach hinten und ließ seinen Kopf langsam auf die Silhouette unter der Decke sinken. Er stöhnte etwas. Er wand sich in seiner langsam aufsteigenden Ekstase. Er griff mit seinen Händen nach der Decke, riss sie vor sein Gesicht.

Das, was die Decke verschmierte war Blut, aber nicht sein eigenes. Er bohrte sich mit seinem Kopf immer tiefer in das Ding unter der Decke. Der Blutfleck erblühte wie eine Rose. Er stöhnte erneut. Seine Augen waren geschlossen.

Die Augäpfel unter seinen Lidern zitterten. Er schrie mit erstickter Stimme und riss die Decke weg.

Sein Kopf lag auf etwas fleischigem. Sein Haar war völlig verklebt von dem Blut, das aus dem Ding kam. Er drehte sich auf den Bauch.

Seinen Oberkörper auf den Ellenbogen abstützend, sah er sich sein neuestes Werk an.


Der Torso des jungen Mädchens war aufgeschlitzt. Der Schnitt führte vom Bauchnabel rauf bis zur Höhe des Brustbeins. Dort gabelte er sich wie die Arme eines Ypsilons bis fast zu den Achseln. Die Haut war weit umgeklappt, die Rippen waren entfernt worden und die inneren Organe lagen frei.

Die Arme und Beine des Mädchens waren mit der großen alten Holzsäge (sie hing in seinem alten Wandschrank) abgetrennt worden, und lagen auf dem Boden verteilt.. Der Kopf lag bei den anderen in der Badewanne.


Er hob seinen Kopf und stieß sein Gesicht mitten in den blutigen See. Er bohrte seinen Schädel immer tiefer in die Eingeweide hinein. Er öffnete seinen Mund, streckte die Zunge heraus, berührte damit den Magen, die Leber, den Darm. Er schmeckte sie.

Er war völlig abgetaucht in seine kranke Phantasie. Er war nicht mehr er selbst. Er war nicht mal mehr in seinem eigenem Körper.


Er betrachtete die grausame Szenerie von außen, als Zuschauer. Er schaute es sich von allen Seiten genau an, jedes Detail. Er ging um das Bett herum, wobei er genau darauf achtete, nicht über eines der Beine zu stolpern. Er ging näher ran. Er hörte sein eigenes Schmatzen, sah sich auf dem Bett liegen. Mit der einen Hand fuhr er über den unvollständigen Körper. Mit der Anderen glitt er langsam an die Stelle zwischen seinen Beinen. Er stöhnte.


Die Sonne war fort.

Das Zimmer wurde in gnädige Dunkelheit gehüllt. Er wachte auf. Seine Arme waren um das tote Fleisch in seinem Bett geschlungen und er atmete schwer.

Der Fleck an seiner Hose war schon hart und verkrustet. Er stand auf. Das Blut in seinem Haar begann zu trocknen. Er ging ins Bad.

Das grelle Licht der Neonröhre ließ das Bad steril, und das viele Blut darin leuchtend rot aussehen.

Die Köpfe in der Wanne, es waren vier, glotzen mit ihren toten Augen wie Idioten. Einigen war noch der stumme Schrei, die Qualen, die sie erleiden mussten anzusehen.

Er ließ warmes Wasser in Wanne laufen. Er entkleidete sich. Die Köpfe bewegten sich langsamen, schienen zu schweben, so wie Ihre verlorenen Seelen in die ewige Dunkelheit schwebten. Sie stießen aneinander. Das hohle Geräusch, das sie dabei erzeugten ließ ihn grinsen.

Er setzte sich langsam in die Wanne und wusch sich. Das Wasser verfärbe sich zu einem sanftem rosa. Er schöpfte das Gemisch aus Wasser und Blut von Toten mit den Händen und spritzte es sich ins Gesicht. Er trank auch etwas davon.


Draußen war es mittlerweile stockdunkel.

Nur in seinem Bademantel gekleidet ging er zurück in sein Schlafzimmer. Heute Abend würde er seine Kunstsammlung um ein Exponat erweitern. Mit gelassenem Blick griff er sich das Telefonbuch.

Mit dem Daumen der linken Hand rauschte er die Seiten langsam durch. Er zählte.

Eins...

...zwei...

...drei...

Bis Zehn, so wie immer.

Dann schlug er das Buch an der Stelle auf, wo er gestoppt hatte und kreiste mit dem Zeigefinger, wie ein Geier über seiner Beute.

Er ließ ihn mit geschlossenen Augen sinken. Er öffnete sie langsam wieder und las den Namen und die Adresse des Opfers. Er zog sich an.


Langsam ging er aus seinem Apartment in Richtung Fahrstuhl. Er würde keine Waffe benötigen, das wusste er. Der Fahrstuhl ließ nicht lange auf sich warten, und das freute ihn.

Er drückte auf den kleinen Knopf, der sich auf der Konsole, links neben der Tür befand. Der Fahrstuhl setzte sich summend in Bewegung. Nach einer kurzen Fahrt hielt er sanft an. Die Türen öffneten sich leise und er trat heraus. Er ging einen kurzen Gang entlang an dessen Ende sich eine schwere Metalltür befand. Er wusste, sie würde nicht verschlossen sein. Er überprüfte es jeden Tag.


Er trat ins Freie. Die sternenklare Nacht gefiel ihm, genauso wie der sanfte warme Wind, der mit seinen frisch gewaschenen Haaren spielte. Der Stadtlärm war hier nur ein leises Summen.. Man sah den Verkehr, der um diese Uhrzeit nicht mehr so zähflüssig lief wie tagsüber. Er ging weiter bis an den Rand und stellte sich auf den Mauervorsprung. Er fühlte sich frei. Die Arme weit ausgestreckt und die Beine geschlossen. Er wiegte sich in der Brise. Nach vorn, nach hinten. Dann hielt er kurz die Luft an und ließ sich fallen. Er stieß sich nicht ab, er ließ sich einfach fallen,. Er wollte diesen Augenblick genießen.

Er fiel

...und fiel...

...und fiel.


Der Name, den er sich heute ausgesucht hatte, war sein eigener und heute starb er ein letztes Mal.

 

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