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Ein Weihnachtsmärchen

Copyright 2006 by  Michael Bender

22. Dezember


Ich fahre durch Täler und über Berge. Wenn ich mein Navigationssystem nicht in meinem Wagen hätte, ich wäre schon lange ohne Verstand weitergefahren. Aber auch mit dem Gerät fahre ich wie verirrt durch die dunkle Landschaft. Ich kenne diese Gegend nicht und werde auch nur einmal hierher fahren.

Die Straße schlängelt sich um Hügel und Bäche, sie windet sich vor den hohen Klippen der Berge, die sich seitlich der Straße auftun. Diese werfen nichts als Schatten, die auch meine Lichter am Wagen nicht verdrängen können. Diese Straße ist ein einziger Engpass durch die Alpen. Ich habe Volllicht an, aber ich glaube mit Abblendlicht würde ich mehr sehen. Die Lichtstrahlen können gar nicht die ganze Straße beleuchten, immer wieder tauchen neue Kurven und Biegungen auf. Eine einzige Slalomfahrt. Ich wundere mich, dass sich meine Arme noch nicht verknotet haben.

Die Nacht, die mich begleitet, verliert nichts von seinem Glanz und Charme. Der Glanz besteht aus den wenigen Sternen die zwischen Gebirgsklippen und Wolken ab und zu hervortreten. Der Charme ist die unaufhörliche Dunkelheit die von der Nacht ausgeht. Wenn die Strecke noch einige Kilometer so weitergeht, dann würde ich rechts ranfahren und eine Runde schlafen. Ich kann die Stunden die ich gefahren bin, schon jetzt nicht mehr zählen.

„Der Weg ist gar nicht so weit.“, sagte mir meine Mutter. „Ich war nach fünf Stunden dort.“ Klar. Bei ihrem Fahrstiel. Sie fährt ja so schnell dass sie einen auf der Motorhaube aufschlagenden Kinderwagen nicht einmal wahrnehmen könnte.

Sie war mir gestern schon vorrausgefahren. Aber gestern hatte ich noch keine Zeit. Ich musste noch zur Schule, heute zwar auch, aber wir würden sowieso nur Filme gucken, das hatte der Herr Stiel uns schon versprochen. So ein Unsinn! Dafür gehe ich nicht in die Schule, auch wenn es morgen schon Ferien gibt. Darum sitze ich heute in meinem Auto, anstatt in der Schule. Es wäre eh nur drei Unterrichtsstunden gewesen die ich mich langweilen würde. Außerdem fliege ich erst von der Fachschule, wenn ich mehr als zwei Wochen unentschuldigt zu Hause bleibe. Prima Sache. Das hier war mein erstes Jahr in der Fachschule und ich hatte erst zwei Fehltage. Unentschuldigt, versteht sich. Wie sollte ich denn die Entschuldigung für Herr Stiel schreiben? Etwa: „Entschuldigen sie dass ich gestern nicht da war. Wird nicht wieder vorkommen.“, oder: „Ey, alter, war ne fette Party gestern, hab mir voll übelst pervers einen ins Riff gebunden.“ Nee. Lass mal. Auf meinem Zeugnis wird dann später einfach stehen zwei oder drei unentschuldigte Fehltage, aber mein Abi würde dann abgeschlossen sein.

So langsam glaube ich der Navigator will mich verarschen. Seit einer Viertelstunde schon habe ich keine Kreuzung oder Straßeneinmündung mehr gesehen. An was für einen verdammten Ort führt mich das verdammte Ding? Meine Mutter sagte mir schon das Oma ziemlich abgelegen und einsam wohne, aber so tief unter den Bergen? Da wäre ja ein Friedhof noch geselliger!

Aber was will ich machen. Ich habe meiner Oma am Telefon versprochen dass ich komme (ja sie hat ein Telefon. Ich dachte immer sie würde sich mit Morsekode verständigen). Wahrscheinlich ist ihr Telefon einer dieser alten Dinger bei denen Sprecher und Hörer noch getrennt waren. Aber egal. Ich werde meine Oma seit über zehn Jahren wiedersehen. Damals wohnten meine Eltern noch zusammen, das war auch in der Nähe der Alpen, also fuhren wir manchmal zu ihr. Meistens an Weihnachten. Aber nach der Scheidung meiner Alten ging ich mit meiner Mutter nach Mainz. Meine Mutter hatte immer noch recht guten Kontakt zu Oma, sie telefonierten oft und einmal im Jahr fuhr sie zu ihr. Ich dagegen genoss das Leben in Mainz. Ich machte eine Ausbildung als Versicherungsvertreter und will jetzt mein Abi nachholen. Aber vor ein paar Tagen war meine Mutter ganz aufgebracht und forderte mich auf, auch endlich mal zu meiner Oma zu fahren. Ich sagte ihr, ich würde es mir überlegen.

Jetzt bin ich schon unterwegs zu ihr. Meiner lieben alten Oma. Ich wusste gar nicht wie alt sie überhaupt war, ich musste meine Mutter fragen. Sie sagte mir, sie würde am Heiligabend neunzig werden. Also rief ich sie an, wie es ihr denn so ginge und ich fragte ob ich ihr was schicken sollte, ein paar selbstgebackene Weihnachtskeksen oder so und da forderte sie mich gleich auf, doch mit meiner Mutter vorbeizukommen und Weihnachten bei ihr in der alten Hütte zu verbringen. Ich wollte der Alten nicht das Herz brechen. Damit meine ich meine Mutter und meine Oma. Also versprach ich ihr einen Tag vor Heiligabend bei ihr zu sein und bis zum ersten Weihnachtstag zu bleiben. Ich denke ich werde es so lange ohne Fernseher aushalten. So etwas hat sie bestimmt nicht da oben.


Immer noch keine Kreuzung oder Abzweigung. Aber mein Navigator scheint sich sicher zu sein. Hier kann man auch schlecht vom Weg abkommen. Seltsam dass ihre Hütte überhaupt in meinem Navigationssystem verzeichnet ist. Wahrscheinlich ist der Aufnahmesattelit zufällig über die Hütte geflogen. Bin mal gespannt wie verschroben die Alte ist. Schließlich ist Opa schon vor zwanzig Jahren gestorben und so lange ist sie auch schon allein da oben.

„Nach hundert Metern rechts abbiegen“, sagte die Frauenstimme im Navigator. Wahnsinn! Es gibt hier draußen tatsächlich eine Kreuzung. Ich glaube wenn ich hier draußen eine Kreuzung verpasse, dann spielt mein Navigator verrückt. Es gibt hier nämlich keine Ausweichmöglichkeiten.

Nach hundert Metern biege ich rechts ab und komme in ein kleines Dorf. Dort gibt es eine Kneipe: „zum Bierkrug“. Ich weis nicht ob ich noch in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz oder in Italien bin, aber ich glaube der Gastwirt im Bierkrug wird mich aufklären.

Ich halte meinen Wagen an und steige aus. Es ist nur ein Zimmer belichtet. Wundert mich nicht. Das Dorf ist klein und am Arsch der Welt. Nein, Entschuldigung. Ich habe mich geirrt. Es ist nur auf der Spitze einer Hämorride vom Arsch der Welt.

Ich betrete die Kneipe und erwarte einen Spießer an der Theke. Aber wieder hatte ich mich geirrt. Es war ein Vollblut Bayer wie man ihn sich vorstellt. Lederhose, Kniestrümpfe, Hosenträger, ein kariertes Hemd und so wahr Gotte es will: ein Schnauzbart. Natürlich fehlt auch der Almhut mit Feder nicht. Ich will ihn schon fragen, ob er vom Set einer Deutschlandsatire entkommen sei, grüße den Kerl aber nur.

„Yoa mai. Wen habe wia denn do? Du bist aba nit von hia, oda?“, sein Akzent ist einzigartig. Furchtbar, aber einzigartig. Der Kerl kann keinen Deut Hochdeutsch. Nicht einmal im Ansatz.

„Nein ich bin nicht von hier. Wo bin ich hier überhaupt?“

„Ohh, de bist in de Alben. Goa nit weit weg von Schusterschmitzel. Dea macht jede Menge Ledakleida, oach Schuhe schustercht a zusamme. De bist in de Dorf Almhütten. Dacht nit das moa eina uns hia inne Kneipen besuche wird. Wocha kommste denn Junge?“ Der Abend ist vielversprechend, ich kann mir das Lachen nur schwer verkneifen.

„Ich bin aus Mainz. Das liegt in...“

Joa, in de Rchailand-Palz, i woiß. De meinst wohl dat i von voagestan bi oda wa? I bin nit dumm, nit nur weil i hia drauße inne alte Hütten leb. Wia habe auch hia Schule, Bücha un Fernseha. Dis is nit hinta dem Mond. Setzt dich doa bissl zu mia und trink a Bia mit mia.“

Nach dem was ich aus seinem schrecklichen Akzent heraushöre, ist das wohl eine Art Aufforderung, mit ihm ein Bier zu trinken.

„Warum nicht. Ich fahre heute wohl eh nicht mehr weiter.“

„Äy, Lotha. Gib dem Bub moa a feine Humbe.“ Lothar ist wohl der Gastwirt. Auch er trägt einen Schnauzer.

„Guten Abend.“, wünscht er mir. „Es passiert nicht oft das wir jemanden von anderswo hier haben.“ Sein Akzent lässt er sich kaum anmerken.

„Ja, ich bin auch nur hier weil die Nacht so dunkel ist. Ansonsten wäre ich weitergefahren.“

„Wo willst dann hie Kleina?“, fragt die bayerische Karikatur.

„Ich will zu meiner Großmutter. Sie wohnt irgendwo hier in den Alpen. Aber ich weiß nicht genau wo.“

„Du weischst nit wo, un fährst a bissl do herum? Des hob i ja noch nie g´hert.“

„Gut, ich weiß schon ungefähr wo sie wohnt. Mein Navigationssystem ist mein Führer. Ich fahre einfach wohin er will.“

„Des goanze Teknik Zoich is nix foa mi. A doina Stellen würd i mi ni drau ferloaßen.“

„Bitte?“

„Er meinte das technische Zeug ist nichts für ihn.“, erklärt Lothar, der Gastwirt.“ Er meint an deiner Stelle würde er sich nicht darauf verlassen. Und ich finde auch du solltest dich nicht darauf verlassen. Was ist wenn das Ding mal ausfällt und du stehst irgendwo in den Alpen und weißt nicht mehr wo du bist? Wie willst du dann wieder wegkommen?“

„Mein Glaube an die Technik ist noch nicht so weit erschüttert. Aber entweder mit Navi oder gar nicht. Ich hätte die Strecke von allein niemals gefunden.“

Lothar stellt mir einen Humpen Bier vor die Finger. Es war ein Maß, vielleicht auch ein doppeltes.

„Zum wohl die Herrn.“, meint Lothar.

„Zum wohl.“, sage ich.

„Prosit.“

Ich ziehe tief aus dem Glas und es schmeckt verdammt gut. Hoffentlich reiße ich mich zusammen und kann morgen weiterfahren.

„Is dis doi east Moaß?“, fragt Herr Schnauzer.

„In gewissem Maße schon. Ich habe auch schon vorher einen Liter Bier aus einem Glas getrunken, aber noch nie mit dem Namen.“

„Na dat wiad aba zeit.“

„Sagen sie Lothar, haben sie hier Zimmer? Ich fahre heute Nacht nicht mehr weiter und würde gerne irgendwo übernachten.“

„Klar, wir haben hier Gästezimmer. Eine reine Übernachtung in einem Einzelzimmer kostet fünfundzwanzig, mit Frühstück kostet es dreißig Euro.“

„Alles klar, dann werde ich heute Nacht hier bleiben. Zum Wohl die Herrn.“

„Hoast him? Zu was de oauch sonst.“

Die Nacht wurde lang und ich trank mit dem Schnauzer noch ein, zwei Maß. Danach war ich so platt, dass ich kotzen musste. Ich hatte allerdings noch den Anstand aufs Klo zu gehen. Ich hatte es ja geahnt. Die restliche Fahrt am nächsten Tag würde nicht so schnell vonstatten gehen als ich es wollte.

23. Dezember


Ich sitze am nächsten Morgen am Tisch in der Kneipe und frühstücke. Lothar hatte sich alle Mühe gegeben. Er hatte alles aufgetrieben was man morgens gerne essen möchte. Jede Menge Almkäse, Wurstaufschnitt, frische Semmeln, heißen Kaffee. Ich lasse es mir gut gehen. Doch mein Magen macht nicht immer mit. All das gute Essen und ich konnte es nicht gut runterkriegen. Mein Magen rebelliert dauernd. Aber ich nehme mir etwas für die weitere Reise mit.

„Fahr vorsichtig.“, mahnt mich Lothar. „Es hat heute Nacht Schnee gegeben und nicht gerade wenig. Sie haben zwar die Straße geräumt, aber ich weiß nicht wie weit. Hinter diesem Dorf kommt kein weiteres mehr und es kann sein, dass du plötzlich vor einem großen Schneehaufen stehst und nicht mehr weiterkommst.“

„Na toll. Ich werde mal sehen wie weit ich komme. Vielen dank für alles.“ Ich verlasse den Bierkrug und gehe auf die Straße. Meine Schuhe verschwinden ganz im Schnee und es schneit immer noch. Als ich in meinen Wagen einsteige und den Motor anwerfe, habe ich wenig Hoffnung noch bei meiner Oma anzukommen. Aber trotzdem fahre ich los. In der Ferne sehe ich Schnauzer der seinen Stall mistet. Er ist wohlauf. Vermutlich ist er schon abgehärtet und „geeicht“.

Als ich losfahre und mich wieder auf die Straße konzentrieren muss, stelle ich fest dass mein Kater sich wieder meldet. Ich muss also langsam fahren, der Kater, die glatte Straße und der Schnee, das alles könnte eine tödliche Mischung geben. Aber was soll ich machen?

Zuerst mache ich das Radio an, aber da läuft nur ein dümmliches Weihnachtslied, so auch im nächsten Sender. Ich hasse Weihnachtslieder. Die versauen mir an Weihnachten die ganze Stimmung. Ich hoffe nur das ich keine Lieder bei Oma singen muss, wie ich es früher noch tun musste. Ganz plötzlich ist es eine Scheißidee zu meiner Oma zu fahren. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre wieder in die andere Richtung gefahren.

Ab jetzt geht die Straße nur bergauf und ich bin froh, dass die Straße geräumt und mit Salz bestreut ist. Plötzlich kommt ein heftiger Schneesturm auf und ich muss in den zweiten Gang zurückschalten. Meine Scheibenwischer schaffen es gar nicht die Scheibe freizuhalten. Letztendlich halte ich an und warte bis der Sturm aufhört. Ich schalte den Zigarettenanzünder im Auto an und nehme eine West. Ich stecke sie mir in den Mund und warte auf den Anzünder. Ich nehme schon einmal ein paar Züge ohne Qualm, nur der reine Geruch des Tabaks ziehe ich ein in meine Lungen. Ein guter Geschmack. Dieser Geschmack erinnert mich schon eher an Weihnachten. Nicht die ganzen Weihnachtskekse und Lebkuchenklumpen. Eine gute West kann nicht ersetzt werden. Endlich war der Anzünder warm und ich zünde meine West an. In diesem Moment hört auch der Schnee auf zu fallen. Ich beschließe meine Zigarette zu rauchen und dann weiterzufahren.

So eine Schande das ich zu meiner Oma fahre. Ich hatte noch nie großen Bezug zu ihr und zu Hause warten meine Freunde. Zu Hause gäbe es morgen Abend einen Weichnachtsumtrunk in der Nacht vom Heiligabend zum ersten Weihnachtstag. Und ein Mädchen hätte auf mich gewartet. Nadia. Sie ist eine Vollblutrusse, aber korrekt und fett drauf würden die Russen sagen. Und sie ist wirklich gut integriert, spricht zwar noch nicht perfekt deutsch, aber sie fühlt sich als Deutsche. Und sie hat Dinger gegen den der Sack von Santa wie ein zerstochener Luftballon wirkt. Ich bin nicht mit ihr zusammen, aber wir sind uns schon nahe gekommen. Wenn ich noch weitere Situationen verstreichen lasse, dann wird sie mir jemand wegschnappen, denn mit ihr liebäugelt jeder. Aber was soll ich sagen, ich fahre zu meiner Oma. Neunzig Jahre wird sie morgen, auf Heiligabend. Wird vielleicht auch Spaß machen und vielleicht hält sich Nadia noch ein wenig zurück mit dem Aussuchen eines Freundes. Auf jeden Fall wird ich ihr heute Abend noch eine SMS schicken, vorrausgesetzt ich habe Empfang hier in den Alpen.

Meine West beginnt langsam den Filter anzukokeln. Zeit das Ding loszuwerden. Ich kurble das Fenster herunter und werfe sie heraus. Ich mache den Wagen an und fahre, was gar nicht so leicht ist, der Schneesturm hatte jede Menge Neuschnee auf der Straße liegen lassen und ich stehe im Hang. Aber nach ein paar Rutschpartien und ein wenig durchgedrehten und qualmenden Reifen, bin ich endlich wieder am Fahren.

Das Radio bringt den gleichen Scheiß wie eben. „Happy Christmas! Happy Christmas!“, jaulen irgendwelche schwulen Boygroups in die Mikrophone und „I wish you a merry Christmas!”, nervt mich auch noch. Unglaublich! Gibt es keinen Sender der kein normales Programm bringt? Wie es aussieht nicht, außerdem ist der Empfang hier sowieso Mist. Soviel also zu Nadias SMS. Und nun bemerke ich auch noch, dass meine Lüftung nicht mehr richtig funktioniert. Anstatt warmer Luft kommt plötzlich nur noch Kalte heraus. Also stelle ich das Ding ab. Es ist schon kalt genug. Warum kann mir so was nicht im Sommer passieren? Nach einigen hundert Metern beginnen die Scheiben anzulaufen und regelmäßig muss ich mit meinem Ärmel über die Windschutzscheibe fahren, um mir die Sicht auf die Straße zu ermöglichen, die auch noch vom Schnee bedeckt ist. Fröhliche Weihnachten.


„In hundert Metern sind sie am Ziel“, sagt mein Navigator.

Endlich! Noch länger auf dieser Straße hätte ich wohl nicht ausgehalten. Die Straße hatte mich immer steiler den Berg hinaufgeführt, wobei diese selbst immer enger wurde und die Leitplanken auf der rechten Seite endeten, wo ich sie wirklich hätte brauchen können. Wäre ich von der Straße abgekommen, und da bin ich schon ziemlich sicher, denn die Straße ist in diesem Abschnitt nicht geräumt, dann hätte mein Leben in den tiefen der Schlucht geendet. Aber irgendwie schaffte ich es den Hang hinaufzuschlittern, ohne die Kontrolle über meinen Wagen zu verlieren.

Aber jetzt ist es geschafft. Die Strecke liegt hinter mir und im Radio lief jetzt endlich wieder Green Day anstatt Frau Holles Hardcore-Weihnachtshits.

Dann sehe ich die Hütte. Sie sieht ziemlich verfallen aus, noch bewohnbar aber es würde nicht mehr lange dauern bis der Dach unter dem Gewicht des Schnees in sich zusammenfällt. Ich halte den Wagen neben der Hütte an und stelle den Motor ab, natürlich erst nachdem der Zigarettenanzünder warm ist. Ich steige aus und entzünde meine West. Die Hütte liegt neben nacktem Felsen, eine lange Fläche von Stein. Die Hütte liegt etwa in der halben Höhe des Berges dessen Spitze mit Wolken verhangen ist. Zur anderen Seite sieht man das riesige Tal das ich eben noch heraufgegondelt bin. Ein Panoramablick.

Ich lasse mir die West schmecken bevor ich bei Oma anklopfe. Ein zischender Laut und etwas Dampf steigt aus dem Schnee auf als ich den fertiggerauchten Zigarettenstummel fallen lasse.

Die Hütte ist groß. Zwar nur einstöckig, aber es steht auf einer großen Fläche, sowohl lang als auch breit. Es könnte eine Ferienwohnung sein wenn man sie noch ein wenig aufmöbeln würde. Neben der Hütte erkenne ich den Wagen meiner Mutter. Sie hatte den Wagen wohl auf Seite gefahren. Ich beschließe meinen Wagen erst einmal dort stehen zu lassen wo er ist. Hier oben würde es eh niemanden hindern.

Ich gehe zur Tür und will gegen das Holz schlagen, als mir die Tür schon geöffnet wird.

„Mike!“, ruft Oma aus. „Ich bin ja so froh dich zu sehen.“ Eine feste Umarmung und ein langer viel zu feuchter Kuss auf die Wange folgt nur kurz darauf. „Ich dachte schon ich würde dich nie wieder sehen. Wie lange ist es jetzt schon her?“

„Ich glaube etwa zehn Jahre.“

„Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht. Findest du nicht?“

„Oh, ja.“ Schon jetzt kann mir die Zeit nicht schnell genug verstreichen. „Wie geht´s dir denn Oma?“

„Och, mir geht es gut, aber kümmere dich nicht um die alten Weiber, die jungen Leute haben ein viel interessantes Leben.“ Oh, wie wahr. „Erzähl mir doch von dir.“ Oh, Scheiße.

„Tja, was soll ich da sagen?“

„Ach was, wo denke ich denn hin? Komm doch erst mal rein. Es schneit und es ist kalt vor der Tür. Komm rein. Gib mir deine Jacke.“

„Geht schon Oma.“ Sie nimmt mir die Jacke ab und hängt sie in die Garderobe. Von innen sieht das Haus erstaunlicherweise ganz anders aus als von außen. Es schien von innen jedenfalls nicht zu faulen und in sich zusammenstürzen.

„Kann ich dir was zu trinken anbieten, Mike?“

„Ja, kannst du.“

„Was möchtest du denn? Kaffee?“

„Yeah, das wär fett.“

„Bitte?“

„Äh, ich meinte, ja, ein Kaffee wäre gut.“

Sogleich dackelt sie los mir eine Tasse Kaffee zu holen. Und schon viel mir ein, dass ich gar kein Geburtstagsgeschenk für sie habe, und auch kein Weihnachtsgeschenk. Ich wusste das ich etwas vergessen würde. Aber egal. Ich habe ihr ja noch nie ein Weihnachtsgeschenk für sie gehabt. Meine Mutter hat ihr jedes Jahr etwas geschickt, aber ich nie. Dann wird sie auch dieses Jahr nichts vermissen. Eigentlich wäre ich ja noch nicht einmal hier bei ihr. Verdammt! Ich könnte heute und morgen Abend bei Nadia stehen und mit ihr flirten. Und jetzt schwatzte ich zwischen Lebkuchen und Wunderkerzen mit meiner Oma. Oh ja, und mit meiner Mutter natürlich.

„Komm schon Mike. Komm ins Wohnzimmer und setzt dich.“, ruft meine Oma aus dem Zimmer nebenan. Ich betrete den Raum. Er ist groß und reich mit Weihnachtsartikeln geschmückt. Überall sitzen kleine Nikoläuse, hängen rote Schleifen, Lametta, jede Menge Kerzen und so Zeugs, aber in der Mitte des Raumes sehe ich auf dem Tisch die Schüssel mit Weihnachtskeksen. Wenigstens etwas.

„Setzt dich zu mir. Dein Kaffee steht da vorne. Magst du Milch oder Zucker?“

„Nichts von beidem, danke.“ Ich setze mich und trinke einen Schluck Kaffee. „Wo ist Mutter?“

„Oh, sie ist schon gestern angekommen. Jetzt nimmt sie gerade ein Bad. Sie wird aber gleich herunterkommen. Ach übrigens, dein Zimmer liegt oben, wenn du die Treppe hoch gehst die zweite Tür von links.“ Die Treppe ist an einer Wand im Wohnzimmer gebaut worden. Das Erdgeschoss war eigentlich ein großes Zimmer. In einem kleinen Raum nebenan ist die Küche, aber das Wohnzimmer nimmt sonst den ganzen Raum in Beschlag.

„Ich habe nicht gedacht dass du noch so rüstig bist.“, meine ich zu Oma.

„Ach ihr jungen Kerlchen glaubt wohl die alten würden rosten, was? Aber ich sage euch: wenn man sich fit hält und jeden Morgen und jeden Abend einen Schnaps trinkt, dann bleibt man fit.“ Ich muss grinsen. Meine Oma ist wohl doch cooler als ich es in Erinnerung habe.

„Wie geht es dir so Oma? Was machst du die ganze Zeit hier oben?“

„Och, ich tue nicht mehr viel. Jeden Sommer lasse ich mich abholen und fahre runter ins Tal. Da treffe ich mich mit anderen in meinem Alter und wir feiern ordentlich. Letztes Jahr sind wir von hier an den Chiemsee gekommen um ein wenig Boot zu fahren.“

„Boot gefahren? Du meinst doch wohl auf einem Schiff oder?“

„Schiff? Ach du! Du glaubst wieder wir alten wären am Rosten was? Wir haben natürlich ein Boot gemietet und selbst gerudert. Das könnt ihr jungen Leute euch gar nicht mehr vorstellen was? Ihr habt ja heutzutage keinen Mumm mehr in den Knochen.“ Ich muss wieder grinsen. Die Alte hat was.

„Erzähl mir doch etwas über dich Mike. Was machst du so? Hast du eine Arbeit gefunden?“

„Nein, ich arbeite nicht. Noch nicht. Ich mache mein Fachabitur nach. Vorher habe ich eine Ausbildung gemacht.“

„Das weiß ich ja. Deine Mutter hat mir nicht alles verschwiegen.“

Ich erzähle ihr noch viele Dinge über mich, aber nichts das wirklich interessant wäre. Zum Beispiel wie es mit einer Freundin steht, oder ob ich gut ankomme bei den Leuten. Aus ihren Fragen höre ich heraus, dass sie sich dafür interessiert wie beliebt ich bin, ob ich ein guter Mensch bin oder ein übler Kerl, aber ich lasse nichts davon von mir verlauten.

„Und was machst du hier in der Hütte so?“, frage ich sie. „Du hast gesagt du unternimmst im Sommer Ausflüge, aber das kann doch nicht alles sein was du tust, oder“

„Och nein Mike. Ich habe Hobbys wenn du das meinst. Ich lese sehr gerne, und sehr viel. Ich habe den halben Keller voller guter Bücher und Fachmagazinen. Ich glaube ich könnte schon eine ganze Bibliothek aufmachen.“

„Was ist dein Lieblingsbuch?“

„Traumfänger von Marlo Morgan.“

„Das kenne ich nicht.“

„Das hatte ich auch nie geglaubt. Es geht darum dass eine Geschäftsfrau von Aborigines eingeladen wird in ihre Heimat. In die Wüste. Dort lernt sie jede Menge Geheimnisse und Wunder kennen von der die westliche Welt nicht einmal ahnt. Es ist einfach ein wundervolles Buch und höchst interessant. Solltest du auch mal lesen.“

„Ja, vielleicht.“ Ich bin gelangweilt. „Und das ist alles was du seit zwanzig Jahren machst? Hast du denn keinen Kontakt zur Außenwelt? Hast du keine Freundinnen oder so was?“

„Doch, die treffe ich aber nur einmal im Jahr, alles andere wäre zu kostspielig. Wir wohnen nicht gerade nah beieinander, aber ich habe noch ein paar Kontakte. Ich gehe oft ins Netz chatten.“

„Was? Du gehst chatten?“ Diese Frau ist wirklich sonderbar.

„Klar, denkst du nur junge Leute können das? Wenn du mal mit der süßen Isabel mit ihren jungen achtzehn Jahre chattest, dann bin ich das.“

„Du bist cool Oma .“

„Wenn die anderen jungen Dinger im Chat sagen sie wären sechzehn obwohl sie erst vierzehn sind, kann ich mich doch auch ein wenig verjüngen.“

Yeah, genau. Um satte sechzig Jahre.

Ich trinke noch einen Schluck Kaffee und knabbere an einem Weihnachtskeks herum.

„Ich bin wirklich froh das du da bist Mike. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen.“

„Ja. Ich war mir schon gar nicht mehr sicher ob ich dich noch wiedererkenne. Aber ich habe dich erkannt.“

Meine Mutter kommt die Treppe herunter und gesellt sich zu uns.

„Hallo Mikey. Du bist da? Ich dachte du würdest gestern Abend schon hier sein.“, sagt sie.

„Es ging nicht früher. Ich musste langsam fahren wegen des Schnees. Ich habe heute Nacht in einer Kneipe geschlafen.“

„Schön. Jetzt sind wir alle zusammen und Weihnachten steht vor der Tür. Es wird wohl das erste Weihnachtsfest seit Jahren den wir als Familie feiern.“

Seit sich meine Eltern trennten, war das Weihnachtsfest nie wieder was es einmal war. Ich und meine Mutter war die Lust am Feiern vergangen und mein Vater schickte noch nicht einmal eine Karte. Weder an Weichnachten, noch an meinem Geburtstag. Er war nur froh von meiner Mutter weggekommen zu sein.

So saßen wir noch lange Zeit im Wohnzimmer und redeten über alles mögliche. Es war ein ganz angenehmer und lustiger Moment. Doch ich sehnte mich nach Hause. Bei mir konnte keine Weihnachtsstimmung aufkommen, weder ohne, noch mit Familie.


Schon eine ganze Weile stapfe ich mit meiner Mutter im verschneiten Wald vor der Hütte herum. Der Schnee und der Wald sind nicht das schlimmste, aber der Hang der runter ins Tal führt ist so steil, dass wir gar nich wissen wie wir uns aufrecht halten sollen. Und wie sollen wir hier ausgerechnet einen Baum fällen?

Die ganzen Jahre der Einsamkeit hat Oma nie wieder einen Weihnachtsbaum gehabt. Opa hat immer einen gefällt, den sie dann schmücken durfte, aber selbst traute sie sich nicht in den Wald. Jetzt weiß ich warum. Meine Mutter hat mich dazu überredet ihr diesen Gefallen zu tun.

„Bist du sicher dass das hier nötig ist?“, frage ich. „Irgendwo hier in der Nähe muss es doch jemanden geben der Weihnachtsbäume verkauft.“

„Und willst du in dem Schnee so einen Verkäufer suchen fahren? Eh du dich versiehst schlidderst du einen Abgrund runter. Und außerdem stehen hier im Wald genug Tannen die wir fällen können um die nächsten dreißig Weihnachten zu feiern. Es ist eine Tradition in unserer Familie gewesen hier Tannenbäume zu Weihnachten zu schlagen. Und Traditionen muss man wahren.“

„Ich schätze du hast sie auch nicht gerade gewahrt in dem du hier weggezogen bist.“

„Das hat nichts damit zu tun.“, ruft meine Mutter heraus. Ich hatte ihren wunden Punkt getroffen.

„Und die Tradition war dir auch so viel wert, dass du schon nach zehn Jahren wieder deine eigene Mutter besuchen gehst.“ Jetzt ist meine Mutter angepisst.

„Hör mir mal zu Mikey. Ich musste hier fortziehen, das weißt du genau. Wir hatten kein Geld und ich war schon am Hungern. Ich bin nach Mainz gekommen um zu arbeiten. Und ich habe gearbeitet. Ich habe Überstunden gemacht die heute gar nicht mehr zulässig sind. Ich habe von Montag bis Sonntag gearbeitet und hatte keinen bezahlten Urlaub. Und jetzt erzähl du mir nicht dass ich freiwillig hier weg musste. Ich wäre gerne hier in den Alpen geblieben.“

„Gut. Dann erzähl du mir aber nichts über Traditionen. Es waren eure Traditionen und nicht meine und ich halte nichts davon in dieser Kälte im Wald in tiefstem Schnee herumzuirren.“

„Du bist genau wie dein Vater in dieser Hinsicht. Wenn es etwas gibt das er nicht versteht oder nicht in seinen Dickschädel passt dann beginnt er über alles herzuziehen.“

„Das ist nicht der Grund warum Vater dich verlassen hast. Du warst so unerträglich, dass er dich nicht mehr ertragen konnte.“

„Was?“, meine Mutter schaut mich verärgert an.

„Ich habe gehört was du gemacht hast. Du hast Vater betrogen mit so einem Arschloch aus ner Uni. Du konntest uns beide wohl nicht mehr ertragen, da hast du dir einfach einen anderen geholt.“

Ihre flache Hand klatscht mir ins Gesicht.

„Rede nicht so über mich. Du weißt doch gar nicht was los war. Wer hat dir das erzählt? Dein Vater sicher, oder? Warum hörst du überhaupt auf diesen Schwachkopf?“

„Weil er mein Vater ist und die Wahrheit sagt.“

„Und bin ich etwa nicht deine Mutter?“, schreit sie heraus. „Bedeute ich dir nichts? Als dein Vater und ich uns trennten wolltest du immer mit deinem Vater fortgehen und das hat mir das Herz gebrochen, aber was mein Herz noch mehr gebrochen hat, war dass dein Vater solch ein Arsch war und nicht einmal seinen eigenen Sohn wollte. Deshalb bist du doch bei mir geblieben und ich habe mich immer um dich gekümmert und dir alles gegeben. Warum triffst du dich überhaupt noch mit deinem Vater? Dieses egoistische Schwein! Er versucht dich doch nur gegen mich aufzuhetzen, weil er dich für irgendwas braucht. Er will dich nur ausnutzen oder hat er dich nicht gefragt ob du für ihn arbeiten willst.“

Ich schaue meine Mutter verdutzt an. „Ja, das hat er mich gefragt.“

„Du kannst mir glauben ich kenne deinen Vater. Höre auf mich wenn ich sage, er will dich nur ausnutzen sonst hätte er sich schon früher um dich gekümmert. Glaubst du nach all den Jahren hat er mehr Interesse an dich? Glaub das ja nicht.

Und dieser Kerl aus der Uni, ich weis dass du ihn nicht kennst, aber dein Vater kennt ihn. Es ist mein Cousin, mehr nicht. Wir haben uns an einem Abend getroffen und uns eine schöne Nacht gemacht. Wir sind ein wenig trinken gegangen und haben anschließend ein wenig getanzt, mehr nicht. Aber dein Vater weiß genau dass er mich nicht verlassen hat, sondern ich ihn. Und es ist auch schon traurig dass du unsere Verwandtschaft nicht kennst. Dafür hattest du ja nie Lust. Und soll ich dir mal was sagen? In unserer Familie ist es Tradition dass man seine Verwandten kennt und sich auch mal mit ihnen trifft wenn man sie lange Zeit nicht mehr gesehen hat.“

Wutschnaubend geht sie tiefer in den Wald und lässt mich zurück.

„Wenn du willst geh wieder zurück zur Hütte. Ich komme auch allein zurecht.“, ruft sie mir nach.

Einen Moment stehe ich wie versteinert da. Nicht weil ich mich schäme, aber weil ich mich ja auch irren könnte. Meine Mutter ist solange ich sie kenne eine traurige Person gewesen. Aber ich glaube ich weiß jetzt warum. Ich wollte nie bei ihr wohnen, aber ich war gezwungen es zu tun. Und meine Mutter wusste das und es machte sie traurig dass ich nie aus freien Stücken bei ihr war. Ich wusste nie das mein Vater mich nicht wollte, ich dachte immer er hätte es sich nicht leisten können, oder so, aber jetzt wo ich so darüber nachdenke, ist das natürlich Unsinn. Und dass er jetzt nach all den Jahren wieder auf mich zukommt ist wirklich verdächtig. Er hat mich nie angerufen oder besucht, aber auf einmal tut er mir all diese Gefallen. Er geht mit mir ins Kino, er geht mit mir Essen oder in die Disco. Ich hätte früher merken müssen dass etwas nicht stimmt.

„Hey! Warte!“, rufe ich meiner Mutter nach. Sie bleibt stehen, dreht sich aber nicht zu mir um. Als ich sie einhole sagt sie nichts, sie scheint etwas von mir zu erwarten.

„Es tut mir leid.“, sage ich zu ihr. „Ich denke du hast recht. Mein Vater hat nie mit mir etwas zu tun haben wollen.“

„Darum geht es nicht. Es geht darum dass du mich dafür verantwortlich machst dass wir keine ganze Familie mehr sind. Und ich habe lange Zeit daran gedacht, es läge an mir dass du deinen Vater mehr magst als mich, aber du hattest keinen Grund ihn zu mögen.“

„Warum hast du ihn verlassen?“

„Er hat sich nie um dich gekümmert, er hat dir an deinen Geburtstagen immer die größten Geschenke gekauft, da konnte ich nie mithalten. Wir hatten uns zwar immer geeinigt nur ein Geschenk zu kaufen, aber er hatte immer ein zweites. Da hast du ihn schon mehr gemocht als mich. Er hat dir immer geholfen, vor allem als du es nicht verdient hattest, wenn du etwas angestellt hast und eine Strafe hättest bekommen müssen, hat er dich immer in Schutz genommen. Ich war immer der Buh-Mann. Dann hat er mich auch noch ein paar mal geschlagen als er betrunken nach Hause kam und du hast es einmal mitbekommen, als du noch ganz klein warst. Am nächsten Tag kamst du zu mir und du wolltest mir einen Kuss auf die Wange geben. Ich habe mich zu dir runtergebeugt und statt eines Kusses hast du mir auf die Wange geschlagen. Weil dein Vater dir gesagt hatte dass ich es verdient hätte. Da habe ich Schluss mit ihm gemacht. Aber du warst immer auf seiner Seite.“

„Ich weiß nicht mehr dass er dich geschlagen hat.“

„Ich weiß, du warst noch sehr klein.“ Ich sehe die Tränen in den Augen meiner Mutter aufstauen. So etwas hatte sie wirklich nicht verdient.

„Es tut mir wirklich leid. Ich wusste das alles nicht. Ich habe mich immer nach einem Vater gesehnt, aber habe nie gemerkt das ich mich nicht nach ihm sehnen sollte.“

„Es ist seltsam dass du erst so spät darauf kommst. Du bist schon dreiundzwanzig und es ist dir vorher nie eingefallen.“

„Das liegt aber daran dass wir nie darüber geredet haben.“

„Und das liegt daran dass du von mir nie etwas von deinem Vater hören wolltest.“

Wir stehen uns eine Weile gegenüber und sagen kein Wort. Was soll ich in dieser Situation auch schon sagen? Ich weiß nicht ob unsere Beziehung schon so angespannt ist, dass wir uns gegenseitig nicht mehr verzeihen mögen oder nicht, aber es ist schließlich Weihnachten. Die Zeit der Liebe und des Vergebens, nicht?

„Was hältst du davon wenn wir einfach wieder von vorne anfangen. Einfach wieder normal miteinander reden und uns an Weihnachten wieder treffen. Ich war blind gewesen, dass weiß ich jetzt. Aber ich will es auch nicht bei unserem Streit belassen.“

Ich sehe meine Mutter zögern. Ich glaube auch selbst nicht dass ich jemandem vergeben hätte, der über zwanzig Jahren auf mir rumhackt und noch dazu aus einem Grund den er noch nicht einmal wirklich kennt.

„Ja, ich denke wir sollten von vorn anfangen.“

Aber es ist schließlich Weihnachten.

Als Siegel unseres Vergebens umarme ich sie.

„Ich denke wir sollten jetzt weiter nach dem Baum Ausschau halten.“, sage ich. An diesem Abend verstehe ich mich mit meiner Mutter so gut wie noch nie zuvor.


Wir stolpern noch eine Zeit lang durch den Wald bis wir ein paar Tannenbäume finden. Es sind nicht die schönsten, aber die einzigsten. Wir schauen uns alle Bäume an aber keiner scheint richtig gut als Weihnachtsbaum auszusehen.

„Schau ob du einen schönen da drüben in dem Waldabschnitt findest.“, ruft meine Mutter. „Ich werde hier ein wenig suchen.“

„Okay!“

Der steile Hang ist an dieser Stelle gewaltig abgeflacht, man kann schon fast wieder die Füße auf gleiche Höhe stellen. Eine Weile laufe ich herum und schaue nach schönen Tannen. Mit vieler und vor allem dichter Beastung. Aber offenbar sollte ich einfach nichts finden. Plötzlich höre ich ein Klingeln, ein Läuten einer Glocke oder so etwas ähnliches. Sie läutet einmal und ist schnell wieder verklungen. Zuerst denke ich an eine weidende Kuh mit einer Glocke um den Hals, aber dann wird mir klar, es ist Winter und es liegt tiefer Schnee. Und eine Kuhglocke hat einen viel höheren Ton als diese. Vielleicht spielen mir meine Ohren aber auch nur einen Streich.

„Komm her Mikey. Hier ist glaube ich ein schöner.“

Ich gehe zurück zu meiner Mutter und betrachte ihren entdeckten Baum.

„Er ist schön. Ich finde wir sollten den nehmen.“

„Ehrlich? Ich wusste nicht genau, ich wollte dich zuerst fragen.“

„Doch ich finde ihn perfekt.“

„Gut. Dann soll es dieser Baum sein.“ Meine Mutter beginnt mit ihrer Axt auf dem dünnen Stamm herumzuschlagen. Der Stamm ist zwar dünn aber Tannenholz ist sehr hart. Aber mit einigen Schlägen schafft meine Mutter es den Baum zu Fall zu bringen.

„Starke Leistung.“

„Glaubst du deine Mutter kann so was nicht? Früher bin ich mit deinem Opa immer in den Wald Holz schlagen gegangen. Wie du weißt habe ich keinen Bruder und ich und meine Schwester mussten also als Kerle mitarbeiten.“

„Sag mal, wie kommt es dass Oma eigentlich noch so allein hier oben in dieser Hütte lebt? Hast du oder deine Schwester nicht einmal dran gedacht sie in ein Heim zu schaffen oder zumindest einen Pflegedienst hochzubringen? Ich weiß sie wirkt noch sehr rüstig, aber ich kann mir nur schwer vorstellen dass sie noch alles allein tun kann in ihrem Alter.“

„Direkt nachdem dein Opa gestorben ist haben wir versucht sie von der Hütte wegzuschaffen. Mir war auch klar dass man sie nicht allein dort oben lassen kann. Es passiert ja alles mögliche. Aber sie hat sich gesträubt und ist mit allem gegen uns gegangen was sie nur hatte. Aber seit ich sie kenne kann sie sich schon selbst helfen und versorgen. So ist es auch heute noch. Sie macht praktisch alles selbst. Außer den Weihnachtsbaum schlagen. Aber wir haben arrangiert dass jede Woche ein Lieferdienst mit frischem Essen zu ihr hinauffährt. Und ein Handwerker kommt dreimal im Jahr und wartet alles was kaputtgegangen ist. Aber sonst macht sie so ziemlich alles allein.“

„Ich frage mich wie sie so ganz allein dort oben bei Verstand bleiben konnte. Lebt sie wirklich schon zwanzig Jahre allein?“

„Ja.“

„Zwanzig Jahre ganz allein an einem verlassenen Ort wie diesen? Hast du dich nie gefragt ob sie nicht durchdrehen könnte vor lauter Einsamkeit?“

„Doch das habe ich und ich wundere mich jedes Mal, wenn ich sie sehe dass sie so wohl auf ist. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit. Deine Großeltern haben die Hütte mit ihren eigenen Händen gebaut und deine Oma hat mir mal gesagt, dass beide sich den Schwur gaben, diese Hütte niemals freiwillig zu verlassen so lange sie lebten. Und deine Oma hält sich noch immer daran. Ihr scheint die Einsamkeit nicht viel auszumachen, obwohl sie nie über deinen Opa gesprochen hat seit er von uns gegangen ist. Sie hat bei diesem Thema immer geschwiegen oder gesagt, sie wolle nicht darüber reden. Das finde ich etwas seltsam. Aber sie scheint so leben zu wollen.“

Auch mir scheint es komisch diese Alte Frau allein hier oben leben zu sehen. Ich meine sie hält sich gut, aber wer könnte so etwas schon ertragen? Ich mit Sicherheit nicht, außer ich würde von einem Wahn getrieben. Aber meine Oma scheint nicht von einem Wahn getrieben. Wahrscheinlich hängt sie einfach an diesem Ort.

Wir heben den Tannenbaum auf unsere Schultern und versuchen ihn den steilen Hang den wir heruntergekommen waren heraufzutragen.


Am Abend sitzen wir im Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum ist reich geschmückt mit roten und silbernen Kugeln (alle verstaubt weil Oma keinen Baum mehr aufstellte seit Opa gestorben war), altes Lametta, dass aussah als hätte es haariges Schimmel auf sich, eine erbärmlich aussehende Lichterkette (denn sie bestand nur aus sieben Kerzen die einen viel zu großen Baum schmückten für die geringe Anzahl), ein paar von den Zweigen herunterbaumelnde selbstzusammengeknuffte Dingens, ich denke es soll ein Engel und ein Weihnachtsstern sein und auf der Spitze eine Engelfigur, die eine durch Abnutzung gekrümmte Spitze festhielt. Alles in allem ein sehr schwaches Bild, aber was soll´s, meine Oma hat so lange keinen Baum mehr gehabt, dass es auf diese Kleinigkeiten auch nicht mehr ankommt.

Meine Mutter sagte mir einmal, es gäbe einen Unterschied zwischen jemandem ein gut aussehendes Geschenk zu machen und jemandem ein gut gemeintes Geschenk zu machen. Wie bei dem Weihnachtsbaum. Es war halt gut gemeint... Nicht das der Baum den wir schlugen nicht nur hässlich war, nein, er war auch noch klein und untersetzt. So einen Baum hätte man nirgends kaufen können. Und ich glaube nicht das ein Verkäufer durchkommen würde, wenn er ein Schild aufstünde auf dem steht: Es war doch gut gemeint!

Oma und meine Mutter schmückten das Ding, nachdem wir es zurück in die Hütte geschleppt hatten. Einzig Probleme hatten wir an der Eingangstür. An einer Stelle hingen wir fest, ein Ast riss aus dem Baum und ein Haufen Nadeln fielen zu Boden. Das alles schien Oma aber nicht zu stören, sie ist nur froh dass sie seit so langer Zeit endlich wieder einen Baum an Weihnachten hat. Vor all den Jahren hatte Opa immer einen Baum besorgt. Unglaublich dass er schon seit über zwanzig Jahren tot sein soll...

Auf jeden Fall wurde mir verboten beim Schmücken des Baumes zu helfen. „Frauensache.“, war Omas schlichte Antwort. Was ich dann aber tun durfte, war das kaputte Lämpchen aus der Lichterkette herauszusuchen. Es war eine verdammt alte Kette, seit über zwanzig Jahren hatte niemand mehr danach gesehen. Die Birnen sind in einer Reihe mit dem Stromkabel angeordnet, und nicht parallel, wenn also eine Birne kaputt ging, funktionierte der gesamte Stromkreis nicht und man durfte jede Birne ausprobieren. Und ich hatte noch Glück dass nur eine Birne durchgebrannt war. „Technik und Elektrik ist Männersache.“, meinte Oma mit einem verschmitzten Grinsen als sie mir die Lichterkette in die Hände drückte.

Auf jeden Fall schafften wir es das Ding zusammenzuflicken. Meine Oma bevorzugt zwar das Wort „Schmücken“, aber flicken ist passender. Nun sitzen wir drei zusammen in dem Wohnzimmer und essen gemeinsam einen Happen. Oma machte ein paar ihrer Berühmten Bratkartoffel. Ich verschlinge sie mit Haut und Haaren könnte man sagen, denn die Schale an den Kartoffeln bleiben bei Oma dran, es war ihr kleines Geheimrezept. Man kann denken dass es eklig oder dreckig sei, die Kartoffeln mit Schale zu essen, aber ich versichere, dass das ganze dadurch erst nach Kartoffel schmeckt und es gibt keinen wirklichen Vergleich zu denen ohne Schale.

Das Essen ist verschlungen und die vier Kerzen auf dem Weihnachtskranz entzündet. In einer Schüssel sind jede Menge von Omas Selbstgebackenem. Spritzgebackenes, Oblaten mit Haselnussanis, Lebkuchen und Zimtwaffeln. Alles zusammen gab einen wunderbar weihnachtlichen Duft ab. Der Schweiß des Weichnachtsmannes.

„Wir sitzen so schön in der Runde heute Abend. Ich würde euch nur ungern zu Bett gehen lassen für heute.“, meint Oma. „Wie wäre es mit einer kleinen Weihnachtsgeschichte?“

Ich glaube nicht richtig zu hören. Eine Weichnachtsgeschichte? Will sie uns vom Nikolaus und seinen Gehilfen, den hässlichen Wichtelmännern erzählen? Oder von dem Reh mit der roten Glühweinnase?

„Ich hätte nichts dagegen.“ sagt meine Mutter. „Was ist es denn für eine Geschichte?“

„Es ist eine Geschichte die ich schon lange nicht mehr gehört habe. Sie ist mir vor einigen Monaten wieder in den Sinn gekommen, als ich an Opa dachte.“ Sie meint damit meinen Opa. Früher sagte ich immer Opa und das hat sie übernommen. „Ja, diese Geschichte hörte ich zuletzt vor über zwanzig Jahren. Oh, vermutlich noch länger. Vielleicht sogar vor fünfundzwanzig. Wie ihr vielleicht wisst, oder zumindest du Melissa, konnte Opa immer schon Geschichten erzählen. Spannende und lustige, traurige und auch beängstigende. Doch er hatte nie das Glück seine Geschichten niederzuschreiben. Zu seiner Zeit blieb für so etwas keine Zeit. Er musste sich immerzu um Haus, Familie und um das Vieh im Stall und um das Korn auf den Feldern im Tal kümmern. Dann musste er in den Krieg und kam Gott sei dank wieder zu uns zurück. Wir haben uns dann diese Hütte gebaut und uns von unserer Rente verköstigt. Aber als er alt war und die Möglichkeit hatte, wollte dein Opa nicht mehr seine Geschichten aufschreiben. Er sei zu alt dafür, sagte er immer. Er machte so weiter wie er es schon immer gemacht hatte. Er erzählte seine Geschichten.

An einem Weichnachtsabend erzählte er mir einmal sein Weihnachtsmärchen. Und ich finde es ist wert es weiterzuerzählen. Vielleicht ist es ein wenig kitschig und gruselig, aber ich denke sie ist dennoch sehr schön und passend.“


„Es fuhr Schnee draußen in der Welt, aber Miriam lag in ihrem Bett und starrte nur aus dem Fenster. So viel Schnee hatte sie noch nie zuvor gesehen. Es war fantastisch. In den nächsten Tagen würde sie Schlittenfahren und Schneemänner bauen. Doch leider würde das alles einen sauren Beigeschmack haben, denn sie würde es ohne ihren Bruder tun müssen. Genau wie diesen Heiligabend. Es war der erste ohne ihn. Es war so trostlos, so leblos. Alle waren so still an diesem Heiligabend. Keine Lieder wurden gesungen, keine Freude machte das Geschenke Auspacken, kein richtiges Weihnachten. Früher war das nie so gewesen, früher, als ihr Bruder noch da war. Er allein fehlte für die perfekte Weihnachten. Obwohl sonst alles so war wie es sein sollte. Der Baum, die Kerzen, die vielen Kekse, die weiße Weihnacht. Aber heute fiel Miriam auf dass das alles kein Weihnachten ausmachte. Denn ihr Bruder fehlte.

Der Abend war so langweilig gewesen, ihr Vater hatte so sehr versucht sie aufzumuntern, aber dabei hatte er sie nur noch trauriger gemacht. Und ihre Mutter noch dazu. Alles war so sinnlos. Kein fröhliches Weihnachten. Es war einfach nur Weihnachten. Dabei wünschte sie sich doch so sehr ihren Bruder wiederzusehen. Nur ein einziges Mal. Ein einziges Mal ihn sehen und nachschauen ob es ihm gut ging, da wo er jetzt war. Da oben im Himmel bei Gott. Das ist alles was sie sich von dem Weihnachtsmann wünschte. Aber die Bescherung war vorbei und der Weihnachtsmann hatte ihr ein Fahrrad gebracht, nicht ihren kleinen Bruder. Mit einer Träne im Auge schlief Miriam ein.

Im Traum ging sie draußen in der Nacht in einem Wald umher, es lag hoher Schnee, knietief. Zuerst hatte sie Angst. Doch dann fühlte sie etwas. Es roch nach etwas das sie kannte. Sie fühlte etwas schönes. Eine saubere und ehrliche Gegenwart. Sie stand im Schnee mit nichts als ihrem Nachthemd. Ohne Schuhe oder Strümpfe, ohne Jacke, nur der dünne Stoff ihres kleinen Kleides, aber dennoch war es nicht kalt. Es war sogar warm. Gemütlich warm. Der Schnee fühlte sich wie frisch gemachte und noch warme Zuckerwatte an. Plötzlich hörte sie eine Glocke und erschrak, aber es war ein sanfter Ton. Kein lauter und in den Ohren weh tuendes Geräusch. Sie konnte nicht feststellen von wo dieser Ton herkam. Irgendwo zwischen den Bäumen kam es her, mal leiser mal lauter. Sie schaute in die Kronen der Bäume hinauf und sah überall rote Kugeln von den Bäumen herabhängen. Flockiger warmer Schnee fuhr vom Himmel herab. Eine Flocke setzte sich auf ihre Nase und sie leckte sich die kleine Flocke mit ihrer langen Zunge herunter. Sie schmeckte süß. Dann wusste sie auch was sie roch. Es war ein warmer angenehmer Geruch. Nach Zimt und Zucker. Es war der Geruch und der Geschmack und das Antlitz und das Geräusch und das Gefühl von Weihnachten. Hier war Weihnachten und nur hier. Der Wald war Weihnachten und Weichnachten war der Wald. Es gab kein Vertun. Hier in diesen Wäldern musste der Weihnachtsmann leben. Hier irgendwo war sein zu Hause. Aber Miriam konnte nicht erraten wo, denn der Wald war dunkel und sie konnte in keiner Richtung auch nur hundert Meter weit schauen. Aber sie wusste das dieser Ort Weihnachten war, denn sie fühlte nicht nur dieses schöne Fest der Liebe, sonder auch ihren Bruder. Er war hier irgendwo, sie roch ihn, spürte ihn. Dann war da wieder dieses Läuten von einer Glocke. Diesmal war es lauter geworden. Es war hinter ihr, dann vor ihr, dann seitlich von ihr. Sie drehte sich nach all den Seiten, doch dann hörte sie es über sich. Sie starrte wieder in den Himmel hinauf, doch sah sie nur die Schneeflocken fallen und die roten Kugeln in den Bäumen hängend und mit dem Wind tanzend. Als sie wieder nach vorne schaute sprang sie zurück. Eine gewaltig Große Gestalt stand vor ihr. Er war viermal so groß als sie und war vollkommen rot gekleidet.

Hallo kleine Miriam.

grüßte er. Sein langer schneeweißer Bart, der rote Mantel, die Stiefel an seinen Füßen und die rote Mütze auf dem Kopf ließ keine Zweifel zu.

Ich habe gehört du warst sehr brav dieses Jahr.

Es war der Weihnachtsmann. In der Hand hielt er nun ruhig die Glocke. Sie hatte den Weihnachtsmann im Weihnachtswald gefunden.

Woher kennst du meinen Namen?

wollte Miriam fragen, aber sie dachte es nur. Doch der Weihnachtsmann verstand es. In diesem Weihnachtswald war es unmöglich zu sprechen. Aber der Weichnachtsmann konnte die Gedanken seiner Beschenkten verstehen.

Was glaubst du wer ich bin?

Du bist der Weihnachtsmann.

Ja, das bin ich. Und meine Aufgabe ist es, mich über die zu informieren die ich beschenke.

Auch der Weihnachtsmann sprach nicht, er nickte nur um seinen Worten etwas leben zu verleihen, aber er zuckte nicht einmal mit einem Mundwinkel. Aber die kleine Miriam konnte ihn hören.

Wenn du mich doch kennst, dann weißt du doch ob ich brav war oder nicht, Weihnachtsmann.

Hohohoho. Da hast du recht kleine Miriam. Ich weiß sehr wohl ob du brav warst oder nicht, ich wollte es nur von dir hören um festzustellen, ob du den Weihnachtsmann belügen würdest. Aber dein Herz ist so rein wie ein klarer See, aber im Moment ist der See zugefroren wie ich sehe. Etwas bedrückt dich kleine Miriam.

Mein Bruder war dieses Weihnachten nicht bei uns, aber ich vermisse ihn so sehr.

Das tut mir sehr leid, kleine Miriam. Es ist immer schwer jemanden zu verlieren. Aber ich weiß nicht wie ich dir da helfen soll. Ich kann ihn dir nicht wiederbringen.

Aber ich vermisse ihn doch so sehr.

Eine kleine Träne schlängelte sich an ihrer Nase vorbei und herunter an ihrer Wange. Der Weihnachtsmann nahm sie mit seinen reinen weißen Handschuhen von ihrer Wange und leckte sich die Finger.

Ich schmecke wie schwer diese Träne ist, und wie tief von Herzen sie kommt. Ich kann dir den Wunsch erfüllen. Ich kann dir helfen ihn noch einmal zu sehen. Aber dafür musst du mir etwas geben. Keine Angst du bekommst es natürlich wieder zurück, aber ich muss mir etwas ausleihen und ich muss wissen ob du mir vertraust. Vertraust du mir kleine Miriam?

Ja, ich vertraue dir Weihnachtsmann.

Das freut mich kleine Miriam. Eine weitere kleine Seele die mir vertraut. Hohohohoho. Aber nun will ich dir sagen was du für mich tun musst. Wenn ich verschwunden bin gehe zum Kamin und lege deine zwei Augen in eine Socke und hänge die an einen Nagel im Kamin. Ich werde die Augen brauchen um deinen Bruder zu suchen. Ich werde sie benutzen und in das hohe Reich der Himmel fliegen und ihn suchen. Ich weiß leider nicht wie er aussieht, darum brauche ich deine Augen. Du bekommst sie natürlich wieder zurück, aber erst morgen. Ich muss sie mir einen Tag lang ausleihen. Würdest du das tun? Würdest du mir deine Augen anvertrauen kleine Miriam?

Ja Weihnachtsmann. Ich vertraue dir.

HOHOHOHOHOHOHOhohohohohohohohohohohoho...

schallte es im Weihnachtswald und Miriam war wieder allein, die Glocke des Weihnachtsmann in der Ferne läutend. Sie schaute sich um. Wo sollte hier ein Kamin sein? Sie war mitten im Wald. Und wie sollte sie ihre Augen in den Strumpf legen?

Als sich die kleine Miriam verwirrt umdrehte sah sie einen kleinen Kamin zwischen zwei Bäumen gebaut. Die Backsteine waren mit den Bäumen verwachsen und die Wurzeln verzierten die Front des Kamins. Ein warmes Feuer brannte darin und ließ die Schneeflocken die darin flogen mit einem Zischen verschwinden. Als sie näher trat erkannte sie einen aus dem Backstein hervorstehenden Nagel. Dort sollte sie ihre Socke mit ihren Augen darin aufhängen.

Die kleine Miriam schaute hinunter auf ihre kleinen nackten Füße. Sie hatte keinen Strumpf. Was sollte sie jetzt tun? Sie schaute sich ein wenig um in dem Wald, in ihrer Hoffnung suchte sie nach einem verlorenen Strumpf von jemand anderem. Aber der Waldboden war weiß und nichts lag darin. Dann fiel ihr etwas ein. Ihr Nachtkleid. Es war recht lang und so riss sie ein Stück heraus und faltete es so, dass man etwas hineinlegen konnte. Sie hing das Stück Stoff an den Nagel und hoffte der Weihnachtsmann würde es akzeptieren. Sie hatte sich doch so viel Mühe gemacht. Aber sie war sich sicher dass er Verständnis zeigen würde.

Dann musste sie nur noch ihre Augen hineinlegen. Aber wie sollte sie das denn machen? Sie konnte sich doch nicht einfach die Augen aus dem Gesicht reißen und sie über den Kamin hängen. Sie zweifelte am Weihnachtsmann und an dieser Tat. Doch in der Ferne hörte sie ihn lachen in diesem tiefen, dumpfen Ton. Er ließ seine Glocke läuten. Das überzeugte die kleine Miriam und sie begann zwei Finger in ihre Augenhöhlen zu drücken. Es war ein harter quälender Druck, doch der Schmerz würde es Wert sein. Es tat weh, aber es passierte nichts. Ihr Augenlied zuckte wild auf und ab auf ihre Finger. Dann flutschte das Auge heraus und sie konnte mit dem anderen ihr Auge in ihrer Hand sehen. Die kleine Miriam legte ihr rechts Auge in das Stoffstück über dem Kamin. Dann riss sie sich das linke Auge heraus und legte es in den Stoff. Nun konnte sie nichts mehr sehen. Sie ging ein paar Schritte zurück um nicht in den Kamin zu fallen, doch sie stolperte beim Rückwärtsgehen und fiel zu Boden.

Dann war sie wach und lag in ihrem Bett. Ihre Augen waren noch geschlossen und sie drehte sich rum um weiterzuschlafen. Doch sie konnte nicht mehr. Als ihre Mutter dann hereinkam und das Licht einschaltete, presste sie ihre Augenlieder noch weiter herunter.

„Frohe Weihnachten Miriam.“, wünschte die Mutter.

„Frohe Weihnachten Mami.“

„Warum machst du denn die Augen nicht auf? Es ist doch Tag.“, fragte ihre Mutter.

„Ich mag nicht.“, sagte die kleine Miriam.

„Wenn du noch etwas schlafen willst dann lasse ich dich noch.“, sagte ihre Mutter und ging wieder fort. Aber die kleine Miriam bekam die Augenlider nicht wieder auf. Sie versuchte es, aber sie konnte es nicht mehr. Als ihre Mutter es Mittags selbst sah, wurde sie nervös. Es sah für ihre Mutter nicht so aus als würde sie es mit Absicht tun, denn man konnte ihr ansehen, dass sie ihre Augen nicht zupresste. Auch ihr Vater war besorgt. Den ganzen Heiligabend bekam sie kein Auge auf.

Dann fragte ihre Mutter warum ihr Nachthemd verrissen sei? Sie sagte nur, sie habe ein Stück davon abgerissen, weil sie es gebraucht haben. Miriams Mutter wurde immer verwirrter und ihr Vater suchte in Miriams Bett nach dem Stück Stoff, aber er fand keins.

Dann fragte Miriams Mutter warum sie denn die Augen nicht öffnen könne. Die kleine Miriam wusste es nicht und konnte nicht darauf antworten. Der Weihnachtsmann hatte ihr wirklich die Augen genommen, nicht nur im Traum.

Ihr Vater versuchte mit seinem Finger die Augenlider der kleinen Miriam anzuheben, doch sie waren wie festgeklebt. Die Haut des Lides straffte sich ein wenig, aber er konnte es nicht hoch ziehen. Nun wussten beide nicht was sie noch tun sollten, aber da fiel Miriams Mutter noch eine letzte Lösung ein. Sie ließen der kleinen Miriam eine Badewanne mit heißem Wasser ein. Ihre Mutter glaubte das ihre Augen vielleicht schwer zugebuttert waren und dass man dies durch heißes Wasser vielleicht lösen könnte. Die kleine Miriam wusste nicht was die Eltern vor hatten und sie hörte nur das Plätschern des in die Badewanne fallenden Wassers. Sie glaubte es sei ein einfaches Bad für sie. Sie hatte schon ihre Kleider ausgezogen, so gut sie es konnte ohne etwas zu sehen, und wollte hineinsteigen, da sagte ihre Mutter:

„Nein Miriam. Es ist kein Bad für dich, wir haben etwas anderes vor. Komm zu mir, ich möchte etwas versuchen. Du vertraust mir doch Miriam, oder?“

Zuerst konnte die kleine Miriam nicht antworten, sie wusste nicht was sie sagen sollte. Sie hatte zuvor schon dem Weihnachtsmann vertraut und der hatte ihre Augen gestohlen, hatte sie ihr genommen, obwohl sie es freiwillig tat, und jetzt konnte sie nichts mehr sehen. Sie wusste nicht ob sie ihrer Mutter trauen sollte. Sie wusste nicht was sie vorhatte, ebenso wenig wie sie wusste, was der Weihnachtsmann vorhatte. Doch sie war ihre Mutter, der konnte man doch vertrauen.

„Ja Mami, ich vertraue dir.“, sagte die kleine Miriam zögernd und ihre Mutter hoffte nur ihr nicht wehzutun.

„Erschrecke jetzt nicht Miriam. Komm zu mir und erschrecke dich bitte nicht.“

Die kleine Miriam kam zu ihrer Mutter und musste sich vor die Badewanne stellen. Ihre Mutter packte die kleine Miriam am Kopf und tauchte sie unter Wasser, mehr mit Gewalt als ihr lieb war. Nach ein paar Sekunden holte sie ihre Tochter wieder aus dem Wasser und fragte ob alles mit ihr in Ordnung sei, ob ihre Augen sich wieder öffnen ließen. Verängstigt sagte die kleine Miriam nein. Da wurde sie wieder unter Wasser gedrückt, diesmal länger als beim ersten mal. Die kleine Miriam wollte atmen, doch konnte es nicht. Sie atmete Wasser und es tat weh. Sie spuckte das Wasser wieder aus ihren Lungen und bekam noch mehr zu fassen. Sie schrie unter Wasser und die Oberfläche blubberte und kochte durch ihr Schreien. Miriams Mutter zog sie schnell aus dem Wasser und hielt sie fest an sich gedrückt, sich entschuldigend und ihr unendliches Schuldgefühl vor ihr preisgebend. Die kleine Miriam wollte weinen, doch konnte keine Träne ihr geschlossenes Auge verlassen.

Vollkommen verängstigt und nervös fuhr Miriams Mutter mit ihr ins Krankenhaus, in die Ambulanz. Alle Ärzte hatten in der Stadt Urlaub über Weihnachten, also blieb nur noch das Krankenhaus. Die Doktoren konnten nicht feststellen warum sie ihre Augen nicht mehr öffnen konnte und versuchten es mit einer Zange und mit Gewalt. Doch die kleine Miriam schrie vor Schmerzen und ihre Mutter ging dazwischen. Die Ärzte beteuerten dass sie sonst nichts tun könnten und sie solle doch einmal den Rat eines Augenarztes aufsuchen. Unbefriedigt fuhren die beiden wieder nach Hause. Sie waren gezwungen die Weihnachten abzuwarten um zu einem Augenarzt zu kommen.

Zu Hause weinte Miriams Mutter vor Angst und Unwissenheit über ihre Tochter. Unwissend, dass sie einen Packt mit dem Weihnachtsmann geschlossen hatte. Auch dieser erste Weihnachtstag verlief weder fröhlich noch mit Liedern oder einer ausgelassenen Weihnachtsfreude. Es war ein trauriges Weihnachten. Und dabei blieb es.

Die kleine Miriam legte sich wieder zu Bett. Ein weiterer Tag des traurigen Weihnachtsfestes war vergangen und sie hatte ihren Bruder immer noch nicht gesehen.

Als die kleine Miriam wieder erwachte, stand sie wieder in dem Weichnachtswald. Ihre Augenlieder waren geöffnet, aber ihre Augen fehlten ihr immer noch. Sie konnte nichts sehen, aber sie fühlte den warmen Schnee zwischen ihren Füßen und den warmen Wind durch ihre Augenhöhlen pusten. Sie wusste nicht wie ihr geschah oder was sie jetzt tun sollte, da hörte sie auch schon wieder die Glocke und das Lachen des Weihnachtsmannes. Er stellte sich vor sie und sagte mit deutlichen Gedanken:

Frohe Weihnachten kleine Miriam. Ich habe gute Nachrichten für dich.

Hast du meinen Bruder gefunden?

Ja kleine Miriam. Mit Hilfe deiner Augen. Ich habe durch sie gesehen und habe deinen Bruder sofort erkannt. Da hast du deine Augen zurück.

Der Weihnachtsmann drückte der kleinen Miriam ihre Augen in die Hand und sie setzte diese zurück an ihren angestammten Platz. Sie schaute auf und zuerst verschwommen, aber zunehmend deutlicher sah sie den Weihnachtsmann vor sich.

Du warst sehr mutig und vertrauenswürdig mir deine Augen zu leihen. Das hätte nicht jedes Mädchen getan.

Ich habe keine Socke gefunden. Ich hoffe das hat dich nicht wütend gemacht.

Wütend? HOHOHOHOHOHOHO. Du bist doch zu lieb. Natürlich bin ich nicht wütend auf dich. Ich wusste ja schließlich dass du keine Socken bei dir hattest. Aber du willst deinen Bruder sehen nicht wahr kleine Miriam?

Ja, ich will ihn sehen.

Wenn du ihn wirklich sehen willst, dann schau ganz genau hin, kleine Miriam.

Mit diesen Worten verschwand er plötzlich mit einem Glockenläuten und einem tiefen hohlen Lachen.

Miriam stand wieder allein im Wald. Sie drehte sich um, aber der Kamin war nicht mehr da. Wo war ihr Bruder? Sie schaute sich nach ihm um und schaute ganz genau hin wie der Weihnachtsmann ihr sagte. Doch sie sah ihn nicht. Dann hörte sie plötzlich Fußstapfen hinter sich und wieder drehte sie sich um und an der Stelle an der der Weihnachtsmann ihr die Augen zurückgab, stand ihr kleiner Bruder. Er war genauso wie sie ihn zuletzt gesehen hatte. Er hatte eine Jeanshose und ein T-Shirt an. Sein blondes Haar hing ihm in die Augen. Sofort rannte die kleine Miriam auf ihn zu und sie umarmten sich fest. Sie schaute ihm danach in die Augen und sagte:

„Ich liebe dich Bruder.“

„Und ich liebe dich Schwester.“, sagte er und war wieder verschwunden.

Miriam wachte auf in ihrem Bett und das erste was sie sah an diesem zweiten Weihnachtstag, war ein Foto ihres Bruders. Es stand hoch oben auf einem Regal, doch genau da gehörte es hin. Jedes Mal wenn sie nach dieser Nacht aufwachen würde, dann konnte sie ihn sehen.

Die Mutter der kleinen Miriam freute sich darüber, dass Miriam wieder sehen konnte. Ihr Vater war zunächst misstrauisch, vermutete dass es nur vorrübergehend war. Aber bis zum Abend hin war auch er fröhlicher Stimmung. Dieser Abend war ein schöner Weihnachtsabend. Ein Weihnachtsabend wie er sein sollte. Mit Fröhlichkeit, mit Liedern und ausgelassener Weihnachtsfreude. So wie es war bevor Miriams Bruder starb. Seit diesem Tag entdeckte sie überall in der Wohnung Bilder und alte Erinnerungsstücke ihres verstorbenen Bruders und sie war glücklich, denn in ihrem inneren Auge konnte sie ihn sehen und sich an ihn erinnern.

„Schau ganz genau hin, kleine Miriam“, hatte der Weihnachtsmann zu ihr gesagt. Und das tat sie auch.


Weder ich noch Meine Mutter sagt etwas als Oma die Geschichte beendet. Es war eine so schaurige und doch sogleich fröhliche und vertrauenserweckende Geschichte. Ich hatte nie gedacht das mein Opa solche Geschichten erzählen konnte. Ich wünsche ich hätte ihn noch gekannt. In diesem Moment fühle ich mich gut aufgehoben und bin froh bei meiner Oma zu sein.

„Dein Opa hatte noch mehr solcher Geschichten erfunden.“, sagt meine Mutter. „Aber er sagte immer er habe die Geschichte nicht erfunden, er hatte die Geschichte nur gefunden.“

„Ja das hat er immer gesagt.“, meint Oma. „Hach wie ich ihn vermisse. Ich wünschte ich könnte ihn noch einmal sehen. Ich werde jetzt zu Bett gehen.“, sagt Oma. „Ich bin müde und meine Knochen tun weh. Morgen wird es noch ein langer Tag werden. Ich freue mich ja so sehr das ihr da seid. Mein erstes Heiligabend mit jemandem nach so langer Zeit. Ich kann euch nicht oft genug danken dass ihr gekommen seid. Das ist das beste Geschenk das ich jemals bekommen habe.“

„Das freut mich.“, sagt meine Mutter. „Wenn du willst können wir ja auch öfter herkommen.“

„Wenn ihr das für mich tun wollt, seit ihr natürlich hier willkommen.“ Oma schaut mich an als wolle sie eine Antwort von mir.

„Natürlich kommen wir dich wieder besuchen.“

„Das freut mich Mike. Jetzt werde ich aber zu Bett gehen.“

„Ich gehe auch schlafen.“, sagt meine Mutter. „Kommst du allein zurecht? Soll ich dir helfen?“, fragt sie Oma.

„Nein, danke. Ich lebe so lange allein hier und kann mir auch jetzt noch selbst helfen.“

„Ich gehe noch baden und gehe dann schlafen.“, sage ich und wir wünschen uns gegenseitig eine gute Nacht.

Als die beiden oben im Haus verschwunden waren, sitze ich noch eine Weile am Tisch und esse noch ein paar Zimtwaffeln. Ich fühle mich richtig heimisch und aufgehoben. Nie hätte ich gedacht das es hier so sein würde.

Dann mache ich mich auf ins Badezimmer und lasse heißes Wasser einlaufen. Ich streife meine Kleider ab und lege mich hinein. Es tut wirklich gut nach der ganzen Kälte draußen im Wald wieder ein wenig heißer Wärme zu spüren. Ich weiß gar nicht wie lange es schon her ist dass ich baden gehe. Sonst bin ich immer duschen gegangen, das geht schneller, aber hier bin ich gezwungen zu baden. Und es tut wirklich gut.

Während dem Bad klappe ich mein Handy auf und schaue auf den Display. Ich habe tatsächlich empfang hier oben in den Alpen. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich vermute, dass das Mobilfunknetz hier an der Hütte fest hängt und nicht über den Berg kann, anders lässt sich das nicht erklären. Aber ich bin froh darüber, so kann ich Nadia sogar eine SMS schreiben.


Hi! Wie gehts? Bin bei Oma über Weihnachten. Bin an Sylvester wieder zurück dann können wir ein wenig feiern? Wo feierst du? mb Mike.


Die SMS ist kurz. Deshalb heißt sie ja auch SMS. Ich atme auf als die Message wirklich über den Berg geht und die Meldung „gesendet“ auf dem Display erscheint. Ich lege das Handy beiseite und lehne mich zurück.

Das Wasser bedeckt meinen ganzen Körper und ich fühle mich gut dabei. Die Wärme umschließt mich völlig und ganz, von allen Seiten. Draußen pfeift der Wind und der Schnee donnert gegen die Wand der Hütte. Ich bin mir nicht sicher ob ich Übermorgen schon wieder wegfahren kann, je nachdem wie schlimm es noch schneien wird. Vielleicht finde ich mein Auto gar nicht mehr unter all dem Schnee. Auf jeden Fall gefällt es mir hier besser als ich erwartet habe. Ich würde gerne noch viel länger hier verbringen wenn die Schule nicht wäre. Und Nadia. Sie ist eigentlich der einzige Grund weshalb ich mich nach Hause sehne. Sie ist wirklich ein tolles Mädchen, ein Mädchen nachdem sich jeder Kerl sehnt. Ihr blondes Haar fällt locker über ihre Schultern und ihr voller Mund lädt immer wieder zum Küssen ein. Ich nehme mir vor, wenn ich nach Hause komme, dann werde ich nicht mehr warten bis sie den ersten Schritt tut, sondern werde mich selbst an sie ran machen bevor sie sich noch einmal nach jemand anderem umsehen kann. Ich habe lange genug gewartet und gelitten.


Ich liege eine lange Zeit in der Badewanne und glaube eingeschlafen zu sein. Als ich auf jeden Fall wieder ganz bei Sinnen bin, merke ich wie kalt das Wasser geworden ist und steige aus der Wanne.

Ich trockne mich ab und streife meine Kleider über. Das Wasser in der Wanne versickert langsam im Abflussrohr und ich mache mich auf den Weg in mein Schlafzimmer. Es ist das zweite Zimmer von links, von der Treppe aus gesehen.

Auf dem Flur begegnet mir Oma. Sie erschrak als sie mich sah.

„Mein Gott Mike. Du bist noch wach?“, fragt sie.

„Ja, aber ich werde jetzt schlafen gehen.“

„Na dann gute Nacht, Mike.“

„Gute Nacht Oma.“

Sie ging in Richtung Badezimmer, wahrscheinlich muss sie mal für alte Mädchen. Als ich mich noch einmal nach ihr umdrehe sehe ich in ihrer Hand ein kurzes Blitzen. Ein kleiner Schweif eines Gegenstandes den sie in der Hand hält. Ein Messer? Was will sie mit einem Messer? Aber ich kann mich auch getäuscht haben. Wahrscheinlich war es so.

Als ich endlich im Bett liege bin ich froh. Hier hatte ich meine Ruhe. Kein Straßenlärm von fahrenden Autos, kein Geblöke von Besoffenen die während des Nachts umherziehen. Es ist ruhig und still hier. Zum ersten mal in meinem Leben fühle ich das Gefühl von Weihnachten. Das Gefühl gut aufgehoben zu sein, das Gefühl dass es einem gut geht, das Gefühl zu wissen wo man ist und sich nicht zu wünschen woanders zu sein. Dieses erste und einzige mal fühlte ich Weihnachten.


24. Dezember


Als ich aufwache habe ich ein seltsames Gefühl im Bauch. Mir ist schlecht, als hätte ich am Vortag zu viel getrunken, aber ich hatte gestern keinen Schluck Alkohol zu mir genommen. Auf jeden Fall geht es mir nicht gut. Woher das kommt weiß ich nicht. Vielleicht ist das Weihnachtgefühl schon vorbei.

Der Raum ist dunkel, es muss also noch Nacht sein. Natürlich konnte ich mir nicht merken wo der Lichtschalter ist und taste mich nach ihm vor. Ich finde nichts an der Wand und plötzlich bekomme ich auch noch Kopfschmerzen. Was ist nur los? So was hatte ich ja noch nie gehabt.

Ich versuche aufzustehen, aber mir wird schwindlig und ich bleibe auf dem Bett sitzen. Kann eine Nacht hier in den Alpen wirklich so dunkel sein? Ich kann noch nicht einmal Umrisse von irgendwas sehen. Meine Augen tun mir weh, als hätte ich eine halbe Stunde lang in die Sonne gestarrt. Ich öffne meine Augenlider und es fühlt sich kalt an. Meine Augen sind kalt und alles ist taub. Ich schließe meine Augenlider und reibe an meinen Augen aber erschrecke vor dem Gefühl. Alles fühlt sich so weich an. Ich reibe wieder. Es fühlt sich an als reibe ich auf einem Luftballon. Ich öffne meine Lider und versuche mit meinem Mittelfinger direkt an mein linkes Auge zu fassen...

Ich springe auf, einen lauten Schrei ausstoßend, woraufhin ich das Gleichgewicht verliere und zu Boden falle. Ich versuche nach der Tür zu greifen, den Türhenkel zu finden um den Weg nach draußen auf den Gang freizumachen. Doch ich konnte nichts finden, nichts sehen. Mit zitternden Händen fühle ich meine Augen ab. Nichts. Nur Schleim und eine leer Hülle. Ich atme schwer, weiß nicht was ich tun soll. Dann höre ich es. Eine Glocke, die gleiche Glocke die ich im Wald hörte als meine Mutter und ich die Tanne gefällt haben. Es war genau diese Glocke. Ich höre sie wieder, diesmal lauter, dann höre ich das Lachen des Weihnachtsmannes aus dem Märchen das Oma uns erzählt hat. HOHOHOHOHOHOHOhohoho macht es. Und wieder das Läuten der Glocke. Der Weihnachtsmann ist hier. Er hat sie mir genommen.

(HOHOHOHOHOHO)

Er hat sie mitgenommen.

(Glockenläuten)

Er hatte meine Augen genommen. Er war hier und hat sie mitgenommen.

Ich schreie laut auf und höre den schnellen Schritt meiner Mutter auf dem Gang. Sie rennt in mein Zimmer.

„Mike!“, ruft sie aus, kommt zu mir und will mir aufhelfen, doch schreckt zurück und lässt mich fallen als sie meine Augen sieht. Als sie meine Augen nicht sieht.

Mit meinen zittrigen Händen suche ich den Boden meines Zimmers ab, ich will etwas greifen, einfach irgendetwas. Ich zapple auf dem Boden herum, unkontrolliert und unwissend was ich eigentlich tue. Dieser leere Schmerz. Meine Augen! Er hat sie genommen. Sie sind weg, einfach fort. Aus meinen Augenhöhlen genommen und verschwunden. Ich bin blind und dieser leere Schmerz...

„Mikey! Was ist mit dir? Was ist passiert? Wo sind deine Augen?“ Voll Hysterie und Angst stammelt meine Mutter diese Worte heraus.

„Er hat sie. Er hat sie mir genommen!“, schreie ich. Ich winde mich auf dem Boden und versuche aufzustehen. Aber ich falle wieder zu Boden. „Er hat sie mir genommen.“

„Wer?“

„Ich weiß es nicht. Verdammt. Siehst du das nicht? SIE SIND WEG. ER HAT SIE GENOMMEN, DER WEIHNACHTSMANN HAT MIR MEINE AUGEN GENOMMEN!“

Ich fühle einen stützenden Arm meine Brust umschlingen. Meine Mutter hilft mir auf.

„Wir müssen zu einem Doktor. Komm.“, sagt sie.

„Wo sind meine Augen? Wir können nicht ohne sie fahren. Wo sind sie? Siehst du sie irgendwo?“

„Oh Gott.“, sagt meine Mutter aber schaut sich um. „Halt dich hier fest.“ Ich umfasse etwas festes, ich weiß nicht was es ist. Es rappelt und es klopft, meine Mutter scheint die Augen zu suchen. Immer wieder höre ich sie „Oh Gott“ sagen. „Oh Gott“

„Hast du sie?“

„Nein, hier ist nichts? Was ist denn passiert Mikey? Wann ist es passiert? Du musst doch etwas gespürt haben.“

„Da war nichts.“, erkläre ich ihr. „Ich habe nichts gespürt. Ich bin nur aufgewacht und da wollte ich mir die Augen reiben. Aber sie sind weg. ER HAT SIE GENOMMEN!!“

„Beruhige dich. Wir müssen jetzt etwas unternehmen.“

„Verdammt kapierst du es nicht? Sie sind weg. Meine Augen sind mir genommen worden und man kann sie nicht einfach wieder einsetzten.“

„Sei still.“, ruft meine Mutter. „SEI STILL!! Ich will nichts hören... Ich... OH GOTT!! Was ist nur mit dir passiert?“

Wieder höre ich die Glocke.

„Dort unten ist jemand.“

„Lass uns runtergehen.“, schlägt meine Mutter vor. „Ich führe dich. Ich schaue nach, ob jemand dort unten ist und dann werden wir von hier verschwinden.“

„Wo willst du hin? Die Straßen sind von Schnee zugeweht.“

„Wir werden eine Möglichkeit finden.“

Ich spüre die Treppenstufen unter meinen Füßen. Ständig sagt meine Mutter ich solle langsam und vorsichtig sein. Als wir unten ankommen scheint Oma vor dem Kamin zu sitzen.

„Mutter.“, ruft meine Mutter aus. „Was machst du hier? Hast du nicht mitbekommen was passiert ist? Hast du niemanden hier im Haus gesehen?“

„Beruhige dich doch erst einmal.“, sagt Oma.

„Beruhigen? Hast du gesehen was sie mit Mikey gemacht haben?“

Langsam steht sie auf und dreht sich herum.

„Ja, ich sehe es.“

„Sie haben ihm die Augen herausgeschnitten um Himmels Willen.“

„Ja, ich weiß es.“

„Was?“ Meine Mutter klingt entsetzt.

„Aber natürlich weiß ich was passiert ist. Ich habe sie nämlich.“

In ihren Händen hält Oma meine Augen. Sie hängen an den Augensträngen und Nerven zusammengeknotet über ihrem Mittel- und Ringfinger. Die beiden Kugeln baumeln und pendeln hin und her, schlagen gegeneinander und prallen wieder voneinander ab.

„Ich habe sie genommen, denn ich brauche sie.“

„Mutter.“ Ich höre wie vor Abscheu meiner Mutter der letzte Atem weicht.

Wieder läutet die Glocke, diesmal ohrenbetäubend Laut. Oma hält die Glocke.

„Es macht dir doch nichts aus oder Mike?“, fragt Oma. „Dir macht es doch nichts aus wenn du mir deine Augen leihst oder? Ich brauche sie. Ich werde sie in den Strumpf über dem Kamin hängen und mein einziger Wunsch wird mir erfüllt.“

„Dein letzter Wunsch?“, sage ich verächtlich. Ich muss mich an dem Treppengeländer festhalten um nicht umzukippen und ungefähr herauszufinden wo ich bin. „Was soll das sein? Opa wieder zu sehen? Meine Augen dem Weihnachtsmann mitzugeben, so dass er sich nach Opa umsehen kann? VERRECKE DU ALTE SCHLAMPE! ICH HASSE DICH!!“

„Bleib stehen.“, ruft meine Mutter. „Komm keinen Schritt näher.“

„Und du willst mich daran hindern? Ich habe nicht zehn Jahre darauf gewartet dass mein Wunsch in Erfüllung geht. Er wird heute erfüllt werden.“

Sie nimmt den Strumpf vom Kamin und steckt in ihn die Tasche. Dann ein metallisches Klingen. Oma zückt ein Messer. Das Messer dass ich gestern Nacht bei ihr vermutet habe.

„Willkommen im Weihnachtswald, dem Wald der Wunder und der Wünsche. Hier oben ist jeder Tag Weihnachten und jede Nacht Bescherung. Ich werde heute Nacht meinen Mann wiedersehen. Niemand wird mich hindern. Heute ist meine Bescherung. Ich habe lange gewartet und heute ist Heiligabend. Jetzt werde ich beschert. Ich werde meinen Mann wiedersehen und ich werde dich töten wenn es sein muss.“

Der Atem meiner Mutter geht schnell, überschlägt sich fast neben mir. Ich kann nicht sehen was passiert, aber ich höre Omas Schritte auf uns zukommen. Die Glocke klingt leicht während sie sich auf uns zu bewegt.

„Komm nicht näher.“ Ehrgeiz und überschäumender Hass fliesen mit meiner Mutters Worten mit. „Bleib ja wo du bist, du Scheusal.“

„Ich bin ein Scheusal? Ich will nur einen Wunsch erfüllt bekommen, weiter nichts. Ein unschuldiger Wunsch jemanden wiederzusehen.“

„Warum reißt du dir dann nicht deine eigenen Augen raus wie die kleine Miriam, oder hasst du Schiss davor?“, rufe ich in die Richtung aus der ich sie vermute.

„Nein, aber ich muss den Weihnachtsmann erst finden und ihm die Augen geben. Das könnte ich nicht solange ich blind bin.“

„Du bist blind. Du weißt es nur nicht. Wenn Opa dich sehen würde, dann wäre sein Wunsch dich nie wieder zu sehen.“

„SEI STILL!!“, rast Oma und schwingt ihre Klinge. Ich höre wie die scharfe Kling Luft schnitt und auf mich zurast.

„NEIN!!“

Ein verdrängendes Geräusch von zerdrücktem und gespaltenem Fleisch dringt in meine Ohren. Ein klatschender Laut der zweimal herabfällt auf das arme wunde Fleisch des Opfers.

„Mutter.. Ächz, äch...“ Ein Schwall Blut schießt aus dem Munde meiner Mutter und trifft mein Gesicht. Die warme Flüssigkeit schlängelt sich an meiner Wange herunter.

„Ich sagte: Niemand wird mich aufhalten. Heute werde ich beschert. Ich werde ihn wiedersehen.“ Oma rennt aus dem Haus, reißt die Tür auf und stapft hinaus in den Schnee. Ihre Glocke läutet die ganze Zeit.

„Wo bist du? Suche mich auf, ich habe was du benötigst.“, ruft Oma. Ich habe mich geirrt. Ich hatte recht dass man die Einsamkeit nur im Wahn aushalten könnte, aber ich habe mich geirrt zu vermuten, sie hinge einfach an diesem Ort. In gewisser Weise stimmt aber auch das, denn dies hier ist der Weihnachtswald den sie erfunden hat und nirgends sonst hätte sie die Augen gegen einen Wunsch tauschen können. Aber leider nur in ihrem kranken Kopf.

„Ich bin hier! Schau! Ich habe was du brauchst. Hahaha! Komm herab und erfülle den Wunsch einer alten Frau.“ Ihre Glocke läutet in der Ferne.

Ich falle auf die Knie und meine Mutter sinkt mit mir zu Boden. Ich halte sie in meinen Armen. Tränen fallen aus meinen leeren Augen. Ich kann sie einfach nicht mehr zurückhalten. Meine Mutter liegt in meinen Armen und wird sterben. Ich höre wie das Blut aus ihrem Hals schießt.

„Mikey... äch... ähch.“ Sie hustet warmes Blut. „Ich... ächs.. Es..“ Ihr Versuch nach Luft zu schnappen misslingt, die Luft entweicht an der Stichwunde des Messers. Ich sehe es nicht, aber ich stelle es mir vor. Wie die Haut an ihrem Hals sich hebt um die Luft frei zu lassen. Wie das Fleisch auseinander trifftet um Platz zu machen. Meine Mutter erstickt in meinen Armen. Aber sie hatte mir das Leben gerettet. Der Stich hatte mich treffen sollen, aber meine Mutter warf sich vor mich und rettete mein Leben.

„Mike..“

„Sag nichts Mutter. Ich weiß es war ein Fehler hierher zu kommen. Das wusste ich von Anfang an, aber wir können es nicht ändern. Ich weiß was du für mich getan hast und ich danke dir dafür. Du hast mir das Leben gerettet.“ Meine Mutter schaut mir in die Augen. Ich spüre es. „Ich liebe dich Mutter.“

„Mikey... äch...“ Dann nimmt sie tief Luft um ihre letzen Worte zu sagen bevor alles aus der Wunde entweicht. „Das ist alles was ich je von dir hören wollte. Ächz... hachk... ah... Das ist alles was.. ach... ich mir je gewünscht hatte...“

Dann röchelt die Wunde ein weiteres mal und ich höre sie sterben. Leblos liegt sie in meinen Armen. Ihr Körper ist noch eine Zeit lang warm, draußen höre ich die Glocke. Ich habe ihren größten Wunsch erfüllt. Ich habe ihr gesagt dass sie meine Mutter ist und dass ich sie liebe. Das ist alles was sie je von mir hören wollte und ich habe ihren Wunsch erfüllt.

Frohe Weihnachten.


Epilog


Seit diesem Vorfall in der Hütte bin ich blind. Ein Jahr ist mittlerweile vergangen und ich verabscheue das Weihnachten das mir noch bevorsteht Ich weiß nicht so recht wie ich mit diesem Ereignis umgehen soll. Freude werde ich wohl kaum verspüren, aber irgendwas erwartet mich doch bestimmt. Wird Weihnachten so wie früher? Nein, bestimmt nicht. Doch habe ich das Gefühl es würde sehr viel intensiver als sonst.

Ich lag eine lange Zeit in der Hütte. Allein. Tagelang lag ich auf dem Boden ohne etwas zu sehen, doch dann wurde ich gefunden. In jeder Woche wurde Essen von einem Sozialdienst, den meine Mutter beauftragt hatte, hinauf zur Hüte gebracht. So wurde entdeckt was dort passierte und ich kam fort von dieser verdammten Hütte. Erst Wochen später, als der Schnee getaut war, fand man meine Oma. Sie war unter einer Lawine Schnee begraben. In ihrer rechten Hand hielt sie die Glocke, in der linken meine Augen.

Ich sitze nun in einem Heim und werde manchmal in die Kapelle im Haus eingeladen und darf mir die Predigt des Priesters anhören. Dort höre ich auch oft Weihnachtslider, aber das hebt meine Stimmung nicht. Ich habe etwas verloren letztes Weihnachten. An manchen Tagen weiß ich nicht einmal mehr was es ist. Doch dann fällt es mir ein. Ich konnte einmal etwas sehen. Vor langer Zeit. Ich konnte Bilder aufnehmen die mein Gehirn interpretierte. Natürlich! Meine Augen. Aber ich wundere mich nicht wie schnell das vergessen ist. Es scheint schon so lange her zu sein als ich das letzte mal sah.

Mittlerweile ist das zu meinem Alltag geworden. Ich komme langsam zurecht ohne zu sehen. Es ist nicht leicht, vor allem weil ich vorher sehen konnte und ich nun weiß was mir fehlt. Letztes Jahr musste ich viel opfern. Nein, nicht opfern, es wurde mir einfach genommen. Es wurde mir genommen, wie meine Augen. Meine Mutter wurde mir genommen. Sie ist tot, auch schon seit einem Jahr. Ich vermisse sie. Und auch Nadia wurde mir genommen. Nicht im eigentlichen Sinne, denn sie beschloss mich nicht mehr zu besuchen. Wenn ich noch Augen hätte, dann bin ich mir sicher, wären wir jetzt ein Paar. Einmal kam sie mich besuchen. Das war in der ersten Zeit als sie hörte dass ich keine Augen mehr habe. Sie kam aus Mitleid her und aus Liebe zu mir wie ich hoffe. Doch dann sah sie mich. Ich hätte selbst gern ihren Gesichtsaudruck gesehen, aber ich konnte nicht. Sie kam zu mir und ich roch ihren sanften, süßen Duft, intensiver als je zuvor, und ich hörte ihre Stimme lauter und klarer und jede süße Frequenz die ihre Stimmbänder erzeugten. Ich verstand sie besser als jeder andere Mann es in ihrem Leben je tun könnte. Sie setzte sich zu mir und nahm meine Hand. Ihre eigene Hand war warm und zum ersten mal fühlte ich einen Teil ihres Körpers. Wie warm und tief dieses Gefühl reichte. Als ich noch sehen konnte, hätte ich dieses Gefühl nie bemerkt. Für diesen einen Moment bin ich dankbar, doch auch nur für diesen. Denn mit ihrem heißem Atem pustete sie mir vier Worte ins Ohr, so schmerzliche Worte und so herzlich zugleich, mir kamen die Tränen, denn Tränensäcke hatte ich noch. Als sie das sah, erschrak sie und rief eine Schwester, dabei musste man mir nur die Tränen abwischen. Doch ich glaube ich habe die Augenlieder aufgeschlagen und sie konnte meine leeren Augenhöhlen sehen. Das hat sie wohl am meisten erschreckt. Aber sie fasste sich und kam noch einmal zu mir und ich konnte ihre Tränen hören und riechen. Ich hörte wie sie entlag ihrer Wange nach unten rannen und ich roch die salzigen Gerüche ihrer dennoch süßen Tränen. Sie küsste mich lieblich und sanft und einfach wunderbar auf den Mund. Das Blut schoss mir durch alle Körperteile und ihr Geschmack war herrlich. Das war das letzte mal dass ich sie hörte, roch, fühlte oder schmeckte, denn sie kam nicht wieder. Die vier Worte die sie mir zuflüsterte waren:

„Es tut mir leid.“

Sie sagte es, als bemitleidete sie mich, aber ich hörte den wahren Sinn heraus. Sie meinte damit: „Ich liebte dich. Aber es tut mir leid. Ich kann dich jetzt nicht mehr lieben.“ Und so geschah es dann auch. Sie kam mich nie wieder besuchen und ich mache ihr keinen Vorwurf. Sie soll ihr eigenes Leben leben und nicht mich bemitleiden. Trotzdem sehne ich mich nach ihr. Ich sehne mich nach einer warmen Berührung. Aber am meisten sehne ich mich nach ihrem Gesicht, welches ich so lange nicht mehr gesehen habe. Wenn ich es wirklich will dann kann ich Nadia sehen, in meinem inneren Auge. Manchmal, wenn ich mich sehr anstrenge, erinnere ich mich wieder an ihr Gesicht, an ihr Lachen. Aber nur wenn ich mich genau auf sie konzentriere.

Schau ganz genau hin, hatte der Weihnachtsmann gesagt. Und das tue ich auch.


Michael Bender, Alterkülz, 30.12.2006.

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