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Glanz in den Augen


© 2006 by Michael Navarro

Joshua Meyers griff in die Hosentasche und brachte seine Geldbörse zum Vorschein. Zitternd zog er einen zerknitterten Fünf-Dollar-Schein heraus und steckte ihn der Tänzerin, die sich vor ihm auf dem Tisch rekelte, ins Höschen. Joshua war so betrunken wie noch nie in seinem Leben. Heute morgen noch schien alles in Ordnung gewesen zu sein. Er stand auf, küsste seine Frau und seine beiden Kinder, dann fuhr er zur Arbeit. Jetzt hatte er all dies verloren. Und das nur wegen diesem Miststück von Emily. Die Kellnerin, genauso barbusig wie die Tänzerin, kam vorbei und Joshua bestellte einen doppelten Whiskey, seinen vierten an diesem Abend. Normalerweise trank er selten und deswegen vertrug Joshua auch nichts. Die Bedienung bemerkte dies und verweigerte deshalb seine Bestellung.
"Was haben sie gesagt?", fragte Joshua ungläubig, obwohl er genau verstanden hatte.
"Ich sagte, sie haben genug. Sie bekommen nichts mehr."
"Woher wollen sie das denn wissen? Ich merke ja wohl selbst, ob ich noch kann oder nicht."
"Sir, ich habe meine Anweisungen, tut mir leid. Es ist wohl besser sie gehen jetzt." 
Joshua sagte nichts mehr. Er schaute nach oben und sein Blick traf den der Tänzerin. Betrunken hin oder her, aber er sah ihn klar. Was er in ihren Augen sah, hatte Joshua lange nicht mehr gesehen, selbst nach einer langjährigen Ehe mit Franny. Seine Frau hatte ihn schon längst nicht mehr so angesehen. Es war dieser Glanz in den Augen, den lediglich nur frisch Verliebte besitzen und er vermutete, dass die Seinigen in diesem Moment den selben besäßen. Ihre Blicke trafen sich nur eine Sekunde, aber für ihn war es eine Ewigkeit, die er genoss. Und wieso auch nicht, Frannys letzte Worte, bevor sie ihn an die Luft setzte waren: "Du wirst von meinem Anwalt hören!" Das musste man sich mal vorstellen, sie waren vierzehn Jahre glücklich verheiratet, hatten zwei wundervolle Kinder und dann diese Reaktion. Dabei war er unschuldig. Emily ist es gewesen, die etwas von ihm wollte. Die ach-so-gute Chefsekretärin hatte vor gehabt, Joshua zu verführen. Als er ablehnte fing sie lauthals an zu schreien. Joshua packte sie, um sie zu beruhigen. Als sein Chef dann die Tür öffnete, um zu sehen, was dort vor sich ging, sah es so aus, als würde Joshua Emily belästigen. Und dann kreischte diese dusselige Kuh noch: "Kirk! Hilf mir! Mister Meyers ist übergeschnappt. Er will mich vergewaltigen!" Tja und das war’s dann. Emily gab noch an, Joshua hätte es schon öfters versucht. Sie hätte aus Angst vor ihm bisher geschwiegen. Dann sagte Kirk Watson ihm er könne sein Büro räumen. Wenn er es sofort verließe und die fristlose Kündigung akzeptierte, würden Emily und er, die ein Paar waren, von einer Anzeige bei der Polizei absehen. Joshua wäre ja schließlich immer ein guter Freund und loyaler Mitarbeiter gewesen. 
"Ich hätte nie von dir gedacht, dass du zu so etwas fähig bist!", schrie er ihn noch an. Joshua öffnete seinen Mund um sich zu verteidigen, aber die Art, in der er die arme, arme Emily Steiner im Arm wiegte (und dabei Joshua finster ansah), sagte ihm, dass dies keinen Zweck hatte. Deswegen schloss er ihn, ging in sein Büro und packte seine Sachen. Er würde zu Hause auf mehr Verständnis treffen. Franny würde ihm glauben. Jetzt konnte er es sogar nicht erwarten nach Hause zu fahren und sich bei ihr auszuheulen. Franny würde ihn in den Arm nehmen und trösten. Er ging ins Büro seines Chefs, der ihm wortlos die Papiere gab.
Dann versuchte er es doch noch: "Kirk, ich habe nichts gemacht. Emily hat versucht..."
"Raus jetzt, bevor ich mir das mit der Polizei noch mal überlege!", unterbrach Kirk ihn scharf. Joshua drehte sich auf seinen Absätzen um und verließ das Büro. Er sollte seinen Chef und ehemals guten Freund Kirk Watson nie wieder sehen. 
Joshua ging nicht aus dem Büro, er rannte. Er schmiss den Karton mit seinen Sachen in den Kofferraum, knallte den Deckel zu und stieg ein. Als er den Schlüssel drehte sprang der Motor sofort an. Das war gut, denn er wollte so schnell wir möglich zu seiner Familie. Dennoch fuhr er nicht gleich los, denn er zitterte zu sehr und musste sich erst einmal wieder unter Kontrolle bekommen. Als dies nach langer Zeit nicht geschah stellte er den Motor ab. Er griff in sein Jackett nach seiner Packung Zigaretten, musste dann aber feststellen, dass sie leer war. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Das letzte Mal war er acht Jahre alt und... Joshua verdrängte diesen Gedanken, denn es war das bisher schlimmste Erlebnis seines Lebens. ´Aber du weißt nicht mehr, was geschah´, dachte er. Joshua bekam eine Gänsehaut, schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Dann schlief er ein und träumte. 
Er war wieder der kleine, achtjährige Josh. Er lebte damals an der Westküste in einer kleinen, netten Küstenstadt namens Astoria in Oregon. Erst später zog er nach Portland wo er Franny kennen lernte und heiratete. Am Strand gab es kleine Höhlen, in denen er und sein Freund Benny immer spielten und sie erforschten. Benny war bereits zwölf Jahre alt und gab deshalb auch immer das Kommando. Heute hatten sie eine neue Höhle entdeckt. Diese hatten sie noch nie zuvor gesehen, da sie ziemlich gut versteckt war und sie befürchteten, sie auch nicht mehr wiederzufinden. Deswegen betraten sie sofort den Eingang und schalteten ihre Taschenlampen ein. Als sie nach einer Weile an einer Gabelung standen hörten sie seltsame Geräusche aus dem linken Gang. Das veranlasste die beiden natürlich auch genau diesen zuerst zu erkunden.
"Meyers! Bleiben sie dicht hinter mir! Das könnte gefährlich werden!", riet Benny ihm in einen spielerischen Befehlston. 
"Verstanden, Stanley!", lachte Josh.
"Hören sie auf zu lachen! Das ist eine ernste Angelegenheit!", sagte Benny, kicherte danach aber selbst und beide fielen in kindliches Gelächter ein. Dann wurde eins der Geräusche lauter und sie verstummten sofort. Es hörte sich wie ein schmerzverzerrtes Stöhnen an. Nun hörten sie, dass alle Geräusche Schreie waren, die einen lauter, die anderen etwas leiser. Es waren eindeutig Personen. Einige wimmerten, andere schrieen. Dennoch gingen die Jungs weiter, Josh mit zitternden Knien.
"Benny findest du es gut, dass..."
"Psst! Sei leise. Ich glaube da stecken Leute in Schwierigkeiten. Wenn dem so ist müssen wir ihnen helfen.", unterbrach Benny ihn ernst. Josh war allerdings nicht so abenteuerlustig wie sein Freund.
"Aber das könnte wirklich gefährlich werden! Lass uns lieber ein paar Erwachsene holen.", flehte Josh ihn an. 
"Sind wir Männer oder Mäuse?", fragte Benny ihn. Das tat er öfter und Josh hasste es jedes mal.
"Bis ein Erwachsener hier ist, ist es vielleicht schon zu spät. Außerdem weiß ich nicht, ob wir in der Lage sind diese Höhle wiederzufinden."
"Wenn einer von uns hier bleibt..."
"Ja? Willst du das? Ganz alleine?" Da hatte Benny wohl recht. Aber zu zweit, so dachte Josh, war es auch nicht viel besser. Und sie waren Kinder. Wie sollten sie gegen Jemanden etwas ausrichten können, wenn selbst Erwachsene es scheinbar nicht schafften, die nun in Schwierigkeiten steckten? Er musste daran denken, dass hier in der Gegend öfter Leute verschwanden. Hatten sie diese etwa nun gefunden? Der Gang machte einen Knick nach rechts, und sie gingen leise um die Ecke. Er führte bis auf eine Öffnung in der linken Wand etwa zwölf bis fünfzehn Meter weit in eine Sackgasse. Das Loch war ein schmaler Spalt auf zwei Drittel des Weges aus dem grünes Licht schimmerte. Benny ging darauf zu aber Joshs Beine versagten nun Entgültig. Wenn sie sich je nochmals in Bewegung setzten sollten, dann in die andere Richtung, zurück aus der Höhle raus.
"Benny! Bleib hier!"
Aber Benny gehorchte nicht. Als er den Spalt erreichte schaute er hinein. Sofort weiteten sich seine Augen. 
"Josh!", schrie er, "Lauf!" Aber Joshs Beine versagten immer noch ihren Dienst und er sah, dass Benny selbst gerade im Begriff war davonzulaufen. Aber soweit kam es nicht, denn irgendetwas, packte ihn bei den Armen und zog ihn durch den Spalt. Benny schrie wie am Spieß. Joshs Herz pochte wie wild und er nässte sich die Hose ein. Bennys Schrei entfernte sich dem Spalt, bis er nur noch zu einem der anderen gehörte. Jetzt erst konnte er seine Beine wieder bewegen. Und er rannte, und rannte, und rannte... Schreiend wachte Josh auf. Sechsundzwanzig Jahre hatte er sich nicht mehr daran erinnert.
´Aber so war´s doch nicht, oder?´, dachte er, obwohl er wusste, dass es genauso stattgefunden hatte. Er schaute auf die Uhr neben dem Tacho und stellte fest, dass er eine Stunde geschlafen haben mußte. Er startete den Wagen und fuhr nach Hause. 
Josh öffnete die Tür und trat ins Wohnzimmer. In der Mitte des Raumes stand ein gepackter Koffer. Beim näheren Betrachten sah er, dass es sein eigener war. Dann trat Franny aus der Küche. 
"Ich habe soeben mit Kirk telefoniert.", sagte sie ruhig. Josh schloss die Augen und stellte sich vor, wie Franny ausgesehen haben musste, als sie hörte, dass ihr Mann eine andere Frau vergewaltigen wollte. Und das aus dem Mund eines guten Freundes, jemand, der immer ihnen gegenüber korrekt, glaubwürdig und aufrichtig gewesen war. Aber das war Joshua schließlich auch Franny gegenüber immer gewesen. Sobald er ihr erzählt hatte, was sich wirklich abgespielt hatte, würde sie ihm glauben. Nur hoffte er eine Gelegenheit dafür zu bekommen. Aber der gepackte Koffer war ein schlagkräftiges Argument dagegen. Er öffnete seine Augen wieder und betrachtete ihn. Nun sah er aus den Augenwinkel, dass Brian und Mary auf der Treppe standen.
"Brian, nimm deine kleine Schwester und geh bitte nach oben, ja?" Brian gehorchte. Sie hat jetzt also auch noch die Kinder nach oben geschickt, seine Chancen standen jetzt noch schlechter. Aber sollten die Kids denn auch so eine Auseinandersetzung miterleben? Brian würde es mit seinen zehn Jahren vielleicht noch verkraften können, wenn Mom und Dad sich stritten, aber Mary war erst fünf und sehr sensibel.
"Schatz, was...", fing Joshua an aber Franny unterbrach ihn sofort.
"Nein! Ich will deine dummen Versuche dich da rauszureden gar nicht erst hören!" 
"Aber Schatz ich,..."
"Ich habe deine Sachen schon gepackt. Ich möchte, dass du deinen Koffer nimmst und von hier verschwindest.", sagte sie in einen etwas lauteren, aber immer noch gefassten Ton.
"Du möchtest dir also nicht anhören, was ich dir dazu zu sagen habe?"
"Nein! Im Moment bin ich dazu nicht in der Lage. Später. Aber ich möchte, dass du jetzt gehst." Diesmal war ihre Stimme schon etwas brüchiger und eine Träne rollte ihre Wange hinunter. Gut. Er würde ihr es dann später erklären. Er hätte das Recht gehabt, es ihr jetzt zu sagen, hätte sich durchsetzen können. Aber nachdem er diese Träne sah, fühlte er sich selbst schwach. Dazu geisterte sein Traum noch allzu sehr durch den Kopf. Er beschloss den Koffer zu nehmen und zu seinen Eltern nach Astoria zu fahren. Morgen würde er dann wieder zurückkommen und die Sache klären. Wenn er aus seiner alten Heimat kam, an der er nur überwiegend gute Erinnerungen hatte (das Trauma, als er seinen Freund verlor, war eine der wenigen Ausnahmen), wäre er wieder gestärkt. Erst würde er Franny überzeugen, dann Kirk. Und diese Schlampe Emily könnte sich dann auf etwas gefasst machen müssen. "Du wirst von meinem Anwalt hören!", sagte Franny, aber soweit wollte Joshua es nicht kommen lassen. 
"Mister, haben sie mich verstanden?", fragte die Kellnerin nochmals. Joshua blinzelte und damit wurde er vom Blick der Tänzerin getrennt. Joshua stand auf. Er fühlte sich keineswegs mehr betrunken aber er ging. 
Die frische Luft, als er aus der Bar trat tat gut. Joshua steckte seine Nase in den kühlen Herbstwind und genoss die klare Meeresluft, die von der Küste aufzog. Er beschloss zu Fuß in die Stadt zurückzugehen, in dem sich sein Elternhaus befand. Seinen Eltern hatte er bei seiner Ankunft von der Sache erzählt. Sie waren bestürzt gewesen aber auch zuversichtlich, dass er die Sache wieder bereinigen könnte. Jetzt wurde es aber Zeit sich auf den Heimweg zu machen. Dann hörte er hinter der Bar Stimmen. Eine Frau schien von einem Mann belästigt zu werden. Joshua ging um die Bar herum und sah, dass es sich um die Kellnerin handelte, die von einem Rocker belästigt wurde.
"Komm, Baby, du wolltest es doch so."
"Nein! Lass mich los! Ich rate dir..."
"Hey!", schrie Joshua, "Lass die Dame gefälligst in Ruhe!"
Vor Schreck ließ der Rocker sie los und starrte Joshua mit großen Augen an.
"Alter, ich glaube es ist wohl für dich besser, dass du von hier verschwindest, sonst..."
"Sonst was?", fragte Joshua. Wütend kam der Rocker auf Joshua zu. Sein torkeln verriet ihm, dass der Rocker noch besoffener war, als er selbst. Als der Rocker vor ihm stand holte dieser mit dem rechten Arm aus, aber so langsam, dass Joshua sich ducken und ihn ergreifen konnte. Er verdrehte ihn ihm auf den Rücken. Ein Schrei entrann dem Rocker vor Schmerz. 
"Also, wirst du jetzt klein bei geben und verschwinden, wenn ich dich jetzt loslasse?"
Der Rocker nickte heftig. Joshua verdrehte den Arm noch ein wenig und erneut schrie der Rocker auf.
"Ich habe dich nicht verstanden."
"Jaaaa. Ich verschwinde! Aber lass mich los!"
Joshua ließ ihn los. Der Rocker eilte davon.
"Oh, haben sie vielen Dank.", sagte die Kellnerin und fiel ihm um den Hals.
"Hey, keine Ursache."
"Wissen sie, er wollte einfach nicht warten."
"Warten? Worauf?" 
"Auf meine Schwester." Joshua sah über die Schulter der Kellnerin weg. Hinter ihr stand inzwischen die Tänzerin. Sie sah Joshua an und er erkannte wieder diesen Glanz in ihren Augen. Er war entzückt und wie hypnotisiert. Joshua hörte kaum die Worte, die die Kellnerin aussprach.
"Den Rocker hat er uns versaut. Aber ich glaube, er ist ein viel besserer Ersatz, glaubst du nicht auch?"
"Oh, ja!", entgegnete ihr die Tänzerin und ging auf Joshua zu, ohne den Glanz aus den Augen zu verlieren. Die Kellnerin umfasste ihn jetzt fest umschlungen, sodass, hätte Joshua versucht sich aus den Griff zu befreien, er erfolglos geblieben wäre. Aber Joshua sah nur eines. Den Glanz in den Augen der Tänzerin. Bei Joshua angekommen öffnete diese ihren Mund. Joshua tat ihr gleich und sie küsste ihn. Dann saugte sich ihre Zunge an seinen Gaumen und er spürte einen kleinen Stich. Er merkte, wie irgendeine Flüssigkeit in sein Gehirn gepumpt wurde, und brach dann ohnmächtig zusammen. 
Als Joshua wieder zu sich kam fühlte er sich seltsam. Er wusste nicht, wo er war und was geschah, so, wie es jedem ergeht, der aus einer Ohnmacht erwacht. Das einzige, woran er sich erinnerte war der Glanz in den Augen einer Frau. Er bewegte langsam seinen Kopf und bemerkte, dass es schmerzte. Überhaupt tat ihm alles weh, als sei sein Blut glühend heiß. Joshua öffnete seine Augen, selbst das tat weh, und er schrie auf. Er war dunkel an diesem Ort. Und er hörte mehrere Schreie. Sie kamen von allen Seiten um ihm herum. So etwas hatte er schon einmal vor langer Zeit gehört. Seine Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnten blickten sich um. Er sah Menschen. Aber etwas stimmte nicht mit ihnen, denn ihre Haut leuchtete grün. Er sah an sich runter und bemerkte, dass seine Haut das ebenfalls tat. Jetzt wusste er, wo er sich befand. Er war in einer Höhle und Joshua wusste sofort welche. Er sah auf und fand sofort, was er suchte. Einen Spalt in der gegenüberliegenden Wand. Er kannte ihn. Joshua war schon einmal auf der anderen Seite gewesen. Er sah an sich herab und bemerkte, dass er etwa einen Meter über dem Boden an der Felswand hing. Und er war nackt. Sie waren alle nackt. Der Grund, wieso sie an den Wänden hingen war leicht zu erkennen. Um ihre Hüften herum war etwas Weißes, dass wie Spinnweben aussah. Er wusste auch von wem dies stammte, denn inzwischen erinnerte er sich wieder an das, was hinter der Bar geschah. Jede Kopfbewegung tat ihm schrecklich weh und er musste jedes Mal Schreien, aber die Faszination dieses Grauens, in der er sich befand, überragte. Joshua musste sich einfach umsehen. In einer Ecke der Höhle sah er einen Haufen Kleidung liegen. Im allgemeinen waren es alte Kleider und Lumpen, aber es war auch neuere dabei. Ganz oben auf dem Berg aus Textilien sah er seine eigene. In einer anderen Ecke der Höhle befand sich ein weiterer Haufen und Joshua stellte entsetzt fest, dass es sich um Menschenknochen handelten. Er sah einige andere der Menschen an und stellte fest, dass sie alle männlich waren, was ihn nicht weiter verwunderte. Diese Wesen waren wie die Sirenen, die mit ihrem Gesang Schiffe dazu verleiteten gegen Felsen zu zerschellen. Nur sangen diese hier nicht. Ihr Gesang war Glanz. Der Glanz der Verliebten. Der Glanz in den Augen. Josh sah, dass selbst ein kleiner Junge von etwa zwölf Jahren dabei war. Das erinnerte ihn an Benny. Er sah zu den Knochenhaufen und wusste, das Bennys Knochen dabei sein mussten. Joshua fragte sich ob der Junge auch, wie er und Benny damals, die Höhle erforschen wollte. Er glaubte, dass es wohl so gewesen sein musste und überlegte, wie vielen anderen Jungen es so schon ergangen war. Dann sah er einen Mann dessen linke Hand fehlte. An der Stelle waren nur noch die Knochen übrig. Bei einem weiteren Mann fehlte ein ganzes Bein. Bei vielen fehlten Körperteile, an deren Stellen ebenso nur noch Gebein übrig war, aber alle lebten sie. Bei einem fehlte sogar der Kopf. Es war nur noch das grinsende Antlitz des Totenschädels übrig, der ihn mit leeren Augenhöhlen grinsend ansah. Aber dennoch war er nicht tot. Der Rest des Körpers bewegte sich träge. Bei einem anderen Mann war es umgekehrt. Sein Kopf war unversehrt, aber ansonsten war er nur noch ein Skelett. ´Die grüne Haut.´, dachte Joshua, ´sie haben uns konserviert!´ Er betrachtete den Jungen. Er war vollständig bis auf eine Bissspur im rechten Unterarm. Grüner, geronnener Schleim bedeckte die Wunde und jetzt wusste Joshua, was sie mit ihnen gemacht hatten. Sie hatten ihr Blut gegen diese grüne Substanz ersetzt. Er fuhr mit seiner Zunge über den Gaumen, an der Stelle, an der er von der Tänzerin ´gestochen´ wurde. Dann sah er sie. Die Tänzerin. Nur, dass sie diesmal nicht mehr wie eine Frau aussah. Ein menschlicher Kopf auf einem haarigen, achtbeinigen Spinnenleib, der voller Gift zu pulsieren schien. Nein, ihr Kopf war überhaupt nicht menschlich. Anstatt des langen Haars hatte sie nur noch Stoppeln. Die Haut war purpurn und spröde. Wo sie gerissen war, quoll ihr grünes, leuchtendes Sekret heraus. Und diesmal war jeder Glanz aus ihren Augen verschwunden, denn sie glühten rot wie Feuer. Sie grinste und kam auf ihn zu. Ihre Zähne waren Fänge, lange Nadeln gleich. ´Nein´, versuchte er zu schreien, aber er bekam kein Wort heraus. Dann legte sie ihre Lippen auf seinen linken Oberschenkel und biss sie zu. Ein Schmerz raste durch seinen Körper, wie er ihn noch nie in seinem Leben zuvor gespürt hatte. Langsam riss sie ihm ein Stück Fleisch aus seinem Bein. Grüne Flüssigkeit rann aus der Wunde. Dann verschwand sie in eine dunkle Ecke. Joshua wurde bewusst, dass er hier unten noch eine lange Zeit leben würde. Viel zu lange.

Mönchengladbach, 14. Juni 2006 Michael Navarro

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