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Advent

© 2005 by Lukas Seepe

 

GRÜN UND DER TEUFEL

- 1. Adventsonntag -

Lothar stand vor dem steinernen Kamin und warf die Pappschachtel ins Feuer, dann die Verpackung hinterher. Die Flammen tanzten um die Pappschachtel und das Papier herum und fraßen beides gierig auf. Das Papier war nach einigen Sekunden nur noch ein Häufchen Asche, der Pappe erging es nicht anders. Nur die Maden – sie wanden sich in der roten Hitze herum, versuchten zu entkommen, bevor auch sie vom Feuer gefressen wurden.

Lothar hätte nie damit gerechnet, dass er so etwas schmutziges in seinem penibel sauber gehaltenem Haus finden würde, als er an diesem Sonntagmorgen aufstand.

Es war neun Uhr – das verriet ihm die Digitaluhr des Radioweckers, der auf dem Nachttisch aus Eichenholz, neben dem mit Seide bezogenem Bett, stand –, als er seine azurblaue Bettdecke zurückwarf und sich aufsetzte. Er hatte die vergangene Nacht nicht besonders gut schlafen können, da der Wind draußen herumheulte und Äste gegen sein Fenster klopften. Er stand auf, ging zu dem großen, begehbaren Kleiderschrank, der sich drei Meter rechts von seinem Bett befand, und nahm einen blauen Nadelstreifenanzug von der Metallstange und ging damit ins Bad. Dort zog er seinen Schlafanzug aus und ging duschen – exakt siebenunddreißig Komma fünf Grad Wassertemperatur, war auf der Anzeige zu lesen, genau wie er es mochte.

Bevor er wieder aus der Dusche stieg, nahm er ein großes, rotes Handtuch vom Haken und trocknete sich die Füße ab – hätte er dies nicht getan, würden seine Füße nasse Abdrücke auf den vor Sauberkeit glänzenden Marmorfliesen hinterlassen, was nicht seinem Lebensstil entsprach; nein, er mochte es sauber.

Er trocknete sich komplett ab und zog Unterwäsche und Anzug an, dann putzte er sich die Zähne und rasierte sich, wie jeden Morgen. Anschließend nahm er den Kamm in die rechte Hand und strich die etwa fünf Zentimeter langen schwarzen Haare mit grauen Strähnen dazwischen aus dem Gesicht, nach hinten. Zum Abschluss stellte er wieder alles an seinen Platz, entfernte jeden noch so kleinen Fleck im Waschbecken und ging hinaus.

Die große Treppe aus Eiche hinunter, gleich links, war die Küche. Dort goss er sich ein Glas Milch ein und trank es aus. Während er es umgedreht auf die Spüle stellte, wanderte sein Blick zum Fenster. Draußen wirbelte gerade eine Windböe etwas Schnee auf, der auf dem Dach des Nachbarhauses lag. Bei diesem Anblick wurde ihm schaurig zumute; es war schrecklich, dieses Bild, der Wind, der stark genug war, Schnee aufzuwirbeln, könnte auch stark genug werden, Menschen aufzuwirbeln, sie in der Luft herumtanzen zu lassen und sein Spiel mit ihnen zu treiben. Es war schrecklich! Davor hatte er Angst, vor sonst fast nichts. Jedenfalls nicht solch große.

Er wandte seinen Blick ab und ging ins Wohnzimmer. Dort sah er es.

Auf dem Wohnzimmertisch, aus Glas mit geschwungenen Silberbeinen, vor der schwarzen Ledercouch, lag ein Päckchen, das in smaragdgrünes, mit blassem Gelb vermischtem, Geschenkpapier eingewickelt war, von der Größe eines Papierstapels, mit fünfhundert Blatt, wie er sie sich immer nach Hause kommen ließ. Darauf stand eine dicke, hohe, brennende Kerze, deren Wachs den selben Farbton hatte. Sie schien noch nicht besonders lange zu brennen – es lief zwar etwas Wachs am Rand herunter, aber nicht viel.

Er schob seine Zunge ein Stück zwischen den schmalen Lippen hervor und leckte Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand. Der Docht zischte leise zwischen seinen groben Fingern und die Flamme erlosch mit einer letzten Strähne, weißgrauen Rauchs. Der Geruch von Wachs stieg ihm in die Nase.

Er sah zu der großen Standuhr, in der Ecke hinter sich – viertel vor zehn. Madalena würde erst in einer halben Stunde kommen, nicht früher, sie kam nie früher. Von ihr konnte dieses Päckchen also nicht sein, es war auch nicht ihre Art, ihm etwas zu schenken. Aber von wem könnte es sonst sein? Außer ihm und ihr hatte niemand einen Schlüssel, zu diesem Haus. Vielleicht ist es doch von ihr, dachte er. Vielleicht hat sie ihrem Sohn einen Besuch abgestattet und danach kurz dieses Geschenk gebracht.

Er ging zum Kamin, drehte den Gasregler an der Wand hoch, entzündete eines der langen Streichhölzer, die auf dem Rahmen lagen, und warf es hinein. Die rote Farbenpracht des Feuers umschloss sofort die, am vorherigen Abend von Madalena aufgestapelten, Holzscheite.

Nach einigen Minuten drehte er das Gas wieder herunter und setzte sich auf die Couch. Er legte einen Untersetzer auf den Tisch und stellte die Kerze darauf. Unter ihr kam eine Zahl zum Vorschein, die auf dem Geschenkpapier geschrieben stand: 19

Er glaubte, die Schrift zu erkennen. Es war die, seiner verstorbenen Frau, Gabi. Einen Augenblick lang schaute, nein, starrte er auf diese Zahl. Neunzehn. Es ist neunzehn Jahre her, dass sie sterben musste, dachte er.

Er besann sich wieder – es konnte nicht ihre Schrift sein, sie war gestorben und eine Leiche kann nicht schreiben. Aber wer hatte diese Zahl dann geschrieben? Madalena? Nein, sie hatte eine viel unsauberere Schrift.

Er nahm das Päckchen, löste das Geschenkpapier vorsichtig und legte es sauber gefaltet auf den Glastisch. Darunter kam eine braune Pappschachtel zum Vorschein. Aber da war noch etwas. Eine Karte. Eine Tarotkarte. Auf ihr war ein Teufel, oder etwas ähnliches, zu sehen; er hatte zwei geschwungene Hörner und einen langen Bart, seine Dämonenschwingen breitete er hinter sich aus. Er hockte mit haarigen Beinen, an deren Enden eher Krallen als Füße waren, auf etwas, das Lothar für eine Vogelstange hielt, und auf seiner Stirn schien ein auf dem Kopf stehendes Pentagramm. Seine rechte Hand war erhoben, auf der Handfläche war ein Symbol, das er nicht deuten konnte, in der linken hielt er eine brennende Fackel. Vor ihm standen ein nackter Mann und eine nackte Frau, mit Teufelshörnern, die aneinandergekettet waren. Die Frau hatte einen Schwanz, der an eine Weinbeertraube erinnerte, der Mann hatte einen, der wie Feuer aussah. Oben auf der Karte stand in römischen Zahlen fünfzehn, unten auf der Karte stand DER TEUFEL.

Lothar holte seine Geldbörse aus der Gesäßtasche und steckte die Karte hinein. Danach steckte er die Geldbörse wieder in die Tasche.

Jetzt bemerkte er, dass ein leises, kaum hörbares Rascheln an sein Ohr drang.

Es war nicht das prasselnde Feuer im Kamin.

Es war ein Rascheln.

Ein Rascheln, das mit schleimigen Lauten vermischt war, solche Laute, wie sie entstehen, wenn man mit den Händen in Kuchenteig herumknetet.

Es kam aus der braunen Pappschachtel auf seinem Schoß.

Etwas bewegte sich darin.

Er löste die Lasche, klappte den Deckel auf und erblickte den Inhalt. Die meisten Menschen (die in seiner Situation gewesen wären), wären wahrscheinlich erschrocken aufgesprungen, wobei die Schachtel hinuntergefallen wäre und ihren, sich bewegenden, Inhalt über den Teppich verteilt hätte. Aber nicht Lothar. Er starrte nur. Er starrte auf die vielen Maden, die sich wanden und versuchten, herauszukriechen. Nach über drei Minuten des Starrens – ihm kam es vor, wie drei Stunden –, klappte er den Deckel wieder zu.

Als Madalena schließlich kam, um halb elf, hielt sie eine Tüte Brötchen in der linken Hand.

Sie schloss die Tür hinter sich und zog ihre Schuhe aus. Herr Panzer hasste es, wenn man das Haus mit dreckigen Schuhen betrat. Sie wusste das, denn sie hatte diesen Fehler einmal begangen und wäre dafür fast gefeuert worden.

"Guten Morgen, Herr Panzer.", sagte sie, als sie das Wohnzimmer betrat.

Lothar Panzer saß auf dem Sofa und erschrak, als er ihre Stimmer hörte. Er sah sie an und sagte: "Guten Morgen, Madalena."

Madalena deckte den Tisch und sie frühstückten. Lothar, fand Madalena, war noch schweigsamer, als sonst.

Doch, als sie den Tisch wieder abräumte, fragte er sie: "Waren Sie heute morgen schon hier?"

"Nein, wieso?"

"Ist egal." Er stand auf und ging in sein Büro.

Madalena überlegte kurz, ob es etwas mit der Kerze zu tun haben könnte, die im Wohnzimmer stand, diese seltsam grüne Kerze, wo Herr Panzer doch sonst alles verabscheute, was mit Weihnachten oder Advent zu tun hat. Und wer hätte sie ihm vorbeibringen können? Er hatte keine Freunde. Er hatte zwar einen Bruder, der am anderen Ende der Stadt wohnte, doch der rief nur ab und zu an, kam aber nie vorbei.

Sie tat diesen Gedanken ab und machte sich daran, die sündhaftteure Geschirrspülmaschine mit dem Frühstücksgeschirr zu beladen.

Lothar setzte sich auf den Lederstuhl, vor dem großen Schreibtisch aus Akazienholz, in seinem Büro, und schaltete sein Notebook ein. Er fing an, zu arbeiten.

Er war Schriftsteller. Kein guter, aber er schrieb gerne. Und schließlich machte er es nicht des Geldes wegen – davon hatte er, durch das Erbe seiner Frau, genug.

Er schrieb Politthriller. Er schrieb sie, sein Verleger veröffentlichte sie und sie standen in den Läden, doch sie wurden nicht verkauft – ihm fehlte die Erfahrung, mit dem normalen Leben, das er oft schildern musste, und das störte die Menschen, die eines seiner Bücher lasen. Aber was sollte er machen? Er konnte diese Situationen nun mal nicht beschreiben, weil er nie ein normaler Mensch gewesen war; er hatte als Kind nie im Dreck gespielt, oder sich geprügelt. Er war schon immer sehr introvertiert gewesen und, als er siebzehn Jahre alt gewesen war und gerade die Schule abgeschlossen hatte, passierte etwas, das ihn noch seltsamer werden ließ.

Ein starker Schneesturm wütete in Bertholdstadt. Er und seine Eltern waren auf dem Rückweg, von Wiesentrup, wo sie seine Grosmutter besucht hatten. Sie fuhren gerade in die Stadt hinein, als der dicke Ast, eines großen, kahlen Baums auf die Motorhaube stürzte. Lothars Vater tat das, was wohl jeder getan hätte: er trat mit voller Wucht auf die Bremse, doch es war zwecklos. Das dickere Ende des Astes zerdrückte die Fahrerkabine und seine Eltern wurden mit ihr zerquetscht, wie Anchovis in einer Blechbüchse.

Er selbst war nicht angeschnallt und knallte mit dem Kopf vor das eingedrückte Dach, das seine Eltern unter sich begraben hatte. Dicke Blutlinien zeichneten sich auf seinem Gesicht ab. Mit letzter Kraft schleppte er sich aus dem Auto hinaus, in den Schneesturm, und verlor das Bewusstsein.

Das war der Grund, weswegen er sich vor dem Freien fürchtete.

Es war ein ungewöhnlich starker Schneesturm. Und das Wetter, das nun um sein Haus herum wütete, erinnerte ihn daran.

Die Narbe auf seinem Kopf war nicht verschwunden, sie wurde lediglich von seinen Haaren verborgen, weswegen er sich vor dem Tag fürchtete, an dem sie ausfallen und den Blick auf die dicke Narbe freigeben würden.

 

ROSA UND DER GEHÄNGTE

- 2. Adventsonntag -

Es war der Mittwoch, nach jenem Adventsonntag, an dem Lothar das erste Päckchen, mit der Tarotkarte und einer Schachtel voller Maden darin, gefunden hatte – der dreißigste Dezember.

Madalena war gerade damit fertig geworden, die Badezimmerfliesen zu schrubben. Jetzt waren sie so, wie Lothar Panzer sie haben wollte – so sauber, dass man sein Spiegelbild darin sehen konnte, ohne Schlieren.

Sie zog sich die dicken, gelben Gummihandschuhe aus, die sie brauchte, um ihre Hände vor den starken Chemikalien zu schützen, die nötig waren, um das Badezimmer in einem solchen Glanz erstrahlen zu lassen, und steckte sie zwischen die Wasserrohre, unter dem Waschbecken, die durch eine Klapptür verborgen blieben. Sie wusste, dass Herr Panzer darüber nicht sehr erfreut sein würde, würde er es sehen, aber sie wusste auch, dass er es nicht sehen würde. Er sah niemals unter dem Waschbecken nach, oder sonst wo, wo sich Spinnen und anderes Getier verstecken könnte. Zu groß war seine Angst, etwas zu entdecken, das er nicht sehen wollte.

Er hatte Angst, vor jeglicher Art von Ungeziefer. Große Angst. Nicht panische Angst, er schrie nicht auf, oder zappelte erschreckt rum, wie man es erwarten könnte, er starrte nur. Sein Herz klopfte dann, wie wild, da war sie sich sicher, aber seine Angst war schockierender Natur. Er hatte Angst, dass eine einzige Bewegung von ihm das Ungeziefer aufscheuchen könnte.

Das wusste sie, weil sie einmal dabei gewesen war, wie er eine Spinne gefunden hatte, die sich in seinem Haus ein kleines Netz gesponnen hatte – direkt unter seinem Bett.

Er war wirklich ein ungewöhnlicher Mann. Nicht, ein ungewöhnlich brillanter Mann, sondern ein ungewöhnlich ängstlicher Mann. Er hatte Angst, vor dingen, die für andere Menschen zwar unschön waren, aber nicht beängstigend; er hatte Angst vor Ungeziefer, vor Schmutz, nein, er hasste Schmutz, hatte aber keine Angst davor. Aber er hatte Angst, vor die Tür zu gehen. Selbst, wenn sie im Sommer ein Fenster zum Lüften öffnete, durfte sie es nur kippen, nicht ganz aufmachen.

Er war ein Mann, der jede Art von Schmutz und Unordnung hasste, ein Mann, der Angst vor Ungeziefer hatte und davor, vor die Tür zu gehen, ein Mann, der vor fünfunddreißig Jahren seine Eltern bei einem Autounfall verloren hatte, er war ein Mann, dessen Frau vor neunzehn Jahren Spurlos verschwunden war.

Sie kam gerade in die Küche, zog das Haargummi in zurecht, das ihre langen, dunkelbraunen und weichen Haare bändigte, und wollte das Mittagsessen vorzubereiten – danach würde sie einkaufen gehen, erneut das ganze Haus putzen, das Abendessen machen und wieder putzen, dann nachhause gehen und am nächsten Tag wiederkommen –, als das schnurlose Telefon im Wohnzimmer klingelte.

Sie ging hin und nahm ab.

"Bei Panzer.", sagte sie freundlich.

"Tag Madalena.", sagte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Es war Richard Panzer, der Bruder von Lothar.

"Hallo Richard, schön, dass Sie mal wieder anrufen. Ihr Bruder wird sich bestimmt freuen."

"Ist er denn gerade da?", fragte er in einem Tonfall, von sadistischer Belustigung.

"Ja natürlich, er ist in seinem Arbeitszimmer. Einen Moment."

Sie dachte nicht über Richards Satz, Ist er denn gerade da?, nach, da sie inzwischen wusste, dass Richard Panzer immer hinter dem Rücken seines Bruders so redete.

Sie klopfte an die Tür und trat ein. "Herr Panzer, Ihr Bruder ist am Telefon.", sagte sie leise.

Lothar schaute von seinem Notebook auf und streckte die Hand aus, ohne etwas zu sagen.

Sie gab ihm das Telefon und ging hinaus, zurück in die Küche.

"Hallo kleiner Bruder.", sagte er. "Weswegen rufst du an?", fügte er unfreundlich hinzu. Er war gerade mitten im Schreiben gewesen, und er hasste es, wenn er dabei gestört wurde. Aber das war nicht der Grund, weswegen er unfreundlich war; Er hatte kein besonders Gutes Verhältnis zu seinem Bruder – nicht mehr, seit dem Tod seiner Frau.

"Wie kommst du darauf, dass ich etwas von dir will? Könnte es nicht sein, dass ich einfach mal anrufe, um die Stimme meines Bruders zu hören?"

"Nein, das tust du nie."

"Also gut. Du hast recht, ich will etwas von dir." Er machte eine Pause. "Ich habe Sonntag morgen eine Pappschachtel in meiner Wohnung gefunden."

Lothar erschrak. Nicht so, wie er erschrak, wenn er Ungeziefer sah, nein, er erschrak richtig; Ein eiskalter Schauer durchlief seinen Körper, kälter noch, als der Schnee, der von dem schrecklichem Wind draußen aufgewirbelt wurde.

"In Geschenkpapier eingewickelt?", fragte er leise.

"Nein, einfach nur eine braune Pappschachtel. ... Da waren Maden drin."

"Maden..."

"Ja. Kannst du dir vorstellen, was passiert wäre, wenn Jenny dieses Päckchen gefunden Hätte? Sie hätte geschrieen und geheult. Aber zum Glück habe ich es zuerst gefunden. Ich habe es in den Müll geworfen, bevor Jenny oder ihre Mutter es sehen konnten."

"Und warum erzählst du mir das?"

"Auf der Pappe stand neunzehn."

"Und?"

"Überleg doch mal, was wir vor neunzehn Jahren gemacht haben – was du gemacht hast! Gabi. Na, klingelt es bei dir?"

"Du denkst doch nicht, dass das was miteinander zu tun hat, oder?"

"Doch, das denke ich."

Madalena stand in der Küche und deckte den Tisch mit dem edlen Porzellangeschirr und Weingläsern aus Kristall. Dann setzte sie sich und warf einen Blick auf die Zeitschaltuhr, in einem Edelstahlgehäuse und mit goldenem Zeiger, die sie auf der Holzablage, neben dem Herd, abgestellt hatte – noch drei Minuten, dann sollte der Hackbraten fertig sein.

Herr Panzer telefonierte inzwischen schon über eine Stunde mit seinem Bruder, was höchst ungewöhnlich war, da er normalerweise nur kurz mit ihm sprach, wenn er mal anrief.

Es war nur einmal vorgekommen, dass sie so lange miteinander telefoniert hatten, soweit sie sich daran erinnern konnte. Es war kurz, nachdem sie angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, kurz nachdem seine Frau verschwunden war, als Ihr Sohn zwei Jahre alt war. Und damals hatten die Brüder gestritten. Sie hatte nicht gelauscht, sein Geschrei war im ganzen Haus zu hören. Sie konnte sich nicht mehr an viel, von dem, was er gesagt hatte, erinnern. Nur diesen einen Satz hatte sie noch im Kopf. Nein, mit ihr wird nicht dasselbe passieren, das verspreche ich dir!

Sie wusste nicht, worüber sie gesprochen hatten. Damals hatte sie noch eine Ahnung, nämlich dass sie über seine verstorbene Frau gesprochen hatten, aber inzwischen hatte sie diese verloren. In Ihrem Kopf war von alledem, was gesagt – geschrieen – wurde, nur noch dieser einzige Satz. Nein, mit ihr wird nicht dasselbe passieren, das verspreche ich dir!

Kalte Welt, dachte Lothar.

Er saß auf der Ledercouch im Wohnzimmer, vor dem prasselnden Feuer im Kamin, das vier Tage zuvor die Pappschachtel, zusammen mit den Maden, gefressen hatte, hielt ein Glas Milch in seiner Rechten und sah aus dem Fenster. Er wollte feststellen, wie viel Mut er hatte. Es war vielleicht kindisch – das war es ganz bestimmt –, aber er musste diese Mutprobe gegen sich selbst einfach eingehen. Wenn er nicht einmal genug Mut hatte, um aus dem Fenster zu sehen, ohne seinen Blick sofort wieder vor Furcht abzuwenden, wäre seine Würde verletzt und damit auch sein Stolz. Und Würde und Stolz waren ihm überaus wichtig; er war ein eitler Mensch, das wusste er, und seine Eitelkeit trieb ihn zu dieser Mutprobe, so kindisch sie auch sein mochte. Er musste einfach durchhalten. Er musste es einfach! Denn wenn er das nicht tat, wäre es eine Schande.

Es war wieder etwas wärmer geworden und der Schnee begann langsam zu schmelzen. Die Kinder spielten draußen, bewarfen sich mit nassem Schnee und lachten.

Unverständlich. Wie konnten sie das nur tun? Einige von ihnen aßen den Schnee sogar. Sie mussten doch wissen, dass das ungesund ist!

Aber sie waren Kinder und, so oft man es ihnen auch sagen würde, sie würden nicht damit aufhören.

Diese Kinder waren ungesund, ganz anders, als Lothar. Er war gesund – mehr als nur gesund. Er ging jeden Abend früh ins Bett, trank keinen Alkohol und wenn jemand eine Zigarette in seiner Gegenwart rauchen würde, würde er ihn sofort aus dem Haus befördern.

Kalte Welt, dachte er wieder. Grausame Welt.

Die Welt war wirklich grausam und kalt. Das war der Grund, weswegen er nie auch nur einen Fuß in diese schlechte Welt setzte. Er blieb in seinem Haus – in seiner Welt. Seine Welt. Seine gute, saubere Welt.

Nach fünfundzwanzig Minuten konnte er es nicht mehr ertragen und sah weg. Fünfundzwanzig Minuten, das war nicht viel, aber genug, dass seine Würde erhalten blieb.

Am zweiten Adventsonntag fand er das zweite Päckchen. Es war größer, als das erste und stand an genau derselben Stelle.

Er war aufgestanden und alles lief wie jeden anderen Tag ab. Nur dieses Päckchen, nein, dieses mal war es eher ein Paket, störte den Ablauf. Es war so groß, wie ein Computerbildschirm, etwas kleiner vielleicht. Diesmal war das Geschenkpapier nicht smaragdgrün, es hatte die Farbe von unklarem Pastellrosa, das mit etwas Grau vermischt war. Die Kerze, die die gleiche Größe, wie die vorherige hatte, genauso.

Das Paket füllte fast den ganzen Tisch aus und aus dem Inneren kam wieder dieses Geräusch von Händen, die Kuchenteig kneten.

Ein anderes Geräusch.

Lothar drehte sich um.

Nichts.

Aber das Geräusch war auch nicht von direkt hinter ihm gekommen – eher aus einer gewissen Entfernung.

Das ist der Mistkerl, dachte er.

Er rannte los.

Das Geräusch kam von der Eingangstür.

Er riss sie auf und... Vor ihm lag ... die böse Welt. Matschiger Schnee lag im Vorgarten und am Straßenrand. Der Wind blies.

Angst. Panik. Schrecken.

Auf einmal spürte Lothar, wie der Wind versuchte, ihn unter den Achseln zu packen und davon zu zerren.

Er knallte die Tür mit einem Ruck wieder zu. Sein Herz klopfte wild und scheinbar unregelmäßig. Er war blass.

Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, sah er durch den Türspion – das war sicher.

Ein kleiner Schneehaufen lag vor der Tür. Das war das Geräusch gewesen, Schnee, der vom Dach gerutscht war.

Er ging, mit immer noch klopfendem Herzen, zurück ins Wohnzimmer und öffnete das Paket. Er versuchte die Zahl 19 zu ignorieren, es gelang ihm aber nicht wirklich.

Unter dem Papier kam ein Pappkarton zum Vorschein und wieder eine Tarotkarte. DER GEHÄNGTE, stand unten, oben die Zahl XII. Ein Mann hing kopfüber und mit überkreuzten Beinen an einer Art Baum und hatte einen Heiligenschein.

Mit diesem Paket verfuhr er, auch wenn es ihm diesmal wesentlich schwerer fiel, wie mit dem ersten; er warf es ins Feuer und sah zu, wie die Flammen es fraßen. Die Tarotkarte steckte er zu der anderen.

Der Gehängte trifft den Teufel, fiel es ihm plötzlich ein, weswegen er schmunzeln musste. Der Teufel holt sich den Gehängten.

Um die Mittagszeit klingelte das Telefon und Madalena brachte es ihm.

Es war Richard, der anrief.

"Schon wieder ein Paket. Aber es war größer als das, von vor einer Woche.", war das erste, was Richard zu ihm sagte.

"Bei mir auch – Rosa.

GELB UND DER TURM

- 3. Adventsonntag -

Ein Tier, wenn ich nur ein Tier wäre, dann hätte ich es wesentlich leichter, dachte er am darauffolgenden Montag – den fünften Dezember –, als ein flüchtiger Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, der die Reaktion auf ein lautes quietschen von Bremsen und das klirren von zersplittertem Glas war, und sah, wie eine Katze von einem Auto angefahren worden war. Wie gerne wäre ich nur ein Tier.

Dieser Gedanke kam nicht von irgendwo; er wusste, dass die andere Katze – es war die Katze seiner Nachbarn und er wusste, dass es zwei davon gab (oder jetzt nur noch eine) – nicht trauern würde. Sie würde wissen, dass die Katze tot war und sich damit abfinden, anders als Menschen.

Gabi war bereits seit neunzehn Jahren tot und er trauerte immer noch.

Es klopfte an der Tür und Madalena kam rein, mit einem Briefumschlag in der linken Hand.

"Herr Panzer, hier ist ein Brief für Sie gekommen." Sie reichte ihm den Brief.

"Danke.", sagte er und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand, die ihr signalisierte, zu gehen.

Das tat Sie.

Kaum war die Tür wieder geschossen, nahm Lothar des Brieföffner aus Silber, mit einem Holzgriff, und öffnete den Briefumschlag hastig.

Normalerweise kamen nur Rechnungen und dinge, die er sich bestellt hatte, mit der Post, nie aber ein persönlicher Brief.

Es stand kein Absender darauf, nicht einmal Lothars Adresse; der Brief musste direkt in den Briefkasten geworfen worden sein.

In den Umschlag war nur ein einziges Blatt Papier. Lothar zog es heraus und las, was darauf stand.

Nicht mehr lange, dann komme ich.

Deine Frau kommt auch.

Lothar wurde schlecht. Er wusste, dass seine Frau tot war und nicht zurück kommen konnte. Das musste ein schlechter Scherz sein, ein Scherz von diesem verdammten Mistkerl, der schon zweimal in sein Haus eingebrochen war und jedes Mal ein Paket mit Maden dagelassen hatte. Er rannte aus dem Zimmer, durch den Flur, stieß dabei fast Madalena um, die gerade den oberen Treppenabsatz erreicht hatte, ins Bad.

Madalena, die ihm gerade erst den Brief gebracht hatte, schaute verwirrt auf die geschlossene Badezimmertür und hörte die hustenden Laute eines Mannes, der sich übergab.

Sie war keine neugierige Frau – wäre sie das gewesen, hätte sie ihren Job schon vor langer Zeit verloren –, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Tatsächlich war es das erste mal, dass sie, seit sie für Lothar arbeitete, von der Neugier gepackt wurde. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals mitbekommen hatte, wie er sich übergab und sie musste herausfinden, weswegen er das tat.

Sie war sicher, dass er noch eine weile brauchen würde. Sollte er endlich mit dem brechen fertig sein, würde er sich gründlich den Mund mit der Zahnbürste ausschrubben, da, wenn er das nicht tat, er gegen seine eigenen Hygieneregeln verstoßen würde.

Also ging sie in sein Arbeitszimmer. Würde er sie hier erwischen, würde er sie auf der Stelle feuern, das wusste sie. Dabei spielte es auch keine Rolle, dass bald Heiligabend war, denn er hasste dieses Fest. Soweit sie wusste – sie wusste nicht viel –, war seine Frau an einem Heiligabend, vor neunzehn Jahren, verschwunden.

Sie sah den Brief. Sie sah, was darauf geschrieben stand. Zwei einfache Sätze. Zwei Sätze, die ihm das Kotzen beibrachten.

Sie hörte, wie die Spülung der Toilette betätigt wurde und ging schnellen Schrittes, leise wieder zu der Stelle, an der sie Stand, als Lothar sie fast umgerannt hatte.

Seine Frau kommt wieder zurück, dachte sie. Sie war neunzehn Jahre vermisst und jetzt kommt sie zu ihm zurück. Es muss ihm vorkommen, als ob er einen Geist wiedersehen wird, da würde ich auch das Kotzen kriegen. Aber wer ist der oder die andere, der zurückkommt? Vielleicht ist es der, der die Kerzen vorbeigebracht hat.

Nach über zehn Minuten kam Lothar wieder heraus.

"Geht es Ihnen Gut, Herr Panzer?", fragte sie besorgt, lies sich aber nicht anmerken, dass sie den Brief gelesen hatte.

"Ja.", sagte er nur und ging an ihr vorbei.

"Ach, Madalena.", fügte er noch hinzu, als er fast in seinem Büro verschwunden war. "Werfen Sie endlich diese hässlichen Kerzen Weg."

Am dritten Morgen Adventsonntag warf Lothar seine Decke nicht schwunghaft zurück, wie er es sonst immer tat, er schob sie langsam zu Seite und setzte sich erschöpft auf. Diese Nacht hatte er überhaupt nicht geschlafen – genau, wie die letzten sechs Nächte. Etwas machte ihm zu schaffen. Es war der Brief, den er bekommen hatte. Der Brief, auf dem Stand, dass dieser Mistkerl und Gabi bald kommen würden. Aber wie bald? Vielleicht schon heute!, schoss es ihm durch den Kopf. Vielleicht schon heute. Wieso auch nicht? Die Päckchen und die Kerzen sind auch immer Sonntags gekommen, also wieso nicht heute?

Er stand träge auf und führte seine Morgenrituale durch; duschen, anziehen, rasieren, kämmen.

Als er damit fertig war, ging er nicht in die Küchen und trank ein Glas Milch, er ging ins Wohnzimmer und entdeckte das dritte Paket.

Er seufzte. Er wusste nicht, ob es ein Seufzen der Erleichterung war, oder eines, der Enttäuschung. Es war beides möglich.

Das dritte Päckchen war nur um einige Zentimeter im Durchmesser größer, als das zweite. Die Farbe des Geschenkpapiers war ein, ins bräunliche, olivgrüne gehendes Safrangelb – nicht besonders kräftig, für Safran. Und, wie er es erwartet hatte, sah er die Zahl 19, als er die Kerze herunter nahm und sie auf einen Untersetzer stellte, nachdem er sie ausgedrückt hatte.

Dieser verdammte Mistkerl, dachte er. Mal sehen, wen sich der Teufel nach dem Gehängten holt.

Er löste die Klebebandstreifen sorgfältig, ohne das Geschenkpapier zu beschädigen – nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte, da er sowieso alles verbrannt hätte – und faltete das Papier auseinander.

Die dritte Karte war der Turm, das stand zumindest unten. Oben war die Zahl XVI. Auf dem Bild war ein hoher, grauer Turm zu sehen, in den ein Blitz einschlägt. Ein Feuer war ausgebrochen und Menschen sprangen in die Tiefe, eine große Krone flog davon. Auf der rechten Seite waren zehn gelbe Tropfen zu sehen, auf der linken zwölf.

Wieder dieses Kneten in Kuchenteig.

Wieder Maden in dem Karton.

Wieder landete alles im Feuer, des Kamins, außer die Tarotkarte, die gesellte sich zu dem Teufel und dem Gehängten.

Der Teufel zwingt den Gehängten in den Turm. Der Teufel holt sich den Gehängten und zwingt ihn in den Turm.

Diesmal schmunzelte er nicht darüber, es schien ihm irgendwie erschreckend.

 

Der Grund, weswegen er nicht hatte schlafen können, war nicht nur der gewesen, dass er diesen Brief bekommen hatte, sondern auch der, dass er an den Tod seiner Frau denken musste.

Es war das Weihnachtsfest, neunzehn Jahre zuvor. Lothar hatte damals schon nicht viel für Weihnachten übrig, da seine Eltern kurz nach der Weihnachtszeit ums Leben gekommen waren. Gabi, musste er feststellen, als er aus seinem Arbeitszimmer kam, hatte gegen seinen Willen einen Weihnachtsbaum gekauft und ihn mit Hilfe seines Bruders aufgestellt, der danach wieder gefahren war.

Gabi hatte ihn zwar eingeladen, doch er wollte lieber mit seiner frischverheirateten Frau, alleine feiern.

Lothar kam die Treppe herunter und sah ihn.

"Und? Schön, oder?", fragte ihn Gabi fröhlich.

Er war nicht fröhlich. Im Gegenteil, er schrie sie an: "Was zum Teufel soll das? Was soll dieser Scheiß hier?"

Gabi, die sonst nie schrie, schrie jetzt auch. "Ich dachte, das wäre vielleicht eine ganz hübsche Idee. Ich dachte, vielleicht können wir einmal ein ganz normales Weihnachten feiern. Ich weiß, du hast dich damit abgefunden, so ein Leben zu führen, aber ich habe das nicht. Ich würde gerne wenigstens einmal im Jahr ein Fest haben, an dem es so aussieht, als ob wir ein normales Ehepaar wären!"

Sie drehte sich um und rannte in die Küche, mit Tränen in den Augen, wie er sah.

Es tat ihm leid und er ging ihr langsam hinterher. Er wollte sich entschuldigen und ihr erklären, weshalb er Weihnachten nicht mochte – das hatte er noch nicht getan, sie wusste nur, dass es so war.

Er kam in die Küche und sah, wie sie die Ente, die sie einige Tage vorher gekauft hatte, aus dem Kühlschrank holte.

"Gabi..." Weiter kam er nicht.

Sie war wirklich wütend, das konnte man ihr ansehen. Sie warf das Blech, auf dem die Ente lag, auf den Boden und die Ente rutschte herunter.

"Was willst du?" Eine Mischung aus Zorn und Enttäuschung war ihrem Tonfall zu entnehmen.

"Was soll das? Sieh dir das mal an, der ganze Boden ist dreckig!"

"Und wennschon! Es hat nicht jeder so einen Sauberkeitsfimmel, wie du, Lothar."

Das war zu viel für ihn. Er war es gewohnt, dass andere Menschen hinter seinem Rücken über seine Macken redeten und sich darüber lustig machten. Aber seine Frau! Dass seine Frau so etwas zu ihm gesagt hatte, war zu viel. Er nahm irgendetwas – später sah er, dass es die Schaltzeituhr mit dem Edelstahlgehäuse war, und warf es nach ihr.

Sie wurde am Kopf getroffen und fiel um. Blut lief aus ihrer Stirn.

 

ROT UND DIE GERECHTIGKEIT

- 4. Adventsonntag -

Warum ziehst du mich da mit rein?, hörte er seinen Bruder immer und immer wieder sagen. Immer und immer wieder.

Vor sechs Tagen war das letzte Paket gekommen und er hatte wieder mit ihm telefoniert. Richard hatte auch wieder eines bekommen, genau wie Lothar, nur ohne Geschenkpapier, Kerze und Tarotkarte. Ein einfacher, brauner Karton mit Maden darin.

Warum ziehst du mich da mit rein? Verdammt noch mal, Lothar. Was hast du dir nur dabei gedacht? ... Ganz genau, du hast nichts gedacht. Und jetzt muss ich deinen Dreck wegräumen, hatte er damals gesagt. Damals, als er Gabis toten Körper auf den Küchenfliesen hatte liegen sehen. Herrgott Lothar, wie konntest du das nur tun? Was um Himmelswillen hat dich dazu gebracht, das zu tun?

Madalena hockte im Keller vor dem Trockner und holte die seine Anziehsachen heraus. Sie holte jedes einzelne Hemd, jedes Jackett, und jedes andere Kleidungsstück heraus und faltete es, bevor sie es in den Wäschekorb legte. Sollte Lothar Panzer sie dabei erwischen, wie sie die Kleidungsstücke einfach nur herauszog und in den Korb warf, hatte sie keinen Zweifel, würde sie ihren Job verlieren. So war Lothar Panzer. Ein kleiner Verstoß gegen seine peniblen Ordnungsregeln, und es gab kein Pardon.

Nachdem sie den Trockner wieder zugemacht hatte, Ging sie zu der Betonwand, gegenüber von dem Trockner und der Waschmaschine, stellte das Bügelbrett auf und steckte den Stecker des Bügeleisens in die Steckdose. Sie musste alles Bügeln. Nicht nur die Hemden, auch jede einzelne Unterhose. Manchmal fragte sie sich, ob er es wohl merken würde, wenn sie eine ungebügelt in den begehbaren Kleiderschrank legen würde, aber sie war nicht bereit, das Risiko einzugehen, es herauszufinden.

Während sich das Bügeleisen aufwärmte, fiel ihr Blick auf die kleine Vertiefung im Betonboden. Sie fand es seltsam, dass sie eine solche "Schlamperei", beim Bau, ausgerechnet in diesem Haus vorfand. Ausgerechnet in Lothar Panzers Haus. Das Haus, das wohl das sauberste des Landes war. Die Vertiefung hatte etwa einen Durchmesser von drei Metern und zeichnete einen ungefähren Kreis. Das war die einzige Stelle im Haus, die nicht perfekt schien. Das war völlig untypisch, für Lothar Panzer. Und sie konnte ihn inzwischen schon ziemlich gut einschätzen. Es gab nur wenige Dinge, die sie noch an ihm überraschten. Dazu gehörte diese Vertiefung im Betonboden des Kellers.

Dazu gehörte auch das seltsame Verhalten, das er in der letzen Zeit angenommen hatte, und das sie auf den Brief zurückführte. Allerdings war nicht alles davon auf den Brief zurückzuführen. Die Kerzen zum Beispiel, die jeden Adventsmorgen auf dem Wohnzimmertisch standen. Lothar hatte ihr gesagt, sie solle sie wegwerfen, was sie auch getan hatte, aber vor sechs Tagen stand schon wieder eine da. Warum schaffte er sich diese Kerzen an, wenn er sie sowieso nicht mochte? Warum hatte er sich eine dritte angeschafft, nachdem sie die anderen Zwei schon weggeworfen hatte? Und das seltsamste: Wer hatte sie ihm vorbeigebracht? Sie war es nicht. Aber wer sonst, außer ihr kam in dieses Haus? Sein Bruder? Nein, der rief zwar in der letzten Zeit öfter an – nach einiger Überlegung fiel ihr auch auf, dass er jeden Adventssonntag anrief –, aber sie klaubte nicht, dass er auch vorbeikam. Nein, er rief nur an. Was sie zu der nächsten Ungewöhnlichkeit führte: Warum? Die Brüder Panzer hatten immer – jedenfalls, so lange sie hier arbeitete – ein schlechtes Verhältnis gehabt. Sie wusste nicht wieso, aber es war so. Und jetzt rief Richard Panzer regelmäßig an, ohne dass sie erfuhr, worum es ging.

Aber, was wohl am seltsamsten war, war immer noch Herr Panzer selbst. Er hatte sie vor sechs Tagen tatsächlich raus geschickt, um nach Fußspuren im Garten zu suchen, die vielleicht jemand auf der, vom geschmolzenem Schnee matschigen, Wiese hinterlassen hatte. Selbstverständlich hatte sie keine gefunden. Von wem auch?

Noch drei Minuten, dachte Lothar. Noch drei Minuten, dann ist es null Uhr. Dann haben wir den vierten Advent.

Lothar saß auf der Ledercouch im Wohnzimmer und sah dem prasselndem Rot im Kamin zu. Er hatte beschlossen, in dieser Nacht nicht zu schlafen, sondern aufzubleiben und auf den Mistkerl zu warten, der ihm jeden Morgen – oder Jede nacht – eines Adventssonntags ein Paket mit Maden brachte, auch, wenn er tief in seinem inneren bereits begriffen hatte, dass es kein Mensch war, der ihm die Maden, die Kerzen und die Tarotkarten brachte, sondern etwas anderes, etwas fiel grausameres.

Komm doch! Worauf wartest du, Mistkerl, dachte er.

Er betrachtete das tanzende Farbenspiel von Rot und Gelb, das die Holzscheite umgab und langsam schwarz färbte.

Der Vorhang des Schlafes schloss sich um ihn. Und kurz bevor er in den Zustand des Traumes überging, hörte er nocheinmal diesen einen Satz, den sein Bruder vor neunzehn Jahren gesagt hatte: Warum ziehst du mich da mit rein?

Es war am selben Tag, an dem er seiner Frau die Zeitschaltuhr aus Edelstahl an den Kopf geworfen hatte. Er hatte Richard angerufen und ihn gebeten, vorbei zu kommen, ihm aber nicht gesagt, worum es ging.

Als Richard dann vor der Tür stand, bat er ihn herein und führte ihn in die Küche, wo Gabi noch immer auf den Fliesen lag, mit einer inzwischen verschorften Wunde auf der Stirn.

Die ersten Minuten sagte Richard nichts, er starrte nur. Er starrte auf seine tote Schwägerin, die auf den Fliesen lag und in dessen toten Augen getrocknete Tränen waren.

"Was hast du getan?", fragte er schließlich, nachdem er den Blick von der toten Frau abgewandt hatte und auf Lothar gerichtet hatte. "Was hast du da nur getan, Lothar?"

Lothar sah beschämt auf den Boden. "Ich... Ich wollte das nicht! Wir haben gestritten und da ist es passiert.", sagte er leise und zeigte leicht mit den Fingern auf die Zeitschaltuhr, die in der Ecke stand.

"Worüber?"

"Darüber." Jetzt zeigte er auf die Ente, die ebenfalls noch auf dem Boden lag, nicht viel weiter, als einen Meter von der Leiche und dem Tablett entfernt.

"Und warum holst du mich jetzt?"

"Du musst mir helfen. Wir müssen sie wegschaffen, irgendwo anders hin."

"Nein." In Richards Stimme klangen viele Vorwürfe. "Nein, wir müssen gar nichts. Du solltest dich stellen, anstatt mich da mit reinzuziehen."

"Ich kann mich nicht stellen."

"Warum nicht?" Das klang nicht, wie eine einfache Frage, sondern eher nach einem Vorwurf, wie alles andere, was er noch sagen würde.

"Weil ich dann ins Gefängnis komme."

"Natürlich kommst du ins Gefängnis. Lothar, du hast deine Frau ermordet. Nicht einfach nur verletzt, ermordet!"

"Ich kann nicht ins Gefängnis, das weißt du. Da ist es schmutzig und es wimmelt von Müll."

"Ja, das wäre die gerechte Strafe für dich."

Lothar sah auf. "Das kannst du doch nicht ernst meinen. Ich bin dein Bruder!"

"Stell dich, Lothar. Ich weiß sowieso nicht, wie wir sie loswerden sollen, also stell dich lieber, das wird besser sein."

"Du bist doch Handwerker. Wir könnten sie doch im Keller begraben und mit Beton zugießen."

Richard schien zu überlegen, dann schüttelte er ungläubig den Kopf. "Oh Lothar. Warum ziehst du mich da mit rein? Warum ziehst du mich da mit rein? Verdammt noch mal, Lothar. Was hast du dir nur dabei Gedacht?"

"Ich wollte das nicht tun. Ich konnte nicht denken, es ist einfach so schnell passiert."

"Ganz genau, du hast nichts gedacht. Und jetzt muss ich deinen Dreck wegräumen." Er ging zu Gabi und hockte sich neben ihr hin. "Herrgott Lothar, wie konntest du das nur tun? Was um Himmelswillen hat dich dazu gebracht, das zu tun?"

An diesem Heiligabend führ Richard nachhause, holte Werkzeug und sie vergruben Gabis toten Körper unter dem Haus. Sie ließen eine kleine Vertiefung zurück, was, so glaubte Lothar, Richard mit Absicht gemacht hatte, damit er niemals vergas, was er seiner Frau und seinem Bruder angetan hatte.

Lothar wachte wieder auf. Scheiße, dachte er. Eingeschlafen. Es war erst kurz nach zwölf, er hatte also nur wenige Minuten Geschlafen, oder vielmehr gedöst, doch das reichte aus, dass schon wieder ein Paket dastand. Diesmal in einem trüben Rot und von der Größe eines Stuhls, wenn man sich die Lehne wegdenkt – gerade noch klein genug, um in den Kamin zu passen, ohne das Feuer zu ersticken.

Er löschte die Kerze und stellte sie auf einen Untersetzer.

Es war kein Mensch. Der Mistkerl war kein Mensch, da war er sich jetzt sicher. Kein Mensch hätte es schaffen können, ein Paket von solcher Größe in so kurzer Zeit dort hinzustellen. Besonders nicht, ohne ihn dabei zu wecken.

Aber das Bewusstsein, das es kein Mensch war, war es nicht, das ihn davon abhielt, zur Polizei zu gehen, es war die Angst. Die Angst, dass jemand herausfinden könnte, dass er seine Frau auf dem Gewissen hatte.

Er zog das Geschenkpapier ab. Diesmal nicht ordentlich; er riss das Papier einfach auf, um zu sehen, welche Karte sich dahinter verbarg.

Die Gerechtigkeit. Das stand unten, auf der Karte. Eine Frau im roten Gewandt, die auf einem Thron oder Stuhl vor einem violetten Vorhang saß. In der Linken hielt sie eine goldene Waage, in der Rechten ein Schwert. Auf dem Kopf hatte sie eine Mauernkrone. Der Vorhang wurde von zwei Säulen gehalten und hinter ihm war ein goldener Hintergrund. Oben, auf der Karte stand: VII

Die Gerechtigkeit .Das also geschieht mit dem Gehängten im Turm, dachte er. Der Teufel holt sich den Gehängte, zwingt ihn in den Turm und lässt die Gerechtigkeit walten. Diesmal hatte er Angst. Große Angst. Er ließ sie nicht nach außen dringen, doch innerlich schrie er vor Angst.

 

CAMAEL

- Heiligabend -

Am selben Tag rief Richard wieder an. Er hatte auch, zum vierten mal, ein Paket bekommen.

"Verdammt noch mal, Lothar!", sagte er. "Ich habe Angst. Ich habe angst um meine Frau und meine kleine Tochter, kannst du das nicht verstehen? Vielleicht sollten wir zur Polizei gehen."

"Nein.", schrie Lothar wie aus einem Reflex heraus. Wahrscheinlich war es das auch, aber das tat nichts zur Sache. "Wir können nicht zur Polizei gehen, das weißt du ganz genau! Wenn die was über Gabi rausfinden, dann bist du genauso erledigt, wie ich."

"Aber was zum Teufel sollen wir sonst tun?"

"Ich weiß es nicht." Er machte eine Pause. "Heute nacht, da bin ich aufgeblieben. Ich wollte diesen Mistkerl erwischen, wenn er in mein Haus einbricht."

"Und?"

"Ich bin eingeschlafen, aber das tut nichts zur Sache. Ich war vielleicht zehn Minuten weg, nicht länger. Als ich aufgewacht bin, was das Paket da. Es war einfach da. Ich habe nicht mal einen halben Meter entfernt gesessen und ich habe nichts mitbekommen."

"Was willst du damit sagen?"

"Ich weiß nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand so schnell und so leise sein kann, wenn er so ein großes Paket hinstellt."

"Lass den Scheiß, Lothar, das ist was ernstes. Wir sollten keine Witze Machen."

"Ich mache keine Witze."

"Aber du sagst, dass jemand das Paket – wie groß war es noch mal ... einen Meter? – hingestellt hat, als du direkt davor geschlafen hast. Das klingt nicht so, als ob man es ernstnehmen könnte."

"Ich weiß, wie es klingt, aber es war so."

Schweigen auf beiden Seiten.

Dann sagte Richard: "Ich muss Schluss machen, Jenny und Vera sind gerade gekommen."

Lothar drückte den Auflegknopf und legte das Telefon auf den Schreibtisch, vor dem er saß. Er beugte sich ein stück vor und rieb sich den Rücken. Als er das Paket in den Kamin geworfen – oder viel mehr geschleppt – hatte, hatte es bedrohlich geknackt. Seine Befürchtung war, er hatte sich einen Bruch gehoben, aber er hatte ihn wohl eher verrenkt.

Doch das spielte alles keine Rolle mehr, da sein Leben, gefangen in einem Haus, in weniger als einer Woche vorbei sein würde.

Draußen heulte der Wind. Das Wetter hatte sich wieder verschlechtert. Eine Dicke Wolke aus Schnee senkte sich über die Stadt und schien alles unter sich zu begraben. Alles. Aber auch darüber würde er sich in sechs Tagen keine Gedanken mehr machen müssen.

Der Tag war gekommen. Heiligabend. Lothar wusste, dass es dieser Tag war, an dem er dem Mistkerl endlich begegnen würde, der ihm diese Pakete gebracht hatte. Irgendetwas sagte es ihm. Natürlich hätte es auch einfach nur ein Gefühl sein können – Gefühle können täuschen, das wusste er –, aber er war sich so sicher, dass er kommen würde, wie er sich noch nie in etwas sicher gewesen war.

Madalena war bereits gegangen. Er hatte ihr schon um die Mittagszeit frei gegeben, da er nicht wollte, dass sie von dem Mistkerl erfährt – ihn vielleicht sogar sieht. Es war keine Sorge um ihr Wohlergehen, nein, solche Gefühle hatte er schon lange nicht mehr empfunden, viel eher war es die Angst davor, dass der Mistkerl ihr alles erzählen würde. Einfach alles. Und er fürchtete sich vor dem Tag, an dem jemand davon erfahren würde.

Das Brechen eines Astes vor dem Fenster ließ ihn von der Ledercouch aufschrecken.

Scheiße, beruhig dich, Lothar. Es war nur ein Ast, sagte er sich selbst und lies sich wieder zurücksinken.

Es war etwa halb sieben Uhr abends, verriet ihm der Blick auf die Standuhr.

Last Chrismas, klang es von irgendwo her. I gave you my heart. And the very next day, you give it away. Er konnte nicht sagen, wo es herkam. Es schien überall zu sein. Er hasste dieses Lied, es war einfach typisch Weihnachten. Jedes Jahr wieder. Last Chrismas, I gave you my heart, and the very next day, you give it away. Das Lied wiederholte sich. Nein, nicht das ganze Lied, nur dieses eine Stück vom Refrain. Last Chrismas, I gave you my heart, and the very next day, you give it away.

Jetzt fing es an, zu klopfen. Ein leises, dumpfes klopfen, weit weg. Aber diesmal konnte er die Richtung bestimmen; es kam aus dem Keller.

Hörst du das?, sagte plötzlich eine laute Stimme in seinem Kopf und durchschnitt damit das Lied. Hörst du es? Es war eine Stimme, die bedrohlich klang. Tief und kräftig. Laut. Hörst du das Klopfen, Lothar? Weißt du, wer das ist? Nein? Es ist Gabi!

Lothar blickte sich hastig um, in der Hoffnung, irgendjemanden zu sehen, der es gesagt haben könnte – optimal noch jemanden, der einen CD-Spieler in der Hand hielt, aus dem Last Chrismas kommen könnte. Fehlanzeige. Niemand.

Versuche nicht, mich zu finden, du kannst mich nicht finden. Ich bin nicht in deinem Wohnzimmer, ich bin bei deiner Frau. Geh zu ihr. Geh zu Gabi, wenn du mich sehen willst. Wenn du mich nicht sehen willst, macht das nichts. Du wirst in jedem Fall zu ihr gehen, das weiß ich.

"Wer ist da?", schrie Lothar.

Du willst wissen, wer ich bin? Komm in den Keller, dann wirst du erfahren, wer ich bin.

"Ich werde nicht in den Keller kommen! Hast du gehört, Mistkerl? Ich werde nicht kommen!"

Oh doch, das wirst du. Du weißt es nur noch nicht. Du wirst kommen!

"Einen Scheiß werde ich!"

Du hast fast recht. Du wirst Scheiße. Ein großer, von Maden zerfressener Haufen Scheiße.

"Was soll das heißen?"

Sieh in den Kamin. Aber vielleicht sollte ich dich vorher warnen, was du siehst wird dir nicht gefallen.

Lothar wusste nicht wieso, aber er sah zum Kamin, doch was er sah, erschreckte ihn nicht.

Das Feuer brannte, nicht anders, als sonst. Die Flammen tanzten um die, langsam schwarz werdenden, Holzscheite. Das gewöhnliche Bild, das man sieht, wenn man einen Kamin betrachtet.

"Ich sehe nichts."

Warte ab, du wirst es sehen.

"Was zum Teufel soll ich denn sehen?"

Benutze nicht leichtfertig diesen Namen, schrie ihn die Stimme plötzlich mit einem gewaltigem donnern in seinem Kopf an. Das ist kein Name, den man nennt, wenn man denjenigen nicht kennt, der ihn trägt! Solltest du seinen Namen noch mal benutzen, wirst du es bereuen.

"Scheiße! Was soll ich sehen?"

Du wirst es sehen, wenn die Zeit gekommen ist.

"Und wann ist die Zeit gekommen?"

Geduld. Es dauert nicht mehr lang.

Die Stimme schwieg.

Aber das Lied, das war noch immer da. Last Chrismas I gave you my heart, and the very next day, you give it away.

Lothar saß auf der Couch, mit angespannter Haltung. Die Finger seiner linken Hand krallten sich mir aller Kraft in das Leder, an der Lehne, dir Finger der rechten krallten sich an sein Knie Fest.

Last Chrismas I gave you my heart...

Sein Blick war starr. Er betrachtete das Feuer im Kamin und spürte, wie sich die tanzenden Flammen langsam in seine Netzhäute einbrannten.

...and the very next day...

Sein Kiefer schmerzte. Er presste die Zähne so fest aufeinander, das er befürchten musste, sie würden zersplittern.

...you give it away...

Ein Geräusch drang an sein Ohr.

Das gleiche Geräusch, das er aus den Paketen gehört hatte.

Das Geräusch von Händen, die in Kuchenteig kneten.

Es kam aus dem Kamin.

Last Chrismas I gave...

Hörst du es?

"Ja."

Weißt du, was das ist? Das sind Maden. Die Maden, die du verbrannt hast. Sie kommen. Sie wollen sich rächen, weil du sie ermordet hast. Und genau das hast du. Du hast sie ermordet, genau wie du deine Frau ermordet hast.

"Ich habe Gabi nicht ermordet, es war ein Unfall!"

Ja, das war es. Es war ein Unfall. Aber du hast schuld an diesem Unfall. Das ist doch verwirrend, nicht? Ein Unfall ist normalerweise etwas, an dem niemand schuld hat. Darum nennt man es auch Unfall. Bitte korrigier mich, wenn ich irre, aber wenn du Schuld hast, und bei einem Unfall niemand schuld hat, dann ist doch die Logische Schlussfolgerung, dass es kein Unfall gewesen ist.

"Verdammt noch mal, ich wollte sie nicht töten!"

Schweig! Du hast nicht das Recht, das Wundervolle Geräusch zu stören, das Lebewesen machen, die zurückgekehrt sind.

Lothar wusste, das er damit das kneten von Händen in Kuchenteig meinte, das die Maden machten, und das Klopfen aus dem Keller.

Die Maden wurden lauter.

Sie kamen näher.

Schweißperlen bildeten sich auf Lothars Stirn.

Sein Herz fing an wild zu pochen, als wollte es aus seinem Körper ausbrechen.

Last Chrismas I gave you my heart...

Das klopfen aus dem Keller wurde nicht leiser, aber es wurde von den Maden übertönt.

Eine Made viel aus dem Schornstein und wurde von den Flammen verschlungen.

Eine zweite fiel herunter und wurde ebenfalls verschlungen.

Eine dritte, vierte, fünfte...

Dann fiel eine ungeheure Menge von Maden – eine Traube, die so groß war, dass man sich wundern musste, wie sie überhaupt durch den Schornstein passten.

Das Feuer wurde unter ihnen erstickt und der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte das Zimmer.

Na? Hast du Angst? Geh in den Keller, da kommen die Maden nicht hin!

"Du kannst mich mal!"

Lothar sprang auf. Er sah sich nervös um und rannte los.

Jeder, der ihn kannte, wäre verwundert über dieses Verhalten gewesen, da er sonst nie so reagierte, wenn er Ungeziefer sah, aber er hatte auch noch nie zuvor so einer Menge von Ungeziefer gesehen.

Er rannte die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hastig hinter sich ab.

Denkst du, dass du hier sicher bist? Das bist du nicht, Lothar. Du bist nirgends sicher, außer im Keller.

Lothar versuchte die Stimme zu ignorieren, die in seinem Kopf sprach, genauso, wie er versuchte, das Lied und das inzwischen kaum mehr wahrnehmbare geklopfe aus dem Keller zu ignorieren.

Das Geräusch der Maden kam näher. Doch es war nicht vor der Tür, wie er es erwartet hätte, sondern in der Wand.

Der Schornstein, dachte er. Verdammt, der Schornstein geht durch diese Wand!

Ganz genau, sagte die Stimme wieder. Der Schornstein geht durch diese Wand. Und die Maden sind kräftig genug, die Mauern des Schornsteins zu durchbrechen. Zugegeben, eine Made ist nicht besonders Stark, aber es sind viele Maden. Und viele Maden sind kräftig. Kräftig genug, um eine Mauer zu durchbrechen.

"Verdammte Scheiße!" Die Angst war in Lothars Stimme wiederzuerkennen.

Komm in den Keller, hier bist du sicher.

"Nein!"

Lothar rannte zurück zur Tür, drehte den Schlüssel im Schloss und stieß sie auf.

Er rannte die Treppe runter, durch das Wohnzimmer, wo noch immer einige Maden auf dem Boden lagen, sich wanden und von ihm beim vorbeirennen zerstampft wurden, in den kleinen Flur und öffnete die Haustür.

Ein Schneesturm.

Vor seinem Haus tobte ein Schneesturm.

Genau so ein Sturm, wie der, der seinen Eltern vor langer Zeit das Leben gekostet hatte.

Da draußen bist du nicht sicher, das weißt du. Nur im Keller, da bist du sicher. Nirgendwo sonst Besonders nicht im Freien, wo der Wind dich packen und vor das nächste Auto werfen könnte.

"Also gut! Du hast recht. Ich komme in den Keller, aber bitte: Mach, dass die Maden endlich verschwinden!"

Das kann ich nicht.

"Was?"

Ich kann die Maden nicht einfach verschwinden lassen, das liegt nicht in meiner Macht. Ich habe zwar dafür gesorgt, dass sie zurückkommen, aber ich kann sie nicht verschwinden lassen. Der einzige, der das kann, bist du. Du kannst sie verschwinden lassen.

"Wie?"

Komm nach unten, dann zeige ich es dir.

Lothar wusste nicht, was er anderes hätte tun sollen, als der Stimme zu gehorchen. Er war überzeugt, dass der Mistkerl, dem die Stimme gehörte, die Maden verschwinden lassen könnte, wenn er wollte. Er war auch überzeugt, dass dieser Schneesturm ebenfalls auf sein Konto ging. Aber was sollte er machen? Er konnte nichts anderes, als der Stimme zu gehorchen.

Er ging langsam, fast schleichend, zurück durchs Wohnzimmer, in die Küche.

Die Stimme war verstummt.

Das Lied jedoch nicht.

...Last Chrismas I gave you my heart, and the very next day, you...

Es ertönte immer und immer wieder in seinem Kopf.

Und jetzt, da er in der Küche war, nur Wenige Schritte von der Treppe entfernt, die zum Keller führte, konnte er auch das Klopfen wieder deutlicher hören.

Von Oben her kam ein krachen und Poltern.

Die Maden hatten es tatsächlich geschafft. Sie hatten die dicke Mauer den Schornsteins durchbrochen.

Lothar stand vor der Tür, die zum Keller führte.

Worauf wartest du? Komm runter, sagte die Stimme.

Lothar riss sich zusammen und öffnete die Tür. Er tastete an der rechten Wand nach dem Lichtschalter und betätigte ihn.

Im Keller sah alles aus, wie immer. Kein Mann, der dort unten stand. Und das wichtigste, was ihn mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung erfüllte: Gabi war auch nicht da. Sie lag noch immer tief unter dem Betonboden vergraben.

Ist das mein Turm?, fragte er sich. Bin ich der Gehängte? Ist dieser Mistkerl der Teufel? Möglich wäre es – er hat sich furchtbar aufgeregt, als ich seinen Namen sagte. Wenn er der Teufel ist, ich der Gehängte und das hier mein Turm, was ist dann die Gerechtigkeit, die er an mir üben wird?

Das wirst du noch früh genug herausfinden, sagte die Stimme. Und jetzt komm runter und schließ die Tür hinter dir.

Lothar tat, was die Stimme sagte.

Als er unten angekommen war, verstummte das Lied.

Das Klopfen aber blieb und wurde lauter.

Gleich siehst du sie. Gleich wirst du deine Frau wiedersehen. Ob du willst, oder nicht.

Lothar stand regungslos da, vor der Vertiefung, unter der seine Frau begraben lag, vor der Vertiefung, von der das Klopfen ausging.

Es wurde lauter. Inzwischen war das Klopfen schon so laut, dass es alles andere übertönte, doch es wurde immer noch lauter.

"Was ist das?", schrie Lothar.

Du wirst es gleich herausfinden, sagte die Stimme voller Vorfreude.

Lothar hielt sich die Ohren zu.

Der Boden tat sich auf, nein, er wurde zerbrochen. Er wurde von unten zerbrochen, genau an der Stelle, unter der Gabi begraben lag.

Siehst du es schon?

Eine Hand – eine weiche Hand – streckte sich aus dem Loch. Ihr folgte der dazugehörige Körper. Gabis Körper.

Vielleicht bin ich gar nicht der Gehängte, dachte er. Vielleicht ist sie der Gehängte und ich bin in Wirklichkeit der Teufel.

Vielleicht, sagte die Stimme. Vielleicht ist das so, aber wohl eher nicht.

Gabi kletterte aus dem Loch, stellte sie vor ihm auf und sah ihn mit braunen Augen an.

"G... Gabi?", sagte Lothar leise.

"Lothar." Ihr Tonfall war anders, als er ihn in Erinnerung hatte. Er erinnerte sich daran, dass sie immer eine warme Stimme gehabt hatte, doch jetzt war sie kalt und ausdruckslos. So kalt, wie ihr Körper eigentlich sein sollte. "Sieh dir das an.", sagte sie weiter. "Sie dir an, was du mir angetan hast."

Von ihrem Haaransatz lief ein Tropfen Blut über ihr Gesicht. Kurz darauf bildete sich ein roter Fluss.

"Sieh dir an, was du mit mir gemacht hast, Lothar. Ich habe dich geliebt und du tust mir so etwas an."

Das Blut trocknete in Windeseile. Ihre Haut, ihre sanfte Haut, wurde spröde und fing an, an einigen Stellen zu reißen. Ihre kurzen, blonden Haare wurden sichtlich dünner und begannen auszufallen.

"Warum, Lothar? Warum musstest du mir das antun?"

Ihre weißen Zähne verfärbten sich gelb und das Zahnfleisch, in dem sie steckten, wurde schwarz.

"Hast du mich denn etwa nicht geliebt?"

Sie schien mit jeder Sekunde dünner zu werden. Inzwischen war sie fast nur noch ein Gerippe.

"Ich wollte doch nur einmal ein ganz normales Weihnachtsfest feiern, Lothar. Warum musstest du mir diesen Traum nehmen?"

"Ich..."

"Warum?"

Aus ihrem schon braun gewordenen Ohr kroch eine Made. Aus mehreren Körperteilen krochen ebenfalls Maden.

"So hab ich es mir nicht vorgestellt, als ich dich geheiratet habe."

Die Maden – es waren fiele geworden – krochen über ihren Körper und bedeckten sie fast völlig.

"Warum musstest du das tun, Lothar? Warum?" dann senkte sich ihr Kopf unter den Maden einige Sekunden. Als sie wieder aufschaute, sagte sie: "Na? Wie fandest du das? Ich hab deine Frau ziemlich gut getroffen, nicht?" Es kam zwar aus ihrem Mund, doch es war die Stimme des Mannes, der zuvor in seinem Kopf gesprochen hatte.

"Was zum..."

"Sei ruhig!", unterbrach die Stimme, die jetzt aus dem Mund seiner toten Frau kam. "Weißt du noch, was ich dir gesagt habe? Solltest du noch einmal diesen Namen aussprechen, wirst du es bereuen. Und wenn ich das sage, meine ich es auch. Ich kann dich leiden lassen, so viel ich will, und ich denke, das weißt du auch."

"Was soll das?", fragte Lothar leicht zornig, aber doch ängstlich.

Der Mensch unter den Maden fing an zu lachen. Ein höhnisches, kicherndes Lachen. "Hi hi hi" Er schüttelte sich. Zuerst nur leicht, dann sehr heftig, und die Maden fielen ab.

Unter den Maden kam ein Mann zum Vorschein, wie er wohl kaum seltsamer sein könnte. Ein Junger Mann, nicht älter als zwanzig, mit schulterlangen, orangen Haaren, die wie eine Mähne aussahen. Ein Mann, der einen goldenen Mantel trug, der bis zum Boden ging – was darunter war, konnte Lothar nicht sehen. Ein Mann, der mager, beinahe ausgehungert aussah. Ein Mann, der zwar ein Mann war, was man an den unsauber rasierten Bartstoppeln in seinem schmalen Gesicht sehen konnte, aber dennoch viele mädchenhafte Züge hatte.

"Na, überrascht?", fragte er freudig. Seine stimme hatte sich nicht verändert und es schien seltsam, eine so tiefe Stimme von einem Menschen zu hören, der so aussah.

Lothar sagte nichts.

"Natürlich bist du überrascht. Das sind sie alle, auch, wenn ich so etwas nicht besonders oft mache."

Lothar schwieg immer noch. Er bekam das Bild nicht aus dem Kopf, wie seine Frau, seine tote Frau, vor ihm stand und ihm Vorwürfe machte, während er dabei zusehen musste, wie sie verweste.

"Lothar." Der Mann neigte seinen kopf leicht zur Seite, so, als ob ein schlechter Schauspieler Mitleid imitieren würde. "Sag doch was."

In Lothars Gedächnis hing immer noch das Bild seiner Frau und er glaubte, er würde es auch nicht mehr so leicht verdrängen können, so, wie er es mit dem Unfall, vor neunzehn Jahren, gemacht hatte.

"Warum?", fragte er leise. "Warum tust du das? Willst du mich leiden sehen? Ist es das?"

"Nicht doch. So etwas würde ich nie tun, ich bin doch ein lieber Kerl. Ich bin lediglich hier, um meine Aufgabe zu erfüllen. Weißt du, was meine Aufgabe ist?"

"Nein."

"Willst du es wissen?"

Lothar überlegte. Wollte er wirklich wissen, weswegen dieser Mistkerl hier war?

"Du weißt nicht, ob du es wissen willst. Hab ich recht?"

Lothar sah ihn erstaunt an. Eigentlich hätte es ihn nicht wundern sollen, dass der Mann wusste, was er denkt, da er bereits in seinem Kopf zu ihm gesprochen hatte, doch es war so.

"Ist auch egal, denn weißt du was? Ich werde es dir sowieso nicht verraten. Jetzt zumindest noch nicht."

Ich weiß, was deine Aufgabe ist, Mistkerl, dachte Lothar. Ich weiß es. Du bist der Teufel. Ich bin der gehängte und du bist der Teufel. Dieser Keller ist der Turm und du willst das an mir üben, was du für Gerechtigkeit hältst.

"Möglich wär´s.", sagte der Mann. "Es wäre möglich, dass ich der Teufel bin und du der Gehängte. Das wäre möglich, ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist es nämlich, dass du der Teufel bist und Gabi die gehängte, wie du es vorhin gedacht hast. Aber nichts davon entspricht der Realität, Lothar. Du bist nicht der Gehängte und du bist auch nicht der Teufel, ebenso wenig, wie ich es bin."

"Was hatten die Karten dann zu bedeuten?"

"Dummer Lothar. Ich hatte gehofft, dass du schlau bist, als ich dir die Karten zukommen lies, aber ich hätte es besser wissen müssen. Tja, selbst ich bin halt nicht perfekt, obwohl ich nahe dran bin. Das sind Tarotkarten, die haben nicht immer die Bedeutung, wie es den ersten Anschein hat."

"Was bedeuten sie dann?"

"Genau das meine ich, wenn ich dummer Lothar sage. Bist du denn nie auf die Idee gekommen, dich darüber zu informieren? Nein, das bist du nicht. Darum bist du dumm. Und es ist ebenso dumm von dir, zu denken, dass ich deine Dummheit auch noch belohne, indem ich dir sage, was die Karten bedeuten. Das werde ich nicht, du hättest dich eben selbst informieren müssen. Wie dem auch sei, ich hatte mir ein bisschen Spaß erhofft, wenn du herausfindest, was die Karten bedeuten. Aber du musstest ja unbedingt so dumm sein und mir den Spaß damit verderben."

"Sag mir doch endlich, was du von mir willst.", flehte Lothar.

"Ich sagte, dass ich es dir später verraten werde, nicht jetzt, und daran halte ich mich auch. Ich halte immer, was ich sage. ... Aber ich könnte dir einen kleinen Hinweis geben. Mein Name lautet Camael. Na? Sagt dir das was? Nein? Hätte ich mir ja auch denken können. Langsam treibt mich deine Dummheit echt in den Wahnsinn, sag ich dir."

"Kannst du mir dann wenigstens sagen, was das mit Gabi eben sollte?"

"Das war cool, stimt´s? Das habe ich mittlerweile echt gut draus. Na ja, ich schätze, die vielen Jahre, die ich diesen Job schon mache, haben mir etwas als Übung gedient. Ah, da fällt mir ein: Was sagst du zu meinem Brief?"

Lothar sagte nichts.

"Sei doch nicht so schweigsam, Kumpel. Hast du die Anspielung bemerkt? Du weißt schon: ich komme, deine Frau kommt. Nein, natürlich hast du das nicht bemerkt. Weißt du eigentlich, Lothar, was dein Problem ist? Ich meine nicht das, mit der Agorafobie, auch nicht das, mit deinem erbärmlichen Sauberkeitsfimmel, ich meine dein wirkliches, dein größtes Problem. Weißt du, was das ist? Du hast keinen Humor. Humor kann dich durchs ganze Leben begleiten und es dir angenehmer machen – danach wird es dann wunderschön, nach dem Tod, meine ich, dann wird es wunderschön. Zumindest für ein paar. Für die anderen wird es grässlich. Sie werden nach ihrem Tod Höllenqualen leiden. Du kannst mich da ruhig wörtlich nehmen. Höllenqualen ist hier nicht nur eine Floskel, es ist tatsächlich das, was dich und viele andere nach dem Tod erwarten wird. Also, du wirst Höllenqualen leiden. Darum wärst du wesentlich besser dran, wenn du Humor hättest, dann wäre wesentlich dieser kurze Abschnitt deiner Existenz nicht so grausam gewesen. Aber nein, du musst ja alles ernst nehmen. Das sehe ich auch als Dummheit an. Aber jetzt ist es dazu ja zu spät." Er zuckte die Achseln.

"Was soll das heißen: es ist zu spät?"

"Ich denke, du weißt, was das heißt. Oh, gleich neunzehn Uhr. Na ja, so schnell vergeht die Zeit. Dabei wollte ich dir noch ein paar Fragen beantworten, die du vielleicht hast. Aber ist ja auch egal. Wahrscheinlich ist das meine schuld; du hast es bestimmt schon bemerkt: ich neige gelegentlich zum schwatzen. Hast du noch welche, bevor die Zeit um ist? Hast du noch Fragen?"

"Ja." Lothar versuchte, so standhaft, wie nur irgend möglich, zu sein. "Warum? Warum machst du das?"

"Das ist mein Job, schätze ich. Außerdem kann ich nicht leugnen, dass mir dieser Teil immer am besten gefällt. Das, wenn mich die Menschen um Vergebung anflehen und um Verzeihung bitten. Meistens beten die dann zu mir. Es macht mich traurig, dass in der heutigen Zeit kaum noch einer weiß, wer ich bin, aber wenigstens hat der Boss es so eingerichtet, dass sie ein Gebet an mich kennen, wenn sie mir gegenüberstehen. Du musst wissen, er hat auch Humor. Ich glaube, von seinen Angestellten mag er mich am liebsten, darum hat er mit diesen Job gegeben. Auch, wenn das meiste langweilige Routine ist, ab und zu kann ich mir mit Menschen wie dir meinen Spaß erlauben. Beantwortet das deine Frage? Nein, natürlich nicht, denn du wolltest es gar nicht wirklich wissen, stimmt´s? Stimmt. Du hast gehofft, mich weich zu machen, aber lass dir eines gesagt sein: Geschöpfe wie mich, kann man nicht weich machen. Wir sind keine einfachen Menschen, wie du. Wir sind nicht so jämmerliche Geschöpfe, die ewig nach dem Sinn des Lebens suchen. Wir sind – wie soll ich sagen? – besser. Also, nächste Frage, aber bitte, bitte, nicht wieder so was, das mich weich machen soll."

"Was sollte das mit den Maden, und das mit Gabi?"

"Ah, du hast mich ertappt. Ich kann die Maden selbstverständlich wieder verschwinden lassen. Um ehrlich zu sein, sie existierten gar nicht. Die, die du verbrannt hast, die haben schon existiert, aber nicht die, die zurückgekommen sind. Sie habe ich dir einfach in den Kopf gesetzt. Genau, wie das, was du hier siehst. Nichts hiervon ist real. Selbst ich, ich bin nicht wirklich hier. Das ist nur eine Illusion. In Wirklichkeit bist du gerade in der Küche und bereitest alles von, um dich zu erhängen. Das ist wahrscheinlich keine Überraschung für dich, nein, das ist es mit Sicherheit nicht, du hast es doch die ganze Zeit geahnt, nicht wahr?"

"Was soll das? Wieso lässt du mich nicht einfach leben?"

"Weil ich – ähm – das nicht will und nicht darf. So, genug Zeit verplempert..."

"Du hast gelogen.", unterbrach Lothar.

"Was"

"Du hast gesagt, ich würde Gabi sehen, aber das warst du."

"Was soll ich sagen? Du hast mich erwischt. Ich wollte nur mal sehen, wie du reagierst."

Lothar sank auf die Knie. Der Mann – Camael – hatte gesagt, dass die Menschen, die ihm gegenüberstehen, ein Gebet an ihn kennen, aus heiterem Himmel, und das schien wahr zu sein.

"Ruhm sein dir, Camael!

Mächtiger, leuchtender, geheimnisvoller Erzengel!

Wahrer Gewinner der Welt der Finsternis!

Meister der Gerechtigkeit, König der Gnade,

Du, der deine magischen Schätze der Hoffnung austeilst,

der Mutes, des Erfolges, leite mich Du, führe mich den Weg des Glücks entlang,

damit meine Seele und mein Körper sich vorbereiten.

Nimm, zu meinem Vorteil den Schleier, der das göttliche Feuer in allem versteckt,

auf dass ich dank der Erfahrung und der Kenntnis handeln und gelingen kann,

Hand in Hand, mit Hilfe deiner acht mächtigen Engel."

"Sei Still.", fuhr Camael ihn an. "Du bist wirklich dumm. Ich habe dir doch eben erst erzählt, dass der Boss das nur so arrangiert hat um mir ein bisschen Spaß zu gönnen. Aber jetzt macht es mir keinen Spaß mehr, da du weißt, dass es zwecklos ist. Komm, wir sollten gehen."

"Wohin?"

"Das wirst du dann sehen. Beeil dich und nimm meine Hand."

"Kannst du mir nicht noch etwas Zeit lassen? Nur eine Stunde, nicht mehr."

"Nein, ich hole die Leute, die es verdienen, von mir geholt zu werden, immer um neunzehn Uhr. Keine Sekunde früher oder später."

"Warum ausgerechnet um neunzehn Uhr?"

"Oh Lothar, ich sag doch, du bist dumm. Neunzehn ist eine besondere Zahl. Das würdest du wissen, wenn du nicht so unendlich dumm wärst und nachgeschlagen hättest. Aber nein, du gehst ja davon aus, dass mit der Zahl Neunzehn auf den Geschenken gemeint ist, dass deine Frau vor neunzehn Jahren gestorben ist. Komm jetzt, gleich ist es soweit."

"Warte. Eines noch. Was ist mit Richard? Bekommt er auch besuch von dir?"

"Du lässt echt nichts unversucht, um noch als guter Mensch dazustehen, bevor du stirbst. Du denkst, du wirst nach deinem Tod vor Gericht gestellt, aber das ist ein Irrtum. Die Entscheidung ist längst gefallen. ... Deinem Bruder geht es gut. Um die Wahrheit zu sagen, er hat nie ein Päckchen bekommen. Da hab ich dich wohl wieder reingelegt, was? Und jetzt komm, du erbärmliche Kreatur."

Lothar zögerte.

"Weißt du, an was ich gerade denken muss, Lothar? Ich muss daran denken, wie ich die Menschen früher geholt habe. Damals konnte ich noch mein Schwert benutzen, das geht inzwischen nicht mehr. Ihr mit eurer dämlichen Fragerei: Wo ist das Schwert?, Wie konnte er sich selbst mit einem Schwert erstechen und es dann verschwinden lassen? Und dann auch noch diese Ermittlungen von der Polizei. Früher war das viel einfacher. Da hat keiner gefragt, wo das Schwert ist und es gab auch keine Ermittlungen. Ich frage mich, wo ich das gute Stück wohl gelassen habe. Egal. Am Ende bin ich es noch, der dafür sorgt, dass wir zu spät sind. Komm." Er streckte die Hand aus.

Lothar ergriff sie, mit den Gedanken bei seiner Frau, wie sie keine Probleme damit hatte, dass sie ihr Geld, das sie von ihren Eltern geerbt hatte, mit ihm zu teilen, mit dem Wissen, das Madalena am ersten Weihnachtsfeiertag in die Küche gehen und seine Leiche, an einem Strick baumelnd, entdecken würde, in dem Wissen, dass es keinen gab, der wirklich um ihn trauern würde.

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