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MANCHE MENSCHEN STERBEN,
MANCHE MENSCHEN HINTERLASSEN ETWAS,
MANCHE MENSCHEN HINTERLASSEN ETWAS
UND KEHREN ZURÜCK, DAMIT ES GEFUNDEN WIRD.

 LUKAS SEEPE

WEIHNACHTS-STIMMUNG

VERGANGENE WEIHNACHT?

ERSTELLT, AM 22.9.05

Chris saß im Wohnzimmer und sah Fern. Es war Heiligabend und ein Ebenezer Scrootch Film lief – eine, der vielen Verfilmungen –, wie Jedes Jahr um die Weihnachtszeit. Er langweilte sich. Die Geschenke konnten erst in über einer Stunde ausgepackt werden. Er wusste nicht, was er bekommen würde, aber er hoffte, dass eine ‚Playstation portable’ sein würde. Er hatte sich eine gewünscht und seine Eltern hatten gesagt, dass sie es sich überlegen würden.

Der Film war gerade an der Stelle angelangt, an der Ebenezer Scrootch von seinem alten Freund erklärt bekam, dass ihn in der Nacht drei Geister heimsuchen werden, uns so weiter. Das Bild fing an zu flackern, dann war nur noch rauschen auf dem Bildschirm.

"Was soll das?", fragte Chris sich selbst.

Er stand auf und gab dem Fernseher einen leichten Schlag aus die Seite; das Bild war Wieder vorhanden und klar. Er setzte sich wieder hin. Dann bemerkte er, dass sich die Umgebung in dem Film vollkommen verändert hatte. Es war nicht mehr die Villa, von Ebenezer Scrootch zu sehen, es war ein Kamin im Bild. Es war der Kamin, der kaum drei Meter links, von ihm entfernt, an der Wand, stand; jener Kamin, in dem sein Großvater vor elf Jahren gestorben ist. WEGEN CHRIS.

Er konnte es nicht fassen. Wie konnte es sein, dass ein Bild von diesem Kamin im Fernsehen zu sehen war. Es war kein Videorekorder angeschlossen. Auch kein DVD Player. Wie konnte es also sein, dass dieser Kamin zu sehen war?

Wahrscheinlich ist es nur ein Kamin, der so ähnlich aussieht, wie dieser, dachte er.

Damit gab er sich zufrieden. Er nahm die Fernbedienung in die Hand und schaltete um – er versuchte es zumindest –, doch es passierte nichts.

Die Fernbedienung ist kaputt, dachte er wieder.

Er beschloss, sich diese seltsame Sendung anzusehen. Doch bald schon wurde ihm schaurig zumute.

Es wahren Schritte im Schnee zu hören – so, wie sie der Weihnachtsmann immer in den Filmen macht. Dann ein leises Poltern; irgendjemand kam durch den Kamin geklettert.

Wahrscheinlich ist es eine Sendung, mit der man den Kindern die Zeit vertreiben will, während sie auf ihre Geschenke warten. Gleich kommt der Weihnachtsmann durch den Kamin, wahren zu diesem Zeitpunkt noch seine Gedanken. Doch das sollte sich bald ändern. Schon, dass ein Weihnachtsmann durch den Kamin kletterte, ließ ihn an jenen Tag, vor elf Jahren denken; was damals in jenem Kamin, drei Meter von ihm entfernt, der genauso aussah, wie der im Fernsehen, passiert war. Sein Großvater hatte sich als Weihnachtsmann verkleidet – wie er es jedes Jahr (bis dahin) tat. Er hatte nach dem Tod, seiner Frau – der Großmutter von Chris – stark zugenommen. Nichteinmahl die Kissen, die er sich sonst immer unter das Kostüm gesteckt hatte, waren nötig, damit er wie ein dicker Weihnachtsmann wirkte.

Im Fernsehen war immer noch ein leises Poltern zu hören. Dann geschah es. Dies war der Moment, in dem Chris fürchterlich nervös wurde, nein, er hatte Angst. Die Beine des Weihnachtsmannes waren zu sehen. Sie kamen langsam herunter. Dann blieben die auf Gesäßhöhe stecken. Sie blieben stecken. Der Weihnachtsmann blieb stecken. Genau wie damals. Sein Großvater war zu dick geworden und blieb stecken. Damals war Chris erst fünf, er hatte die Erinnerung verdrängt, aber jetzt kam alles wieder hoch. Sein Großvater blieb stecken, weil er ihm eine Freude machen wollte. Im Fernsehen kam eine Junge Frau (vielleicht fünfundzwanzig) angerannt – seine Mutter. Sie schrie hysterisch: "Papa! Papa, ist alles okay?"

"Mir geht es gut, glaube ich.", sagte sein Großvater aus dem Kamin heraus – seine Stimme wurde durch die dicken Kaminwände gedämpft – nicht viel weniger hysterisch. "Ich stecke fest."

Dann kam sein Vater angerannt.

Auf einmal konnte Chris nicht mehr zusehen. In seinem Magen rührte sich etwas; irgendetwas schien sich durch seinen Darm zu winden und dabei alles zu verknoten. Dann war es in seinem Magen angelangt. Es schien, als ob es jetzt den Hals hoch kroch und dabei spitze Klauen in seine Speiseröhre hauen. Ich muss kotzen, dachte er. Er stand auf und rannte ins Badezimmer. Auf dem Weg dorthin, hätte er beinahe seine Mutter umgerannt, die ein Tablett mit einer Ente trug.

Als Chris vom Badezimmer zurückkam, war der Fernseher aus. Die Übelkeit war verflogen – ihm ging es wieder gut.

"Hast du den Fernseher ausgeschaltet?", fragte er seine Mutter, die gerade den Tisch deckte.

"Ja, da lief gerade so ein Ebanezer Scrootch Film. Davon werden in nächster Zeit noch eine Menge kommen, die du dir ansehen kannst. Jetzt wird ersteinmal gegessen."

"gut", sagte er.

"Was war denn eben mit dir los, warum bist du so überstürzt ins Bad gerannt?"

"Ach nichts, ich musste nur dringend Pinkeln."

Seine Mutter sah ihn murrend an. Sie hasste es, wenn er kurz vorm Essen über große oder kleine Geschäfte redete. Es gehört einfach nicht an den Esstisch, Chris wusste das.

Chris, seine Mutter und sein Vater aßen. Es gab eine Weihnachtsente mit Apfelfüllung und dazu Süßkartoffelpüree und Sauerkraut. Es war sehr lecker.

Danach gingen sie an den Weihnachtsbaum, der in der gegenüberliegenden Ecke zum Kamin stand, um ihre Geschenke auszupacken.

Er verschwendete kaum noch einen Gedanken an die seltsame – wie konnte man es überhaupt nennen? – Fernsehsendung. Er suchte sich das Größte Geschenk zuerst aus. Er öffnete es, in ihm befanden sich mehrere kleine Pakete. Es war von seinem Onkel Väterlicherseits. Er verpackte seine Geschenke immer so.

Dann ging der Fernseher wieder an.

Chris schaute zu seinen Eltern. Sein Vater legte gerade eine CD in den CD Player und schaltete ihn ein. Es wahren Weihnachtslieder. Seine Mutter saß einfach auf der Couch und gab seinem Vater einen Kuss, als er zurück kam. Sie bemerkten nichts. Keinem von ihnen fiel auf, dass der Fernseher lief. Was hatte seine Mutter gesagt? Da lief gerade so ein Ebanezer Scrootch Film.

Im Fernseher lief ein Ebenezer Scrootch Film. Er hatte aber etwas anderes gesehen. Er hatte jenen Heiligabend, vor elf Jahren gesehen. Er hatte gesehen, wie sein Großvater im Kamin stecken blieb. Und jetzt sah er, wie es weiter ging. Wie konnte es sein, dass seine Eltern nichts bemerkten? Es musste Einbildung sein. Er bildete sich alles nur ein. Bestimmt war das, was er vorhin gesehen hatte nur eine Unterbrechung, um Kindern eine Freude zu machen, die ungeduldig auf ihre Geschenke warteten. Dass der Weihnachtsmann im Kamin stecken blieb, hatte er sich nur eingebildet. Eine Art Schuldgefühl, weil er seinen Großvater fast vergessen hatte. Sein Unterbewusstsein hatte ihm einen Streich gespielt. Als seine Mutter hinsah, war die Unterbrechung ganz einfach vorbei und der Ebenezer Scrootch Film ging weiter. Aber wieso ging der Fernseher jetzt von selbst an? War das auch nur Einbildung? Seine Eltern bemerkten jedenfalls nichts.

Im Fernsehen sah er, wie seine Mutter ihn hinaus schickte. Er konnte sich noch daran erinnern, wie er heimlich durch das Schlüsselloch zugeschaut hatte.

Sein Großvater fing an, unkontrolliert zu Zittern. Er bekam einen Schlaganfall, genau wie es damals geschehen war.

"Papa! Papa! Papa, sag doch was!", rief seine Mutter.

Als Antwort war nur leises, wirres Gestöhne zu hören. Sein Vater rannte zum Telefon und rief den Notruf an.

Chris stand auf und zog den Stecker des Fernsehers. Es passierte nichts. Der Fernseher lief einfach weiter. Er guckte, ob er den richtigen Stecker gezogen hatte – es war der richtige. Er verlor die Geduld. Er hatte schon wieder diese Angst – diesmal war sie stärker. Seine Bauschmerzen meldeten sich ebenfalls zurück. Ein kleines etwas, dass sich mit seinen scharfen Klauen einen Weg, durch seine Eingeweide, bahnen zu schien, als wolle es sagen: Hier bin ich wieder! Ich werde dir Schmerzen bereiten, bis du deine Galle auskotzt!

Er schob den Fernseher raus.

"Was machst du da?", fragte ihn sein Vater, auf halben Wege.

"Ich denke nur, dass der Fernseher nicht zu der Weihnachtsstimmung passt.", würgte er heraus. Fast hätte sich sein Mageninhalt dabei über den Fernseher verteilt. Er war erstaunt darüber, wie gut er seine Eltern in einer solchen Situation belügen konnte.

Als er zurückkam, war ihm immer noch etwas flau im Magen. Er setzte sich hin und packte das nächste Geschenk aus. Es war die PSP, die er sich gewünscht hatte.

"Gefällt sie dir?", fragte seine Mutter.

"Ja, danke." Er umarmte sie.

Als er die PSP einschaltete, traute er seinen Augen nicht. Er sah schon wieder jenen verdammten Abend, auf dem Display. Die Sanitäter waren bereits eingetroffen – zwei stück. Einer von ihnen sagte: "Es ist zu spät." nachdem er den Puls des Großvaters gefühlt hatte. "Er ist tot.

Dieses kleine Etwas war wieder da. ‚Na, musst du schon kotzen?’

Er stand auf.

Die Angst war ebenfalls wieder da.

"Stimmt irgendwas nicht?", fragte seine Mutter.

"Alles in Ordnung, ich muss sie nur ans Ladegerät anschließen." Er ging in sein Zimmer und warf die PSP aufs Bett. Er hatte seine Eltern schon wieder angelogen. Es fiel ihm immer leichter, so zu tun, als ob nichts wäre. Aber da war etwas, und das wusste er.

Als er zurückkam, setzte er sich hin. Er dachte nach. Irgendjemand oder Irgendetwas – vielleicht das, was sich durch seine Eingeweide bewegte – wollte, dass er sich mit dem Thema auseinander setzte.

"Willst du deine anderen Geschenke nicht auspacken?" Seine Mutter schien verwundert.

Chris sah sie ernst an. "Mama... Ich – vielleicht willst du ja nicht darüber reden, aber – ich würde gerne Wissen, was vor elf Jahren, als ich fünf war und Opa gestorben ist, genau passiert ist. Ich denke einfach, ich sollte das wissen."

"Chris", fing sein Vater vorwurfsvoll an.

"Schon gut", unterbrach ihn seine Mutter. "Wenn du es wissen willst, dann erzähle ich es dir. Es fällt mir nicht besonders leicht, deshalb werde ich es dir nur einmal erzählen. Nur ein einziges mal, noch mal schaffe ich das mit Sicherheit nicht, also hör gut zu. Dein Opa hat sich, wie jedes Jahr, als Weihnachtsmann verkleidet..."

Chris konnte nicht besonders gut zuhören, da er wieder etwas sah. Diesmal war es nicht auf einem Bildschirm. Seine Eltern und die Sanitäter standen vor dem Kamin. Die Beine seines Großvaters hingen schlaff heraus, wie tot – er war tot.

Die Sanitäter zogen ihn mit viel Mühe heraus. Er war bereits blass.

"...Er hat also die Geschenke in einen Sack gepackt und stieg aufs Dach...", redete seine Mutter.

Die Sanitäter legten seinen Großvater auf den Teppichboden. Er war blass und hatte seine Augen – seine toten Augen – weit geöffnet und blickten ihn an. Seine stahlblaue Iris zeichnete eine Linie, mit seinen Augen. Dann nahm sein Vater einen Stock und stach damit im Kamin herum. Der Sack des Weihnachtsmannes, der ebenfalls feststeckte, fiel heraus. Dann verschwand alles.

Chris stand auf.

Seine Mutter verstummte.

"Was soll das!", rief sein Vater zornig. "Du weißt doch, wie schwer es für deine Mutter ist, dir diese Geschichte zu erzählen."

Chris achtete nicht auf ihn. Er wusste, was zu tun war. Er ging zum Kamin und fing an darin Herumzutasten.

Der Kamin wurde seit jenem Tag nicht mehr benutzt. Zuerst, weil es so schmerzhaft war, dann weil sich Jeden Sommer eine Vogelfamilie dort einnistete, und wenn der Kamin angemacht worden wäre, wäre das Nest zerstört worden.

Chris fand etwas. Ein rußverschmiertes Päckchen – seine Hände waren ebenfalls rußverschmiert –, von der Größe einer Pralinenschachtel.

"Was ist das?", fragten seine Eltern beinahe gleichzeitig.

"Ich weiß es nicht", sagte Chris.

Später stellte sich heraus, dass es eine Treuhandfond über hunderttausend Euro war, die sein Großvater kurz vor seinem Tod abgeschlossen hatte. Nachdem seine Frau gestorben war, war er sich nicht mehr sicher ob er selbst noch lange Leben würde.

Chris hat seinen Eltern nie erzählt, was er gesehen hatte, sie hätten ihn mit Sicherheit zu einem Psychiater geschickt.

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