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"Er ist so ein lieber Junge"


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Frau Kargner schaute liebevoll auf den etwa zwölfjährigen Schüler, der abseits seiner Klassenkameraden auf dem Schulhof stand und mit geistesabwesender Miene in sein Pausenbrot biss.

"Er ist ganz anders als die anderen. Immer nett, immer höflich und so fleissig! Jeden Morgen bevor ich die Klasse betrete bete ich, es möge nicht nur ein Traum sein, aus dem ich eines Tages erwache, und dann sehe ich sein Engelsgesicht und höre seine leise Stimme und weiss: Gott muss ein Lehrer sein, dass er mir so einen Schüler sandte!"

Die umherstehenden Lehrerinnen lachten beifällig und nickten begeistert. Frau Silbig, eine junge Referendarin, drängte sich in den Kreis.

"Neulich trug ich eine schwere Tasche die Treppe hinauf; ich meine, keine wirklich schwere Tasche, eben etwas schwerer als sonst und als ich sie einmal kurz abstellte kam er plötzlich um die Ecke und nahm sie mir ohne ein Wort zu sagen ab! Ich war völlig verblüfft und sagte ihm, das müsse aber nicht sein, doch er trug sie tatsächlich die ganze Treppe hinauf und wollte danach noch nicht einmal Dank hören. Ich sage ihnen, ich war vollkommen perplex", schloss Frau Silbig und blickte erwartungsvoll in die Runde. Alle Lehrerinnen nickten wie auf Kommando gleichzeitig und schon ergriff Frau Stratmann, die resolute Englischlehrerin, die Gelegenheit dieser kurzen Pause und berichtete ihrerseits von ihrem Erlebnis mit Michael.

"Ich habe es Ihnen allen noch nie erzählt, weil ich es selbst für so unglaublich hielt, aber jetzt muss ich es einfach loswerden: Sie wissen doch, dass Michaels Familie etwas ärmlich ist, nicht wahr. Er ließ mal durchblicken dass seine Kleidung die einzigen Geschenke sind die er zu Weihnachten und zum Geburtstag erhält...-"

"Eine traurige Sache", bekräftigte Frau Schmand, die rundliche Französischlehrerin und schüttelte den Kopf ob dieser Ungerechtigkeit, "einfach traurig."

"Genau", nickte Frau Stratmann und fuhr dann fort:"Deshalb können sich seine Eltern natürlich auch keinen Urlaub leisten. Schlimme Sache, besonders für einen so aufgeschlossenen Jungen, aber was will man machen?! Er jedenfalls nutzte diese freie Zeit auf ganz besondere Art:"

Sie schwieg einen Moment und genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit der gespannten Kolleginnen, ehe sie ihre Geschichte fortsetzte:

"Ich weiss, dass es recht verregnet in diesem Sommer war, aber man sollte doch meinen, dass Michael trotzdem genug Beschäftigung findet, ein Junge wie er. Die Stadtbücherei, zum Beispiel. Das Museum. Naturfilme im Fernsehen."

"Kreuzworträtsel für Erwachsene," fiel Frau Silbig schnell ein und erntete zustimmende Blicke.

"Ganz genau, meine Liebe. Aber nicht Michael. Nicht nur, jedenfalls. Zu alldem hat er nämlich mir noch eine Freude machen wollen. Weil ihm das alles noch nicht reichte, hat er das komplette Lesebuch der 7. Klasse abgeschrieben und mit Illustrationen versehen und mir am ersten Schultag nach dem Unterricht überreicht. Als Geschenk."

Etwa zwanzig Sekunden lang sprach keine der Anwesenden ein Wort. Dann auf einmal redeten alle auf einmal los:

"Ich hab's ja immer gewusst, ich hab's ja gewusst, der Junge ist einzigartig, genau das ist er!"

"Unglaublich. Aber es passt zu ihm. Das ist einfach Michael."

"Was für ein Junge, was für ein Junge!"

Frau Stratmann nickte befriedigt.

"Er ist schon etwas ganz Besonderes und wenn man an diesen schwierigen Hintergrund denkt, dann noch einmal doppelt. Sie wissen, dass seine Mutter..." Sie senkte ihre Stimme zu einem bedeutugsvollen Flüstern und machte einige Handbewegungen, die das Trinken aus einer Flasche symbolisieren sollten. Frau Schmand seufzte tief.

"Jaja, er hat es mir mal auf einem Elternsprechtag erzählt. Furchtbare Sache, ganz furchtbar. Ich fragte ihn, weshalb denn seine Eltern nicht gekommen wären und er zögerte erst, aber dann brach es aus ihm heraus..." Sie schauderte und warf den anderen vielsagende Blicke zu. "Ich war geschockt, aber seitdem habe ich den Jungen noch mehr ins Herz geschlossen"

Das laute Klingeln sorgte für eine abrupte Beendigung der Unterhaltung und in Windeseile begaben sich die Lehrerinnen in ihre Klassenzimmer um ihre Schüler zu erwarten und mit dem Unterricht fortzufahren. Nur Frau Schmand nutzte eine Freistunde, um sich im Lehrerzimmer entspannt einen Kaffee zu genehmigen. Sie nahm gegenüber von Fräulein Wilkins Platz, einer recht unscheinbaren Kollegin, die trotz ihres recht fortgeschrittenen Alters auf der korrekten Anrede mit "Fräulein" bestand. Entsprechend ihrer Gewohnheit, jede freie Minute zu einem gemütlichen Plausch zu nutzen, wandte Frau Schmand sich an ihre Kollegin:

"Fräulein Wilkins, meine Liebe, wir sprachen vorhin in der Pause über diesen wunderbaren Jungen, er geht doch auch in ihren Biologiekurs?!"

Etwas verwirrt blickte Fräulein Wilkins von ihrer Zeitung auf.

"Was für einen 'wunderbaren Jungen' meinen Sie, wenn ich fragen darf?"

"Aber, meine liebe Fräulein Wilkins, ich rede natürlich von Michael, von wem denn sonst!"

"Michael, Michael, ein häufiger Name... meine Sie vielleicht Michael Farmer, der letztes Jahr einen Preis in dem Biologie-Wettbewerb gewann?"

Sprachlos starrte Frau Schmand auf ihre Kollegin.

"Nein, Fräulein Wilkins, ich meine Michael, Michael Schwalber! Sie müssen ihn doch kennen!" Händeringend und nach Luft schnappend sah sie Fräulein Wilkins fast flehentlich an. Diese zögerte eine Sekunde lang, ehe sie mit einem leichten Lachen die Französischlehrerin von ihren Qualen erlöste.

"Aber ja, natürlich, Michael Schwalber. Ja, ein guter Schüler. Und sehr nett, wie es scheint." Damit war für sie die Sache erledigt und sie wandte sich erneut ihrer Lektüre zu. Frau Schmand jedoch blieb hartnäckig.

"Michael scheint nicht nur aussergewöhnlich sympathisch, er ist auch! Egal worum es sich handelt, er ist sofort zu Stelle und hilft einem. Das ist wirklich selten bei Jungen in diesem Alter. Und er ist der fleissigste Schüler, den ich je in meinem Leben gehabt habe."

"Ich dachte immer, Sie unterrichten erst ab der 8.Klasse Französisch?" fragte Fräulein Wilkins trocken und Frau Schmand erröte ein wenig.

"Nun ja, ich hatte noch nicht das Vergnügen ihn persönlich zu unterrichten, aber sein Fleiss ist hier an der Schule ja schon direkt eine Legende, nicht wahr?"

Sie lachte auf und nahm noch einen Schluck aus ihrer Tasse. Fräulein Wilkins sah sie nachdenklich an.

"Sie ziehen diesen Schüler den anderen vor, und das auch noch ohne ihn bisher unterrichtet zu haben?"

"Aber nein", wehrte Frau Schmand sofort ab, "ich mag ihn nur besonders gerne. Ich weiss, auch das sollte nicht sein unter Lehrern, aber wem geht es denn nicht so? Michael macht einfach nie Probleme, er hilft wo er kann und er bringt seine Leistung. Und dabei hat er es wirklich nicht einfach zuhause... Er tut mir leid und auf der anderen Seite bewundere ich ihn. Er ist so ehrlich, so hilfsbereit, so wissbegierig, so...-" Sie zuckte in einer fast hilflosen Geste die Schultern. "Ich kann mir nicht helfen, dieser Junge ist etwas ganz Besonderes, und ich bin gewiss nicht die einzige, die so empfindet."

Ein weiteres Mal erklang die Schulklingel und Fräulein Wilkins wurde einer Antwort enthoben. Frau Schmand empfahl sich mit einem freundlichen Nicken und verließ das Lehrerzimmer. Fräulein Wilkins blickte ihr mit einer Mischung aus Nachdenklichkeit und Zweifel nach, ehe sie sich selber langsam erhob.

"Hallo, Fräulein Wilkins."

"Wer ..-oh, hallo Michael. Gute Güte, hast du mich aber erschreckt. Was machst du denn noch hier, die Schule ist doch schon längst aus?"

"Ach, ich werde zuhause noch nicht erwartet, die letzte Stunde fiel überraschend aus. Frau Filberg hat sich krank gemeldet." Verunsichert blickte er auf. "Es wird doch wohl nichts Ernstes sein?!"

"Das ist es bestimmt nicht", beruhigte ihn Fräulein Wilkins, "sie leidet öfters unter Migräne, es ist aber nicht so schlimm das man besorgt sein müsste."

Das ist es ja gut", seufzte Michael erleichtert auf, "ich mag sie nämlich sehr".

Nach einer kurzen Schweigepause deutete er verschüchtert auf Fräulein Wilkins Tasche.

"Die sieht sehr schwer aus, soll ich sie Ihnen ins Auto tragen? Ich bin viel stärker, als ich aussehe!"

"Ich danke dir", lächelte Fräulein Wilkins und Michael ergriff die Tasche.

"Jetzt fahren Sie wohl nach Hause?" fragte er, nachdem die Tasche im Auto verstaut war. Fräulein Wilkins nickte. Michael biss sich verlegen auf die Unterlippe und drehte die Hände in den Hosentaschen hin und her.

"Was ist, möchtest du vielleicht mitkommen?" Völlig verblüfft starrte Michael die Lehrerin ob dieses überraschenden Angebotes an.

"Aber... ich möchte Ihnen keine Umstände machen...-"

"Das machst du sicher nicht. Wie ist es, du hast doch bestimmt keinen Schlüssel für zuhause und müsstest vor der Haustüre warten, bis deine Eltern kämen, oder?"

Michael nickte, erst zögernd, dann heftiger. "Ich wusste nicht, dass Frau Filberg ausfällt und ich kriege nie einen Schlüssel für diesen Fall...-"

Erschrocken fuhr er sich mit der Hand auf den Mund, aber Fräulein Wilkins hatte ihn gut verstanden. Sie lächelte ihm nur kurz zu und deutete ihm dann, mit ihr in den Wagen zu steigen.

Die Fahrt verlief zunächst schweigend. Michael schien immer noch nicht recht zu wissen, wie er zu dieser plötzlichen Ehre kam und Fräulein Wilkins konzentrierte sich sehr auf das Fahren. Erst als sie an einer Ampel hielten, ergriff sie wieder das Wort.

"Du fragst dich sicher, warum ich dich so ohne weiteres zu mir nach Hause nehme?" Sie wartete keine Antwort ab, sondern fuhr direkt fort:

"Michael, ich habe von deiner etwas schwierigen Situation zuhause gehört. Möchtest du mit mir darüber reden?"

"Naja, ich... Mama und Paps arbeiten eben hart und sind daher selten zuhause. Und Paps... er hatte einen leichten Unfall und hinkt seitdem. Deswegen musste er einen anderen Job annehmen, wo er sitzen kann, aber dafür länger wegbleiben muss."

"Und ich hörte, deine Mutter habe auch ein Problem..."

"Ja-ja. Sie haben es bestimmt von Frau Schmand gehört. Gute Frau Schmand. Es ist sicher richtig, dass sie es Ihnen gesagt hat, denn Sie sind ja auch meine Lehrerin. Ja, meine Mutter trinkt ziemlich viel Alkohol. Der Arzt hat es ihr zwar verboten, aber sie macht es trotzdem. Ich weiss auch nicht, warum."

Eine Weile schwiegen beide wieder.

"Michael, diese Probleme solltest du nicht so mit dir herumtragen. Es ist nicht gut, wenn ein zwölfjähriges Kind mit Dingen solcher Art konfrontiert wird."

"Ich bin fast dreizehn!" rief Michael stolz und setzte sich aufrecht.

"Auch das ist zu jung, viel zu jung. Du solltest nicht alleine zuhause sitzen, sondern jemanden haben, der sich um dich kümmert. Deswegen habe ich dich heute mitgenommen."

"Ach, ich komme schon alleine klar. Ich lerne ja sehr gerne und es gibt immer etwas für die Schule zu tun."

Miss Wilkins warf ihm einen Seitenblick zu.

"Triffst du dich denn gar nicht mit anderen Kindern?"

"Nein... zu mir nach Hause möchte ich niemanden lassen, es ist nicht sehr...gemütlich dort. Und ich will mich niemandem aufdrängen."

"Wie aufmerksam. Nein wirklich, du bist aussergewöhnlich aufmerksam für ein Kind in deinem Alter. Alle meine Kolleginnen finden das übrigens auch."

"Ach, man sollte immer nett sein. Zu allen. Das ist das beste überhaupt."

Fräulein Wilkins warf ihm abermals einen schnellen Blick zu.

Der Rest der Fahrt verlief schweigend.

"Hey, Sie haben aber ein tolles Haus!"

Michael sah sich begeistert in der alten Villa um. Mit einem Jubelschrei entdeckte er den riesigen Garten und lief zwischen den mächtigen Eichen umher. Fräulein Wilkins folgte ihm lächelnd.

"Ihr Garten ist großartig, Fräulein Wilkins, wirklich fantastisch."

"Nun ja, das Haus ist ein Erbstück und der Garten... ich bin nunmal Biologielehrerin und brauche viel Grün um mich herum. Ausserdem züchte ich auch eigene Pflanzen. Wenn du willst, zeige ich sie dir!"

"Oh wow, na klar! Wissen Sie...-" Michael wurde mit einem Schlag ruhiger, "Ich wünschte wirklich, ich hätte auch so viel Platz. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe den Wald und den Stadtpark, aber so viel Platz zuhause zu haben ist schon etwas Feines. Ich wäre so froh, wenn..." Michael ließ seine traurigen Augen über das viele Grün schweifen, "... wenn ich nur einmal Urlaub machen könnte, in der Natur oder so. Irgendwo, wo viel Wald ist und wo viele Pflanzen sind. Wissen Sie", wandte er sich wieder fröhlicher an die Lehrerin, "ich mag Ihr Fach besonders. Ich finde zwar alle Fächer irgendwie interessant -bis auf Sport, da wird so oft herumgeschubst-, aber Natur und Pflanzen waren mir immer am liebsten!" Strahlend lief er zu den sorgsam abgesteckten Beeten und bewunderte die Vielfalt der eigens gezüchteten Pflanzen. Fräulein Wilkins ging geduldig auf jede seiner Fragen ein und erklärte genau, was es mit den einzelnen Blumen auf sich hatte. Nach einer Weile unterbrach Michael sie:

"Fräulein Wilkins, wissen Sie was? Sie haben mir eine solche Freude bereitet, dass ich mich dafür revanchieren möchte, wenigstens ein bisschen. Ich verstehe zwar trotz allem längst nicht so viel von Blumen und Pflanzen wie Sie, aber ich möchte Ihnen trotzdem dabei helfen und hier ein wenig umgraben. Neue Erde auffüllen, Blumen umtopfen, und so. Ich kann das, ich habe es bei meiner Großmutter gelernt, früher, als sie noch bei uns lebte, bevor-" Wieder zuckte er zusammen und ertappte sich selbst dabei, wie er etwas Unangenehmes preisgeben wollte. Doch Fräulein Wilkins ermunterte ihn, weiterzusprechen.

"Tja, meine Großmutter, die... die lebte mal bei uns. Früher. Da mochte ich sie auch sehr gerne. Sie hat viel mit mir unternommen, hat mir solche Dinge wie Gartenarbeit beigebracht und wir hatten viel Spaß. Ich mochte sie wirklich sehr. Aber eines Tages... Ich kam nach Hause und sie war nicht da. Ich wartete und als sie am Abend immer noch nicht kam, fragte ich einfach Paps. Und Paps sagte mir... er sagte mir, dass sie Großmutter abgeholt haben. Einfach so. Es hieß, sie habe auf der Straße, als ich gerade in der Schule war, ein Kind am Arm gefasst und ihm wehgetan. Ich... ich konnte es nicht glauben, kann es eigentlich immer noch nicht, aber Paps sagte, irgendwelche Männer seien gekommen und sie hätte dann nach ihnen geschlagen. Und gespuckt. Und hätte geschrien. Und dann hätte man sie ganz schnell in ein Heim gebracht, irgendwo ausserhalb. Mehr weiss ich nicht. Paps sagt immer, sie sei verrückt geworden, aber das glaube ich nicht. Nicht meine Großmutter!" Er schluchzte laut auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Fräulein Wilkins sprach zunächst nicht, sondern strich ihm nur sanft über die Haare. Dann holte sie ihm ein Glas Milch und Kekse und setzte sich zu ihm. Nach einer Weile verstummte sein Weinen und er starrte vor sich hin. Fräulein Wilkins sprach vorsichtig zu ihm.

"Michael... Michael, das ist sehr schlimm, was du mir da gerade erzählt hast. Und es tut mir sehr leid für dich und um deine Großmutter. Aber da, wo sie jetzt ist, geht es ihr sicher viel besser und sie hat es gut und das ist doch auch wichtig, oder?" Michael nickte stumm und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

"Na siehst du. Weist du, ich hole dir jetzt noch ein paar Kekse und dann reden wir weiter, hm?" Sie stand auf und ging schnell in Richtung Haus. Als sie bald darauf wiederkam, war Michael gerade dabei, mit einer Schaufel ein Beet umzugraben. Er spürte, wie ein Schatten auf ihn fiel und drehte sich blitzschnell um. Vor ihm stand Fräulein Wilkins.

"Oh, Sie sind's nur. Gute Güte, haben Sie mich aber erschreckt!" Er lachte, als er ihren Tonfall nachahmte, als er ihr mittags begegnet war. Fräulein Wilkins verzog keine Miene.

"Hey, Kekse und Kakao! Und... was ist das?" Verblüfft sah er auf eine Dose in ihrer Hand.

"Dünger", antwortete Fräulein Wilkins. "Für die Pflanzen. Spezialdünger, um genau zu sein. Aber den brauchen wir erst später. Jetzt sollten wir reden." Michael schüttelte schnell den Kopf.

"Nee, lassen Sie 'mal. Ist schon in Ordnung. Ich bin okay. Die Sache mit Großmutter war hart, aber-"

"Ich meine nicht über deine Großmutter. Über deine Eltern."

"Meine... aber da gibt es nicht viel zu sagen. Wirklich, ich möchte nicht, dass Sie sich darüber so viele Gedanken machen-"

"Wieso Gedanken? -Über das Alkoholproblem deiner Mutter? Über den Unfall deines Vaters?" Sie schüttelte den Kopf. "Warum sollte ich mir Gedanken machen über Dinge, die nie passiert sind?"

"Was?" Michael riss die Augen auf und starrte die Lehrerin an. Fräulein Wilkins nickte.

"Ja, Michael. Dinge, die nie passiert sind. Ich meine, nicht so wie du sie schilderst. Da du unbedingt mit deiner Großmutter anfangen wolltest, reden wir also zunächst über sie. Sie lebt in keinem Heim, habe ich recht? Und deine Mutter-" fuhr sie gegen den Protest des Jungen fort-"deine Mutter hat bestimmt auch kein Alkoholproblem. Das heisst, vielleicht doch, aber du dürftest davon keine Ahnung haben. Auch wenn du ein bisschen altklug für dein Alter bist, weisst du doch nicht mal,wo deine Eltern im Moment leben, hm?! Sie sind nämlich keine sozialschwachen kranken Alkoholiker, die dir keinen eigenen Hausschlüssel geschweige denn einen Urlaub gönnen, sondern leben in einer ganz anderen Stadt, nachdem ihnen das Sorgerecht für dich entzogen wurde. Unberechtigterweise, wohlgemerkt. Denn sie haben dich mitnichten vernachlässigt, sondern nur nicht genug Geld gehabt, um dir ein luxuriöses Zuhause bieten zu können, wie du es dir gewünscht hast!"

"Aber...aber...-" Michael brachte vor Entsetzen kein Wort heraus.

"Ja, Michael. Und nun zu deiner Großmutter. Sie hat das Sorgerecht für dich bekommen, nachdem du den Behörden einen Haufen heilloser Lügen und deinen Eltern wahrscheinlich das Leben zur Hölle gemacht hattest. Deiner Großmutter hatte nämlich, was du haben wolltest: Ein großes Haus, viel Geld und Unmengen Geduld mit dir!" Sie beugte sich vor und kam Michael bedrohlich nah, der keinen Mucks mehr von sich gab. "Wahrscheinlich fragst du dich, woher ich alte Schachtel das alles weiss. Nun, ich will es dir sagen. Vor sechs Monaten bekam ich einen Anruf einer ehemaligen Klassenkameradin von mir. Ich dachte, sie wollte einfach ein wenig mit mir über alte Zeiten plaudern, als sie mich zu sich nach Hause einlud, aber dann erfuhr ich, dass sie sich Sorgen um ihren Enkel machte. Ihren einzigen Enkel, der eine so furchtbare Kindheit hatte. Der zwar gute Noten nach Hause brachte, aber nie irgendwelche Freunde. Der im Augenblick in einem Ferienlager war, in einem sehr teuren sogar. Und für den sie doch alles tun würde, nachdem ihre eigene Tochter ihn so schrecklich behandelt hatte, dass sie sofort jeglichen Kontakt zu ihr und ihrem Mann abgebrochen hatte. Und ich brauche wohl kaum erwähnen, dass jene Klassenkameradin Agnes war, deine Großmutter."

Fräulein Wilkins machte eine Pause um Luft zu holen. Michael hatte sich inzwischen wieder gefasst. Ruhig stand er da, sein Engelsgesicht zu einer höhnischen Fratze verzogen, die Arme vor dem Körper verschränkt.

"Soso. Die nette ruhige Fräulein Wilkins ist also fleissig gewesen und hat geschnüffelt."

"Nenn es, wie du willst. Ich habe seitdem oft Überstunden in den Biologieräumen gemacht und Sachen zusammengeräumt, nur um zu hören, wie du dich auf dem Gang draussen mit meinen ahnungslosen Kolleginnen unterhalten hast. Wie du deine eigene Großmutter verleugnet und diese schrecklichen Eltern erfunden hast um dich wichtigzumachen und ihr Mitleid zu erheischen. Das war das Schlimmste für mich: Zu hören, wie gleichgültig dir deine Großmutter ist, nachdem sie alles für dich getan hat. Als Agnes nämlich erfuhr, dass ich durch einen Zufall deine Lehrerin bin, wollte sie unbedingt dass ich für sie herausfand, ob du von deinen Mitschülern gehänselt wirst und deshalb so einsam bist. Seitdem habe ich es oft miterlebt, dass du Mitschüler bei meinen Kolleginnen angeschwärzt hast, nur, um dich beliebt zu machen. Aber du bist geschickt vorgegangen: Nie sah es nach Petzen aus, immer schien es dir furchtbar unangenehm zu sein, wenn du einen Schulkamerad bei etwas Unrechtem ertappt hattest. Bis heute habe ich es nicht über mich gebracht, deiner Großmutter die Wahrheit über dich zu sagen. Und deinen Eltern auch nicht."

Wieder zuckte Michael zusammen.

"Ja, Michael. Deine Eltern. Als ich dein wahres Wesen erkannte, habe ich unter einem Vorwand deine Großmutter gebeten, mir ihre Anschrift mitzuteilen, die sie trotz allem noch aufbewahrt hat. Ich telefonierte mit ihnen und sie beteuerten mit ihre Unschuld. Sie schworen mir, sie hätten dich niemals vernachlässigt und ich schenkte ihnen sofort Glauben. Aber gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass sie ohne dich besser 'dran sind. Wie der Rest der Welt übrigens auch." Sie seufzte leicht. "Ja, für meine Kolleginnen wird es nicht leicht werden, ohne dich auszukommen. Der Schulalltag wird ihnen mit einem Mal sehr viel grauer erscheinen. Und Frau Schmand, nun, sie wird sicher auch betrübt darüber sein, dass sie dich nun niemals persönlich wird unterrichten können, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Aber auch das wird irgendwann vorübergehen."

"W-was... haben Sie vor..?"

Sie achtete nicht auf ihn.

"Und Agnes?-Nun, sie wird sich anfangs Vorwürfe machen, genau wie deine Eltern. Aber sie wird glauben, du seist so einsam ohne Freunde gewesen, dass du fortgelaufen bist. Ich werde sie trösten. Und wenn sie allzu großen Kummer haben sollte - nun, dann weihe ich sie eben ein. Ich werde ihr natürlich nicht alles erzählen, nicht wahr, aber deinen wahren Charakter, ja, den werde ich ihr schildern. Und vielleicht nimmt sie das dann zum Anlass und versöhnt sich wieder mit deinen Eltern. Alle werden glauben, dass du aus Verzweiflung über deine Schandtaten weggelaufen bist und vielleicht nie mehr wiederkommst. Kleine Jungen verschwinden so leicht heutzutage..."

Sie seufzte erneut, diesmal schwerer. Michael schluckte und wich zurück.

"W-was haben Sie vor? Sie können mir gar nichts tun, ich bin nämlich viel stärker als Sie!" Langsam bekam er wieder Oberwasser.

"Ich brauche gar keine Angst vor Ihnen zu haben, Sie reden Unsinn! Was wollen Sie denn schon groß mit mir machen, he? Ich bin stärker als Sie!"

Fräulein Wilkins nickte leicht betrübt.

"Ja, das ist schon richtig. Ich werde in der Tat Hilfe brauchen. Und Leila wird mir dabei gewiss gerne behilflich sein."

"Leila?" Für einen Augenblick war Michael ratlos.

"Ja, Leila. Du hast sie eben bestimmt schon gesehen. Sie ist mein Prachtexemplar und stammt aus meiner eigenen Züchtung!"

Fräulein Wilkins' Stimme verriet Stolz, als sie mit einer Hand auf eine erstaunlich großgewachsene Pflanze direkt hinter Michael wies.

"Eine Venusfliegenfalle!" schrie Michael auf und bemerkte erst jetzt, dass sich schon seit geraumer Zeit eines der langen Blätter fest um sein Bein gewickelt hatte.

"Ja, so etwas in der Art. Ich sehe, du hast wirklich gut aufgepasst, mein Junge. Aber das da hast du übersehen."

Sie deutete freundlich auf den großen Schlüssel, der aus seiner Hosentasche hervorblitzte. Fräulein Wilkins seufzte ein drittes Mal.

"Du hast es ja darauf angelegt, mit mir zu kommen. Damit du mich auch noch auf deine Seite bekommst. Du hättest ja nach Hause gehen können..."

Sie zuckte leicht mit den Achseln, öffnete die Dose und warf eine Handvoll braunem Puder auf die seltsame Pflanze, die sofort darauf reagierte und auch mit den restlichen Blättern nach Michael griff, dem erst jetzt sein Schicksal dämmerte. Er versuchte zu schreien, aber ein riesiges Blatt legte sich ihm quer über den Mund und erstickte jeden Laut im Ansatz, während der Junge rückwärts in eine Art Schlund stolperte, der sich soeben geöffnet hatte.

Fräulein Wilkins betrachtete mit leicht besorgter Miene, wie Leila ihr Mittagessen zu sich nahm.

"Hoffentlich bekommt es ihr. Sie ist nämlich so eine liebe Pflanze..."

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