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Erwachen

© 2005 Anke Pekarsky

Im Regen wirkte er klein und unscheinbar. Seine in Gummistiefel gepackten dünnen Beine ließen ihn zerbrechlich und verletzlich erscheinen. Sein Gesicht und sein blondes Haar waren durchnässt. Regen tropfte von seinen blassen Wangen, seiner Kleidung. Er starrte sie nur an, reglos, bittend, als wollte er sagen: "Mami, nimm mich in den Arm. Wärme mich! Halt mich fest!"

Aber das war natürlich unmöglich. Annie streckte einen Arm nach ihm aus, aber als sie seine Schulter berühren wollte, war seine kleine zerbrechliche Gestalt verschwunden.

Annies Herz klopfte bis in ihren Hals. Sie zwinkerte mit den Augen und lauschte in die regenüberflutete, finstere Nacht.

Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Enttäuscht ließ sie ihren Arm sinken. Robert war nicht hier. Er würde es niemals wieder sein.

"Annie?"

Das war ihr Mann Ben, aber er konnte ihr schon seit längerem keinen Trost mehr spenden.

"Annie." Seine Stimme kam näher, bis die dazugehörige Person direkt hinter der jungen Frau stand.

Ben legte seinen Arm schützend um ihre Schultern, presste sie fest an sich.

"Was ist? Was hast du gesehen, Schatz?"

"Nichts, es war nichts."

Sie wand sich aus seinem Griff und drehte sich zu ihm um, blickte wie ein Kind zu ihm auf, weil er so groß war und sie um fast zwei Köpfe überragte.

"Es regnet. Du wirst dir noch eine Erkältung holen."

Sie nickte.

"Mag sein, aber was ändert das?"

Er erwiderte nichts auf ihre Mutlosigkeit. Sein Blick deutete an, dass er zu diesem Thema keinen Rat mehr wusste.

"Das hab ich mir schon gedacht", flüsterte sie und ließ ihn auf der Veranda stehen, um ins Haus zu gehen.

Es war nicht, dass er sie nicht verstehen würde. Das tat er, aber er konnte nicht nachempfinden, was wirklich in ihr vorging. Er hatte Robert nicht sterben sehen, er hatte seinen kleinen Körper nicht gesehen, wie er zerschmettert dagelegen hatte. Er hatte seinen Sohn nicht sterben sehen.

Das war der Punkt, nicht, dass er ihn nicht geliebt hätte. Das hatte er mit all seinem Herzen und seinem Verstand, mit allen Gefühlen, die ein Mensch nur für einen anderen Menschen haben konnte, aber er hatte ihren kleinen Sohn nicht so gesehen, wie sie es getan hatte, leblos, ohne Hoffnung auf Heilung, ohne Hoffnung auf Rettung, ohne Hoffnung auf Leben.

"Annie." Sie drehte sich um, wollte ihn wegschicken, aber sie konnte es nicht. Eigentlich traf Ben keinerlei Schuld. Er konnte nichts dafür, dass sie es gewesen war, die ihren kleinen Sohn im Regen hatte stehen sehen, nachdem das Auto ihn einfach überfahren hatte, weil der Fahrer in all dem strömenden Regen, der wie Bindfäden vom Himmel gefallen war, nichts hatte sehen können. Ben konnte nichts dafür, dass er nicht zu Hause gewesen war, weil er hatte arbeiten müssen. Er konnte nichts dafür, dass sie Wahnvorstellungen hatte.

Das Auto war so schnell gekommen. Robert war durch den Regen zu ihrem Haus gestapft, hatte sie gesehen, die ihn erwartet hatte. Es war bereits dunkel gewesen und sie hatte sich Sorgen gemacht, weil er vom Spielen noch nicht nach Hause gekommen war. Dann war sie aus dem Haus gegangen, im Regencape, und gerade da war er auf sie zugekommen. Er hatte ihr gewunken, ohne ein Lächeln, als ob ihn irgend etwas belasten würde. Und er hatte nicht auf die Straße geachtet, die er überqueren musste, bevor er zu ihrem Haus und der Einfahrt gelangen konnte. Er war einfach losgegangen ohne nach links und rechts zu blicken.

Der Schlag hatte ihn so hart getroffen, dass sie nicht einmal hatte schreien können. Sie war zusammengezuckt, erstarrt, ihr Gesicht

eine einzige schmerzverzerrte Maske, ihr Gehirn immer noch daran, zu begreifen, zu verstehen, was sich in dieser einen Sekunde verändert hatte, in dieser einen Sekunde, die ein ganzes Leben ausgelöscht hatte.

Und dann war der Autofahrer einfach weitergefahren, nachdem er kurz angehalten hatte. Er war nicht ausgestiegen, hatte sich nicht weiter gekümmert. Er war weitergefahren, hatte sie mit ihrem sterbenden kleinen Jungen allein gelassen, allein im Regen, der unaufhörlich weiter auf sie herabtropfte und ihren kleinen Jungen durchnässte.

Sie hatte dem Wagen nachgeschaut, den in der Dunkelheit und im Strom des Wassers verschwindenden Rückblenden und als sie wieder auf die Straße geblickt hatte, wo ihr Junge hätte liegen sollen, war sie voller Panik und Entsetzen zusammengeschreckt.

Da stand er, die Knochen zerschmettert, Blut und Regen rannen gleichermaßen von seinem Gesicht, seinem ehemals blonden Haar und seiner Kleidung, und er hatte sie angesehen, bittend, flehend. "Nimm mich in die Arme, halt mich fest, lass nicht los."

Aber sie hatte sich das nur eingebildet.

Sie hatte seine Stimme gehört wie er sie leise, gebrochen "Mami" nannte.

Ihre Blicke hatten sich gekreuzt, seine Augen waren gebrochen wie alles andere auch und sie konnte diesen Schmerz nicht mehr ertragen.

Alles hatte aufgehört zu existieren. Sie hörte den Regen nicht mehr rauschen, sie hörte ihr Herz nicht mehr klopfen, sie hörte gar nichts mehr.

Für einen Moment hatte sie die Augen geschlossen und als sie sie wieder geöffnet hatte, lag ihr Junge wieder auf der Straße, die Beine in einer unnatürlichen, gebogenen Stellung, als hätte er Gummiknochen. Und sie rannte auf ihn zu, kniete vor ihm nieder, strich zärtlich über sein lebloses, weißes Gesicht, das durchzogen wurde von kleinen Rinnsalen purpurnen Blutes, das der Regen fortspülte.

"Robert? Robert!"

Ihre Stimme klang hysterisch, als sie immer und immer wieder nach ihrem Kind rief.

In der nächsten Sekunde war sie ins Haus gerannt zum Telefon und hatte den Rettungsdienst gerufen. Diese Reaktion war mehr ein Reflex, etwas, das man eingetrichtert bekommen hatte. Eigentlich besaß sie die Kraft nicht mehr dazu. Dennoch hatte sie Ben angerufen, aber er war nicht mehr im Büro. Er war wohl schon nach Hause unterwegs.

Annie hatte die Wolldecke von der Wohnzimmercouch genommen und war wieder nach draußen gerannt, immer noch den Gedanken im Kopf, dass sie ihren kleinen Jungen doch noch würde retten können.

Aber sie konnte es nicht.

Der Rettungsarzt, der ein paar Minuten später vorfuhr und eine apathische Mutter vor ihrem leblosen Kind vorfand, konnte nur noch Roberts Tod feststellen. Er hatte sich sämtliche Knochen gebrochen, sein glasiger Blick war in den grauen Himmel gerichtet, aus dem wie Stahlseiten der Regen herunterhing und seine eigene traurige Melodie in ihre Köpfe bohrte.

Annie stand im Badezimmer und trocknete ihr kurzes lockiges Haar.

"Ich würde dir gern helfen, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie."

Ben stand hinter ihr. Sie konnte ihn im Spiegel sehen. Aber es berührte sie überhaupt nicht.

"Bitte, Annie. Ich liebe dich doch. Ist deine Liebe denn mit ihm gestorben? Ist sie das?"

Auf einmal drehte sie sich zu ihm um. In ihren Augen stand blanker Hass.

"Er ist tot und das einzige, wofür du dich interessierst ist deine Liebe und meine Liebe. Das bringt ihn nicht zurück. Nichts bringt ihn zurück. Auch nicht dein Psychogequatsche. Ich habe das alles so satt. Du hast mir nie geglaubt, was ich gesehen habe an jenem Abend. Es war so....so seltsam. Als wollte er mir etwas sagen, bevor er starb und nachdem er tot war. Er stand direkt vor mir, nachdem

das Auto ihn überfahren hatte, als wäre das nicht wirklich passiert. Er hatte so einen seltsamen Gesichtsausdruck, so entrückt, so verzweifelt und trostsuchend. Er wollte mir etwas sagen. Es hatte einen Grund, warum er so spät nach Hause kam. Warum glaubt mir das eigentlich keiner? Dass er jetzt tot ist, ist.... ist eben passiert. Es ist ihm dazwischengekommen. Aber vielleicht versucht er immer noch, mir etwas mitzuteilen."

"Glaubst du immer noch, dass das wahr ist, was du denkst gesehen zu haben?"

"Ich glaube es nicht nur. Ich weiß es. Und es ist eben wieder geschehen."

Sie machte eine kurze Pause, in der er vergaß zu atmen.

"Es bedrückt ihn etwas, was er mir sagen will. Etwas, was an jenem Abend geschehen ist."

"Du willst mir sagen, du hast Robert gesehen? Eben, da draußen im Regen, wie du ihn schon einmal gesehen hast?"

Sie starrten sich gegenseitig an.

Sie schnaufte dabei so heftig, als hätte sie soeben einen Dauerlauf hinter sich gebracht.

"Es ist wahr, aber du glaubst mir immer noch nicht. Warum sollte ich so etwas erfinden?"

"Ich sage doch gar nicht, dass du das erfunden hast, aber ich glaube, dass du dringend Hilfe brauchst. Annie, Roberts Tod ist bereits ein halbes Jahr her und du solltest versuchen, den Alltag irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Versuch, mit mir da durch zu kommen."

Er packte sie an beiden Oberarmen und sah sie flehentlich an.

"Ich möchte nicht auch noch dich verlieren."

Sie schnaufte immer noch heftig, aber das lag mehr an seinem Unglauben, seiner Reaktion als an etwas anderem.

"Ich lüge dich nicht an. Und ich weiß, dass es wahr ist. Aber du machst dir etwas vor. Du warst nicht da, es sind keine Erschöpfungszustände, es ist wahr. Er ist noch da und er will uns etwas Wichtiges sagen. Aber du, du tust so, als wäre nie etwas

geschehen. Den Alltag, so wie es ihn gab, gibt es nicht mehr. Begreif das doch endlich.

Wenn ich zu Hause bin, ist es still um mich herum. Früh esse ich allein mein Frühstück. Mittags steigt niemand aus dem Schulbus, der mir wichtig wäre. Nachmittags ist niemand mehr da, dem ich bei den Hausaufgaben helfen muss und abends kann ich meinem Kind nicht mehr aus seinem Lieblingsbuch vorlesen. Ich verstehe nicht, dass du das alles so einfach abtust. Das war mein Alltag, nicht das, was heute ist. Robert war mein Alltag. Er war mein Leben. Wieso verschließt du dich davor? Ich kann einfach nicht weitermachen, als wäre er nie da gewesen, als hätte er niemals mein Herz berührt, als hätte er niemals wirklich existiert."

Tränen waren in ihre Augen getreten. Sie hatte sechs Monate lang versucht mit diesem Umstand fertig zu werden. Aber weder Ben noch ihre besten Freundinnen hatten wirklich verstehen können, was das für ein Gefühl war. Sie hatten es ja versucht und sie machte ihnen auch keinen Vorwurf deswegen, aber es reichte eben nicht aus, sich nur vorzustellen, wie es war, sein einziges Kind, das erst sieben Jahre alt gewesen war und sein ganzes Leben noch vor sich gehabt hatte, zu verlieren, für immer, unausweichlich, unabänderlich.

"Lass mich bitte los, Ben. Ich möchte allein sein."

Sie ließ den Kopf sinken und spürte auf einmal den Druck seiner Hände nicht mehr. Als sie erneut aufblickte, war Ben gegangen.

Lisa nippte vorsichtig von ihrem Tee, der noch immer sehr heiß war. Dann stellte sie die Tasse auf dem Wohnzimmertisch vor ihr ab.

"Jetzt sag mir endlich, was dich bedrückt."

Annie blickte zu ihr auf und ließ sich dann in die weichen Polstermöbel zurücksinken.

"Es ist nur....mir geht diese eine Nacht nicht aus dem Kopf, weißt du? Als Robert....als er uns....."

Sie hatte jetzt Tränen in den Augen als sie ihre Freundin flehentlich ansah. Wie konnte sie ihr nur davon erzählen, wenn sie noch nicht einmal das Unfassbare auszusprechen wagte.

"Was ist mit dieser Nacht?"

Lisa beugte sich zu ihr vor und legte tröstend ihre Hand auf Annies Arm.

"Da war noch etwas anderes. Etwas, das nichts mit seinem Tod zu tun hatte."

Und Annie erzählte ihrer Freundin von ihrer unsagbaren Vermutung, dass sie nämlich glaubte, dass Robert in jener Nacht etwas entdeckt hatte, das er ihr unbedingt hatte sagen wollen.

"Es war der Ausdruck in seinen Augen. Das Entsetzen, die Erleichterung als er mich stehen sah, als er wusste, dass er das Furchtbare, was immer es auch war, nicht länger würde für sich behalten müssen. Er wusste etwas. Vielleicht musste er deshalb sterben."

Den letzten Satz hatte sie so leise in sich hineingenuschelt, dass Lisa es beinahe nicht verstehen konnte.

"Du meinst, es war kein normaler Unfall?"

Der Griff um Annies Arm wurde fester, fast schmerzhaft.

"Der Gedanke kam mir erst als ich begann davon zu erzählen. Wirklich, ich habe .... habe bisher nicht daran gedacht. Aber ja, es könnte so gewesen sein. Robert hat etwas gesehen, was er nicht sehen sollte. Er hat vielleicht sogar ein Verbrechen entdeckt. Ich weiß es, denn er hat versucht, mir etwas mitzuteilen."

Lisa ließ ihren Arm los, auf dem sich ihr Handabdruck leicht abgezeichnet hatte.

"Es tut mir Leid, dass ich dich da mit reinziehe. Aber Ben glaubt mir nicht und ich musste es einfach jemandem erzählen. Ben glaubt nämlich, dass ich verrückt bin."

"Das kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht macht er sich Sorgen, so wie ich, weil er dich liebt und er nicht mit ansehen kann, wie du dich da in etwas verrennst."

In dem Moment, in dem Annie diese Worte vernahm, die verletzenden Worte in ihr Gehirn sickerten wie ein schleichendes Gift, wusste sie, dass es falsch gewesen war, auch nur irgend jemandem von ihrem Geheimnis zu berichten. Robert wollte ihr etwas sagen, weil sie die Einzige war, die daran glauben konnte, dass da etwas nicht stimmte. Sie war schließlich seine Mutter

gewesen. Sie kannte ihren Jungen so in und auswendig, dass sie beinahe schon seine Gedanken hatte lesen können.

"Ich weiß, ich hätte nichts sagen sollen", murmelte sie enttäuscht und ließ entmutigt den Kopf sinken. So fühlte man sich also, wenn man entdeckte, dass man wirklich allein war. Die ganzen leeren Versprechungen ihrer Freundin, dass sie jederzeit, mit welchem Problem auch immer, zu ihr kommen könnte und sie gemeinsam einen Ausweg suchen würden, waren also alles nur Lügen, Lügen, die niemals so gemeint waren wie sie es gesagt hatte.

"Ich glaube, ich muss jetzt gehen", sprach sie mit kühler, gefasster Stimme.

Ihr Blick traf kurz den ihrer Freundin, die ihr etwas hilflos entgegensah.

"Ich muss noch für Ben kochen. Er kann es nicht leiden, wenn das Essen nicht auf dem Tisch steht, wenn er nach Hause kommt. Und Robert ist ja nicht mehr da, der mich vom Kochen abhalten könnte."

Es lag eine Menge Sarkasmus in dem, was sie sagte, so dass Lisa ziemlich erschrocken aussah, als sie es Annie gleich tat und von der Couch aufstand um sie nach draußen zu begleiten.

"Es wird alles wieder.... gut werden."

Lisa machte eine kurze Pause zwischen dem "wieder" und dem "gut werden". Anscheinend glaubte sie selbst nicht mehr an ihre eigenen Worte.

"Ja, das wird es wohl."

Als Lisa sich vorbeugte um ihre Freundin zum Abschied zu umarmen, ging Annie einen Schritt zurück und entzog sich so der gespielten Freundschaftlichkeit ihrer Freundin. Sie wollte nicht mehr Berührungen als nötig waren. Sollte Lisa doch merken, was sie ihr mit ihrem Unverständnis angetan hatte.

"Mach's gut, Lisa."

Annie wollte nicht, dass Lisa sie zur Haustür begleitete, aber verhindern konnte sie das wohl nicht.

Schnurstracks ging sie durch das Wohnzimmer zur Flurtür bis sie endlich die Eingangstür erreicht hatte.

"Ich ruf dich an", hörte sie Lisa hinter sich rufen, aber da hatte sie schon die Tür ins Schloss fallen lassen.

Der Himmel war wolkenbehangen und grau als Annie sich auf den Weg machte.

Immer noch hielt sie an dem Gedanken fest, etwas äußerst Wichtiges aufzudecken, ein Geheimnis, das niemand jemals entschlüsseln sollte.

Robert war aus einem bestimmten Grund gestorben, an den außer ihr sichtlich niemand glauben wollte.

Sie erklomm den grasbedeckten Hügel auf der anderen Seite der Straße und blieb einen Moment mit angestrengtem Gesichtsausdruck stehen. Ihre Haut schimmerte durchsichtig weiß, auf ihren Wangen lagen bleigraue Schatten, die sich wie Schmutzflecken in ihre Züge gegraben hatten, ein Prozess, der sechs Monate gedauert hatte. Unter ihren Augen lagen Gräben, beinahe Schluchten krankhafter Schattierungen, die vor Roberts Tod noch nicht da gewesen waren.

Ihre Lippen waren rissig und spröde. Unentwegt fuhr sie mit ihrer rauen Zunge darüber, nervös und aufgeregt, die Hände klamm, was nicht nur am kalten, ungemütlichen Wetter allein lag.

Dann ging sie los, den Hang auf der anderen Seite wieder hinunter, wendete sie sich sogleich nach links, folgte sie dem ausgetretenen Pfad vorbei an hoch aufragenden Grashalmen und duftenden Blumen, die mit feuchten Blüten und Blättern sacht im leisen Wind hin und her schwankten.

Ab und zu hörte sie, wie ein Auto auf der nahe liegenden Straße vorüber fuhr, während das Summen von Bienen und das Zwitschern von Vögeln ihren einsamen Weg begleiteten.

Sie fror ein wenig, ballte immer wieder die Hände zu Fäusten, versuchte stetig die Tränen zurückzuhalten, während sie an ihren kleinen Jungen dachte, der vor genau sechs Monaten eben diesen Weg entlanggelaufen war, um in der Natur zu spielen, um seine eigenen kleinen Forschungen über die Welt, die ihn umgab, anzustellen. Sie konnte sich erinnern, dass er seinen Kescher dabei

gehabt hatte, um Kaulquappen oder anderes Getier zu fangen und diese entweder vor Ort oder daheim mit dem neugierigen Interesse eines kleinen Jungen, dem sich eine vollkommen neue Welt das erste Mal auftut, zu betrachten und zu untersuchen.

Annie musste bei diesem Gedanken lächeln, musste feststellen, dass es diese wundervollen Momente waren, die Begeisterung und ebenso glückliches Erstaunen in ihr hervorgerufen hatten, die sie im Nachhinein glücklich machten. Vielleicht war Ben ja im Recht, vielleicht musste sie nur einfach los lassen, ihren kleinen Jungen gehen lassen, ihm Frieden geben, aber dennoch glaubte sie daran, dass sie das erst würde tun können, wenn sie das Geheimnis, das er mit in sein Grab genommen hatte, gelüftet hatte. Sie war eine Mutter und glaubte eben fest daran, dass zwischen Müttern und ihren Kindern ein Band existierte, das ebenso unsichtbar wie unerklärlich war und etwas symbolisierte, was sie ganz schlicht und einfach als Seelenverwandtschaft betiteln würde. Dinge zu fühlen, ohne Worte zu gebrauchen, Gedanken lesen zu können, im wahrsten Sinne des Wortes, das machte dieses unsichtbare Band möglich. Wie konnte das jemand nach vollziehen, der nie ein solches Kind in sich getragen, gespürt hatte, wie es wuchs und trat und lebte und atmete und aus einem herausschlüpfte wie ein kleines Wunder, wie etwas Gutes, das diese Welt hervorbringen konnte, wie etwas, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können und auch nicht wollen, aus Angst davor, zu versagen, es nicht ertragen zu können, was wäre, wenn dieser Traum nicht in Erfüllung ginge. Ben konnte das nicht nachempfinden genauso wenig wie Lisa das konnte. Sie hatten das Leben nicht in sich aufkeimen gefühlt, nicht mitbekommen wie es in dieser Welt heranwuchs, die eigenen Züge und auch eigenständige Züge annahm, die Liebe einen am Leben hielt, wie etwas Wasser und Brot, wie etwas, das noch vor einigen Jahren so unerreichbar fern schien, so undenkbar und in ihren Vorstellungen nicht zu ihrem Leben gehörend.

Sie gelangte zu dem Bach, der unter der Straße hindurchfloss, aus einem mannshohen Rohr im Hügel, und sich seinen Weg durch die riesige, horizontübergreifende Wiese bahnte, sich dahinschlängelte, sich wand und flüsterte, als hätte er tausend Stimmen. Noch dazu summte und quakte es in seiner Umgebung, dass es ein herrliches Fest für einen kleinen Jungen gewesen sein musste, in diese Welt einzutauchen, diese Welt des Mikrokosmos zu entdecken und verstehen zu lernen.

Und hier musste es etwas geben, das Robert gesehen hatte, etwas, das so schrecklich und für einen Jungen seines Alters einschüchternd war, dass er es ihr mit dieser Furcht in seinen Augen erzählen wollte. Sie hatte die Angst über die Straße hinweg regelrecht spüren können. Es war fast greifbar gewesen.

Beobachtend blieb Annie stehen, ließ ihre Blicke schweifen, im Ohr das beruhigende Plätschern des Baches, das Summen der Bienen und Flügelschlagen der Insekten um sie herum.

Sie fühlte, dass sie etwas ganz nahe war.

Eine Berührung an ihrer kalten Hand ließ sie zusammenfahren. Es war, als hätte jemand für einen kurzen Augenblick ihre Hand gehalten, sie mit klammen Fingern genommen, um sie von hier wegzuziehen und ihr den Weg zu zeigen.

Ihr Arm hatte sich ein Stück bewegt, war bewegt worden, von ihrem Körper fortgezogen, in Richtung Schneise, die durch die Wiese führte.

Ein Frösteln durchlief ihren Körper, ließ ihre Nackenhaare sich aufstellen. Aber sie hatte keine Angst vor der Berührung sondern vielmehr vor dem, was sie entdecken würde.

Sie hastete mit suchenden Augen an dem Bach entlang hinein inmitten der hohen Grashalme und Wiesenblumen und fühlte sich als würde sie eine versteckte Welt betreten, als würde sie etwas Verbotenes tun, etwas auf den Grund gehen, von dem jemand nicht wollte, dass es jemals ans Tageslicht kam.

"Du hast kein Recht, das zu wissen", flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. "Du hast kein Recht, Dinge zu wissen, die im Verborgenen bleiben sollen. Warum lebst du nicht dein Leben weiter, wie es sein soll? Warum stellst du dich nicht deinen eigenen

Problemen und lässt die von anderen Leuten einfach hinter dir zurück?"

"Weil es Robert umgebracht hat", antwortete sie sich selbst im Stillen.

Begab sie sich etwa in Gefahr, weil sie Roberts Tod auf den Grund gehen wollte? Das mochte sein, aber wen scherte es? Es musste sich doch jemand darum kümmern, jemand musste herausfinden, was an jenem Abend geschehen war.

Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute zurück. Nur noch ganz undeutlich konnte sie den Weg am Rande des Hügels erkennen, wo sie in die Wiese abgebogen war. Sie hatte sich selbst versteckt, unsichtbar gemacht. Hier konnte sie sicher niemand sehen oder hören. Es war zu abgeschieden, zu weit weg von der Straße, von Menschen, die um diese Uhrzeit sowieso alle in der Arbeit waren oder sich in ihren Häusern dem Hausputz widmeten.

Sie wandte den Kopf wieder nach vorne, verengte die Augen zu Schlitzen, strengte sich an, das zu erkennen, was sie dort vorne im Wasser treiben sah. Es war länglich, metallisch, stahlgrau. Schnurstracks ging sie darauf zu, bückte sich um es aufzuheben, hielt es schließlich in ihren klammen Händen, das Netz, das am Ende des Stiels befestigt war, enthielt außer Gras und kleinen Schnecken noch etwas anderes. Es war ein Schlüsselanhänger, eine kleine Comicfigur aus Plastik, in verblassten, ausgewaschenen Grün- und Blautönen. Vielleicht stellte die Figur einen Hund dar, vielleicht auch ein Pferd, so genau konnte sie das nicht erkennen. Aber hatte das etwas zu sagen? Brachte sie das irgendwie weiter?

Ehrlich gesagt war sie ein wenig enttäuscht, hatte sie sich doch wesentlich mehr erhofft. Diesen Schlüsselanhänger hätte auch jemand verlieren können. Womöglich ein anderes spielendes Kind. Dies war kein Beweis für das, was Annie insgeheim vermutet hatte.

Es war kein Grund für sie weiter zu suchen.

"Aber was ist mit Roberts Kescher?", sprach ihre innere Stimme zu ihr. Warum sollte er seinen geliebten Kescher hier zurücklassen? Wieso sollte er ihn hier vergessen, wenn er es nicht eilig gehabt hätte und zwar so eilig, dass sein Leben davon abhing?

Robert hätte seinen Kescher niemals hier zurückgelassen, nicht ohne einen plausiblen Grund.

Sie hielt den Gegenstand wie ein uraltes kostbares Relikt aus vergangener Zeit und wenn man es genau betrachtete, war es das ja auch.

Warum hatte sie eigentlich niemals nach diesem Kescher gesucht, warum ihn nicht vermisst?

Weil ich etwas weitaus Wichtigeres vermisst habe, gestand sie sich verstört ein. Robert, ich habe Robert vermisst. Ist das nicht Grund genug?

Aber in letzter Zeit hatte sie genug Zeit gehabt, über die ganze Sache nachzudenken, ihrer Theorie etwas Greifbares in die Hand zu geben. Und hier hatte sie das, was sie aufhören ließ zu zweifeln, hier hatte sie den eindeutigen Beweis.

Aber würde es reichen, um Ben und Lisa umzustimmen? Nein, womöglich keinesfalls. Sie würden das Vergessen des Keschers dem sprunghaften Geist eines kleinen Jungen zuschieben, sie würden behaupten, er habe ihn einfach nur vergessen, nichts weiter. Es gäbe kein Geheimnis, nichts, was Robert verstört hätte, was ihn aufgeschreckt hatte, als er hier am Bach beim Spielen war.

Aber sie hatten Unrecht.

Eine Bewegung in ihrem Augenwinkel ließ sie sich umdrehen. Sie lauschte in das sanfte Rauschen des Grases, starrte in diesen Dschungel, versuchte, etwas auszumachen. Aber da war nichts.

Dann spürte sie den ersten Regentropfen und entschloss sich, für heute Schluss zu machen und nach Hause zu gehen. Sie würde Nachforschungen über diesen Schlüsselanhänger anstellen, Nachforschungen über jene Nacht und über andere Dinge, die zu jener Zeit vielleicht geschehen waren und ihr nur nicht aufgefallen waren, weil sie zu jener Zeit so verstört und entrückt dieser Welt durch Roberts Tod gewesen war. Aber sie würde etwas finden. Zweifel hatte sie eigentlich keine mehr.

Sie warf einen letzten misstrauischen Blick in den Wald von Blumen und Gras bevor sie den Weg zurück in ihr leeres, einsames Haus einschlug.

Sie legte den Kescher auf Roberts Schreibtisch in seinem Kinderzimmer. Ben hätte diesen Schreibtisch und alles, was in Roberts Zimmer stand, am Liebsten schon vor langer Zeit aus diesem Haus verbannt. Wahrscheinlich um nicht mehr an seinen Sohn, an sein einziges Kind denken zu müssen, um ihn zu vergessen. Aber sie war noch nicht so weit. Sie brauchte mehr Zeit.

Noch war dieser Zeitpunkt nicht gekommen.

Erschöpft ließ sie sich auf Roberts Bett nieder. Das Bett war gemacht, die Decke säuberlich zurückgeschlagen, als lebte Robert noch in diesem Haus, in diesem Zimmer und würde bald nach Hause kommen und abends schließlich in dieses Bett steigen um seine Gutenachtgeschichte zu empfangen und endlich müde und ausgelaugt vom Tag in den weichen Federkissen einzuschlafen.

Annie erwachte aus der Erinnerung. Sie nahm den Schlüsselanhänger und ging in ihr Arbeitszimmer, setzte sich an ihren eigenen Schreibtisch und machte den Computer an.

Es dauerte eine Weile, bis sie etwas gefunden hatte. Es war ein Zeitungsartikel über ein kleines Mädchen aus diesem Ort, das vermisst wurde. Und zwar seit einem halben Jahr, ungefähr seit dem Robert tot war.

Es war auch ein Bild dieses Mädchens in der Zeitung, aber sie kannte es nicht. Das Mädchen lachte auf dem Bild, übermütig und wach. Es hatte braunes, schulterlanges Haar, in dem ein Reif steckte, der es zurück und aus ihrer Stirn hielt. Sommersprossen zogen sich über ihren Nasenrücken und die Wangenpartie unter ihren lebhaften Augen.

Sie suchte nach weiteren Artikeln, was aus diesem Mädchen geworden war, dessen Name Lara lautete. Aber sie konnte keine weiteren Artikel finden. Aber irgend etwas musste doch hier stehen. Die Ermittlungen konnten doch nicht im Sande verlaufen sein.

Als sie es beinahe aufgegeben hatte, entdeckte sie doch, ganz versteckt in einem kleinen Kästchen, ein paar Zeilen, in denen Lara genannt wurde.

Laras Eltern verließen nach erfolglosen Ermittlungen in dem Fall Lara die Stadt und zogen von hier fort. Sie hatten nicht einmal sechs Monate abgewartet, denn dieser Artikel war bereits einen ganzen Monat alt.

Wie konnte man sein Kind nur so schnell aufgeben?

Annie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und starrte wie gebannt auf diesen winzigen Artikel.

Sie begriff einfach nicht, was aus Lara geworden war. Irgendwo musste sie doch sein. Vielleicht sollte sie Ben danach fragen. In seinem Büro redeten die Leute oft über solche Dinge. Vielleicht wusste er also mehr als er ahnte. Ja, sie würde es zumindest versuchen. Was hatte sie schon zu verlieren?

"Du meinst also, unser Sohn hätte etwas mit dem Verschwinden von Lara Schulte zu tun?"

Annie erschreckte seine kalte und abweisende Stimme. Was sie weiter erschreckte war die Tatsache, dass er Laras Nachnamen kannte, der in keinem der Artikel aufgetaucht war.

"Du weißt also, wovon ich rede?" Er blickte sie verständnislos an.

"Du kennst ihren vollen Namen, nicht nur ihren Vornamen. Kanntest du vielleicht ihre Eltern?"

Er zögerte kurz, bevor er fortfuhr, dieses Mal mit ruhiger Stimme, die für ihre Verhältnisse etwas zu ruhig klang.

"Sie waren Mandanten von uns. Nichts weiter. Und eigentlich dürfte ich dir das überhaupt nicht erzählen. Du weißt ja, Datenschutz und so. Aber wenn du's genau wissen willst, Lara wurde gefunden und sie lebt. Erst danach sind sie von hier fortgezogen."

"Aber warum steht das nicht in der Zeitung? Ich verstehe das nicht."

"Weil niemand davon wissen sollte. Die Ermittlungen laufen noch. Der Täter ist noch nicht gefasst. Nur Lara hatte Glück. Das ist alles."

Da stimmte doch etwas nicht. Das klang alles etwas zu sehr schwammig. In ihren Ohren klang das nach Ausrede oder sogar einer halben Lüge.

"Warum bringt dich das so in Rage?", wollte sie von Ben wissen.

Er seufzte und verdrehte die Augen, bevor er ihr antwortete.

"Weil du dir Geschichten zusammenreimst, die mit dem Tod unseres Jungen nicht das Geringste zu tun haben. Deshalb. Du denkst dir Sachen aus. Lara hatte sich im Wald verlaufen und wurde dann von einem Mann gefunden und tagelang festgehalten bis sie entkommen konnte. Sie hatte Glück und das Ganze spielte weder in unserer Reichweite noch hatte es etwas mit Robert zu tun. Das Einzige, was in dieser Sache noch offen ist, ist, wer der Täter war."

"Das Einzige?" Ihre Stimme schnellte nach oben. "Das Einzige? Du findest es also nicht bedenklich, dass dort draußen ein gefährlicher Kidnapper herumläuft, der kleine Kinder gefangen hält und ihnen sonst was antut?"

"Er hat ihr nichts angetan."

Sie merkte, dass es keinen Sinn hatte, mit Ben zu diskutieren und dass sie immer weiter vom eigentlichen Thema wegkamen, nämlich von Robert.

"Aber ich habe seinen Kescher gefunden. Dort unten im Bach. Er hat ihn dort zurückgelassen. Warum sollte ein kleiner Junge seinen Lieblingskescher zurücklassen oder vergessen?"

Ben stand vom Sofa auf und ging aufgeregt im Zimmer auf und ab.

"Er war ein kleiner Junge, Annie. Kleine Jungs vergessen oft etwas."

Er sah sie bittend an. "Annie, du brauchst Hilfe. Du solltest wieder in diese Therapie gehen. Das kann dir helfen. Ich nicht mehr."

"Was meinst du denn damit?"

Annie trafen Bens Worte wie ein Hammerschlag. Sie fühlte sich leicht benebelt und merkte wie ihr heiß im Kopf wurde.

"Was willst du mir damit sagen?"

Sie bemerkte, dass er Schwierigkeiten hatte, das, was er sagen wollte, auch auszusprechen.

Dann tat er es doch. "Wenn du nicht wieder zu Doktor Moor gehst, werde ich dich eine Weile verlassen müssen."

Als sie nichts darauf erwiderte, ergriff er wieder das Wort: "Ich liebe dich, Annie, aber ich sehe nicht mit an, wie du immer weiter von mir wegdriftest, wie du dich kaputt machst mit einem Thema, das längst keine Bedeutung mehr haben sollte. Robert ist tot und das solltest du endlich begreifen und damit leben. Er wird nicht mehr zu uns zurückkehren.

Du denkst, ich hätte ihn nicht geliebt, ich würde ihn nicht vermissen, aber das tue ich. Manchmal höre ich ihn nachts weinen und ich will aufstehen, um nach ihm zu sehen und erst da fällt mir ein, dass er nicht mehr hier ist. Meinst du nicht, dass es mir genau so weh tut wie dir?"

Tränen standen jetzt in seinen Augen und er konnte ihrem erschreckten Blick nicht mehr stand halten. Er wandte sich beschämt von ihr weg, ging ein paar Schritte und verließ dann das Zimmer, in dem es auf einmal furchtbar still zu sein schien.

Annie konnte gegen Bens Auszug aus dem Haus nichts mehr unternehmen. Immer noch weigerte sie sich wieder zu diesem Arzt zu gehen. Er hatte ihr nicht helfen können. Er war ja auch ein Mann und je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr das Problem. Männer würden nie ein Kind austragen, sie würden niemals wissen, wie es ist eines zu verlieren. Wie konnte ein Mann einer Frau Ratschläge erteilen über etwas, von dem er keine Ahnung haben konnte?

Aber das verstand Ben nicht. Wie sollte er auch? Er war ja ein Mann.

Annie ging zu Ben, der seine Koffer unten an der Haustür abgestellt hatte um sich von ihr zu verabschieden.

"Und du willst es dir nicht noch überlegen?"

Sie schüttelte den Kopf, etwas eingeschüchtert, etwas hilflos.

"Wenn du es dir anders überlegst, lass es mich wissen."

Er beugte sich zu ihr vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

"Ich rufe dich an."

Es überwog immer noch Liebe in seiner Stimme und seinem Blick. Diese Liebe tat unheimlich weh. Sie verletzte Annie mehr als sein Hass das jemals tun konnte.

Annie forschte weiter nach. Das Thema Lara war halb abgeschlossen. Nur dass dort draußen immer noch dieser verrückte Kindesentführer sein Unwesen trieb, beschäftigte sie selbst in ihren Träumen. Ben hatte Unrecht, es konnte einem Angst machen, selbst wenn er das Mädchen nicht körperlich verletzt hatte, er hatte es wochenlang festgehalten, es gefangen gehalten wie ein Tier. Seelisch war Lara sicherlich verletzt worden.

Auch über den Anhänger konnte sie nichts herausfinden. Annie war in die verschiedenen Schulen der Stadt gefahren und hatte den Kindern den Anhänger gezeigt. Keines von ihnen hatte ihn wiedererkannt.

Jetzt saß Annie hier in einem menschen- und liebesleeren Haus und starrte aus dem Fenster. Der Stuhl, auf dem sie saß, war ihr viel zu klein, denn es war Roberts Stuhl, aber irgendwie beruhigte es sie.

Und als sie weiter darüber nachdachte, kam es ihr, dass sie Robert schon seit Tagen nicht mehr gesehen oder gespürt hatte. Hatte sie sich alles vielleicht wirklich nur eingebildet? Nein, das wollte und konnte sie immer noch nicht glauben. Robert war hier gewesen, noch vor einer Woche. Sie hatte ihn im Regen stehen sehen, seinen Körper zerschunden, sein Gesichtsausdruck flehend, bittend, seine Lippen Worte formend.

"Ich weiß, dass du hier warst. Ich weiß es einfach."

Sie war müde und deshalb ging Annie heute früh schlafen.

Die Dunkelheit umfing sie wie ein Käfig aus schwarz lackierten Wänden. Sie streckte ihre Arme aus und stieß unsanft mit den Fingerspitzen gegen etwas Hartes, auf allen Seiten, fest und einengend. Langsam hob sie den Kopf, die Augen schreckerfüllt geöffnet, feucht von panikerfüllten Tränen, die sich zu einem See sammelten, bevor sie aus ihren Augenwinkeln tropften und ihre Wangen hinabliefen. Ihre Stirn stieß an eine Decke, die sie nicht sehen konnte. Es schien ihr, als würden die Wände näher kommen, ihre Arme schlangen sich um ihre angewinkelten Beine, zogen ihre Knie fest an ihre Brust heran wie ein kleines Mädchen, das so seinen Ängsten verschwinden will, ungewollt in einer

Embryonalstellung, ungewollt wieder ein Baby, das im Bauch seiner Mutter war, aus dem es nicht herauskonnte.

Sie vergrub ihr nasses Gesicht zwischen ihren Knien, weinte lautlos, verzweifelt, allein, bis etwas ihr Haar berührte, sanft und liebevoll.

Als sie aufblickte waren die Wände weg.

Sie stand am Bach, an dem Robert gespielt hatte, nicht weit entfernt von Gras und Dschungel. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Jungen, der mit seinem Kescher im Bach fischte, vor fließendem Wasser hockte und voller Neugierde das Getier des Baches erkundete. Dann blickte er auf, als hätte er etwas gehört.

Er richtete sich auf, starrte in den Tunnel, das Rohr, in das der Bach floss, das Rohr, welches unter der Straße über ihnen hindurchführte, das Rohr, das so hoch war, das ein Erwachsener darin beinahe gerade stehen konnte.

Robert, denn es war Robert, sie erkannte ihn an seinem wuscheligen Haar, der Art wie er da stand und schaute, zuerst mit einem Lächeln, dann mit wachsendem Erstaunen, oder war es Angst? Robert wagte sich nicht vom Fleck.

Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. Er zuckte zusammen, als wäre er bei etwas Verbotenem ertappt worden, ließ den Kescher fallen und rannte davon. Er stolperte auf halber Strecke, stürzte und rappelte sich wieder auf.

Annie streckte den Arm aus, wollte nach ihrem Jungen greifen, irgend etwas zu ihm sagen, ihm zurufen, dass er keine Angst zu haben brauchte, aber aus ihrer Kehle entsprang kein Laut. Alles war still um sie herum, als wäre es ein Film ohne Ton, ohne Musik und ohne Laute. Völlige Stille, in der sie ihre Hand sah, die nach ihm griff. Sie öffnete den Mund, strengte sich an, etwas zu rufen, aber aus ihrem Mund kam kein einziger Ton.

Dann herrschte wieder Dunkelheit und ihre Finger stießen erneut an eine Wand, die kalt war und realer, als alles, was sie zuvor gefühlt hatte.

Sie saß wieder mit angezogenen Beinen in dieser Schachtel aus schwarzen Steinseiten und konnte nicht heraus. Dann wachte sie auf.

Sie öffnete die Augen. Um sie herrschte immer noch Schwärze und Stille, als befände sie sich immer noch in ihrem Traum, aber dies war kein Traum. Sie war erwacht.

Langsam setzte sie sich auf und für einen Sekundenbruchteil sah sie, oder glaubte sie, die Umrisse einer kleinen Gestalt, die an ihrem Bettende stand, zu sehen.

Als sie blinzelte war da nur die Kante ihres Bettes und dahinter der Kleiderschrank. Sie war und blieb allein. Robert war fort. Er war ihr nur im Traum erschienen, in einem Traum, der so real auf sie gewirkt hatte, als wäre sie wirklich dabei gewesen. Aber immer noch erklärte es nicht, was ihrem Jungen an jenem Nachmittag zugestoßen war.

Sie hatte in jenem Tunnel nichts erkennen können, nichts und niemanden, aber etwas hatte Robert so sehr erschreckt, dass er seinen heiß geliebten Kescher hatte fallen lassen und davon gelaufen war.

Sie wartete, dass Lisa die Tür aufmachte. Dies war kein angekündigter Besuch, aber sie hoffte, dass Lisa daheim war. Es war Samstag und für gewöhnlich machte Lisa zu dieser Tageszeit da ihre Hausarbeit. Jeden Samstag um die gleiche Uhrzeit, als könnte die Welt zusammenstürzen, wenn sie es einmal vergaß oder an einem anderen Tag machte. Aber so war Lisa, penibel darauf bedacht, nur nichts in ihrem Leben für eine Minute anders zu machen, den Tagesablauf nur ein einziges Mal zu ändern.

Nach einer Ewig wie es ihr schien, als sie schon im Begriff war, sich umzudrehen und das Haus ihrer Freundin zu verlassen, öffnete sich die Tür.

Sie wollte schon hallo sagen und setzte zu einem Lächeln an, aber als sie aufblickte, blieb ihr das Hallo im Halse stecken.

"Ben?" Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

"Ich dachte, es sei der Postbote."

"Da hättest du wohl besser vorher zum Fenster rausgeschaut, was?"

Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie kannte Lisa schon seit langer Zeit. Sie waren befreundet gewesen, lange bevor sie Ben kennen gelernt hatte. Und Ben hatte Lisa niemals so richtig gemocht. Vielleicht war es Eifersucht gewesen auf einen Menschen, der sie in vielen Dingen besser, weil auch länger kannte, als ihr eigener Mann. Also, warum war er jetzt hier?

"Annie...ich will dir das erklären."

"Das brauchst du nicht. Langsam wird mir einiges klar. Nur, dass du den Tod unseres Sohnes dafür benützt, mich zu verlassen, um bei deiner Geliebten zu sein, das verletzt mich mehr, als die Tatsache, dass du mich so hintergangen hast. Roberts Tod kam dir wohl sehr gelegen."

Er war kreidebleich geworden und fuhr sich nervös mit der Zunge über seine spröden Lippen und mit der rechten Hand durch sein dichtes Haar, das immer so gut gerochen hatte.

"Du brauchst nichts mehr zu sagen. Ich denke, die Sache ist klar."

Sie drehte sich um, nachdem ihr Blick ihn wie ein Speer durchbohrt hatte, und ließ ihn mit offenem Mund im Hauseingang stehen.

Auf ihrem Nachhauseweg gingen ihr viele Dinge durch den Kopf, Dinge, die sowohl mit ihrem Sohn als auch mit ihrem Mann zu tun hatten. Wie lange lief diese Beziehung schon, ohne dass sie etwas gemerkt hatte? Wie lange schon?

Lisas Reaktion an dem einen Nachmittag war jetzt auch ganz klar. Sie stand auf Bens Seite, nicht mehr auf ihrer. Sie waren beide gute Schauspieler, so gut, dass sie nicht einmal Verdacht geschöpft hatte.

Während sie so lief, setzte der Regen ein. Sie hatte keinen Schirm dabei und wollte jetzt auch keinen. Die Welt schien grau und trostlos zu sein, auch ohne Regen. Es hatte geregnet an dem Tag, an dem Robert eine entsetzliche Entdeckung gemacht hatte. Es hatte geregnet, als er gestorben war, warum sollte es dann nicht regnen, nachdem sie die Wahrheit über ihr bisheriges Leben erfahren hatte?

Ihr bisheriges Leben hatte es gar nicht gegeben. Es hatte nie wirklich existiert. Es war eine Lüge gewesen bis auf Robert und er war nicht mehr da.

Es wurde langsam immer dunkler. Über ihr ballten sich einzelne Regenwolken zu riesigen Gebirgen zusammen, die die Sonne verdeckten und das Licht auslöschten.

Annies Blick schweifte nach oben. Es war, als würde der Himmel weinen, weinen über sie und ihr Dasein, weinen für sie und Robert.

Außer ihr war niemand auf der Straße. Sie war alleine hier, während sie sich langsam ihrem Haus näherte.

Sie konnte nicht mehr klar denken. Auch Tränen wollten keine fließen. Sie war ausgetrocknet wie ein uraltes Meer, in das keine Bäche und Flüsse mehr flossen. Wie ein Brunnen, dessen dunkle Geheimnisse alles Wasser in dessen steinerne, flechten-bewachsene Wände aufgesaugt hatte.

Sie fühlte eine Hand in ihrer rechten und zuckte leicht zusammen, als eine Bilderflut auf sie hereinströmte.

Sie sah, was Robert gesehen hatte, erkannte die Wahrheit, die langsam wie ein schleichendes Gift in ihren Körper einsickerte. Es war nur ein Augenblick gewesen, nur ein Augenblick, Bens Augen und Lisas Augen, die sich mit denen ihres Sohnes kreuzten. Ben war an diesem Nachmittag nicht arbeiten gewesen, genauso wenig wie Lisa. Sie hatten wie jugendliche Schüler an einem Ort ihre Liebe ausgelebt, den ein normaler Mensch niemals betreten würde.

Wahrscheinlich waren sie spazieren gegangen und waren vom Regen überrascht worden. Aber was zählte das jetzt noch? Es war egal, denn diese Wahrheit hatte ihren Jungen das Leben gekostet. Dieser eine Augenblick, in dem Robert seinen Vater küssend mit der besten Freundin seiner Mutter gesehen hatte.

Jetzt verstand Annie auch, dass niemand ihren Sohn wirklich absichtlich ermordet hatte. Es war ein Unfall gewesen, der nicht geschehen wäre, hätte Robert das Liebespaar nicht an diesem Ort überrascht. Robert hätte weiter gespielt. Er hätte dem Regen nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Er hätte die Straße nicht zu jenem

Augenblick erreicht. Er hätte nicht sterben müssen. Er würde jetzt noch leben.

Annie fühlte die Berührung an ihrer Hand nicht mehr. Sie verließ in Gedanken den Ort der Erkenntnis und fand sich vor ihrem Haus wieder, mitten im Regen, allein, nass und aufgeweicht, mit strähnigem Haar und Tränen in den Augen, mitten auf der Straße, auf der ihr Sohn gestorben war.

Dann sah sie Robert noch einmal, im Regen, wie das erste Mal. Sein Kopf blutete, sein Haar war rot davon, als wäre es das immer schon gewesen. Er stand auf der anderen Straßenseite und rief ihr etwas durch den Regen zu, das sie nicht verstehen konnte.

Dann auf einmal hörte sie seine Stimme ganz deutlich in ihrem Ohr und sie lächelte, weil sie ihn verstehen konnte.

"Pass auf, Mami, pass doch auf."

Robert sorgte sich immer noch um sie und deshalb lächelte sie. Dann blendete sie das Licht. Im ersten Moment dachte sie, es wäre die Sonne, die wieder schien, als wäre sie aus einem lange währenden Traum erwacht. Dann erkannte sie, zu spät, dass es nicht die Sonne war.

Das Licht kam von Autoscheinwerfern. Sie kniff die Augen zusammen, wandte ein letztes Mal den Kopf um ihren Jungen im Regen stehen zu sehen, der mit winkenden Armen nach ihr rief. Dann kam der Aufprall und sie fühlte nichts mehr.

Bens Stimme schwebte von weit her auf sie zu, aber sie ließ es nicht zu, dass sie sich so weit nähern konnte, dass es sie berührte.

Eine Hand strich durch ihr durchnässtes Haar. Sie konnte nicht unterscheiden, ob es eine Erwachsenen- oder eine Kinderhand war. Aber zählte das jetzt noch?

"Mami, Mami."

Vielleicht ein Traum, vielleicht das Ende einer Lüge.

Der Regen hatte aufgehört. Sie hörte das Lachen eines Kindes, ihres Kindes und ein Streifen Licht erschien am Horizont ihres Blickfeldes.

Bens Stimme wurde leiser und verklang dann schließlich endgültig im Erwachen ihrer Seele.

Ende

Nürnberg, 11.01.2005

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