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Der schwarze Foliant

 

© 2005 Marc Esser

1

Die silbernen Türen hatten sich soeben für ihn geöffnet und gewährten ihm Einlass.

Lässig schwenkte er seine schon etwas abgewetzte Aktentasche, als er die kleine schlicht gehaltene Kabine betrat. Abgesehen von seiner Wenigkeit war der Fahrstuhl leer.

Sein Blick glitt missbilligend über die Schmierereien die die Rückwand des Aufzugs zierten. Man konnte sie nicht mal als Graffiti bezeichnen, nur jene Krakeleien die Jugendliche mit einem Filzschreiber zu nächtlicher Stunde zu hinterlassen pflegten.

Hier war ein kleines Herz gemalt, das in zwei Teile zu zerbrechen schien, unter dem ,,Es ist aus John" stand.

Dort stand ,,SEXPISTOLS " in dicken Lettern quer über das matte Metall geschrieben, auf eine ungelenke Art und Weise, so wie wirklich alte Leute schreiben oder wirklich Junge, denen die eigenen Gliedmaßen nicht mehr ganz gehorchen. Und immer wieder das alte, nie aus der Mode kommende ,, Ich war hier ", dass auf Edwards Liste der dümmsten Fahrstuhlnachrichten weiterhin ganz oben stand.

Das alles hatte er schon unzählige Male gesehen und es hatte ihn schon bei seiner ersten Fahrt nicht wirklich interessiert, aber irgendwie sah man ja doch immer wieder hin, wenn auch nur flüchtig.

Edward drückte die drei und drehte sich in Richtung Tür um, die noch einen kurzen Blick auf die Tiefgarage und die im kalten Neonlicht wartenden Wagen gewährte, bevor sie sich leise

schloss. Das Bild der Tiefgarage wurde ersetzt durch das Spiegelbild eines relativ gut aussehenden Mannes, der die dreißig schon seit einiger Zeit überschritten hatte und sich gemächlich auf die große vier vor der null zu bewegte. Seine Schläfen waren von breiten Silberstreifen durchzogen, die sich wie Lichtstrahlen von seinem ansonst schwarzen Haar abhoben. In der matten Reflektion begutachtete er den grauen Anzug in dem er steckte; sein Arbeitsanzug. Edward trug ihn mindestens zweimal die Woche, im Wechsel mit einem ebenso grauen anderen Anzug. Dieser hier war wie sein gleichfarbenes Ebenbild in Edwards’ Garderobe nicht mehr der jüngste und er betrachtete mit Missfallen die schon etwas abgenutzten Stellen an den Knien und den Ellenbogen.

Es wird mal Zeit für einen Neuen, Ed.

Nun, das sagte er sich schon seit einem viertel Jahr. Immer wenn er sich gesagt hatte, heute sei der Tag gekommen in den Laden zu marschieren und sich einen zu kaufen war jedoch immer irgendein Scheiss passiert.

Das erste Mal war ein Montag, dachte er. Glaub’ ich jedenfalls. Ed war morgens mit genug Barem in der Tasche in seine alte Klapperkiste gestiegen, um den Leuten den ganzen verdammten Laden leer zu kaufen. Nun, so viel war es nicht. Nicht einmal annähernd. Aber für ’nen neuen Anzug hätt’s gereicht. Nicht für den Besten aber immerhin... Und dann war der Wagen nicht angesprungen. Die darauf folgende Reparatur hatte genug Mäuse geschluckt das er den Anzug erst mal vergessen konnte. Scheiss drauf, hatte Ed sich gedacht, dass nächste Mal.

Ein paar Monate später war er auf dem besten Weg gewesen sich wieder genug zusammengespart zu haben, als die Probleme mit der Heizung in seiner Wohnung ( Bruch- bude, verbesserte Ed sich) angefangen hatten.

Naja, sie werden mich nicht gleich raus schmeissen, nur weil meine Kleidung schon etwas schäbig ist. Bin ja nicht im Kundendienst. Oder so.

Edward sah auf die Altherrenuhr die sein Handgelenk zierte. Es war ein Erbstück von seinem Vater. Wohl aber wenn ich noch ein paar Mal zu spät komme, schoss es ihm in den Sinn, als er schuldbewusst zur Kenntnis nahm, dass der große Zeiger sich schon ein Stückchen von der Zwölf entfernt hatte. Edward hätte um Punkt Acht mit dem Papierkram anfangen sollen, für den er bezahlt wurde. Es waren fast zwanzig nach. Mal wieder.

PING !

Ed zuckte zusammen und sah von dem Zifferblatt seiner Uhr auf die Anzeige des Fahrstuhls. E

Flammend, in einem elektronischen Rot. Mach schon, du lahmes Ding ,verfluchte Edward den Aufzug. Das tat er fast jeden Tag.

PING !

1

Erste Etage. Wie das ganze Gebäude, abgesehen von dem Erdgeschoss, bestand sie ausschließlich aus Büroräumen, die irgendeine kleine Firma gemietet hatte, nicht unähnlich der, für die Ed arbeitete. Den Namen hatte er einmal gewusst. Erfahren hatte Edward ihn in einem kleinen Flirt mit einer hübschen Brünette die dort arbeitet und deren Bekanntschaft er in dem Aufzug auf dem Weg in die Tiefgarage gemacht hatte. Zu dem Zeitpunkt war er hin und weg gewesen. Einige Wochen später, nach einem sehr peinlichen letzten Date hatte er beschlossen den Abend samt der Frau und dem ersten Stockwerk zu vergessen.

PING !

2

Fast da.

PING !

3

Westcoast Versicherungen. Da wären wir, dachte Edward und wappnete sich innerlich für eine neue Schimpftarade seines Vorgesetzten als die verspiegelte Fahrstuhltür sanft auseinander glitt.

 

2

Der Büroraum von Westcoast Versicherungen bestand hauptsächlich aus einer großen Halle, die mittels kotzgrüner Plastiktrennwände in einzelne Büros unterteilt wurde. In jedem dieser Abteile saß in diesem Augenblick ein Mitarbeiter an seinem Schreibtisch und wälzte mittels PC und einem Haufen altmodischer Papierakten Zahlen hin und her und half als kleines Zahnrad im Getriebe, der Firma Westcoast in den schwarzen Zahlen zu bleiben. Schritt man an den einzelnen Kleinbüros entlang ( auf einem dünnen Teppichboden, der passend zu den Stellwänden ebenfalls die Farbe von frisch Erbrochenem hatte) kam man schlussendlich zu dem heiligen Schrein des Stockwerks Nummer drei: einem breiten Schreibtisch aus auf Hochglanz polierten Holz. Er war nicht wie die anderen Büros nur durch einfache Plasikstellwände abgeschirmt, dieser hier wurde von dämmenden Glaswänden von dem restlichen Bürolärm abgeschnitten. Warf man einen genaueren Blick auf den Schreibtisch stellte man schnell fest, dass alle Utensilien darauf ( Stifte, Akten, Papierhalter, Notizblöcke, die Tastatur des Computers etc. ) aufs peinlichste genau aufeinander ausgerichtet waren, das man geneigt war sich zu fragen, wie jemand hier arbeiten konnte ohne diese sakrale Ordnung zu zerstören.

Der Hüter dieses Reiches war Manuel Shepard, seines Zeichens Abteilungsleiter, wie das blitz blank polierte Schildchen vorn auf dem Schreibtisch verkündete. Er gehörte zu jenen übergenauen Bürohengsten die alles einhundertzehn prozentig erledigen wollten, Paragraphenreiter vor dem Herrn, unterwegs im Auftrag der Statuen und Verordnungen.

Edward konnte sich gut vorstellen wie Shepard selbstklebende Briefmarken noch einmal anleckte - nur um sicher zu gehen das sie auch wirklich klebten. Und da Shepards Büro nun mal Richtung Fahrtuhltür ausgerichtet war bekam der Mann leider alles mit was sich auf dem Gang so tat.

Edward verließ eilenden Schrittes den Fahrstuhl und hastete den Gang entlang, an den einzelnen Büros vorbei in Richtung seiner eigenen Arbeitsstätte. Ein rascher Blick zu Manuels Glashäuschen zeigte Ed einen konzentriert auf seinen Bildschirm schauenden Mann. Wenn Ed in seinem kleinen Abteil verschwand bevor Shepard ihn bemerken würde, hätte er sich für heute noch mal gerettet. Edward schritt etwas schneller aus.

Auf dem Gang kam ihm Lisa entgegen die einen Stapel Akten und Briefen mit sich trug und in Richtung Aufzug unterwegs war. Als sie Edward bemerkte setzte sie einen ernstes Gesicht auf und drohte ihm mit dem Finger, wie man es mit einem ungezogenen Kleinkind vielleicht getan hätte. Du, du, du, was hast du wieder angestellt. Ein leichtes Grinsen konnte sie sich dabei nicht verkneifen. Edward schnitt eine Grimasse und hob die Schultern. Was soll’s.

Sein Büro war nun in erreichbare Nähe gerückt. Als er sich gerade von dem Flur in sein Abteil verdrücken wollte, sah Manuel Shepard von seinem Monitor auf. Seine Miene verdüsterte sich etwas und er bedeutete Edward mit einer herrischen Geste zu ihm zu kommen.

Na super, ging es Ed durch den Kopf, Hauptgewinn!, Der Kandidat erhält hundert Gummipunkt!. Dann machte er sich auf zum Glaspalast, wie er und Lisa Shepards Büro spöttisch nannten. Lisa war seine liebste Kollegin bei Westcoast Versicherungen. Sie war sozusagen eine Seelenverwandte, mit ihm auf einer Wellenlänge. Ed fühlte sich sehr zu ihr hingezogen, aber nicht auf körperliche Art. Lisa war eher wie eine Schwester für ihn.

Edward öffnete die Türe zu Manuels Büro. Sie war ebenfalls aus Glas und er war immer wieder erstaunt wie perfekt sie die Geräusche der großen Halle fern hielt. Eben noch war das Geklapper von duzenden Tastaturen vermischt mit Gesprächsfetzen von Telefonaten zu hören und im nächsten Augenblick... war es still.

Die Geräusche der Halle wurden durch Manuel Shepards’ dünne Stimme ersetzt.

,, Guten Morgen, Mr. Dumont. Haben Sie also doch noch den Weg zu uns gefunden’’, begann er. ,, Setzen sie sich.’’ Edward ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder.

,, Mr. Shepard hören sie es tut mir leid das ich...’’

,, Dass hatten wir alles schon mal, nicht wahr?´´, wurde er von Shepard unterbrochen. ,, Sie sind in dem letzten Monat dreimal wesentlich zu spät zu ihrer Arbeit erschien. Viermal wenn man heute mit zählt. Und das kann ich nicht dulden.’’

Edward wusste was jetzt kam: die übliche Predigt über Arbeitsmoral und Pflichtgefühl, bei der Manuel Shepards dünne Fistelstimme mit jedem Wort etwas mehr Substanz zu bekommen schien. Er hätte sich gerne rechtfertigt, nur gingen ihm langsam die Ausreden aus. So hatte er seine Verspätungen schon auf den dichten Großstadtverkehr geschoben, auf einen kaputten Wecker und anderes. Die Wahrheit jedoch war, dass er in der letzten Zeit alles andere als gut schlief. Mitten in der Nacht wachte Edward auf , war schweißgebadet und hatte ein namenloses Grauen im Nacken wie es nur Albträume erzeugen, die nach dem Erwachen wieder im Unterbewusstsein verschwinden, ohne das der Schläfer sich genau an deren Inhalt erinnern konnte. Meist konnte Edward erst wieder gegen Morgengrauen einschlafen. Nach ein paar Wochen so durchwachter Nächte rächte der Mangel an Schlaf sich. Er war so kaputt wenn er morgens wieder einschlief, dass er den wenige Stunden später klingelnden Wecker einfach überhörte. Aber Shepard von seinen Problemen erzählen?

Niemals. Er hätte ihn ausgelacht, hätte etwas gesagt wie: ,, Mr. Dumont, Sie sollte aber alt genug sein um sich nicht mehr vor dem Monster unter ihrem Bett zu fürchten...’’

Und so ertrug Edward Dumont die Gardinenpredigen seines Vorgesetzten lieber.

Denk an was Schönes, ermahnte er sich selbst. Denk an Urlaub. Den Strand. Das Meer.

Shepards’ Mund öffnete und schloss sich weiterhin, doch Dumont hörte seine Worte kaum noch, waren es doch nur die Gleichen, die er schon so oft zu Ohren bekommen hatte. Er dachte an das Meer, sah es vor seinem inneren Augen und hörte das Wellenrauschen mit den Ohren seiner Imagination. Es schien Manuel Shepards Fistelstimme fast übertönen zu könne.

,,... und was glauben Sie das...Raauuuschhh...ich kann es nicht....Raauuuschhh... kooperieren. Wie ein...Raauuuschh...Haben wir uns verstanden?’’

Edward musste gerade gegen den Drang ankämpfen sich tiefer in den Sitz rutschen zu lassen, als er merkte, dass Shepard geendet hatte.

,,Natürlich Mr. Shepard. Ich weiß, dass ich mit ernsten Konsequenzen rechnen muss. Es wird nicht wieder vorkommen.’’

,, Nein, das wird es auch nicht. Beim nächsten Mal werden sie nämlich mit der Kündigung rechnen müssen.’’

Jetzt bildete sich in Edwards’ Hals doch ein bitterer Kloß. Er wusste das er sein Spielchen nicht zu weit treiben durfte, ob er daran Schuld war oder nicht, aber das böse K- Wort aus dem Mund des Abteilungsleiters zu hören war... nun, auch Edward Dumont war seine finanzielle Sicherheit nicht völlig egal. Besonders nicht nachdem er schon zweimal entlassen worden war.

Das war aber nicht meine Schuld, erinnerte er sich, nachdem er Shepard noch mal versichert hatte, dass er sich in Zukunft ( großes Indianerehrenwort) nichts mehr zuschulden kommen lassen würde.

Dumont trat aus Manuel Shepards privater Zitadelle des Schweigens. Die Geräusche des großen Raumes brandeten über ihn. Der Lärm erschien ihm irgendwie lauter als noch vor ein paar Minuten und er fühlte sich plötzlich unglaublich alt. Er beeilte sich zu seiner eigenen kleinen Büronische zu kommen und ließ sich schwer auf den etwas unbequemen Stuhl fallen. Säuftzend starrte er in die matte Dunkelheit seines ausgeschalteten Computerbildschirms und Erinnerungen an die Zeit bei Harkon Enterprises stieg bei ihm auf. Dort hatte er vor fast zwanzig Jahren gearbeitet. Harkon Enterprises war eine große Charterfirma gewesen, die Waren auf der ganzen Welt von A nach B transportierte. Sie war in den Jahren als Ed dort angefangen hatte auf dem Weg nach oben gewesen und viele hatten sich um den Job gerissen, weil gut gezahlt wurde. Ed hatte ihn schließlich gekriegt und hatte stolz wie ein Honigkuchenpferd sich auf die Arbeit gestürzt.

Leider hatte dann eins der großen Tiere bei Harkon sich in dem Bestreben einen großen Konkurrenten der Firma auszustechen etwas verkalkuliert. Die Firma hatte zwar den Auftrag gekriegt, jedoch mächtig Verluste gemacht. Das war bitter für die Chefabteilung gewesen, ließ sich allerdings durch ein paar geschickte Schachzüge an der Börse halbwegs auffangen. Leider kam kein halbes Jahr danach eine ziemliche Wirtschaftsflaute auf. Die Aufträge wurden weniger und die Börsianer von Harkon Enterprieses konnten auch nicht zaubern. Schließlich wurden Einsparungen vorgenommen. Eine davon war Ed zu kündigen und das war es dann gewesen.

Nachdem er sich aus seiner anfänglichen Verzweiflung herausgekämpft hatte, war Edward auf die Such nach einem neuen Job gegangen. Fündig war er schließlich bei einer Elektronikfirma beworden, ein im Vergleich zu Harkon bescheidenes Unternehmen. Vorerst hatte er sich dort recht wohl gefühlt. Dann war er mit einigen Kollegen aneinander geraten ( vornehmlich mit Tony Banks, einem arroganten Scheißkerl, der meinte das Universum würden sich um ihn drehen ).

Um es kurz zu machen: Edward Dumont hatte schließlich nach einem dreiviertel Jahr Mobbing die Kündigung eingereicht.

Dann war eine harte Zeit für ihn angebrochen; war arbeitslos gewesen, musste in eine bescheidenere Wohnung umziehen und hatte seinen Wagen gegen einen einfacheren tauschen müssen. Nach langem Suchen nach einer neuen Stelle war er dann bei Westcoast Versicherungen untergekommen. Bescheidenes Gehalt, aber immerhin ein Gehalt und er hatte innerlich einen Freudenschrei ausgestoßen, als er hörte das er angenommen worden war.

Edward gab sich einen spürbaren Ruck um aus dem Meer von Vergangenem wider aufzutauchen, fuhr sich mit der Hand über die müden Augen und griff in den kleinen Plastikkasten der mit Eingang beschriftet war.

Frisch ans Werk, dachte er und betrachtete den dicken Stapel Papier in seiner Hand.  

 

 

 

3

Endlose Gänge.

In zwielichtiges Halbdunkel getauchte endlose Gänge.

Und der Geruch des Alters...

...und des Verfalls.

Der Boden war mit abgenutztem Parkett belegt. Hie und da war der zerschundene Holzbelag derart stark durchgetreten, dass man den nackten Stein darunter sehen konnte. Gott weiß wie viele Füße schon darüber gehuscht sein mochten.

Die Seiten der Gangfluchten wurden von massiven Regalen gesäumt, die in ihrem Alter dem des Parketts in nichts nachzustehen schienen. Dicht an dicht drängten sie sich, ließen nur ab und zu eine Lücke frei, die in einen anderen Gang führte. Angefüllt waren sie mit einer unermesslichen Anzahl von alten Büchern, welche seit Äonen auf einen Leser zu warten schienen. Dabei hatte dies nichts Passives an sich wie man es von unbelebten Gegenständen erwarten würde, denn diese alten Folianten waren nicht unbelebt.

Jeden der sich in diese alten Gemäuer verirrte versuchten sie zu verführen, er solle doch einen Moment einhalten und sich die Zeit nehmen in einem zu lesen oder nur kurz mal eins durchblättern.

Doch er, der sich nun in diese uralte Bibliothek verirrt hatte wusste, dass er dies auf keinen Fall tun dürfte. Er wusste nicht woher er diese Gewissheit hatte, noch wie er hierher gekommen war, aber dabei war er sich ganz sicher.

Ganz sicher.

Denn diese Bücher waren keine Bücher, gaben vielmehr nur vor welche zu sein und waren doch in Wahrheit etwas ganz anderes, etwas Gefährliches.

Dennoch hörte er die Stimmen in seinem Kopf die ihn riefen, doch einen der Folianten zu mindest mal von dem Platz in den Regalen zu nehmen und vielleicht den Staub der Jahrhunderte von dem von der Zeit zerfressenen Einband zu klopfen.

Das Gewicht in seiner Hand zu spüren...

Und wer konnte es denn wissen, vielleicht würde er gefallen daran finden?

Vielleicht würde er die erste Seite aufschlagen, nur die erste Seite....

RUCKhaft löste sich sein Verstand aus dem Netz das gerade um ihn gesponnen worden war. Noch war es dünn gewesen, aber hätte er länger gewartet, hätte er wahrscheinlich wirklich ein Buch aus dem Regal genommen. Es war schon schlimm genug dass er ohne es zu merken stehen geblieben war, von den Stimmen angetrieben etwas zu tun, was er nicht wollte.

Plötzlich entrang sich seiner von der trockenen, staubigen Luft wunden Kehle ein Entsetzensschrei, als er merkte, dass er tatsächlich einen der schweren Folianten in der linken Hand hielt. Seine Rechte war gerade dabei gewesen den Einband umzuklappen. Entsetzt davon, wie knapp er der namenlosen Gefahr entgangen war, schrie er nochmals auf und ließ das Buch als wäre es heiß fallen. Sofort sprintete er davon, um einige Ecken in andere Gänge, nur weg von dem Ding was ihn beinahe wie eine Spinne in ihr Netz gesponnen hatte. Denn fing man einmal an zu lesen konnte man nicht mehr aufhören.

Ihm rann ein eiskalter Schauer den Rücken herab als ihm bewusst wurde, wie seltsam lebendig der Einband sich angefühlt hatte.

Er zwang sich in einen ruhigeren Schritt, weil er seine Kräfte nicht so schnell verbrauchen durfte, sonst würde er hier nie wieder herauskommen. Zudem würde er dem Gewisper um ihn herum zugänglicher werden wenn er erschöpft war.

Somit wandte er sich nun ruhigeren Schrittes einem neuen Gang zu, der von dem, den er gerade entlanggehetzt war abzweigte.

Und während er der langen Flucht aus Regalen folgte und die Aufmerksamkeit der Bücher spürte, die wie Schaulustige von ihren hohen Regalbrettern auf ihn nieder blickten und ihn zu verhöhnen schienen ( gleichzeitig bettelten sie ihn jedoch auch an ), fühlte er sich einer weiteren Kraft ausgesetzt.

Zuerst schien es nur ein Säuseln zu sein, dass er kaum wahrnahm und ihn zu irgendeiner Stelle vor ihm lockte. Es ging fast unter in dem Jammern und Bitten und Spott der nahen Folianten. Doch je weiter er den Gang herunter schritt, desto stärker wurde es, bis es ebenso laut durch seinen Kopf heulte wie die anderen Stimmen.

Es zog ihn zu einem speziellen Ort, leitete seine Füße förmlich, die scheinbar von selbst den richtigen Weg durch die Gänge und Kreuzungen zu finden schienen. Er wusste, dass das, was vor ihm lag und ihn mit immer mächtigerer Stimme rief, ihn zu sich herbefahl, nicht einen Deut besser war als die Wesen die, sich als Bücher ausgaben, doch zu letzt zog es ihn derart stark, als hätte er ein Seil um die Hüfte gebunden.

Schließlich begann er zu rennen. Obwohl er die Gewissheit hatte, etwas Schrecklichem entgegen zu gehen, musste er einfach weiter machen, wie ein Masochist, dem die Schmerzen genauso weh taten wie jedem anderen Menschen auch, der aber trotzdem nichts gegen seine Obsession unternehmen konnte.

Dann war er angekommen. Vor ihm erstreckte sich einer der Gänge, auf den ersten Blick nicht viel anders als die anderen. Dieser hier verzweigte sich jedoch nicht wie die übrigen in weitere Gangfluchten, sondern endete in einem runden Leseraum. Dieser Raum war ebenfalls von Büchern umstanden und erinnerte etwas an den Wendehammer an einer Sackgasse.

Als er näher trat sah er in der Mitte des Raumes eine Person stehen. Es war ein alter Mann, mit schmutzig grauem Bart der ihm bis auf die Brust fiel. Das lange Haar in demselben irgendwie dreckigen Farbton stand ihm wirr vom Kopf und rahmte zusammen mit dem Bart das Gesicht des Mannes wie ein Bilderrahmen ein.

Dieses Gesicht musste uralt sein, dieser Mann musste uralt sein - Alt wie Methusalem, schoss es ihm durch den Kopf -, dass schien jede Faser der stattlichen, hoch aufgerichteten Gestalt auszustrahlen, die kein bisschen von der Zeit angegriffen zu sein schien.

Das Gesicht des Fremden konnte er nicht richtig erkennen, da dieser auf ein großes, schwarzgebundenes Buch nieder blickte, das er in seiner mächtigen Hand hielt.

Dies alles sah er und hörte weiter hin diese zu einem mächtigen Schreien angeschwollene Stimme in seinem Kopf, die ihn auf den Leser zutrieb. Vielleicht hätte er auf Hilfe von dem Fremden gehofft, hätte gehofft er würde ihm helfen aus dieser Albtraumbibliothek zu entfliehen, aber sein Gefühl machte ihm mit der Gewissheit eines Verdammten klar, dass dieser alte Mann schlimmer als alle Bücher in dieser Bibliothek zusammen war. Und er hatte einfach Angst. Unbeschreibliche Angst, denn es gab schlimmere Dinge als den Tod und sein Gegenüber schien erfahren darin zu sein diese Dinge auszuteilen.

Er wollte weglaufen, auf der Ferse kehrtmachen und wo anders einen Ausgang suchen, aber so wenig wir er sich hatte wehren können zu diesem Ort zu gelangen, so wenig konnte er nun etwas anderes tun als das Rondell aus Büchern zu betreten. So blieb er etwa drei Schritt vor dem Leser stehen, dessen Gesicht immer noch halb von Haaren verdeckt war und harrte auf sein Schicksal, unfähig sich zu bewegen, den Körper mit dicken kalten Schweißtropfen benetzt.

Eine Ewigkeit schien der Alte ihn gar nicht wahrzunehmen.

Dann, ganz langsam, hob er seinen schweren Kopf und wendete sein Gesicht ihm zu; stockte einen Augenblick, als könnte er sich nicht von den Seiten lösen, die er bis zu diesem Moment erforscht hatte. Und sein Grauen wuchs mit jedem Millimeter mit dem der Alte sein Gesicht von den Buchseiten abwandte und ihm zuwandte. Mit jedem Millimeter den er mehr von dem Gesicht des uralten Lesers erkennen konnte schrie alles in ihm danach sich abzuwenden, wegzulaufen. So wie ein Reh im grellen Scheinwerferlicht eines nahenden Autos, und damit seinem nahenden Tod, erstarrte, konnte auch er nur mit weit aufgerissenen Augen auf sein Schicksal warten.

So konnte er immer mehr von dem Gesicht des Alten erkennen, sah zuerst die tief in seinen Wangen gegrabene Falten, dann den Bogen seiner Nase und dann, als der Mann sein Gesicht ihm gänzlich zugewandt hatte, die leeren Augenhöhlen, die wie zwei Tunnellöcher schwarz zu gähnen schienen. Blutige Tränen waren aus diesen toten Höhlen gelaufen, hatten die Wangen benetzt, sein Gewand besudelt, die Seiten des Folianten rot betupft. Und er konnte weitere rote Tropfen aus den leeren Augenhöhlen quillen sehen, wie sie dem Alten die Wangen herunter liefen und sich ihren Weg über das unebene Feld seiner Haut bahnten.

Leise hörte er sie zu Boden tropfen. Er fühlte etwas derart elementares Schlechtes von diesem Mann, diesem Wesen ausgehen, dass es ihm die Kehle zuschnürte, als wollte es ihn ersticken.

Ein leises Schluchzen entstieg seiner Kehle, schiere Panik sprach aus seinem Blick. Zu mehr jedoch konnte sein rasender Geist seinen zur Untätigkeit verdammten Körper nicht bewegen.

Plötzlich streckte der Alte seinen Finger zu ihm aus und sprach mit donnernder Stimme: ,,DU. KOMM ZU MIR! ’’ Und als er merkte wie sein Körper dem Befehl wie eine Puppe zu folgen schien wäre er am liebsten gestorben.

Eine starke, so unglaublich mächtige Hand fasste ihn im Nacken. ,,JETZT LIES’’, donnerte der Alte mit den leeren Augenhöhlen, der trotzdem irgendwie sehen konnte und ihm wurde schlagartig bewusst, dass er sich nicht vor dem Alten zu fürchten brauchte. Der Leser war nur wie eine Fingerpuppe, wurde kontrolliert wie er selbst. Der böse Odem ging von dem Foliant in seiner Hand aus. Was hatte er anderes erwarten können? Wie konnte eine Hölle der Bücher von etwas anderem regiert werden als von einem Buch?

Nun begannen die mächtigen Arm des Alten, der genauso ein Verdammter war wie er selbst, seinen Kopf mit unerbittlicher Gewalt zu den unheiligen Seiten in dessen anderer Hand zu drücken. Oh wie gerne hätte er sich gewehrt, oh wie gerne hätte er sich dem Griff des Alten zu entwinden versucht, hätte doch zu mindest schreien können. Doch kein Laut kam über seine Lippen und er konnte nicht einmal seinen Augen schließen und sich so dem schwarzen Folianten entziehen.

Und dann starrten seine Augen auf die vergilbten uralten Seiten, die in einer Schrift beschrieben waren, die er nicht kannte.

Plötzlich... geschah nichts.

Und ihm wurde bewusst, dass es jetzt ganz still geworden war. Die Schreie der Tausenden von Büchern der Bibliothek hatten aufgehört, das mächtige Gefühl das ihn nach hier gezogen hatte war verschwunden. In der Stille überdeutlich hörte er seinen Atem rasseln. Leise platschten die Blutstropfen des Lesers auf das alte Parkett.

Dann geschah etwas.

Die Schrift schien heller zu werden. Zuerst unmerklich, jedoch immer rascher begannen die seltsamen, unmenschlichen Zeichen zu leuchten, bis sie zuletzt so hell strahlten, dass er glaubte in ein Licht zu sehen, anstatt in mehrere. Der Text war nicht mehr auszumachen. Das Licht brachte eine Präsenz mit sich die ohne Frage intelligent war. Es schien als würde sie ihn einen Augenblick begutachten, wie eine Hausfrau vielleicht ein Stück Fleisch beim Metzger begutachten würde.

Es wird meine Augen fressen, dachte er verzweifelt, wird meine Augen fressen, wie es die des Alten gefressen hat.

Doch es war nicht nur an seinem Augenlicht interessiert. Und dann merkte er wie es sich mit unbändiger Gewalt in seinen Verstand drängt, mit tausend Fangarmen nach ihm griff, sich in ihn bohrte, um ganz in ihm aufzugehen, ihn zur Gänze auszufüllen. Da zerriss doch ein gellender Schrei seine Lippen und er schrie und schrie, bis

 

4

 

er seine Augenlieder aufriss und in einen sitzende Position hochschnellte.

Augenblicklich wallte eine heiße, drängende Übelkeit in ihm auf und er übergab sich in einem warmen Strahl auf seine Bettdecke.

,, Oh Gott ´´, entfuhr es ihm in einem leisen lang gezogenen Seufzer.

Ihm war kalt. Sein Körper glänzte von einer kalten Schweißschicht. Auch sein Bettzeug war feucht von seinem Schweiß. Zudem lag er in der übelriechenden Wärme seines frisch Erbrochenen. Ein Zittern lief durch seinen ganzen Körper, als Erinnerungsfragmente aus seinem Traum in sein Bewusstsein hoch drängten. Es war immer derselbe Traum, immer derselbe. In den letzten Wochen konnte er sich jedoch an immer mehr draus erinnern. Anfangs hatte Edward sich an rein gar nichts erinnern können. Nachts war er aus irgendeinem Grund aufgeschreckt und sein hämmerndes Herz hatte ihn stundenlang nicht mehr einschlafen lassen. In den letzten Wochen hatte Edward dann immer mehr Erinnerungen mit in die Welt der wachen Leute mitbringen können. Es war als würde man einen Film sehen, ihn sich jeden Tag angucken. Zuerst sah man nur die erste Minute und schaltete dann das Videogerät aus. Am Tag darauf sah man sich die erste Minute und die zweite Minute an. An Tag Nummer drei die ersten beiden Minuten, die man schon kannte, und Minute Nummer drei.

Nie war er bis zu dem alten Mann gelangt. Nie hatte er sich soweit erinnern können.

Mit der Kraft eines Vorschlaghammers kam Ed das saugende Gefühl ins Bewusstsein, mit dem das Ding in dem Buch nach seinem Verstand getastet hatte, wie es sich in ihn gedrängt hatte. Neuer Brechreiz stieg in ihm hoch. Dumont hustete trocken und kämpfte das Gefühl nieder.

Als er sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, machte er sich auf den Weg ins Bad. Die vollgekotzte Decke nahm er mit, so zusammengewickelt, dass möglichst nichts auf den Boden tropfen konnte. Dumpfer Kopfschmerz rumorte in seinen Gehirnwindungen als er sich aus seinem Bett kämpfte.

Das Halbdunkel seines kleinen Apartments wirkte auf ihn ein wenig beruhigend. Hier war er zu hause, wenn er hier war, konnte ihm nichts geschehen. Mit dem leicht unsicheren Gang eines noch schlaftrunkenen Menschen taumelte er in sein bescheidenes Badezimmer. Edward machte kein Licht an, ihm reichte das Licht von den Straßenlaternen, welche durch die Ritzen seiner Rollladen schien. Außerdem stand ihm noch das gleißende Licht aus seinem Albtraum vor Augen. Er konnte sich schwach erinnern gedacht zu haben, dass er nie wieder würde sehen können.

Die besudelte Decke warf Edward Dumont in seine Badewanne. Sie würde bis zum nächsten Morgen warten müssen. Dann fing er an sich von dem Schweiß rein zu waschen. Nachdem Ed sich den Mund ausgespült hatte, um den ekligen Geschmack loszuwerden machte er sich auf in die Küche. Er brauchte jetzt erst mal einen Kaffee. Schlafen würde er ohnehin diese Nacht nicht mehr.

 

5

Ein alter Dodge erschien in dem in Neonröhrenlicht getauchten Eingang der Tiefgarage. Hätte man genau hingesehen hätte man noch einen kurzen Augenblick helles Sonnenlicht auf dem staubigen Heck glitzern sehen. Der Lack mochte einmal in der Farbe eines kräftigen Rot gewesen sein, war aber nun verblasst, so dass er manchmal fast rosa erschien.

Der Wagen fuhr gemächlich das Gefälle vom Eingang bis zur ersten Parketage hinab und der Fahrer setzte ihn in einen noch freie Parktasche.

Als die Wagentüre aufschwang stieg Edward Dumont aus dem alten Dodge. Er trug wieder den grauen Anzug wie am Vortag. Auch seine abgewetzte Aktentasche hatte er wieder bei sich. Nachdem er seinen Dodge abgeschlossen hatte und sich versichert hatte, auch alles Wichtige dabeizuhaben ( Brieftasche, sein Mobiltelefon aus besseren Zeiten, bestimmte Rechnungsunterlagen die er mit nach hause genommen hatte um daran zu arbeiten) genoss Dumont einen Augenblick die Kühle hier unten, bevor er sich auf den Weg zum Aufzug machte. Es war ein verdammt heißer Sommertag. Wenn man dem Wetterbericht trauen konnte, mindestens sechsundzwanzig Grad im Schatten. Dazu hatte es wegen Inversionswetterlage Smokalarm gegeben. Und schon am frühen morgen hing der Dreck dieser stinkenden Stadt wie eine Käseglocke über den Gebäuden. In Kombination mit der Hitze war es die reinste Qual sich durch den dichten Berufsverkehr zu quetschen. Ed hatte geglaubt ersticken zu müssen, wenn er nur noch eine Viertelstunde länger in dem Dodge hätte sitzen müssen. Zudem lag seine Müdigkeit wie ein Bleigewicht auf seinen Schultern, ließ alles irgendwie unerträglich werden. Hier unten jedoch, wo es ein paar Grad kühler war, war es erträglich.

Mit einem Blick auf seine Uhr machte Edward sich auf zu Fahrstuhl. Diesen Morgen war er pünktlich. Dafür hatte er die Nacht zuvor nach seinem grauenhaften Nachtmahr gar nicht mehr geschlafen, nicht mal in den Morgenstunden, so wie sonst.

Als Ed zu der Fahrstuhltür kam sah er, dass Lisa davor wartete.

,, Guten Morgen, Ed ’’, begrüßte sie ihn. Es klang weit weniger enthusiastisch als er es von ihrem fröhlichen Naturell her gewöhnt war.

,, Morgen.’’ Er umarmte sie kurz und freundschaftlich. ,, Ist etwas nicht in Ordnung mit dir? Ich dachte ich wäre der einzige mit Stress im Büro...’’

Sie zeigte ein kleines Lächeln. ,, Nein, das ist es nicht. Ed, hast du schon mal...’’ Lisa wurde von dem Lift unterbrochen, dessen Türen jetzt sanft auseinander glitten. Sie stiegen ein, Lisa drückte die Drei. Mit einem kleinen Ruck setzte der Aufzug sich in Bewegung.

Edward hakte nach:,, Was denn? Was hab’ ich schon mal?’’

Sie sah ihn kurz an, dann zu Boden. ,, Ich komme mir fast albern vor...’’, sie sah ihm kurz in die Augen, schien die dunklen Ringe darunter zu inspizieren, ,, ... aber wenn ich mir dich so anschaue... Ich schlafe in letzter Zeit echt schlecht. Es hört sich irgendwie kindisch an, aber die Träume in letzter Zeit sind... einfach so beängstigend.´´

Vermutlich sah sie wie Edward leicht erbleichte. ,, Du auch´´, stammelte er. Das war überraschend. Eigentlich war es eher unheimlich, wenn man bedachte, was ihm in letzter Zeit den Schlaf raubte. Konnte das sein? Konnte es sein das Lisa auch...?

Nervös fuhr Ed sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Ohne es zu merken hatten seine Hände Lisas Schultern gepackt. ,, Was sind das für Träume Lisa?´´, sagte er eindringlich. Ed hatte ein eigenartiges Gefühl in der Magengrube, dass mancher als Intuition bezeichnet hätte.

Seine Freundin sah ihn mit großen Augen an, verwundert über seine unerwartet heftige Reaktion.

,, Albträume eben´´, sagte sie und machte sich von ihm los. ,, Von einer alten Bibliothek wenn du’s wissen willst. Und sie sind schrecklich.´´ Und nach einer kurzen Pause: ,, Weißt du, wenn ich nachts aufwache habe ich ein Gefühl als würde ich verrückt werden. ´´

Edwards Magen hatte sich bei ihren letzten Worten zu einem kleinen harten Ball zusammengezogen. Tausend Gedanken strudelten durch seinen Kopf. Wie konnte das sein? Zuerst diese Beängstigenden Träume, mit einer Intensität, die sich erschreckend der Realität anglich. Und jetzt sagte ihm Lisa dass sie scheinbar auch von dieser Horrorbibliothek träumte.

Edward versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.

,, Lisa, ich ha...´´, wieder unterbrach sie der Aufzug. Sie waren in der dritten Etage angekommen. Sofort drängten sich ein paar Kollegen in die kleine Liftkabine. Es war auch ein in schwarz gekleideter Mann dabei, den weder Edward noch Lisa bisher auf dieser Etage gesehen hatten. Der Fremde bedachte sie mit einem kleinen Lächeln und nickte ihnen zu. Lisa erwiderte die Geste, Ed beachtete ihn gar nicht.

Lisa und er traten auf den grünen Flur hinaus.

,, Hast du nach der Arbeit Zeit?``

Ein Nicken. Lisa war unter ihrem Make- Up wahrscheinlich genauso bleich wie er. Ed war sich sicher, das sie ebenfalls dieses Gefühl von Irrealität verspürte, dass auch ihn beschlichen hatte.

,, Ja. Lass uns uns im SpoonFull treffen. Dann können wir reden.´´ Nur würde es nicht dazu kommen.

 

 

6

Edward Dumont saß auf einem ganz gewöhnlichen Bürostuhl. Es war nichts Besonderes an ihm. Er stand auf schwarzen Plastikrollen und war durch eine Gasfeder höhenverstellbar, wie tausende andere Stühle in tausenden anderen Büros dieser Welt. Der Stuhl stand vor einem Schreibtisch. Auch dieser war nicht außergewöhnlicher als der Stuhl auf dem er saß. Ein einfacher Bürotisch mit einer weißen Platte, ohne Zweifel hervorragend um darauf zu arbeiten, aber an sich keiner besonderen Erwähnung wert. Ebenso die grünen Plastikstellwände, die ein alltäglicher Anblick für Dumont waren.

Dennoch rasten die Gedanken in seinem Kopf, als wollten sie das dunkle Gefängnis, was die Knochen seines Schädels bildeten, sprengen um sich zu verflüchtigen. Obwohl dies ein normaler Tag sein sollte - so fad und alltäglich wie das Mobiliar das ihn umgab – war überhaupt nichts normal.

Zuerst diese seltsamen Albträume die Edward schon seit einiger Zeit plagten, mit einer Intensität und Beharrlichkeit die ihn an seinem Verstand hatte zweifeln lassen und gestern Nacht in einer Art apokalyptischen Orgasmus ihren Höhepunkt gefunden hatten. Und dann erfuhr er, dass Lisa genau den gleichen Traum zu haben schien.

Wie ?

Wie konnte das sein?

Warum ?

Er wusste es nicht. War das etwa eine Art Telepathie? Nein, das glaubte er nicht. Sie waren zwar das, was man ,, auf einer Wellenlänge’’ bezeichnet, aber nur weil sie sich sehr ähnelten konnte doch wohl kaum sein Traum in Lisas Kopf gewandert sein.

Oder doch ? Edward hatte mal etwas darüber gelesen, dass Forschungen in diesem Gebiet von der Regierung während des kalten Kriegs zur Genüge betrieben worden waren, angeblich mit erstaunlichen Ergebnissen.

Aber das ist doch Humbug, meldete sich eine strenge Stimme in seinem Verstand. Wie gerne hätte Edward dieser Stimme vertraut, wie gerne hätte er geglaubt was sie sagte.

Jedoch... einen Moment mal! Er und Lisa waren ähnliche Persönlichkeiten. Vielleicht waren sie sich ja ähnlich genug um unter gewissen Umständen die gleiche... nun ja, die gleiche Macke zu entwickeln. Wie war der Fachausdruck dafür? Ed wollte er zunächst nicht einfallen, dann hatte er es: Neurose. Neurose nannte man wohl so etwas. Lisa und er mussten irgendwie auf eine ähnliche Situation mit den gleichen Albträumen reagieren.

Edward zog eine Grimasse. Verdammt, das klingt ja fast so unwahrscheinlich wie die Geschichte mit der Telepathie, dachte er. Aber tat es das? Immerhin hatte Lisa nicht gesagt, sie würde genau das Träumen, wovon Ed jede Nacht heimgesucht wurde. Sie hatte nur gesagt sie schlafe schlecht, und das sie von einer Bibliothek träume. Vielleicht war die Bibliothek auch nur ein Symbol. Ed erinnerte sich dunkel, dass Freud doch mal Abhandlungen über die Symbole in unseren Träumen geschrieben hatte. Laut ihm waren das verschlüsselte Botschaften des Unterbewusstseins und konnten wenn man sie deutete einen Hinweis auf verdrängte Erinnerungen oder so was geben. Edward nahm sich fest vor später in der umfangreichen Stadtbibliothek danach zu suchen. Natürlich hätte er auch bei einem Psychotherapeuten einen Termin machen können. Der hätte ihm wohl auch genauer sagen können, was mit ihm los war, jedoch wollte Ed das nicht. Das wäre für ihn wie das Eingeständnis gewesen, das er verrückt war. Plemplem, nicht mehr richtig im Kopf.

He, holt doch schon mal die Leute mit den weißen Kitteln! Ich geb’s ja zu, bin vöööölllig durchgedreht!

Und das wollte er nicht. Auf keinen Fall.

Während er so gedankenversunken seinen Monitor anstarrte ( ohne wirklich die farbenfrohen Tabellen und Kalkulationslisten zu sehen und ohne wirklich das zu tun wofür er bezahlt wurde ) riss ihn augenblicklich ein spitzer Schrei aus seiner Versunkenheit.

Benommen fuhr Ed in seinem Stuhl zusammen und ehe er sich fragen konnte, was passiert war, gellte ein weiterer Schrei durch den Raum und zeriss die betriebsame Geräuschkulisse, die urplötzlich verstummte, als jeder innehielt und horchte, was wohl geschehen sein mochte. Erst jetzt, eine Sekunde später, drang die Erkenntnis in Edwards Bewusstsein, dass das Lisas Stimme gewesen war.

Beide Male.

Sofort sprang er von dem billigen Bürostuhl auf, dass dieser zurück schoss und gegen die Plastikwand hinter ihm krachte.

Als er auf den Flur hinaushastete waren schon ein halbes Dutzend weitere Büroangestellten auf den Gang gestürmt und eilten zu der Quelle der Schreckenslaute (vielleicht waren es auch Schmerzenslaute, wer konnte das schon so genau wissen). Mit fliegenden Füssen rannte er auf das kleine Büro seiner Freundin zu, das seinem wie ein Ei dem anderen glich. In den wenigen Sekunden die er dafür brauchte hatte sich fast die gesamte Belegschaft auf dem schmalen Gang versammelt und standen ihm nun als lebende Hindernisse im Weg. Rücksichtslos schob er die Leute beiseite, oftmals mit deutlich mehr als sanfter Gewalt und bahnte sich so seinen Weg durch die schaulustige, neugierige Masse.

Kaum hatte er Lisas Raum erreicht, musste Ed feststellen, dass dieser leer war.

Noch mehr Verwirrung breitete sich in seinem Geist aus, wie ein Klecks Tinte in einem Wasserglas. Sein Blick flog über den noch laufenden PC, streifte die Anzugsjacke, die über die Stuhllehne geknudelt war, sah den Stuhl selbst, der umgekippt in einer Ecke des kleinen Räumchens lag.

Edward zwängte sich aus dem Büro durch die Menschenmenge wieder auf den Gang hinaus. Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert und in dem Moment als er sich hinausdrängte sah er Lisas dunklen Haarschopf durch die Tür in das Treppenhaus verschwinden, die einige Meter weiter rechts als der Lift gelegen war und eigentlich nur für den Brandfall gedacht war. Kurz bevor er sie völlig aus den Augen verlor, fiel ihm die Haltung ihrer Arme auf; wie ein Mensch der sich etwas an die Brust presste. Aber das registrierte er nur im Unterbewusstsein. Im Moment war zu beschäftigt mit der Frage, was zu Teufel los war, was passiert sein mochte.

Edward boxte sich einen Weg durch das Gewühle von Gaffern. Er konnte ihr Geschnatter hören

Was mag bloß mit Miss Fletcher los sein?

Ach, sie benimmt sich doch in letzter Zeit schon so komisch.

Bestimmt eine kleine Midlife-Crisis ( Hahahaha).

und hätte am liebsten den Arschgeigen die Gurgel rumgedreht. Aber er musste sich jetzt um seine Freundin kümmern. Das war wichtiger.

Mit schweißnassen Händen griff Edward nach der silbernen Klinke der schlichten Holztüre und stolperte in das Treppenhaus hinaus. Hier waren keine Gaffer mehr, ein deutliches Zeichen, das sich keiner außer Ed wirklich Sorgen um Lisa machte. Keiner hatte die ernsthafte Absicht gehabt ihr zu folgen. Sie alle wollte nur etwas sehen, was ihren tristen Alltag etwas aufpeppte.

Die Treppe lag in dem schummrig- orangen Licht der Notbeleuchtung vor Edward, in der man nur wage erkenne konnte wo die eine Stufe aufhörte und die nächste begann. Doch Ed vergeudete keine Zeit damit sich darüber Gedanken zu machen und flog so schnell er konnte die Treppen hinunter; wäre einmal beinahe gestolpert, konnte sich dann aber doch noch irgendwie wieder fangen. Als er im Erdgeschoss angekommen war preschte er die Tür auf, die ins Freie auf die Straße vor dem Gebäude führte. Er sah sich wild nach links und rechts um, mit hämmerndem Herzschlag und jagendem Atem. Am Rande registrierte er die verwunderten Blicke, die einig der zahllosen Passanten ihm zuwarfen. Eine Taxe hupten wütend einen unvorsichtigen Fußgänger an. Für einen Moment glaubte Ed dass es Lisa war, die den Unmut des Fahrers auf sich gezogen hatte und sein Herz machte einen Freudensprung. Es war jedoch eine andere Frau.

Lisa war fort.

 

7

Edward ging die Treppen wieder nach oben ( diesmal wesentlich vorsichtiger ) und bereitete sich innerlich schon mal auf das vor, was jetzt kommen würde. Die ganzen Erklärungen die man von ihm verlangen würde, obwohl er doch auch nicht recht wusste, was hier los war.

Und so kam es dann auch. Kaum hatte Edward die Türe zu Stockwerk Nummer Drei geöffnet wurde er von allen möglichen Leuten bedrängt, die unbedingt wissen wollten, was denn geschehen sei, und so weiter und so fort. Ihr geheucheltes, oberflächliches Interesse widerte Edward an und als Manuel Shepard dann vor ihm auf tauchte, musste er sich wirklich beherrschen um nicht die Hände um diesen dürren Hals mit der engsitzenden Krawatte zu legen.

,, Was ist hier vorgefallen?´´, fragte er zuerst noch an die Umstehenden gewand. Dann besann er sich auf Edward.

,, Mr. Dumont, hätten sie die Güte mir zu erklären was hier passiert ist.´´

Er versucht selbstsicher zu wirken, dachte Ed, doch das gelingt ihm nicht. Ich kann die kleinen nassen Perlen auf deiner Oberlippe sehen. Du hast keine Kontrolle, das gefällt dir nicht. Gefällt dir gar nicht.

Obwohl das Ed nicht im Geringsten half, fühlte er sich doch etwas besser bei dem Gedanken, dass auch Shepard einem gewissen Druck ausgesetzt war.

Edward sagte:,, Wie kommen Sie darauf das ich weiß, was hier passiert ist?´´

,, Man hat mir gesagt Ms. Fletcher soll dieses Gekreische veranstaltet haben und sei dann hinausgerannt. Und sie ihr hinterher.´´

,, Ich war um ihr Wohl besorgt.´´ Ed zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen. ,, Was Sie auch sein sollten.´´

Shepard tat, als hätte er das letzte nicht gehört. ,, Nun, wo ist sie?´´

Erbost über die aalglatte Art dieses arroganten Bürohengstes wollte Ed ihm schon eine scharfe Antwort geben, die ihn mit Sicherheit in Schwierigkeiten gebracht hätte ( wobei er davon doch bei Leibe schon genug hatte ), als sich einer der Umstehenden zu Wort meldete.

,, Sie hatte einen hysterischen Anfall. Dann ist sie zur Tür hinaus gerannt.´´ Der Sprecher war ein junger Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, der einen besonnene Gesichtsausdruck auf seinen sanften Zügen hatte. Er hieß James Palmer und arbeitete in einem der an Lisas angrenzenden Büros. Ed hatte keinen sonderlichen Kontakt mit ihm gehabt, dankte ihm aber nun in Gedanken, dass er ihn vor sich selbst gerettet hatte.

Shepard musterte Palmer, offensichtlich überrascht über die einfache Erklärung des Tumults.

,, Weshalb sollte sie einen hysterischen Anfall gekriegt haben?´´, fragte er nachdrücklich und Edward musste zugeben das ein Büro nicht gerade ein Ort war, den man allgemein mit Hysterie in Verbindung brachte.

,, Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten, aber es ist ja offensichtlich, dass es so war´´, antwortete Palmer.

,, Und weshalb ist das so offensichtlich?´´ Shepard ließ nicht locker. Anstatt etwas zu unternehmen, um seine wie von Sinnen getürmte Mitarbeiterin wieder aufzufinden betrieb er hier Haarspalterei.

James Palmer zog die Brauen hoch.

,, Sie ist, wie ich schon sagte, schreiend hinausgelaufen.´´ Damit ließ Shepard es endlich bei sich bewenden und die Hoffnung stieg in Edward auf, der Mann könnte endlich was unternehmen. Leider stellte sich dies als unbegründete Hoffnung heraus. Aber was hätte er auch anderes von einem Mann wie Manuel erwarten können, für den alles in ein Schema passen musste und so bald es das nicht tat, war er komplett überfordert. Alles was er dann tat, war seinen Vorgesetzten zu informieren und bei dem nächsten Polizeirevier anzurufen. Dort wurde ihm jedoch mitgeteilt, dass Personen erst nach achtundvierzig Stunden als vermisst gemeldet werden könnten und das er dann noch mal anrufen solle, wenn Ms. Fletscher bis dahin nicht aufgetaucht sei.

Edward musste zu seiner Schande eingestehen das ihm momentan auch nicht mehr einfiel. Das erste was er nach der Arbeit tun würde war zu Lisas Wohnung zu fahren und nachzuschauen, ob sie dort war. Wenn nicht würde er im SpoonFull nachschauen, wo sie sich hatten treffen wollen. Außerdem konnte er noch ein paar von ihren Freunden anrufen. Wenn alle Stricke rissen würde er sich in seinen Dodge schwingen und die Strassen absuchen. In einer Großstadt war zwar die Chance jemanden auf diese Weise ausfindig zu machen verschwindend gering, aber wenn Lisa irgendwo verwirrt durch die Strassen lief wollte er nichts unversucht lassen um sie zu finden.

Doch Lisa sollte verschwunden bleiben und Ed hatte höllische Gewissensbisse, weil er nicht Shepard ( ,, Weiter an die Arbeit, Leute. Das war’s, hier gibt es nichts mehr zu sehen´´ ) gesagt hatte, was er von ihm hielt und sich sofort auf die Such nach Lisa begeben hatte.

 

 

8

Das Schlimme an einer Großstadt ist neben dem Smog der einem gelegentlich die Kehle zuschnürt und der vergleichsweise hohen Kriminalität mit Sicherheit der Mangel an Platz. Viel zu viele Menschen teilen sich notgedrungen viel zu wenig davon. Sieh man sich nur die überquellenden Bürgersteige an, auf denen man weniger auf dem Pflaster läuft, als auf den Füssen der anderen Passanten oder die U- Bahnen, jene mit Menschen vollgestopften Untertageszüge, bei deren Anblick man immer meint sie müssten jeden Augenblick aufplatzen, wie eine Wurstpelle, in die zuviel Fleisch gepresst wurde.

Die Buslinien waren auch keine Alternative, wollte doch scheinbar immer wenn man einen Bus benötigte der Rest der Stadt ebenfalls mitfahren. Es war schon Tortur genug sich in seinem eigenen Fahrzeug durch die Strassen zu schlängeln ( wobei man bei jedem Beinahe- Zusammenstoß einen halben Herzinfarkt bekam ), aber Wehe dem der die öffentlichen Verkehrmittel benutzten musste.

Leider musste Edward Dumont an diesem Morgen genau das tun. Nachdem er gestern Lisas Wohnung, sowie das SpoonFull leer vorgefunden hatte ( nun, es war nicht leer gewesen, aber da Lisa nicht dort war, hätte es für Ed keinen Unterschied gemacht, wenn das kleine Cafe wirklich leer gewesen wäre ) und sie auch bei keinem ihrer gemeinsamen Freunde aufgetaucht war, hatte Edward nach dem berühmten Strohhalm gegriffen. Was so ausgesehen hatte, dass er bis drei Uhr Nachts mit seinem Wagen durch die verstopfte Stadt gefahren war und verzweifelt nach Lisa Ausschau gehalten hatte.

Dann war sein alter Dodge zusammengebrochen. Der Notfalldienst las seinen Wagen von der Strasse auf, wo er binnen weniger Minuten einen langen Stau auf seiner Fahrspur produzierte.

Unter dem anhaltenden Gehupe der anderen Autofahrer lud der Abschleppwagen seine Dodge auf und stellte ihn auf den verlassenen Vorhof einer Werkstatt. Edward war dann mit dem Bus nach hause gefahren.

Und jetzt saß er wieder im Bus. Vielmehr stand er, da er keinen Sitzplatz mehr hatte kriegen können. Selbst stehen konnte er nicht einigermaßen bequem, da das Fahrzeug absolut überfüllt war und sich von allen Seiten Fahrgäste an ihn quetschten. Da waren zwei junge Frauen, die sich über Politik unterhielten, was Ed aber im Moment herzlich wenig interessierte, also hörte er ihnen nicht zu.

Momentan war er zu sehr mit dem Kerl beschäftigt, der direkt hinter ihm stand. Ed hatte ihm den Rücken zugekehrt, doch wusste er ganz genau, dass der Typ da war. Zum einen war da der markante Geruch nach Männerschweiß, der ihm als ein untrügerliches Zeichen diente, so nah und intensiv, dass er sich beherrschen musste, um nicht einem gewissen Würgereiz zu erliegen. Zu anderen war da die gewaltige Wampe von einem Bauch, die dem Kerl aus der Hose und über den Gürtel schlabberte. Eben jener Wanst wurde bei jedem Bremsmanöver des Busfahrers von hinten gegen ihn gepresst ( wobei sich jedes Mal der Gestank um ein wenig verstärkte ). Natürlich bekam Edward die Wampe auch bei jeder ruckartigen Beschleunigung im Rücken zu spüren ( ja, auch der Geruch wurde schlimmer ). Er vermied es möglichst in diesen Momenten unfreiwilliger Nähe zu atmen, was half, aber hin und wieder bremste der Fahrer so überraschend, dass er das Eau de Toilette seines ungepflegten Mitfahrers voll abbekam.

Sehnsüchtig wollte Ed seinen Dodge wieder haben. Die Werkstatt in die sie den Wagen gestern Nacht gebracht hatten würde ihn anrufen, wenn der Fehler gefunden war und Ed einen Kostenvoranschlag machen. Darum hatte er sich heute Morgen als erstes gekümmert. Schließlich gab es für kaum etwas Schlimmeres als Busfahren, zumal an einem so heißen Tag wie heute und die Meteorologen sagten, die Hitzewelle würde weiter anhalten.

Doch gibt es. Ohne Zweifel gibt es da etwas Schlimmeres. Etwas weit Schlimmeres.

Der Gedanke ließ ihn erschauern.

Diese wahnsinnigen Träume haben Lisa genauso fertig gemacht wie mich auch. Wahrscheinlich ist sie deshalb ausgerastet. Fühl’ mich schließlich auch nach Schreien und Weglaufen.

Zu mindestens letzte Nacht waren ihm die Schreckensvisionen erspart geblieben.

Da er nicht geschlafen hatte, hatte er auch nicht geträumt. Nachdem er von der Werkstatt heimgekommen war, war es die Sorge um Lisa gewesen, die ihn weiterhin wach gehalten hatte. Seine eigene Phantasie hatte sich als ein listiges kleines Ding erwiesen, das sich immer wieder in seinen Verstand stahl, um ihm Bilder zu zeigen. Bilder von einem perversen Vergewaltiger, der Edwards Freundin in ihrem verwirrten Geisteszustand fand und sich in irgendeiner dunklen Gasse an ihr austobte. Ed konnte die Schlagzeilen in der Morgenzeitung schon fast vor Augen sehen:

Weiteres Vergewaltigungsopfer tot aufgefunden

Angst schlich sich bei dieser Vorstellung in sein Herz. Vor allem weil es auch noch genug andere Menschen gab, die Gefahr bedeuteten. So zum Beispiel konnte man die Raubmorde im Dutzend zählen. Es gab genug Menschen, gerade in den Ghettos, die arm und skrupellos genug waren, um einen umzulegen und dann erst nachzusehen was man in den Taschen hatte.

Edward wurde durch eine neuerliche Wolke frischen Schweißgeruchs aus seinen Gedanken gerissen. Der Bus kam zum stehen.

Die Haltestelle war nicht ganz die, an der Ed vorgehabt hatte auszusteigen. Er war eine zu weit gefahren. Ärgerlich über sich selbst bezahlte er und verließ den Bus.

Die frische Luft tat gut. Eigentlich war es nicht wirklich frische Luft; er hatte den Geruch des Fettsacks durch den der Autoabgase getauscht, aber damit konnte er im Moment ganz gut leben. Edwards Entscheidung mit dem Bus und nicht mit der U-Bahn zu fahren war eigentlich darin begründet gewesen, dass er nicht so weit laufen musste, um von der Haltestelle zu dem Gebäude in dem er arbeitete zu kommen. Nun würde er doch noch ein paar Blocks weit laufen müssen.

Als Ed etwa anderthalb Blocks weit gegangen war, wobei er sich konzentrieren musste, um nicht über seine eigenen Füssen zu fallen ( er war jetzt immerhin mehr als sechsunddreißig Stunden am Stück wach), huschte plötzlich eine ihm sehr bekannte Gestalt an ihm vorbei. Zuerst registrierte er nicht wirklich, wem er da gerade begegnet war, und blinzelte erst mal verwirrt.

Das war doch Lisa gewesen. Meine Lisa, dachte er. Wäre er von seinem Schlafentzug nicht wie benebelt gewesen hätte sein Herz wahrscheinlich einen wilden Freudensprung gemacht. Nur hatte er in den letzten Stunden sich zigmal eingebildet Lisa in den Menschenmassen zu sehen. Es war jedes Mal jemand anderes gewesen, oft Leute, die Lisa nicht im Mindesten ähnelten, einmal sogar ein langhaariger Mann.

Daher rechnete Edward nicht wirklich damit, dass das gerade wirklich seine Freundin gewesen war, dennoch gloste eine wilde Hoffnung in ihm auf.

Er drehte sich schnell um, sah einen dunklen Haarschopf, der sich zügig von ihm entfernte und in der Menge verloren zu gehen drohte. Edward versuchte mit der Person (Lisa? ) Schritt zu halten, was aber leichter gesagt als getan war. Eben ging er noch mit dem Strom Menschen in Richtung äußere Innenstadt, jetzt musste er sich seinen Weg gegen die Menschenmassen erkämpfen. Unbewusst registrierte er, dass er nun in das Zentrum der Innenstadt lief, hatte aber keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, da er vollauf damit beschäftigt war, nicht jeden Passanten anzurempeln. Dennoch steckte er weit mehr als genug Knüffe und Stöße ein. Trotzdem versuchte Ed sein Tempo noch zu steigern; der Haarschopf dem er folgte entfernte sich immer weiter, wurde immer häufiger von anderen Fußgängern verdeckt und geriet immer wieder ganz aus Edwards Sichtfeld.

,, Lisa! ´´, rief Ed, sich an die verzweifelte Hoffnung klammernd, seine Freundin gefunden zu haben. ,, Mensch Lisa, bleib stehen! ´´

Und da geschah es.

Der Kopf zu dem der dunkle Haarschopf gehörte wendete sich ihm zu und tatsächlich, da war sie: Lisa!

Ed’s Herz machte nun wirklich einen Freudenhüpfer. Lisa schien es gut zu gehen. Sogar sehr gut, wie er irritiert feststellte. Sie steckte in einem brandneuen Hosenanzug, den er noch nie an ihr gesehen hatte. Ganz in schwarz. Das war für ein Bürooutfit an sich nichts Ungewöhnliches, für Lisa allerdings schon. Sie hatte nie schwarz getragen, und wenn doch, dann zumindest nicht nur schwarz. Einmal hatte sie ihm erzählt sie hasse diese Farbe, dabei müsse sie immer an die Beerdigung ihrer Mutter denken. Sie war gestorben als Lisa noch keine fünfzehn war.

Lisa trug stattdessen meistens sanfte Pastelltöne, häufig blau und rosa.

Noch ungewöhnlicher als ihre Kleidung war jedoch das, was sich auf dem Gesicht von Edwards Freundin abspielte. Hatte Ed immer ihr natürliches Lächeln bewundert, in dem soviel Herzlichkeit mitschwang, zeigte ihr Gesicht nun einen Ausdruck, den Mann vielleicht mit einem Lächeln hätte verwechseln können, der aber irgendwie gezwungen und kalt wirkte. Zudem lächelten Lisas Augen nicht mit.

Erkennt sie mich nicht?, schoss es ihm durch den Kopf, Läuft sie deshalb vor mir davon? In dem Moment blinzelte Lisa ihm schelmisch zu. Edwards Verwirrung wuchs. Also doch. Was zur Hölle soll das alles? Bevor Edward seine sich so seltsam verhaltende Kollegin erreicht hatte, wendete sie sich ab und entschwand wieder in dem Meer von Fußgängern. Edward beeilte sich den Abstand zwischen ihnen nicht zu groß werden zu lassen. Auf seine neuerliche Rufe reagierte sie nicht mehr. Zudem kam sie wesentlich schneller voran als er. Die Menge schien sich vor ihr zu teilen und hinter Lisa wieder zusammenzuschwappen, als mieden die Leute Lisa unbewusst. Sie wurde nicht ein einziges Mal von einer unsanften Schulter zur Seite gestoßen. Dafür schien Ed die Stöße die eigentlich ihr gegolten hätten noch zusätzlich abzubekommen.

Als er fast davor war Lisa endgültig aus den Augen zu verlieren, ging diese von dem Bürgersteig auf den Vorplatz eines großen, dunkel verglasten Wolkenkratzers ( der von den normalen Passanten genauso gemieden wurde wie Lisa selbst, als wäre dort irgendwas, was sie abstieß ). Auch Ed hört eine leise Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm riet, den Vorplatz wieder zu verlassen, lieber wieder auf den sicheren Gehweg zurückzukehren, wo ihm nichts geschehen könne. Ein anderer Teil seines Verstandes brachte die Stimme schnell zum schweigen. Dies war ein normaler Vorplatz, wie er für teure Gebäude errichtet wurde, in denen kapitale Firmen residierten. Das einzige was hier seltsam war, war was Lisa hier verloren hatte.

Zügig ging die schlanke Frau auf das Portal ( keine Tür, ein großes zweiflügliges Portal ) zu. Die Wachmänner, welche ebenfalls ganz in schwarz gekleidet waren, nickten ihr kurz zu, als würden sie Lisa schon seit Jahren kennen und ließen sie ohne weiteres passieren.

Ed war mittlerweile auf die halbe Distanz herangekommen. Er erkannte noch, wie Lisa an einem zweiten inneren Portal innehielt, um eine Karte in ein Gerät an der Wand zu schieben. Sofort öffnete sich das innere Portal und sie entschwand. Dann schlossen sich die Türen wieder.

Die zwei Wachmänner fingen ihn am äußeren Portal ab und vertraten ihm den Weg. Edward machte gar keine Anstalten sich gewaltsam Zugang zu verschaffen, dass wäre lächerlich gewesen. Er wusste zwar immer weniger wo ihm der Kopf stand, aber gegen die zwei bulligen Wachmänner hätte er sowieso keine Chance gehabt und dann war da auch noch die innere Tür. Stattdessen versuchte er etwas mehr über dieses dunkle Gebäude herauszubekommen, das sich unheilschwanger und schwarz weit in den Himmel reckte. Irgendwie schien es, als neigte es sich leicht nach vorne und wäre jeden Augenblick bereit einen unliebsamen Eindringling auf dem Vorplatz zu zerquetschen.

,, Was ist das hier für ein Gebäude?´´, fragte er einen der Wachmänner. Eigentlich hatte er sich um einen normalen, sanften Gesprächston bemüht, was aber gründlich in die Hose ging. So raunzte er die Wachmänner ziemlich an.

Der Angesprochene schüttelte jedoch nur mit einem kleinen Lächeln den Kopf, wobei seine Augen genauso kalt blieben wie die Lisas. Es schien als würde der Mann etwas tun, indem er kaum Übung hatte, so als hätte er irgendwo mal jemanden Lächeln gesehen und versuchte nun die Mimik zu imitieren. Im Augenwinkel fiel Edward auf, dass der andere Wächter die Mimik und Geste des Abgesprochenen in perfekter Synchronisation mitmachte. Verwirrt blickte er den anderen Mann an.

,, Welcher Firma gehört das hier?´´, machte Ed einen zweiten Versuch. Die Antwort erhielt er aus zwei Kehlen gleichzeitig und die Art wie die Stimmen der beiden Wachen ineinander liefen, schickte ihm kalte Schauer den Rücken rauf und runter.

,, Noch nicht...Komm später wieder...´´

Das war alles was Ed aus den beiden heraus bringen konnte, und Lisa hin oder her, mehr unheimliche Dinge, als er verkraften konnte. Also ließ er der Stimme in seinem Kopf freien lauf und machte das er den Vorplatz verließ, jedoch nicht ohne auf ein Firmenschild oder irgendeinen Hinweis zu achten, was dieses Gebäude war. Es war nichts zu finden.

 

 

9

Die von innen verspiegelten Aufzugstüren schlossen sich vor Edward Dumont und er war trotz allem mal wieder auf dem Weg zum Stockwerk Nummer drei. Ausgelaugt sah er aus und genauso fühlte er sich auch. Die Ringe unter seinen Augen hatten einen noch dunkleren Farbton angenommen und waren nun eher schwärzlich als dunkel blau.

Obwohl die letzten Tage, und gerade die Ereignisse vor ein paar Minuten, das Ungewöhnlichste ( und Verstörenste ) in Dumonts Leben darstellten, befand er sich unfassbarer Weise wieder auf dem Weg zur Arbeit. Dabei mochte er seinen Job nicht mal besonders, sicher, er war auf ihn angewiesen, wusste er doch, was es hieß arbeitslos zu sein. Da Edward aber ernsthaft an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln begann, sollte ihm eigentlich so etwas trotz allem herzlich nebensächlich erschienen sein. Und tatsächlich hatte er in den letzten zehn Minuten mehr als einmal daran gedacht, dass er gerne bereit wäre diese Arbeitsstelle und alles was mit ihr verbunden war sofort gegen ein normales Leben einzutauschen.

Ein Leben wie Millionen andere Leute es lebten. Wie auch er es bis vor kurzen noch gekannt hatte. In einem ehrlichen Moment mit sich selbst dachte er, dass er nur wieder zu Stockwerk drei hochfuhr, weil es etwas herrlich Alltägliches hatte, ganz normal zu seinem langweiligen Job zu gehen. Zudem wusste Ed nicht, was er sonst hätte tun sollen.

Vielleicht ist das auch alles nur ein Traum, sagte er sich, ohne daran zu glauben, und eigentlich bin ich nur kurz davor in meinem Bett hochzufahren. Immerhin habe ich erschreckend realistische Träume kennen gelernt.

Er biss sich auf die Unterlippe, kurz und heftig. Eine kleine Menge salzig schmeckende Flüssigkeit lief aus ihr in seinen Mund und ein ziehender Schmerz ging von ihr aus, der zu einem penetranten Pochen abklang. Nein, kein Traum. Es fühlte sich auch nicht an wie einer, soviel Realitätssinn war ihm noch geblieben. Glaubte Ed zu mindestens, aber wer konnte das schon so genau wissen, besonders im Delirium eines starken Schlafentzugs. Ed hatte mal in einer Zeitschrift gelesen, dass Schlafmangel einen high machen konnte wie eine Droge, letztendlich sogar verrückt machen konnte, wenn man es weit genug trieb. Gern hätte er alles auf seinen schlechten oder gar nicht vorhandenen Schlaf zurückgeführt, das wäre besser gewesen, als nach anderen Gründen für seine seltsamen Erlebnisse zu suchen. Nur erklärte das Lisas Verhalten nicht im Geringsten und das war ja das, was sich ihm die Nackenhaare aufstellen ließ. Als hätte er das Grauen aus seinen Träumen ( nein ,berichtigte er sich, aus unseren Träumen ) mit auf diese Seite gebracht....

Edward tat den Gedanken ab, da er zu nichts führte.

Zudem, beruhigte er sich selbst, habe ich noch keinen verrückten, augenlosen, alten Mann getroffen, der mich zum lesen irgendeines komischen Buches zwingen will.

Das half irgendwie. Nicht viel aber immerhin ein wenig.

Die silbernen Türen fuhren beiseite und Edward Dumont betrat seine kotzgrüne Arbeitswelt. Was ihm sofort auffiel, war, dass Shepards Büro leer war, was etwa so selten wie der Vorbeizug des Halleischen Kometen war. Und dabei war Ed fast eine halbe Stunde zu spät dran, wie er mit einem Blick auf die Uhr feststellte. Mir soll’s recht sein, wenn ich den Kotzbrocken nicht auch noch ertragen muss.

Kurz vor Lisas Büro traf er James Palmer, der ihm am Vortag unbewusst geholfen hatte.

,, Guten Morgen Edward´´, begrüßte ihn der junge Mann. ,,Sagen Sie, haben Sie ein Gespenst gesehen, oder so was? Sie sind ganz bleich.´´

Ed spürte, dass die Sorge in der Stimme ernst gemeint war und fühlte Sympathie für Palmer in sich hochsteigen. Schade, dass er ihn nie wirklich kennen gelernt hatte. Ed war davon überzeugt, dass sie gute Freunde hätten werden können.

,, So in der Art´´, antwortete er nach einer deutlichen Pause auf James’ Frage. Und bevor dieser sich weiter nach etwas erkundigen konnte: ,, Sagen Sie mal James, haben Sie noch irgendetwas von Lisa gehört? Ist sie hier?´´ Ed wusste natürlich ganz genau, wo Lisa war, sonst hätte er auch schon längst in ihrem Büro nachgesehen, aber er wollte James trotz seiner neu entdeckten Sympathie für ihn nichts von dem merkwürdigen Wolkenkratzer erzählen, in dem Lisa verschwunden war, und schon gar nichts von den unheimlichen Wachmännern.

James schien von seiner Frage aufrichtig überrascht.

,, Lisa arbeitet nicht mehr hier. Ich dachte Sie wüssten das. Man sagt sie stehen sich sehr nahe.´´ Dumont setzte eine Miene auf, die wie er hoffte ebenfalls aufrichtig überrascht aussah und sagte: ,, Nein, davon wusste ich nichts. Aber muss sie nicht eine gewisse Kündigungsfrist einhalten?´´

,, Deshalb ist Shepard nicht hier. Die Kündigung ist gestern Nachmittag wohl noch reingekommen und es scheint, als ob wirklich hochbezahlte Anwälte sich dafür einsetzten, dass Lisa gewisse vertragliche Vereinbarungen nicht einhalten muss. Ich nehme an, dass das irgendetwas mit ihrem seltsamen Gebaren gestern Morgen zu tun hat. Seltsam bleibt, wo sie die Anwälte her hat.´´ Wenn Ed an den dunkel verglasten Prachtbau dachte, indem Lisa jetzt zu arbeiten schien, fand er es überhaupt nicht seltsam. Seltsam blieb, wieso sie überhaupt jetzt dort angestellt zu sein schien. Gestern noch lief sie schreiend aus dem Haus und bums, am anderen Tag arbeitete sie bei irgendeiner anonymen Großgesellschaft.

Ed wollte gar nicht weiter darüber nachdenken. Alles was er jetzt wollte, war in die beschauliche Enge seines Büros zu gehen und sich mit einer ordentlichen Portion Arbeit zu betäuben. Das würde ihn zu für ein paar Stunden an etwas anderes denken lassen.

,, Ja, wirklich komisch´´, sagte er zu James und sah nochmals übertrieben auf seine Armbanduhr. ,, Ich muss anfangen; bin wieder spät dran. Ich sag’ Ihnen, wenn ich was neues hören sollte, obwohl mir scheint, das Sie viel besser informiert sind als ich.´´ Einem plötzlichen Impuls folgend klopfte er James ehe ehr sich abwandte freundschaftlich auf die Schulter.

,,Und...Danke, James.´´ Ehe dieser fragen konnte wofür hatte Edward sich auch schon auf den Weg zu seinem Büro gemacht.

Doch als Ed von dem lagen Gang in sein kleines Abteil aus Plastikwänden ging wartete dort anstatt Ablenkung etwas ganz anderes auf ihn.

Auf seinem Schreibtisch war die Tastatur vorsichtig beiseite geschoben worden. Dort wo diese sonst gestanden hatte, thronte nun ein in schwarz gebundenes Buch, bei dessen Anblick Edwards Herz einen schmerzhaften Augenblick aussetzte, um dann mit doppelter Geschwindigkeit weiterzujagen. Sofort stellten sich seine Nackenhaare auf. Schnell größer werdende Schweißtropfen bildeten sich auf Stirn, Oberlippe, Kinn. Seine Kopfhaut begann zu kribbeln, schien sich zusammen zu ziehen.

Das war nicht irgendein Buch, das war sein Buch. Hier lag der schwarze Foliant aus seinem Traum, aus Lisas Traum, und während er sich wie unter Zwang den unheiligen Seiten dieses Werkes näherte, wusste Edward mit plötzlicher schneidender Klarheit, warum seine Freundin gestern schreiend aus dem Büro gelaufen war. Stoßweise hörte Ed sich atmen, er wollte weglaufen, doch konnte er nicht. Mit einem gigantischen Akt an Willenskraft schaffte er es seinen Beinen einen letzten Befehl zu geben: STOP!!!

Und tatsächlich blieb er stehen und konnte sich der hypnotischen Aura des schwarzen Bandes noch einen Moment widersetzten. Vor seinem geistigen Auge stieg das Bild auf, wie Lisa aus dem Stockwerk drei in das Treppenhaus geflüchtet war, wie sie etwas an ihre Brust drückte. Es war dieses Buch gewesen und Edward wusste, das auch sie sich der kosmischen Kraft dieses Folianten nicht hatte entziehnen können, was immer es mit ihr gemacht hatte.

Sie nicht, dachte Ed verzweifelt, aber ich, vielleicht schaff ich’s, O GOTT BITTE LASS MICH ES SCHAFFEN, LASS...

Mit unvermittelter Wucht, als würde man den Lautstärkeknopf einer Stereoanlage ruckhaft von Null auf Maximum drehen, setzte die grauenhaften Totengesänge des Buches in seinem Schädel ein. Edwards zuckte wie elektrisiert vor Schmerz zusammen, fiel fast von den Beinen, als die Stimme des Folianten ihn zu sich befahl und sie war derart kraftvoll und unaufhaltsam wie eine Dampflok in voller Fahrt. Er war total überrumpelt und konnte sich nicht mehr wehren. Hilflos musste er mit ansehen, wie sein Körper sich auf die Tischkante zu bewegte und die Hände nach dem dunklen Werk ausstreckte. Ein erstickter Schluchzer entwich seiner Kehle als die Hände, die ihm nicht mehr gehorchten, den Einband des Folianten berührten. Es fühlte sich seltsam lebendig an und er kannte dieses Gefühl aus seinen Träumen.

Tränen liefen ihm über das zu einer Grimasse verzerrte Gesicht. Dann war der Einband aufgeschlagen und gab den Blick frei auf uralte vergilbte Seiten, die in einer Sprache beschrieben war, deren Fremdartigkeit einfach nicht von Menschen sein konnte.

Edwards Rechte streckte sich nach diesen Seiten aus, wollte sie berühren, sie liebkosen. Alles in ihm wehrte sich dagegen, aber mehr als ein leichtes Zittern der Hand konnte er nicht erreichen und Ed merkte wie irgendetwas in seinem Verstand endgültig kaputt ging.

Plötzlich durchschoss es ihn, als hätte er an einen Hochspannungszaun gepackt: seine Finger berührten die Seiten, deren Schrift leicht zu glühen begonnen hatte und das Papier wurde auf einmal durchlässig.

Durchlässig für etwas anderes, was nicht in diese Welt gehörte, nicht hierher kommen dürfte und es doch tat. Seine Fingerkuppen erfühlten eine Veränderung in dem Papier, die mit den immer stärker glühenden Buchstaben einherging. Und dann wurde das Papier plötzlich flüssig und Ed’s Finger tauchten in sie ein, wie in eine Schale mit Wasser, verschwanden unter der Oberfläche. Kleine konzentrische Kreise breiteten sich auf der Papier/Wasseroberfläche aus und mit einem Mal erstrahlten die Seiten in einem Glanz als Blicke man in die Sonne selbst.

Und dann kam es.

Die Präsenz von der anderen Seite schoss durch seinen Hand in den Arm, bahnte sich ihren Weg zu Edwards Gehirn. Das alles geschah schnell wie einen Pistolenkugel flog und mit derselben Endgültigkeit. Edward fühlte das fremde Wesen sich mit tausenden Fangarmen in seinen Verstand krallen, in ihn eindringen und ihn durchziehen, jede Lücke und Spalte ausnutzend, wie Würmer sich in regennasses Erdreich wühlen. Er schrie schrill und heulend, doch der Laut war kein Ausdruck im Vergleich zu dem Schrei, den er in seinem Verstand ausstieß.

Plötzlich, als das Ding von der anderen Seite genug mentalen Halt gefunden hatte und weit genug in ihn eingedrungen war, fühlte er, wie sein Geist gepackt und verdreht wurde, zur Unkenntlichkeit gedehnt und dann gestaucht wurde.

Dann setzte ein Gefühl des Fallens ein und es wurde dunkel um Edward Dumont.

 

10

Mitten im Zentrum der Stadt stand ein dunkel verglaster Wolkenkratzer. Ein großer Vorplatz war vor dem noblen Gebäude angelegt. Anders als bei anderen Firmengebäuden wurde dieser jedoch nicht von einer Skulptur, die das Firmenlogo darstellte beherrscht. Auch kein Brunnen stand in der Mitte dieses Platzes und der Boden war mit dunklen Platten gepflastert, die ebenfalls nicht durch den Schriftzug einer Firma unterbrochen wurde. Eigenartiger Weise war kein Mensch auf diesem Platz zu sehen, abgesehen von den zwei Wachleuten, die links und rechts neben dem zweiflügligen Portal des Wolkenkratzers standen. Nicht, dass die Strassen wie ausgestorben gewesen wären, ganz im Gegenteil, es war die Zeit der Rush- hour, die morgendliche wohl gesagt, die Zeit, in der Jedermann durch die Strassen hastete, um möglichst pünktlich zu seiner Arbeit zu kommen. Daher waren die Strassen absolut überfüllt, Menschenmassen zwängten sich durch die von den hohen Gebäuden gebildeten Klüften und bewegten sich wie große Büffelherden träge über den Asphalt. Trotz dieser Enge kam Niemand auf die Idee die Gehwege zu verlassen und auf den Vorplatz besagten Gebäudes zu treten.

Unbewusst mieden die Menschen das Gebäude und den Vorplatz, der zu ihm gehörte, machten sogar kleine Umwege, nur um nicht einen Fuß auf das schwarze Pflaster setzten zu müssen. Ein aufmerksamer Beobachter hätte sogar bemerken können, dass die Passanten, die trotz allen Widerwillens an dem Wolkenkratzer vorbei mussten ein bisschen schneller gingen als sonst, nicht viel, gerade genug um der unheilvollen Aura des Hauses schneller zu entkommen, ohne das der Drang ihnen richtig ins Bewusstsein kam.

Daher war es bemerkenswert, dass eine Gestalt aus dem Trubel der Strasse ganz bewusst auf den schwarzen Pflasterplatz trat, und damit nicht genug, sich dem Portal des Wolkenkratzers näherte.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, der in einem nachtschwarzen Anzug steckte und eine Sonnenbrille trug, obwohl der Himmel wolkenverhangen war und ein Sommergewitter sich ankündigte. Der Mann hatte breite Silbersträhnen an den Schläfen, die auf dem ansonsten dunklen Haar wie Lichtstreifen wirkten.

Als der Mann zu dem Portal des Gebäudes kam, fasten ihn die zwei Wachmänner in ihren Blick. Ein kurzes Nicken ihrerseits ( das in perfekter Synchronisation geschah ) war alles was dem Mann zeigte, dass er passieren durfte.

Der Mann wusste über das Wesen der beiden Wachmänner bescheit, denn eigentlich bildeten die beiden ein Wesen, so unglaublich das vielleicht auch klingen mochte, es war so. Genau genommen war das Wesen, das wie zwei Wächter aussah, ja auch kein Mensch. Die zwei Menschen waren lediglich das Vehikel, mit dem es sich in auf dieser Seite bewegte. Eigentlich, so wusste der Mann, der jetzt durch das äußere Portal schritt und sich auf das innere zu bewegte, war es ein Zufall gewesen, dass das Wächterwesen sich zweier Körper bemächtigt hatte. Im Grunde hatte es nur den einen haben wollen. Da der andere allerdings ebenfalls bei dem Transfer in der Nähe des Tores war, hatte es beide genommen. Und kam hervorragend damit klar, das musste man ihm lassen.

Der Schwarzgekleidete hatte nun das innere Tor erreicht und schob eine kleine Schlüsselkarte in ein Lesegerät in der Nähe der Türe. Sofort schwangen die Flügel des inneren Portals auf und er konnte in den inneren Komplex des Gebäudes eintreten.

Hier drinnen war die dominierende Farbe ebenfalls schwarz und ein dämmriges Licht herrschte vor. Der Mann nahm seine Sonnenbrille ab. Noch hatte er sich nicht an die Lichtverhältnisse dieser Welt gewöhnt. Genau genommen musste er sich überhaupt erst mal daran gewöhnen Augen zu haben, war er doch auf der anderen Seite, in der anderen Welt quasi körperlos gewesen. Aus Rücksicht auf Neuankömmlinge im Diesseits hatte die Gesellschaft beschlossen ihren Hauptsitz in dunklen Farben und dämmrigen Licht zu halten.

Der Mann schritt durch dieses Dämmerlicht, welches eine große Eingangshalle erfüllte, auf einen Aufzug zu. Er musste in die oberste Etage, sich dem Vorstand vorstellen. Immerhin war er ja der Neue; gerade erst aus dem Strudel der anderen Seite entkommen. Der Aufzug öffnete sich automatisch als er sich näherte und nahm den Mann bereitwillig in sich auf.

Innen waren keine Knöpfe oder andere Bedienelemente angebracht, auch keine Anzeige, in welches Stockwerk man fuhr oder in welchem man sich gerade befand. Der Aufzug setzte sich von selbst in Bewegung und der Mann wusste, dass er genau da ankommen würde, wo er erwartet wurde.

Plötzlich durchzuckte eine Erinnerung des Anderen seinen Geist. Der Andere war auch häufig in Fahrstühlen unterwegs gewesen. Die waren allerdings weit weniger luxuriös gewesen als dieser es war. Edward Dumont hatte der Mann geheißen, dessen physischen Selbst dem Wesen, was in ihn eingedrungen war, nun als Gefäß diente. Ärgerlich, von so etwas belästigt zu werden, bestrafte es den Anderen mit Schmerzen. Leise konnte es ihn schreien hören.

Der Andere befand sich in einem Gefängnis, welches das Wesen von der anderen Seite für ihn errichtet hatte. Er war nun weit weg, und meistens bemerkte das Wesen ihn gar nicht, selbst wenn der im Wahnsinn rotierende Geist des Anderen rebellieren wollte. Man hatte das Wesen vorbereitet, es hatte alles unter Kontrolle.

Der Blick des Wesens fiel auf seine neue, ebenfalls schwarze Aktentasche, die aus feinstem Leder gearbeitet war. Sie enthielt nur einen einzigen Gegenstand. Es war ein Foliant; uralt. Aber eigentlich war der Gegenstand kein Foliant, genauso wenig, wie der Mann im Aufzug eigentlich ein Mensch war. Im Grunde war der Foliant ein Portal, das Portal, durch das er gekommen war. Ein hilfsbereiter Mitarbeiter der Gesellschaft ( sie waren mittlerweile viele, so viele ) hatte das Tor zu einem geeigneten Zeitpunkt in dem Büro des Anderen hinterlassen und das Wesen hatte ihn sich nehmen können. Das war ein großes Glück gewesen, denn die Lebewesen auf dieser Welt wurden manchmal vor den Existenzen der andern Seite gewarnt. Wie genau, das wusste die Gesellschaft noch nicht, aber sie würden es herausfinden, davon war das Wesen überzeugt.

Das Ding in dem Mann hatte aber auch noch in einer anderen Beziehung Glück gehabt, denn eigentlich war es nur die Frau gewesen, die die Gesellschaft hatte haben wollen. Aber die Frau und der Mann waren durch ein Band irgendwie verbunden gewesen und so war dieser neugierig geworden.

Mehr als gewöhnlich neugierig.

Daher hatte die Gesellschaft beschlossen ihn dem Wesen als Gefäß anzubieten, obwohl das Wesen eigentlich erst später au diese Seite hatte kommen sollen.

Jedenfalls war es jetzt hier.

Ein kurzer Blick auf das Handgelenk des Mannes zeigte dem Ding das es zur rechten Zeit in der obersten Etage ankommen würde. Die alte Uhr des Anderen war durch eine moderne Digitaluhr ersetzt worden, deren Ziffern bläulich in dem Dämmerlicht leuchteten.

Sie zeigte 6: 56 , doch für einen Augenblick, nur für einen kurzen Moment ( hätte man Geblinzelt, hätte man es wohl nicht gesehen ) war man versucht zu glauben, auch die zweite Ziffer wäre eine sechs gewesen.

Eine wundervolle Zeit, um die Welt aus den Angeln zu heben, dachte das Wesen und lauschte auf die fernen Schreie des wahnsinnigen Mannes, der einmal Edward Dumont geheißen hatte.

 

 

Ende

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