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In der Praxis

©2005 by GingerAss

 

Manfred Becker lag zugedeckt und ausgestreckt auf seinem Sofa und las in einer Zeitung, als ihm der Kopf zu schmerzen anfing. Obwohl es keine normalen Kopfschmerzen waren (wie er sie sonst aufgrund einer Migräneerkrankung immer hatte), sondern sehr starke und stechende Schmerzen, machte sich Manfred zunächst keine weiteren Sorgen darum und las weiter in seiner Zeitung. Die Schmerzen nahmen immer weiter zu, so dass er letztlich nicht mehr dazu fähig schien, weiter zu lesen. Er schaute auf die digitale Uhr auf dem Videorecorder, der im Schrank, der auf der anderen Seite des Raums lag, zwischen einem DVD-Player und einer D-Box eingebettet war, und bemerkte, dass es erst neun Uhr abends war; normalerweise ging er immer um etwa elf Uhr schlafen. Letztlich hielt er es nicht weiter aus, stand auf, ging ins Schlafzimmer und legte sich mit seinen Alltagssachen ins Bett in der Hoffnung, am nächsten Morgen geheilt aufstehen zu können.

Letztlich kam es anders, Manfred wachte um elf Uhr morgens auf und hatte immer noch Kopfschmerzen, wenn sie auch seit gestern Abend etwas nachgelassen hatten. Eigentlich hätte er in der Arbeit erscheinen sollen, doch hatte er vergessen, den Wecker zu stellen; außerdem war er unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage, zu arbeiten. Er lag in seinem Bett, die Decke sich vollkommen ungeordnet auf ihn drauf befindend, wobei sein linkes Bein unbedeckt war; er bemerkte, dass sein T-Shirt mit Schweiß durchnässt war. Er kam sich schäbig, dreckig und widerwärtig in diesem Zustand vor. Durch die Kopfschmerzen niedergedrückt lag er noch etwa eine halbe Stunde mit geschlossenen Augen mit dem Ziel da, wieder einzuschlafen. Schließlich konnte er mit dem Gedanken, nicht in der Arbeit erschienen zu sein, nicht einschlafen. Er öffnete seine Augen und griff mit der linken Hand nach einem schnurlosen Telefon, welches auf einem kleinen Sideboard neben dem Bett lag. Er tippte die einzelnen eingespeicherten Nummern durch, bis er zu derjenigen seiner Arbeit gelangte und gab diese ein. Am anderen Ende der Leitung nahm eine Frau den Hörer ab, die eine ellenlange Einleitung mit Informationen über die Arbeit kundgab und diese mit einem freundlichen "Wie kann ich Ihnen helfen?" ergänzte. "Kathrin?" fragte Manfred müde und fertig. "Ach so, du bist es, Manfred", sagte Kathrin.

"Kannst du bitte dem Chef sagen, dass ich heute nicht kommen werde?"

"Das ist ihm schon aufgefallen, aber ich werde es ihm natürlich sagen, ja. Was stimmt denn nicht?"

"Oh, ich habe die furchtbarste Migräne seit Langem. Das hält ja kein Mensch aus."

"Du solltest endlich mal etwas gegen deine Krankheit unternehmen."

"Na ich nehme ja jeden Tag meine Tabletten."

"Aber die scheinen ja nicht zu funktionieren."

"Und was schlägst du vor?"

"Also höre mal zu", begann Kathrin, die selber wegen des Helfersyndroms zum Arzt hätte gehen sollen, "ein Bekannter von mir war kürzlich bei einem Arzt, der hier erst seit zwei Monaten in der Stadt ist und sehr gut sein soll. Den guten Ruf dieses neuen Arztes hat mein Bekannter bestätigen können." "Und dein Bekannter ist jetzt gesund?" fragte Manfred etwas skeptisch. "Na ja", meinte sie ängstlich auflachend, "er hat vor wenigen Wochen Selbstmord begangen." "Ist das lustig?" fragte Manfred in ernstem Ton. "Nein, eigentlich nicht", erklärte Kathrin, "ich habe nur gelacht, weil ich dir einen Arzt empfohlen habe, nach dessen Besuch ein Bekannter von mir sich umgebracht hat. Na ja." Auch Manfred lachte jetzt kurz. "Ja, irgendwo ist es schon witzig, wenn auch ziemlich makaber", sagte er, "gib mir einfach mal die Adresse des Arztes, ich werde dann zu ihm gehen." "O. k., warte kurz", antwortete Kathrin, die nach etwa einer halben Minute wieder am Hörer erschien und fort fuhr, "also seine Praxis ist in der Hannelore-Kohl-Straße Zwölf, er heißt Doktor Peter Heinz." Manfred und Kathrin verabschiedeten sich noch und legten auf.

Manfred stand auf, es ging ihm ein wenig besser, aber dennoch miserabel genug, um einen Arztbesuch rechtfertigen zu können. Er hatte keine Lust zu essen und zu duschen, aber zumindest Letzteres musste er tun bei den Flüssigkeiten, die seine Haut bedeckten. Nachdem er sich gesäubert und sich frische Sachen angezogen hatte, verließ er seine Wohnung. Er wollte nicht mit dem Auto hinfahren, da seine Kopfschmerzen die Wahrscheinlichkeiten eines Unfalls erhöhten. Schließlich gelangte er zur Praxis, öffnete die schwere Tür, die aus undurchsichtigem Glas bestand, und trat ein. Gleich an der Wand war bereits die Kasse, zu der er hinging und "Hallo" sagte. Zwei Schwestern saßen dahinter, die eine telefonierte, die anderen tippte an einem Computer herum, keine grüßte zurück. Schließlich legte eine auf, notierte mit unhöflicher Geduld etwas und wandte sich Manfred zu. "Ja, bitte?" fragte sie. "Ich habe seit gestern furchtbare Kopfschmerzen", antwortete Manfred. "Bekomme ich bitte Ihre Krankenkarte?" fragte die Schwester, woraufhin Manfred in seinem Geldbeutel herumwühlte, eine Karte herausholte und diese der Schwester gab, die sie sich genauestens anschaute. Nachdem sie etwas in einen anderen Computer eingetippt hatte, gab sie die Karte zurück und sagte: "Setzen Sie sich bitte in den Wartesaal, wir werden Sie dann aufrufen." Manfred drehte sich um und stieg durch einen Türrahmen, deren Tür entfernt worden war, hindurch in ein Zimmer, welches von etwa zwanzig Stühlen, die allerdings nicht einmal zur Hälfte besetzt waren, begrenzt wurde. Auf einem Tisch in der Mitte lagen mehrere Zeitschriften, Manfred nahm sich eine PC-Zeitschrift, die er sonst nie las, und setzte sich auf einen freien Platz.

Nach etwa einer halben Stunde wurde er aufgerufen und von der Schwester in ein Zimmer mit der Nummer Vier gebracht. Für eine Arztpraxis hatte das Zimmer überraschend wenige Instrumente und Materialien aufzuweisen. Manfred setzte sich auf einem gewöhnlichen Stuhl aus Stahl mit einem etwas zu dünn geratenen Kissen. Auf der anderen Seite des Tisches, vor dem sich diese Sitzgelegenheit befand, erhob sich ein brauner Lederstuhl, vermutlich für den Arzt. Auf dem Tisch lagen einige Papiere und ein Computer, an den Wänden hingen verschiedenste Plakate, auf denen über diverse Krankheiten von einer Erkältung bis hin zu Blutkrebs aufgeklärt wurde. Schließlich trat der Arzt mit einem freundlichen Lächeln ein. "Ah, dann haben wir ja einen neuen Stammkunden", sagte er, "ich grüße Sie, mein Name ist Peter Heinz." Er drückte Manfreds Hand sehr fest, der etwas schüchtern zurückgrüßte. Doktor Heinz setzte sich auf den ledernen Stuhl, las sich mit einem "Na, was haben wir denn da" die Papiere auf dem Tisch durch und schaute sich irgendetwas von seinem Computer Ausgestrahltes an. "Ah ja, Sie leiden an einer Migräneerkrankung", diagnostizierte er, "und haben zwei verschiedene Tabletten verschrieben bekommen. Wie oft nehmen Sie sie?" "Jeden Tag eine von jeder Sorte", antwortete Manfred, dem der Arzt sehr sympathisch war. Doktor Heinz lehnte sich auf dem Stuhl mit verschränkten Armen zurück und schaute sich Manfred skeptisch an, während er für sich leise sagte: "Jeden Tag eine von jeder Sorte." Er wurde wieder etwas lauter und meinte, sich nach vorne lehnend: "Ja, das ist gut, das ist sehr gut, machen Sie damit nur weiter." Nach einem kurzem Überlegen ergänzte er: "Ich glaube, so richtig los werden Sie ihre Krankheit nicht. Leider." "Ja, das hat mir mein Hausarzt auch schon gesagt", meinte Manfred. "Stehen Sie mal auf", forderte Doktor Heinz ihn auf. Er nahm eine kleine, fingergroße Taschenlampe und leuchtete damit in die Augen, deren Lider er mit seinen kräftigen Fingern aufgerissen hatte, und dann in den Mund, den Manfred nach seiner Aufforderung geöffnet hatte. "Hm, etwas Merkwürdiges gibt es da ja nicht", meinte er, "heben Sie mal Ihre Arme." Er tastete nun an den Rippen und auch am Becken, für Manfred ein kitzelndes und leicht unangenehmes Gefühl, welches ihn an unschöne Kindheitserlebnisse erinnerte. Der Arzt ging einige Schritte zurück und schaute sich Manfreds nackten Oberkörper an. "Also, ich denke, die einzige Lösung für das Problem wäre Selbstmord", sagte er schließlich. Manfred schaute ihn missverständlich an und lachte schließlich. "Das ist kein Witz", meinte Doktor Heinz, "über so etwas macht man keine Witze." "Ihre Diagnose ist doch nicht Ihr Ernst, oder?" fragte ihn Manfred mit einem ironischen Blick. "Also ich habe Medizin studiert und einen Eid geschworen, es geht mir sehr wohl um die Gesundheit meiner Patienten", begann der Arzt etwas beleidigt wirkend, "nur weil ich vielleicht etwas lockerer bin als meine Berufsgenossen heißt das noch lange nicht, dass ich jene verarsche." "Sie wollen jetzt allen Ernstes mir weismachen, dass mir nur der Freitod hilft? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!" rief Manfred mit einem Mitleid erregenden Blick. Der Arzt fasste sich mit der linken Hand an die Stirn, den Kopf leicht geneigt haltend, und stützte den rechten Arm an seine rechte Körperseite ab. "Ich verstehe Sie natürlich, die Meisten meiner Patienten kommen damit nicht klar", erklärte er wieder zu Manfred blickend. "Was soll das jetzt heißen? Haben Sie auch Andere zum Selbstmord gezwungen?" fragte Manfred stark gestikulierend. "Nein, Sie sehen das falsch", rechtfertigte sich Doktor Heinz, "gezwungen habe ich niemanden. Ich untersuche meine Patienten und gebe diesen einen ärztlichen Rat. Es hängt dann von ihnen ab, wie sie weiter fortfahren. Der Grossteil sieht dann aber ein, dass Selbstmord die beste Lösung wäre." Einige Sekunden standen beide schweigend im Zimmer herum, bevor Doktor Heinz Manfred zum vertraulichen Gespräch einlud: "Setzen Sie sich doch bitte, ich werde versuchen, es Ihnen zu erklären." "Versuchen Sie es", sagte Manfred abweisend, der sich, ebenso wie sein Arzt, wieder hinsetzte.

"Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung?"

"Sind Sie Psychologe?"

"Ich habe neben Medizin und Philosophie auch Psychologie studiert. Dieses Fach ist wichtig für meine Arbeit, ohne könnte ich meinen Job niemals so gut hinbekommen."

Manfred schaute ihn mit einem wütenden Blick an, obwohl er lediglich verwirrt war.

"Also, Ihre früheste Kindheitserinnerung."

"Das ist schwer zu sagen, ich habe viele Erinnerungen, die ich nicht richtig datieren kann, wobei…"

Nach kurzem Überlegen antwortete er: "Als mein Großvater starb. Also ich habe seinen Tod nicht mitbekommen, ich kann mich nur an die Beerdigung erinnern, als alle, vor allem meine Mutter, weinten. Meine Großmutter weinte aber nicht, sie war seit Jahren ein Pflegefall und nahm ihre Umgebung gar nicht mehr so wahr." "Sehen Sie? Das ist es ja: das Leben besteht nur aus Leiden", erklärte Doktor Heinz sich zurücklehnend und die Arme am Hinterkopf wie zum Gebet faltend. "Na ja, irgendwann muss ja jeder sterben", entgegnete Manfred, "mein Großvater war ja auch schon sehr alt." "Ja, Ihr Großvater verstarb. Und das verursachte Leiden bei Ihrer Mutter. Und nicht zu vergessen Ihre Großmutter, die seit Jahren ein Pflegefall war, demnach schon seit Jahren litt", argumentierte der Arzt in einem ruhigen, ernsten Ton, das genaue Gegenteil seines Verhaltens als er in das Zimmer eingetreten war. "Ich habe auch sehr viele schöne Erinnerungen an meine Kindheit", erwiderte Manfred etwas zornig. "Ja? Erzählen Sie nur, ich höre gerne zu", sagte Doktor Heinz. "Ein sehr schöner Tag in meinem Leben war, als meine Eltern und ich meine Tante besucht haben", begann Manfred, "sie wohnte in einer etwas weiter entfernten Stadt und darum freuten wir uns erst recht darauf. Ich bekam sehr viele Geschenke und habe viel mit der Katze meiner Tante gespielt. Und überhaupt mochte ich meine Tante sehr gerne, sie war sehr nett." "Sie haben Ihre Tante also nur sehr selten gesehen. War das kein schmerzhaftes Empfinden, von Ihrer geliebten Tante so weit entfernt leben zu müssen?" fragte der Arzt. "Ja, doch", sagte Manfred, der seinen Blick vom Arzt zum Tisch hin abwendete. Er schaute traurig und nachdenklich, der Arzt hatte ihn mehr oder weniger überzeugt. "Das ist es gerade, was ich meinte", fasste er zusammen, "das Leben besteht nur aus Leiden. Selbst glückliche Tage sind mit den schrecklichen verbunden. Wenn Sie mal eine längere schöne Zeit verbracht haben, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, bald wieder auf eine grausame Zeit zu stoßen. Jeden wunderbaren Tag kommen Sie einem furchtbaren näher. Jedes Mal, wenn die Sonne scheint, wissen Sie, dass es bald wieder regnen wird. Jeden Tag, den Sie leben, kommen Sie dem Tod ein Stück näher." Manfred schaute ihn kurz an, blickte aber wieder weg. Er wendete sein ganzes Gesicht ab, er traute sich nicht, dem Arzt in die Augen zu schauen, er schämte sich dafür, im Unrecht gewesen zu sein. "Ich weiß nicht, inwiefern die Tabletten, die Ihnen mein Kollege verschrieben hat, wirken und Ihnen helfen. Ich habe das Gefühl, dass sie ziemlich versagen und Sie Ihre Migräne nicht mehr los bekommen werden. Aber selbst wenn solch ein Wunder eintreten sollte, früher oder später würde eine andere Krankheit oder eine andere Plage über Sie herfallen", fuhr der Arzt fort, während er sich leicht nach vorne beugte, "wenn man weiß, dass das Leben einem nur Schmerzen bereitet, warum tut man es sich dann überhaupt an? Man sollte gleich am Anfang aufgeben. Das sage ich nicht nur Ihnen, sondern jedem meiner Patienten. Nur die wenigsten besitzen die Arroganz zu behaupten, das Leben hätte auch schöne Seiten, die es lebenswert machen würden." Nach einer kurzen Pause ergänzte er: "Ich bin gleich wieder da." Er ließ Manfred im Zimmer zurück, dem einige Tränen in die Augen stiegen. Doch schließlich musste er sich eingestehen, dass der Arzt als Experte in diesem Gebiet Recht hatte. Dieser kam nach wenigen Minuten mit einem relativ langen Messer zurück. "Nehmen Sie dieses, verglichen zum Leben wird es nicht allzu schlimm", sagte er. Manfred nahm den Griff in die Hand und richtete den Stahl gegen seinen Bauch. Doktor Heinz fasste ihm leicht an die Schulter und meinte leise: "Sie müssen es in einem Ruck in den Leib stoßen. Es dauert nur wenige Sekunden und Sie haben das Schlimmste hinter sich." Manfred fing zu weinen an und stammelte zu Doktor Heinz hinaufschauend: "Ich habe doch noch meine Eltern und meine Freundin und andere Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Ich kann Sie doch nicht einfach allein lassen, ich möchte Sie noch einmal sehen." Der Nasenschleim triefte ihm auf die Lippen, was Doktor Heinz dermaßen anwiderte, dass er seine Hand zurückzog. "An was denken Sie?" fragte er. "Wie ich sie küsse und umarme, wie ich mit ihnen zusammen bin, mit ihnen lachte und die schönsten Tage in meinem Leben verbrachte", rief Manfred stark weinend. Er ließ das Messer fallen und fasste sich ins Gesicht, welches er nach unten gerichtet hielt, damit es der Arzt nicht sehen konnte. "Das ist der Fehler", sagte dieser, "vergessen Sie nicht, was Ihre Eltern und Ihre Freunde Ihnen alles angetan haben. Sie haben sie alle nicht grundlos gehasst, als Sie die schlimmste Zeit in Ihrem Leben verbracht haben. Da gibt es doch bestimmt einen, der sich an Ihre Freundin heranmacht; früher oder später wird sie schwach, auch wenn Sie überleben. Oder Ihre Eltern, die Sie in Ihrer Pubertät nicht unterstützt, sondern mit Füßen getreten haben. Ganz zu schweigen von Ihren heuchelnden Freunden, die Ihnen die ganze Zeit in den Rücken gefallen sind." Doktor Heinz hob das Messer auf und drückte es Manfred abermals in die Hand. "Direkt in den Bauch und alles ist vergeben und vergessen", sagte er noch kurz. Manfred fasste den Griff und stieß sich das Messer in den Bauch. Er schrie laut auf, jedoch kamen aus seinem Mund nicht nur Schmerzensschreie, sondern auch Unmengen Blut. Sie flossen ihm heraus, als ob er erbrechen würde. Manfred schaute hinab und sah seinen blutüberströmten Pullover, welche seine Mutter ihm einst gestrickt und zu Weihnachten geschenkt hatte. Er sah ebenso seine blutigen Hände, die das fest steckende Messer immer noch hielten. Langsam zog er es heraus und sah zu, wie noch mehr Blut aus dem Bauch floss. Schließlich fiel er zur Seite und hinterließ eine sich weiter ausbreitende Blutlache.

Doktor Heinz öffnete die Tür und rief in den Gang nach der Schwester, die auch sofort erschien. "Räumen Sie ihn bitte zur Seite und wischen Sie auch gleich die Sauerei, die er hinterlassen hat, weg", befahl er. Während sie seinen Körper in eine würdigere Stellung brachte, ging Doktor Heinz ans Fenster und schaute hinaus. "Das hasse ich an meinem Beruf. Dieser ganze widerwärtige Dreck, der dabei entsteht. Ich fasse es einfach nicht", sagte er. Eine zweite Schwester trat nun ein und sagte dem Arzt, der sich umdrehte (er hatte durch die Schritte ihr Erscheinen mitbekommen): "Ihre nächste Patientin Jeanette Schmitt erwartet Sie in Zimmer Drei." "Ach ja, die kleine Jeanette", antwortete der Arzt, "ich freue mich auf sie. Sie wissen ja, wie gern ich Kinder habe." Er nahm aus einer Schublade ein Messer und verließ das Zimmer.

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