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Hobb's End 

 


© 2001,2002 anonym (Name dem Webmaster bekannt)
     "Paul," hatte sein Vater ihm einmal gesagt "es gibt zwei Orte auf dieser Welt, wo du nie in Schwierigkeiten kommen solltest, weil niemand da sein wird um dir zu helfen. Im Busch - damit meinte er Vietnam, wo er fast ein halbes Jahr gekämpft hatte - und auf einer Landstraße in Nebraska."

Er hatte dies mit seinem anmutigen gelbzahnigen Lächeln gesagt das für Paul immer den Inbegriff väterlicher Liebe und Führsorge symbolisiert hatte. Ein halbes Jahr später war er an Lungenkrebs gestorben, dem er zwei Operationen zu verdanken hatte. Er liebte starke kubanische Zigarren über alles.
Seine Mutter hatte danach angefangen zu trinken, und starb 6 Jahre später, bei einem Autounfall, den sie nicht verschuldet hatte. Damals war Paul 22 gewesen, und lebte gerade seit 2 Monaten in einem New Yorker Vorort, was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass er ihren Tod nie überwand. Er hatte seine Mutter geliebt - mehr als seinen Vater, den er nur am Wochenende zu Gesicht bekam - aber vor allem fühlte er sich schuldig. Auch wenn ihm jeder sagte er wäre es nicht, und er es selbst wusste, er fühlte sich schuldig. Dann hatte er Melissa kennengelernt - und sie vor einem Jahr geheiratet - und eine Anstellung in dieser schleimscheißerischen New Yorker Bankfiliale gefunden. Seitdem ging es in seinem Leben wieder aufwärts.
Der Krieg in Vietnam war inzwischen vorbei - zum Glück, und sein Vater war als gefeierter Veteran heimgekehrt - aber Landstraßen in Nebraska waren so gottverlassen wie schon immer.
Diese Perle der Weisheit - wohl eher eine billige Glasperle - schoss Paul durch den Kopf, als er einen ohrenbetäubenden Knall hinter sich hörte. Der Schreck fuhr ihm in die Knochen, und sein Herz setzte mehr als einen Schlag aus.
Es war der Knall eines platzenden Autoreifens, das wusste er sofort, aber gleichzeitig war es auch die platzende Seifenblase, in der er und Melissa einen romantischen Winterurlaub in den Bergen von Colorado verbrachten. Sein Kumpel Harry hatte gesagt, der Hotelbesitzer sei ein Arschloch, aber das war im Moment Pauls kleinstes Problem.
Zum Glück war Paul langsam gefahren, aber das Wetter erlaubte ja nichts anderes. Das war kein Schneesturm, das war ein gottverdammter Blizzard.
Er lenkte scharf nach rechts und die Bremsen quietschten unerträglich, während sie sich ein paar mal um die eigene Achse drehten. Einen schrecklichen Moment dachte Paul das Auto würde sich überschlagen - und in diesem Fall wären sie wahrscheinlich in dem Wrack gestorben - doch schließlich kam der Wagen krachend mit der Vorderseite auf einem Acker zum Stillstand. Jede Wette das dies ein Maisfeld war, ganz Nebraska war nichts anderes als ein riesiges Maisfeld.
Melissa war aus dem Schlaf hochgeschreckt und hatte im Akkord zu den Bremsscheiben - und zu Paul - gekreischt, doch nun atmete sie nur noch hastig vor sich hin. Einen Moment glaubte Paul er würde ohnmächtig werden, aber er blieb bei Bewusstsein, auch wenn sich immer noch alles drehte. Es war, als säßen die beiden in einer riesigen Wäschetrommel. Das Schweigen in dem Kleinwagen war fast erdrückend und irgendwie unheimlich, dann brach Melissa es.
"Paul, w-was ist pa-passiert? Bist du in Ordnung?"
Zuerst sagte er gar nichts, einfach nur um wieder Ordnung in das Chaos in seinem Verstand zu bringen. Er berührte seine Stirn in der Erwartung warmes Blut daran zu spüren, aber er konnte nur den Herzschlag in den Schläfen spüren.
"Ja... ich glaube unser Reifen hat sich verabschiedet." Nach einer kurzen Pause fügte er bekräftigend hinzu: "Scheiße!"
Bevor sie etwas antworten konnte stieg er aus und knallte die Vordertür wütend zu. Draußen schneite es, und Paul musste seine Augen vor dem Schnee schützen, den der Wind ihm ins Gesicht peitschte.
Das schwache Licht der Scheinwerfer genügte. Statt des Reifens hing nur noch ein Stück loses Gummi um die linke hintere Felge. Er sah nach hinten, die Straße entlang aber der dichte Schnee verweigerte ihm jede Sicht.
Mit zitternden Händen öffnete Paul die Wagentür und stieg ein.
"Es war wirklich der Reifen! Verdammter Mist." "Kannst du nicht den Ersatzreifen...?", begann sie, dann fiel Melissa die Antwort von selbst ein.
"Der steht zu Hause in der Garage." Zornig hämmerte Paul seine Faust auf das Lenkrad. Sie hatten schon heute Nachmittag - gleich nach dem Mittagessen bei Hab's Tankstelle - bemerkt, dass sie das Scheißding vergessen hatten. Paul hatte letzte Woche den halben Wagen auseinandergenommen und vergessen den Reifen wieder unter dem Kofferraum zu verstauen. Oh edler, tapferer Pickup aus dem Königreich Yankeeland, komm und rette die schöne Prinzessin und ihren Gemahl.
Bei diesem Gedanken konnte Melissa sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Paul ignorierte es. "Was sollen wir jetzt tun? Auf drei Reifen und einer Felge kommen wir nicht weit."
"Wenn wir zu Fuß gehen, erreichen wir das nächste Kuhkaff nur als Eiszapfen."
Paul musste nur seine Ohren berühren, um die trockene Wahrheit darin zu erkennen.
"Wenn wir hier auf Hilfe warten kann das ewig dauern. Wir müssen fahren. Vielleicht schaffen wir es zurück nach... " Paul überlegte, aber ihm fiel nicht ein, wann sie die letzte Tankstelle gesehen hatten. "Wir fahren lieber geradeaus weiter", sagte er schließlich.
"Viel bleibt uns nicht übrig", stimmte Melissa zu.
Er legte den Rückwärtsgang ein - ein Glück das der Wagen Frontantrieb hatte - und trat auf das Gaspedal. Ein Ruckeln ging durch das Auto, als der Motor ansprang. Erst drehten sich die Reifen nur knirschend im Schnee, dann trafen sie auf die vereiste Erde, und beförderten den Ford zurück auf die Straße. Paul atmete erleichtert auf. Er riss das Lenkrad nach links herum und sie fuhren weiter, mit dem schleifenden Geräusch der freiliegenden Felge in den Ohren. Nach etwa einer halben Meile - das Geräusch der Felge hörte sich verdammt beunruhigend an und Paul wäre zwei mal fast wieder auf einem verdammten Maisfeld gelandet - sahen sie ein Straßenschild auf dem in verblichenen Lettern

Willkommen in
Hobb's End

stand. Irgendein Witzbold hatte den Aufkleber eines Radiosenders über das S geklebt, und das Schild stand ein wenig schief in der Erde. Keiner der beiden sagte etwas, aber jedem fiel eine ganze Felslawine vom Herzen. Kurz darauf tauchten die ersten Straßenlampen (von denen nur noch jede zweite ging) und Bauerhöfe auf. Was Paul überraschte war, das nun entlang der Straße (wie ihm vorkam die einzige in der Stadt) auch Häuser auftauchten. Er parkte den Ford vor Joe's Bar, die leider schon geschlossen hatte.
"Komisch", sagte Melissa. "Ich hab noch keinen Menschen hier gesehen."
Paul warf einen Blick auf eines der Häuser und sah, dass Licht brannte.
"Wir sind ja auch nicht in New York, wo man Nachts aufpassen muss, dass man nicht über einen Besoffenen stolpert. Außerdem ist es halb 3 Uhr nachts und es schneit verdammt heftig. Da kannst du nicht viel erwarten."
Sie sah ein, dass er recht hatte.
"Und was jetzt?"
"Wenn Joe's Bar zu ist, dann hat Steve's Werkstatt wahrscheinlich auch geschlossen, oder?"
Das entlockte ihr ein verhaltenes Lächeln.
"Dann müssen wir Bates' Motel suchen."
Er grinste zurück, und wären sie nicht in dieser beschissenen Situation, würden beide wahrscheinlich in schallendes Gelächter ausgebrochen. "Norman Bates würde hier nach kürzester Zeit pleite gehen. Wir warten am besten bis morgen früh. Da kann uns dann sicher jemand helfen. Um diese Zeit bei diesem Wetter in diesem Kaff finden wir wohl kaum jemanden. Wir können nicht irgendjemanden aus dem Bett klingeln."
"Und du glaubst ich kann jetzt schlafen?"
"Vorhin hast du es auch gekonnt. Um die Uhrzeit kann das jeder."
Vorhin hatten wir auch vier Reifen wollte sie sagen, aber statt dessen drehte sie sich von ihm weg, und lehnte den Kopf gegen ihren Pelzmantel - ein Geschenk ihrer Mutter, das sie vermutlich ein Vermögen gekostet hatte.
"Gute Nacht, Schneewittchen!", flüsterte Paul grinsend.
"Das war Dornröschen!", murmelte sie.
Er sagte nichts mehr, sondern lehnte sich zurück. Gegen 3 Uhr stellte Paul fest, dass er derjenige war, der Probleme beim Schlafen haben sollte. Er war nur kurz eingedöst, aber jetzt wieder wach. Er warf einen kurzen Blick auf Melissa, und sah im getrübten Licht der Straßenlampen wie sich ihr Brustkorb gleichmäßig hob und senkte. "Dornröschen", dachte er, dann schloss Paul Howell die Augen wieder.

     Als Paul erwachte fiel sein von Müdigkeit getrübter Blick zuerst auf die grün leuchtende Digitaluhr unter dem Tacho - sie zeigte 9.27 Uhr - dann auf den leeren Beifahrersitz. Es war stockdunkel, und die vordere Scheibe wurde vollkommen von Schnee eingedeckt, aber er konnte es trotzdem erkennen. Dann schloss er die Augen wieder, und obwohl sein Rücken furchtbar schmerzte glitt er einen Moment wieder in den Schlaf.
Es ist 9.27 Uhr, aber noch dunkel. Obendrein ist Melissa weg, und du schläfst???
Es war vor allem dieser letzte Gedanke, der ihn zurückholte. Er sah noch einmal auf den Beifahrersitz, der nur vom dem schwachen Licht der Straßenlampen erhellt wurde - der Mond hatte sich wahrscheinlich hinter ein paar Wolken versteckt. Ihr Pelzmantel war noch da, aber Dornröschen selbst nicht. Paul drehte sich um. Auf dem Rücksitz lag nur ihre Handtasche. Das wirke besser als jeder Kaffee. Mit einem Schlag war Paul hellwach.
"Melissa?"
Keine Antwort. Natürlich nicht. Sie musste draußen sein.
Ohne Mantel?
Er lehnte sich zurück, spürte ein beißendes Stechen im Rücken und seufzte.
Ganz ruhig Paul. Sie wird nur kurz rausgegangen sein, um ihr Wasserwerk zu leeren. Oder vielleicht hat sie jemand vor
Joe's Bar gesehen und ihn um Hilfe gebeten. Vielleicht hat...
Und wieso ist es um halb zehn noch dunkel?
Die Uhr ist stehen geblieben.
Ist sie nicht!!!
Dieser letzte Gedanke kam nicht vom rationalen Teil seines Verstandes. Paul hatte den Eindruck, als käme er überhaupt nicht aus seinem Kopf. Er warf einen prüfenden Blick auf die Digitaluhr - 9:29 - dann auf die Swatch an seinem Handgelenk. Er konnte die Zeiger nur schwer erkennen, aber der Kleine stand unweigerlich auf der 6.
"Verdammt, was ist hier eigentlich los", dachte Paul, und bei diesem Gedanken erfüllte ihn zu ersten Mal dieses Gefühl. Er war kein gewöhnliches, simples Gefühl wie Angst, Freude oder etwas derartiges, es war in gewisser Weise alles zusammen, nur manches stärker als das andere. Und derzeit war das Unbehagen am stärksten. Er wünschte sich zurück nach New York, oder - noch besser - in die Berge von Colorado, ins Overlook Hotel, wo er mit Melissa zwei Wochen verbringen wollte.

      Er hatte 3 Minuten gewartet. Nur für den Fall dass sie wirklich mit ihrem Wasserwerk beschäftigt war, obwohl er dies nie geglaubt hatte. Sie kam nicht. In diesen drei Minuten wäre er mehrmals fast wieder in den Schlaf gesunken, aber Paul blieb wach. Dafür wäre im Moment wirklich der falsche Zeitpunkt. Jetzt reichte es. Er riss sich die wärmende Daunenjacke von den Oberschenkeln, und stieß wütend die Tür auf. Als Paul hinaustrat sank er sofort bis zum Knöchel in Schnee ein. Er zog sich an, und knallte die Tür zu. In Joe's Bar brannte immer noch kein Licht, nur vereinzelt in ein paar Häusern. Auf der Straße war kein Mensch, einzig der Schein der Laternen hüllte ihn ein. Es war alles genau wie gestern Nacht.

     Das war unmöglich. Um 9.30 Uhr war es hell, auch in Nebraska. Und wo war Melissa?
"Melissa?", rief er.
Keine Reaktion.
Verdammt, was zum Teufel ist los?
Paul begann zu zittern, aber er stand starr auf der Straße und ignorierte die Schneeflocken, die der Wind ihm ins Gesicht blies.
Wie konnte es um diese Zeit noch so finster sein - finster traf es wesentlich besser als dunkel, oder nicht? Wo war Melissa? Wo waren alle anderen? Und noch wichtiger, was sollte er jetzt tun? Er rief erneut nach ihr, bekam aber nur vom Rauschen des Windes eine Antwort. Paul öffnete die Wagentür, und nahm eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach. Vorerst reichte das Licht der Straßenlampen - auch wenn fast jede zweite ausgefallen war - aber etwas sagte ihm er würde sie vielleicht brauchen.
"Melissa!!!", diesmal lauter. Irgendjemand musste das doch hören.
Wenn jemand da wäre.
Wieder hatte er dieses Gefühl, doch nun war die Angst am stärksten. Dieser Gedanke war ihm noch nicht gekommen. Na gut, in ein paar der schäbigen Häuser brannte Licht, aber es musste zumindest manchmal an- oder ausgeschaltet werden. Er blickte die Straße entlang, und neben den Ford, aber er konnte keine Fußspuren im Schnee sehen. Melissa musste schon ziemlich lange weg sein. Aber wieso war keiner auf der gottverdammten Straße?
Was erwartest du von einem Ort, wo es um halb 10 noch dunkel ist.
Das gab ihm den Rest. Paul verspürte den unheimlich starken Drang in den Wagen zu steigen und zu verschwinden - verdünnisieren, wie seine Mutter immer gesagt hatte. Melissa einfach hier lassen, und weiter fahren, egal wohin. Dieser Ort gefiel ihm nicht, war ihm sogar ziemlich unheimlich.
Dann fiel ihm der Reifen ein.
Zum ersten Mal wurde Paul Howell bewusst, dass er in wirklich ernsthaften Schwierigkeiten steckte.

     Vorhin war sie noch nicht da gewesen. Da war er sich ganz sicher. Nicht bevor er die Taschenlampe geholt hatte, und gestern auch nicht. Neben Joe's Bar - inzwischen begann er sie zu hassen - erstreckte sich die ziemlich enge Straße, auf der einige Autos parkten. Paul starrte erschrocken darauf. Er war sich sicher, dass sie vorher nicht da war, aber... er musste sich irren. Oder aber er...
Paul!
Ein leises Flüstern in seinem Kopf, oder vielleicht neben seinem Ohr. Aber unverkennbar Melissas Stimme. Paul fuhr herum, wobei er fast im Schnee ausrutschte, aber da war niemand. Also doch in seinem Kopf.
Und obwohl Paul immer noch hier weg wollte - und fürchterlich bibberte - trugen ihn seine Füße die Straße neben Joe's Bar entlang. Genauso sicher wie er gewusst hatte, dass er die Taschenlampe brauchen würde, wusste er nun auch, wo er Melissa finden würde. Was blieb ihm auch übrig, außer seiner Intuition zu folgen. Er saß in diesem verdammten Kaff fest und er musste Melissa finden, und... und vor allem hier raus. Hier ging irgendetwas vor, dass er nicht verstand.
"Melissa?"
"Paul ich bin hier!"
Dieses Flüstern war keine Einbildung. Sie war hier. Irgendwo vor ihm, in dieser Gasse, die es nicht geben durfte, eingehüllt von Dunkelheit, die es genauso wenig geben durfte, und Schnee den es leider reichlich gab.
"Melissa? Wo bist du?"
Diesmal bekam er keine Antwort.
Er stampfte weiter durch den Schnee, und merkte wofür er die Taschenlampe brauchte. Neben dieser Straße gab es keine Laternen, warum auch immer. Inzwischen wunderte ihn gar nichts mehr. Der Lichtkegel schwenkte von rechts nach links, fiel aber auf nichts von Bedeutung, außer... außer einem Schatten. Ein dunkler Fleck der kurz darauf nach rechts verschwand tauchte kurz im Schein der Lampe auf.
"Melissa!!! Verdammt, bist du hier irgendwo?"
"Hier Paul!"
Das kam von überall her, aber gleichzeitig von nirgendwo. Er folgte dem Schatten und nach einigen Schritten sah er eine alte, rostige Eisentür in einer Marmorwand. Sie stand offen. Erneut verspürte er den Drang zum Wagen zurückzulaufen, aber er wiederstand ihm. Statt dessen trat er durch die Tür, in die abweisende Schwärze dahinter.

     "Hallo? Jemand da?" Er war gut drei Meter in die Halle eingetreten.
Keine Antwort, aber dennoch hörte er das monotone Flüstern von Stimmen, die wie sehr weit entfernt klangen. Er rief erneut, doch vergeblich. Nur das Nuscheln der Stimmen die nicht da waren. Oder doch?
Paul, verschwinde von hier! Melissa geht es gut, aber dir bald nicht mehr. Verschwinde lieber. Hier geht etwas vor, und du steckst mitten drin. Lauf zum Wagen, und fahr soweit du auf der Felge kommst, oder lauf einfach zu Fuß weg. Aber du musst weg von hier. An dieser Stadt ist etwas faul.
Es war die warme, einfühlsame Stimme seiner Mutter, aber es hörte sie kaum. Statt dessen hörte er nur die Stimmen in der Dunkelheit und die Schritte. Die Stimmen redeten laut und deutlich, aber in einer Sprache, die er nicht verstand. Trotzdem hörte er auch sein eigenes, pochendes Herz.
Er drehte sich ungeschickt um, wobei er fast der Länge nach hingeflogen wäre, und versuchte in alle Richtungen gleichzeitig zu leuchten. Aber im Schein der Lampe tauchten immer nur alte Kisten, und einmal ein großes Eisentor auf. An den Wänden klebten Spinnweben, und bildeten bizarre Formen. Wohin der auch sah, das Flüstern und die Schritte waren immer hinter ihm.
Plötzlich spürte er ein heißes Schnaufen neben seinem Ohr. Paul wirbelte herum, aber da war nichts. Sein Herz begann zu rasen, und seine Kehle schnürte sich zu. Das alles wurde ihm zu unheimlich.
Wieder Schritte neben ihm, so nah das er sicher war, er könne denjenigen berühren, der da war. Er streckte seine Hand aus, und für einen kurzen Moment berührte er etwas kaltes. Erschrocken schrie Paul auf, und riss die Hand zurück. Als er in die Richtung leuchtete war da niemand. Sein Atem raste. Paul zitterte am ganzen Leib, aber nicht wegen der Kälte, sondern aus Angst.
"Paul!"
Melissas Stimme. Genau neben seinem Ohr, so dass er ihren Atem spüren konnte.
Das war zu viel. Paul gab einen entsetzten Schrei von sich, und rannte auf das schwache Licht zu, dass durch die offene Tür hereinfiel. Einen Augenblick glaubte er sie würde ins Schloss fallen, kurz bevor er sie erreichte und ihn hier drinnen einsperren, aber sie bewegte sich nicht.

     Panisch schnaufend stand er wieder auf der Straße, die es erst seit ein paar Minuten gab. Er sah sich um, und stellte erschrocken fest, dass in dem Schnee keine Fußspuren waren. Er musste auf der falschen Straße sein. Hier gab es auch Straßenlaternen - er schaltete die Taschenlampe wieder aus, und steckte sie ein - aber noch mal würde er nicht in diese Lagerhalle gehen, um den richtigen Ausgang zu suchen. Da würde ihn nichts und niemand mehr reinbringen. Aber was dann? In dieser Stadt herumirren? Inzwischen war er sich sicher, dass in den Häusern niemand war, der ihm helfen konnte. Das hier war alles andere als eine normale Kleinstadt. Was konnte er denn tun außer...
"Paul!"
Wieder Melissa, wieder hinter ihm. Schreiend fuhr Paul herum. Und diesmal sah er sie, etwa 5 Meter entfernt, mit dem Rücken zu ihm wie sie in ihrer verblichenen Wrangler Jeans über den Schnee spazierte, und keine Spuren hinterließ. Doch darauf achtete er nicht. Es war zwar nur eine Siluette in Toben des Schnees, aber dennoch unverkennbar Melissa.
"Melissa!!!"
Sie reagierte nicht. Paul begann zu laufen.
"Melissa! Warte!"
Wieder sagte sie nichts, sondern ging einfach weiter.
Paul war nur noch knapp hinter ihr. Plötzlich drehte sich Melissa blitzschnell um, und packte ihn fest an den Schultern.
Er spürte ihren warmen Atem, konnte aber ihr Gesicht nicht sehen. Ein unnatürliches Dunkel lag darüber, kein Schatten sondern einfach die Abwesenheit von Licht. Als sie zu flüstern began setzte sein Herz aus, und die Welt began sich zu drehen.
Paul fiel, fiel rückwärts in den Schnee der ihn sanft auffing und umarmte. Dann wurde alles schwarz.

      Als er wieder zu sich kam lag er verrenkt auf dem Rücksitz des Fords. Die Lampe im Dach des Wagens war eingeschaltet, und spie gleißendes Licht in seine Augen. Er kniff sie zusammen, und stellte fest, dass der Ford fuhr. Sein Kopf dröhnte, wie bei einem apokalyptischen Kater nach einer wilden Pokernacht mit Harry und den anderen Jungs.
Längere Zeit konnte er keinen klaren Gedanken fassen, und sich auch nicht an das erinnern, was passiert war. Er lag einfach da und stöhnte während er seine Augen vor dem Licht schützte.
Dann richtete Paul sich auf und sah, dass Melissa am Steuer des Wagens saß.
"Bist du wach, Paul?" Ihre Stimme klang seltsam, so als würde sie durch ein Mikrophon sprechen.
"J-ja. W-was ist pa-passiert?"
"Gut, wir sind nämlich bald da."
"Wo? W-Wo fahren wir denn hin?"
Er versuchte daran zu erinnern was passiert war, und wo sie hinfahren wollten, konnte es aber nicht.
Während der Unterhaltung hatte Melissa den Blick starr auf der Straße gehalten, aber jetzt drehte sie sich um. Wo einmal glänzend blaue Augen ihn angestrahlt hatten - Paul musste dabei an Melissas alberne Kontaktlinsen mit den Smilies darauf denken - standen jetzt nur noch zwei leere, schwarze Höhlen. Ihr Gesicht hatte eine abscheuliche grüne Färbung bekommen, war voller Blasen, die an manchen Stellen aufgeplatzt waren und aus denen statt Eiter Blut tropfte. Gelbe, verfaulte Zähne standen in unnatürlich grotesken Formen in ihrem Mundraum.
"Wir fahren nach Hobb's End!", sagte sie. "Es wird dir gefallen. Am Anfang fühlt es sich komisch an, aber es wird dir gefallen. Sie werden dich zu einem von uns machen, Paul." Dann brach sie in teuflisches Gelächter aus und drehte sich wieder um. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück.
Paul schrie, schrie was seine Lungen hergaben, schrie sein Entsetzen heraus bis er schließlich wahnsinnig wurde, und sich Schwärze über seinen Verstand legte.

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