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Der Tag X


© 2001, 2002 Marco Heuer
   Einsamkeit umgab mich. Es war unheimlich ruhig, und diese Stille schien mich zu zerdrücken. Lediglich der Wind hauchte ab und zu sein qualvolles Lied und brachte ein wenig Abwechslung in diese Ruhe; die Ruhe vor dem Sturm.

   Ich saß in einem alten Schaukelstuhl vor meiner verrotteten Blockhütte am Boiling Lake und rauchte eine Zigarette nach der anderen, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, doch es gelang mir nicht. Sie schienen sich verknotet zu haben wie die Schnürsenkel eines Fünfjährigen, der zum ersten Mal versucht seine Schuhe zu binden. Bei dem Gedanken daran entrann eine Träne meinem Auge, denn zwei Stunden zuvor hatte ich meinen siebenjährigen Sohn im Wald hinter meinem Haus vergraben.
   Die Stille, die sich über mein Haus und die Umgebung gelegt hatte, beunruhigte mich zutiefst, zerrte an meiner Seele und umgab mein Herz wie ein schwerer Lodenmantel. Vielleicht bildete ich mir auch nur ein, daß an diesem morgen kein Vogel zu hören war, kein Eichhörnchen raschelnd durchs Unterholz wuselte, um nach Nahrung zu suchen, und auch sonst jegliche Geräusche scheinbar spurlos verschwunden waren, als hätte jemand den Ton eines Fernsehers abgestellt. Vielleicht bildete ich es mir nur ein...doch auch Sally hatte es heute morgen bemerkt, und können sich zwei Menschen gleichzeitig irren? Nein, ich glaube nicht.
   Doch meine Sally hatte sich geirrt; zumindest was meinen Verstand angeht. Sie sagte, es würde alles wieder so wie früher werden, bevor alles begann. Auch die Ärzte waren zuversichtlich gewesen, daß die Zeit alle Wunden heilt. Doch nicht immer haben die Ärzte recht, stellen eine richtige Diagnose...
    Jetzt saß ich dort im Dunkel der Nacht, und erinnerte mich nur noch daran, daß ich meinen Sohn begraben hatte. Er hatte in meinen Armen gelegen wie eine Schaufensterpuppe und seine Haut glänzte wächsern. Ich war weit in den Wald hinein gegangen, und unter einer großen Eiche hatte ich ihn in feuchtes Moos gelegt. Dann hatte ich mich an die Arbeit gemacht; Ich schaufelte ein tiefes Loch, und während ich dieses tat, weinte ich. Ich weinte aus vollem Herzen, aus Haß zu dem, der ihm das angetan hatte. Und ich schaufelte und schaufelte, bis mir alle Knochen meines Körpers schmerzten. Dann legte ich ihn hinein, warf noch einen letzten Blick auf seinen kleinen, mit Messerstichen übersäten Körper und schaufelte das kleine Grab wieder zu.
    Bei dem schmerzlichen Gedanken daran liefen mir jetzt wieder heiße Tränen über das Gesicht und ich ließ mich hemmungslos gehen. Es wäre sowieso keiner dagewesen, der mir beim Heulen hätte zusehen können.
    Das schlimmste an der ganzen Geschichte war, daß ich nicht einmal wußte, wer meinem kleinen Jungen das angetan hatte. Außerdem war meine Frau verschwunden. War sie entführt worden? Vielleicht genau von den Leuten, die ich in der Vergangenheit so oft gesehen hatte? Die Ärzte hatten immer behauptet, daß diese Leute (wenn es überhaupt Leute waren und nichts anderes) gar nicht existierten. Daß sie nur in meiner Phantasie vorhanden waren, und ich sie nur für menschlich hielt, weil ich total durchgeknallt war. So hatten sie es natürlich nie gesagt, doch der Unterton in ihren Stimmen hatte genauso. Und ich wußte immer, daß sie im Unrecht waren, doch nach zwei langen Jahren in der geschlossenen Anstalt lernte ich, mein Wissen zu verstecken. Und ein Jahr später wurde ich entlassen. Ich durfte wieder zu meiner Familie und war offiziell wieder geheilt.
    Es war sehr unwahrscheinlich, daß meine Frau das dem kleinen Benjamin angetan hatte, und ich schämte mich dafür, daß ich dergleichen überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Sie hatte ihn über alles geliebt, genau wie ich. Er war der Mittelpunkt unseres Lebens gewesen. Das Lebenselexier unserer Ehe. Wäre er nicht gewesen, dann wäre unsere Ehe an meiner Einweisung in die Irrenanstalt zerbrochen. Da war ich mir ganz sicher.
    Nein, sie konnte es nicht getan haben. Doch wo war sie jetzt? Eigentlich hätte ich schon längst bei der Polizei gewesen sein müssen, doch irgend etwas hielt mich davon ab. Und was sollte ich denen erzählen? Daß ich meinen Sohn in einem verwirrten Zustand aus Trauer, Schmerz und Haß selbst begraben hatte? Ich wäre entweder im Knast oder wieder in einem Irrenhaus gelandet, und das war das letzte, was ich wollte. Und was sollte ich sagen, wo ich die ganze Zeit über gewesen bin, als all dies passierte? Darauf wußte ich keine Antwort, denn das letzte was ich vom Rest dieses Tages wußte war, daß heute morgen eine seltsame Stille ringsherum herrschte, die sogar meiner Frau aufgefallen war. Danach kam nur noch eine schwarze Wolke, die sich nicht verzog und meinen Kopf ausfüllte und ihn aufzublähen schien.
    War Sally vielleicht sogar von diesen dunklen Gestalten entführt worden? Die Gestalten, die angeblich nur in meiner Phantasie existierten? Ein triumphales Gefühl stieg bei diesem Gedanken in mir auf, doch der Beigeschmack war erschreckend bitter. Immerhin ging es hier um meine Frau, und wenn sie wirklich von den Gestalten entführt worden war, sollte ich mich nicht freuen, daß es sie tatsächlich gab, sondern nach Sally suchen und alles daran setzen, sie zu finden. Wer weiß, was sie mit ihr anstellen werden - oder schon angestellt haben.
    Ich stand auf, und plötzlich fuhr mir ein stechender Schmerz durch den Rücken. Ein Schmerz wie ein Messerstich, der mit einer glühend heißen Klinge durchgeführt wird. Ich faste mir an den Rücken und spürte die Nässe die mein Hemd durchdrang, doch als ich die Hand wieder betrachtete, sah ich kein Blut, wie ich es erwartet hatte. Es war nicht ein kleiner Fleck auf meiner Hand. Ich konnte mir das nicht erklären, aber daran hatte ich mich schon gewöhnt. Es gab so vieles, was ich mir nicht erklären konnte, und es war heute so vieles passiert, was ungeklärt war.
    Ich überquerte die Veranda - wobei ich beiläufig bemerkte, daß die Holzbretter unter meinen Füßen keinen einzigen Ton von sich gaben, nicht einmal meine Schritte waren zu hören - und öffnete die Tür zur Blockhütte, und genau in diesem Moment blieb ich stehen, denn die Tür hätte eigentlich ein lautes Quietschen von sich geben müssen wenn man sie öffnete - das machte sie schon seit Jahren, und gestern abend, als alles noch normal zu sein schien, hat sie das auch noch getan - , doch diesmal war sie stumm geblieben. Sie schien mich anzustarren und zu sagen Na, habe ich Dir jetzt einen Schrecken eingejagt? Sie hatte, und zwar eine mächtige Portion hatte sie mir in diesem Moment aufgetischt.
    Ich hielt inne, ich war in der Bewegung erstarrt, und mein Körper schien sich zu verkrampfen. Hatte ich die Tür heute im Verlauf des Tages geölt? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Das alles erschien mir höchst seltsam, und ich war mir mittlerweile bei gar nichts mehr sicher. Ich versuchte mich aus der Starre zu befreien, und es gelang mir ein wenig. Ich mußte meine ganze Willenskraft aufbringen, um mich von der Stelle bewegen zu können, doch es funktionierte. Ich stieß die Tür ganz auf und trat in die Hütte ein. Ein modriger Geruch entgegnete mir, der mir noch nie in dem Maße aufgefallen war. Ich mußte mich beherrschen, um mich nicht übergeben zu müssen. Ich schaute mich um, doch im Haus war es sehr dunkel. Ich versuchte den Lichtschalter im Wohnzimmer zu betätigen, doch nichts tat sich. Nur das fahle Mondlicht tauchte den Raum in ein düsteres Feld aus Schatten. Ich verspürte plötzlich den Drang auf der Stelle umzukehren und hinaus zu rennen, doch irgend etwas hielt mich hier, schien mich magisch anzuziehen. Ich durchsuchte alle Räume im Erdgeschoß sowie im Obergeschoß, wo das Schlafzimmer und Ben's Kinderzimmer waren, auf der Suche nach Sally oder etwas das ich nicht zu beschreiben wußte. Ich handelte absolut nach Gefühl, und konnte jeden Moment in etwas hineingeraten, wo ich nie wieder heraus finden würde, doch diesen Gedanken streifte ich schnell wieder ab. Als ich aus dem Schlafzimmer herauskam und Sally - oder was immer ich hier suchte - noch immer nicht gefunden hatte, hörte ich ein Geräusch. Es schien aus dem Keller zu kommen, und der erste Gedanke , der mir dabei kam, war fast schon unerträglich. Hier läuft ein Horrorfilm mit allen Klischees und ich bin die Hauptfigur, die alle anderen überlebt. Ich rannte die Treppe hinunter und stolperte und wäre ich gefallen, hätte ich mir den Hals gebrochen, doch ich konnte mich glücklicherweise noch fangen und gelangte lebend an den Treppenansatz im Erdgeschoß. Dort versuchte ich mich zu orientieren, das Geräusch anzupeilen, um herauszufinden woher es kommen konnte. Doch das Geräusch war verstummt, und ich stand wieder in der Stille und horchte. Ich hoffte, und gleichzeitig graute es mir davor, daß dieses Geräusch wieder zu hören sein würde. Und mein Wunsch - und das Grauen - ging nach einer kurzen Zeit in Erfüllung. Ich stellte fest, daß dieses Geräusch, das ziemlich leise und undeutlich war, gar nicht aus dem Keller kam, sondern aus der Küche, und es jagte mir eine Gänsehaut ein, die meinen ganzen Körper überzog. Es klang, als würde jemand mit einer Peitsche gefoltert, doch es fehlte der Schmerzensschrei, der auf dieses perverse Klatschen eigentlich hätte folgen müssen. Ich war froh, daß mir wenigstens das erspart wurde.
   Mit einem Satz stand ich vor der Küchentür, die aus stabilem Eichenholz gefertigt worden war. Meine Hand umschloß den Türknauf, und ich spürte mein Herz bis zum Hals schlagen, und es schient mir die Luft abzuschnüren. Jetzt hörte ich dieses Geräusch wesentlich deutlicher, und die Schlinge um meinen Hals zog sich erbarmungslos noch enger zu. In diesem Moment hatte ich ein grauenvolles Bild allzu klar vor Augen: es war Sally. Sie war nackt, und ihre Arme waren an dicken Seilen über ihrem Kopf zusammengebunden und an der Wand befestigt, damit sie nicht davon rennen konnte. Ihr Körper wies viele rote Striemen auf, und einige von ihnen bluteten, und da Blut lief in kleinen Rinnsälen an ihrem geschundenen Körper hinab. Sie weinte leise in sich hinein, und es war ein ängstliches und schmerzhaftes Weinen.
    Ich hatte einen dicken Kloß im Hals, der mich zu ersticken drohte, wenn ich ihn nicht hinunterschlucken würde. Ich drehte den Türknauf, doch die Tür bewegte sich keinen Millimeter. Ich versuchte mich dagegen zu stemmen, doch sie wollte nicht nachgeben. Ich rannte aus dem Haus und links um die Ecke, um durchs Fenster in die Küche hineinzugelangen. Als ich vor dem Küchenfenster stand, erwartete mich schon die nächste Überraschung. Es war zugenagelt. Wer hatte das nur getan? Und vor allem, wann?
    Ich versuchte mit aller Kraft die dicken Holzbretter wegzureißen, um wenigstens einen Blick in die Küche werfen zu können; um mich vergewissern zu können, daß es Sally gut ging, und ob sie sich überhaupt dort befand. Doch die Bretter ließen sich nicht lösen, so sehr ich auch daran zog und riß. Sie schienen sich am Fensterrahmen festgekrallt zu haben, wie sich ein Adler in seinen Beute festkrallt, damit sie nicht mehr vor ihrem sicheren Tod flüchten kann.
    Ich mußte mich beruhigen, mich konzentrieren und nachdenken, meinen nächsten Schritt planen. Doch mein Puls jagte, und ich schwitzte aus jeder Pore meines Körpers. Meine Hände zitterten so stark, daß ich keine Kaffeetasse hätte halten können, ohne dessen Inhalt zu verschütten.
    Ich begab mich wieder ins Haus, um im Keller nach einem geeigneten Werkzeug zu suchen, womit ich die Bretter am Küchenfenster entfernen könnte. Am besten ein Brecheisen oder ähnliches.
    Als ich den Flur betrat traf mich der Schlag und ich traute meinen eigenen Augen nicht. Ich verfiel wieder in die mittlerweile altbekannte Starre, und mein Herz raste jetzt mit Höchstgeschwindigkeit.
    Auf der obersten Stufe der Treppe stand ein Schatten, und er schien mich anzustarren, mit seinen Blicken zu durchbohren, mich höhnisch anzugrinsen und zu sagen, ich sollte hinaufgehen und es mit ihm aufnehmen. Irgend etwas sagte mir, daß es genau das war, was diese schemenhafte Schattengestalt von mir erwartete. Und einen Augenblick war ich versucht, genau das zu machen. Mein Gehirn befahl meinen Füßen, sich in Bewegung zu setzen, doch diese reagieren nicht, dachte gar nicht daran zu gehorchen; sie waren immer noch starr vor Schreck über diese Begegnung.
    Plötzlich kehrte mir die dunkle Gestalt den Rücken zu und verschwand im Schlafzimmer, und in genau diesem Moment befreite ich mich aus der Starre und sprintete instinktiv die Treppe hoch. Ich wußte nicht, ob es richtig oder falsch war, doch das war mir in diesem Moment ziemlich egal.
    Ich stand vor der Schlafzimmertür, hinter der die dunkle Gestalt verschwunden war. Sie war nur angelehnt. Ich öffnete sie vorsichtig und drückte sie weit auf, bis sie auf einen Widerstand traf - der alte Eichenschrank, den Sally und ich zu unserer Hochzeit von meinen Schwiegereltern bekommen hatten. Ich konnte jetzt den ganzen Raum überblicken, doch es fehlte jede Spur von der dunklen Schattengestalt, und ich begann zu glauben, daß ich mir alles nur eingebildet hatte.
    Ich trat ins Schlafzimmer ein, und schloß die Tür hinter mir, für den Fall, daß sich jemand auf dem Gang versteckt hatte, und versuchen sollte mich von hinten anzugreifen.
    Ich überprüfte den Inhalt, der sich hinter jeder Schranktür befand, schaute unters Bett, doch nirgendwo hatte sich der Schattenmann versteckt. Ich stand ratlos in der Mitte des Raumes vor dem großen Ehebett, in dem Sally und ich uns so oft geliebt und auch Ben gezeugt hatten, und der Verdacht, daß meine Nerven mit mir durchgegangen sind verhärtete sich immer mehr. Aber ich bin nicht verrückt, ich habe diese Gestalt gesehen. Und sie wollte, daß ich ihr folge.
Wieder spürte ich dieses heiße Stechen in meinem Rücken, doch ich hatte keine Zeit mehr, noch darüber nachzudenken, denn gleich darauf folgte ein dumpfer Schlag auf meinen Hinterkopf, und ich sah nur noch Sterne und dann schloß sich ein Vorhang vor meinen Augen, und ich sackte zur Seite weg...
    Mit einem schrecklichen Gedanken und starken Kopfschmerzen erwachte ich. Ich saß senkrecht in meinem Bett, heißer Schweiß überzog meine Haut, ich atmete schwer und mein Herz raste wie ein 12-Zylinder auf Hochtouren. War alles nur ein schrecklicher Traum gewesen, oder hatte ich den Wahnsinn wirklich erlebt? Ich wußte es nicht, ich erinnerte mich nur an eine dunkle Gestalt, der ich hinterher gelaufen war; genau in diesen Raum hinein. Und danach... nur noch Nebel.
    Die schweren Vorhänge waren zugezogen, und das Licht war eingeschaltet. War ich das gewesen? Ich wußte es nicht, und genauso wenig wußte ich, ob Tag oder Nacht war.
    Ich drehte den Kopf - was mir ziemlich starke Nackenschmerzen einhandelte - und schaute zu dem Quarzwecker, der auf dem Nachttisch stand. Er zeigte 02:17 an. Also mitten in der Nacht.
    Ich drehte den Kopf auf die andere Seite und sah einen flach atmenden Körper unter der zweiten Bettdecke. Meine Frau, ich konnte sie zwar nicht ganz sehen - meine Augen gewöhnten sich nur schwach an das Licht - aber sie mußte es wohl sein, denn wer sonst sollte mitten in der Nacht neben mir im Bett liegen?
    Also alles nur ein Traum.
    Erleichtert ließ ich mich langsam wieder in die Kissen sinken, nahm eine Zigarette aus der Schachtel vom Nachttisch und zündete sie an. Dann schaltete ich das Licht aus und lag in der Dunkelheit. Mir war nach Weinen zumute - vor Glück und Erleichterung über die Tatsache, daß ich wirklich alles nur geträumt hatte. Warum schaust Du eigentlich nicht nach, wer da neben Dir liegt? Vielleicht ist sie das ja gar nicht. Das war eine Stimme, die tief aus meinem Innersten kam, und sich verdammt nach der meiner Mutter anhörte.
    Sie muß es sein, antwortete ich in Gedanken. Oder legen sich wildfremde Menschen immer in die Betten anderer Leute, um ein kleines Nickerchen zu halten?
    Ich merkte, wie etwas an diesen Worten nagte, und ich war mit einem Mal gar nicht mehr hundertprozentig von meinen eigenen Worten überzeugt.
    Doch plötzlich verspürte ich wieder diesen stechenden Schmerz im Rücken, der sich gnadenlos ausbreitete. Wieder fühlte es sich an, als würde ich aus einer Wunde bluten, und ich war mir plötzlich überhaupt nicht mehr sicher, ob es nun alles ein Traum gewesen war oder nicht. Ich war völlig verwirrt, und mir kamen die komischsten Gedanken in den Sinn. War es möglich, daß ich mir diesen Schmerz nur einbildete? Nachwehen des Traumes sozusagen? Oder war der bizarre Gedanke eingetreten, daß der Traum mit der Wirklichkeit verschmolz? Ich wußte es nicht, und ich wußte auch nicht mehr, was noch Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht träume ich ja immer noch, vielleicht bin ich aber auch nie eingeschlafen, sondern nur in eine Art Trancezustand verfallen.
    Ich war völlig durcheinander. Ich wußte nicht mehr, was ich machen sollte. Dem Rat von Mutter`s Stimme folgen konnte ich nicht. Ich hatte nicht den Mut, die Bettdecke neben mir anzuheben, um nachzuschauen, was sich wirklich darunter verbarg. Ich hatte Angst, etwas anderes als meine geliebte Sally dort zu finden.
   Du mußt es tun, Dir wird nichts anderes übrigbleiben, Herzchen.
    "Halt die Klappe", sagte ich, und merkte erst dann, daß ich es laut ausgesprochen hatte.
    Ich sprang aus dem Bett und lief auf den Flur hinaus. Als ich dort in der Dunkelheit am Treppengeländer stand, stach das imaginäre Messer wieder zu. Ich krümmte mich vor Schmerz und mußte mich am Geländer festhalten, damit ich nicht zu Boden ging.
    Ich lief die Treppe hinab ins Erdgeschoß, geradewegs zur Küchentür. Ich drehte den Türknauf, und die Tür ließ sich ohne Widerstand öffnen. Auch das Fenster war nicht vernagelt. Der Raum war leer. Niemand befand sich darin. Doch der Schmerz in meinem Kopf wurde immer schlimmer. Ich fasste mir an den Hinterkopf und bemerkte die riesige Beule, die sich dort befand. Hinzu kam noch der Messerschmerz im Rücken. Ich wurde immer unruhiger. Ich wagte es nicht, auf meine Füße hinab zu sehen, denn ich hatte Angst, dort Schlamm an ihnen zu sehen. Ich tat es trotzdem und das Ergebnis überraschte mich nicht. Sie waren tatsächlich mit Dreck behaftet. Ein Ahornblatt klebte sogar noch auf dem rechten Fußrücken. Das kann nicht sein, ich bin immer noch in einem Traum und das alles passiert nicht wirklich. Ich will das nicht, ich träume... doch ich war mir dessen nicht mehr sicher.
    Das Messer in meinem Rücken stach wieder zu, und diesmal schien es mir durch die Eingeweide aus dem Bauch wieder herauszukommen. Es fühlte sich an, als würde ich verbluten. Mein Hemd und meine Hose schienen sich mit Blut vollzusaugen, doch es war nichts zu sehen. Und der Schmerz wurde unerträglich, gnadenlos.
    Ich wußte, daß ich nur eine Möglichkeit hatte herauszufinden, ob ich träume oder nicht, doch diese Möglichkeit verdrängte ich sehr schnell wieder. Statt dessen schleppte ich mich schmerzgepeinigt die Treppe hoch zum Kinderzimmer, in dem Ben immer geschlafen hatte (und hoffentlich ruhig und flach atmend in seinem Bettchen lag, um seine Kinderträume zu träumen). Dort angekommen hielt ich einen Moment inne, indem ich mich fragte, was ich machen sollte, wenn ich Ben nicht in seinem Bett vorfinden würde.
    Dann mußt Du wohl zurück ins Schlafzimmer und Deine Frau wecken. Die Stimme meiner Mutter war unerbittlich, aber sie hatte recht. So sehr es mir auch Unbehagen bereitete.
    Ich öffnete langsam die Tür zum Kinderzimmer und schaute vorsichtig hinein. Es war sehr dunkel und ich konnte nicht erkennen, ob Ben im Bett lag, doch eines war in der Stille des Raumes ganz sicher: ich hörte kein Atemgeräusch.
    Ich trat gänzlich in den Raum ein und schaltete das Licht ein, und in diesem Moment schien mir das Blut in den Adern zu gefrieren, und gleichzeitig verspürte ich den unwiderstehlichen Drang mich zu übergeben.
    Kein Traum, dachte ich. Kein Traum, kein Traum, kein Traum. Das ist alles echt. Keine Hirngespinste.
    Das Bild, das sich mir bot, ließ keine Zweifel zu. Nichts von all dem hatte ich geträumt. Und in dem Moment, wo ich auf Ben`s Bettchen schaute, das total durcheinander und blutdurchtränkt war, brannte sich dieses Bild für immer in mein Gehirn. Und ich wußte in genau diesem Moment, daß ich keinen Abend mehr einschlafen konnte, ohne diese brutale Szenerie vor Augen zu haben.
    Nach wenigen Sekunden - als mein Gehirn verarbeitet hatte, was meine Augen gerade gesehen hatten - konnte ich mich nicht mehr halten und mußte mich übergeben. Ich sank im Zimmer zu Boden, kotzte mir die Seele aus dem Leib und weinte.
    Ich weiß nicht, wie lange ich dort in meinem eigenen Erbrochenem saß, doch es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Nachdem ich mich wieder einigermaßen gefangen und unter Kontrolle hatte, ging ich ins Bad und zog die Klamotten aus, auf die ich mich übergeben hatte. Ich fühlte mich hundeelend. Und ich hatte noch immer eine schwere Aufgabe vor mir.
    Nur in Unterhose bekleidet bewegte ich mich auf unser Schlafzimmer zu, und mit jedem Schritt, den ich näher kam, wurde das beklemmende Gefühl, das mir die Luft abzuschnüren schien, und der Messerschmerz in meinem Rücken stärker. Ich verspürte plötzlich den Drang nach einer Zigarette, doch ich erklärte mich selbst für verrückt, in solch einer Situation an meine Nikotinsucht zu denken, und versuchte es zu verdrängen.
    Wird auch endlich Zeit, daß Du dich dem stellst, was dich in deinem eigenen Bett erwartet.    Ich wußte nur eines mit Sicherheit, und das war, daß in meinem Bett alles andere als meine Frau lag. Doch ich durfte nicht davor wegrennen, mußte mich dem entgegen stellen. Ich schritt auf die Tür zu und stieß sie mit einem Ruck auf, doch das Bett war leer. Die Seite auf der ich geschlafen hatte war zerwühlt, doch die andere sah makellos aus, als hätte nie jemand darin geschlafen. Ich stand einige Minuten da und betrachtete das zur Hälfte gemachte Bett und schien es mit meinen Augen hypnotisieren zu wollen. Im Haus war es noch immer totenstill, doch plötzlich spürte ich einen heißen Luftzug im Nacken. Als ich mich erschreckt umdrehte, war jedoch nichts und niemand zu sehen. Was hatte ich auch anderes erwartet? Ein Geist, der hinter mir stand und sich ins Fäustchen lacht, weil er mich an der Nase herum führen konnte? Oder die wieder auferstandene Leiche meiner Frau? Bei dem Gedanken daran, daß meine Frau als langsam verwesendes Etwas hinter mir stand, lief mir eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken. Wie konnte ich nur daran denken, daß sie überhaupt tot ist? Ich mußte damit rechnen, ja, aber ich durfte es noch nicht glauben, solange es noch Hoffnung gab.
    Wieder spürte ich diesen Luftzug, doch diesmal war er begleitet von einem Flüstern, das ich nicht verstand.
    Was ist hier los, fragte ich mich.
    Das mußt Du nicht verstehen, bekam ich als Antwort von meiner Mutter. Nimm es einfach so hin wie es ist.
    Doch das wollte ich nicht. Ich lief die Treppe hinunter, und hinaus auf die Veranda. Ich weiß nicht, was mich dazu veranlaßte, dies zu tun, doch es schien das Richtige zu sein. Draußen angelangt sah ich ihn in meinem Garten stehen. Der Schattenmann, der mich vor scheinbar einer Ewigkeit ins Schlafzimmer gelockt hatte.
    Und nun wurde einiges klarer. Es mußte ihm irgendwie gelungen sein, mich ins Schlafzimmer zu locken, ohne daß ich bemerkte, daß ich an ihm vorbei lief, damit er mich von hinten niederschlagen konnte. Und das schien ihm auch gelungen zu sein. Dann hatte er sich selbst neben mich gelegt, damit ich nach dem Aufwachen, dachte, ich hätte alles nur geträumt, und während ich kotzend auf dem Fußboden in Ben`s Zimmer lag, hatte er das Bett gemacht, und war durchs Schlafzimmerfenster verschwunden. Aber warum das alles? Welches Spiel wurde hier gespielt? Und wer war er? Oder was war er? War der Schattenmann einfach nur ein Irrer, vielleicht aus der Irrenanstalt entflohen? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, denn Wahnsinnige gehen nicht mit solch einer Präzision ans Werk. Oder war er das Werkzeug einer höheren Macht? Oder ging die Macht von ihm selbst aus? Ich hatte diese Art von Gestalt ja schon in meiner Vergangenheit gesehen, doch ernsthaft daran gedacht, woher diese Leute kamen und was sie im Schilde führten, hatte ich noch nie.
    "Wer sind Sie?" fragte ich. Ich hatte keine Antwort erwartet, zumindest nicht tief im Innersten meines Verstandes. Doch ich bekam sie.
    "Das solltest Du wissen", antwortete er mit einer tiefen, eiskalten Stimme, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Du hast uns doch schon so oft gesehen." Blanker Hohn sprach aus dieser Stimme.
    Also war es doch einer von denen, die mir damals den Aufenthalt in der geschlossenen Anstalt beschert hatten. Ich spürte plötzlich eine gewaltige Wut in mir aufziehen, wie einen Sturm, der unaufhaltsam näher kam. Ich machte zwei Schritte auf die Gestalt zu, deren Gesicht - wenn es überhaupt eines hatte - nach wie vor im Schatten lag, doch weiter kam ich nicht, denn eine unsichtbare Hand schien mich von dieser Gestalt fernzuhalten. Es war wie eine Barriere, die zwischen mir und diesem Geschöpf - ich weigerte mich, ihn als einen Menschen anzusehen - zu bestehen schien. Die Gestalt ließ nur ein heiseres Lachen verlauten.
    "Was hast Du vor? Hast Du meinen Sohn getötet?" Diese Frage war mehr als überflüssig, denn ich wußte, daß nur er es gewesen sein konnte. "Und was ist mit meiner Frau, hast Du sie auch auf dem Gewissen?"
    "Ja, ich habe ihn getötet. Und ich habe auch Deine Frau ermordet. Aber durch deine Hand. Du hast uns erschaffen, durch dich sind wir erst so geworden, wie wir sind. Wir entsprangen deiner Phantasie. Aber das weißt Du doch schon längst, oder etwa nicht?" In der Stimme der dunklen Gestalt, der ich dort gegenüber stand schwang etwas mit, das ich als Vorwurf identifizierte, doch ich wußte nicht genau wovon mein Gegenüber redete. Für mich hörte sich das alles nach einem billigen Psychothriller an.
    "Ich habe euch gesehen, ja, aber ich weiß nicht wer ihr seid und woher ihr kommt und was ihr von mir wollt. Ihr habt mir genommen, was ich geliebt habe, das Einzige, das mir noch was Wert gewesen ist in meinem Leben. Und jetzt willst Du mir erzählen, daß all dies meine Schuld ist? Daß ihr sie umgebracht habt, weil ich es so wollte?"
    "Wir taten es, weil wir es so wollten. Doch Du warst unser Anführer, unsere Energiequelle und unsere Motivation. Und heute war der Zeitpunkt gekommen, daß wir auch ohne dich existieren können. Wir brauchen dich nicht mehr."
    "Aber warum habt ihr dann nicht auch mich umgebracht?" fragte ich, doch ich kannte die Antwort schon. Sie konnten es nicht, weil ich sie erschaffen habe. Und wahrscheinlich konnte sie auch keiner außer mir wirklich sehen.
    "Da hast Du verdammt recht," antwortete die Gestalt, als könnte sie meine Gedanken lesen. Und wenn ich so recht darüber nachdachte, wurde mir klar, da sie dies von Anfang an gekonnt hatten.
    Sie hatten jeden Schritt geplant, um mich dahin zu treiben, wo ich mich jetzt befand: am Rande des Wahnsinns. Ich wollte nur noch rennen. Einfach wegrennen, alles hinter mir lassen, doch die dunklen Gestalten wußten genau, daß ich nicht weit kommen würde. Denn auf der Leiche meines Sohnes waren meine Fingerabdrücke, und wenn man die meiner Frau fand, würde sicher das Gleiche festgestellt werden. Ich saß in der Falle, sie hatten mich da, wo sie mich haben wollten. Denn ich würde nicht mehr die Gelegenheit bekommen, mich ihnen in den Weg zu stellen. Denn entweder erwartete mich lebenslang das Irrenhaus oder der Tod; wobei ich den Tod liebend gern vorgezogen hätte.
    Ich schaute wieder auf und bemerkte, daß sich noch mehrere dunkle Gestalten hinzugesellt hatten. Und sie standen mir jetzt zu siebt gegenüber. Wie konnte ich sie nur bekämpfen, wie nur. Mir fiel keine Möglichkeit ein. Ich konnte nicht mal zu ihnen durchdringen, so sehr ich es auch versuchte, aber das Kraftfeld, das sie umgab war einfach zu stark.
    "Du würdest es auch nicht schaffen, mein Lieber. Wir sind jetzt frei, und auf dich wartet noch einiges. Für dich fängt der Horror jetzt erst an."
    Wieder stach das unsichtbare Messer erbarmungslos zu. "Hört auf damit," schrie ich, doch sie schienen mich nur auszulachen. Es war, als wollten sie mich in zwei Teile zerfetzen, wollten, daß ich an den Schmerzen zu Grunde gehe. Das Messer rammte sich tief in meinen Körper hinein und wurde ruckartig hochgezogen, bis es an einem der Halswirbel hängen blieb. Ich versuchte, sie zum Aufhören zu bewegen, doch die einzigen Laute, die meiner Kehle entsprangen waren ein Gurgeln und Krächzen. Ich wand mich auf dem Boden vor Schmerz und fühlte mich, als läge ich in einer tiefen Pfütze meines eigenen Blutes. Es mußte ein makaberes Schauspiel dargeboten haben, wie ich da in Unterhose lag und gurgelnde Geräusche von mir gab und mich vor Schmerzen wand.
   Der Schmerz entführte mich in eine Dunkelheit, die mir ein wenig Trost spendete. Die Bäume und alles andere um mich herum verblasste, und es legte sich ein schwarzer Vorhang darüber, und ich merkte, wie ich langsam aber stetig der Bewußtlosigkeit entgegen trudelte. Ich wehrte mich nicht dagegen, ich gab mich meinem Schicksal hin. Fügte mich, obwohl ich wußte, was mich am Ende dieser Dunkelheit erwartete.

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