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Der Fall Kaiser

© 2005 by Livia

Andrea fuhr durch den dichten Regen.
Als sie aufgebrochen war, um zu Kaisers zu fahren, war es zwar bewölkt, aber nur leicht am Regnen. Doch jetzt schüttete es wie aus allen Kübeln und wenn sie einen Blick auf die Landschaft erhaschen wollte, blickte sie nur auf graue Regenschleier. Das Wuppwupp ihrer Scheibenwischer wirkte auf sie beruhigend, ebenso wie das gleichmäßige Rauschen auf dem Wagendach. Sie strich ihr langes Haar aus ihrem nicht unattraktiven Gesicht, und blickte kurz neben sich, um sich noch einmal davon zu überzeugen, das die Mappe auf dem Beifahrersitz noch trocken und intakt war.
Sie durfte sich keine Patzer erlauben, war dies doch ihr erster Auftrag, und als Neue im Team hatte sie es so schon nicht leicht. Grade von der Uni und schon ins kalte Wasser gestoßen. Doch sie hatte im Psychologie-Studium eifrig gelernt, und war davon überzeugt, diesem Fall gewachsen zu sein.
Ihre erste Familie hieß Kaiser, lebte etwas außerhalb der Stadt, und die Eltern betrieben einen landwirtschaftlichen Hof. Hauptsächlich Kälbermast, wie in ihren Unterlagen stand. Sie waren bis dato noch nicht auffällig geworden, doch nun hatten Nachbarn die Eltern Kaiser beim Jugendamt gemeldet. Da die Beamten des Jugendamtes aber nicht jeder Meldung selbst nachgingen, beauftragten sie den Verein, für den Andrea seid kurzem tätig war. Robert, ihr Vorgesetzter, hatte ihr erst gestern früh die spärlichen Unterlagen gereicht.
„Hier“, hatte er gegrinst, „dein erster Fall.“
Andrea war erstaunt gewesen, hatte sich danach aber sehr über sein Vertrauen gefreut.
„Kaiser“, erzählte er ihr noch, „leben außerhalb. Ersteindruck, keine Analyse. Mach dir ein Bild, schreibe einen Bericht fürs Amt, und dann sehen wir weiter.“
Sie hatte sich glücklich bedankt, kurz in den dünnen Ordner geschaut, und danach bei Kaisers angerufen.
Hartmut Kaiser war ruhig, fast stoisch am Telefon, und die Nachricht von ihrem Erscheinen schien ihn auch nicht sonderlich aus der Fassung zu bringen. So vereinbarte sie für heute nachmittag einen Besuchstermin, um sich einen ersten Eindruck machen zu können.
In der dünnen Mappe standen alltägliche Dinge, die Kaisers Nachbarn beobachtet und dennoch alarmiert hatten. Und sie ging davon aus, das hier wohl übertrieben wurde, doch mussten sie jedem Hinweis nachgehen. Vielleicht konnte ja mehr dahinter stecken, als nur eine bloße Vernachlässigung der drei Kinder.
Familie Kaiser bestand aus Hartmut und Angela Kaiser, beide in den Dreißigern, Frank, zehn, Tom, acht und Marie, sechs. Laut ihren Unterlagen soll der Hof gut in Schuss sein, und auch die Eltern seien, laut der Nachbarn, nette und umgängliche Leute. Nur die Kinder wären vom Verhalten her wohl sehr auffällig, und hier sollte sie einmal schauen, ob dies nun Tatsache, oder bloßer Nachbarschaftskrieg sei.
Zweifelnd blickte Andrea aus dem Fenster und hoffe, das sie sich auf Grund des starken Regens nicht allzu sehr verspäten würde. Doch dieser ließ nun langsam nach, und als sie schließlich auf den großen Hof bog, nieselte es nur noch. Sie hatte sich bloß zweimal verfahren, doch dank ihrer Straßenkarte lag sie nur ganze zehn Minuten hinter dem vereinbarten Termin.
Der grüne Familienwagen der Kaisers war etwas abseits geparkt, so suchte sie sich einen Platz neben dem großen Traktor. Stellte den Motor ihres Wagens aus, griff sich die Mappe und stieg aus. Die grauen Wolken über ihr drängten sich wie eine Decke hinunter, es tropfte überall, und sie wunderte sich über die Stille hier. Wo blieb der, immer vorhandene, brüllend auf sie los stürzende Hofhund? Vorsichtig, und in Erwartung eben dessen, blickte sie sich um. Der Hof war sehr sauber und aufgeräumt. Die großen Gebäude gepflegt und hell gekalkt, und sie war überrascht. Das hatte sie nun nicht erwartet. Sie war selbst fast auf dem Lande groß geworden, und kannte Höfe zur genüge, doch dieser war ein Mercedes unter lauten Fiats. Eine Scheune und ein großer Stall lagen zu ihrer Rechten, das Haupthaus zu ihrer Linken, und sie waren wie ein unterbrochenes U angeordnet. Sie ging langsam über den Hof und blickte sich fragend um. Doch nur einige Hühner scharrten träge im Misthaufen, der schräg hinter dem großen Stall hervor lugte. Dann war Familie Kaiser sicher im Wohnhaus und wartete dort auf sie. Sie wandte sich dem Haus zu und ging zur Eingangstür.
Das Namensschild erzählte jedem, das hier die glücklichen Kaisers lebten, und sie schellte einmal kurz. Langsam wurde ihr kalt, und fröstelnd zog sie ihre Jacke enger. Es nieselte immer noch. Nichts rührte sich. Sie schellte noch einmal und lauschte nach Geräuschen. Doch wieder blieb alles still. Andrea stöhnte einmal auf, oh man, sollte man sie gefoppt haben. Oh bitte, nicht gleich beim ersten Fall, das wäre dann die Blamage schlechthin. Sie schellte noch einmal, und bemerkte erst beim wegdrehen, das die Tür nur angelehnt war. Erstaunt blieb sie stehen, überlegte und drückte dann vorsichtig die Tür auf.
„Herr Kaiser?“ Rief sie ins stille Innere des Hauses. Der Flur lag verlassen vor ihr.
„Hallo?“ Langsam trat sie ein und blickte sich vorsichtig um. Immer in Erwartung, das plötzlich jemand vor ihr stünde.
„Ich bin Frau Reimers, wir hatten einen Termin vereinbart.“
Das Haus war geschmackvoll, und recht Antiquar eingerichtet. Die Wände mit dunklem Holz vertäfelt, und überall blitze und blinkte es vor Sauberkeit und Ordnung. Langsam ging Andrea durch das große Wohnhaus und blickte dabei kurz in jedes der unteren Zimmer, doch nirgends eine Spur der Bewohner. Verwirrt erreichte sie wieder die Eingangstür und beschloss, die Kaisers mal in den Stallungen zu suchen. Vielleicht war ja etwas geschehen, was diese dort bleiben ließ. Doch der Gedanke, das sie auf den Arm genommen wurde, spukte immer noch durch ihren Kopf. Sie drehte sich um... und erschrak bis ins Mark.
Ein hübscher blonder Junge stand in Regenkleindung ruhig hinter ihr, und hatte wohl nur darauf gewartet, dass sie ihn bemerken würde. Seine hellen blauen Augen blickten sie neugierig und ohne scheu an, und dann lächelte er, als würde die Sonne aufgehen. Andrea fühlte sich sofort von ihm angezogen.
„Bist du der Tom?“ Fragte sie und ging dabei leicht in die Knie. Denn sollte er es sein, war er klein für sein Alter. Sie streckte ihm ihre Hand zur Begrüßung entgegen.
„Ja, und wer bist du?“ Wollte Tom neugierig wissen, und schüttelte feierlich ihre Hand.
„Ich bin die Andrea“, antwortete sie und erntete darauf ein strahlendes Lächeln von ihm. Dieser Junge war etwas Besonderes, dass spürte sie sofort, ein Sympathieträger.
„Weißt du, wo deine Eltern und Geschwister sind?“
„Nicht mehr da“, sagte Tom und in seinen hellen Augen blitzte kurze Trauer.
„Kommen sie denn bald wieder?“ Wollte Andrea erstaunt wissen, doch Tom zuckte jetzt nur mit den Schultern. Sein Anorak glänzte feucht, seine Jeans waren fast durchnässt, und die Gummistiefel starrten vor nassem Schlamm.
„Mist“, murmelte Andrea, „weißt du, wo sie hin sind?“
Wieder erntete sie nur ein Achselzucken, und dann nahm der Junge sie plötzlich an die Hand.
„Komm, ich zeige dir mein Pony.“
Er zog sie lachend hinter sich her und hinaus in den feinen Nieselregen, der immer noch vom dunkler werdenden Himmel fiel. So überrascht Andrea vom Anblick des Hofes auch gewesen sein mochte, dies hier gefiel ihr überhaupt nicht. Wie konnten seine Eltern ihn einfach hier allein lassen. Einfach verschwinden, wie ging denn so was. Also, allein das ließ schon vermuten, das hier mehr hinter der schmucken Fassade lauerte, als anfänglich sichtbar. Dennoch musste sie lachen, als Tom sie eifrig mit sich zog, und sie so wenig später ein Gatter erreichten, in dem sein schmutzig weißes Pony im dunklem Schlamm lag.
„Das ist Mirabell“, meinte Tom und deutete dabei zärtlich lächelnd auf sein schlafendes Tier, das etwas entfernt von ihnen auf dem Bauch lag.
„Na“, sagte Andrea grinsend, „das ist aber mal ein wirklich schönes Pony, das du da hast.“ Tom strahlte sie wieder mit diesem entwaffnenden Lachen an.
„Ja, ne? Ich reite es sogar, willst du mal sehen?“
Doch Andrea hatte nicht richtig zugehört. Sie starrte mit wachsender Erkenntnis zum Pony hinüber, welches sich überhaupt nicht bewegte.
„Nein, Tom, nicht jetzt, lassen wir es einfach schlafen, ja?“ Sagte sie jetzt wie nebenbei, und blickte weiter auf das reglose, zottige Tier, das dort im leichten Regen lag. Das dieses auf der anderen Seite eine große Fleischwunde hatte, an der es erst vor kurzem jämmerlich verblutet war, konnten beide nicht sehen.
Andrea schauderte dennoch etwas. Das musste sie dem Jungen unbedingt ersparen.
Mein Gott, das arme Kind. Erst ganz allein zu Hause, und nun auch noch sein Pony tot. Wo, zum Henker, waren seine Eltern. So etwas war einfach verantwortungslos. Na, wenn die Heim kamen, würde sie denen aber gewaltig den Marsch blasen, das schwor sie sich. Von einer Meldung beim Jugendamt mal ganz zu schweigen. Doch Andrea verbiss sich ihren Ärger, und blickte lächelnd zu Tom hinunter, der immer noch verträumt sein Pony betrachtete.
„Komm, wir gehen jetzt ins Haus und warten da zusammen auf deine Eltern“, rief sie übertrieben vergnügt, und zog ihn fort vom toten Tier. Tom ging fröhlich schnatternd mit ihr, und erzählte ihr auf dem Rückweg zum Haus viel über seine Familie.
Seine Eltern waren für ihn ganz in Ordnung, hatten aber immer viel zu wenig Zeit. Aber seine Geschwister, die mochte er nicht. Der Frank würde ihn immer nur necken und ärgern, und Marie, auf die er immer Aufpassen musste, war ihm eine Qual.
Andrea hörte sehr aufmerksam zu, nickte oft und unterbrach ihn nur selten. So erfuhr sie mehr, als ihr lieb war. Sie erreichten schließlich das leere Haus. Andrea half ihm beim umziehen, machte ihm Brote und sich selbst einen heißen Tee. Rief noch kurz ihre Kollegen wie Familie an, damit diese über ihr Wegbleiben Bescheid wussten und setzte sich dann zu ihm in die Küche.
Hier verbrachten sie die nächsten Stunden, redeten, lachten und spielten Spiele, während sie auf Toms Familie warteten. Andrea hatte Mühe ihre Wut auf die Kaisers zu beherrschen, und konzentrierte sich statt dessen nur noch auf Tom. Und dieser wickelte sie mit seinem natürlichen Charme um den kleinen Finger. Intelligent stellte er Fragen nach ihrem da sein, erzählte von der Schule und seinen Freunden. Schwärmte von seinem Pony, dass es Andrea wieder schwer ums Herz wurde, und plapperte vergnügt weiter. Dabei blickten beide oft in die zunehmende Dunkelheit hinter dem Küchenfenster, die sich draußen wie eine Decke über das weite Land legte. Heller Nebel stieg von den Weiden auf, und tauchte alles in ein gespenstisches Licht. Andrea wurde langsam richtig unruhig, und auch Tom erschien ihr stündlich immer hibbeliger zu werden. Sicher vermisste er seine Familie, und Andrea bemühte sich, ihn etwas abgelenkt zu bekommen. Dennoch wollte sie bald die Nachbarn und die Polizei über dass Verschwinden der restlichen Kaiser-Familie informieren. Egal, ob die nur mal eben wohin waren, und sie sich so der Lächerlichkeit preis gab, so ging es zumindest nicht.
Doch gegen zwanzig Uhr, als sie grade Telefonieren wollte, lauschte Tom plötzlich auf.
„Hast du etwas gehört?“ Fragte Andrea ihn ruhig, denn sie selbst meinte, nichts vernommen zu haben.
„Ja“, antwortete Tom nur, schob seinen Stuhl eilig zurück und stand auf. Er rannte in den Flur, schlüpfte in seine Gummistiefel, griff sich seine Jacke und verschwand durch die Tür in die Dunkelheit dahinter. Andrea hatte grade erst begriffen, als er schon fort war. Sie erhob sich und überlegte schon die Worte, die sie seinen Eltern entgegenschleudern wollte und wartete im Flur. Doch nichts geschah. Die offene Tür schwang leise im rauschenden Wind hin und her, und die Finsternis dahinter blieb vollkommen. Kein Licht zerriss sie, keine Schritte oder Gespräche waren zu hören, nichts.
Langsam trat sie zur Tür und blickte hinaus.
Nichts. Der Hof lag still und verlassen vor ihr, und sie fragte sich, was Tom wohl durch den Wind gehört hatte, das er so eilig davon gelaufen war. An der Garderobe hing eine große Taschenlampe, und Andrea ergriff diese. Sie zog ihre Jacke an, prüfte dabei sorgfältig ob die Lampe ging, und trat hinaus in die jetzt schneidende Kälte. Wieder fröstelte sie, aber mehr wegen der Situation, als wegen des Windes. Hier war nichts, absolut nichts. Und langsam stahl sich etwas Angst in ihre Gedanken. Doch sie schob diese energisch beiseite und ging mit schwankendem Lichtstrahl langsam und suchend über den Hof.
Ein leises Geräusch, wie als würde etwas im Wind sachte gegen eine Wand schlagen, ließ sie aufhorchen. Hatte Tom das gehört? Gott, was musste der Junge für ein Gehör besitzen. Sie ging dem leisen Geräusch nach und erreichte so die große Scheune. Hier wurde es etwas lauter, und sie zögerte. Was war das nur?
„Tom?“ Rief sie hinein, „bist du hier?“
Doch sie erhielt keine Antwort.
Überlegend trat sie ein, und ließ ihren Lichtstrahl über den staubigen, mit dunklen Flecken übersäten Boden wandern. Ein komischer Geruch lag in der Luft, und sie brauchte etwas, um diesen als Maschinenöl zu erkennen. Damit waren auch die Flecken erklärt. Doch noch etwas roch ziemlich intensiv, nur konnte sie diesen erst nicht richtig erfassen. Langsam ging sie tiefer in die stockdunkle Scheune.
Bis ihr Lichtstrahl den Hund fand. Ein großes, gelbes Tier, das mit dem Rücken zu ihr an einer Wand lag. Sie trat ungläubig näher, und wandte sich dann würgend ab. Sie hatte Blut gerochen, dass wusste Andrea nun, denn der Bauch des Hundes war aufgerissen, und dessen blutig-blaue Eingeweide traten hervor. Ihr Herz raste vor Schreck.
„Gott“, stöhnte sie, und schluckte zweimal hart, um sich nicht erbrechen zu müssen. Doch der Druck in ihrem Hals blieb. Jetzt wusste sie zumindest, warum sie hier kein Wachhund begrüßt hatte. Was war nur mit diesem armen Tier geschehen, das hier selbst im Tode noch die Wand anfletschte. Und erst Tom, mein Gott. Was musste der kleine Kerl alles erlebt haben. Er hatte den toten Hund sicher schon lange vor ihr entdeckt, und dann auch noch sein armes Pony. Wobei sie sich noch fragte, ob dieses wohl eines natürlichen Todes gestorben sei. Angesichts des Hundes erschien ihr das sehr fraglich. Gott, welcher Sadist tat so etwas nur und nahm einem Kind den Hund und das Pferd. Tom tat ihr so unendlich leid.
Na, aber zum Glück war sie ja da, und konnte sich so lange um ihn kümmern, und ihn im Zweifelsfall auch beschützen, bis seine Eltern wieder hier waren. Sie überlegte, ob deren verschwinden wohl etwas mit dem gewaltsamen Ende der Tiere zu tun hatte, und beschloss, ihn nachher mal vorsichtig danach zu fragen. Bei all diesen Gedanken trat sie langsam tiefer in die drückende Finsternis.
„Tom? Bist du hier drinnen?“
Sie hielt die Lampe auf Hüfthöhe und leuchtete voraus. Ihr Magen hatte sich wieder etwas beruhigt, und auch ihr Herz schlug wieder normal. So ging sie vorsichtig noch einige Schritte weiter, als sie plötzlich auf etwas schleimigem leicht ausrutschte. Sofort bleib sie stehen, und leuchtete langsam, und voller Unbehagen nach unten. Etwas Graues lag zu ihren Füßen, und spannte sich wie ein Gummi zur rechten Wand, die noch in völliger Finsternis lag. Noch ehe ihr Verstand sie warnen konnte, hatte sie schon hingeleuchtet, und kurz danach erbrach sie sich doch geräuschvoll auf ihre Schuhe.
Sie hatte Toms Familie gefunden.
Sie waren nicht in der Stadt, nicht bei Nachbarn oder sonst wo, sie waren hier. Die ganze Zeit über schon hier gewesen. In der Scheune, tot an einer Wand sitzend. Nebeneinander angekettet starrten sie alle mit leerem Blick in die Dunkelheit. Die Enden der Ketten schabten dumpf über das Holz der Scheunenwand, vom Wind sacht bewegt, der ständig durch die breiten Ritzen pfiff. Dort saßen sie, mit so grausam verzerrten Gesichtern, als wäre der Tod einfach jeder weiteren Qual zuvor gekommen. Dabei hielten sie sich noch an den Händen, als hätte eine Gemeinsamkeit das Grauen stoppen können. Ihre Körper waren so schrecklich zerfetzt worden, als hätte jemand in unbändiger Wut immer wieder auf sie eingehackt. Die Kleidung war bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten, und das viele Blut tat ein übriges dazu. Die Leiber waren, wie auch beim Hund, gewaltsam geöffnet worden, und Andrea wollte nicht wissen, ob dies vor, oder erst nach deren Tot getan wurde. Blutige Därme quollen ebenfalls hervor, nur waren diese dabei noch sehr weit heraus gezogen worden. Ein Schlachthaus des Horrors.
So kurz sie auch nur hingesehen hatte, so brannte sich das Bild doch in ihrem Kopf. Panisch drehte Andrea sich um, was ihr Lampenlicht dabei wie irr über die Wände zucken ließ, und nur am Rande bemerkte sie den Elektro-Schocker, wie das blutverschmierte Hackbeil, das vor den toten Kaisers im Dreck lag.
„Raus hier“, schrie sie fast, und stürzte zur Tür zurück.
Dabei spürte sie förmlich den Psychopaten, der ihr in der Dunkelheit nachsprang und dabei wie irre das Hackbeil schwang. Sie hörte sein wahnsinniges Kreischen direkt neben sich, und wusste nicht, das sie selbst so schrie. Sie rannte jetzt, was ihre Beine hergaben. Sie musste hier so schnell wie möglich raus. Raus zum Auto, und nix wie weg hier.
Sie hatte die Tür fast erreicht, als Tom ihr ruhig und stumm in den Weg trat.
Doch ohne groß darüber nachzudenken, packte sie ihn. Riss ihn mit sich hinaus und rannte dann, hysterisch schreiend und ihn mit sich zerrend zu ihrem Wagen. Hier suchte sie hektisch und verzweifelt ihre Schlüssel, fand sie schließlich, schloss auf und stieß ihn eiligst hinein. Dann rannte sie um den Wagen herum, riss die Fahrertür auf, stürzte hinein, und knallte sie wieder zu. Hier saß sie atemlos würgend, und schaltete sofort die Scheinwerfer ein. Der Hof erstrahlte prompt im grellen Licht und sie starrte, mit unter Schock geweiteten Pupillen, zurück zur dunklen Scheune. Der Schweiß lief ihr kalt den Körper herunter, doch sie wartete nur voller Angst auf den, der ihr sicher noch folgen würde.
Doch der Hof blieb verlassen.
„Oh Gott, oh Gott, oh Gott...“, flüsterte sie immer wieder und voller Grauen, und bemerkte Tom erst nur am Rande. Dieser saß neben ihr blickte sie jetzt ruhig, aber fragend an. Andrea packte voller Angst ihre Handtasche, wühlte darin herum, und zog schließlich ihr Reizgas-Spray heraus. Robert hatte ihr nahegelegt, sich so etwas anzuschaffen. Denn einige Väter konnten laut ihm recht unangenehm werden. Sie war ihm jetzt, im nachhinein, dankbar drum. Egal, wer das getan hatte, und ob der sich hier noch irgendwo herum trieb, sie würde diesem kranken Kopf schon einen Kampf liefern, das schwor sie sich. Andrea bemühte sich um Fassung, atmete mehrmals tief durch und blickte dann zu Tom, der dieses Massaker irgendwie überlebt hatte und immer noch ruhig neben ihr saß.
„Hast...“, wollte sie jetzt von ihm wissen, brauchte aber noch einen Anlauf, „hast du sie so gefunden?“ Sie zitterte unkontrolliert.
„Wen?“ Fragte Tom ehrlich erstaunt, und lächelte sie dann unsicher an.
„Deine... deine Familie meine ich,“ schloss Andrea und dachte mit Schrecken daran, was das in ihm wohl angerichtet hatte. Sie nestelte nach ihrem Handy, behielt dabei aber weiterhin ängstlich den leeren Hof im Auge.
„Warum, die sind doch weg?“ Tom verblüffte sie, und sie blickte ihn jetzt verwundert an. Doch er schien ehrlich erstaunt zu sein. Sie dachte an seine Unruhe in der Küche, seine verträumt, wie abwesend blickenden Augen, und ihr dämmerte. Verdrängung, brüllte es in ihr, er verdrängt es, purer Selbstschutz. Was hatte dieses Kind bloß überlebt?
Aber endlich, da war ihr Handy. Sie zog es hervor... und besann sich dann eines Besseren. Hier im Wagen konnte sie nicht telefonieren, nicht neben Tom. Sie wandte sich noch mal an ihn, nur um sicher zu gehen.
„War jemand hier?“, Andrea überlegte kurz, „ich meine, bevor ich gekommen bin. Kannst du dich erinnern? Irgendwer, der sich hier herum getrieben hat?“
„Hab keinen gesehen“, sagte er bestimmt und schüttelte dabei energisch den Kopf.
Doch dann blickte er sie ängstlich an.
„Warum? Was ist denn passiert?“ Fragte er nun mit leichter Panik, und beruhigend wuschelte Andrea ihm durchs Haar. Sich zu einen Lächeln zwingend, öffnete sie immer noch etwas zittrig die Tür. Sie wollte ihn jetzt nicht zurück ins Trauma stoßen, das würde erst später auf ihn warten, und so bemühte sie sich, möglichst normal zu erscheinen.
„Ach, nichts“, sie stieg vorsichtig aus, „ich telefoniere nur kurz, und dann machen wir beide eine kleine Spritztour, Ok?“
Tom strahlte sie jetzt wieder an und nickte eifrig.
„Klar!“
Sie schlug die Tür zu, ging schaudernd in die kalte Helligkeit ihrer Scheinwerfer und mit zitternden Händen wählte sie die Notrufnummer. Wer immer das getan hatte, war sicher schon über alle Berge, sonst wären sie und Tom sicher schon angegriffen worden. Sie atmete mehrmals tief durch, blickte sich dennoch ständig um, und versuchte sich verzweifelt zu beruhigen. Unruhig wartete sie, das am anderen Ende jemand abnahm.
Als wenig später ein Beamter abhob, erzählte sie langsam, und stockend, wo sie sei, um was es sich handelte, und das sie und der mittlere Sohn der Familie sich gleich auf den Weg zu ihnen machen würden. Dann beantwortete sie noch zwei Fragen des Beamten, legte auf und wollte gerade wieder einsteigen, als ihr die Mappe einfiel.
Mist, die lag noch auf dem Küchentisch. Und da Andrea davon absah, jemals wieder auch nur einen Fuß auf dieses Grundstück zu setzten, lief sie, trotz ihrer Angst, los, um sie zu holen. Das würde ja ein Bericht werden, man, man, der würde sicher mehr einer Horrorstory ähneln, als einer Diagnose der Familienstruktur. Zumal von Familie jetzt wohl nicht mehr die Rede sein konnte. Andrea schauderte wieder und ihre Wut, die sie auf die Eltern gehabt hatte, tat ihr jetzt leid. Sie schämte sich innerlich und rannte zur Tür, stieß diese auf und machte erst einmal Licht im Flur. Wie ruhig, sauber und ordentlich es hier immer noch war, fast surreal im Vergleich zum Grauen, das in der Scheune lauerte. Mit Angst, der Bilder in ihrem Kopf wegen, rieb sie sich die Gänsehaut von den Armen und ging vorsichtig durch den Flur zur Küche. Immer in Erwartung des Täters, hielt sie ihr Spray ständig einsatzbereit vor sich.
Da lag die rote Mappe, mitten auf dem Tisch und genau so, wie sie sie liegen gelassen hatte. Erleichtert griff sie nach ihr, drehte sich um und wollte grade wieder los laufen, als sie Tom wieder in der Haustür stehen sah. Sie fühlte sich zum Nachmittag zurückversetzt, und lächelte ihm beruhigend zu, denn er hatte sicher noch mehr Angst wegen ihrem sonderbaren Verhalten bekommen. Doch er blickte sie nur mit leiser Trauer an.
„Fahren wir jetzt zu dir nach Hause?“ Fragte er sie unschuldig, „jetzt, wo alle in der Scheune fort sind und ich ganz allein bin?“
In Andrea dämmerte langsam ein schlimmer Verdacht, und hin und hergerissen wich sie etwas vor ihm zurück. Die Mappe dabei instinktiv, und wie zum Schutz vor den Bauch gepresst. Doch etwas wollte, nein, musste Andrea jetzt noch wissen.
„Was hast du eigentlich gehört, vorhin, in der Küche, bevor du rausgelaufen bist?“
Sie musterte ihn ernst, und er blickte sie traurig und voller Unschuld an.
„Die Ketten“, flüsterte er so leise, das Andrea ihn kaum verstand, „die Ketten, die sie halten.“ In ihrem Bauch bildete sich ein harter Knoten der Furcht.
„Du hast mich doch lieb?“ Fragte er vorsichtig, und schaute danach traurig durch das Haus, „denn hier hatte mich niemand gern.“
Eine dicke Träne lief ihm jetzt über die hübsche zarte Wange, und die Pädagogin in Andrea gewann schließlich dem Kampf über ihre Angst. Sie stürzte zu ihm, zog ihn fest in die Arme und redete beruhigend auf ihn ein. Streichelte, drückte und herzte ihn, bis er von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Egal, was dieser Junge getan hatte, egal, für alles gab es Gründe, und alles Schlimme konnte mit Liebe und Zeit zurecht gerückt werden, das hatte sie doch grade erst so gelernt.
Als die Sirenen in der Ferne gellten, nahm sie ihn hoch, trug ihn zum Auto, und verließ mit ihm entgültig diesen Ort seiner Schrecken.
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