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Im Auge der Katze

© 2005 by Livia

Die Strahlen der Morgensonne leuchteten golden durch die schmucke Küche der Arnolds.
Leichter Staub tanzte im Licht über dem Küchentisch, den Erika gerade abräumte. Dieser Morgen war ruhig und leise, wie eigentlich jeder Morgen in diesem Haus. Beschaulich in der Stille, die Erika jeden Tag aufs neue so genoss, wenn ihre Männer wieder fort waren. Langsam räumte sie weiter auf, wusch ab, stellte die Milch zurück in den Kühlschrank und verstaute Haferflocken wie Cornflakes. Die Sonne beleuchtete ihre nun saubere Küche und Erika blickte sich zufrieden um.
Sie waren eine glückliche Familie, dachte sie, eine glückliche Familie in einem wirklich schönen Haus. Sie, ihr Mann Martin und ihr gemeinsamer Sohn Max. Eine Bilderbuchfamilie, dachte sie. Ja, eine Bilderbuchfamilie, aber eine mit Makel. Warum, überlegte sie sich immer, kann im Leben nicht alles einfach mal perfekt sein? Warum gibt es immer ein Problem? Egal wie sonnig und schön das Leben auch war, etwas Mieses gab es wohl immer? Das lag wohl so im Sinn des Lebens verborgen. Kein Schwarz ohne Weiß, kein Tag ohne Nacht. Kein Glück ohne Makel.
Und ihr Makel hieß Shia.
Sie hängte seufzend das Geschirrtuch an seinen Platz, jetzt wieder blind für die Schönheit des Morgens, wusch sich noch kurz die Hände und ging dann nach oben um die Betten zu machen. Auch hier leuchtete alles im Schein der Sonne, doch Erika war das nun recht gleichgültig. Ihre Stimmung war erst mal dahin, wusste sie doch, was sie jetzt wieder einmal erwarten würde.
Wie immer lag Shia, ihreszeichens reinrassige Siamesin, in Maxis Zimmer auf der Bettdecke und schlummerte. Das sie dabei mehr als genug Haare verlor, um damit ein Kissen zu stopfen, versteht sich von selbst. Martins `kleines Schätzchen´, wie er die Katze immer liebevoll rief, machte ihr das Leben noch schwerer, als dieses ohnehin schon war. Das er sie so liebte war mit der einzige Grund, warum Erika die Katze überhaupt noch duldete. Auch Maxi hing sehr an `seiner´ Shia und so fügte sich Erika widerstrebend. Erika und Martin liebten sich sehr, wie auch den gemeinsamen Sohn. Der einzig große Wermutstropfen in Erikas Leben war aber eben dieses Katzentier, das ihr erfolgreich das ruhige Leben zur Hölle machte. Das ihre Männer das einfach nicht verstehen konnten?
Erika scheuchte sie jetzt mit Nachdruck vom Bett und Shia fauchte sie dabei wie immer zornig an. Erika konnte und wollte mit diesem Tier so wenig wie möglich zu tun haben. Sie mochte keine Katzen und Shia, dieses blauäugige Scheusal, erst recht nicht. Immer lief sie ihr zwischen die Beine, flitze plötzlich unter Gegenständen hervor oder jammerte mit ihrer klagenden Stimme, als würde Kreide über eine Tafel gezogen. Nein, sie verabscheute dieses Tier. Shia ihrerseits lag auch nicht viel an Erika und sie zeigte dies auch mehr als deutlich.
Erika scheuchte Shia jetzt aus dem Zimmer und, igitt, wieder alles voller Katzenhaare.
Irgendein Nachbar mähte gerade seinen Rasen und schon zog der Geruch des frisch geschnittenen Grases durch das geöffnete Fenster. Sommer, dachte Erika jetzt wieder etwas Versöhnter und fing an, Maxis Bettdecke wieder etwas Form zu verleihen. Und vor allem Shias Haare wieder herunter zu bekommen. Max saß jetzt in der Schule, in der zweiten Klasse und lernte all die Dinge, die er für sein späteres Leben brauchen würde. Doch in den Haaren dieses Scheusals zu schlafen gehörte da sicher nicht zu. Energisch klopfte Erika jetzt die Decke aus.
Dieser Sommer hatte sehr schön begonnen. Oft waren sie Nachmittags schon zum See gefahren, oder bei Nachbarn zum grillen. Zwei, drei Partys hatten Erika und Martin schon besucht und noch einige Feiern würden folgen, bis dieser Sommer zu Ende ging. Doch noch war es nicht soweit, noch standen die Ferien vor der Tür und mit ihnen auch ihr Familienurlaub. Drei Wochen Karibik und Erika freute sich schon sehr darauf. Drei Wochen unter südlicher Sonne. Drei Wochen ohne Katzenvieh.
Sie ging über den Flur zu ihrem Schlafzimmer und ganz in Urlaubsträumen versunken, machte sie auch hier die Betten. Shia war ihr wie immer heimlich gefolgt und beäugte sie misstrauisch und mit glitzernden Augen. Später ging Erika vorsichtig in den Keller hinunter. Vorsichtig deshalb, weil Shia ihr dabei oft zwischen die Beine sprang und sie so immer ins Stolpern brachte. Man konnte sein Leben auch anders beenden, als die Kellertreppe hinunter zu stürzen. Hier unten stand ihre Waschmaschine, der Trockner wie die große Tiefkühltruhe und zu ersterer trat sie nun.
In ihrem Keller türmten sich all die unnützen Dinge, die sich in jeder Familie irgendwann ansammelten. Dunkle Ecken überall, die das schwache Deckenlicht auch nur unzureichend erhellen konnte. Erika fühlte sich hier unten immer unwohl und irgendwie beobachtet. Zudem hatte dieses Katzenvieh hier unten genug dunkle Schlupfwinkel, um wieder ganz unvermittelt daraus hervor zu stürzen. Mehr als einmal hatte sie Erika so schon einen mächtigen Schrecken eingejagt. Dieses Tier ist einfach ein Scheusal.
Erika belud schnell die Maschine mit Schmutzwäsche, füllte dann Waschpulver wie Weichspüler ein und wählte ihr Programm. Grade als sie dieses starten wollte, hörte sie ein Geräusch.
Ein Wispern ließ sie kurz aufhorchen. Ganz leise schien etwas zu kratzen und das Geräusch war kaum zu hören. Erika lauschte ganz intensiv und glaubte dann, das Shia wahrscheinlich wieder irgendwelchen Mist baute. Aber bitte nicht hier im Keller, dachte sie und lauschte angestrengt. Nein, die Geräusche kamen von oben. Machte wohl wieder irgendwelchen Mist, dieses blöde Tier. Na, aber besser sie war da oben, als irgendwo hier unten in einer dunklen Ecke zu lauern. Sie spielte wohl mit ihrem albernen Kram, den Martin und Maxi immer anschleppten. Überall im Haus flogen ihre Bällchen und Fellmäuse herum und nur die Katze selbst wusste, wo das ganze Zeug grade lag.
Das Geräusch entfernte sich nun langsam und sie atmete wieder etwas auf. Erika wunderte sich nur nebenbei über das Verhalten dieser wandelnden Flohburg mit Dachschaden. Soll einer dieses Tier verstehen, sie konnte es nicht.
Als sie ihre Arbeit beendet hatte, ging sie erleichtert wieder nach oben, in die Helligkeit des Erdgeschosses. Die Schatten hatten sich hier schon etwas verschoben und nun wurde es doch langsam Zeit, Shia zu füttern. Leider blieb das, wie das Katzenklo säubern, an ihr hängen, da sie den Tag über ja im Hause war. Und eine jammernde, weil hungrige Siamesin wäre mehr, als sie ertragen konnte. Erika betrat die Küche, öffnete den großen Kühlschrank und holte die Dose mit dem Futter heraus. Martin hasste es, wenn sie seiner Katze kaltes Futter vorsetzte. Diese sei doch so wertvoll, sagte er dann immer, so zart und edel und kaltes Futter würde sie nur krank machen. Na und, soll sie doch, Erika war das total gleichgültig. Sollte das Vieh sich doch einen kalten Wanst holen und daran verrecken, das wäre ihr nur recht. Vielleicht könnte man sich dann einen Hund holen, wie sie sich immer einen gewünscht hatte. Das wäre dann auch für Maxi mal ein richtiger Spielkamerad, satt einem kapriziösen, pseudoaristokratischen Totalschaden auf vier Beinen. Vor vier Jahren war Martin mit diesem Scheusal hier aufgetaucht und fast augenblicklich hatte Max sie ins Herz geschlossen. Seid dem musste sie sich mit diesem Tier arrangieren, was dabei aber oft genug in die Hose ging. Die gegenseitige Antipathie war stärker und so fochten sie fast täglich ihre kleinen Kämpfe miteinander aus.
Sie wunderte sich dennoch, das die Katze nicht sofort und laut schreiend angerannt kam. Das tat sie eigentlich immer, wenn sie sie fütterte und Erika verdrehte dabei ebenso regelmäßig und genervt die Augen. Blödes Vieh. Sie klapperte etwas mit der Gabel an der Dose und rief sie dabei.
„Shia, altes Miststück, komm, es ist angerichtet.“ Wieder tauchte sie nicht auf.
Stattdessen hörte sie die Katze im Obergeschoss leise Mautzen.
„Dann eben nicht, blöde Kuh, bleib doch wo der Pfeffer wächst.“ Sie füllte lieblos den Napf und stelle den Rest Futter zurück. Legte noch die benutzte Gabel noch in die Spüle und wollte sich grade wieder an ihre Hausarbeit machen, als sie es oben gedämpft Klirren hörte.
Oh nein, dachte Erika, bitte nicht. Sie eilte voller Vorahnung nach oben in ihr Schlafzimmer. Nicht die neue Porzellan-Statue. Nicht die, die Martin ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, betete sie innerlich und stand dann doch vor den Überresten eben jenes Geschenkes. Dieses Katzenvieh hatte ihre kleine und dabei nicht ganz billige Statue mit den zwei Pferden zerbrochen, während alle anderen noch unversehrt auf dem Regal standen. Nur ihre Neue hatte dieses mal dran glauben müssen, wie es immer ganz Art dieses Viehs war. Viele der anderen waren auch schon von ihr herunter gestoßen worden. Einige zeigten noch die alten Klebespuren, doch diese hier war aus zu zartem Porzellan, diese konnte sie nun wohl vergessen.
„Du blödes, altes Scheissvieh, wenn ich dich in die Finger kriege, kannst du was erleben.“
Wütend lief Erika zurück in die Küche, schnappte sich den Besen und machte sich auf die Suche. Wo steckte das Mistvieh?
Sie durchsuchte das ganze Haus und unter dem Sofa im Wohnzimmer blinzelten sie schließlich zwei blaue Augen wütend an. Wild hieb Erika immer wieder mit dem Stiel des Besens unter das Sofa. Fauchend flüchtete Shia schließlich schnell an ihr vorbei und sauste nach oben, feige wie immer. Erika verspürte dabei aber nicht die geringste Lust, ihr zu folgen. Wozu auch, schon viel zu oft hatte es solche Szenen mit diesem Scheusal gegeben. Immer betraf es nur sie. Martin oder Maxis Sachen rührte die Katze nicht an, immer nur ihre. Ihr kotzte sie auf das Bett. Ihr pinkelte sie in die Hausschuhe. Auf ihrer frischen Wäsche legte das Biest sich schlafen. Waren Martin oder Max krank lag das Tier friedlich schnurrend daneben, doch hatte sie ihre Migräne quengelte dieses Mistvieh nur herum und das am besten noch den ganzen Tag. Soll Martin sich doch nachher mit ihr amüsieren, war schließlich sein Geschenk, das dieses Miststück zerbrochen hatte. Trotzdem würde sie diesem schwarzgesichtigen Scheusal eine Auswischen. Wie du mir, so ich dir.
Sie lief zurück in die Küche, griff sich das schon leicht riechende Katzenklo und trug es ins Wohnzimmer. Zu dem großen Kratzbaum mit Schlafhöhle. Martin legte Wert auf Qualität, grade beim Familienvierbeiner, und so hatte Shia einen Kratzbaum der vom Boden bis zur Decke reichte. Erika lachte, als sie das stinkende Katzenklo in die mittlere Schlafhöhle entleerte. Dieses war Shias Lieblingsplatz und Erika freute sich schon auf den dummen Blick der Katze. Ja, das wäre sicher ein Lacher. Eigentlich hätte sie die Kiste heute wieder säubern müssen. Tja, zwei Fliegen mit einer Klappe. Soll Martin sich nachher doch auch gleich darum kümmern, war schließlich seine Heulboje die ihr den Morgen verdorben hatte. Grinsend machte sie sich wieder an ihre Hausarbeit.

Später, sie hatte schon fast das ganze Bad geputzt, wollte Erika sich dem WC widmen. Es war nur wenig nach elf Uhr als sie damit begann. Wieder hatte sie nur von ihrem bevorstehenden Urlaub unter tropischer Sonne geträumt. Hatte sich ausgemalt, wie viel Spaß sie dort alle hätten. Was sie miteinander wohl unternähmen, wie das Essen da wohl aussähe und ähnliche Banalitäten. Ganz in ihren Tagträumen versunken öffnete sie langsam den weißen Deckel vom WC und griff dabei gleichzeitig nach der Bürste. So gebückt spürte sie plötzlich einen überraschenden Schlag im Rücken. Erika wurde dadurch nach vorn geschleudert und prallte hart mit der Stirn gegen die Schüssel ihrer Toilette. Verwirrt wusste sie erst nicht, was sie getroffen hatte und ihr Kopf schmerzte höllisch. Vor der Toilette hockend und die grellen Blitze hinter ihren Augen vertreibend, versuchte sie einen Blick hinter sich zu werfen. Jetzt spürte Erika auch erst die scharfen Klauen, die sich erbarmungslos in ihren Rücken gruben. Shia.
„Jetzt reicht es!“ Schrie Erika und versuchte aufzustehen, „jetzt habe ich endlich genug von diesem Tier!“ Doch Shia hing an ihr und ließ nicht locker. Immer wieder biss sie Erika und die Krallen der Hinterpfoten bearbeiteten abwechselnd ihren Rücken.
„Du Miststück, lass los!“ Brüllte Erika, endlich stehend und drehte sich dann im Kreis. Mit der Klobürste versuchte sie, die Katze von sich abzuschütteln. Doch Shia fauchte nur böse und Erika konnte spüren, wie sich die Krallen der Katze noch tiefer in ihr Fleisch senkten.
„Lass mich endlich los, du Biest!“ Erika schlug jetzt mit der Klobürste nach Shias Kopf, verfehlte sie aber mehrmals. Shia wich jedem ihrer Schläge geschickt aus, bis sie doch endlich einmal traf. Die Katze stieß einen gedämpften Laut aus und rutschte dabei etwas ihren Rücken hinab. Deren Krallen zogen dabei tiefe Wunden, was Erika vor Schmerz laut aufschreien ließ. Ihr ganzer Rücken stand nun wie in Flammen und brannte dabei höllisch. Doch noch immer hing dieses Scheusal an ihr und Erika musste sie irgendwie abschütteln. Das Waschbecken! Gequält lachte Erika einmal auf und stellte sich mit dem Rücken davor.
„Na warte, du Miststück, nicht mit mir!“ Und mit ganzer Kraft ließ sie sich nach hinten fallen. Shia schrie einmal auf und sofort war Erika von ihr befreit. Blut rann ihr nun langsam ins Gesicht und sie sah im Spiegel über dem Waschbecken eine Platzwunde an ihrer Stirn. Trotz der Schmerzen, die sie nun immer heftiger quälten, wandte sie sich wütend um.
„Wo bist du, du Biest?“ Suchend blickte Erika durchs Bad und bemerkte nur nebenbei das Blut, dass ihr warm den Rücken hinab rann. Shia fauchte wieder und knurrte danach drohend, doch Erika konnte sie nicht entdecken. Dann sprang die Katze plötzlich unter der Toilette hervor und auf den Wasserkasten. Sträubte dabei das Fell und funkelte Erika bedrohlich an. Mit hohem Buckel und peitschendem Schwanz ließ die Schwarzmaskierte sie nicht aus den blauen Augen und Erika griff die Klobürste fester.
„Komm schon, du Miststück,“ flüsterte sie leise und wappnete sich gegen den Angriff. Shias Hinterteil sank etwas tiefer und ihre Muskeln spannten sich. Dann sprang sie kreischend los und schnellte auf Erikas Gesicht zu. Diese machte einen Satz zurück und traf die Katze, noch in der Luft, hart mit der Klobürste. Erika schlug sie dabei mit voller Wucht in die Badewanne. Erneut grunzte Shia beim Aufprall, doch ungebremst sprang die Katze danach wieder auf sie los. Shias Hass ließ Erika jetzt frösteln.
Trotz ihres brummenden Schädels hatte sie eine Idee. Rasch ließ sie die Klobürste fallen um die Katze noch in der Luft zu fangen. Shia gebärdete sich in Erikas Händen wie toll und schlug mit ihren Pfoten wild nach ihrem Gesicht, das sie nur mit Mühe außer Reichweite halten konnte. Doch dann besann sich die Katze wohl eines Besseren und kratzte und biss statt dessen in Erikas Hände und Unterarme. Deren Hinterbeine strampelten dabei und zogen jedes Mal die scharfen Klauen über ihre ungeschützten Unterarme. Erika schrie wieder laut auf, doch sie hielt Shia weiterhin eisern fest. Eine Hand an deren Gurgel, die andere am schlanken Bauch. Die Toilette, sie musste nur die Toilette erreichen, dann wäre dieses Problem erst mal vom Tisch. Mit aller Gewalt das tobende Scheusal von sich haltend, stolperte sie hin und hob mit dem Knie den Deckel soweit an, das dieser von allein nach hinten fiel. Shia biss und schrie und tobte wie verrückt und fast gelang es ihr, sich zu befreien. Nur unter Aufbringung all ihrer Kräfte gelang es Erika schließlich, sie an der Kehle haltend in das Wasser der Toilette zu drücken. Das brachte die Katze nun vollends zum Ausrasten und mit mehr Kraft, als Erika ihr je zugetraut hatte, entwand sich Shia ihrem Griff.
Krachend ließ sie den Deckel herunter fallen und setzte sich schnell oben drauf. So konnte dieses verrückte Tier wenigstens nicht mehr heraus und sie weiterhin angreifen. Ihre Hände und Arme bluteten und schmerzten, ebenso wie Rücken und Gesicht und leise tropfte es auf die hellen Fliesen. Unter ihr tobte Shia weiter und immer wieder polterte es gegen den weißen Deckel. Erika hörte sie gedämpft unter sich fauchen und knurren.
„Na, Miststück, gefällt dir wohl nicht, was?“ Rief sie und lachte dabei hysterisch.
Dieses schwarzgesichtige Scheusal war komplett verrückt geworden. Ha, sie hatte ja darauf gewartet, das diesem total überzüchteten Quengelvieh mal eine Sicherung durch brannte. Sie hatte das ja schon kommen sehen. Martin redete zwar immer dagegen, doch hier saß sie jetzt, der Beweis dafür, das dieses schielende Miststück mehr als eine Schraube locker hatte. Seine ach so geliebte Shia war total durchgeknallt. Erika hätte sie auch gleich töten können, einfach im Klo ersäufen, verdient hätte sie das allemal. Doch das wäre dann etwas zu einfach. Nein, sie wollte, das Martin sie aus dem Haus schaffte. Das Martin einsah, wie schlecht eine Katze, diese Katze für ihre Familie war. Er sollte sich gefälligst um dieses bepelzte Problem kümmern, wie er es seinerzeit angeschafft hatte. Ja, da hätte er wohl nun einiges wieder gut zu machen. Erika blickte auf ihre zerstörten Hände hinunter, oh ja, einiges wieder gut zu machen.
Irgendwo draußen surrte immer noch der Rasenmäher. Die Sonne schien, ein Hund bellte und die Vögel sangen. Die Welt lief einfach weiter, während sie auf dem Deckel ihres WCs saß und Martins Liebling darunter gefangen hielt. Ihre Hände schwollen nun bedenklich an und die Bisse taten ihr sehr weh. Ihre Bluse klebte an ihrem zerkratzen Rücken. Dieser brannte immer noch ganz fürchterlich und jede Bewegung wurde für sie zur Qual. Die Haut ihrer Stirn spannte unangenehm und dahinter pochte dumpf der Kopfschmerz. Zumindest blute ich jetzt nicht mehr so stark, dachte sie und blickte sich suchend um. Sie musste irgend etwas zum Beschweren des Deckels finden, denn so konnte sie hier nicht den ganzen Tag hocken. Nein, das wäre wohl unmöglich. Ihr Bad war sehr groß, weil sie sich immer so eines gewünscht hatte und nun verfluchte sie sich innerlich eben genau darum. Der kleine Kosmetikschrank unter dem Waschbecken wäre schwer genug, stand für sie aber außer Reichweite. Selbst wenn sie sich strecken würde, mehr als eine Fußspitze würde sie nicht heran bekommen. Und der kleine Eimer neben der Toilette reichte kaum als Gewicht aus. Shia kratze nun verbissen unter ihr herum und Erika spürte es mehr, als das sie es hörte. Wie auch, denn dabei jaulte dieses Vieh so qualvoll und laut, das Erika eine Gänsehaut bekam. Gott, wie zum Teufel soll man dabei Nachdenken?
„Halt doch endlich mal deine Schnauze, altes Miststück!“ Fluchte Erika nun und tatsächlich ließ das zermürbende Jaulen nach, doch das kratzen unter ihr nahm noch um Stärken zu.
„Jaja, mach du dir nur die Krallen kaputt, soll mir doch recht sein, altes Scheusal.“
Wieder knurrte und fauchte es wild unter ihr und Erika musste nun doch grinsen.
„Na, blödes Luder, etwa nasse Füße bekommen?“
Unter ihr platschte es leise und dann setzte das kratzen wieder ein. Erika machte sich keine Gedanken darum, ob sie sich ihren Weg vielleicht so Freikratzen könnte.
Martin und sie hatten seinerzeit im Geschäft noch das für und wieder eines so teuren WC-Sitzes diskutiert. Doch Martin hatte sich wieder durchgesetzt, wie eigentlich immer. So war auch ihr WC-Sitz von bester Qualität und würde leicht jeder Katze standhalten. Das nun grade Martins Qualitätswahn dafür sorgte, das sein geliebtes Shialein jetzt unter ihr fest saß, brachte Erika endgültig um ihre Fassung. Hysterisch lachte sie nun los und trotz aller Schmerzen konnte sie nicht anders. Oh Gott, nein, das war aber auch zu komisch. Martin, mein Liebling, könntest du mich jetzt hier sitzen sehen, du würdest sicher denken, du hättest eine komplett Wahnsinnige vor dir. Ja, das wäre ein Anblick; sie hier sitzend, blutüberströmt und dabei am lachen, als wäre grade der beste Witz der Welt erzählt worden. Sie lachte Tränen, auch wenn ihr Rücken das alles andere als lustig fand. Aber es tat ihr auch gut, fiel so zumindest etwas von ihrer Anspannung ab.
Dann läutete unten plötzlich das Telefon und holte sie so wieder in die Realität. Sofort beruhigte sie sich und lauschte. Dreimal, viermal klingelte es, als schnarrend der Anrufbeantworter ansprang. Dann herrschte wieder Stille, bis auf die jetzt wieder tobende Katze unter ihr. Erika wusste, das auf dem Display nun eine grüne Eins schimmern würde. Überlegend blickte sie sich um und bemerkte nun erst, wie weit die von der Sonne erhellten Flecken schon über die zum Teil blutigen Fliesen gewandert waren. Gott, war es wirklich schon so spät? Sie musste Maxi doch wie immer von der Schule abholen. Sicher hatte seine Lehrerin grade angerufen.
„Na Prima, alles nur wegen diesem Drecksvieh!“ Erika trat wütend gegen die Schüssel und schätzte dabei im Gedanken die Entfernung zur Badezimmertür. Sie musste hier raus und das schnell. Gute drei Meter trennten sie von der halb geöffneten Tür, die ihr jetzt so einladend erschien. Dahinter wartete Normalität. Ihre Normalität. Ihr Leben und alles, was dieses Ausmachte. Abschätzend blickte sie auf ihre Hände. Geschwollen und zerfleischt ließen sie sich jetzt kaum noch bewegen. Mussten sie aber, denn die Tür würde sich nur mit ihnen schließen lassen. Hier um Hilfe zu rufen erschien ihr sinnlos, lagen die Häuser ihrer Siedlung viel zu weit auseinander, als das sie jemand hätte hören können. Also blieb ihr nur die Tür als einziger Ausweg. Als hätte Shia ihre Gedanken gehört, arbeitete sie jetzt noch verbissener unter dem Deckel. Krallte und kratzte unter ihr und Erika hörte sie weiterhin fauchen und knurren. Ernsthaft fragte sich nun, ob sie es wohl schaffen würde die wahnsinnige Katze hier einzusperren. Wieder läutete das Telefon im Korridor, doch dieses mal ignorierte sie es. Drei Meter, nur drei Meter trennten sie von ihrem normalen Leben. Drei Meter.
Sie sollte sich aber besser beeilen, mit ihrem schmerzenden Körper würde sie diesem Derwisch in Katzengestalt nicht mehr viel entgegen zu setzen haben. Denn auch wenn Shia schlank und grazil wirkte, hatte sie Erika vorhin doch eines Besseren belehrt. Dabei waren Erikas Hände jetzt fast nicht mehr zu gebrauchen und mit Grauen dachte sie an einen weiteren Angriff dieses Tieres. Nein, sie musste es irgendwie schaffen. Nur drei Meter, dachte sie und bereitete sich innerlich vor.

Martin legte nach dem dritten Rufton auf.
Er saß endlich nicht mehr in der morgendlichen Besprechung, aber für diesen Nachmittag stand leider noch eine an. Er hatte gerade über den Frühjahrsquoten gebrütet, als ihn der Anruf von Maxis Klassenlehrerin jäh unterbrach. Leicht verblüfft blickte er zur Uhr. Es war jetzt halb eins Mittags und die Lehrerin von Max klang besorgt. Erika war heute mittag nicht wie gewohnt in die Schule gekommen um ihn abzuholen. Max und sie hatten nun eine halbe Stunde gewartet und sie hatte dann beschlossen ihn anzurufen, da sich bei ihnen Zuhause niemand auf ihre Anrufe meldete. Martin nickte und versprach, das er sich darum kümmern würde. Etwas beunruhigt hatte er nun seinerseits versucht Zuhause anzurufen. Doch wie bei der Lehrerin, nahm auch bei ihm keiner ab. Noch beunruhigter rief er jetzt bei Regine, ihrer Babysitterin an. Diese nahm nach dem zweiten Rufton ab und er erklärte ihr kurz die Sachlage. Sie versprach natürlich sofort, sich um Maxi zu kümmern. Martin wollte grade auflegen, da fiel ihm plötzlich noch etwas ein.
Er wusste, Erika würde Maxi niemals in der Schule oder sonst wo vergessen. Nichts würde sie daran hindern können, ihn pünktlich abzuholen. Also, musste irgendetwas zu Hause geschehen sein. Etwas, dass sie daran hinderte, Maxi rechtzeitig abzuholen. So vermutete er und dachte dann mit Grauen daran, was es bedeuten würde, wenn Maxi seine Mutter wer weiß wie fände und dann ganz allein wäre. Nein, dann war es besser, wenn er vorerst bei Regine blieb und er selbst erst einmal nach dem Rechten schaute. So bat er Regine noch schnell, nicht mit seinem Sohn nach Hause zu fahren, sondern ihn mit zu sich zu nehmen. Auch das war für Regine kein Problem. Martin dankte ihr und legte auf.
Doch gegen seinen Wunsch, jetzt nach Hause zu fahren, stand die nachmittägliche Besprechung, die erst gegen fünfzehn Uhr angesetzt war. Immer besorgter versuchte er erneut seine Frau zu erreichen und wieder nahm keiner bei ihm Zuhause ab. Erika, verdammt, wo steckst du? Und wieder blickte er zur Uhr. Vierteil nach Eins zeigte diese erst und das hieß, er müsste hier noch mindestens vier Stunden sitzen und Martin wusste nicht, ob er dies schaffen würde. Er liebte seine Erika sehr und die Ungewissheit um ihr Wohlergehen wuchs mit jeder halben Stunde beträchtlich. Die Zeit zog sich wie Gummi und gegen halb Drei hielt er es nicht aus. Martin bat seine Sekretärin Julie zu sich und setzte sie davon in Kenntnis, dass es ihm nicht gut ginge und sie ihn bei der Besprechung entschuldigen und vertreten möge. Diese willigte ein und wünschte ihm noch eine gute Besserung, als er schon das Büro verließ.
Er rannte zwar nicht zu seinem Wagen, aber er beeilte sich und schließlich fuhr endlich vom Parkplatz in Richtung seines Zuhauses.
Martin hielt sich, wie eigentlich immer, an alle Straßenverkehrsregeln, doch mehr als oft juckte es ihm im Fuß. Doch lieber etwas später und sicher ankommen, als rasen und dann vielleicht überhaupt nicht mehr. So fuhr er sehr konzentriert, obwohl sein Unbehagen mehr und mehr wuchs. Was war bloß mit seiner Frau geschehen? War sie beim putzen von der Leiter gefallen? Hatte seine Katze sie vielleicht auf der Treppe wieder zum stolpern gebracht und Erika lag nun am fuße selbiger. Verrenkt, oder gar mit gebrochenem Genick? All diese Fragen stürmten auf ihn ein und noch nie war ihm der Weg von der City bis zur Vorstadt so lang und mühsam erschienen.
Schwitzend und nervös saß er hinter dem Lenkrad. Fest hielt er dieses umklammert und starrte mehr als oft nur geradeaus. Doch nach einer weiteren halben Stunde bog er endlich in seine Strasse, fuhr langsam bis zum Ende hinunter und erblickte sein Haus. Sein helles, im Sonnenlicht weiß schimmerndes Haus, das für ihn und seine Erika das Schönste der ganzen Strasse war. Froh, endlich hier zu sein hielt er in der Garagenauffahrt und stellte den leise brummenden Motor ab.
Hier saß er nun, blickte zu seinem schmucken Haus auf und plötzlich traute er sich nicht mehr hinein. Er ahnte, das diese freundlichen, sonnigen Mauern etwas Ungewöhnliches in ihrem Inneren verbargen. Innerlich schämte er sich dafür und schalt sich einen Feigling. Nur der Gedanke an Erika, seine Erika, die vielleicht irgendwo in ihrem Haus lag und Hilfe brauchte, machte ihm neuen Mut. Dennoch kostete es ihn Überwindung die Wagentür zu öffnen und nur langsam stieg er aus. Dabei behielt er ständig die Fenster seines Hauses im Blick, ob sich dort etwas Rühren würde. Aber das Haus lag wie verlassen vor ihm. Er lief rasch zur Eingangstür. Vor der Tür hielt er inne und dachte nur kurz darüber nach, eventuell vorher noch die Polizei zu rufen, verwarf diesen Gedanken aber gleich wieder. Was würden die denken, wenn er Theater machen würde und dann nur ein Zettel am Kühlschrank hinge, wo vielleicht stünde:
`Mutter ist krank. Bin in drei Tagen wieder zurück. Liebe dich, Erika.´
Oder etwas ähnlich Banales. Nein, erst mal musste er alleine nach sehen, bevor er jemanden Offizielles rufen würde. Dennoch blieb sein ungutes Gefühl weiterhin bestehen und nur langsam griff er zur Klinke. Die Haustür war wie immer nicht verschlossen. Langsam und leise trat er ein und blickte sich fragend um. Doch alles erschien ihm erst einmal Normal. Lauschend blieb er stehen, doch kein Geräusch war zu hören. Er rief nach seiner Frau, erhielt aber keine Antwort. Doch Erika war sicher noch hier im Haus, sonst wäre es verschlossen gewesen. Wieder rief der Feigling in ihm, hier schnell zu verschwinden, doch auch dieses mal kämpfte er ihn erfolgreich nieder und ging tiefer in sein Haus. Langsam ging er durch das gesamte Erdgeschoss und spähte in jeden der Räume. Doch nirgends fand er eine Spur von Erika. Im Wohnzimmer schlug ihm der Geruch von Shias Kiste entgegen und in ihrer liebsten Schlafhöhle entdecke er benutzte Streu. Verwundert blickte er sich um und konnte sich dies noch nicht recht erklären. Wieder rief er nach seiner Frau, doch das Haus blieb still.
Martin ging zögernd weiter und in der Küche fiel ihm noch etwas auf.
Shias Napf war immer noch gut gefüllt und das wunderte ihn nun wirklich. Normalerweise war seine Siamesin morgens schon hungrig. Doch hier stand ein voller Napf in der Küche, was hieß, das Shia heute nicht gefressen hatte, oder besser, nicht fressen konnte oder wollte.
Überlegend ging Martin nach oben. Auch hier war alles sauber und gut gelüftet, wie es Erikas Art war. Alles ordentlich und ruhig und nichts deutete auf irgendetwas Ungewöhnliches hin. Alle Türen standen offen, bis auf die Badezimmertür. Aber auch dies bedeutete ihm anfänglich nichts, bis er im Schlafzimmer die Scherben der kleinen Porzellanfigur entdeckte. Und dann noch genau die, die er seiner Erika zu derem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Hier fand er nun vielleicht die einzig plausible Erklärung der ganzen Situation.
Shia und seine Frau hatten wieder einmal ihren täglichen Kleinkrieg ausgefochten. Martin ärgerte immer, dass die beiden einzigen weiblichen Wesen des Haushaltes sich absolut nicht vertrugen. Wobei er seiner Katze noch nicht mal einen Vorwurf machen konnte, war sie doch nur ein von Instinkten gesteuertes Tier. Doch von seiner Frau erwartete er da schon mehr Verständnis für die Belange des Familienvierbeiners. Doch Erika, sosehr er sie auch liebte, stellte da immer wieder auf stur und war nicht bereit, sich mit Shia anzufreunden. Er würde wohl eine neue Schlafhöhle für Shia besorgen müssen, denn ihre, jetzt mit Dreck verschmutzte, würde sie sicher nicht mehr betreten. Erika würde dabei natürlich auch eine neue Porzellanfigur bekommen, zu Versöhnung.
Martin seufzte und ging den Flur wieder hinunter, wobei er sich immer noch fragte, wo, zum Teufel, beide stecken mochten. Vor der Badezimmertür blieb er stehen, denn er hörte im Bad ein leises Summen, das er nicht recht einordnen konnte.
Er drückte langsam die Klinke hinunter und öffnete die Tür. Aber er bekam sie nur einen Spalt weit auf, dann stieß sie gegen einen überraschenden Wiederstand. Fast augenblicklich nahm er den metallischen Geruch von Blut wahr, der ihm jetzt entgegen schlug. Erschreckt rief er wieder nach seiner Frau, egal was hinter der Tür auch lauern möge. Doch er hörte nur dieses leises Summen. Mit Kraft drückte er gegen die Tür und der Spalt vergrößerte sich etwas. Zu seinen Füßen glänzte dunkles Blut auf den Fliesen und Martins Herz klopfte jetzt hart vor Angst. Der Blutgeruch war nun so intensiv, das er nur noch flach atmete. Mit aller Gewalt stemmte er sich nun gegen die Tür, bis der Wiederstand schließlich nachgab und er in sein Bad stolperte. Darum überrascht sog er die dicke, gesättigte Luft ein, glitt auf einer dunkelroten Lache aus und schlug dann der Länge nach hin. Dabei stieß er hart seinen Kopf am Waschbecken an. Sein Schädel brummte danach fürchterlich und fast hätte er das Bewusstsein verloren.
Nur langsam verschwand das Flimmern hinter seinen Lidern. Er rieb sich vorsichtig den schmerzenden Schädel und setzte sich leicht benommen auf. Verwirrt blickte er sich um, konnte aber noch nichts rechtes erkennen, nur hinter der Tür sah er undeutlich eine Gestalt sitzen. Er rieb sich die Augen klar und blickte genauer hin.
Dort saß Erika. Seine Frau und die Liebe seines Lebens. Verrenkt und im jetzt vollen Sonnenlicht gnadenlos zur Schau gestellt, als würde diese sie mit ihrem Licht auch noch verhöhnen. Die Mutter seines Sohnes saß dort in ihrem Blut, das jetzt langsam um sie herum trocknete. Die ersten Fliegen waren schon durch das offene Fenster herein geflogen, angelockt vom Blutgeruch und nun ließen sie sich wieder auf ihren Körper nieder.
Tränen verschleierten ihm den Blick, als er ihren verstümmelten Körper sah.
Ihre schönen, zarten Hände waren bis zur Unkenntlichkeit geschwollen und lagen verkrampft in ihrem Schoß, der von ihrem Blut durchtränkt, ja, fast schwarz war. Ihr einst so sanftes, hübsches Gesicht hatte viele Wunden und einen Ausdruck der Qual in sich, der Martin hart aufschluchzen ließ als er hinein sah. Ein Auge blickte ihn anklagend an, als wolle sie selbst im Tode noch wissen, wo er denn bitte gesteckt hätte und warum er ihr nicht zur Hilfe gekommen sei. Ihr anderes Auge lag, nur von dünnen Nerven gehalten, still auf ihrer Wange und blickte blind in ihren Schoß. Doch am schlimmsten war das große zerfranste Loch in ihrer schlanken Leibesmitte. Seine Frau sah aus, als hätte sie eine groteske Geburt hinter sich. Einige gräuliche Darmschlingen befanden sich noch in der Höhle ihres Körpers, ihre anderen waren zum Teil herausgerissen und lagen verstreut um sie herum. Martin sah durch diese zerfetzte Öffnung ihre unteren Rippen, wie auch noch einen Teil ihrer anderen Organe, blutig und feucht im Licht der Sonne glänzen. Ihr Herz lag fast vor seinen Füßen und nun dämmerte ihm schaudernd, auf was er da getreten und ausgerutscht war.
Jetzt brach etwas in ihm. Er blickte sich langsam und ruckartig um und überall, an den Wänden, am WC, in der Badewanne und am Duschvorhang, der halb herunter gerissen war, prangten ihm Blutspritzer entgegen. Alles war davon besudelt. Sein Gefühl lag jetzt irgendwo zwischen einer ruhigen Panik und dem, als würde er in einem Kino sitzen und einen wirklich schlimmen Film ansehen. Irgendwie unreal. Irgendwie, als wäre er sehr, sehr weit entfernt. Als würde er neben sich stehen und das alles nur von außen betrachten.
„Es tut mir leid,“ murmelte er leise, „Oh Erika, es tut mir so leid.“ Seine eigene Stimme holte ihn wieder etwas zurück und wieder blickte er zu ihr. Sah sie jetzt mit Liebe, aber auch mit abgrundtiefem Bedauern an. Was war nur mit ihr geschehen? Wer hatte ihr das nur angetan? Erika, seine geliebte Erika. Wie sollte er nur ohne sie Leben können?
Wieder stiegen die heißen Tränen in ihm hoch und nur langsam registrierte er, das Erika sich jetzt leise bewegte. Trotz des Wissens, wie unmöglich das in Anbetracht ihrer Verstümmelungen war, stahl sich eine leise Hoffnung in sein Herz.
„Erika? Liebling?“ Flüsterte er.
Sie zuckte einmal, zweimal und in ihrem Inneren, dort, wo das dunkle Loch ihm entgegen gähnte, bewegte sich etwas verstohlen. Er rutschte langsam und voller Grauen weiter zurück und jetzt meinte er sogar, ein ihm bekanntes leises Geräusch zu hören. Doch noch bevor er dieses zuordnen konnte, blickte er voller Unglauben in ein blaues Augenpaar. Ein blaues Augenpaar, das ihn freundlich und verschlafen aus seiner Frau heraus anblinzelte.
Schnurren, das hörte er jetzt, Shias zufriedenes Schnurren und Martin begann endlich zu schreien.

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