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Joanna

© 2004 Sandra Rath (Sandy)

 
Die Erkenntnis, daß sie schwanger war, traf Janice Simmons wie ein Schlag.

Nicht, daß sie sich nicht wenigstens ein bißchen gefreut hätte - ihr Ehemann Dan und sie hatten jahrelang versucht, ein Baby zu zeugen, wirklich versucht - doch die typische Vorfreude (Schatz, wir werden Eltern, ist das nicht wunderbar) wollte sich nicht einstellen.

Nach Ewigkeiten des Wartens, vielen Enttäuschungen, daß es wieder nicht geklappt hatte, und frustrierenden Streitigkeiten hatte ihnen ein Spezialist die erschütternde Diagnose mitgeteilt: Dan war schlicht und einfach zeugungsunfähig. Keine inneren Verkrampfungen, keine ungünstigen Mondphasen waren dafür verantwortlich, Dan hatte - im Fachjargon ausgedrückt - "eine verschwindend geringe Anzahl aktiver Spermatozoen". Auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen, sei praktisch ausgeschlossen.

Und jetzt saß Janice auf dem Toilettendeckel und starrte wie gebannt auf den Schwangerschaftstest in ihrer Hand, ungläubig, und in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken umher wie ein Tornado.

Das kann nicht sein. Der Arzt hat gesagt, daß es nicht sein kann.

- Und wenn er sich geirrt hat? Das kommt manchmal vor.

Wir haben es jahrelang versucht. Er hat sich nicht geirrt.

- Dann liegt es an dem Test. Der Schwangerschaftstest muß kaputt sein.

Liebes, Du kotzt Dir seit zwei Wochen morgens die Seele aus dem Leib, und Tante Rosa war diesen Monat auch nicht zu Besuch. Was für Beweise brauchst Du noch?

- Aber es KANN nicht sein. Ich habe Dan nie betrogen.

Und es war die Wahrheit: sie war Dan immer treu gewesen. Ein kleiner Flirt mit einem Kollegen von der Schule, das war das Äußerste gewesen, aber als er sie zum Essen einlud, sagte sie nein. Wenn sie Dan von ihrer Schwangerschaft erzählen würde, würde er unweigerlich annehmen, sie habe ihn betrogen.

Eine minimale Chance besteht, das weißt Du. Das hat der Arzt gesagt. Warum sollen wir nicht das eine von eintausend Ehepaaren sein, bei dem es trotzdem klappt?

- Natürlich KANN das sein. Hoffentlich sieht Dan das genauso.

Und Dan sah es genauso.

Als er abends von der Arbeit kam, empfing ihn seine Frau mit einem Glas Champagner und einem Glas Orangensaft. Dan starrte einige Sekunden auf die beiden Gläser, dann schweifte sein Blick zu Janice. Seine Augen glänzten.

"Janice, ist das wirklich wahr?" Sie hatte früher immer zu ihm gesagt, wenn sie eines Tages feststellen würde, daß sie schwanger sei, würde sie ihn auf diese Art empfangen - ein Glas Schampus, ein Glas O-Saft.

"Ja", sagte sie, "es ist wahr. Ich war gleich nach dem Test bei Dr. Smith. Wir sind in der sechsten Woche schwanger, Liebling."

"Aber - der Arzt hat gesagt - "

"Ja, ich weiß. Er hat aber auch gesagt, daß eine geringe Möglichkeit besteht. Und wie es aussieht, hat es bei uns geklappt. Wir sind das eine von eintausend Paaren, Dan."

Und wie sich herausstellte, war dies genau das richtige Argument. Dan war selbst hundertprozentig treu und hatte sehr großes Vertrauen in seine Ehefrau. Die Nachricht, daß Janice schwanger war, war für ihn die beste Nachricht, die er je in seinem Leben gehört hatte.

 

- Ein Jahr später -

 

Janice saß mit einem Buch auf der Terrasse ihres Hauses. Neben ihr in einer Wiege lag die kleine Joanna und kaute zufrieden auf einem Stofftier herum, die Spielzeuge betrachtend, die an einer Schnur über ihr aufgehängt waren. Ab und zu kicherte sie oder gab unverständliche Laute in ihrer Babysprache von sich.

Janice lächelte. Abgesehen von der morgendlichen Übelkeit war die Schwangerschaft problemlos verlaufen. Die Geburt ging schnell vonstatten - Jo war eine Frühstarterin, drei Wochen vor dem Termin, hatte sich aber trotzdem prächtig entwickelt.

Nur waren da manchmal diese Träume.

Janice hatte sie auf ihren gestörten Hormonhaushalt geschoben.

Das Kind kommt tot zur Welt.

Träume, die sie im Freudentaumel über die Schwangerschaft als unwichtig abgetan und irgendwann vergessen hatte.

Das Kind hat ganz schwarze Augen. Keine Pupillen, kein Weiß, wie schwarze Höhlen, in denen Alpträume lauern.

Komische Träume hat jede werdende Mutter. Das hat nichts zu bedeuten.

Die Zehen des Babys sind zusammengewachsen. Es hat gar keine richtigen Füße.

Über diese Träume hatte sie mit Dan nie gesprochen, weil es ihr nicht wichtig erschien.

Und als Jo geboren wurde, war sie das hübscheste Baby der Welt.

 

- Zwei Jahre später -

 

"Mama, nist Bett dehn! Jo nist müde is!"

Janice rollte mit den Augen und versuchte zum hundertsten Mal, Joanna dazu zu bewegen, sich den Pyjama anzuziehen. "Komm, Süße, ich lese Dir auch Hänsel und Gretel vor. Sei schön lieb und laß mich Dich anziehen, ja?"

"Jo niiiiiiist müüüüüüüüde is!!" krähte es ihr aus einem roten Gesichtchen entgegen.

"Dan, kommst Du bitte?" Janice kapitulierte. Dan handhabte die Zubettgeh-Geschichte etwas anders: er hob die Kleine auf, trug sie ins Kinderzimmer und steckte sie ins Bett. Angesichts solch rigoroser Autorität gab Jo ihren Widerstand auf, ließ sich anstandslos den Pyjama überstreifen und gab Ruhe.

Janice legte den Kopf auf ihre auf dem Tisch verschränkten Arme und seufzte. Die Entwicklung der Kleinen war nun nicht mehr gerade positiv. Je älter sie wurde, um so unruhiger wurde sie, und mittlerweile war das allabendliche Ritual, sie umzuziehen und ins Bett zu bringen, eine Qual. Man konnte den Eindruck gewinnen, Jo sträube sich vor dem Schlaf. Der Kinderpsychologe, den sie zu Rate gezogen hatten, meinte, das wäre bei Kleinkindern öfters der Fall und kein Grund zur Besorgnis.

Erzähl das mal meinen Nerven, Du Komiker... Ich habe im letzten halben Jahr acht Kilo abgenommen. DAS ist ein Grund zur Besorgnis.

Auch wenn Janice nicht so leicht aufgab und es immer wieder probierte, war es doch meistens Dan, der mit Jo nicht lange diskutierte, sondern der sie ohne viele Worte ins Bett verfrachtete. Sie selbst brachte das nicht so recht übers Herz und zog daher den Kürzeren.

Naja, wenigstens schläft sie durch...

...dachte Janice, zumindest bis zum nächsten Morgen.

"Maaaaaaamiiiii!"

Das Geschrei der Kleinen riß Janice aus einem tiefen, traumlosen Schlaf. Neben ihr lag Dan, der gar nicht daran dachte, wach zu werden. Prima, dachte Janice. Das hat noch gefehlt. Jetzt kann ich mir auch noch die Nächte um die Ohren schlagen.

Naja, vielleicht beruhigt sie sich ja wieder...

"Maaaaaaaaaaamaaaaaaaaaa!"

Schlaftrunken richtete Janice sich auf und setzte sich auf die Bettkante. "Ja, Liebes, Mami kommt jetzt." Ein Wecker auf dem Nachttisch zeigte fröhlich zehn vor vier. Die roten Leuchtdioden schienen sie zu verspotten.

Was soll's, dachte Janice und schlurfte ins Kinderzimmer. Sie ist nur ein Kind. Alpträume haben alle Kinder manchmal.

Doch als sie Joanna sah, erschrak sie.

Die Kleine saß aufrecht in ihrem Bett, die blauen Augen weit aufgerissen, das Gesicht kreidebleich.

"Jo, was..."

"Mami, Tom is tot. Tann nist mehr bei Jo slafen. Armer Tom."

Janice sah sich um. Das Körbchen, in dem die Hauskatze schlief, stand in Joannas Zimmer. Es war leer.

"Maus, was sagst Du da? Tom ist doch nicht tot."

"Doch, Mama, is tot! Kuck ausse Fenster. Is ganz tot."

Janice wandte sich von ihrem weinenden Kind ab und ging zum Fenster. Auf der Straße lag ein kleines, dunkles Bündel. Sie spürte, wie sich in ihrem Hals ein Kloß bildete.

"Schatz, bleib hier in Deinem Bett, ja? Ich bin gleich wieder da."

Sie streifte sich ihren Bademantel über, ging die Treppe zur Eingangstür herunter und trat aus dem Haus in die kühle Morgenluft.

Das Bündel auf der Straße war Tom. Der gute, alte Tom, der ihr in der Küche immer beim kochen zugeschaut hatte, in der Hoffnung, einen Fettrand oder ein hinuntergefallenes Ei zu erhaschen. Der abends tief schnurrend bei ihr auf der Couch gelegen hatte, wenn sie fernsah. Tom... ihr Blick verschleierte sich.

"Jan, was machst Du da draußen?" Sie drehte sich um und sah ihren Mann in der Tür stehen. "Ich habe Geräusche gehört..."

Sie ging einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf das bedauernswerte Bündel auf der Straße frei. "Tom ist tot. Er wurde überfahren."

Sie ging zu Dan und blickte ihm in die Augen. "Und Jo hat es gewußt. Irgendwie hat sie es gewußt."

Später saßen sie in der hellerleuchteten Küche. Jo schlief wieder, nachdem ihre Eltern sie einigermaßen beruhigt hatten.

"Dan, ich kann mir das nicht erklären. Woher wußte sie von Tom? Ich verstehe das nicht..."

"Liebes, beruhige Dich. Die Kleine muß aus dem Fenster gesehen haben. Da hat sie Tom auf der Straße liegen sehen."

Janice streifte Dans Hand von ihrer Schulter. "Du weißt genau, daß das nicht sein kann. Erstens konnte man vom Fenster aus überhaupt nicht erkennen, was da auf der Straße lag. Und zweitens ist Jo noch viel zu klein - sie kann gar nicht aus dem Fenster sehen!"

"Aber der Hocker -"

"Dan, den haben wir schon vor Wochen aus ihrem Zimmer geholt, nachdem sie einmal runtergefallen ist. Weißt Du das denn nicht mehr? Und die Haustür war verschlossen. Sie kann es eigentlich gar nicht gewußt haben, und trotzdem..."

Dan legte seiner Frau die Hände auf die Schultern und sah sie ernst an.

"Vielleicht hat sie es geträumt."

 

- drei Monate später -

 

Janice stand nachdenklich am Fenster und sah ihrer Tochter beim Spielen im Garten zu.

Den Tod ihres Lieblings Tom hatte Jo erstaunlich gut verkraftet. Dan und Janice hatten ihr ein Kaninchen geschenkt, schuldbewußt, weil sie Tom nicht einfach ersetzen wollten, aber bei dem Kind hatte es Wirkung gezeigt.

Nach Toms Tod waren sie mit Jo wieder bei einem Kinderpsychologen gewesen. Der hatte ihnen erzählt, daß Kinder oft eine spezielle Verbindung mit ihren Haustieren aufbauen, und gemutmaßt, daß Joanna vielleicht im Unterbewußtsein den Tod ihres Freundes gespürt hatte. Doch Dan und Janice sahen die Geschichte um Einiges komplexer.

Vor allem Dan brachte Toms Tod und Joannas Alptraum mit ihrem Umwillen in Verbindung, ins Bett zu gehen. "Wenn sie nun öfter solche Alpträume hatte und Angst davor hat, zu schlafen? Und wenn es nur unterbewußt ist - sie will sich da vor etwas schützen." Nachdem Dan dem Psychologen klargemacht hatte, daß Jo schon vor Toms Tod Schlafstörungen gehabt hatte und daß es seiner Meinung nach nicht an irgendeiner mysteriösen Verbindung zwischen den beiden liegen konnte, hatte dieser nur schulterzuckend entgegnet, daß er ihnen in diesem Fall dann nicht weiterhelfen könne. Wutschnaubend war Dan aus der Praxis gestürmt.

Und die Einschlafstörungen waren geblieben.

Eines Nachts wurde Janice wieder von Schreien ihrer Tochter geweckt.

"Maaaaaamiiiii, Maaaaaaaaaamiiiiiiiiiii..."

Sofort saß Janice kerzengerade im Bett. Die Erinnerung an das letzte Ereignis dieser Art steckte ihr noch in den Knochen, und sie begann zu frösteln und zog ihr Nachthemd enger um sich, als die durch den Flur Richtung Kinderzimmer schritt. Die Micky-Maus-Uhr an der Wand zeigte zehn vor vier.

"Schatz, was... was ist los?"

Joanna saß aufrecht da, ihr Gesicht ein weißes Oval unter verwuschelten blonden Haaren. "Mama.... snell... Papa helfen.... snell, Mama!"

Janice starrte ihre Tochter an wie eine Erscheinung, unfähig, sich zu bewegen. Erst als deren Schluchzen sie in die Realität zurückholte, lief sie ins Schlafzimmer und schaltete das Licht ein.

Dan lag auf dem Rücken und starrte zur Decke. Seine Hände flatterten wie kleine, verirrte Vögel zu beiden Seiten seines Körpers. Sein Bauch krampfte sich rhythmisch zusammen, als stünde er unter Strom.

"Dan!" rief Janice entsetzt und stürmte zu seiner Seite des Betts. "Dan, was ist los? Was ist los?" Kreischte sie.

Doch es war zu spät. Ein letztes Zucken seiner Hände, ein letztes Aufbäumen seines Körpers, und er lag still, die Augen blicklos auf einen Punkt an der Decke gerichtet.

Janice saß auf der Bettkante wie versteinert. Es schien, als hätten sowohl ihr Verstand als auch ihre Willenskraft sie verlassen. Unfähig, auch nur eine Bewegung zu tun, hörte sie von nebenan aus dem Kinderzimmer ihre Tochter weinen.

"Daddy tot... nie mehr spielen... armer, armer Daddy."

Die Beerdigung durchlebte Janice wie in Trance. Beruhigungsmittel dämpften die Hysterie, die sich in ihr breitzumachen versuchte. Dans Obduktion hatte ergeben, daß er an einem Herzanfall gestorben war.

Doch Janice gab sich mit dieser Begründung nicht zufrieden. Dies war nun schon der zweite Todesfall, mit dem ihre Tochter etwas zu tun zu haben schien. Woher hatte Jo gewußt, daß ihr Vater im Sterben lag? Sie war immer Mama's kleines Mädchen gewesen. Der Bezug zu ihr war viel enger als zu Dan. Jo hatte zwar Respekt vor Dan und seiner Autorität gehabt, aber nicht eine solche Beziehung wie zu ihrer Mutter.

Wenn sie nicht hundertprozentig sicher gewesen wäre, daß Dan ihr Vater gewesen war, hätte sie Zweifel gehabt.

Schließlich entschloß sich Janice, mit Joanna zu einem Spezialisten zu gehen. Zu einem Psychiater wollte sie nicht - sie war sich sicher, daß die Ursache für Joannas seltsames Verhalten in bezug auf die Todesfälle nicht allein von ihrer Psyche herrührte.

Der Spezialist, zu dem sie Jo mitnahm, hieß Malcolm Rivers. Er stand in keinem offiziellen Ärzteverzeichnis, und seine "Praxis" befand sich im Keller eines ziemlich heruntergekommenen Einfamilienhauses am Stadtrand. Eine Bekannte hatte ihr einmal beiläufig von dem "Zauberer" erzählt, der zwar studierter Mediziner war, aber allerlei mit Magie und Hokuspokus am Hut hatte. Normalerweise hielt Janice absolut nichts von solchen Scharlatanereien, aber dies hier ging nicht mit rechten Dingen zu - und ungewöhnlichen Umständen mußte man mit ungewöhnlichen Maßnahmen begegnen, da war sie sich sicher.

Der sieht ja ganz normal aus. Mein Gott.

Janices erster Eindruck von Rivers war das Letzte, mit dem sie gerechnet hätte. Ein kleiner, untersetzter Mann mit Halbglatze und Hornbrille im grauen Anzug öffnete ihr die Tür und bat sie herein. "Ich bin Malcolm Rivers. Sie müssen Ms. Simmons sein. Kommen Sie doch bitte herein. Und Du bist die kleine Joanna?"

Jo hielt sich am Bein ihrer Mutter fest und nickte eingeschüchtert.

Bei einer Tasse Tee erklärte Janice Rivers, was innerhalb der letzten Monate vorgefallen war. Sie erzählte ihm von Jos Schlafstörungen und vom Zusammenhang mit den beiden Todesfällen in der Familie.

"Ms Simmons", sagte Rivers, "ich will ganz offen sein. Oft entwickeln kleine Kinder zu Personen oder Lebewesen wie Haustieren eine solch enge emotionale Beziehung, daß sie im Hinblick auf diese hellseherische Fähigkeiten entwickeln. Das würde erklären, daß ihre Tochter in beiden Fällen auf unterschwelliger Ebene wußte, daß einem geliebten Menschen - oder der Katze - etwas Schlimmes zustößt. In diesem Fall..."

"Kommen Sie mir nicht damit, Dr. Rivers!" warf Janice ungeduldig ein. "Diesen Quatsch mußten wir uns schon beim letzten Seelenklempner anhören. Meine Tochter hatte praktisch keine emotionale Bindung an ihren Vater. Sie war immer mein Mädchen. Und ich will jetzt wissen, was mit meinem Mädchen los ist!"

"Gut", seufzte Rivers, "also gut. Dann werde ich mich jetzt mal mit der Kleinen unterhalten. Ms Simmons, würde es Ihnen etwas ausmachen, uns eine halbe Stunde allein zu lassen? Ich würde gern allein mit ihr sprechen."

"Machen Sie, was Sie wollen." resignierte Janice. "Ich brauche sowieso frische Luft."

Nach zwei Runden um den Block kehrte sie zurück in Rivers' "Praxis". Dieser empfing sie mit einem überaus besorgten Gesichtsausdruck.

"Ms Simmons, ich habe einige Tests mit Ihrer Tochter gemacht, und ich bin mir ziemlich sicher, die Ursache für die Schlafstörungen des Mädchens gefunden zu haben."

Er machte eine Pause und seufzte. "Aber ich befürchte, es wird sehr unangenehm für Sie sein."

Janice holte tief Luft und sagte: "Dr. Rivers, ich habe in den letzten Monaten genug Unangenehmes durchmachen müssen. Ich nehme alles in Kauf, solange es aufhört und wir wenigstens ein relativ normales Leben führen können. Bitte, helfen Sie uns und sagen Sie mir, was meinem Kind fehlt."

"Kommen Sie mit. Wir sollten uns setzen."

Sie setzten sich, und Janice hörte zu...

"Ich habe Ihre Tochter unter Hypnose gesetzt, Ms Simmons. Es war der einzige Weg, um herauszufinden, was sie über diese Todesfälle wußte. Im Wachzustand hätte sie mir das nie gesagt.

Mir kam gleich komisch vor, daß die Kleine schon geschrien hat, als ihr Vater noch gar nicht tot war. Normalerweise ist es bei seherisch veranlagten Kindern so, daß diese das schlimme Ereignis erst dann wahrnehmen, wenn es eingetreten ist. Bei der Katze war das der Fall, wieso aber nicht bei ihrem Vater?

Die Antwort ist: sie hat die Tode nicht gesehen."

"Aber - es muß so sein! Woher hätte sie es sonst wissen sollen?"

"Nein, sie hat sie nicht gesehen - sie selbst hat diese Todesfälle verursacht, Ms Simmons."

Janice saß wie versteinert da. Sie konnte nicht glauben, was Rivers ihr da gerade gesagt hatte. Ihr kleines Mädchen - Todesfälle verursacht? Wie konnte das...

"Was - was reden Sie da? Nein, nein... nicht meine Jo, komm, Jo, laß uns gehen! Komm mit Mami nach Hause! Jo?" Sie sah sich überall um, konnte das Mädchen aber nirgends entdecken. "Jo, wo bist Du?"

"Ich habe sie eingesperrt, Ms Simmons." sagte Rivers. "Ich mußte es tun. Solange ich nicht genau weiß, warum Ihre Tochter solche Dinge tut, kann ich sie nicht freilassen. Es wäre verantwortungslos."

"Verantwortungslos?" schrie Janice und sprang auf. "Und ein kleines Mädchen einzusperren und festzuhalten, ist nicht verantwortungslos? Sie sind ein..."

"...Hexenmeister, Janice." unterbrach Rivers sie. "Ich weiß, es wird viel getratscht und erzählt, und das Meiste stimmt. Ja, ich kenne mich mit Magie und Zauberei aus, und ich habe in bezug auf Ihre Tochter einen schlimmen Verdacht. Bitte, setzen Sie sich wieder hin."

Langsam sank Janice auf ihren Stuhl zurück.

"Janice, sind Sie sich absolut sicher, daß Dan der Vater von Joanna war?"

Wie betäubt antwortete Janice: "Natürlich... die Ärzte haben uns zwar gesagt, daß Dan zeugungsunfähig sei, aber ich habe ihn nie betrogen. Das Mädchen muß seine Tochter sein."

"Erinnern Sie sich an besondere Ereignisse, Träume, kurz bevor Sie feststellten, daß Sie schwanger waren?"

Janice dachte nach. "Ich erinnere mich an eine Nacht. Ich hatte einen Alptraum. Die Fenster waren offen, die Gardinen zurückgezogen, es war furchtbar kalt. Es kam mir vor, als wäre ich nicht allein. Dan war auf einer Geschäftsreise. Ich fühlte mich beobachtet. Am nächsten Morgen war mir irgendwie elend. Ich fühlte mich ganz schmutzig. Ich mußte dreimal duschen, bevor ich mich wieder halbwegs normal fühlte."

Malcolm Rivers beugte sich vor und legte eine Hand auf Janices Arm. "Janice, das war kein Traum. In dieser Nacht war jemand bei Ihnen."

Janice glaubte zu verstehen. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht, und sie konnte sich kaum auf dem Stuhl halten.

"In dieser Nacht war das Böse bei Ihnen, und es hat das Teufelskind gezeugt."

 

- zwei Wochen später -

 

"Nun komm schon, wir müssen los." Janice warf die Reisetasche ins Auto.

Der Entschluß, zwei Wochen Urlaub bei ihren Eltern zu machen, kam spontan und genau zur richtigen Zeit. Dr. Rivers hatte Joanna zwar geheilt, sagte er, aber die Wunden saßen tief. Janice hielt es in ihrem Haus nicht mehr aus, das früher so fröhlich und voll Leben gewesen war.

Nachdem sie sich lange mit Rivers unterhalten hatte, glaubte sie ihm. Es paßte ja auch alles zusammen: die Träume während der Schwangerschaft, die Schlafstörungen des Kindes, die Zusammenhänge mit den Todesfällen. Ihr Kind wurde von einer bösen Macht benutzt. Zum Töten.

Nun brauchten sie und Joanna erst einmal Zeit, um wieder zueinander zu finden. Die Therapie bei Rivers hatte die Kleine ziemlich verschreckt. Ferien auf dem Land konnten ein Wunderheilmittel sein, dachte Janice.

Unterwegs wurde nicht viel gesprochen. Joanna saß in ihrem Kindersitz auf der Rückbank und schlief, und Janice fuhr zügig den Highway entlang - der Weg war lang, und sie freute sich darauf, ihre Eltern wiederzusehen. Die weite Distanz ermöglichte nicht viele Familientreffen.

Plötzlich hörte Janice ein Geräusch von der Rückbank.

Sie streckte sich, um ihr Kind im Spiegel sehen zu können. "Liebes, hast Du etwas gesagt? Jo?"

Joanna wand sich im Schlaf. "Mami, Mami...."

Janice sah den Sattelschlepper nicht mehr.


 
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