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Die Perücke

©2004 by Hannes Kiss (Twinner)

Für Jana, die nichts davon weiß

 

Es zählt nicht, was man auf dem Kopf hat...

Bei keinem anderen Körperteil

zählen die inneren Werte so viel...

 

 

Steffi saß auf der schmalen Pritsche und wiegte ihren Oberkörper hin und her. Die Arme hielt sie dabei eng an ihren Unterleib gepresst. Ihre Beine waren angewinkelt und die Kniehöhlen schmerzten durch das ständige Reiben am metallenen Lattenrost. Ihr Blick war starr auf die gegenüberliegende weiße Wand gerichtet, schien durch sie hindurch zu gehen. Ab und an weiteten sich ihre Pupillen, nur um gleich darauf wieder zu winzigen Stecknadelköpfen zu werden. Steffis Mund war geöffnet. Ein leiser Summlaut drang aus ihm, zusammen mit Speichel, der an ihrem Kinn als schillernder Faden hing.

Plötzlich verstärkte sie ihre Wippbewegung. Die Stahlfedern der Liege begannen rhythmisch zu quietschen. Auch der Summton aus ihrer Kehle wurde lauter. Der Sabberfaden blieb durch seinen Schwung an Steffis Hals haften.

Schlagartig hielt sie in der Bewegung inne und klappte den Mund zu. Die Zähne klackten hörbar aufeinander. Dann verfärbte sich das weiße Spannlaken unter ihrem Gesäß, wurde nass. Nichts in ihrer Mine deutete darauf hin, dass sie ihre Inkontinenz auch nur im Entferntesten wahr nahm.

Mit einem Ruck streckte Steffi ihre Knie und breitete die Arme aus, flehend der Wand zugestreckt. Sie wollte aufstehen, aber die Gelenke in den Beinen versagten den Dienst. Zu lange mussten sie in unbequemer Stellung verharren. Sie klatschte auf den mit einer dicken Schicht weichen Linoleum ausgelegten Fußboden. Sie bemerkte nichts von alledem. Steffi kroch zur Wand, legte die Arme in einer flehenden Geste an den Kunststoff und warf den Kopf in den Nacken.

"Sie braucht mich!" rief sie mit einer Stimme, der sämtliche Vernunft abhanden gekommen ist.

"Ich brauche sie!" Ihre Arme rutschten an der Wand herunter, der Kopf sank auf die Brust. Klägliches Wimmern erfüllte den kleinen schalldichten Raum.

"Nur einmal noch Haareschneiden..." kam wie ein Hauch aus ihrem Mund.

O

Steffi Tröger ließ die beiden handlichen Koffer mit ihren Arbeitsutensilien einfach im Vorsaal fallen, schmiss die Autoschlüssel auf die Kommode und ging in das Wohnzimmer, nur um sich frustriert auf die schon abgesessene Couch zu werfen.

Was für ein Scheiß-Tag, war der einzige Gedanke, der klar hinter ihrer Stirn saß. Da hätte ich auch im alten Betrieb weiter machen können.

Sie liebte ihren Beruf, oh ja. Gar keine Zweifel. Deshalb machte sie ihn vor etwa einem halben Jahr zu ihrem Lebensinhalt. Sie war gut als Hairstylistin und keineswegs auf das wenige Geld angewiesen, dass ihr Chef bereit war zu zahlen. Also kündigte sie und begann eine Karriere als mobiler Friseursalon. Der Kundenstamm aus ihrer alten Arbeitsstelle war ihr gewiss. Und sie vertraute der Mundpropaganda.

Ein Vertrauen, das nur zum Teil gerechtfertigt war. Und dann gab es solche Tage wie heute.

Fünf Kundinnen, was einen Durchschnittsverdienst von 170 bis 300 Euro entsprochen hätte. Doch es war wie verhext. Zwei sagten telefonisch ab, eine Frau war nicht anzutreffen, die Vierte wollte noch ihre nervenden Bälger unter der Schere wissen und fragte nach Rabatt, und die letzte Kundin zeigte Unzufriedenheit nach dem Färben, was schließlich in einen handfesten Streit ausartete.

So viel zur Mundpropaganda, dachte Steffi.

Mühsam stand sie auf und ging in den Flur zurück, um die beiden Koffer in dem kleinen Arbeitsraum neben der Küche für den nächsten Tag zu überprüfen. Sie wechselte ein paar leere Spraydosen, säuberte Schere und Kämme und tauschte einige Klammern. Ihr müder Blick blieb dabei, wie schon so oft in den letzten Tagen, an der Kunststoffbüste auf der Arbeitsplatte heften. Sie war das Einzige, was sie hatte mitgehen lassen aus ihrer letzten Anstellung. Der Perückenkopf besaß Ähnlichkeit mit solchen Staubfängern, über die man seine guten Kopfhörer der Stereoanlage stülpen konnte, halt nur nicht aus Glas. Daneben lagen ein paar lange Nadeln, dünn aber nicht spitz, mit denen ein Kunsthaarteil auf der Büste fixiert wird.

"Das wäre eine lukrative Erweiterung für mein Geschäft," murmelte Steffi nicht zum ersten Mal.

Und damit lag sie durchaus richtig. Es gab viele Perückenträger. Das fällt einem auf, wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt. Und genau wie die natürliche Haarpracht müssen auch jene gepflegt und frisiert werden.

Steffi sah nur zwei Haken:

     

  • zum einem hatte sie keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet,
  •  

  • zum anderen besaß sie keine Perücke, um welche zu sammeln.

"Ach Shit, wenn der Mist nur nicht so teuer wäre." Sie zuckte beim Klang ihrer Stimme zusammen.

"Noch keine 30 Jahre alt, und ich führe schon Selbstgespräche." Steffi rang sich ein müdes Lächeln ab.

Auf dem Rückweg zu ihrer Couch, die sie in den letzten vier Jahren allein abnutzte, klaubte sie sich die Tageszeitung aus dem Ständer im Vorsaal. Morgens kam sie nie dazu, in ihr zu blättern, geschweige denn zu lesen. Das hob sie sich immer für den Abend auf, als Ausklang eines weiteren Tages, bevor sie sich von der Glotze in den Schlaf lullen ließ.

An diesem Abend blieb sie unbewusst auf der Seite mit den Annoncen kleben. Ohne wirklich zu lesen, glitten ihre Augen über die Spalten, bis sie plötzlich die Lider zusammen kniff und hörbar einatmete.

Eine Anzeige fesselte ihre Aufmerksamkeit:

Verkaufe Echthaarperücke aus alten Zeiten

Sehr gut erhalten

Der Preis ist Ihre Sache

Steffi war wie hypnotisiert. Sie fragte sich nicht, warum nur ein Postfach angegeben war und keine Telefonnummer oder E-Mail, um über den Preis zu verhandeln. Dass was sie dann tat, hätte sie nicht erklären können; und sie wurde auch nie danach gefragt.

Sie schrieb einen Brief, adressiert an das Postfach und legte zwei 50er Scheine bei...

O

Drei Wochen später, in denen ihr Geschäft mit Flaute dahintuckerte, klingelte es Abends an ihrer Tür. Es war kurz nach 20Uhr, und sie konnte sich keinen Reim darauf machen, wer um diese Zeit etwas von ihr wolle.

Mit mürrisch zusammengekniffenen Lippen schlurfte sie in den Flur. Steffi machte sich nicht die Mühe, durch den Spion zu schauen, sondern öffnete sofort. Im Hausaufgang stand ein älterer Mann in einer Art Uniform. Vor der Brust hielt er ein quadratisches Paket.

Arbeiten die bei der post auch Abends? Ging ihr durch den Kopf. Der Mann schien aber bei einen privaten Paketdienst zu arbeiten, denn nichts an seiner Uniform deutete auf den Gelben Riesen hin.

"Ja, was gibt es?"

"Bin ich richtig bei Frau Tröger?"

"Ja." Steffi blieb kurz angebunden, trotz des freundlichen Lächelns des Boten.

"Dann habe ich dieses Paket für sie."

"Ich wüsste nicht, dass ich irgendetwas bestellt habe. Von wem ist es denn?"

"Das kann ich ihnen nicht sagen. Hier stehen nur die Zustellungsdaten. Sie brauchen auch nichts zu bezahlen, sondern nur den Empfang zu bestätigen."

"Hm. Dann geben sie schon her." Steffi streckte dem Mann die Arme entgegen, der noch immer freundlich lächelnd das Paket in Händen hielt.

Als sie die Verpackung berührte geschah etwas; oder besser gesagt, fühlte sie etwas. Das Päckchen fing ganz sacht an zu vibrieren und in ihrem Kopf hörte sie ein leises Summen. Nicht unangenehm, aber überraschend. Als sie fester zupackte, kribbelte ihre Arme eine Wärme hinauf, breitete sich fast augenblicklich in ihrem ganzen Körper aus.

Oh, dachte Steffi. Das ist ja, ...es ist schön!

Mit Mühe konnte sie einen lustvollen Seufzer unterdrücken.

Auch der Postbote, oder was immer er war, schien etwas zu spüren. Doch seine Empfindungen zeigten sich ganz anders. Sein Gesicht wurde so aschfahl, dass man glauben konnte, durch die Haut sehen zu können. Augenlider und Lippen begannen zu zittern. Dann ließen seine Hände das Paket los und sanken kraftlos herab. Zwei Sekunden später erlangte er wieder die Kontrolle über seinen Körper zurück. Mit aufgerissenen Augen starrte er die Frau an, die mit verzückt dreinblickenden Augen auf ihre Postsendung schaute. Eine irrationale Angst breitete sich in dem Mann aus. Ohne einen Gedanken an die erforderliche Empfangsbestätigung zu verschwenden drehte er sich von ihr weg und stolperte die Treppe hinunter. Mit jeder Stufe wurde er schneller.

Steffi kam langsam wieder zu sich.

Wenn Ronny das in mir hätte auslösen können, wären wir noch zusammen, war der erste Gedanke, der ihr in den Sinn kam.

Das Paket vibrierte nicht mehr, und auch die wohlige Wärme war fast verflogen. Aber irgendeine Präsenz ging noch immer von ihm aus. Sie drehte sich um, schloss die Tür und stürzte ins Wohnzimmer.

Was ist da nur drin...

Mit fahrigen Händen stellte sie die Postsendung auf den Tisch und begann sofort, das braune Umschlagpapier abzureißen. Eine graue Schachtel kam darunter zum Vorschein, ohne jede Verzierung oder Aufdrucke. Der Pappdeckel ließ sich ganz leicht abnehmen. Jede Menge kleine Schaumstoffbällchen waren das Erste, was Steffi sah.

Wie Weihnachten...

Sie griff mit beiden Händen hinein und achtete nicht darauf, dass dabei das Füllmaterial auf den Tisch und den Boden fiel.

"Autsch!" rief sie, biss sich auf die Unterlippe und zog die linke Hand aus der Schachtel. Am Mittelfinger bildete sich ein großer Bluttropfen . "Was zum Geier..." Sie steckte den Finger in den Mund und wühlte mit der anderen Hand weiter. Endlich bekamen ihre Finger etwas zu fassen, es fühlte sich weich und samtig an. Langsam und mit großen Augen zog sie ihren Fund aus der Schachtel.

"Donnerwetter!" Der Stich im Mittelfinger war vergessen. Es war eine Perücke, die sie in der Hand hielt. Staunend, mit offenem Mund schüttelte sie den Kopf und fuhr mit der Linken über das samtige und vor allem lange Haar, welches im Licht seidig verführerisch glänzte.

Was Steffi nicht sah, waren die zahlreichen verfilzten Stellen, die gebrochenen Haarspitzen und sogar ein zwei kleine kahle Flecke, durch die das Grundmaterial schimmerte.

"Ich werd nicht mehr," murmelte sie halb lachend und jetzt fiel ihr auch wieder die Annonce ein, auf die sie augenscheinlich geantwortet hatte.

Das Summen in ihrem Kopf setzte wieder ein. Steffi begann mit der Perücke vor den Augen leicht hin und her zu pendeln.

Setz mich auf!

Die Stimme klang sanft aber bestimmt zwischen ihren Ohren.

"Ja," hauchte sie. "Prima Idee." Sie ging nicht ins Bad, sondern in den Arbeitsraum. Dort stand sie vor dem kleinen Spiegel und setzte das Haarteil auf. Kokett spielten ihre Finger um die Langen Strähnen. Ihre Augen glänzten und der Mund war zu einem Grinsen verzogen.

Du hast etwas vergessen. Hole es! Wieder diese Stimme. Befehlend und betörend zugleich.

Steffi schwebte förmlich ins Wohnzimmer zurück und untersuchte den Boden der Schachtel. Nach kurzem Suchen zog sie zwei Nadeln, ähnlich denen, die zu ihrem Perückenkopf gehörten, aus ihr hervor. Als sie sie näher betrachtete, erkannte Steffi, woran sie sich vorhin gestochen hatte. Die Nadeln waren verdammt spitz und um einiges länger als ihre eigenen. Sie schienen außerdem hohl zu sein, wie Kanülen für überdimensionale Spritzen.

Steffi ging mit ihnen zurück in den Arbeitsraum.

Pflege mich! hallte erneut die Stimme in ihrem Kopf, als sie wieder vor dem Spiegel stand. Die scharfen Nadeln lagen neben der Büste.

"Aber du siehst doch gut aus," murmelte sie ihrem Bild zu.

Ja, aber du musst mich pflegen!

"Gerne. Sehr gerne." Das dümmliche Grinsen wurde zu einem Lachen.

Steffi verbrachte fast die ganze Nacht in dem kleinen Raum. Nicht ein Mal kam ihr in den Sinn, dass Zwiegespräche mit einem Haarteil sonderbar wirken mussten...

O

Für die nächsten drei Tage sagte Steffi alle Termine ab. Sie hatte keine Zeit. Sie musste sich kümmern, sie musste pflegen, sie musste waschen, sie musste fönen.

Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt der neuen Errungenschaft.

O

"Morgen muss ich aber wieder arbeiten gehen und Geld verdienen," sagte Steffi. Es gab zur Zeit nichts normaleres für sie, als sich mit ihrem Spiegelbild zu unterhalten.

Die Perücke auf ihrem Kopf hatte sich verändert. Doch das fiel Steffi nicht auf, da sie sie schon immer so gesehen hatte, wie sie jetzt wirklich war.

Die kahlen Stellen waren verschwunden, ebenso die gebrochenen Spitzen. Dabei hat Steffi noch nie mit der Schere Hand angelegt. Das Haar glänzte gesund unter der 60 Watt-Lampe des Arbeitsraumes.

Frisiere mich!

"Was?"

Schneide, probiere aus, übe an mir!

"Aber ich kann doch nicht mit der Schere immer wieder schneiden."

Tue es. Alles ist gut!

Mit gemischten Gefühlen gehorchte Steffi der Stimme. Sie wollte die wunderschöne Perücke nicht durch fortwährendes Abschneiden der Haare verstümmeln, aber es schien ja in Ordnung zu gehen.

Steffi schob die Büste in Position und setzte ihr das Haarteil auf. Ihre Hände schwebten über den langen spitzen Nadeln, bis sie sich für ihre eigenen entschied. Die anderen würde sie später brauchen...

Wieder wurde es eine lange Nacht.

O

Als sie am Morgen in das Wohnzimmer trat, blieb sie wie angewurzelt stehen.

"Oh mein Gott." Die Büste stand mit der Perücke auf dem Tisch. Steffi starrte entsetzt die wohl schönste Frisur an, die ihr jemals gelungen war.

"Kurze Haare! Was habe ich getan. Ich habe sie abgeschnitten!" Bestürzt schlug sie die Hände auf die Wangen, dann griff sie sich die Perücke, setzte sie auf und stürzte zum Spiegel.

Gute Arbeit! ertönte zwischen ihren Ohren. Ein beruhigendes Gefühl sickerte vom Kopf aus durch Steffis Körper.

Jetzt geh. Deine Kunden warten!

"Ja. Ok. Du hast recht." Umsichtig stülpte sie die Perücke wieder über die Büste und ließ sie auf der Arbeitsplatte stehen.

Der Tag wurde phänomenal. Keine Kundin mit auch nur einem Hauch einer Beschwerde. Im Gegenteil, was immer Steffi begann gelang ihr perfekt.

Freudig, und auf eine angenehme Art ausgepowert, betrat sie am Abend ihre Wohnung.

Als sie die Tür zum Arbeitsraum öffnete lächelte sie.

"Ja. Es ist alles gut."

Die Perücke auf dem Kunststoffkopf hatte wieder langes Haar, als sei nie eine Schere auch nur in die Nähe gekommen.

Setz mich auf! flüsterte es in ihren Gedanken.

"Nichts tue ich lieber," flüsterte Steffi zurück.

O

Die nächsten Wochen vergingen im Flug. Steffis Leumund wurde mit jedem Tag besser. Nicht eine Beschwerde. Ihr Terminkalender war brechend voll. Sie musste schon eine Warteliste führen, um keine der Damen zu vergessen.

Und jeden Abend arbeitete sie an ihrer Perücke, entwarf neue Frisuren, trug sie fast die ganze Nacht.

Und immer wenn sie nach Hause kam, fand sie sie so vor, wie am ersten Tag.

O

Liebevoll glitten ihre Finger durch das seidige Haar, welches ihr weit über die Schultern fiel.

"Was würde ich nur ohne dich tun," sagte sie leise, während sie die Koffer für den kommenden Tag einräumte.

Du musst mich nähren!

Verdutzt schaute sie zu ihrem Spiegelbild auf.

"Wie meinst du das?"

Du musst mich nähren, wie ich dich genährt habe!

Steffis Gesicht wurde reglos und ihre Augen verloren den Glanz.

"Ja Liebling," murmelte sie. Ihre Hände griffen nach den spitzen Perückennadeln und legten sie zu den anderen Utensilien in die Koffer.

"Alles was du willst." Bei diesen Worten stahl sich ein hämisches Grinsen unter die kalten Augen...

O

Steffi trug die Perücke mit dem schönen langen Haar, als sie am nächsten Morgen das Haus verließ.

Die zweite Kundin an diesem Tag war eine ältere Dame, die sehr von Steffis Arbeit angetan war. Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, blickte sie ihre Hairstylisten erstaunt an.

"Frau Tröger," sagte sie, nicht ohne Bewunderung in der Stimme. "Seit wann tragen sie eine Perücke. Das haben sie doch gar nicht nötig. Oh. Die ist aber wunderschön. So herrliches Haar. So etwas würde mir gefallen." Mit dem letzten Satz fuhr sie demonstrativ durch ihr eigenes dünnes Haar.

"Ich probiere die Perücke nur aus," erklärte Steffi, während sie die Wohnung betrat. "Wenn sie möchten, können sie sie vor dem Frisieren gern aufprobieren."

Die alte Dame klatschte entzückt in die Hände.

"Ja, das würde ich zu gerne."

Die beiden Frauen gingen ins Bad, wo schon ein bequemer Stuhl vor einem großen Spiegel stand. Steffi stellte ihre Koffer ab und die alte Frau setzte sich in freudiger Erwartung.

"Was müsste man denn für so etwas ausgeben?" fragte sie Steffi.

"Machen sie sich darum keine Sorgen."

Steffi nahm die Perücke ab und setzte sie ihrer Kundin auf.

Die alte Dame war schlichtweg begeistert. "So etwas wundervolles," sagte sie und strich durch das Haar.

"Da haben sie recht," murmelte Steffi. Sie bückte sich, um einen ihrer Koffer zu öffnen.

Als sie sich hinter dem Stuhl der alten Dame wieder aufrichtete, hatte sich ihr Gesicht zur Fratze verzogen. Steffi sah sich in dem großen Spiegel und riss die Arme hoch. In jeder Hand hielt sie eine der langen und spitzen Perückennadeln.

Mit einem hämischen Aufschrei ließ sie ihre Hände nach unten sausen. Bis zum Anschlag rammte Steffi die Nadeln in den Schädel der alten Frau. Sämtliche Bewegungen von ihr erstarben. Schlaff sanken die Arme in ihren Schoß, während Steffi noch immer mit dämonischer Mine in den Spiegel schrie.

O

Der Bericht war fertig getippt und die beiden Polizisten setzten ihre Namen darunter. Das übliche Formular mit den üblichen Sätzen. Es handelte von der Festnahme einer gewissen Steffi Tröger mit allen notwendigen Details.

Die zwei Beamten waren sich wortlos einig, als sie sich nach der Unterschrift in die Augen sahen, dass sie nie jemandem erzählen würden, was sie wirklich glaubten zu sehen, als Frau Tröger ihre Tür öffnete.

Wie würde es sich denn anhören, wenn sie sagten, das Gesicht der Verdächtigen habe unter der Perücke die sie trug angefangen zu verschwimmen, auf grässliche weise seine Konturen verloren; nur um periodisch sämtliche Gesichtszüge der Opfer anzunehmen?

Nein, das würde auf gar keinen Fall über ihre Lippen kommen.

O

Auszug aus der "Freien Presse":

"Am Dienstag wurde Steffi T. von der Polizei unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Steffi T. wird vorgeworfen, neun Frauen zwischen 45 und 60 Jahren in den letzten 20 Tagen ermordet zu haben. Ein Motiv ist noch nicht bekannt. Bis zur vollständigen Beweisaufnahme wird sie in der psychologischen Anstalt..."

O

"Nur noch ein Mal Haareschneiden. Ich muss mich kümmern, murmelte Steffi in den sterilen Raum. Ihr Oberkörper wippte auf der Liege hin und her.

O

"Sind sie Melanie Fichtner?" fragte der Postbote mit einem höflichen Lächeln, als die hübsche junge Frau ihre Tür öffnete. "Ich habe ein Paket für sie."

 

Ende

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