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Traumerlebnisse

© 2004 Johannes Klassen (Sardas)

   

1

Schon seit gut 3 Wochen schlief Simo nun immer schlechter. Oft saß er bis halb zwei nachts in seinem dunkelrotem Schlafanzug und trank ein kühles Bier, während er stets in Gedanken versunken nach unten zur Strasse sah, wo sich die bunten Lichter der Autos wie in einer Ameisenschar umherwuselten. So wuselten auch derzeit seine Gedanken.

Es hatte sich in seinen letzten Monaten so einiges verändert. Er zog nach Hamburg, dort waren seine Chancen eine geeignete Arbeit zu finden viel höher als in dem kleinen verschneiten Dorf in Finnland, nahe Helsinki. Er hatte eine reizende Freundin gefunden, Anna, ein Traum von einem Mädchen. Und er hatte seinen Vater verloren, kurz nachdem er in seine neue kleine Wohnung eingezogen ist. Das erschwerte viele Dinge aber Simo war ein Mann, der sich von so was nicht unterkriegen lässt. Obwohl er ein durchaus emotionaler Mensch war, fand er immer den nötigen Realismus um wieder auf den Boden zu kommen. In letzter Zeit könnte er allerdings ruhig mehr von der Portion Realismus benötigen. Seine beruflichen Chancen, seine Liebe zu Anna, der regelmäßige Kontakt zu seinen Eltern – alles schien nebensächlich geworden zu sein. Sein Leben wurde zurzeit ausschließlich nur von diesen irren Träumen beherrscht. Aber woher kamen plötzlich diese Absurditäten die ihn in jeder Nacht zum Staunen und Bewundern brachten oder ihm sogar seelischen Schmerz zufügten? Diese Eindrücke, die kein Maler oder Regisseur besser hinbekommen könnte? Er konnte es sich nicht erklären. Es fing an wie ein plötzlich auftretender Sommerregen aus hellblauem Himmel – nur das dem ein brodelndes Gewitter und gefährliche Blitze mitfolgten.

Die Träume blieben ihn erstaunlicher Weise klar in Erinnerung. So etwas hat er vorher nie erlebt – jeder Traum, sei es ein schönes aber ein doch unbegreifliches buntes Erlebnis oder ein fürchterlicher unbekannter Horrortrip- behielt die scharfe, klare Kontur bei, als ob er geradewegs in den Kopf geschoben wurde. Nun ja, bis zudem Zeitpunkt als er anfing zu schreiben.

Nachdem er die ersten 3-Male diese Folgeerscheinungen wahrgenommen hatte führte er ein Traumtagebuch. Das Buch war von unglaublicher Schönheit: Ein roter Ledereinband umhüllte die vielen Seiten, wie der Himmel die Erde. Und jedes Mal wenn er das Buch, das wie aus dem 18 Jahrhundert aussah, in die Hand nahm durchströmte ihn sanfte zuversichtliche Wärme. Er hatte es bei seiner Reise nach Hamburg von seinem Vater als Abschiedsgeschenk bekommen. Damals als sein Vater noch am Leben war...

Die Träume, die ihn am Anfang der ganzen Misere des Nachts besuchten, waren noch schön, warm und voller Liebe und Zuversicht. Aber das hatte sich rapide verändert. Bestand zuerst noch die Schlaflosigkeit wegen Vorfreude auf das hoffentlich schöne Erlebnis, dass er in der Nacht wieder durchleben könnte, so hatte er jetzt auch nur Angst ein Augenlid zuzuschlagen. Die Furcht vor den Eindrücken, die ihn des Nachts belästigen könnten waren zu groß. Aber er führte mit bestreben sein Tagebuch weiter, auch wenn es ihm sehr schwer fiel diese sonderbaren Ereignisse aufs Papier zu bringen. Doch gleichzeitig hatte er das Gefühl, dass die Erinnerungen an die Träume immer mehr verblassten, sobald er auch nur einen Schriftzug mit seinem Füller über das glatte leicht vergilbte Papier des Tagebuchs schrieb. Das war jetzt seine einzige Hoffnung, jedenfalls etwas von den nächtlichen Erlebnissen zu vergessen.

Simo stellte das leere Bierglas in seine Spüle, wo sich langsam das dreckige Geschirr aufstapelte. Das war ihm egal. Er hätte noch morgen – oder besser gesagt heute früh noch Zeit den Abwasch nachzuholen.

Als er im Bett lag überlegte er sich noch, ob vielleicht einen Film anschauen sollte. Mit Robert deNiro zum Beispiel – das würde ihn sicherlich etwas ablenken. Aber es war schon spät genug. Er würde schlafen und morgen würde er endlich einen Psychiater aufsuchen. So konnte das nicht weitergehen. Ja, morgen...

2

Er schlief langsam ein...

Und hörte Sekundenbruchteile später, wie es dumpf an ein einer Tür klopfte. Er spürte, wie sich die ausgelöste Reibung von Holz und Beton in seinem Kopf festsetzte. Das Schaben erzeugte sogleich eine Gänsehaut am ganzen Körper. Ganz leicht vernahm er nun die verschwommenen Umrisse einer Tür zu sehen. Langsam ging sie auf und enthüllte eine weitere Räumlichkeit voller Schwärze und Dunkelheit. Sein Blickfeld bewegte sich durch die offene Tür – er selbst war dem Traum ausgeliefert. Seine Bewegungen und Taten kamen ihn wie gesteuert vor. Er selbst, so schien es, könnte nur bei dem Ereignis durch seine 5 Sinne teilnehmen.

Ein Gang war zu sehen. Zellenblocks liefen an den Seiten entlang. Von einer Zelle aus strömte mattes helles Licht aus und fiel auf ein Blatt Papier in der Mitte des Ganges. Das Licht zog ihn -zwang ihn förmlich- an sich heran und sein Körper befolgte den Befehl. Er bemerkte das Papier unter sich. Es schien so vertaut, als ob er es schon irgendwo gesehen hätte. Langsam sah er auf und blickte ins Licht. Es fiel direkt aus der Zelle, wo eine menschliche Erscheinung sich erkennbar machte. Die geschlossene Gittertür ging wie in Zeitlupe langsam auf. Nun erkannte er die Erscheinung. Es war Anna. Gehüllt in einem grauen Fellpelz. Sie näherte sich ihm mit Grazie und Eleganz. Die dunklen Augen, das schwarze lange Haar, die roten Lippen, die fast schon im Kontrast zu der wunderschönen hellen Farbe des Gesichts standen, erregten ihn wie nie zuvor. Sie hob das alte gelbe Blatt Papier vom Boden auf. Es zerfiel als sie einen Lufthauch darauf pustete. Ihre Augen blieben aber stets auf Simo gerichtet. Sie umschlang ihre Arme um ihn und küsste... Nicht hingebungsvoll, nicht warm, nicht mit der Zärtlichkeit, die sie doch sonst so auszeichnete, sondern mit einer eisigen unbarmherzigen Kälte.

Er schrie – lautlos.

Er versuchte sich von ihr abzuwenden – sinnlos.

Er wollte aufwachen – hoffnungslos.

Endlich wendete sie sich ab. Doch das Gesicht veränderte sich langsam in eine Wolfsfratze. Bevor er auch nur etwas spüren konnte, lief es weg. So wie er. Er rannte und nur ein Gefühl nahm in seinem Herzen Platz ein. Angst. Kalte Angst. So kalt wie der schreckliche Kuss. Er rannte bis zur Erschöpftheit durch die in Dunkelheit getauchte Gebäude und Gänge. Er hockte sich müde ihn eine Eck hin. Und versuchte zu schlafen. Vielleicht könnte es was bewirken

 

 

3

Und das tat es auch. Nach einem scheinbar ewigem Schlaf erwachte er in seinem Bett. Freude und Glücklichkeit vermischten sich mit dem Gefühl der Angst und dem Entsetzen. Fröstelnd stand er aus dem Bett auf. Er würde einen starken Kaffee gebrauchen. Diese Nacht war bis jetzt der Höhepunkt seiner grässlichen nächtlichen Erlebnissen. Nicht verwirrend, nicht komisch, sondern simpel schrecklich. Er machte seine Schlafzimmertür auf und sogleich übermannte ihn ein Deja-Vu Gefühl. Er dachte sofort, dass er noch gar nicht aus dem Traum entflohen war, sondern sich vielleicht nur an einer anderen Stelle aufgewacht ist, die Ähnlichkeiten mit seinem Schlafzimmer hatte. Aber als die Tür aufmachte und in den Flur blickte –in seinen Flur- war er erleichtert und schweißüberströmt. Die digitale Uhranzeige stand auf 5:45 Uhr. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber Simo, der ansonsten ein Langschläfer ist, würde jetzt nicht wieder ins Bett gehen. Er ging zum Küchentisch, machte sich einen Kaffee und blickte auf sein Traumtagebuch herab.

Nachdem er ausgetrunken hatte, machte er sich ans Werk. Die ersten Zeilen flossen ihn wie üblich leicht aufs Papier. Doch das ansonsten immer auftretende Gefühl des Vergessens blieb aus. Im Gegenteil, je mehr er schreib desto klarer und intensiver wurde sein Traum. Als ob er ihn noch mal durchleben musste.

Plötzlich hört er ein dumpfes Pochen. Er hielt inne. Zuerst dachte er daran, dass es noch schlicht die Nachwirkung des Traums waren, aber es hörte sich so schrecklich real an. Das Geräusch verschwand so plötzlich wie es gekommen war. Langsam und vorsichtig schrieb er weiter. Je mehr er schrieb desto stärker kam der Traum wieder. Das Geräusch von Holz auf Beton, das eisig kalte Gefühl in der Dunkelheit, das –

Mit einem Schrei sprang er vom Stuhl hoch. Ein matter Lichtkegel legte sich über die Seiten des Tagebuchs. Aber woher kam das Licht? Die Sonne war noch nicht aufgegangen und zudem waren sowieso all seine Vorhänge zugezogen. Weinend und voller Angst fiel Simo auf die Knie. Er bemerkte nicht wie die Schrift im Tagebuch verblasste. Aus dem dunklen Flur könnte er nun eine Gestalt erkennen. Aber keine menschliche. Es war ein Tier. Ein Wolf. Mit leisen schmiegsamen Pfoten ging er den Flur entlang und setzte sich vor Simo hin. Das Bild hatte etwas tröstendes an sich – ein gehorsamer Hund, der versuchte sein Herrchen zu trösten. Würde man von der Tatsache absehen, dass der Hund in Wirklichkeit ein Wolf war und sich in seinen dunklen Augen Spott und Begierde widerspiegelte. Simo hob den Kopf und sogleich wurde der Wolf zu Anna. Nun würde alles gut werden, dachte er. Anna ist hier, sie wird mir helfen.

Doch Anna umschlang ihn. Und er fing an zu schreien. Lauter als in seinem ganzen Leben, lauter als selbst in seinen Träumen. Er würde nicht sterben, nein, viel schlimmeres erwartete ihn. Ihre kalten Lippen berührten die seinen und sie küsste ihn innig, während sein ganzer Körper schlaff auf den Boden fiel.

 

4

Er rannte.

Er rannte durch materielose Schwärze.

Und er stoppte nicht.

Sein Geist ausgesogen, sein Körper müde – aber er rannte weiter.

Und weiter, und weiter...

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