Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header3.jpg

Die Autoren von BookOla.de erstellen Rezensionen von Romanen, Kurzgeschichten
und allem was von bekannten und unbekannten Autoren zu Papier gebracht wird.
Die Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links.
Wenn du auf so einen Affiliate-Link klickst und über diesen Link einkaufst, bekomme ich
von Amazon eine kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht, aber dieser kleine
Betrag hilft mir, die Unkosten der Seite zu bestreiten.

und nun findet man auch unsere ersten Gehversuche auf Mastodon

Treibjagd

©2004 by Stephan Möller (theMöllerman)

1

Es war schon spät am Abend, als Michael von Andreas angerufen wurde.

Genauer gesagt war es 23 Uhr 34 und Michi überlegte einige Sekunden, ob er den Hörer abnehmen sollte, entschied dann jedoch, dass es schon etwas Wichtiges sein müsse, wenn Andi um diese Zeit anrief.

"Ja?", meldete er sich.

"Michael? Ich bin’s!", ertönte Andreas’ müde Stimme aus dem Apparat.

"Ich weiß ... hab’s auf dem Display gelesen!"

"Was machst du gerade?"

"Ich sitze am PC und bin im Internet ... auf stephen-king.de, die haben da ein super Forum, und `nen tollen Chat."

"Um diese Zeit?"

"Ich weiß, das ist ungewöhnlich, aber ich kann nicht einschlafen." Nein, das konnte er nicht. Es war ja nicht so, dass er es nicht wollte, er war hundemüde und musste schließlich am nächsten Tag wieder raus, aber es ging einfach nicht. Kaum hatte er die Augen zugemacht, bildeten sich vor seinen Augen wieder die schrecklichen Bilder der letzten beiden Tage: wie er auf den kleinen, unterholzfreien Platz trat und die blutigen Köpfe und Eingeweide der vier Kinder vorfand; wie sie Moggen vernahmen, der offensichtlich mehr wusste, als er preisgeben wollte, und den sie nur wenige Stunden später ebenso bestialisch ermordet auffanden, wie zuvor die Jugendlichen.

"Ja, ich kann auch kein Auge zu machen! Muss dauernd an diese Geschichte denken ... du weißt schon, mit dem Monster, das in diesem Teil des Schwarzwaldes sein "Unwesen" treiben soll. Sag mal ...", er dachte einen Moment nach, als würde er daran zweifeln, das, was er sagen wollte, Michael erzählen zu können. " ... du meintest doch, dass die Kinder und Moggen – und vor 50 Jahren dessen Eltern – genauso hingerichtet wurden, wie laut der Sage die Opfer der Kreatur ... oder lieg ich da falsch?"

"Nein, das stimmt. Der Legende zufolge tötet das Monster erst seine Opfer, indem es ihnen eine Klaue ins Herz sticht. Dann weidet es sie aus, köpft sie, und isst bestimmte Eingeweide und Teile des Gehirns. Halt genau dasselbe, wie wir jetzt hier haben!" Auch er machte jetzt eine kleine Pause und dachte über das nach, was er eben gesagt hatte. Dann fragte er, eher, um die unangenehme Stille zu brechen, als aus Neugier: "Aber wieso fragst du das? Ich denk, du interessierst dich nicht für sowas!"

"Nein, normalerweise nicht, aber ..." Er holte tief Luft, um das herauszubekommen, was er nun sagen wollte. " ... aber die Geschehnisse der letzten Tage lassen mich hart an meinem Verstand zweifeln. Und außerdem ist die einzige Erklärung für das Ganze, die auch überall hineinpasst, die von dir! Ich sag es nicht gern, aber ich fürchte, wir werden auf Monsterjagd gehen müssen, wenn wir den Mörder von Moggen und den Jugendlichen bekommen wollen!"

 

2

Langsam schlich das Etwas auf den Waldrand zu. Das war das erste Mal, dass es sich so nahe die menschliche Zivilisation herantraute. Normalerweise wartete es immer, bis die Menschen von selbst zu ihm kamen, oder es suchte sich Opfer, die auf eine bestimmte Weise abgegrenzt von ihren Artgenossen lebten, so wie der Alte am vorigen Abend oder dessen Eltern in seiner letzten Hungerperiode.

Aber wenn es auch dieses Mal wieder so zurückhaltend agierte, würde es nie an seine Rache kommen. Es hatte schließlich nur noch drei Tage, und das war eine verdammt kurze Zeit, um Rache auszuüben.

Nahe des Waldrandes, wo seine nächsten Opfer ausgelassen feierten, ohne zu wissen, dass sie nur eine Viertelstunde später ausgeweidet und kopflos herumliegen würden, blieb das Etwas stehen und dachte an die Zeit zurück, als die Siedlung gegründet wurde. Es war 250 Jahre her, seit der Fluch auf dem Etwas lastete.

Ja, es war einmal ein Mensch gewesen, mit Gefühlen und einer Seele und allem anderen, was Menschen hatten. Doch dann kam eines Tages der Abend, an dem alles anders werden sollte.

 

Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und die Menschen der Siedlung hatten sich auf dem Dorfplatz getroffen, um Fleisch zu braten, Wein zu trinken und die Auferstehung eines neuen Platzes von Zivilisation zu feiern.

Aber das Etwas – das damals noch den Namen Simon trug – war nicht hingegangen. Simon hatte geahnt, worauf es hinauslaufen würde: die Männer würden, hatten sie erst einmal genug von dem süßen Wein getrunken, über ihn herfallen, würden ihn wie immer mit Steinen bewerfen und ausschimpfen, weil er anders war.

Ja, Simon war anders. Er hatte eine Gabe, nämlich die Gabe, Tiere und Menschen zu heilen. Das machte ihn für die anderen Männer zu einem Hexer, einem Magier, der im Einklang mit dem Bösen lebte.

Und dann, spät in der Nacht, als sie alle vom Alkohol benebelt waren, waren sie gekommen. Sie hatten ihn gefesselt und in den Wald getragen, wo sie ihn auspeitschten und schließlich dem Flammendämon übergaben, der ihn zu seinem heimlichen Herren, dem Herren der Finsternis, tragen sollte.

Nur eines wussten sie nicht: die Flammen machten Simon nichts aus, sondern brachten ihm ein unendlich langes Leben, dass nur durch das Schwert hinfort genommen werden konnte. Ein Leben, ja, aber ein träges. Er schlief die ersten 50 Jahre lang, aber dann begann sein Durst – sein Blutdurst – und er stand auf, um sich zu ernähren. Nach 5 Tagen verfiel er wieder dem Schlaf, der alles um ihn herum altern ließ, als gäbe es die Zeit nicht.

Aber jetzt war wieder eine Hungerperiode gekommen, und dieses Mal war nicht nur sein Blutdurst größer, sondern es hungerte ihn nach Rache, nach blutiger Rache an den Nachfahren seiner einstigen Peiniger.

 

Ja, das Etwas wollte Rache, und die würde er bekommen.

Es löste sich aus seiner Starre und bewegte sich auf die feiernden Menschen zu, um seinen Blutzoll zu erfüllen.

 

3

Michael traute seinen Ohren nicht. Hatte Andi da gerade wirklich gestanden, dass er mit seinen rationalen Erklärungen am Ende war, und dass er sich mit einer Erklärung abfand, die nicht der "Norm" entsprach? Andreas Klammmann, der große Zweifler? Hatte Michael etwa einen Mann belehrt, der auch nicht an Übernatürliches glauben würde, wenn ihn Aliens entführten?

"Meinst ... meinst du das wirklich ernst?"

"Ja. Auch, wenn es dich vielleicht erschrecken wird, aber ich bin mit meinem Latein am Ende, und zu der Überzeugung gekommen, dass es Dinge gibt, die sich nicht durch wissenschaftliche Experimente erklären lassen."

Michaels Mund wurde trocken. Für einen Moment glaubte er tatsächlich, einen Schluchzer von Andi gehört zu haben. Konnte das sein? Nein, er hatte sich sicherlich verhört!

Andreas zog die Nase hoch, und jetzt war es für Michi klar: Andreas Klammmann, der harte Bulle aus Hausdorf, der glaubte, alles Wichtige in seinem Leben bereits gesehen zu haben, weinte, weil seine Theorien, seine Weltanschauungen, alle über einen Haufen geworfen worden waren.

Michael versuchte sich vorzustellen, wie er sich fühlen würde, wenn ihm das hier passiert wäre. Was würde er machen, wenn sich alles, was er bisher für die "Wahrheit" gehalten hatte, alles, woran er sich sein Leben lang geklammert hatte, als falsch erweisen würde? Er glaubte, er würde genau dasselbe tun, was Andi gerade machte: weinen! Er würde weinen, bis seine Augen trocken waren wie Rosinen, bis er Gefahr lief, an Austrocknung zu krepieren.

"Andi ...", wollte er ansetzen, aber es fielen ihm nicht die richtigen Worte ein. Was sollte er jetzt zu seinem Freund sagen? Sollte er versuchen, ihn zu trösten? Da stellte sich die Frage, wie! Wie sollte man jemanden trösten, der gerade so etwas ähnliches wie seinen Glauben verloren hatte?

"Schon gut!", stammelte Andreas hervor und zog abermals die Nase hoch. "Ich werde damit klarkommen, das muss ich!"

"Und was hast du nun vor?" Die Frage kam Michi ungeheuer abscheulich und gefühllos vor, aber was sollte er anderes tun? Irgendwann hätte er das eh fragen müssen, fragte sich nur, ob es besser wäre, das früher oder eher später zu tun.

"Ich weiß nicht. Das heißt, einen Plan habe ich schon, aber der wird sich nicht so einfach in die Tat umsetzen lassen!"

"Klärst du mich auf, oder muss ich bis morgen warten?"

"Naja ... ich hatte mir das wie folgend vorgestellt: wir fordern per Fax Verstärkung für eine Treibjagd an ... allerdings keine Treibjagd auf ein Monster oder so, sondern auf ein menschenfressendes Tier. Gattung natürlich unbekannt."

"Klingt nicht schlecht. Aber da gibt es einen Haken: wenn du Verstärkung über das LKA oder BKA oder was auch immer anforderst, werden die mit allen möglichen Feuerwaffen hier auftauchen: Scharfschützengewehren, Jagdgewehren ... eben alles, was üblich ist."

"Na und?"

"Laut Sage kann das Monster nur durch das Schwert getötet werden."

Einen Moment lang erwiderte Andreas gar nichts, doch dann sagte er: "Das erschwert die Sache erheblich!"

 

4

Am nächsten Morgen waren sowohl Michael, als auch Andreas hundemüde, als sie zum Stadtrand von Hausdorf gerufen wurden – es waren weitere Morde geschehen, und die zwei Männerleichen waren auf dieselbe bestialische Weise hingerichtet, wie die vier Jugendlichen und Joseph Moggen.

Michael saß nun auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens, den Andi fuhr (sie waren auf dem Weg zum Ort des Verbrechens). Beide gähnten an diesem Morgen alleine öfter, als sie es an allen anderen Morgenden dieser Woche getan hatten, denn beide hatten in der Nacht – wenn überhaupt – nur ein oder zwei Stunden geschlafen.

Michi fragte sich, ob auch Andi unablässig an das Telefonat vom Vorabend denken musste; ihm jedenfalls ging es so. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte auf dem Gesicht seines Freundes keine Art Regung vorfinden, es war, als hätte Andreas Michael gegenüber nie etwas von seinem "Umschwung" gesagt, er war wieder ganz der harte Bulle, den man von ihm gewöhnt war. In gewisser Weise schien es ihm sogar peinlich zu sein, vor seinem Freund Gefühle gezeigt zu haben, denn die wenigen Versuche Michaels (genaugenommen waren es zwei), ein Gespräch in Gang zu setzen, wurden von Andi sofort abgewimmelt.

 

Die beiden waren über die Zentrale (also Maria) gerufen worden, weil in der Kastanienallee zwei weitere ausgeweidete und kopflose Leichen gefunden worden waren.

Als sie ankamen, wimmelte es vor dem großen Bungalow nur so von gaffenden Passanten. Michael kam es so vor, als hätte sich das gesamte Dorf versammelt, nur um ihnen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Die können meinetwegen gerne meinen Platz einnehmen!, dachte er. Wenn die unbedingt Blut sehen wollten, sollten sie doch die Arbeit übernehmen! Er war nicht scharf darauf!

"Bitte treten Sie mal zur Seite!", sagte Andi mit lauter Stimme, während sie aus dem Streifenwagen ausstiegen. Die Leute beachteten ihn kaum, sondern sahen sich nur kurz um und taten dann wieder so, als hätten sie ihn gar nicht gehört. "Bitte, meine Herrschaften, machen Sie Platz!" Endlich regten sich die ersten, und nachdem Andreas noch einmal "Mensch, nun lassen Sie uns doch mal durch!" gerufen hatte, entstand endlich ein schmaler Durchgang durch die Publikumsreihen.

Michael folgte seinem Vorgesetztem zwischen den Leuten hindurch in das Haus, wo sie ein Beamter der Spurensicherung erwartete. "Na dann kommt mal mit!", sagte der kleine Mann, etwa Mitte der 30er. "Aber ich muss euch warnen: es ist kein schöner Anblick!"

Na dann warn’ du mal!, dachte Michi, während er – gefolgt von Andreas – hinter dem Spusi-Mann her ins Wohnzimmer ging. Er hatte in den letzten 72 Stunden wahrscheinlich mehr Blut und Eingeweide gesehen, als Michael Myers in allen acht Teilen der Halloween-Reihe zusammen vergossen hatte. Er glaubte unter Betrachtung dieses Umstandes kaum, dass ihn ein erneuter Anblick dieser unmenschlichen Dinge erneut so aus der Fassung bringen würde.

Aber nur wenige Sekunden später wurde er eines Besseren belehrt: obwohl er nur einen kurzen Blick in das Wohnzimmer geworfen hatte, sprang er augenblicklich zurück und hielt sich eine Hand vor den Mund. Tränen stiegen in seine Augen.

Der Anblick, den dieser Tatort bot, war 100 Mal schlimmer, als der kleine, baumfreie Platz, wo er die vier Jugendlichen gesehen hatte, beziehungsweise dem Vorplatz von Joseph Moggens Haus. Die Wände waren voll beschmiert mit Blut, es gab kaum eine Stelle, an der die Tapete noch zu sehen war. Hier und da waren Fingerabdrücke im erst halb getrockneten Blut zu sehen, die von den Jungs von der Spusi gerade sichergestellt wurden. In der Mitte des Raumes lagen zwei Leichen, die nicht minder brutal zugerichtet waren, als die vorhergehenden fünf: die Köpfe waren entfernt worden und an den Bäuchen befanden sich lange, blutige Schlitze, aus denen noch kleine Reste der Gedärme hervorquollen.

"Könnt ihr euch vorstellen, wer so etwas zu Stande bringen kann?", meldete sich der kleine Mann von der Spurensicherung erneut zu Wort. Andreas schüttelte den Kopf und Michael zeigte überhaupt keine Regung; er starrte nur auf die entsetzlich zugerichteten Wände. Es kam ihm alles so ... surrealistisch vor, als wenn die ganze Realität aus diesem Raum verschwunden wäre und allein das hässliche Rot des Blutes hinterlassen hätte.

Michael drehte sich um. Er musste heraus, er konnte es nicht länger in diesem bedrängenden Zimmer aushalten. Er lief durch die Tür und lehnte sich im geräumigen Flur des Hauses an die Wand, um durchzuatmen.

Einige Sekunden später gesellte sich Andi zu ihm und schloss die Tür zum Wohnzimmer hinter sich. Nachdem sie eine Zeit lang dagestanden und vor sich hin gegrübelt hatten, brach Michael das Schweigen. "Was hast du jetzt vor?"

"Ich weiß es nicht! Ich fühle mich, als wüsste ich gar nichts mehr, außer dass hier etwas überhaupt nicht mit rechten Dingen zugeht! Das heißt: da wäre noch eine Sache, die ich weiß, bei der ich mir sogar hundertprozentig sicher bin: wir müssen irgendetwas tun!"

 

5

Jonas Martens schlich mit seinem Jagdgewehr in der Hand durch den Wald. Eigentlich hatte er ja überhaupt keinen Bock, Jagd auf dieses angebliche Monster zu machen, aber gut, Michael war sein Kumpel, warum sollte er ihm nicht diesen kleinen Gefallen tun, selbst wenn er total überflüssig war?

Michael und sein Cheffe, der Andi waren am frühen Abend – so gegen halb neun – in den Schankwirt, Hausdorfs einziges Restaurant mit Stammtisch, getreten und hatten sich zu Jonas und den vier anderen an eben diesen Stammtisch gesetzt. Nach kurzen Begrüßungsfloskeln dann war Michi zum Thema gekommen: er und Andreas wollten, dass die Fünf ihnen halfen, eine Art Treibjagd auf ein unbekanntes Tier zu machen, dass wahrscheinlich die vier Kinder, diesen komischen Eremiten und die beiden aus der Kastanienallee auf dem Gewissen hatte. Schwachsinn, wenn sie Jonas fragten, die Morde der letzten Tage gingen auf die Kappe eines Psychopathen, aber sie fragten ihn ja nicht. Aber es kam ihm ja ganz recht, mit den anderen auf Jagd zu gehen – schließlich war das sein Hobby –, er hatte heute eh keinen Bock gehabt, sich grundlos zu besaufen.

Jonas sah sich kurz um, dann legte er sein Gewehr auf den Boden, stellte sich an einen Baum und urinierte. Mann, tat das nach den Bieren des heutigen Abends gut! Hinter ihm heulte eine Eule, die Erste, die er heute hörte.

Er war, während er den Baum bewässerte, so tief in seine Gedanken versunken, dass er gar nicht merkte, wie sich ihm ein Wesen näherte. Das Wesen war das Etwas, jenes Monster, das alle 50 Jahre wiederkehrte, um seinen Blutdurst zu stillen. Jonas ahnte nicht, dass er in nur wenigen Augenblicken nicht mehr viel mehr als ein Fraß für die Fliegen war; er ahnte nicht, dass er in nur drei oder vier Sekunden von der Kreatur, die jetzt aus dem Unterholz geschlichen kam, angefallen wurde; und genauso wenig ahnte er, auf welch grauenvolle Weise ihn das Monster, welches früher einmal Simon geheißen hatte, ihn zurichten würde: erst würde es ein oder zwei seiner langen Klauen durch die Rippen hindurch in sein Herz bohren. Danach würde es diese mit einem Ruck nach unten fahren lassen, sodass sein Bauch zweigespalten wurde und die Gedärme hinausfielen, welche das Monster sich mit Genuss einverleiben würde. Doch das besondere Leckerli des Monsters kam zum Schluss: nachdem es die Organe, die es am liebsten mochte, aufgegessen hatte, würde es sich den Kopf vornehmen; ihn erst mit einer seiner riesigen Krallen vom Rumpf (oder dem, was davon übrig geblieben war) abtrennen und sich schließlich bis zum Gehirn vorarbeiten!

Jonas war fertig, und als sein "Ding" wieder gut verpackt war, drehte er sich um. Er erschrak ... zum letzten Mal in seinem Leben!

 

6

Michael war mit seiner Schrotflinte im Anschlag herumgewirbelt, weil er glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Er hätte schwören können, dass es Jonas gewesen war, der da vor Schreck laut gehechelt hatte. Oder war es nur irgendein Waldtier gewesen, ein Vogel vielleicht, der beim Fliegen an die Blätter eines Baumes gekommen war? Oder der Wind? Oder hatte er es sich vielleicht doch nur eingebildet?

Als einige Sekunden verstrichen waren und kein zweites, ähnliches Geräusch, dem Ersten gefolgt war, entspannte sich Michi wieder. Das heißt: von wirklich entspannen konnte nicht die Rede sein, dazu war der Wald und das ganze Drumherum viel zu gruselig und angsteinflößend, aber sein Körper ging von Alarmstufe Rot zurück auf Alarmstufe Orange, wo er die ganze Zeit über gewesen war.

Er beschloss, Andi zu erzählen, dass er etwas seltsames gehört hatte. Nur wo war dieser? Bewegte er sich westlich von ihm gesehen geradeaus, oder östlich? Nein, dachte er, östlich sind Mark, Daniel und Sebastian! Westlich ... genau, westlich gehen Jonas, dann Toni und er bildet die Flanke. Die Mitte – und damit die Führung des Trupps – hatte Andi Michael überlassen, vielleicht aus Beweis seines Vertrauens, vielleicht, weil es in der Mitte am wenigsten gefährlich war.

Konnte er jetzt einfach seinen Posten verlassen? Wieso eigentlich nicht? Er war der Anführer des Trupps und hatte damit wohl das Recht, sich mit den anderen zu beraten! Aber andererseits: wenn er jetzt nach Westen auswich, ermöglichte er der Kreatur damit freie Bahn durch die Mitte, und wenn diese so intelligent war, diese zu nutzen, dann konnte sie ihnen doch entkommen und weitere Blutbäder anrichten! Nein, er würde hier auf seinem Posten bleiben und Andi nicht enttäuschen.

 

7

Das Etwas war nun zwar nicht mehr ganz so durstig nach Blut, aber befriedigt war es noch lange nicht. War das nicht wunderbar? Es wollte Rache an dem Dorf und nun kam ein Großteil von alleine zu ihm! Die vier Kinder brauchte es sich nicht zu holen, der Alte war auch keine wirklich große Herausforderung gewesen, und denen am vorigen Abend musste er zwar einen Besuch abstatten, aber trotzdem nicht weit gehen, da sie direkt am Rand seines Waldes lebten. Und jetzt noch diese sieben Männer ... wenn das so weiterging, würde er seine Blutgier tatsächlich erfüllt haben, bis er wieder dem Schlaf verfiel.

Als nächstes hatte es sich den Mann ausgesucht, der in der Mitte der Reihe lief. Er war ziemlich dürr und sah deshalb kraftlos aus. Es glaubte kaum, dass es mit diesem Menschen große Probleme geben würde.

Langsam begann das Etwas, sich anzuschleichen.

 

8

Andreas glaubte, etwas gehört zu haben. Ein Stöhnen oder hecheln, vielleicht aber auch ein unterdrückter Schrei. Er machte sich auf, Michael zu suchen.

 

9

Michael stolperte über eine Baumwurzel, die einige Zentimeter aus der Erde ragte, und fiel der Länge nach hin. "Verdammte Scheiße!", entfuhr es ihm.

Er wollte gerade wieder aufstehen, als er ein Geräusch hinter sich hörte ... es war das Knacken eines Zweiges, oder eines dünnen Astes. Michael stockte. In Gedanken durchlief er die gesamten Gräueltaten, die er in den letzten Tagen hatte miterleben müssen ... die kopflosen Leichen der vier Kinder in dem Zelt, die Gedärme im Wald, auf die er drauf getreten war, der leblose und ausgeweidete Körper Moggens vor dessen Haustür. Würde ihm jetzt dasselbe wiederfahren? Müsste er auf dieselbe elende Weise sterben?

Er fühlte sich wie gelähmt, wusste aber, dass er sich, wenn er überleben wollte, umdrehen musste, also strengte er sich an, so gut er konnte, und tatsächlich: es gelang ihm, sich unter Mühen umzudrehen, doch das geschah so schwerfällig und langsam, dass es ihm vorkam wie Minuten, bis er auf dem Rücken lag.

Er hatte sich während des Umdrehens auf das allerschlimmste gefasst gemacht, auf alle möglichen Monster, die er je in Horrorfilmen gesehen hatte, aber dann sah er, das alles umsonst gewesen war: er war nie in Todesgefahr gewesen (dachte er zumindest), sondern es war nur Andi, der sich ihm genähert hatte.

"Andi ...", stammelte er, "du hast mich vielleicht erschreckt!"

"Tut mir leid, aber ich wollte dich nur warnen: ich hab da vorhin ein komisches Geräusch gehört ... das klang, als würde jemand um Luft hecheln."

"Dann ... dann hab ich mir das also doch nicht nur eingebildet?"

Aber bevor Andreas antworten konnte, sprang aus dem Gebüsch, vor dem er stand, ein Monster – das Monster – hervor und packte ihn mit einer Hand am Hals. Aus der anderen, der linken, Hand fuhren blitzschnell riesige Krallen, die mindestens 30 Zentimeter lang waren, und wurden von der Hand der Kreatur auf Andis Solar Plexus zubewegt.

Michael reagierte. Nicht blitzschnell, nicht so schnell, wie die Krallen aus der Hand des Monsters hervorgeschnellt waren, aber er reagierte! Er zog sein Schrotgewehr, das bei seinem Sturz heruntergefallen war, hervor und schoss auf den Kopf des Monsters.

Die Kugel traf genau da, wo sie hatte treffen wollen und dreckiges, eher schwarzes als rotes Blut spritzte aus dem Hinterkopf des Dings, woraufhin es Andi losließ. Michaels Vorgesetzter brachte sich schnell auf die Beine und sah zu, dass er von der Kreatur weg kam. Doch die ganze Freude Michis, das Monster – das Etwas, wie es in dem alten Sagenbuch genannt wurde – erledigt zu haben, wurde mit einem Mal zu Nichte gemacht: die Kreatur, welche nach dem Kopfschuss zu Boden gegangen und liegengeblieben war, stand wieder auf und sah Michael mit wütenden, wahnsinnversprühenden Augen an und knurrte. "Du hast gerade einen großen Fehler gemacht, Mensch!", fuhr ihn das Ding mit einer Stimme, die ihn irgendwie an "Star Treck" erinnerte, an.

Mit seinen schwarzen Augen starrte es ihn wütend an und machte einen Schritt auf die beiden zu. Michi schoss erneut, aber dieses Mal machte sich die Kreatur nicht mal die Mühe, zu Boden zu gehen, sondern sie verzerrte nur kurz das Gesicht und stapfte dann weiter.

Michael – und seinem Gesicht nach zu urteilen auch Andi – suchte krampfhaft nach einem Ausweg. Verdammt, er hatte die Sage so oft gelesen, dass er sie bald auswendig kannte, und er war sich hundertprozentig sicher, dass darin auch erwähnt wurde, wie man das Monster töten kann, aber er kam einfach nicht drauf!

Verfluchter Bullshit!, dachte er. Wie war das doch noch gleich? Dann kam ihm die Erleuchtung: Die Seele des Etwas ist vom Feuer so verdorben, dass sie nur durch das Schwert getötet werden kann, welches ihm den Kopf abtrennt!, lautete die Formulierung in dem Buch, wenn er sich recht erinnerte. Er zog das Jagdmesser hervor, dass ihm sein Vater zu seinem 15. Geburtstag geschenkt hatte, und sah es zögernd an ... nicht gerade ein Schwert, aber trotzdem ziemlich lang für ein Messer.

Er drückte es Andi in die Hand und flüsterte ihm ins Ohr: "Ich lenk’ das Ding ab! Wenn es dir den Rücken zudreht, sieh zu, dass du ihm damit IRGENDWIE den Kopf abtrennst!"

Dann löste er sich von Andi und ging rückwärts ein Stück nach rechts. Das Monster folgte ihm. Währenddessen bemühte sich Michi, ständig Augenkontakt zu dem Etwas zu halten, damit es nicht bemerkte, wie Andreas das Messer griffbereit hielt. Es fiel ihm zwar schwer, in die tiefschwarzen Augen des Monsters zu sehen, da diese derart hässlich waren und den Hass nur so nach außen versprühten, aber es gelang ihm irgendwie doch.

Langsam wurde er jedoch nervös ... er hatte zwar nicht die Größen des Platzes im Kopf, auf dem sie sich bewegten, aber es konnte eigentlich nicht mehr lange dauern, bis er mit dem Rücken an einem Baum stand. Und tatsächlich, als er noch drei Schritte gemacht hatte, stieß er mit seinem Gesäß gegen einen breiten, abgerundeten Gegenstand – einen Baum!

Er versuchte, Andi irgendein Zeichen zu geben, ihm zu sagen, dass er jetzt handeln müsse, aber er stand nur verdattert da und sah zu, wie sich die Kreatur Michi unablässig näherte.

Die Zeit schien endlos langsam zu vergehen, während das Etwas sich auf ihn zu bewegte, und noch immer regte sich Andreas nicht. Was macht der Kerl da bloß?, fragte sich Michael. Wartet der auf Ostern?

Doch dann, als das Monster direkt vor Michi stand, reagierte er und rannte das Messer fest in den rechten Hand haltend los ... aber es war zu spät. Das Etwas hatte bereits seine Krallen auf Michis Herz zu bewegt und machte sich nun daran, sie genau dort hinein zu stoßen. Mit Entsetzen sah Michael, wie die Klaue mühelos durch seine Haut hindurch glitt und schließlich zum Herz kam. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, der so stark war, dass Michi glaubte, die größten Schmerzen zu leiden, die jemals ein Mensch gelitten hatte.

Doch gerade, als die Kralle des Monsters Michaels Herz durchbohrte, war Andreas bei ihnen – ihm und dem Etwas – angelangt, und stach Michis Jagdmesser in die Kehle der Kreatur. Das Monster schrie auf und ehe es sich versah, hatte Andi ihm den halben Kopf vom Rumpf getrennt. Das dreckige, dunkle Blut spritze und floss, und Michael befürchtete schon, in den Schwallen des stinkenden Zeugs ertrinken zu müssen, doch dann hatte Andreas den Kopf des Monsters in der Hand und musste zur Seite springen, um nicht von dem massigen Körper des Etwas’ erschlagen zu werden, der nach hinten wegkippte.

 

10

Andreas warf den Kopf so weit er konnte von sich weg und hörte, wie er in irgendwo in dem Gebüsch rechts von ihm landete. "Damit wäre das Thema "Etwas" für immer erledigt!", sagte er und wollte grinsen, doch dann sah er, das sein Freund und Kollege in sich zusammengesackt war. Oh nein!, dachte er. Der wird doch wohl nicht ... !

Mit einem Satz war er bei ihm und hob seinen Kopf an. "Michi", sagte er, " ... Mensch, wach doch auf!" Er ohrfeigte ihn, doch nichts tat sich – Michael Strathos war tot!

 

E-N-D-E

 

Copyright 2022 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla