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Zwillinge

© 2003 Konz

Es waren einmal 2 Mädchen. Reagan Keene und Theresa Keene. Sie waren Zwillinge. Beide 12 Jahre alt.

Reagan war 1,55 m groß, hatte blondes, gelocktes Haar und blaue Augen.

Außerdem zeichnete sie sich durch eine kleine, rundliche Stupsnase aus. Sie war einfach nur niedlich und jeder hatte sie gern.

Ihre Schwester hingegen war lang und dürr. Mit fast 1,70 m war sie viel zu groß für ihr Alter. Ihr Haar war ebenfalls blond, jedoch nicht im entferntesten so schön wie Reagans‘.

Es hing ihr glatt und lieblos über die Schultern. Auch sonst war sie anders. Ihre Nase ragte aus dem Gesicht hervor wie der Hakenschnabel eines Geiers.

Sie hatte hohe Wangenknochen, was ihrem Gesicht einen kantigen Ausdruck verlieh. All die Menschen, welche Theresa nicht näher kannten, schätzten sie auf mindestens 16 Jahre. Daran war auch die erste Spur von Pubertätsakne auf ihrer Stirn nicht ganz unschuldig.

Um es zu vereinfachen: Verglichen mit Reagan war Theresa wirklich häßlich. Wie stellen sie sich ein Zwillingspaar vor? Klein, mit rundem Gesicht, Pausbäcken und blonden Schillerlocken? All das fand man bei Reagan. Im Sommer war ihre Haut immer gebräunt von der Sonne. Doch bei Theresa suchte man nach solchen Merkmalen vergeblich.

Folge dessen wurde Reagan von Vielen mehr geliebt und verhätschelt als ihre hagere, unattraktive Zwillingsschwester. Eine spindeldürre, blasse Gestalt, deren Augen meist trostlos und unscheinbar aus den Höhlen stierten.

Doch die besseren Schulnoten bekam Theresa. Reagan hingegen tendierte seit ihrer Einschulung immer zu einem Notenstand, der knapp unter der Grenze des Durchschnitts lag.

Theresa war klüger als sie. In den 6 Jahren, die sie die Schule schon besuchte, war sie nur einmal nicht Klassenbeste gewesen. Das lag auch daran, dass Theresa sehr ruhig und Mitschülern gegenüber sogar verschlossen war. Ihr Aussehen war also auch Spiegelbild ihres Charakters. Ihre Schwester war ein Wirbelwind. Ständig sorgte sie für Trubel im Klassenraum und wenn sie zwei Tage allein durch die Flure der Schule wanderte, fragten sie die Lehrer, ob sie Probleme mit ihren Freundinnen habe.

Doch auf Grund ihrer Ausstrahlung verzieh man Reagan so manchen Fehltritt.

Das wirklich Seltsame an ihnen war ihr Verhalten zueinander und im Bezug auf die jeweils andere Schwester. In der Öffentlichkeit sah man sie stets miteinander. Sie liefen zwar nicht Hand in Hand und auch die gleichen Sachen trugen sie schon lang nicht mehr ( dies war auch unmöglich, seitdem Theresa so unglaublich schnell gewachsen war. Im ersten Schuljahr hatten sie noch stets das Selbe getragen, doch dann war Theresa in die Höhe geschossen.), aber dennoch war für jeden erkennbar, dass dies Zwillinge waren.

Wenn man eine der Beiden allein antraf und auf die Andere zu sprechen kam, sagten sie nur Dinge wie: "Ja sie ist meine Schester, aber wissen Sie was? Eigentlich sind wir für richtige Zwillinge viel zu verschieden." Mehr nicht. Jede schien die Andere neben sich zu tolerieren, weiter ging ihr Verhältnis nicht. Reagan hatte einen stärkeren Freundeskreis als Theresa, wenn bei dieser wahre Freunde überhaupt vorhanden waren. Sie war durch ihre ruhige, in sich gekehrte Art einsam. Wenn sie nicht für die Schule lernte, steckte sie nachmittags ihre Nase stundenlang in Bücher. Wenn man sie draußen antraf, dann war sie entweder auf dem Weg nach Hause oder sie wollte zur Bibliothek.

Reagan war im Sommer mit Klassenkameraden am Badesee, im Winter Schlitten fahren und im Herbst Eicheln und Kastanien sammeln.

Wenn man ihre Eltern fragte, warum sie so unterschiedlich sind, hatten die folgende These parat: Beide kamen in der Nacht vom 23. auf den 24. August zur Welt. Reagan, die Erstgeborene, am 23. August um 23.59 Uhr. Theresa 2 Minuten später. 24 August, 00:01 Uhr. So waren sie nicht nur an unterschiedlichen Tagen geboren wurden, sondern auch unter verschiedenen Sternzeichen: Reagan war Löwe, Theresa Jungfrau.

All dies waren Anzeichen, aus denen die Leute deuten konnten, warum sie so verschiedener Natur waren. Doch eines wussten sie nicht: Nach außen hin spielten die beiden Mädchen zwar das nette, sich liebende Geschwisterpaar, doch in Wirklichkeit hassten sie sich.

Reagan war neidisch auf Theresas gute Schulnoten, Theresa beneidete Reagan ihre vielen Freunde wegen, die sie nie um sich scharen würde. Und natürlich für ihr makelloses Aussehen.

In der Nacht ihres 10. Geburtstages geschah etwas Merkwürdiges. Sie teilten sich ein Zimmer. Um Punkt null Uhr, als der 23. August zum 24. August wurde, wachten beide auf, stiegen aus ihren Betten, die sich gegenüberstanden, und liefen aufeinander zu.

Ihre Eltern wurden von Schreien und heftigem Gepolter aus dem Kinderzimmer geweckt. Als sie dort angelangt waren, bot sich ihnen ein schreckliches Bild: Reagan und Theresa wälzten sich auf dem Boden, beschimpften sich, zogen sich an den Haaren und kratzen sich gegenseitig am ganzen Körper blutig. Nach einigen Versuchen gelang es Regina und Theodor Keene, die Kinder auseinander zu zerren und getrennt mit ihnen zu reden. Reagan ging mit ihrer Mutter, Theresa mit ihrem Vater.

Nach diesem Gespräch stellte sich heraus, dass keine der Beiden wusste, weshalb sie eben aufeinander los gegangen waren. Sie konnten ihren Eltern keinen Grund nennen, für das, was passiert war.

Alle vier Mitglieder der Familie Keene vergaßen diese Nacht sehr schnell. Auch wenn Regina in den noch verbleibenden Stunden nicht schlafen konnte, sondern nur grübelte, was da vor sich ging. Sie dachte zurück an die Geburt der Zwillinge. Sie waren viel zu früh da gewesen, beinahe 2 Wochen. Reagan maß 53 cm, Theresa war damals mit 57 cm auch schon größer.

Nun stand der 13. Geburtstag der Beiden an. Die Tage fielen genau auf ein Wochenende. Regina hatte vorgeschlagen, dass sich diesmal jede an ihrem Geburtstag etwas wünschen dürfe, ein Ausflugsziel oder Ähnliches, und daran sollten sie alle 4 teilnehmen. Reagan, die als Erste an der Reihe war, fiel nichts ein. Für Theresa stand jedoch fest: Am Sonntag würde die Familie Keene einen Tagesausflug in die wunderschöne Umgebung machen. Wandern, ein Picknick, wenn es das Wetter erlaubte, schwimmen gehen.

Reagan konnte sich noch immer nicht entscheiden.

Am Freitagabend, als Regina vor dem zu Bett gehen nochmals das Zimmer ihrer Töchter aufsuchte, war Reagan hellwach.

"Liebling, es ist beinahe Mitternacht und du schläfst noch nicht, was ist denn?"

Reagan schaute in das besorgte Gesicht ihrer Mutter und brachte mit zitternder Stimme, den Tränen nahe, heraus: "Ach Mom...Ich weiß auch nicht. Morgen habe ich Geburtstag, aber ich habe keine Ahnung, was ich mir wünschen soll. Und außerdem: Theresas Idee ist so wunderbar, das kann ich nicht toppen. Bitte sag mir doch, was los ist. Ich bin mir selber nicht sicher, was vorgeht, aber ich habe das Gefühl, das wir Beide uns irgendwie auseinanderleben. Therry ist so anders als ich....und manchmal...wenn die Leute uns sehen oder uns ansprechen, dann möchte ich sie nur anbrüllen, dass wir nicht das perfekte Zwillingspaar sind, so wie es im Film immer vorkommt...aber ich habe Angst, dass sie das sowieso nicht begreifen."

"Es ist schon gut", versuchte Regina ihre Älteste zu trösten. Und das fiel schwer. Am schwersten fiel es ihr, Reagan anzulügen.

Sie hatte schon seit Jahren bemerkt, dass ihre Kinder sich voneinander entfernten. Aber zugeben konnte sie es vor den Zweien nie.

Jetzt war Reagan ihr zuvor gekommen.

Krampfhaft suchte sie nach Worten, die ihre Tochter beruhigten, sie selbst rang dabei um Fassung. Plötzlich glitten Worte über ihre Lippen und indem sie sie aussprach, belog sie nicht nur Reagan, sondern auch sich selbst: "Leg dich hin und schlaf...und warte auf morgen. Du kannst so lange schlafen, wie du möchtest....und dann wenn du aufgestanden bist und erst mal richtig gefrühstückt hast, fällt dir sicher etwas ein. Und um deine Schwester mach dir keine Sorgen. Die platzt schon fast vor Freude auf Sonntag." Wenigstens der letzte Satz entsprach der Wahrheit. Seitdem sie ihren Wunsch geäußert hatte und ihre Eltern eingewilligt hatten, sprach Theresa von nichts anderem mehr. Wie schön es doch werde, wenn die ganze Familie mit ihren Rucksäcken loszog und wie sie schwimmen gehen würden und wie wahnsinnig lecker das Essen für das Picknick sein würde, usw.

Regina nahm Reagan in den Arm, küsste sie auf die Wange, erhob sich vom Bett, deckte sie zu und schlich aus dem Zimmer heraus.

"Aufstehen...Hallo Reagan, hörst du mich? Reagan blinzelte. Sie sah ihren Vater über sich. Theodor Keene stand am Bett seiner ältesten Tochter und eine Strähne seines rotblonden Haares fiel ihm in die Stirn. Seine Augen wirkten monströs unter der schwarz gerandeten runden Brille, stellte Reagan fest. Des weiteren musste sie zur Kenntnis nehmen, dass das Bett auf der anderen Seite leer war. "Wo ist Therry? Und wie spät ist es?"

Sie richtete sich auf und wollte aus dem Bett hechten. "Moment, Moment", rief ihr Vater, drückte Reagan an sich und krabbelte sie in den Rippen. Sie begann zu kichern: "Nein, Daddy, lass das! Bitte! Hör auf, oder ich beiß dir den Arm ab!" Sie öffnete den Mund, zeigte Zähne. Dann verdrehte sie auch noch die Augen. "Alles Gute zum Geburtstag! Und wenn du deinen großen Mund nicht augenblicklich schließt, werde ich wohl Dr. Jacker (das war der Zahnarzt, bei dem alle Keene’s in Behandlung waren) anrufen und ihn bitten, vorbei zu kommen, damit er sich da drin mal umsieht."

Beide lachten. "Zieh dich an, es ist gleich Mittag. Mama und Theresa sind einkaufen für das Picknick morgen. Und wenn du fertig bist, kommst du in die Küche und hilfst mir, denn wir wollen Mom doch keinen Schrecken bereiten, wenn sie nach Hause kommt und das Essen steht nicht auf dem Tisch."

Niedergeschlagen ging Reagan ins Bad. Sie war wütend. Nicht auf ihren Dad oder auf Mom. Sie hatte ausschlafen wollen, und jetzt wurde sie geweckt. Und das gemütliche Frühstück konnte sie auch vergessen. Aber das war alles die Schuld ihrer Schwester. Hätte sie nicht einen so guten Vorschlag für Sonntag gebracht, wäre ihr sicher etwas eingefallen, was sie heute tun konnten. Dann müsste sie sich jetzt nicht mit ihrem Vater in die Küche stellen und kochen.

Theresa, diese hinterhältige 2. Hälfte von ihr. Irgendwann werde ich es ihr heimzahlen dachte Reagan, während sie vor dem Waschbecken im Bad stand. Sie malte sich aus, was sie ihrer Schwester antun könnte, um Rache zu nehmen.

Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. Sie ertönte außerhalb der geschlossenen Badtür. Auch Theresa war zu hören. Und es dauerte nicht lange, da reihte sich auch Paps in die Unterhaltung ein.

Angst. Auf einmal hatte sie panische Angst, das Bad zu verlassen. Ihre Mutter würde ihr vorwerfen, dass die Hälfte des Tages durch ihre Schuld jetzt schon vermasselt sei. Dad würde sich aus der Angelegenheit heraus halten. Und Theresa? Die würde sie mit bösen Blicken mustern und ihr so zu verstehen geben, dass das Allerletzte, wodurch sie sich das Geburtstagswochenende vermiesen lassen würde, ihre eigene Schwester war.

Die Badtür wurde geöffnet. Reagan war gerade fertig angezogen, also konnte sie fliehen. Regina, die in der Tür stand, redete auf sie ein.

Doch sie hörte nicht zu, sondern rannte an ihr vorbei. Hinaus in den Flur, passierte sie alsbald die Küche. Ihr Vater war nirgends zu sehen.

Ihre Augen suchten den Flur nach ihrer Schwester ab. Therry stand am Ende des Flurs, zwischen dem Hauseingang und dem Geländer der Treppe, die in den ersten Stock führte. Sie rannte um ihre Schwester herum und dabei kreuzten sich ihre Blicke. Nur für 1 – 3 Sekunden. Wenn das Sprichwort zutraf, welches besagte, das Blicke töten könnten, wären Beide auf der Stelle zu Boden gefallen und niemand hätte sie je wieder beleben können.

Morgen wird dein schlimmster Alptraum war schienen Theresas Augen Reagan zuzuflüstern. Und Reagan fragte per Blickkontakt zurück: ACH JA? Was hast du dir denn Feines zurechtgelegt?

Reagan rannte die Treppe hinauf und verschwand. Die Tür zum Kinderzimmer krachte ins Schloss und bald darauf war ein knackendes, kratzendes Geräusch zu hören. Der Schlüssel wurde gedreht. Theresa am Fuße der Treppe hörte es und sogar ihre Mutter, welche noch völlig perplex im Flur vorm Badezimmer stand, zuckte zusammen. Es war so still im Haus der Keenes, dass auch sie wusste was geschehen war, ohne es gesehen zu haben. Nur Theodor hörte es nicht. Er war in der Küche damit beschäftigt, die Einkäufe zu sortieren und in den Schränken zu verstauen. Er vernahm das Krachen, aber die Bewegung des Schlüssels blieb ihm fern.

Trotzdem trat er aus der Küche und sah seine jüngere Tochter und seine Frau stocksteif stehen. In Reginas Gesicht regte sich nichts, Theresa war den Tränen nahe. Obwohl er nichts beobachtet hatte, ( darum war auch er der Einzige, der Fassung gewann und klar dachte) überblickte er im Groben die Situation. Er packte Regina am Arm, schleifte sie mit sich und sagte: "Geh rauf und sprich mit Reagan, ich kümmere mich um Therry!"

Wie hypnotisiert schlurfte Mrs. Keene die Treppe hinauf. Theodor setzte sich auf die unterste Treppenstufe und zog die dürre Gestalt Theresas, die wie ein kahler Baum, noch immer regungslos und weinend, den Eingangsbereich versperrte und fehl am Platz wirkte.

"Hör zu...Sag mir einfach, was los ist, ja? Beruhige dich...Wieso weinst du denn? Hat es mit Reagan zu tun?"

Theresa kam aus dem Schluchzen nicht heraus. Zu viele Fragen. Sie hatte keine Kraft mehr. Schwäche überkam sie. Enorme Schwäche. Und Wut. Entsetzen. Trauer. Aber auch Vorfreude. Ja die Freude auf den Ausflug mit ihrer Familie. Das war das Letzte, was sie spürte, bevor sie in den Armen ihres Vaters zusammensackte und vier Stunden nicht wieder aufwachte. Sie wurde durch ein Klicken geweckt. Doch eigentlich war dieses Klicken zeitgleich da und nicht eher, so dass es sie wecken konnte. Sie kam zu sich und als sie die Augen öffnete und ihre anderen Sinne gleichzeitig erwachten, klickte es abgehackt. Ein halbes Klicken sozusagen.

Klick machte es und Regina zuckte zusammen. Sie saß im ersten Stock. Noch immer. Wartete dort seit 4 Stunden. Auf den Boden gekauert, das Gesicht auf den Schenkeln ruhend. Der Stoff ihrer Jeanshose war nass. Sie strich mit dem Finger darüber und kostete. Salzig.

Reagan drehte den Schlüssel herum.

Im gleichen Moment zuckte unten im Wohnzimmer ein Lächeln über Theodor Keenes Gesicht. Theresa öffnete die Augen.

Es geschah tatsächlich im selben Augenblick. Als Reagan das Zimmer aufschloss, erwachte Theresa. Oder umgekehrt.

"Mom, wie geht es Theresa?", fragte Reagan, trat auf ihre Mutter zu und bahnte sich einen Weg vorbei an ihr, die Treppe hinunter.

"Dad, wie geht es Reagan? , fragte Theresa, stand auf, marschierte vor ihrem Vater auf den Flur und weiter, in Richtung Treppe.

Regina und Theodor folgten jeweils ihren Töchtern und waren gerührt von dem Bild, welches sich ihnen bot. Er von unten und sie von oben betrachteten, wie die Zwillinge mitten auf der Treppe standen, Hand in Hand, so als hätten sie sich nie gestritten.

Der restliche Tag verlief normal. Sie spielten zu viert einige Gesellschaftsspiele und keiner verlor mehr ein Wort über die Ereignisse dieses 23. August. Statt dessen sprachen sie über den Ablauf des Sonntags. Mit dem Versprechen einer tollen Überraschung schickte Regina die Kinder am Abend in den Schlaf. Keiner wusste, dass die Geste auf der Treppe bereits ein Zeichen dafür war, was noch passieren würde.

Am nächsten Morgen wurden Reagan und Theresa früher geweckt als gewöhnlich. Schließlich war vieles geplant für den Tag.

Doch zu erst erhielten sie ihre Überraschung. 2 knallrote Baseballmützen. Vorn, in der Mitte, über dem Schild war jeweils ein Buchstabe in Gelb aufgedruckt.

R und T.

Beide freuten sich riesig. Sie machten sich so schnell für den Tag fertig wie noch nie. Nach knapp 15 Minuten hatten sie gefrühstückt, sich angezogen und ihre Sachen zusammen gepackt.

Alle Utensilien für den Tag waren schon in großen Rucksäcken von Regina und Theodor verstaut. Darunter eine riesige weiß – rot karierte Decke, Unmengen an Sandwiches, Obst und zwei Dutzend Flaschen Kakao, Milch und Fruchtsäfte.

Die beiden Mädchen packten ihre Badesachen ein und einen Walkman, zu guter Letzt streiften sie ihre neu errungenen Schildmützen auf und dann ging es auf Wanderschaft. Es war 9.15 Uhr als sie aufbrachen und sie hofften, es bis zu Mittag an den See geschafft zu haben, wo sie picknicken wollten. Unterwegs gab es keine weiteren Zwischenfälle. Anscheinend wollten Theresa und Reagan ihren Eltern zeigen, dass sie sich doch mögen.

 

Das Grausame war: Sie zeigten es tatsächlich nur. Jede hatte eine unbändige Wut auf die Andere, so wie es schon immer der Fall war. Doch an diesem Wochenende schien sich der Neid und der Hass förmlich zu bündeln und drohte in einem großen Knall zu explodieren.

Stärker als je zuvor spielten sie vor ihren Eltern das zufriedene, glückliche Geschwisterpaar. Sie taten das so gut, dass Regina und Theodor keinen Zweifel daran hegten, dass ihr Geburtstag sie wieder näher zueinander gebracht hatte. Sie spielten sogar so gut, das es ihnen Beiden schwer fiel, nicht laut los zu schreien. Gegenseitig waren sie sich an diesem Sonntag ein Dorn im Auge. Und dieser Dorn bohrte sich von Minute zu Minute tiefer in das sprichwörtliche Auge.

Als sie ihr Picknick beendet hatten, wollten sie baden gehen ( das gaukelten sie zumindest ihren ahnungslosen Eltern vor). Aber da ein leichter Wind aufgekommen war, entschlossen sich Beide dazu, den Wald miteinander auf eigene Faust zu erkunden.

Sie setzten ihre Mützen auf, diese waren in den dichten Waldgebieten ein perfektes Zeichen, an dem man sie ausfindig machen konnte und so würden sie auch nicht verloren gehen, sagte ihnen Regina mit dem erhobenen Zeigefinger.

Nach dem Trubel der letzten Tage kam es dem Ehepaar Keene gerade recht, etwas Zeit für sich zu haben.

Reagan und Theresa mussten ihrer Mutter jedoch versprechen, nicht länger als zwei Stunden wegzubleiben.

Während die Kinder weg waren, unterhielten sich Theodor und Regina lange über die Zwei.

Die Zwillinge selbst hatten nur auf die Chance gewartet, endlich allein und unter sich zu sein. Hätten ihre Eltern geahnt, mit welchen Plänen sie heute morgen das Haus verlassen hatten, wären sie gar nicht erst aufgebrochen.

Sie waren jetzt alt genug, einander langsam aber sicher zu akzeptieren. Früher oder später würden sich die Probleme, die manchmal auftraten, von allein lösen. Beide hatten keinen Schimmer wie schnell sich all ihre Probleme im Bezug auf die Mädchen lösen würden.

Reagan und Theresa waren tatsächlich mittlerweile alt und reif genug, ihre Differenzen zu beseitigen. Sie würden dem heute ein Ende bereiten, nachdem sie einige Kilometer in den Wald geschritten waren. Beide verfolgten das gleiche Ziel. Unwissentlich. Oder vielleicht doch nicht. Vielleicht waren sie sich auch Beide im Klaren darüber, was die Andere dachte. Reagan hasste Theresa und Theresa hasste Reagan.

Es war ganz bestimmt nur eine Frage der Zeit, des Augenblicks, wenn man so will, der entscheiden würde. Alles würde sich ergeben. Nur wer von ihnen das Problem endgültig lösen würde, stand in den Sternen.

Jede war bereit, diesem unsäglichen Zustand ein Ende zu machen.

Ihre Liebe zueinander würde es an den Tag bringen. Diejenige, die der geschwisterlichen Liebe durch den Zwilling nicht gewachsen war, würde die Wahl treffen. Denn das Mädchen, das die wirkliche Liebe ihrer Schwester nicht ertragen und erwidern konnte, hatte es auch nicht verdient weiterhin deren Schwester zu sein.

Sie hatten sich niemals wirklich geliebt, nur wenn es darauf ankam, doch jetzt war es soweit. Eine letzte Prüfung stand an. Konnten sie füreinander wirklich so etwas wie Zuneigung haben?

Nachdem sie ihr Gespräch beendet hatten, wollte Regina plötzlich nur noch entspannen. Theodor schuf seiner Frau Platz auf der Picknickdecke, diese lies sich nieder und begab sich in die schützende Obhut der Arme ihres Mannes.

Theresa und Reagan kamen auf eine Lichtung zu. Sie war nicht besonders groß. Umringt von Bäumen, standen sie nebeneinander und drehten sich jetzt die Köpfe zu. "Ich glaube, es ist so weit", sagte Theresa. Sie schaute herunter, in die Augen von Reagan. "Dieser Platz hier ist gut." Ja. Die Sonne warf ihr Licht durch die Löcher in den Kronen der Bäume und so wurde die winzige, fest getrampelte Fläche in trübes Mittagslicht gehüllt. "Ich glaube, wir sollten jetzt anfangen.", meinte Reagan plötzlich.

Sie traten näher zueinander.

"Liebst du mich ?", fragte Theresa ihre Zwillingsschwester. "Liebst du mich ?", entgegnete Reagan.

Und dann fingen sie an.

Sie küssten sich. Ihre Töchter standen mitten im Wald und küssten sich. Sie sah nicht ihre Gesichter, doch die zwei Mädchen, die sie vor sich sah, trugen rote Schirmmützen. Seltsamerweise konnte sie nicht erkennen, wer welche ihrer Mädchen war. Da standen 2 Kinder mit roten Baseballmützen auf dem Kopf, die sich innigst küssten, wer Theresa und wer Reagan war, das blieb im Verborgenen.

Und so beobachtete sie. 2 Minuten. 5 Minuten. Nichts änderte sich. Reagan und Theresa pressten ihre Lippen aufeinander. Es war zwar einerseits eine Geste der Liebe und Zuneigung, wie sie sie bei den Zwillingen noch nie erlebt hatte, andererseits kam es ihr so vor, als wäre zwischen ihnen eine Art Wettbewerb im Gange.

Immer heftiger pressten sie die Münder zusammen, Regina tat das Zuschauen schon weh. Plötzlich begannen Beide zu zappeln und liefen blau an. Jetzt hatte sie es erkannt. Hier lief wirklich ein Wettbewerb. Ein Wettbewerb um Leben und Tod!!!

Sie versuchten, sich gegenseitig die Luft zu nehmen. Wahrscheinlich bohrten sie ihre Zungen einander in die Mundhöhlen, wie Lanzen, die darauf aus waren, zu töten.

Aber warum? Zu welchem Zweck?

Regina erwachte. Ihr war heiß. Die Sonne brannte vom Himmel. Schweißperlen rannen ihr von der Stirn, unter den Armen und auch zwischen den Beinen die Haut entlang.

Hände packten sie von hinten, rissen sie herum und schüttelten sie.

"Alles ok, Schatz?" Theodor. Langsam kam sie zu sich. Was war geschehen?

"Du bist eingeschlafen und hast gesprochen im Schlaf. Irgendwas von den Kindern...und das sie sich lieben...und das ihre Liebe sie trennen wird. Das war alles so merkwürdig. Hattest du einen Traum?"

"Wie spät ist es?" fauchte sie zurück.

"Viertel vor 4. Ich habe schon alles zusammengepackt. Wir müssen nur noch auf Reagan und Therry warten. Aber die Beiden haben ja noch eine Viertelstunde, nicht wahr...."

"Nein, die haben sie nicht!!", kreischte Mrs. Keene hysterisch zurück. "Komm mit, los, wir müssen sie finden, bevor es zu spät ist."

Ehe Theodor begriff, wurde er am Arm gepackt und über die Wiese, vorbei am schimmernden Blau des Sees, in Richtung Wald gezerrt.

Seine Frau bahnte sich einen Weg durch Äste, Büsche und Gestrüpp. Ihm peitschten Blätter ins Gesicht, Zweige rissen seine Wangen auf, er verlor seine Brille. Wie eine Wahnsinnige hechtete Regina Keene, ihren völlig verwirrten Mann hinter sich schleifend, durch das Dickicht. Sie war auf der Suche. Auf der Suche nach dieser kleinen Lichtung, die sie im Traum gesehen hatte.

Weißt du noch, als wir eingeschult wurden sind? Als die Leute uns nebeneinander stehen sahen, Theresa? Und alle fragten sich warum denn du als meine ältere Schwester auch eine Zuckertüte bekamst. Sich dachten ernsthaft, du seiest älter als ich. Bedeutend älter. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ich war zu erst da und ich werde auch weiterhin da bleiben, doch du wirst verschwinden. Ich werde diese Sache beenden. Verstehst du? Ich werde dich mit meiner Liebe konfrontieren, jetzt wirst du spüren, was es heißt, von allen ständig geliebt zu werden. Jetzt begreifst du, wie ich mich fühlte, all die Jahre. Dieses ständige Backenkneifen und dieses Ach bist du aber süüüüüüss – Gelaber. Warum können wir nicht gleich sein, so wie alle anderen Zwillinge auch? Sag es mir! Wenn du mir erklären kannst, was 13 Jahre lang zwischen uns passiert ist, dann werde ich dir vergeben. Andererseits....

Aber Reagan, wenn ich dir antworten könnte, hätte ich es doch längst getan. Warum tun wir das hier eigentlich? Wieso? Was ist der Grund, das wir uns plötzlich so verhalten? Es ist ein so starkes Gefühl der Geborgenheit, doch es tut weh. Aber diese Empfindung gebe ich dir gern zurück. Du wirst diejenige sein, die an unserer Liebe zu Grunde geht, dafür sorge ich. Eine von uns Beiden muss gehen und ich glaube nicht, dass ich das sein werde.

Es schien alles so perfekt, warum müssen wir Mom und Dad das jetzt antun? Wieviel von dem, was seit unserer Geburt ablief, wissen sie eigentlich?

Verrate es mir! Ich flehe dich an, Schwester, sag mir was du weißt, nur so können wir noch gerettet werden.

Theresa und Reagan standen noch immer auf der Lichtung, die Sonne strahlte stärker denn je durch die Wipfel der Wurzelriesen, von denen sie umgeben waren.

Sie krampften sich am Körper ihres Gegenübers fest und Blut rann von dem herab, was dieses anhaltende Küssen von ihren Lippen übrig gelassen hatte.

Ihre Eltern irrten inzwischen dreckig, verschwitzt und nach Atem ringend durch den Wald. Theodor lief neben Regina her, inzwischen war auch er im Bilde über das, was vor sich ging. Bruchstückhaft hatte Regina ihm unterwegs den Inhalt ihres Traumes geschildert.

Solche Träume waren Zeichen. Zeichen, die zu befolgen waren.

"Was geht mit ihnen vor sich?", fragte Theodor.

"I –I – I – Ich weiß es nicht. Nur eines weiß ich: Wir müssen sie finden, schnellstmöglich." "Wie meintest du das vorhin, als du sagtest, ihre Liebe würde sie trennen? Liebling hörst du mir über..."

"Komm her, sieh dir das an!"

Regina war voraus gelaufen und jetzt schnitt ihre kreischende Stimme ihm das Wort ab.

"Hier an dem Baum....Oh mein Gott!"

Er lief schneller. Regina stand mit Tränen in den Augen neben einem Baum. An einem seiner Äste hing etwas. Er kam näher und sah, dass es etwas Rotes war. Als er noch knapp 5 Meter entfernt vom Baum und seiner Frau war, erkannte er es.

Eine Mütze. Eine rote Baseballmütze.

Er trat neben seine Frau, griff ihr um die Taille und führte den anderen Arm in Richtung des Astes, wo die Schirmmütze im leichten Wind, der aufgekommen war, wehte.

Es war eine der Mützen ihrer Töchter. Nur welche? Er musste sie nur drehen, um es herauszufinden. Er zögerte. Seine Hand blieb in der Luft hängen, ca. 2 cm vor dem leicht gekrümmten Schild. Er schaute zu Regina. Sie weinte. Eine Nicken in Richtung des Astes ersparte jegliche Frage. Soll ich sie drehen?, fragte dieses Nicken.

Er schaute in blaßblaue weibliche Augen, die vor Tränen überliefen. Ja, tu es, sagten diese Augen.

Langsam glitten seine Finger über die Oberfläche. Sanft und doch irgendwie rauh fühlte sie sich an.

Vorsichtig drehte er die Mütze in ihre Richtung.

Ein großes gelbes T erschien darauf.

Theresas Mütze. Dann war sie selbst ganz sicher in der Nähe. An diesen Gedanken klammerte sich Regina und ihr Mann fühlte das Selbe. Sie kehrten sich nach rechts und wollten den Weg entlang weiter laufen, um wenigstens 1 ihrer Töchter zu finden, als es links im Gebüsch raschelte.

Blitzschnell schossen ihre Blicke in diese Richtung.

"Mama, Daddy!" Es war Theresa. Sie fiel ihren Eltern in die Arme. Es flossen reichlich Tränen, Umarmungen und Küsse wurden ausgetauscht.

Erst hinterher merkten ihre Eltern, dass Therry schwitzte, kreidebleich war und in abgehackten Stößen atmete. Blut rann ihr von den Mundwinkeln, dies bemerkten sie nicht.

Als sie sich alle drei beruhigt hatten, fragte Theodor: "Wo zum Teufel ist deine Schwester?"

Theresa blickte verwirrt und ängstlich um sich. Sie schwieg.

"Hör zu Schätzchen, deine Mutter hatte einen schlimmen Traum und wenn du uns nicht sagst wo Reagan ist, dann ist vielleicht alles zu spät für sie!"

Theresa blickte erst zu ihrem Vater, dann zu ihrer Mutter, schließlich wanderten ihre Augen zu Theodor zurück.

"Ich...Ich...weiß...es...nicht."

Jetzt taumelte sie zwischen den zwei Erwachsenen hin und her, ihre Beine versagten den Dienst, sie landete auf dem harten Waldboden. Theodor redete minutenlang auf sie ein. Am Boden neben ihr kauernd, kamen auch ihm die Tränen.

Er nahm sie Huckepack, bei ihrer Körpergröße ein Bild über das man geschmunzelt hätte, wären die Umstände nicht so tragisch. Er vornweg, das Mädchen über den Schultern, durchstreifte er weiter, gefolgt von Regina, den Wald.

2 Stunden lang liefen sie noch so durch das Waldgebiet, ohne eine Spur von Reagan zu finden. Als sie schließlich zu Hause ankamen, war es 21 Uhr. Sie verständigten die Polizei, welche die Suche einleitete, jedoch wurden die ersten Beamten erst am nächsten Nachmittag eingesetzt, da Reagan noch keine 24 Stunden verschollen war.

Theresa ging am Montag darauf nicht zur Schule. Den ganzen Tag über lag sie im Kinderzimmer und starrte auf das verlassene Bett gegenüber.

Am späten Nachmittag schlief sie. Sie wurde geweckt, als ihre Mutter die Zimmertür öffnete. Es musste bereits später Abend sein.

"Haben sie Reagan gefunden?", fragte Therry und versuchte, möglichst besorgt zu klingen.

Regina schwieg. Sie begann zu weinen und sagte, ständig von Schluchzern unterbrochen: "Nein, Darling. Noch nicht. Niemand weiß, wo sie steckt. Hast du sie auch wirklich nicht mehr gesehen?"

"Mom, das sagte ich doch bereits. Wir haben Verstecken gespielt und ich war an der Reihe mit Zählen. Als ich die Augen geschlossen hatte, und gerade beginnen wollte, riss mir Theresa die Mütze vom Kopf und sagte, ich solle erst zu Ende zählen und sie dann suchen. Sie habe die Mütze bei sich und wenn ich sie gefunden habe, bekäme ich auch meine Mütze zurück. Also zählte ich bis 20, öffnete die Augen und lief los. Und als ich die Mütze nach einigem Suchen am Baum hängen sah, lief ich darauf los und habe euch auch entdeckt, weil ihr ja daneben standet."

"Achja hier ist sie übrigens." Regina holte ihren Arm hinterm Rücken hervor. In der Hand hielt sie die rote Schirmmütze mit dem gelben Buchstaben T darauf.

"Noch nicht mal Reagans Mütze haben sie gefunden. Wenn die da wäre, hätten wir wenigstens ein Zeichen. Aber jetzt solltest du wirklich schlafen. Gute Nacht, und mach dir keine Sorgen."

Mit diesen Worten lief Regina Keene zur Tür und ließ ihre Tochter allein in der Dunkelheit.

Diese begann zu kichern.

Theresa lag in ihrem Bett und lachte vor sich hin.

Oh Ja, dachte sie, ganz genau. Aber wenn sie ihre Mütze finden, finden sie auch Reagan. Denn sie hat ihre Mütze noch immer bei sich. Wenn sie die Mütze sehen, sehen sie auch Regan.

 

 

 ENDE

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