Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header3.jpg

Die Autoren von BookOla.de erstellen Rezensionen von Romanen, Kurzgeschichten
und allem was von bekannten und unbekannten Autoren zu Papier gebracht wird.
Die Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links.
Wenn du auf so einen Affiliate-Link klickst und über diesen Link einkaufst, bekomme ich
von Amazon eine kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht, aber dieser kleine
Betrag hilft mir, die Unkosten der Seite zu bestreiten.

und nun findet man auch unsere ersten Gehversuche auf Mastodon

Silverstone

©2003 by Ageless Stranger
 Ein Brief von Oliver

Mein Name ist Oliver E. Silverstone. Ich weiß, das ist ein beschissener erster Satz, wenn man vorhat, eine Geschichte zu erzählen, aber wenn ich schon ein Mörder bin, dann möchte ich mich wenigstens anständig vorstellen, damit die Leute das hier überhaupt lesen. So jemand wie ich stößt bei den Menschen meist auf Ablehnung.

Das "E" in meinem Namen steht für Edward. So hieß mein Vater. Er ist leider schon gestorben, als ich zehn war. Das ist aber jetzt nicht wichtig.

Ich kann durch mein Gitterfenster den Mond sehen. Er ist heute nur eine Sichel, aber er sieht sehr schön aus. Er ist gelborange und nicht, wie sonst, blendend weiß. Gerade zieht eine Wolke vorbei, dazwischen kann man noch ein Stück Himmel sehen und genau durch diese Lücke scheint der Mond. Es sieht aus, als hätte der Himmel ein Auge.

Der Mond erinnert mich an die Nacht, von der ich erzählen will. Damals war es verdammt stürmisch und eiskalt. Es hat geregnet. Nein, es hat geschüttet wie aus Kübeln, wie man so sagt. Ich hatte keinen Schirm und deshalb stellte ich mich unter einen dieser Neubautunnel. Ich habe keine Ahnung, wie man die nennt, aber ihr wisst schon, was ich meine.

Ich wartete auf Jones. Jones ist so ein Typ, den ich aus der Schule kenne. Wir waren drei Jahre in derselben Klasse und von Anfang an befreundet. Ich weiß nicht, was er jetzt macht, weil ich nicht mehr in die Schule gehe (wie denn auch, wenn ich im Knast sitze?) und ich keinen Kontakt zu irgendjemandem außer meiner Mutter haben darf.

 

Ich wartete also auf Jones, meinen einzigen Freund auf der ganzen Welt, falls es jemanden interessiert, und um mir die Zeit zu vertreiben, rauchte ich eine Zigarette. Das ist das einzige, was einem Typen wie mir übrig bleibt. Rauchen.

Jones ist mein einziger Freund, weil er der einzige Außenseiter ist, den ich auf der Schule kennen gelernt habe.

Wir zwei hatten fast alles, was wir brauchten. Aber wir hatten auch einiges, was wir nicht brauchten. Arschlöcher wie Garber. Das ist so ein Typ, der uns hasste. Ich weiß nicht, ob er uns wirklich hasste, weil er das nie gesagt hat und er ja auch keinen Grund dazu hatte, außer vielleicht der Tatsache, dass wir existierten.

Aber dann soll mir einer (zum Beispiel dieser Psychoanalytiker, der feststellt, ob mein Elternhaus daran Schuld ist, dass ich durchgedreht hab...) erklären, warum Garber uns vor allen in den Dreck gezogen, uns verprügelt und uns auch sonst bei jeder Gelegenheit gequält hat, wenn er uns nicht hasste.

Ich will gar nicht beschreiben, was der uns angetan hat, sondern ich will den Mord beschreiben. Und wie es dazu kam.

 

Also, gerade als ich mit meinem Sargnagel abgeschlossen hatte, erschien Jones. Mann, war ich froh, ihn zu sehen!

Wir liefen eine Runde um den Block, weil wir keine Lust hatten, in die Disko zu gehen. Da würden wir eh nur die Leute aus der Schule treffen. Wir hassten sie, das weiß ich wenigstens sicher. Sogar die Mädchen machten uns fertig! Man muss sich das mal vorstellen, wir hatten Angst vor den Mädchen!

 

Um den Block zu gehen, war keine gute Idee. Das wurde mir klar, als ich ihn lachen hörte. Nicht Jones sondern Garber. Ich konnte seine Lache nie ausstehen, weil er immer so aufgesetzt euphorisch klang. Anderen zu zeigen, wie gut es ihm ging, verlieh ihm Macht. Das weiß ich heute.

Ich weiß auch, dass es gar nicht viel brauchte, ihn zu verunsichern. Dass wusste ich damals nicht. Jetzt nützt es mir nicht mehr. Und ihm kann es nicht mehr schaden.

Wir hatten Schiss, Jones und ich. Wir waren in diesem verdammten Karrée gefangen, das heißt wir konnten da nicht weg, ohne dass dieser Garber uns sehen würde.

Dann erkannte er uns. Er war allein. Ich wundere

mich heute noch, warum er gelacht hat, obwohl er ganz allein war. Ich kann ihn ja nicht mehr fragen. Es interessiert mich, wenn ich ehrlich bin, auch nicht besonders.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Seit dieser Nacht im Neubaudschungel bin ich total anders. Irgendwie gleichgültig. Alles, was davor war, also vor dem Mord, brachte mich auf die Palme. Egal was es war. Aber danach ging mir alles am Arsch vorbei. Wirklich alles. Wenn ich es beschreiben müsste, würde ich sagen: "Die Glut erlosch, mein Herz fühlt’ ich erkalten", wie es dieser Typ in dem Gedicht von Robert Browning sagt, als er den Gefährten sterben sieht. So fühlte es sich an, als...

Okay, Garber kam auf uns zu und grinste sein blödes Grinsen. Ich hätte ihm am liebsten die Zähne eingeschlagen, wenn ich nicht so feige gewesen wäre.

"Hey, zwei Schwuchteln! Findet ihr den Mond nicht auch so romantisch wie ich? Warum gehst du nicht nach Hause, Silverstone, und lässt dich von Jones in den Arsch ficken. Du siehst aus, als hättest du’s bitter nötig", sagte dieser Haufen Scheiße und lachte so widerwärtig wie immer. Ich konnte nichts sagen. Das habe ich nie gekonnt. Ich ignorierte ihn.

"Verpiss dich", sagte Jones. Garber lachte wieder und blieb, wo er war. Typen wie Garber verpissen sich nie, wenn man ihnen sagt, dass sie es tun sollen.

Falls der jetzt...,dachte ich, aber dann ging Garber auf Jones los. Eigentlich weniger erfolgreich. Beim ersten Mal zerteilte er mit seiner Faust die Luft. Weiter nichts. Ich ahnte aber, dass er beim nächsten Mal treffen würde und ich dachte wieder wenn er ihn schlägt, dann...

Garber packte mich von hinten, weil ich so in Gedanken versunken war, dass ich nicht bemerkt hatte, wie er um mich herumschlich. Ich war aber schnell genug, mich aus seinem Griff zu befreien. Er ließ von mir ab und ging wieder auf Jones los. Diesmal traf er ihn mitten ins Gesicht. Jones schrie und Sekundenbruchteile später floss Blut aus seiner Nase. Jones spuckte. Sein Blick machte mich wahnsinnig. Hey, Mister Psychoanalytiker, in Wirklichkeit ist Jones’ Gesichtsausdruck daran Schuld, dass ich durchgedreht habe und nicht mein Elternhaus!

Er hat Jones blutig geschlagen, dieser verfluchte Drecksack, jetzt mach ich ihn kalt, dachte ich und zog diese verdammte Knarre, die ich schon seit einer Woche mit mir rumschleppte, nur für den Fall. Sie war immer geladen, seit ich mich entschlossen hatte, das Ding zur Selbstverteidigung dabei zu haben. Ich hatte die Knarre sogar mit in die Schule genommen. Ich hatte mir aber vorgenommen, nur damit zu drohen. Schießen wollte ich nie. Aber in dieser Nacht tat ich es. Garber sah mir dabei direkt in die Augen. Eine Nanosekunde später war von seinem bescheuerten Gesicht nicht mehr viel übrig. Das Ding war ein 38er Kaliber und ich hatte aus einer Entfernung von fünf Zentimetern abgedrückt. Sein verdammter Schädel ist explodiert.

Warum habe ich das nur getan? Dachte ich. Obwohl ich mich wie betäubt fühlte, bekam ich alles mit.

Ich war von oben bis unten mit Blut bespritzt, aber das fand ich gar nicht so schlimm. Auch Garbers Tod war nicht schlimm. Schlimm war dieses Geräusch, dass der Schuss verursachte. Man stelle sich in eine Neubausiedlung und feuere eine Pistole ab. Das klang wie Silvester. Es hallte wie verrückt.

Dann hat mich die Polizei abgeholt. Was mit Jones passiert ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, er musste sich nicht auch diesem Terror aussetzen. Ich hoffe, ich habe mit meinem Schuss den Terror beendet. Wenigstens für ihn. Ich weiß, dass Jones mich nie vergessen wird. Ich bin sicher, er fühlt sich schrecklich

alleingelassen ohne mich, aber er wird schon klarkommen.

Ich werde auch klarkommen. Ganz sicher.

Ich habe ja noch diese Pillen hier, damit ich besser schlafen kann. Ich glaube, für mich gibt es doch noch ein Happy End. Ob es reicht, wenn ich erst mal so zwanzig Stück nehme?

Copyright 2022 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla