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Der Schatz des Piraten

© 2003 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ächzend und prustend ließen die Piraten die schwere Schatzkiste in das tiefe Loch hinab, während Captain Denbrough sie mit finsterem Blick beobachtete. Endlich war es geschafft, und die sechs Männer sanken schwer atmend und erschöpft zu Boden.

"Keine Müdigkeit vorschützen, Männer", rief der Piratenkapitän aus und fuhr sich mit einer Hand durch den dichten schwarzen Vollbart. "Das Loch füllt sich nicht von allein mit Erde."

Jeder der sechs Piraten hatte eine passende Erwiderung auf den Lippen, doch alle bissen sich auf die Zunge, weil sie den gefürchteten Captain Denbrough nicht verärgern wollten.

Stöhnend erhoben sie sich und griffen nach den Schaufeln, um das zwei Meter tiefe Loch zu füllen, als plötzlich ein Schuss krachte.

Robert Hanlon, ein baumlanger Schwarzer, schrie auf, wurde von der Kugel nach vorn geschleudert und landete auf der schweren eisenbeschlagenen Truhe, wo er sein Leben aushauchte.

Die restlichen fünf Piraten wirbelten auf dem Absatz herum und starrten auf die rauchende Mündung der Steinschlosspistole in der schwieligen rechten Hand ihres Kapitäns.

Ein grausames Lächeln verzerrte seine Züge.

"Robert war der beste Kämpfer der gesamten Mannschaft, Capt’n", rief Jack Hanscom erschrocken aus. "Warum habt Ihr das getan?"

Denbrough zog mit der linken Hand schwungvoll seinen Säbel und setzte Hanscom die scharfe Klinge an den Hals.

"Stellt Ihr meine Entscheidungen in Frage, Jack Hanscom?"

"Na-natürlich nicht, Capt’n", stammelte der Offizier, während ihm dicke Schweißperlen auf die Stirn traten.

"Nun, dann ist es gut", entgegnete der gefürchtetste Pirat der westlichen Hemisphäre und schob die Waffe in die Scheide zurück, während er mit der anderen gleichzeitig die Pistole in den Gürtel schob.

"Denn ich habe einen guten Grund für mein Tun. Wer sonst als Hanlon sollte unseren Schatz bewachen, wenn wir fort sind?

Es bleibt immer ein Pirat beim Schatz zurück, um ihn zu bewachen. Und jetzt schaufelt das verdammte Loch zu, damit wir zurück aufs Schiff kommen. Meine Kehle dürstet nach einem guten Tropfen des irischen Whiskeys, den ich in meiner Kajüte verwahre. Ihr alle dürft mir gerne Gesellschaft leisten. Trinkt soviel ihr wollt, aber schaufelt erst dies verdammte Loch zu."

Die fünf Piraten brachen in lauten Jubel aus und warfen die feuchte Erde so schnell auf die Leiche ihres Kameraden und die prallgefüllte Schatztruhe, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihnen her. Kaum zwanzig Minuten später verließen die sechs Männer die kleine Insel und ruderten zur Lady Beverly, ihrem Schiff zurück, wo sie sich bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen ließen.

Captain Denbrough fertigte eine Karte an, mit der er seinen Schatz jederzeit wiederfinden konnte, doch bereits am nächsten Tag geriet die Lady Beverly in einen schweren Sturm, der sie mit Mann und Maus versinken ließ.

Der Schatz des Captain Denbrough wurde bis heute nicht gefunden.

 

 

 

Mit glänzenden Augen legte Richard das Buch zur Seite und lehnte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in seinem Bett zurück,

"Wow", murmelte er und kratzte sich geistesabwesend am Hals.

Das Buch, das er vorgestern von seiner Großmutter väterlicherseits zu seinem neunten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, war echt der Hammer. Harry Potter war auch geil, aber das hier...

Spontan beschloss Richie, wie er von seinen Freunden genannt wurde, dass er, wenn er alt genug wäre, Piratenkapitän werden würde.

Er rollte sich aus dem Bett, warf auf dem Weg zur Tür einen Blick auf die Uhr, die ein Bild von Darth Maul zeigte, der mit seinem doppelten Lichtschwert, welches Stunden- und Minutenzeiger darstellte, offenbar in einem Kampf verwickelt war und lief schnell die Treppe ins Erdgeschoss hinab, wo er seinen Vater vermutete.

Dieser lag tatsächlich auf der Couch und sah sich ran auf Sat1 an. Soeben zeigten sie die Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München. Es war der letzte Spieltag der Saison 2002/2003, und die Bayern standen als Meister fest, während die Schalker, der Lieblingsclub von Richies Vater und somit auch der Seine, relativ bescheiden abgeschnitten hatten und im UI-Cup würden antreten müssen..

"Papa", begann Richie, wurde dann jedoch von einem lauten Jubelschrei seines Vaters unterbrochen, weil Niels Oude Kamphuis soeben das 1:0 für die Schalker erzielt hatte.

Richie jubelte innerlich auch, doch sein Anliegen ließ ihm keine Ruhe. Er setzte sich neben seinem Vater auf die Couch und versuchte es erneut.

"Papa?"

"Hmh?"

"Ich habe das Buch durch, das Oma mir zum Geburtstag geschenkt hat."

Bei dem Fussballspiel pfiff der Schiedsrichter zur Halbzeit und Sat1 brachte einen Werbeblock.

"Was?" fragte Richies Vater, der seinen Sohn erst jetzt richtig zu registrieren schien.

"Ich habe das Buch durch, das Oma mir zum Geburtstag geschenkt hat."

"So schnell? Dann war es wohl ziemlich gut, was?"

"Der Oberhammer!

Geht um Piraten. Sag mal, weißt du vielleicht, ob es hier in der Gegend früher vielleicht auch mal welche gab?"

"Piraten?" fragte Richies Vater verblüfft. "Bei uns im Ruhrgebiet?"

Er sah das erwartungsfrohe Gesicht seines Sohnes und entschloss sich zu einer kleinen Notlüge. Warum dem Jungen den ganzen Spaß rauben?

"Massenhaft! Das Ruhrgebiet war damals sozusagen eine richtige Hochburg der Piraten."

"Oh, geil!" rief Richie freudig aus.

"Junger Mann", ertönte die Stimme seiner Mutter aus der Küche, "mäßige dich!"

"Entschuldige, Mama", rief Richie zurück.

"War Kapitän Dennbrugg vielleicht auch mal hier?" löcherte er dann wieder seinen Vater.

"Wer?"

"Kapitän Dennbrugg. Das ist der aus meinem Buch."

"Lass mich mal nachdenken", erwiderte sein Vater und schob sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand die Brille hoch. "Ja, ich glaube, von dem habe ich schon mal etwas gehört."

"Jippieeee!"

Richie sprang auf und stürmte aus dem Wohnzimmer, nur um kurz darauf erneut zu erscheinen.

"Sag mal, du weißt nicht zufällig, wo so ein Pirat seinen Schatz hier in der Gegend vergraben haben könnte, oder?"

Sein Vater tat so, als würde er angestrengt nachdenken.

"Einen Schatz, sagst du? Warte mal...

Na klar!" rief er dann aus. "Wenn einer irgendwo einen Schatz vergraben hat, dann ganz bestimmt in dem kleinen Wäldchen hinter dem Spielplatz. Das ist eindeutig der allerbeste Platz dafür."

"Oooch, dann kann es aber nicht der Schatz von Kapitän Dennbrugg sein, weil der den nämlich auf einer Insel verbuddelt hat", sagte Richie enttäuscht.

"Nein, nein, das ist schon sehr gut möglich. Vor hundert Jahren war das nämlich hier noch eine Insel", sagte Richies Vater schnell, denn gleich würde ran weitergehen, was er keinesfalls versäumen wollte.

"Echt?" fragte sein Sohn mit großen Augen,

"Wenn ich es dir doch sage."

"Toll! Darf ich mir die Schaufel aus der Garage holen und ein bisschen suchen gehen?"
"Klar. Aber nicht mehr heute. Hast du mal auf die Uhr gesehen? Mama bringt uns beide um, wenn ich dich jetzt noch rauslasse. Morgen hast du den ganzen Tag Zeit."

"Ach bitte. Nur ne halbe Stunde, ja?"

"Morgen. Außerdem solltest du noch mal genau in deinem Buch nachlesen. Vielleicht findest du dort ein paar Angaben, wo genau der Schatz vergraben ist. Oder willst du vielleicht den ganzen Wald umgraben?"

"Hmpf", machte Richie, verschwand aber wieder in seinem Zimmer, um den Rat seines Vaters zu befolgen.

 

Am nächsten Morgen war der Junge bereits um sechs Uhr wach. Die Aufregung hatte ihn nicht mehr schlafen lassen. Doch unruhig blieb er noch zwei Stunden in seinem Bett liegen, weil er genau wusste, dass seine Mutter ihm die Hölle heiß machen würde, wenn er an einem Sonntag schon dermaßen früh aufstehen würde.

Also stand er um acht auf, zog sich an, frühstückte allein, obwohl er eigentlich gar keinen Hunger hatte und putzte sich die Zähne. Dann schlich er sich vorsichtig zur Schlafzimmertür seiner Eltern und horchte.

Gott sei Dank, sie waren wach und unterhielten sich.

Richie klopfte an und betrat den Raum.

"Darf ich rausgehen, spielen?"

"Hast du gefrühstückt?" wollte Mama wissen.

"Ja!"

"Zähne geputzt?"

"Ja!"

"Wo willst du denn hin?"

"Ins Wäldchen hinter dem Spielplatz."

"Aber nicht allein. Frag deine Freunde, ob sie mitkommen."

"Ja, Mama!"

Richie zog die Tür wieder ins Schloss und stürmte die Treppe hinunter, bis ihm auf halbem Wege einfiel, dass er das Wichtigste vergessen hatte. Also machte er auf dem Absatz kehrt, lief in sein Zimmer zurück, schnappte sich das Piratenbuch und war verschwunden.

 

Eine halbe Stunde später, nachdem er seine Freunde Roland und Stephen abgeholt hatte, betraten die drei unerschrockenen Jäger des Piratenschatzes, bewaffnet mit Spaten und einer Flasche Apfelschorle, den kleinen Wald.

"Ihr müsst nach zwei Bäumen Ausschau halten, die so schief stehen, dass sie ein X bilden", erklärte Richie. "Von da aus müssen wir dann zwanzig Schritte nach Süden gehen, und da liegt der Schatz vergraben."

"Wo ist denn Süden?" wollte Stephen wissen.

"Das sage ich euch, sobald wir das X gefunden haben", fuhr Richie fort, der natürlich selbst nicht den leisesten Schimmer hatte.

Fünf Minuten später entdeckten sie zwei Bäume, die sich überkreuzten, wobei der eine Baum jedoch gerade wie eine Kerze in die Höhe wuchs.

"Ist es das?" fragte Roland.

Richie zog das Buch aus seiner hinteren Hosentasche und blätterte hektisch darin herum.

"Nein, hier steht, dass beide Bäume schief stehen müssen."

Dreimal durchkämmten sie den ganzen Wald, fanden jedoch keine entsprechende Stelle.

"Dann muss es doch da sein", vermutete Richie. "Vielleicht hat sich der eine Baum im Laufe der Jahre ja wieder aufgerichtet."

"Geht denn so was?" fragte Roland.

"Klar", sagte Stephen bestimmt. "Vielleicht hat sich ein Bär daran gekratzt. Ich habe so was letzte Woche im Fernsehen gesehen. Bären können einen Baum ganz einfach umwerfen. Warum sollten sie also nicht auch einen wieder gerade hinstellen können?"

Sie kehrten also zu den gekreuzten Bäumen zurück und blieben unschlüssig davor stehen.

"Und wo ist jetzt Süden?" fragte Roland.

"Da",, sagte Richie und deutete, ohne zu zögern nach Westen.

"Also dann! Zwanzig Schritte?" fragte Stephen.

"Ja. Aber es müssen große Schritte sein. Schließlich waren die Piraten schon erwachsen."

Die drei Jungs maßen die Entfernung ab, erreichten eine sonnendurchflutete Lichtung und begannen an der entsprechenden Stelle zu graben. Kaum waren sie einen halben Meter tief in den trockenen Waldboden eingedrungen, war ihr Getränkevorrat auch schon alle.

"Ich habe Durst", maulte Stephen und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die leere Flasche. "Wie tief müssen wir denn graben?"

"Zwei Meter!"

"Was? Bis wir so tief sind, bin ich längst verdurstet. Ich habe keine Lust mehr. Das ist ein ganz doofes Spiel. Ich gehe nach Hause und spiele mit meiner Play-Station. Kommt ihr mit?"

"Ich habe auch keine Lust mehr", erklärte Roland. "Hast du ein neues Spiel?"

"Ja, hat mein Vater mir erst gestern mitgebracht. Es heißt DER DUNKLE TURM. Voll geil!"

Richie stieß das Blatt seines Spatens mit aller Kraft in den Boden und stemmte die Hände in die Hüften.

"Dann haut doch ab", zischte er. "Aber eins sage ich euch. Wenn ich den Schatz von Kapitän Dennbrugg finde, dann bekommt ihr nichts davon ab."

"Na und?" höhnte Stephen. "Mir egal. Ich brauche keinen Schatz. Meine Eltern kaufen mir auch so alles, was ich haben möchte.

Komm, Roland, hauen wir ab."

Die beiden Jungs schnappten sich ihre schmutzigen Spaten und die leere Flasche Big Apple und ließen Richie allein zurück.

"Arschgeigen", rief er ihnen hinterher, griff nach dem Spaten seines Vaters und setzte die Grabung fort.

Eine Stunde später, die Tiefe des Loches hatte sich kaum merklich vergrößert, stieß der Spaten plötzlich auf Widerstand, und Richies Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen. Er warf das Grabinstrument achtlos zur Seite, ließ sich auf die Knie sinken und schaufelte die Erde mit den Händen beiseite. Wenig später hatte er den Deckel einer eisenbeschlagenen hölzernen Truhe freigelegt, auf dem die Worte Lady Beverly eingebrannt waren.

"Ja!" rief er und streckte triumphierend die rechte Faust in die Höhe.

Er griff wieder nach dem Spaten und grub vorsichtig um die Kiste herum, vor Aufregung schwer keuchend.

Hinter seinem Rücken kam plötzlich Bewegung in die lose Erde und die klauenförmige Hand eines Skelettes streckte sich daraus empor.

Richie bekam von diesen Vorgängen jedoch nichts mit. Er hatte die Truhe inzwischen zur Gänze freigelegt und starrte mit glänzenden Augen auf die beiden schweren Schlösser, die den Schatz sicherten. Beide waren vollkommen verrostet, hielten jedoch, nachdem der Junge einmal prüfend an ihnen gerüttelt hatte.

Kurzerhand hob Richie den Spaten mit beiden Armen weit über den Kopf und ließ die scharfe Kante des Blattes mit aller Kraft auf das erste der beiden Schlösser sausen. Mühelos durchtrennte es den Bügel des Schlosses, als bestünde er aus Butter, und das Unterteil landete auf dem Boden. Richie wiederholte den Vorgang bei dem anderen Schloss, während sich hinter ihm das Skelett des toten Piraten bereits zur Gänze aus der Erde befreit hatte und sich nun zu seiner vollen Größe von stattlichen zwei Metern aufrichtete.

Die Kleidung hing ihm in Fetzen vom Körper, während sich sein Säbel und die Steinschlosspistole jedoch seltsamerweise in tadellosem Zustand befanden.

Der Pirat zog den Säbel geräuschlos aus der ledernen Scheide, hob ihn über seinen Kopf und ließ ihn gezielt auf den Nacken des Jungen hinabsausen.

Beide Schlösser waren geknackt, und Richie warf die Schaufel fort und ließ sich erneut auf die Knie fallen, um die Truhe zu öffnen, was ihm das Leben rettete, den nur haarscharf sauste der scharfe Stahl des Säbels an ihm vorbei und trennte ihm lediglich einige Haare ab.

Der Junge spürte den Luftzug der Waffe, quiekte entsetzt und warf sich zur Seite. Erschrocken schrie er auf, als er in die skelettierte Fratze des Angreifers blickte.

"Hanlon", stöhnte er und schalt sich im Geiste einen Narren, dass er den Bewacher des Schatzes vollkommen vergessen hatte.

Der Pirat legte bei der Nennung seines Namens den Kopf schief und blieb mit erhobenem Säbel reglos über dem Kind stehen. Die Spitze der Waffe verharrte wenige Zentimeter vor der schutzlos daliegenden Kehle Richies.

"Wer bist du, Knabe?" knurrte das Gerippe, und Richie lief ein eiskalter Schauer den Rücken herunter.

Wie konnte der Kerl ohne Stimmbänder sprechen?

Na, er kann sich ja auch bewegen, obwohl er schon seit Jahrhunderten tot ist, erklärte eine andere Stimme im Kopf des Jungen, und Richie war überzeugt.

"Ich – mein Name ist Richie."

"Richie? Woher hast du Kenntnis von diesem Ort? Welcher Verräter hat dir von diesem Schatz erzählt?"

"Niemand!"

Der Säbel ruckte vor und ritzte leicht die schmutzige Haut am Hals des Kindes, sodass einige Blutstropfen hervorquollen und im Hemdkragen Richies versickerten.

"Ich rate dir, Junge, sprich die Wahrheit oder du wirst es bitter bereuen."

Fieberhaft dachte Richie nach, dann kam ihm eine Idee. Vorsichtig griff er nach hinten, zog das Buch aus der Hüfttasche seiner Jeans und hielt es dem Piraten hin.

"Was ist das?"

"Ein Buch."

"Versuche mich nicht für dumm zu verkaufen, Junge! Das sehe ich selbst. Was steht darin geschrieben?"

Richie, der eine Vermutung hatte, streckte das Buch noch ein Stückchen weiter von sich.

"Es steht doch auf dem Umschlag."

Die Klinge des Säbels senkte sich wieder ein Stück, diesmal jedoch blieb sie wenige Zentimeter vor der Kehle des Jungen in der Luft hängen, ohne ihn zu verletzen.

"Ich kann nicht lesen. Sag schon, was steht da geschrieben?"

Innerlich jubilierte Richie, ließ sich seinen Triumph jedoch nicht anmerken.

"Sprich endlich, oder ich schicke dich zu deinen Ahnen!"

"Es – es ist das Tagebuch von Kapitän Dennbrugg!"

"Wer soll das sein?"

"Dein Chef. Kapitän Dennbrugg", erklärte Richie verzweifelt.

Wieso kannte Hanlon den Namen seines Anführers nicht mehr.

"Der Kapitän der Lady Beverly", fügte er dann hinzu.

"Aaahh", machte der Wächter des Schatzes. "Capt’n Denbrough. Du sprichst den Namen auf seltsame Weise aus, Knabe.

Aber wer sagt mir, dass du die Wahrheit sprichst?"

Das Skelett bewegte den rechten Arm, und nun saß die Spitze des Säbels über der Brust des Jungen und zielte auf sein Herz.

"Ich sollte dich besser töten!"

"Warte!"

Fieberhaft überlegte Richie, suchte nach einer Erklärung.

"Woher sollte ich das alles wissen, wenn dies Buch nicht vom Kapitän wäre?" fragte er, bewusst den Namen nicht aussprechend, um ihn nicht wieder falsch zu sagen.

"Wie könnte ich wissen, wo der Schatz liegt und dass dein Name Robert Hanlon ist?"

"Aber wie kommt dieses Tagebuch in deine Hände?"

"Meine Oma hat es mir geschenkt."

"Oma?"

"Meine Großmutter. Die Mutter meines Vaters."

"Soso, deine Großmutter also? Und woher hat sie es bekommen?"

Ein Geistesblitz!

"Von ihrem Vater! Meine Großmutter ist die Tochter des Kapitäns."

"Die Tochter von Capt’n Denbrough?"

"Ja!"

"Jetzt habe ich dich ertappt, Junge. Denbrough hatte keine Tochter."

Die Fratze des Skelettes verzerrte sich zu einem triumphierenden Grinsen, als es den Säbel nach hinten zog und Sekundenbruchteile später wieder vorschnellen ließ.

Richies Augen weiteten sich vor Entsetzen, und er öffnete den Mund zu einem Schrei.

 

Richies Eltern saßen beim sonntäglichen Frühstück am Küchentisch, als aus dem Kinderzimmer ein grauenerregender Schrei ertönte.

Wie von der Tarantel gestochen sprangen die beiden auf und hetzten die Treppe hinauf nach oben. Sie stürmten ins dunkle Kinderzimmer.

Richies Mutter stieß einen spitzen Schrei aus und sank ohnmächtig zu Boden, nachdem ihr Gatte den Lichtschalter betätigt hatte und Helligkeit den Raum durchflutete.

Richard lag mit schreckgeweiteten Augen im Bett, und seine kleinen Hände umklammerten im Tod noch immer das Buch, welches seine Großmutter ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.

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