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Zahnschmerzen


© 2003 by ginnyrose

"Mach ganz schnell", hatte Ma ihm am Nachmittag geraten, "es tut kaum weh, wenn man einen Milchzahn verliert. Du bist dann alle Schmerzen los."

Timmy seufzte. Warum war er nur so ein Hasenfuß.

Zaghaft befühlte er mit der Zunge den losen Zahn. Es kostete ihn gar keine Mühe, ihn hin und her zu schieben.

Timmy nahm seinen Mut zusammen und fasste mit einem Finger in den Mund. Im ersten Berührungsmoment zuckte er unwillkürlich, doch dann merkte er, dass es nur ein wenig zwickte den Zahn anzufassen und leicht zu bewegen. "Nur ein kurzer Ruck", hatte seine Mutter gemeint, dann sei alles vorbei.

Sein Banknachbar Georg in der Schule hatte das gleiche gesagt.

"Hat kaum wehgetan!", hatte er vor drei Tagen geprahlt und dabei die Pennies herumgezeigt, die er am nächsten Morgen gefunden hatte.

Von ihm wusste Timmy allerdings auch, dass es nicht die Zahnfee war, die das Geld dort hinterließ. Georgs große Schwester hatte ihrem kleinen Bruder verraten, dass in Wahrheit seine Mutter nachts ins Zimmer schlich, den Zahn mitnahm und etwas Kleingeld aus dem Portmonee unter das Kissen steckte.

Georg hatte auf diese Offenbarung mit Tränen reagiert, aber Timmy machte das nichts aus. Er ahnte schon lange, dass seine Eltern auch beim Weihnachtsmann irgendwie die Finger mit im Spiel hatten.

Seine Backe begann wieder zu pochen. Er verzog das Gesicht und griff nach dem Waschlappen, den er sich am Abend vorsorglich zurechtgelegt hatte. Als er ihn gegen die heiße Wange drückte, stellte er fest, dass die Feuchtigkeit bereits getrocknet war.

Timmys Blick fiel auf die Leuchtziffern seines Weckers: Mitternacht vorbei.

Er seufzte. Dies würde eine lange Nacht werden.

Behutsam schob er sich Daumen und Zeigefinger zwischen die Lippen und befühlte sein Ziel. Timmy atmete tief durch die Nase ein, schloss unwillkürlich die Augen und riss seine Hand mit einer schnellen Bewegung zurück. Eine Sekunde lang jagte ein stechender Schmerz durch seinen Mund, doch er ebbte sogleich wieder ab.

Erleichtert öffnete der Junge die Augen und legte das nasse kleine Ding unter sein Kopfkissen.

Der Eisengeschmack in seinem Mund ekelte ihn zwar ein wenig an, aber er war zu müde um aufzustehen und ihn auszuspülen.

Stattdessen kuschelte er sich ein und genoss das kribbelnde Gefühl in seinem Zahnfleisch, das gewiss die Heilung ankündete.

Tapp.

Ein Geräusch riss Timmy aus seinem Dämmerzustand.

Tapp.

Er zwinkerte verwirrt. Was war das? Schritte?

Hastig sah er auf seinen Wecker - es waren kaum ein paar Minuten vergangen. Vielleicht musste sein Vater oder seine Mutter zur Toilette?

Tapp.

Eindeutig ein Schritt. Aber nicht in Richtung Badezimmer.

Tapp.

Die Schritte kamen in seine Richtung.

Timmy musste grinsen. Er hätte wissen müssen, dass seine Mutter nichts dem Zufall überließ.

Obwohl er heute Nachmittag unter lautem Protest abgelehnt hatte, sich den Zahn selber rauszuziehen, hatte sie wohl geahnt, dass er es dennoch wagen würde. Und nun wollte sie Zahnfee spielen, um ihm eine Enttäuschung am nächsten Morgen zu ersparen.

Timmy zog sich die Decke bis über die Ohren und bemühte sich möglichst ruhig zu atmen.

Ma durfte auf keinen Fall etwas merken.

Tapp.

Jetzt stand sie offenbar genau vor seinem Zimmer. Statt eines erneuten Schrittes hörte er, wie die Klinke langsam hinuntergedrückt und die Tür geöffnet wurde.

Tapp.

Es waren nur drei Schritte bis zu seinem Bett. Sie musste ganz nah bei ihm stehen. Sein Atmen erschien ihm viel zu laut. Hoffentlich fiel es ihr nicht auf!

Tapp.

Klick.

Um ein Haar hätte er geblinzelt. Was war das für ein zweites Geräusch? Es klang seltsam scheppernd. Hatte seine Mutter irgendetwas umgestoßen? Seinen Beutel mit Murmeln vielleicht? Aber dafür war es wiederum zu gedämpft gewesen.

Tapp.

Tapp.

Sein angespannter kleiner Körper wartete auf die Hand der Mutter und den beruhigenden Kamilllenduft ihrer Creme.

Bleib noch einen Moment ruhig; gleich greift sie unter dein Kissen und nimmt den Zahn mit und legt ein paar Pennies dazu. Tu einfach nur so, als ob du schläfst.

Er hörte ein Atmen, das nicht von ihm selber stammte. Es klang laut und schleifend, wie bei einem Asthmatiker. Ein Schauer überzog Timmys Haut.

Ma? wollte er fragen, aber seine Kehle war wie ausgetrocknet, kein Ton wollte ihr entrinnen.

Mama ... Mama ...?

Erneutes Schnauben. Nicht Mama. Irgendetwas, aber nicht Mama.

Oh mein Gott, irgendetwas.

Tapp.

Es stand direkt neben ihm. Timmy spürte, wie sein Herz den Brustkorb ausfüllte; spürte, wie es immer schneller und schneller schlug, wie es größer und größer wurde und sich ausdehnte, bis es in seinem Hals klopfte.

Tapp.

Murmeln ... Irgendjemand spielt mit meinen Murmeln, dachte er in konfuser Panik, obwohl er wusste, wie absurd es sich anhörte.

Ein Klirren.

Ein Scheppern.

Schwere Atemzüge.

Etwas streifte Timmys kleines Gesicht. Nicht Mamas Hand.

Tausend Gedanken schossen dem Jungen durch den Kopf und eine innere Stimme beschwor ihn unablässig, sich nicht zu bewegen. Eine heiße Träne tropfte von seiner Wange. Nur mit Mühe hielt er einen erstickten Schluchzer zurück.

Tiefes Röcheln erfüllte den Raum.

Oh mein Gott.

Nässe, Kälte, Modergeruch.

Tote Fische.

Direkt an seinem Gesicht vorbei. Unter das Kissen.

Gott.

Knistern.

Klirren.

Tapp.

Ein Schritt zur Tür.

Die Stimme schrie und schrie ohne Unterlass; sie war in seinem Kopf, sie war überall und alles rauschte und er verstand kaum noch was sie sagte - und dann tat er es einfach und öffnete die Augen, nur einen Schlitz, um zu sehen, was sein Verstand nicht sehen wollte und was sein Herz zum Rasen brachte.

Gnädige Dunkelheit, die nur einen Schatten dessen preisgab, was sich mit schweren Schritten aus seinem Zimmer entfernte und die ihn nur einen flüchtigen Blick auf den riesigen Sack auf dem Rücken werfen ließ.

Klick.

Keine Murmeln.

Zähne.

Milchzähne.

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