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Im Tunnel


© 2003 by ginnyrose

Als Katrina zu sich kam, spürte sie als erstes einen heftiger Schmerz, der ihren Kopf durchflutete. Reflexartig fasste sie sich an die Schläfen und massierte sie mit den Fingerkuppen. Nur langsam ließ das dumpfe Pochen in ihrem Schädel nach. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Für ein paar Sekunden kehrte der Schmerz zunächst zurück, um jedoch gleich darauf wieder abzuebben.

Katrina blinzelte. Um sie herum war alles dunkel. Ihr Herz schlug schneller. Wo war sie? Ihre Gedanken überstürzten sich, hektisch versuchte sich das Mädchen zu erinnern, wo es sich befinden könnte.

Verschwommen nahm sie eine Wand neben sich wahr und erahnte ein paar Sessel oder Stühle. Sie sah ihre Umgebung so undeutlich, dass sie den Drang verspürte, den Kopf zu schütteln, um etwas klarer sehen zu können, aber sie fürchtete, dass die Übelkeit sich dann nur noch verstärken würde.

"Ganz ruhig", sagte auf einmal eine rauhe Stimme irgendwo vor ihr. Katrina schrak auf und krampfte ihre Finger instinktiv zusammen. Schwer atmend starrte sie in die Ecke, wo sie die Gestalt vermutete.

"Nur keine Panik", erklang es erneut und zeitgleich mit diesen Worten blitzte ein Streichholz auf. Katrina erkannte, wie der Fremde mit leicht zittrigen Händen eine kleine Kerze anzündete, die den Raum spärlich erhellte. Ein Lichtschein fiel auf sein Gesicht, so dass sie kurzzeitig seine Züge deutlich vor Augen hatte .

Er war ein alter Mann mit dünnen Haaren, die sich strähnig um seinen Kopf ringelten. Zwar war seine Haut von tiefen Furchen durchzogen, doch seine dunklen Augen glänzten scharf, ähnlich denen eines Habichtes. Ebenso durchdringend war auch sein Blick. Der Mann war in einen schwarzen, langen Mantel gehüllt, der irgendwo auf dem Boden endete. Obwohl das Mädchen seine Angst noch nicht ablegen konnte, hatte es dennoch nicht den Eindruck, dass von dem Fremden Gefahr ausginge. Seine Stimme hatte zwar rauh, aber nicht unfreundlich, sondern fast beruhigend geklungen. Fast so, als spüre er ihre Furcht.

"Hab keine Angst", murmelte er, als habe er ihren Gedanken erraten. "Hier geschieht dir nichts. Und ich tue dir auch nichts", fügte er noch an.

Katrina nickte unsicher und strich sich irritiert eine zerzauste Haarsträhne aus der Stirn.

"Ich ... ich muss mir irgendwie den Kopf ... ", begann sie zögernd. Der Mann hob bereits nach den ersten Worten die Hand um sie zu unterbrechen.

"Du hast dir den Kopf gestoßen und bist eben erst wieder aufgewacht. Ja, das habe ich bemerkt. Tut es weh?"

Sie spürte immer noch einen leichten Druck in ihrem Schädel, aber bis auf ein leichtes Schwindelgefühl schien wieder alles in Ordnung zu sein.

"Nur'n bisschen", gab sie leise zurück. Innerlich begann ihr Herz wieder lauter zu pochen, so dass sie fast fürchtete, ihr Brustkorb müsse bald zerspringen. Ihre Wangen glühten. Sie wusste immer noch nicht, was vor ihrer Ohnmacht geschehen war, aber sollte sie das diesem Mann einfach so sagen? Er schien trotz seines etwas unheimlichen Aussehens nett zu sein, aber Katrina war sich nicht sicher, ob sie ihm alles offenbaren durfte - dass sie keine Ahnung hatte, wo sie sich gerade befand und wie sie dort hingeraten sein mochte.

Hastig drehte sie sich zur Seite, als sie erste Tränen nahen spürte.

Nur keine Schwäche zeigen! schoss es ihr durch den Kopf und verzweifelt bemühte sie sich, durch heftiges Schlucken ein verräterisches Aufschluchzen abzuwenden. Alles in ihr drängte sich danach aufzuspringen und zu schreien, mit den Fäusten auf die Wände einzuschlagen oder zumindest den alten Mann vor sich zur Rede zu stellen: Wo bin ich, was hast man mit mir gemacht, wie komme ich hierhin?

Aber ebenso fürchtete sie sich davor, ihm ihre Schwäche einzugestehen. Kalter Schweiß rann ihr den schmalen Rücken hinunter und hinterließ eine Gänsehaut.

Insgeheim betete sie, dass sie nur noch ein wenig von dem kleinen Unfall benommen war und ihr jeden Moment alles Nötige wieder einfallen würde.

"Bald müsste es losgehen", sagte der Mann plötzlich in die Stille hinein und riss Katrina damit aus ihren fieberhaften Überlegungen.

"W-was geht los?", fragte sie mit zaghafter Stimme. Ihr Gegenüber schien sie einen Moment lang zu mustern, ehe er erwiderte: "Der Zug. Er fährt sicher bald wieder. Wir stehen momentan noch im Tunnel."

Eine heiße Woge der Erleichterung strömte über das Mädchen ein. Der Zug?

"Der 13er nach Neufried, ja?", fragte sie mit einem tiefen Seufzer und sogar ein kleines Lächeln wollte ihr gelingen.

Der Mann schwieg für ein paar Sekunden, ehe er langsam nickte.

"Ja, genau. Es ... es gab einen Stromausfall und der Fahrer musste unvermittelt bremsen. Du bist zur Seite gerutscht und ... -"

" ... und habe mir den Kopf angeschlagen", vollendete Katrina den Satz aufatmend. Sie konnte ihre Erleichterung gar nicht in Worte fassen, aber sie schämte sich gleichzeitig auch etwas für ihre Angst und ihre Verwirrung. Alles war wieder gut. Mit dieser Linie fuhr sie jeden Tag aus der Schule nach Hause und jetzt meinte sie sich auch an einen dumpfen Schlag erinnern zu können, den sie auf ihrem Schädel verspürt hatte, bevor schließlich alles um sie herum schwarz geworden war. Unwillkürlich griff sie an ihren Kopf, um ihn vorsichtig nach einer etwaigen Beule abzutasten.

"Schscht", machte der alte Mann, beugte sich vor und zog sanft ihre Hand zurück, bevor ihre Finger auch nur ihr Haar berührt hatten. Ihr Mitfahrer räusperte sich, offenbar aus Verlegenheit.

"Ich wollte dich nicht erschrecken. Und ich will dir auch jetzt keine Angst einjagen, aber du hast möglichweise eine leichte Gehirnerschütterung ... - nein nein, mach dir jetzt keine Sorgen", sagte er schnell, als er sah, wie sich Katrinas Augen weiteten. "Du hast dich vorhin ziemlich unglücklich verletzt, der Zug hielt völlig unvermittelt und wenn man das Bewusstsein verliert, ist das schon eine ernste Sache. Manchmal zumindest. Fass dir also besser nicht an den Kopf, du ... du brauchst jetzt ein bisschen Ruhe, glaube ich." Mit diesen Worten bückte er sich und zog eine Tasche unter seinem Sitz hervor, die Katrina bisher noch nicht aufgefallen war. Undeutlich erkannte sie eine Art Abzeichen darauf.

"Oh, Sie sind ein Schaffner", murmelte sie überrascht. Er zögerte kurz und nickte dann.

"Ja, aber eigentlich bin ich seit einer Weile im Ruhestand. Ich fahre nur noch selten mit dem Zug mit, fast schon aus Nostalgie könnte man sagen." Er schwieg einen Moment lang. Sein Blick glitt an Katrina vorbei, verschleierte sich und wurde beinahe träumerisch. "Manchmal braucht man mich hier noch als Begleiter."

Er schwieg. Katrina fand diese Verklärung unheimlich. Doch zum Glück hielt dieser Zustand nur wenige Sekunden an, denn schon einen Augenblick später kramte er wieder in der Tasche herum und zog schließlich eine Decke daraus hervor. Er klopfte sie ein paarmal ab und schüttelte sie kurz aus, ehe er sie dem Mädchen reichte.

"Du solltest versuchen dich noch ein wenig auszuruhen. Das kann nicht schaden."

"Meinen Sie denn, der Zug muss hier noch lange stehen?", fragte sie vorsichtig, während sie sich dankbar die wärmende Decke über die Schultern legte.

Der Mann zuckte die Achseln.

"Wir stecken schon eine ganze Weile hier fest. Hat nämlich sogar die Stromnotversorgung erwischt", gab er peinlich berührt zu. "Zumindest in diesem Waggon tut sich da gar nichts. Schlimme Sache. Wird vermutlich einigen Ärger verursachen. Ich hab allerdings immer einen Packen Kerzen bei mir", lächelte er dann und klopfte auf seine Jackentasche. "Ne Angewohnheit. Noch aus alten Zeiten. Brauchten wir früher ständig, wenn das Licht ausfiel." Er zögerte.

"Die meisten anderen Fahrgäste dürften den Zug mittlerweile verlassen haben. Hat ihnen zu lange gedauert und ihnen wurde erlaubt auszusteigen." Er hustete hohl. "Du solltest aber besser sitzenbleiben."

Katrina nickte schläfrig und kuschelte sich in die Decke ein. Obwohl die Schmerzen nachgelassen hatten, fühlte sie sich immer noch deutlich benommen.

"Wissen Sie, wie spät es ist?", fragte sie gähnend. Der Schaffner verneinte.

"Ich trage grundsätzlich keine Uhr bei mir."

Katrina zog umständlich ihren Arm hervor und warf einen Blick auf ihr Handgelenk, aber es war zu finster, um das Zifferblatt zu erkennen. Mit leichtem Stöhnen, weil das Schwindelgefühl sich bei jeder Bewegung wieder verstärkte, beugte sie sich vor, um näher am Schein der Kerze zu sein. Ihre Augen brannten und sie musste mehrmals zwinkern. Zu ihrer Enttäuschung stellte sie sofort fest, dass ihre Uhr stehengeblieben war.

"So ein Mist", grummelte sie frustriert. "Meine Mutter wird sich Sorgen machen, es ist bestimmt schon spät."

Aus einem Reflex heraus wollte sie aus dem Fenster sehen, aber dort starrte ihr nur die Dunkelheit des Tunnels entgegen.

"Ach verdammt." Erneut drohte ihr das Wasser in die Augen zu steigen. Der alte Mann wirkte plötzlich sehr hilflos.

"Es tut mir so Leid kleine Lady. Ich wünschte, ich könnte dich höchstpersönlich bei der Mutter zuhause abliefern ... nur leider kann ich es nicht." Seine Stimme war so leise, dass es Katrina schwerfiel ihn zu verstehen. Einen Moment lang glaubte sie sogar, sie habe ein Schluchzen gehört, aber das konnte nur ein Irrtum gewesen sein.

"Aber es ist doch noch Nachmittag, oder?", fragte sie in zittrigem Ton. Da waren sie wieder, die großen, dunklen Augen des Schaffners, die ihr so durch und durch gingen.

"Ich weiß es nicht", gab er nur zurück. "Ich weiß es nicht."

Die Kerze flackerte im Takt seiner Worte. Das Mädchen starrte ihn an.

In diesem Augenblick ging ein heftiger Ruck durch das Abteil, durch den Katrina fast den Halt verloren hätte. Der Zug begann sich langsam in Bewegung zu setzen und rollte, wenn auch nur im unscheinbaren Schneckentempo, vorwärts.

"Es geht weiter", seufzte sie erlöst auf und lehnte sich tief aufatmend zurück. Glücklich strahlte sie den Schaffner an. "Jetzt wird es nicht mehr lange dauern!"

"Nein", gab er ohne eine Miene zu verziehen zurück, "jetzt wird alles sehr schnell gehen."

Ein Schauer kroch dem Mädchen über die Haut. Katrina spürte, wie sich winzige Härchen auf ihren Armen aufstellten und ein kribbelndes Gefühl hinterließen. Sie war dem alten Mann dankbar für die Fürsorglichkeit und die Decke, aber langsam begann sie sich in seiner Nähe unwohl zu fühlen.

Bitte lieber Zug, mach schnell und bring mich endlich nach Hause, bat sie insgeheim, obwohl sie sich selber ein wenig lächerlich dabei vorkam. Sie warf einen, wie sie hoffte, unauffälligen Blick auf ihren Gegenüber, dessen Gesicht gerade im Schatten lag. Er schien sie immer noch anzusehen. Schnell drehte sie den Kopf und überflog den Raum hinter ihr, aber nirgendwo war eine Menschenseele zu entdecken. Ihr Herz sank ein bisschen tiefer; offenbar befand sich wirklich nur dieser Mann mit ihr im Waggon.

Sie war sich mittlerweile vollkommen unsicher, wie sie ihn einzuschätzen hatte. Sicher, er hatte ihr geholfen, aber seine seltsame Art und die langen Pausen beim Sprechen schüchterten das Mädchen immer mehr ein. Außerdem wusste sie aus vielen Berichten aus dem Fernsehen und nicht zuletzt auch von ihrer Mutter, dass man Fremden niemals trauen und nur in Notfällen mit ihnen alleine sein durfte. Katrina biss sich auf die Lippen.

Nun, dies war ganz eindeutig ein Notfall. Sie warf noch einen prüfenden Blick in seine Richtung. Besser war es trotzdem, wenn der Zug sie bald nach Hause brachte. Und in der Zwischenzeit würde Reden nicht schaden. Auf einmal bereitete ihr der Gedanken an Stille nämlich ein wenig Angst.

"Können Sie ungefähr einschätzen, wie lange wir in diesem Tunnel standen?", erkundigte sie sich beiläufig. Wieder dauerte es mehrere Augenblicke, ehe der Mann ihr antwortete.

"Nicht sehr lange", erwiderte er knapp. Katrina räusperte sich.

"Wirklich, mir kam es vor wie Stunden. Und das, obwohl ich sicher das meiste davon verschlafen habe." Sie bemühte sich um ein möglichst unbefangenes Lachen und fuhr sich mit einer lässig wirkenden Geste über die Haare.

"Nicht!", schrie der Schaffner sofort auf, seine Stimme überschlug sich, doch es war schon zu spät. Katrina riss die Augen auf. Mit einer Mischung aus Grauen und Ekel starrte sie auf die Innenfläche ihrer Hand, von der das Blut in dicken Tropfen herunterlief. Ihr Mund öffnete sich wie zum Schrei, aber aus ihrer Kehle entrann nur ein ersticktes Krächzen.

"Blut", weinte sie und rieb sich die Hand hektisch an ihrer Jacke ab. "Was ist passiert?", schrie sie in Richtung des Mannes, "warum haben Sie keinen Arzt gerufen? Ich bin verletzt, alles ist blutig ... mein Kopf ..." Die letzten Worte erstickten in einem hilflosen Schluchzen.

"Es tut mir Leid ...", stöhnte der alte Schaffner kaum hörbar. Seine dünnen Lippen zitterten. "Ich hätte ... ich hätte es direkt sagen müssen ..."

Katrin achtete nicht auf seine gestammelten Worte.

"Was warten Sie noch, holen Sie einen Arzt!", presste sie heiser hervor und wischte ihre völlig veschnupfte Nase am Ärmel ab. "Ich blute, sehen Sie das nicht?" Wieder musste sie weinen. "Sie können doch nicht einfach so dasitzen!"

Der Mann schloss für einen Moment die Augen. "Nein", flüsterte er wie zu sich selbst.

Katrinas Herz klopfte bis zum Zerspringen. Immer weitere Tränen rannen aus ihren rotgeränderten Augen, das fleckige Gesichtchen brannte wie Feuer. Ohne den Blick vom Schaffner abzuwenden erhob sie sich langsam von ihrem Platz, taumelte leicht und stützte sich mit einer Hand auf die Lehne. Alles in ihrem Kopf drehte sich, Gedankenfetzen wirbelten durcheinander wie im Fieberwahn und das einzige, was ihr Geist innerlich immer wieder schrie, war das Wort Blut.

"Bleib sitzen", hörte sie plötzlich seine dunkle Stimme und wie auf Kommando knickten ihre Beine zusammen, verließ sie ihre letzte Kraft und mit einem Keuchen landete sie erneut auf dem Fahrtsitz.

"Warum helfen Sie mir nicht?", fragte sie weinend und schlug die Hände vor ihr Antlitz. Der alte Mann sah auf einmal unglaublich müde aus.

"Ach, Katrina", sagte er leise. Das Mädchen blinzelte durch die Finger, ihre Lippen bewegten sich, aber sie sprach die überflüssige Frage nicht aus. Er schüttelte den Kopf.

"Katrina", begann er sanft, "woran kannst du dich noch erinnern?" Das zitternde Bündel vor ihm reagierte nicht. Er versuchte es abermals.

"Katrina ... hast du noch eine Ahnung was geschah bevor du hier aufgewacht bist?" Er legte eine kurze Pause ein. "Bevor du hier im Zug wieder zu dir kamst?"

Keine Antwort.

"Du musst es doch wissen."

Stille.

"Bitte denk nach."

Nichts.

"Katrina ..."

"Ich bin gerannt", wisperte sie kraftlos. Sofort nickte der alte Mann bekräftigend.

"Du bist gerannt, sehr gut! Weiß du auch noch, warum du so gelaufen bist? Bitte überlege, es-"

"Ich wollte den Zug bekommen." Katrinas Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. Ihre Augen sahen an dem Schaffner vorbei, sein eindringlicher Blick hinterließ keine Spuren. "Ich bin so schnell gerannt, weil ich Angst hatte den Zug zu verpassen ..."

Seine Miene wurde bitter.

"Du bist so schnell gerannt", wiederholte er tonlos. "So unwahrscheinlich schnell warst du ... du warst zu schnell ..."

Fragend wandte sie den Kopf zu ihm. Er stützte das Gesicht in seine großen, grauen Hände.

"Oh Katrina", murmelte er, "weißt du es denn wirklich nicht?"

Sie wünschte sich plötzlich, er würde aufspringen oder sie wütend anschreien. Doch diese Hoffnungslosigkeit in der Stimme raubten ihr auf einmal schier den Verstand.

"Nein", hauchte sie und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Auch in seinen glitzerte es verdächtig.

"Mein Kind", begann er mit mühsamer Beherrschung, "du hättest nicht so schnell rennen dürfen. Entweder das, oder ... oder viel langsamer. Aber nicht so ..."

Lärm. Autos.

"Du hast dich nicht umgesehen. Hast nicht ... auf die Straße geguckt. Bist nur gerannt."

Hupen. Lautes Quietschen.

"Du hast nur auf die Bahn gesehen. Es ging alles ... es ging alles viel zu rasant."

Kreischende Menschen. Stimmen von überall her.

"Niemand konnte es mehr verhindern."

Dumpfe Schmerzen. Stechen im Kopf.

"Die ganzen Leute, auf einmal war die Straße voll. Alle um dich herum. Und du ... du warst so klein, so winzig ... zwischen all den Autos und all den Menschen ..."

Nässe am Hinterkopf. Unangenehmer Druck am ganzen Körper. Schmerzen beim Atmen.

"Ach Katrina, ich ... ich wusste, als ich dich da so liegen sah, ich kann dich nicht alleine lassen. Nicht den ganzen Weg. Du brauchst jemanden der ihn ein Stück mit dir geht."

Kurze Pause. Flehender Blick.

"Ich habe sie oft begleitet, viele viele Male. Meistens Kinder, so wie dich. Ich musste es einfach tun."

"Wo- ... wohin ... ", brachte Katrina hervor. Jedes Wort kostete sie mit einem Mal unendlich viel Anstrengung.

"Zur Endstation, Katrina", antwortete der alte Mann fast zärtlich. Täuschte sie sich, oder wurden seine Augen immer größer und schwärzer? Nahm nicht alles um sie herum an Größe und Dunkelheit zu?

"Niemand sollte diesen Weg alleine gehen. Ich werde immer diesen Zug begleiten und den, der mit ihm fährt."

Er lächelte.

"Der Weg ist auch so noch lang genug für dich ..."

Aus weiter Ferne ertönte ein Pfiff und Katrina versuchte etwas zu sagen. Aber die Finsternis legte sich wie ein schwarzes Tuch um ihren Mund und hüllte ihren Körper ein, wie in eine wärmende Decke.

Dunkelheit.

 
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