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Ich habe Zeit

© 2003 Birger Berbüsse

Denise gähnte. Heute war nichts los in "Rosie’s American Diner". Ihre Schicht hatte vor zwei Stunden begonnen, doch außer ihren beiden Stammgästen hatte sich noch niemand in das Restaurant verlaufen. Das war erstaunlich, denn in der Regel war Sonntag nachmittags jeder der zehn Tische besetzt, genauso wie die fünf Hocker an der Theke. Doch heute waren nur Vince und Ryan im Diner. Sie saßen wie immer am Tisch direkt neben dem Eingang und tranken Budweiser aus der Flasche, während sie auf ihre Bestellung warteten, die Fred gerade in der Küche zubereitete.

Das Diner lag an der Hauptstraße einer Kleinstadt im Südwesten Arizonas und hatte einen ausgezeichneten Ruf. Rosie’s "Spezial-Burger" waren weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Aber es war nicht nur das Essen, das die Kunden hinein lockte. Im 50er-Jahre-Stil gehalten, wirkte das Diner einfach äußerst einladend. Die Fassade war sehr schlicht: Über der Eingangstür wehte eine große USA-Flagge, darunter stand in blauen Neon- Buchstaben "Rosie’s American Diner", und links von der Tür verkündete ein großes Schild: "Rosie’s Spezial-Burger – Best of the West!" Zwei große Panorama-Fenster gaben links und rechts vom Eingang einen Blick ins Innere frei: Eine altmodische Theke mit fünf Barhockern, die mit hellrotem Leder überzogen waren. Hinter der Theke ein Regal mit alten Trophäen, seltenen Bier- und Colaflaschen aus den 50ern, ein Football, signiert von der siegreichen Highschool-Mannschaft von 1987. Entlang den Scheiben standen die Tische mit jeweils vier Stühlen. Und jede Tischplatte zeigte ein anderes Filmplakat der goldenen Ära: "Endstation Sehnsucht", "…denn sie wissen nicht, was sie tun", "Tarantula" usw. Auch an den Wänden hingen Plakate von berühmten Filmen und Rock & Roll-Stars. Hinten links in der Ecke, neben der Tür zur Toilette, stand eine gigantische Juke-Box, die in allen mögliche Farben schillerte. Und rechts neben der Theke konnte man sogar einen Blick in die Küche werfen, denn es gab eine Schwingtür wie damals im Wilden Westen. Und wem dieses nette Ambiente noch nicht genügte, um einzutreten, der wurde spätestens von der Eismaschine überzeugt, deren Aufschrift jeden wissen ließ: "ICE-CREAM that cools you away!"

Ja, es war ein wundervolles altmodisches Restaurant, und es machte Spaß hier zu arbeiten. Auch wenn es manchmal ein bisschen hektisch zuging. Doch darüber brauchte Denise sich an diesem Tag keine Sorgen zu machen. Sie wusste zwar nicht, woran es lag, aber ihr war klar, dass dies der ruhigste Arbeitstag werden würde, seit sie vor knapp drei Monaten begonnen hatte bei Rosie zu arbeiten. Sie hatte nicht vor, ewig als Kellnerin zu arbeiten. Oh nein, sie brauchte nur Geld, um sich die Reise nach New York und die dortige Ausbildung an Lee Strasbergs "Actor’s Studio" finanzieren können. Denn das war es, was sie werden wollte: Eine Schauspielerin, wenn nicht gar die größte Leinwandgöttin aller Zeiten. Das Spielen wollte sie noch lernen, aber das Aussehen hatte sie definitiv schon, was jeder Mann gerne bestätigen würde: Sie war 1,68m groß, schlank, hatte einen knackigen Hintern und prächtige volle Brüste, schulterlanges hellbraunes Haar, strahlende blaue Augen und einen süßen kleinen Schmollmund.

Die kleine Klingel in der Küche läutete. Denise stand auf und ging in die Küche, um das fertige Essen zu holen. Fred spülte gerade eine Pfanne ab. "Na, Schatzi, viel zu tun heute? Siehst so gestresst aus", scherzte er.

"Oh, ja", antwortete Denise. "Ich glaub, ich schmeiß den Job hin, wenn es hier weiterhin so hektisch zu geht wie heute!"

Dann nahm sie die beiden Teller, die hinter Fred auf dem Tisch standen und brachte Vince und Ryan ihre Bestellungen. "Einmal das Omelett-Menü und einmal Hot Dog mit Pommes!"

"Danke schön, Schätzchen", sagte Vince. "Komm her, kriegst auch was dafür!" Das stellte sich als ein Klaps auf ihr Hinterteil heraus, was Denise aber nicht mehr störte. Vince war ein bestimmt sechzigjähriger Farmer, der jeden Mittag vorbei kam, um in Gesellschaft sein Mittagessen einnehmen zu können. Er war äußerst charmant und stets nett zu Denise gewesen, da durfte er auch mal ihren Hintern betatschen. Außerdem gab er jedes Mal ein ordentliches Trinkgeld.

"Ich liebe dich, Denise. Willst du mich heiraten?" fragte er zurück.

"Vince, sie wird auch heute nicht mit ja antworten", schaltete sich Ryan in das Gespräch ein. "Genauso wie die letzten acht Wochen, in denen du sie gefragt hast."

"Na ja, man kanns ja mal versuchen, oder? Ich bin jetzt seit zehn Jahren Witwer, da kann ich mir ja mal langsam wieder so n junges knackiges Ding anlachen!"

"Klar, Vince!" Ryan grinste bis über beide Ohren. Er war Briefträger und verbrachte sein Mittagessen ebenfalls stets bei "Rosie". Seine Frau arbeitete auch und kam erst nachmittags nach Hause. Selber Kochen kam für Ryan überhaupt nicht in Frage, und außerdem heiterten ihn die Gespräche mit Vince jedes Mal auf, wenn der Tag mal ein bisschen stressig war. Und seit die neue Kellnerin angefangen hatte, gab es noch einen Grund, im Diner zu essen.

Denise setzte sich wieder auf ihren Hocker hinter der Theke und ließ die Beiden essen. Sie überlegte kurz und knöpfte dann ihre Bluse ein Stück weiter auf. Wenn sie sich nachher über den Tisch beugen würde, um den Beiden ein zweites Bier hinzustellen, sollten sie mal eine kleine Belohnung dafür kriegen, dass sie ihr täglich Komplimente machten und Denise so glänzend unterhielten. Sie trug heute keinen BH.

Fred kam aus der Küche. "Hey, wenn grad eh nichts zu tun ist, fahr ich mal eben zu Joe rüber und lass den Ölwechsel machen, ja? Er meinte, er könnte das heute Nachmittag eben erledigen, und ich weiß nicht, ob ich es diese Woche in die Werkstatt schaffe. Kommst du klar mit den beiden geilen Böcken?"

"Sicher, kein Problem, Fred. Fahr du nur. Heute ist hier ja Tag der leeren Tische, wie es aussieht."

"Hm, eigentlich seltsam, dass sich an so einem Tag hier keine Seele blicken lässt. Na ja, so n ruhiger Tag tut aber auch mal ganz gut, oder nicht? Also, bis nachher dann, bin so inner halben Stunde zurück."

Auf dem Weg nach draußen musste sich Fred von Vince und Ryan anhören, wie beschissen sein Essen heute wieder schmecken würde.

"Ach, dann kocht doch ab morgen selber!" feixte Fred zurück, dem klar war, dass ihn die Beiden nur aufziehen wollten. Er ging hinaus und kurz danach hörte man seinen Chevy davon fahren. Jetzt waren nur noch drei Personen im Diner.

Denise sah den Beiden eine Weile beim Essen zu, dann kramte sie in ihrer Handtasche und fischte eine Schachtel Pall Mall heraus. Sie zündete sich eine an, inhalierte tief und blätterte im People-Magazin, bis sie den Artikel über Gwyneth Paltrow fand. Darin vertiefte sie sich und hing ein wenig ihren eigenen Träumen über eine Hollywood-Karriere nach, die hoffentlich so ähnlich verlaufen sollte wie die der kürzlich ausgezeichneten Oscar-Preisträgerin. Dann würde sie vielleicht auch einmal in einer Villa in Beverly Hills leben und-

"Schatz, bringst du uns noch n Bud, bitte?"

"Was?" Vince hatte sie zurück in die Realität geholt. "Oh, klar, sicher doch."

Sie drückte ihre Zigarette aus, legte die Zeitschrift zur Seite und nahm zwei Flaschen aus dem Kühlschrank. Als sie das Bier abstellte und öffnete, bemerkte sie im Augenwinkel, wie den Beiden der Kiefer runter klappte und ihre Augen groß wurden, als sie die unerwartete und herrliche Aussicht genießen konnten.

"So, bitte schön, die Herren", lächelte sie und brachte die leeren Teller in die Küche. Als sie zurückkam, fragte Ryan sie, ob sie den beiden nicht ein wenig Gesellschaft leisten wollte. "Ist doch eh nichts zu tun, da kannste auch ein bisschen mit uns quatschen, oder nicht?"

"Ja, hast recht", antwortete Denise und wollte sich gerade einen Stuhl holen. Da läutete die kleine Glocke über der Eingangstür. Alle Drei schauten auf und erwarteten eigentlich, Fred hereinkommen zu sehen. Doch es war ein Fremder, niemand von ihnen hatte ihn jemals im Diner oder anderswo gesehen.

Er war groß, auch wenn weder Vince und Ryan noch Denise zu schätzen vermocht hätten, wie groß. Irgendwas um 1,85 bis 1,95m vermutlich. Der Mann trug einen langen schwarzen Mantel, der ihm bis über seine Cowboy-Stiefel reichte. Sein Gesicht war unter dem riesigen schwarzen Hut nicht zu erkennen. Alles in allem war er eine äußerst merkwürdige Erscheinung. Das auffälligste aber war der Karton, den er unter seinem rechten Arm trug. Er war hellbraun und so groß, dass locker ein Basketball hineingepasst hätte. Der untere Rand schimmerte schwarz, weil er gänzlich durchgeweicht war. Und aus der hinteren Ecke tropfte es in regelmäßigen Abständen.

Platsch. Platsch. Platsch.

Vince und Ryan schauten sich an. Keiner sagte etwas, aber es war offensichtlich, dass sie alle das gleiche dachten: Der Typ war unheimlich. Er hatte irgendetwas an sich, was sie zutiefst beunruhigte. Ohne dass sie es hätten erklären können, war ihnen klar, dass mit dem Kerl im schwarzen Mantel irgendetwas nicht stimmte. Obwohl er (von seiner seltsam anmutenden Bekleidung mal abgesehen) vom Äußeren her ein ganz normaler Mann war, war da etwas an ihm, dass- einfach anders war. Eine unterschwellige Bedrohung lag in der Luft.

Vince schaute auf und sah Denise sofort an, dass der Mann auch ihr unangenehm war. Von einer Sekunde auf die andere war die entspannte Atmosphäre verflogen. Allen dreien war es mit einem Mal außerordentlich unwohl in ihrer Haut.

Die Tür fiel wieder ins Schloss und der Mann stand im Restaurant. Er schaute zu ihrem Tisch rüber, nickte kurz und setzte sich dann an die Theke. Den Karton stellte er auf den Hocker rechts neben sich.

"Wow", formte Denise mit ihren Lippen, ohne das Wort auszusprechen. Dann ging sie hinter die Theke, um ihre Arbeit zu machen (wobei sie schnell den Knopf ihrer Bluse wieder zu machte).

"Herzlichen Willkommen in Rosie’s American Diner", sagte sie.

"Tag. Ich bekomme den Spezial-Burger und ein Bud", murmelte der Fremde.

"Es tut mir leid, aber unser Koch ist gerade nicht da", sagte Denise ein klein wenig verlegen. "Müsste aber in ein paar Minuten wieder da sein. Das Bud kriegen sie natürlich sofort."

Sie lächelte den Mann im Mantel freundlich an. Doch der schaute überhaupt nicht auf.

"Ich habe Zeit."

Denise zog eine Bierflasche aus dem Kühlschrank, stellte sie vor dem Mann auf die Theke und öffnete sie. "So, bitte schön."

"Danke."

Er nahm einen Schluck und zündete sich dann eine Zigarette an, die er plötzlich in der Hand hielt. Denise blieb einen Augenblick lang stehen, unsicher, was sie jetzt tun sollte. Als klar war, dass der Mann keinerlei Interesse an einem Gespräch hatte (was sonst viele Gäste hatten, vielleicht, weil sie einfach die Nähe einer so wunderschönen und freundlichen Frau genossen), setzte sie sich wieder auf ihren eigenen Hocker und griff zu ihrer Zeitschrift.

Ryan nahm einen Schluck von seinem Bier, stellte die Flasche zurück auf den Tisch und nahm dann gleich noch einen Schluck. Er beugte sich über den Tisch und bedeutete Vince, dasselbe zu tun.

"Ey, Vince, spürst du das auch?" flüsterte er.

"Ja", antwortete der beinahe noch leiser. "Irgendwie- ich weiß nicht, als würde mit dem Kerl was nicht stimmen. Als- Ach, ich weiß nicht…"

"Doch, doch, stimmt schon. Genau das meine ich", sagte Ryan. "Der ist nicht ganz sauber, darauf wette ich."

Sie schwiegen sich wieder an und leerten dabei ihr Budweiser. Vince drehte sich zur Theke um und rief Denise zu, ihnen noch eine Flasche zu bringen. Das hatte er noch nie getan. Seit er und Ryan im Diner gemeinsam zu Mittag aßen, hatten sie nie mehr als zwei Flaschen getrunken. Stets eine vor und eine nach dem Essen. Schließlich mussten beide am Nachmittag noch fahren beziehungsweise arbeiten. Aber Denise schien keineswegs überrascht zu sein, als Vince bestellte. Wortlos brachte sie ihnen das Bier. Als sie Ryans Flasche geöffnet hatte, griff er nach ihrer Hand und zog sie ein Stück zu sich herab. "Was meinst du, Denise? Ein wenig unheimlich der Junge, nicht?"

Denise nickte. "Ich hab eine verdammte Gänsehaut bekommen."

Während sie sich wieder hinter die Theke begab, starrten ihr die beiden hinterher. Sie fühlte offensichtlich genau dasselbe wie sie. Also musste da wohl etwas dran sein, oder nicht?

Der Mann an der Theke hatte von ihrem Getuschel und Unwohlsein nichts mitbekommen. In aller Ruhe hatte er seine Zigarette aufgeraucht und sein Bier ausgetrunken.

"Gibt’s hier ne Toilette?" fragte er Denise, als sie wieder hinter der Theke saß.

"Ja, sicher! Da hinten links neben der alten Juke-Box."

"Danke", murmelte der Mann im Mantel und stand auf.

"Und ich bin sicher, dass der Koch auch jede Minute hier sein wird", fügte Denise noch schwach lächelnd hinzu.

"Ich habe Zeit."

Damit verließ der Mann den Raum.

Als er die Tür zum WC hinter sich geschlossen hatte, herrschte im Diner weiterhin schweigen. Sie wussten nicht, was sie sagen sollten. Das einzige Geräusch kam von dem Pappkarton, der immer noch tropfte. Platsch. Platsch. Platsch.

Es platschte fünfzehn Minuten lang, ohne dass jemand auch nur ein Wort sagte. Vince und Ryan nippten lustlos an ihrem Bier und Denise paffte eine weitere Pall Mall.

"Mensch, der scheint wirklich Zeit zu haben", sagte Vince endlich und Denise und Ryan mussten beide ein wenig lächeln. Aber es stimmte, der Mann im Mantel schien ewig auf dem Pott zu hocken. "Vielleicht hat er Verstopfung? Das würde auch erklären, warum er so wortkarg ist. Muss ja ganz schön unangenehm sein!"

"Aber mal im Ernst", meinte Denise, "kein Mensch braucht so lange auf der- Toilette. Was meint ihr?"

"Stimmt eigentlich. Ich schau mal nach, ob alles klar ist da drin", sagte Ryan und ging. "Außerdem geht mir dieses scheiß Getropfe von seinem Karton gehörig auf den Senkel!"

Und damit ging er in den Männer-Waschraum. Dort gab es drei Pissoirs und zwei Kabinen. Beide Türen standen weit offen. Ryan klappte der Mund auf. "Das gibt’s doch nicht."

Der Raum war nicht besonders groß, nur die Pissoirs, die Kabinen, ein Waschbecken und ein kleines Fenster, das zum Hof hinaus führte. Doch der Unheimliche war nirgends zu entdecken. Das Verrückteste war aber, dass das Fenster nur auf Kippe stand. Ryan öffnete es trotzdem und schaute auf den Hof. Nichts und niemand zu sehen, außer Denise’s und seinem eigenen Wagen (Vince stellte seinen stets auf der anderen Straßenseite ab).

"Ich will verdammt sein!"

Ryan ging zurück ins Restaurant und berichtete den beiden anderen, dass der Kerl sich offensichtlich im Klo runtergespült hatte.

"Aber er kann doch nicht einfach so verschwunden sein, wie soll denn das gehen?" fragte Denise.

"Wie soll ich denn das wissen?" entgegnete Ryan. "Am besten rufen wir die Polizei."

Vince stand auf, nahm den letzen Schluck von seinem Bud und ging zur Theke, wo der Karton noch immer munter vor sich hintropfte. "Vorher will ich da mal einen Blick reinwerfen. Was meinst du, Ryan?"

"Denke, das ist ok. Interessiert mich auch, was der Kerl da drin hat."

"Hey, seid ihr wirklich sicher, dass wir das tun sollten? Oder dürfen? Ich meine, der Karton gehört uns ja nicht, oder?"

Doch Vince und Ryan hörten nicht auf Denise. "Mädchen, der Kerl ist – irgendwie – abgehauen ohne sein Bier zu bezahlen. Da wird er sich wohl kaum beschweren, wenn wir in seinen- Oh, Fuck!"

Vince hatte bereits nach dem Karton gegriffen, seine Hand aber ganz schnell wieder zurück-

gezogen, als er gesehen hatte, was da die ganze Zeit über heraus getropft war.

"Ist das- ist das Blut?" schrie Denise.

"Oh, Scheiße. Ich wusste, dass da was nicht stimmt." Ryan stellte sich neben Vince. "Schauen wir trotzdem nach?"

"Ja, wir müssen. Und dann wählen wir 911."

Ryan stellte die Box auf die Theke und klappte den Deckel auf. Er war der erste, der einen Blick auf den Inhalt warf und der erste, der sich übergab. Vince (dem Ryan die Hose vollgesaut hatte) schaute jetzt auch rein. Nur, um sich danach selber vollzukotzen.

"Was? Was ist es?" schrie Denise und wollte es auch sehen, obwohl ihr Verstand beständig "Nein! Nein! Nein!" rief.

"Nicht", stöhnte Vince. "Schau da nicht rein!"

"Lass mich! Ich will das sehen- Oh Gott!"

Als Denise den Inhalt des mysteriösen Kartons sah, fing sie an zu schreien. Sie schrie immer noch, als die Polizei zehn Minuten später eintraf.

In dem Karton war Freds Kopf. Abgetrennt durch einen ordentlichen Schnitt unterhalb des Kehlkopfes. Seinen Wagen fand man später hinter Joes Haus, der seine plötzlich erkrankte Mutter ins Krankenhaus gebracht hatte. Die Suche nach dem Mann im Mantel blieb dagegen erfolglos.

Denise hat mir die Geschichte vor zwei Jahren erzählt, als sie zum wiederholten Male aus einem Alptraum aufgeschreckt war und ich sie endlich zur Rede stellte. Sie ist immer noch in psychiatrischer Behandlung und arbeitet heute in einem Buchladen. Den Traum einer Hollywood-Karriere hat sie aufgegeben.

Ich muss jetzt an diese Geschichte denken, während ich in einem kleinen Restaurant am Highway sitze. Es ist nicht viel los und ich werde von einer freundlichen Kellnerin bedient. Eben ist ein Mann hineingekommen und hat sich an die Theke gesetzt. Er ist groß und trägt einen langen schwarzen Mantel, der ihm bis über seine Cowboy-Stiefel reicht. Man kann sein Gesicht kaum unter dem riesigen schwarzen Hut erkennen, den er trägt. Auf den Hocker neben sich hat er einen großen hellbraunen Karton gestellt, der unten ziemlich durchgeweicht ist. Er tropft.

Platsch. Platsch. Platsch.


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