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Veränderung

© 2003 Payam
Es waren die Kleinigkeiten, die mich veranließen die Veränderungen zu bemerken. Anfangs registrierte ich es kaum. Später fiel es mir eher unbewusst auf. Dann sprach ich das Thema an. Die Reaktion bewirkte, dass ich nie mehr danach fragte. Stattdessen wartete ich ab. Es hatte vor einigen Wochen begonnen, als meine Schwester das Messer in der linken, statt in der rechten Hand hielt. Sie schnitt ihr Fleisch mit der linken Hand, als hätte sie es nie anders getan. Ich fragte eher scherzeshalber warum sie die Seite gewechselt habe. Ihr Blick antwortete mit Unbegreifen. Ich widmete mich weiter meinem Essen.

Einige Tage danach sah ich meine Mutter, wie sie sich morgens einen Kaffe bereitete anstelle des üblichen Kakaos, den sie, seit ich denken konnte, morgens trank.

Später fiel mir auf, dass mein Vater den Wagen vor der Einfahrt parkte, statt ihn in die Garage zu bringen. Es handelte sich um einen Zeitraum von mehreren Wochen, seit ich bewusst auf alles achtete was in meiner Umgebung geschah. Erst schüttelte ich alle unnötigen Gedanken vom Tisch. Was sollte das auch? Menschen veränderten sich eben. Wahrscheinlich hatten sie es die ganze Zeit über getan. Nun war ich älter geworden, besuchte die sechste Klasse des Gymnasiums und begann über jede Kleinigkeit nachzudenken. Anscheinend eine gewöhnliche Entwicklung. Meine Güte, schließlich schämte ich mich inzwischen auch, mich vor meiner Schwester umzuziehen, was mich damals nie gestört hatte. Wozu die Aufregung?

Aber meine Eltern? Ich hatte immer gedacht sie hätten die Phase der Entwicklung abgeschlossen.

Ich beschloss das Leben weiterzuführen wie bisher. Morgens aufstehen, frühstücken, ins Bad gehen, zur Schule, zurück, Hausaufgaben, Freunde treffen, fernsehen, schlafen und wieder von vorne.

In den letzten Tagen jedoch hatte Mark immer weniger Zeit für mich. Seine Mutter brauchte ihn, so sagte er stets. Ich fragte nicht warum. In seiner Stimme klang ein geheimnisvoller Unterton, den ich nicht zuordnen konnte.

Ich hatte begonnen eine Liste zu führen. Sie beinhaltete mehrere Tabellenspalten. Eine Spalte für meine Mutter, eine für meinen Vater, eine für meinen Freund Mark. Auf einem weiteren Blatt lautete die Überschrift: "Der Rest der Welt". Diese Spalte hatte ich erst vorgestern hinzugefügt. In der Tabelle waren alle Veränderungen aufgelistet, die mir auffielen. Für jede Person einzeln. Die Sache mit dem Messer stand als erstes auf der Liste – in der Spalte, die meiner Schwester zu Teil wurde. Sie war vierzehn Jahre alt und schwer in der Pubertät, wie meine Mutter stets zu sagen pflegte. Ich wusste nicht was sie damit meinte. Doch ich würde es in Kürze erfahren, so Mutter.

Unter der Messer-Sache standen inzwischen ein Haufen anderer Dinge. Ihre Pickel waren verschwunden. Ihre einst endlosen Telefonate mit ihren gackernden Freundinnen hatten sich verflüchtigt. Sie trug plötzlich keine Schminke mehr. Schämte sich nicht mehr wegen ihrer natürlich blonden Strähne – eine »Pigmentstörung« – in den schwarzen Haaren. Sie aß beträchtlich weniger als sonst. Diesen Punkt hatte ich im Laufe der letzten Tage unter alle Familienmitglieder geschrieben. Was mich am meisten beeindruckte war etwas, dass meine Schwester schon ihr Leben lang belastet hatte. Eine Angewohnheit, die ihr nicht mal der Arzt austreiben konnte. Sie kaute stets an der Fingerkuppe ihres rechten Daumens. Das hatte die Folge, dass dich der Nagel an dieser Stelle vollkommen zurückgebildet hatte und die Kuppe immer rot und geschwollen war. Nervosität und Stress, hatte der Arzte gesagt. Und ich könnte schwören, dass dieses Laster von einem Tag auf den anderen vollkommen verschwunden war. In Luft aufgelöst. Und das mitten in ihrer »Pubertät«.

Meine Mutter trank nun Kaffee statt des Kakaos, hatte aufgehört die Zeitung zu lesen, starrte oft geistesabwesend auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers, sprach manchmal mit sich selbst – ich verstand allerdings nicht ein Wort ihres Gefasels –, kochte dreimal die Woche Spagetti, machte mir morgens keine Pausenbrote mehr und ging dauernd in unseren Keller. Ich mochte unseren Keller nicht. Er roch moderig und war dunkel. Viele Jungs in meiner Klasse hatten Phobien, die sie natürlich nie zugeben wollten. Meine Phobie beinhaltete das Herabsteigen der knarrenden Holzstufen, die in diese dunkle, kalte Öffnung führten. Ich wusste nicht, was sie dort zu suchen hatte. Unsere Waschmaschine war im Erdgeschoss und mehr als alte Holzbretter und ein verrostetes Fahrrad war dort unten nicht zu finden. Vielleicht würde ich es herausfinden.

Mein Vater hatte, so glaubte ich, aufgehört zur Arbeit zu fahren. Er war Elektroingenieur und angestellt in einer Firma, die »gut lief«. Das behaupteten meine Eltern immer, wenn mein Onkel Paul hin und wieder Sonntag Abends zum Essen vorbeischaute. Das letzte mal allerdings vor vier Wochen.

Ich lief regelmäßig morgens um acht Uhr von zuhause los, um in den Unterricht zu besuchen. Die Fahrt meines Vaters zur Arbeit dauerte etwa zehn Minuten. So fuhr er immer um zehn vor halb neun los und erreichte seine Arbeitsstelle vorbildmäßig pünktlich. Momentan musste er nur halbtags arbeiten, berichtete er mir. Deshalb war er immer schon zu Hause, bevor ich Nachmittags von der Schule kam.

Letzte Woche hatte ich heimlich ein kleine Kreidemarkierung auf die Straße gemacht. An eine Stelle hinter dem rechten Vorderreifen. Man konnte die Markierung beim Vorbeigehen sehen, wenn man noch so klein war wie ich. Ich musste herauskriegen, ob sich der Wagen meines Vaters bewegte. Er würde bestimmt nicht jeden Mittag exakt an der selben Stelle parken. Also schielte ich jeden Tag bei meinem Nachhauseweg unter das Auto. Doch der weiße Kreidestrich war perfekt hinter dem rechten Vorderreifen positioniert.

Ich fragte nicht. Ich schwieg. Manchmal schwitzte ich nachts und Panik stieg in mir auf. Ich fühlte mich allein, konnte mit niemandem darüber reden.

Die Menschen, denen ich jeden Tag auf der Straße begegnete wurden immer weniger. Sie führten ihre Hunde nicht mehr spazieren. Der Obststand an der Parkerstreet hatte seit gestern geschlossen. Der Park war quasi unbesucht, obwohl das Wetter sich besserte und die Blätter inzwischen alle hellgrün in der Sonne strahlten. In meiner Klasse saßen nur noch vereinzelt Schüler und auch die Lehrer fehlten ohne Begründung. Ich ging trotzdem unbeirrt jeden Tag aus dem Haus und setzte mich zur Not einfach auf eine Bank im Schulhof und wartete auf die nächste Stunde.

Ich fragte mich ob es in den anderen Wohnungen auch Keller gab. Ob die Eltern von Mark ebenfalls weniger aßen und geheimnisvoll die Holzstufen in ihre modrige Keller herabtrippelten. Ich fragte mich wie lange es dauerte, bis sie bemerkten, dass ich mich nicht verändert hatte.

Eine weitere Woche war vergangen. Mein Hunger quälte mich. Der Kühlschrank war leer. Die Straßen auch. Meine Eltern und meine Schwester im Keller. Ab und zu hörte ich ein dumpfes Murmeln. Bei Mark ging keiner ans Telefon. Seit gestern hatte der Hausmeister die Schule abgeschlossen. Alle Autos standen unbeweglich auf der Straße. Brav geparkt und abgeschlossen. Die Laternen hatten sich nicht eingeschaltet, obwohl die Nacht hereingebrochen war. Ich schaute aus dem Fenster und versuchte in den Kellerfenstern unserer Nachbarn etwas zu erkennen. Ab und zu blitzte es hell auf, doch ich konnte nicht wirklich etwas beobachten.

Sei kein solcher Feigling, dachte ich mir. Sie warten doch schon auf dich. Im Keller. Dort musste es etwas geben. Irgendwas spezielles. Etwas dass das Leben schöner machte. Etwas was einen dazu veranlasste alles andere zu vergessen. Man musste nicht mal mehr essen. Alles war schöner als diese Situation. Ich musste es wagen. Neugier übermannte mich. Der Wunsch dem ein Ende zu machen. Eingeweiht zu sein in das Geheimnis. Ja, ich wollte. Ja, es musste heute sein.

Ich schlich die Stufen vom ersten Stock herab ins Erdgeschoss. Ich musste nicht schleichen. Keiner interessierte sich dafür. Ich tat es trotzdem.

Die Küche war sauber und leer. Das Fenster sah aus wie ein schwarzer, offener Mund. Mein Blick fiel auf die Messer, die in einem mit Schlitzen präparierten Holzscheit steckten. Sollte ich eines mitnehmen? Schnell verwarf ich diesen Gedanken.

Die Couch im Wohnzimmer war noch immer auf den Fernseher gerichtet. Auch wenn diesen keiner mehr benutzte. Noch einmal den Kontakt zur Außenwelt werfen. Nur noch einmal. Ich ging hinüber zum Fernseher und schaltete ihn ein. Der Bildschirm erhellte sich und zeigte was er am besten konnte. Ein statisches Flimmern. In allen Programmen. Ich zappte mit der Fernbedienung auf und ab. Fast verzweifelt. Hektisch. Das helle Gekräusel schrie mich an. Spuckte in mein Gesicht. Schwarze und weiße Punkte. Sie rasten wild über die Scheibe. Ich schaltete ab.

Es machte mich traurig, doch ich unterdrückte die Tränen. Mein Magen lenkte mich ab. Ein tiefes Brummen entrann meiner Bauchdecke.

Das Radio! Wir konnten doch überregional Empfangen. Ich lief hinüber zur Stereoanlage und drückte auf »Tuner«. Es ertönte unweigerlich ein Laut, der wohl die Audiomanifestation des Schneegestöbers im Fernseher darstellte. Ein weiteres Rauschen. Diesmal durch meinen Gehörgang, statt durch die Iris. Ich schaltete ab.

Meine Gedanken waren wieder bei der Kellertür.

Zurück in den Flur. Zurück zur Realität. Sie stand offen. Die Tür. Die Erlösung. Vielleicht würde sich alles erklären und so plausibel klingen, wie die Addition zweier Zahlen. Wahrscheinlich war alles ganz einfach. Ich musste einfach nur hinabsteigen. Vielleicht war es auch nur ein Scherz. Wie in diesen Shows. Ja, sie hatten mich ganz schön reingelegt. Für einen Augenblick hatte ich wirklich geglaubt...

Ich ging einen Schritt in das schwarze Loch. Meine Augen waren noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Diesmal hatte ich gar keine Angst. Ich fühlte mich in der Gewissheit geborgen zu werden. Aufgenommen zu werden mit offenen Armen. Und so lief ich weiter. Stufe um Stufe. Bis mit meinen nackten Füßen den sandigen Boden berührte. Er war kalt.

Meine Augen konnten die Konturen nun einfacher erkennen. Alles war beim alten. Ein paar Holzbretter, ein verrostetes Fahrrad. Ich blickte nach rechts und bekam eine Gänsehaut.

Dort saßen sie im Schneidersitz. Meine Familie. Auf dem kalten Boden. Meine Schwester, meine Mutter und mein Vater. Sie bildeten eine Art Dreieck. Es war still. Mein Vater hatte den Rücken zu mir gedreht. Ich konnte das Gesicht meiner Schwester und meiner Mutter sehen. Ausdruckslose Augen starrten weit aufgerissen auf den imaginären Mittelpunkt des Dreiecks. Von dort aus schien es zu flimmern. In stetigen Abständen blitzte es auf und färbte die Gesichter weiß. Ich konnte die Quelle des Lichtes nicht identifizieren. Der Rücken meines Vaters verdeckte die Sicht. Ich wagte einen weiteren Schritt nach vorne. Wieder blitzte es auf. Das Weiß, das sich in den Augen spiegelte blieb noch Sekunden nach dem Flimmern am Leben. Die Augen schienen nachzuglühen.

Noch einen Schritt. Sei kein Feigling.

Ich war kein Feigling. Ich sah über die Schulter meines Vaters. Eine Sekunde bevor es aufblitzte und mein Gehirn mit einem gleißenden schönen Schleier bedeckte.

Es war wohl der nächste Tag an dem ich meine Matratze anhob und meine Liste hervorholte. Die Spalten der Tabelle waren gefüllt. Den letzten Eintrag hatte ich allerdings vor einer Woche vorgenommen.

Langsam setzte ich mich an den Tisch und zog mit dem Lineal eine weitere Spalte. Darüber schrieb ich in ordentlichen Buchstaben: »Ich«.

Ich habe die Liste weggeworfen. Sie interessiert keinen mehr. Ich werde mich jetzt wichtigeren Dingen widmen. Weltverändernden Dingen. Genau hier auf meinem bequemen Sessel. Und heute Abend werde ich neue Kraft schöpfen. Wir können so viel erreichen. Aber das verstehen Sie sowieso nicht..

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