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Das Gemälde des Erlösers

© 2003 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Es war der dritte Juni, als Paul Ferry das Bild des Erlösers auf einer Auktion kaufte.

Bis zu dem Zeitpunkt, als der Auktionär das Bild hervorholte und 50 Dollar als Grundgebot festlegte, war nichts interessantes für Paul dabeigewesen. Ob es nun Teekannen oder alte Pfannen waren, ob Vasen oder andere Bilder. Nichts Interessantes. Aber dann kam das Bild des Erlösers.

"Wer bietet mehr als 50 Dollar für dieses wunderschöne alte Gemälde?" rief der Auktionär mit einer rauhen Stimme aus. "Wer bietet?"

Niemand regte sich und Paul saß nur da und starrte das Bild an. Er starrte auf das Jesusgesicht, auf den goldgesäumten, rotschimmernden Umhang, auf die erhabene Haltung, auf die gütigen Augen, auf die weichgezeichneten Locken. Perfekt.

Er bemerkte kaum, wie sich seine Hand hob und er "50 Dollar!" rief.

Einige Leute drehten sich zu ihm um, aber das bemerkte er nicht. Er hatte nur Augen für das Bild. Für Jesus.

Eine alte Rentnerin sah mißmutig zu ihm hinüber und rief schließlich: "55 Dollar!"

Paul hatte es kaum gehört. Er blickte nur auf das Bild, in die Augen des Erlösers.

Der Auktionär sah ihn erwartungsvoll an und schluckte einmal, wahrscheinlich um die Worte einzuleiten: "Zum Ersten, zum zweiten und zum..."

"70 Dollar!" rief er wie in Trance und jetzt drehten sich fast alle um. 70 Dollar für so einen neuartigen Schund. Bis jetzt waren zwar einige wertvolle Dinge dabeigewesen, aber dieses Bild gehörte sicherlich nicht dazu.

Der Auktionär schien ein wenig verdutzt und sah kurz auf das Bild, wie um sich vergewissern zu müssen, daß es wirklich noch das billige Jesusbild war.

"90 Dollar!" rief die Oma und hielt ein dickes Bündel Scheine demonstrativ in die Höhe. Das Publikum wartete gespannt und voller Erwartung.

Paul hatte es wieder nur am Rande mitbekommen, aber er wachte langsam auf. Die Augen des Erlösers schienen ihm zu sagen, daß er nicht zu der alten Frau wollte. Er wollte zu ihm, zu Paul Ferry.

"100 Dollar!" rief er und wurde sich bewußt, daß er wohl kaum so viel Geld dabei hatte. Die alte Frau sah jetzt resigniert auf ihre Scheine und zählte sie Nocheinmahl, dann ließ sie sie sinken und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Der Auktionär wandte seinen Blick von ihr ab und sah einige andere Personen im Publikum an, dann schluckte er und sprach die uralte Formel: "Zum ersten... zum zweiten..." Er machte eine theatralische Pause. "... und zum dritten! Verkauft an den Herren mit der gelben Krawatte."

Es dauerte nicht sehr lange, bis Paul seinen alten Ford in die Auffahrt lenkte. Das Bild lag auf dem Rücksitz. Er brachte es ins Haus und legte es vorsichtig auf den Eßtisch. Immer wieder wanderte sein Blick auf die wunderschön ausgearbeiteten Augen und die sanfte Rundung der lächelnden Lippen. Fasziniert berührte er das Bild leicht und die hügelige Oberfläche fühlte sich unter seinen Fingerkuppen sehr weich an.

"Was treibst du denn da?" hörte er die Stimme seiner Frau. Sein Hochgefühl schwand dahin und er drehte sich um.

"Ich..."

"Was ´ich´? Hast du mir was von der Auktion mitgebracht?"

Bei diesen Worten sah sie das Bild mißtrauisch an. "Was ist das denn?"

Sie trat heran und schob ihn beiseite. Sie starrte das Bild einige Sekunden an, ohne etwas zu sagen. Paul hoffte schon, es gefiel ihr genauso gut, wie ihm. Das erste mal seit langem,. daß er ihr etwas Recht machen konnte. Doch leider hatte er nicht Recht.

"Dieses... Bild... was willst du damit?" fragte sie ihn aufgebracht. "Wieviel hast du dafür bezahlt?" Sie sah ihn mit stechenden Augen an.

"100 Dollar." flüsterte er.

"Was?!" brüllte sie und raufte sich verzweifelt die frisch gelockten Haare. "100... Du hast für diesen Schrott 100 Dollar bezahlt?" Sie trat näher an ihn heran und packte ihn am Kragen. Leider war sie einige Zentimeter größer als er und auch wesentlich schwerer.

"100 Dollar!" rief sie aus und ließ ihn los. "Ich werd dich lehren..." Sie ging auf das Bild zu und da war es zu viel. Er löste sich aus seiner Verkrampfung und stellte sich rasch zwischen sie und den Eßtisch, auf dem das Gemälde des Erlösers lag.

"Nein!" sagte er nur und versuchte ihr dabei in die Augen zu sehen. Sie blieb ganz still stehen und erwiderte seinen Blick ohne Mühe.

"Du läßt mich jetzt durch, Paul Ferry." sagte sie leise aber deutlich.

"Nein." brachte er hervor und sah auf den Fußboden.

"Es reicht!" rief sie und stieß ihn beiseite, so daß er auf den Boden fiel. Mit Entsetzen sah er, wie sie auf das Bild hinabblickte und ihre fettigen Finger danach ausstreckte.

Sie wollte dem Bild (Jesus) etwas antun. Niemals würde er das zulassen.

"Martha!" rief er und rang nach Atem. Sie erstarrte wieder und drehte sich langsam um. Wie lange hatte er sie nicht mehr beim Namen genannt? Jahre mußte es her sein.

"Laß das Bild in Ruhe, oder..."

"Oder was?" rief sie und stieß ein schallendes Lachen aus. Sie zog das Bild halb über die Tischkante und hob ihre geballte Faust in die Höhe.

"Nein!" brüllte Paul und hatte nur das Bild des Erlösers vor Augen, als er aufsprang und auf sie zustürmte. Nur seine Lippen, seine Augen, seinen Mantel... Er riß sie von den Füßen und sie landeten beide hart auf dem Linoleum. Sie schrie und er rappelte sich verwirrt auf.

"Paul!" kreischte sie noch, dann sprang auch sie mit einer seltsam anmutigen Bewegung auf. Ihre Hand griff nach der Nudelrolle, die direkt hinter ihr an der Wand an einem Gestell hing. "Na warte..." Ein wenig Blut tropfte aus ihrer Nase und bildete kleine Perlen auf ihrer Oberlippe. Sie schien es nicht zu bemerken.

Er griff ebenfalls hinter sich und erfühlte den Griff eines Messers. Langsam und ohne noch richtig wahrzunehmen, was er tat, zog er das Messer aus dem Holzblock, in dem es gesteckt hatte.

Er sah nur sein Gesicht. Die Lippen, die Augen, die erhabenen Wangenknochen und den Rahmen von hell leuchtenden Locken.

Martha stand ihm keuchend gegenüber. Das Messer hatte sie in ihrer Wut noch nicht bemerkt. Sie löste sich sehr langsam aus ihrer Starre, dann aber ging sie mit dem Nudelholz auf ihren Mann los. Er hob wie in Trance das Messer. Sie sah es zu spät und die Klinge fuhr ihr bis ans Heft in die Brust. Paul schien das alles kaum mitbekommen zu haben. Er starrte nur auf das Bild, seine blutbeträufelten Hände sanken langsam und zogen das Messer in einer langsam drehenden Bewegung aus der Brust seiner Frau. Sie kippte stöhnend nach vorne und fiel auf ihr Gesicht, direkt zu seinen Füßen. Ein Knacken ertönte, als ihre Nase beim Aufprall brach.

Er sah träumend auf das Messer und hob es wieder. Dann sank es zum zweiten Mal hinab und grub sich in Marthas Rücken. Sie stöhnte leise und das Geräusch klang gedämpft. Sie röchelte und eine Blutlache bildete sich unter ihrem Körper.

Paul sah die ganze Zeit das Bild an. Den Erlöser. Seinen Mund, seine Augen.

Es war schon spät am Abend, als Paul aus dem kleinen Wäldchen nach Hause kam. In der rechten Hand hielt er einen Spaten, in der Linken einen leeren Sack. Er hatte sich alte Sachen angezogen und dicke Arbeitshandschuhe übergestreift.

Sein Gang war schnell. Er hatte es eilig, wieder zu seinem Gemälde zu kommen. Er hatte es schon viel zu lange allein gelassen. Vielleicht war eingebrochen worden. Vielleicht war es gestohlen worden. Jeder Einbrecher hätte es mitgenommen. Ein so wundervolles Bild. Er versuchte sich an die Augen des Erlösers zu erinnern, konnte sie aber nicht sehen. Voller Panik begann er zu laufen. Als er im Hinterhof ankam, warf er den Spaten und den Sack achtlos in eine Ecke und lief zur Tür.

Als er die Küche betrat, beruhigte er sich, denn das Bild war noch da. Es war immer noch so schön, und der Erlöser sah ihn immer noch voller Güte und Verständnis an.

Als Paul Ferry sich auf einem Stuhl niederließ, um das Bild zu betrachten, bemerkte er die große Blutlache auf dem Boden nicht mehr.

 
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