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Wolfsmond

ã2002 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Der Jäger ging in den Wald um nach dem rechten zu sehen, die Natur zu genießen und falls es sich ergeben sollte, etwas Wild zu erlegen. Er war ein hochgewachsener Mann mittleren Alters, breit in den Schultern, mit gutmütigem sonnenverbrannten Gesicht unter einer üppigen blonden Mähne. Sein Gang war sicher und kraftvoll, trotz seiner nicht gerade leichten Ausrüstung. Einmal noch sah er zu den fernen Lichtern seines Hauses zurück, bevor er seinen Blick zum Himmel richtete, die Nachtluft in seine Lungen pumpte und zufrieden den Weg in den Wald einschlug.

Der Mond hing mit voller Pracht am Himmel. Nur wenige Wolken verhüllten zeitweise seinen Glanz. Der Jäger mochte diese Zeit. Das Mondlicht verwandelte den Wald in eine mystische, geheimnisvolle Landschaft. Das vielfarbene Grün wurde in silbriges Licht und antrazitene Schatten geteilt. Wundersame Stimmen raunten aus den Wipfeln der Bäume oder aus den garstig um sich greifenden Ästen der Sträucher.

Fast lautlos bewegte sich der Jäger durch den Forst. Er wusste, wie er sich bewegen musste und da, wo seine Stiefel den Weg suchten, fanden sie ihn auch. Er hatte es nicht eilig. Der Weg zum Anstand war zwar noch weit, aber das Morgengrauen noch fern. Er hatte Zeit, Zeit um Ausschau zu halten, nach dem, was nicht in den Wald gehört, Wilddiebe oder Frevler aller Art. Dann, wenn die Nacht zu Ende geht und die Sonne am Horizont den Wald beginnt in seine Farben zu tauchen, würde er auf seinen Hochsitz das Wild erwarten.

Der Jäger hielt in seiner Bewegung inne. Er wusste nicht weshalb. War es nur ein Gefühl, oder hatte ihn ein ungewöhnlicher Laut verharren lassen? Zumindest war es Zeit für eine Rast. Der Abend war noch lang und das Ziel weit. Deshalb schulterte er seinen Rucksack ab und kramte in den tiefen des Leinenbeutels nach seiner späten Vesper.

So saß er nun da im dunklen Wald, auf dem Stumpf eines Baumes. Das Brot in seiner rechten und das dünne Bier in seiner linken. Ab und zu einen Bissen nehmend und darauf einen Schluck trinkend, doch dabei unentwegt die Umgebung beobachtend. Wohlbehagen breitete sich in ihm aus. So mitten in der Natur zu sein, inmitten der "lauten Stille", wie er sie für sich nannte, war für ihn das Größte.

So störte es ihn auch nicht, dass manches Getier wie Käfer und Spinnen seine Stiefel und Hosenbeine erklommen um sich hier und da in den Falten seiner weiten Kleidung zu verkriechen. Der Jäger war eins mit der Natur. Voll inneren Friedens lehnte er sich zurück und betrachtete den Vollmond am fast wolkenlosen Himmel.

Er war wunderschön. Obwohl er wenig von Astronomie verstand, glaubte er in seinem Licht und Schatten das Meer des Regens zu erkennen. Von dort, so wusste seine Großmutter zu berichten, kommen die Geister der Wölfe über die Erde und befehlen ihnen Unheil und Verderben. Grausige Geschichten hatte ihm Großmutter am Kinderbett erzählt. Von Wölfen, die bei Vollmond ausziehen, den Wald durchstreifen, halb Mensch halb Tier, um das Blut des arglosen Wanderers zu trinken.

Er mochte ihre Geschichten nicht, lag bei Vollmond oft schlaflos in seinem Bett und wartete voller Angst auf das Grauen aus dem Wald. Er hatte nie erfahren, warum ihn Großmutter, trotz Mutters Verbot, bei jeder Gelegenheit diese Geschichten erzählte. Irgendwann jedoch, als er älter wurde, und Großmutter nur noch der Stein auf den Dorffriedhof war, verlor sich seine Angst. Der Mond wurde sein friedlicher Trabant im nächtlichen Wald. Er brauchte ihn, sein Licht und seine ruhige Eleganz. Seinen Glanz, der ihn als Nachtsonne den Weg durch den Forst weist. Der Jäger war ins Schwelgen geraten. Doch sein, in vielen Jahren erworbener Instinkt spürte den Schatten, der sich im Wald bewegte. Etwas, scheinbar großes, näherte sich ihm.

Seine Hand griff zur Büchse, die sich zu seiner Rechten befand. Es war eine schöne Waffe, die in liebevoller Handarbeit von einem Meister der Waffenkunst gefertigt worden war. Viele Monate hatte der Jäger klammheimlich Geld beiseite gelegt, von dem seine Frau nichts ahnte, um dieses schöne Stück eines Tages kaufen zu können. Er konnte gar nicht sagen, wie oft er am Schaufenster des Jagdgeschäftes stehen blieb und dieses Prachtstück in den Auslagen bewunderte.

Der Tag, an dem er sie endlich erwerben und mit nach Hause bringen konnte, war für ihn wie ein Geburtstag. Seine Frau Helen, der er diese kleine Liebe und ihren Werdegang beichtete, konnte es anfangs gar nicht verstehen, doch mit einem Augenzwinkern von ihr und dem kleinen Lächeln um ihre Mundwinkel, wusste er um das stille Einverständnis. So mochte und verstand er seine Frau und ihm war bewusst, dass er es nicht übertreiben durfte.

Der Schatten entfernte sich und der Jäger erhob sich fast lautlos, um ihm zu folgen. Er ahnte nicht im geringsten, was es war. Von der Größe her konnte es ein Hirsch oder Bär sein. Dagegen sprach aber seine lautlose und geschmeidige Bewegung. Ebenso gut konnte ihn das fahle Mondlicht täuschen. Ein Tier war es aber auf jeden Fall, denn der Schatten bewegte sich auf vier Beinen. Soviel konnte er jedenfalls an den Spuren im trüben Licht erkennen. Viel mehr nicht, denn das nahe Moor füllte sie schnell mit Wasser und er wagte es nicht, seine Lampe einzuschalten. Auch war die Verfolgung schwerer geworden, denn er musste seine Stiefel bedächtiger auf den Untergrund setzen und dabei noch aufpassen, nicht einen Fehltritt zu tun. Er kannte das Moor hier, doch wußte er auch von der Gefahr, sich auf Bekanntes zu verlassen. Das Moor ist tückisch und schlägt dann zu, wenn man es am wenigsten erwartet.

Der Himmel hatte sich mit Wolken vollgesogen und der Mond schwamm in ihnen wie ein bleiches Gesicht. Der silbrige Glanz des Laubes hatte sich in mattes Grau verwandelt. Eine seltsame Ruhe umgab ihn. Das vielstimmige Raunen in den Wipfeln der Bäume war gestorben. Stille herrschte im Wald. Unheimliche Stille. Der Jäger hielt in seiner Bewegung inne. Ein fröstelnder Schauer kroch seinen Rücken empor und setzte sich in seinem Nacken fest. Ein ungutes Gefühl hatte sich ihm bemächtigt, die Waffe fest in seinen Händen starrte er in die Dunkelheit. Der Schatten war verschwunden. Oder auch nicht? Manchmal glaubte er aus seinen Augenwinkeln heraus gleich mehrere zu sehen. Er war sich unsicher geworden, verspürte Angst.

Was machte er hier im Moor? Jagd irgendwelchen Phantomen hinterher, schemenhaften Dingen, die vielleicht nur aus der Landschaft selbst entstehen, geschaffen von Wind und Licht. Er, der gestandene Jäger lässt sich durch sie ins Moor locken. Diese Selbsterkenntnis beruhigte und erleichterte ihn, ließ ihn aufatmen. Die Angstklammer um sein Herz lockerte sich. Neuen Mutes wand er sich um, um den Rückweg anzutreten.

Da stand Etwas gewaltiges Dunkles direkt vor ihm. Glühende Augen trafen die Seinen und ein gewaltiger Schrecken durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag. Seine Arme mit der Büchse in den Händen wirbelten hoch und gleichzeitig krümmte sich sein Finger am Abzug. Ein gewaltiges Krachen zerriss die Stille des Waldes. Mit lautem Heulen sprang der Schatten hoch, traf den Jäger an der Brust und warf ihn viele Meter ins Moor hinaus. Der Wald wurde dunkler und der Mond schien in einer Linie zu zerfließen, die dünner werdend einen schwarzen Stern gebar, der explosionsartig seinen Geist löschte. Da versank er in Ohnmacht.

Ein leises Winseln war zu hören, erst fern noch, aber immer lauter werdend. Der Jäger erwachte. Die Wolken waren aufgerissen. Der Mond schickte sein volles Licht übers Moor. Bis zum Gürtel eingesunken, die Waffe noch in seinen Händen, sah er seinem Widersacher direkt in die Augen. Es waren Wolfsaugen, besser gesagt, die Augen einer Wölfin, denn zwei Welpen liefen aufgeregt und angstvoll schreiend um ihre verletzte Mutter, die nicht unweit vor ihm lag. Der Jäger, der keine Bewegung wagte, um nicht noch tiefer einzusinken, sah ihr direkt ins Antlitz. Er glaubte ihren Schmerz zu spüren und so etwas wie Unverständnis. Fragen nach dem Weshalb und Warum taten sich in ihm auf. Von irgendwo her traten sie in sein Bewusstsein und trotz seiner prekären Lage empfand er Mitleid für das Tier. Wie konnte er nur so vorschnell und unbedacht handeln? So etwas war ihm noch nie passiert! Laut verfluchte er die Waffe in seiner Hand, die er so leichtfertig eingesetzt hatte. Denn die Wölfin hatte ihn nur von seinen Jungen ablenken wollen. Andererseits gab er ihr auch Schuld. Wie konnte sie ihn auch so erschrecken? Es war eine Affekthandlung! Reiner Selbstschutz! Doch das half ihm auch nicht aus dem Moor. Der Jäger spürte, dass der Sog unaufhaltsam arbeitete, langsam zwar, aber unerbittlich. Er sah auch keine Möglichkeit, sich irgendwo festzuklammern und auf Hilfe konnte er hier nicht hoffen. Die nächsten Siedlungen waren Kilometer weit entfernt.

Die Wölfin hatte sich mittlerweile erholt. Der Schreck war scheinbar größer als die Wunde am Hinterlauf, die bald verheilen würde. Langsam erhob sie sich und sah ihre Jungen an, die sich freudig winselnd um sie tummelten. Taumelnd bewegte sich das Tier auf den Jäger zu. Nicht zu nah, denn es kannte die Gefahren des Moores besser noch, wie Jener, der jetzt darin steckte. Wieder sahen sie sich in die Augen. Der Jäger war überrascht von der Größe des Tieres, die wohl fast an die, eines Menschen heranreichte. Angst übermannte ihn und die unbedachten Bewegungen ließen ihn noch tiefer versinken. Verdammt, dachte er, es ist aus. Hier komme ich nicht wieder heraus. Gedanken der Verzweiflung jagten durch seinen Kopf. Er könnte aber noch einen tödlichen Schuss abgeben, jetzt wo das Tier so nah war. Er hielt die Büchse immer noch in der Hand. Rache, dachte er. Doch Rache wofür? Es war doch seine Dummheit. Wieder sah er der Wölfin in die Augen und die kleinen Welpen sich tummeln. Stumm, mit geschlossenem Maul und scheinbar mitleitsvollem Blick sah sie auf ihn herab. Die Wunde am Hinterlauf hatte sich seltsamer Weise bereits geschlossen. Er sah nur noch die Narbe, aus der zeitlupenhaft neues Wolfshaar wucherte und zu seinem Erstaunen bald nichts mehr von seiner Tat zu sehen war. Der Mond schien sein Glanz zu verdoppeln. Der Wald erstrahlte in einem ungewöhnlich gleißendem Licht. Jetzt sah er, was für ein prachtvolles Tier sie war. Wie der Pelz im Mondlicht schimmerte und ihre kraftvolle Statur preisgab. Es war ein schönes Tier Er konnte sie nicht töten. Unmöglich! Er ist Jäger und kein Wilddieb. Diese Schmach konnte er seinem Gewissen nicht antun und er dachte an seine Frau, die dies auch nicht gutheißen würde. Entschlossen warf er die Waffe weg, was ihn wieder viele Zentimeter kostete und in einem irrwitzigen Anflug von  Hoffnung, streckte er seine Hände der Wölfin entgegen. "Hilf mir", rief er und versank bis zur Brust. Seine Augen waren voller Angst. Die Wölfin wich einen Schritt zurück. Das grüne Schimmern ihrer Augen verblasste und wechselte in ein leuchtendes Blau. Langsam, aber nicht unentschlossen bewegte sie sich auf den Menschen im Moor zu. Das Moorwasser umspülte schon ihre Pfoten. Noch einmal verharrte sie. Als wolle sie etwas überdenken, dann knickte sie in ihren Vorderläufen ein und legte sich auf den morastigen Grund. Das grau silberne Fell löste sich auf und legte eine blass rosafarbene Haut frei. Die Pfoten wurden flacher und breiter. Finger formten sich. Der Jäger sah mit Grausen die Veränderung des Tieres. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Großmutters Geschichten kamen ihm in den Sinn. Furcht und Hoffnung haderten miteinander. Doch eine innere Stimme gebot ihm zur Ruhe. So sah er, was noch kein Mensch vor ihm sah. Wie sich der Wolfskörper streckte und wand, das Fell in Büscheln herabfiel, einer menschlichen Haut wich um letztendlich eine Frauengestalt zu enthüllen, die ihn entschlossen bei den Händen packte. Gleichfalls griff er ohne zögern zu und mit solcher Kraft zog sie, dass ihm die Sinne schwanden. Doch er ließ nicht ab, sein Drang zu überleben war zu groß. Endlich! Ein laut schmatzendes Geräusch ertönte und er war vom Moor befreit. Schwer atmend lag er auf festem Boden und sah auf das Gesicht einer Schönheit, die von dieser Anstrengung ebenso benommen neben ihm lag. Die Welpen kamen furchtlos herbei und balgten sich rings um sie, als sei es die normalste Sache der Welt. Er ließ seinen Blick über das seltsame Wesen neben sich schweifen. Der wundersame frauliche Leib begann sich bereits wieder mit Fell zu beziehen. Alles Menschliche an ihr schwand und nach kurzer Zeit stand die Wölfin vor ihm.

Er wollte etwas sagen, sich bedanken, doch seine Kehle brachte nur ein heißeres Hüsteln und Krächzen hervor. Immer noch von dem unglaublichen Erlebnis mitgenommen saß der Jäger im Gras, nass und am ganzen Leibe zitternd. Irgendwo, in weiter Ferne, glaubte er drei Schatten zu sehen, die nach und nach im Dunkel entschwanden. Es ist die Wolfsmutter mit ihren Jungen, dachte der Jäger und sein Blick glitt zum Himmel.

Er konnte sich auch täuschen, denn der Wald gaukelt dem Menschen viele seltsame Dinge vor – im Licht des Wolfsmondes.

 

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