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Die Wolke

Ein Geschichte aus
"Dorians Welt"

©2002 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 Ein blauer Himmel ist schön. Die Sonnenstrahlen können ungehindert hindurchdringen und die Erde mit Licht und Wärme überfluten.

Für Dorian jedoch, dem kleinen schmächtigen Blondschopf, der rücklinks am Bahndamm im hohen Gras liegt, muss der Himmel voller Wolken sein. Nicht mit jenen blaugrauen oder schwarzen unheilvollen Schlechtwettermachern die Tags zuvor Sturm und peitschende Regenschauer über`s Land brachten – nein, schöne weiße dicke Wolken mochte er. Wolken, mit denen er träumen konnte.

Und er mochte die Ferien. Nicht dass er etwas gegen die Schule hätte - nein. Er mochte die Ferien, weil er jeden Tag mit Oskar, seinen Teddy, im Handwagen zum Bahndamm ziehen konnte, weg von all den Hänseleien seiner Mitschüler, hin zu seinen Träumen.

Dorian ist nicht der Beste seiner Klasse, aber auch nicht der Schlechteste und in manchen Dingen hätte er es Vielen zeigen können, wenn da nicht sein Handycap wäre. Dorian ist klein und schmächtig und somit Spottobjekt. Ein Fremder würde ihn auf sechs Jahre schätzen und nicht auf acht. Ein Dilemma, dessen er sich voll bewusst ist, aber selbst die tröstenden Worte seiner Eltern, das körperliche Größe nicht das Entscheidenste sei, können ihn von seiner inneren Gram nicht befreien. So flüchtet sich Dorian , teils bewusst, teils unbewusst in die Welt der Phantasie. Eine Welt, die ihm vieles bietet.

Diese Welt entfaltet sich für Dorian am Bahndamm. Mit einem Grashalm im Mund kann er stundenlang die Wolken am Himmel bewundern, wie sie heranschweben, in ständiger Veränderung, zu neuen Formen finden. Eben noch eine Herde Elefanten die wenig später zu entschwindenden Hasen zerfließen. Doch schon naht eine Heerschar mutiger Krieger, die hoch zu Ross in ehernen Rüstungen die Lanzen schwingen, gefolgt von unzähligen seltsam anzuschauenden Spinnentieren, deren Tentakel sich auflösen, noch bevor sie die Krieger erreichen. Etwas jedoch, scheint Dorian, ist heut`anders. Sein Gefühl sagt ihm, dass da was nicht stimmt. Und bald meint er die Ursache in den Wolkenformationen zu erkennen. Denn da, wo seine Fantasie die Wolken formt, dort wo seine Helden den Himmel zum Schlachtfeld der Gerechten machen, mischt sich immer wieder ein Bild, das nicht seinem geistigen Auge zu entspringen scheint. Eine Wolke, klein und unscheinbar, strebt ständig, entgegen aller Vernunft, in seine Traumwelt. Gegen den Wind zieht sie ihre Bahn hinein in Dorian`s Wolkenspektakel. Neugierig, mit zusammengekniffenen Augen verfolgt er sie. Und siehe da, aus dem wild strebenden flauschigen Ballen formt sich ein Gesicht, ein Engelsgesicht, so wie es Dorian schon auf vielen Bildern gesehen hat. Es lacht ihm zu und Dorian ist so verblüfft das er zurücklacht. Das hat er noch nicht erlebt. Er winkt ihm zu und aus der Wolke formen sich Hände, die seinen Gruß erwidern. Dorian ist baff. Sein Herz hüpft vor Aufregung. Immer wieder reckt er seine Hände zu Himmel. Mal hier hin, mal da hin und stets reagiert die Wolke entsprechend, winkt und lacht ihm zu.

Während Dorian dieses Spiel mit der Wolke treibt, fährt im nahen Bahnhof der Expresszug 2053 fahrplangemäß ein. Einige Fahrgäste steigen aus und Neue hinzu. Der Zugführer, der schon vor Ankunft am Bahnhof seine Tasche gepackt hat, nimmt diese. Mit wenigen Worten übergibt er seinen Zug an die Ablösung. Der Schichtwechsel erfolgt reibungslos und bald ertönt das Signal zur Weiterfahrt. Die starken Motore heulen auf, übertragen ihre gewaltigen Kräfte auf die Antriebsräder, die sich an den Gleisen reiben und schneller sich drehend den Zug aus dem Bahnhof ziehen. Nach wenigen hundert Metern ist die Reisegeschwindigkeit erreicht. Der Express jagd auf den Schienen dahin und scheint alles, was sich ihm in den Weg stellt, hinwegfegen zu wollen.

Dorian hat sich im Spiel mit der Wolke verloren. Entrückt von der Welt dirigiert er sie mit bloßen Armbewegungen am Himmel entlang und selbst der Wolke scheint das zu gefallen. Das lachende Wolkengesicht saust auf und nieder, fliegt mit unglaublicher Geschwindigkeit in alle Himmelsrichtungen dahin, ganze Wolkenberge zerreißend. Mal langsamer mal schneller, wie es Dorian gerade gefällt, zieht sie ihre Bahn. Durch die zerteilten, hinweggefegten Wolkenteile entsteht ein neues seltsames Himmelsbild, das in Dorian`s Fantasie wundervolle Landschaften bildet.

 

Der Zug ist in voller Fahrt. Das gewaltige Dröhnen der Motore ist in ein gleichmäßiges Brummen gewechselt. Mit flirrenden Rädern zieht er weiterhin auf stählernen Wegen seinem Ziel entgegen, links und rechts die Landschaft teilend. Mühelos nimmt er jede Steigung und rast auf dem Bahndamm dahin, den der Mensch eigens für ihn errichtet hat.

Nur das Trommeln der Schienenstöße, das durch die hohe Geschwindigkeit zur Melodie geworden ist, eilt ihm voraus.

Dorian hört sie nicht, gebannt vom Wolkenspiel, gefangen in seiner Fantasie ist er weit ab von der Realität. Jetzt will er nicht gestört werden. Dieses Abenteuer darf ihm Niemand nehmen. Das ist sein Traum und er will ihn ausleben. Nichts in der Welt darf das, was er soeben erlebt, beenden. Doch etwas unfassbares geschieht. Das Wolkengesicht lacht nicht mehr. Nachdenklich, fast ängstlich schaut es herab. Der Wolkenmund formt Worte. Worte die er nicht hört. Wolkenarme winden sich zu einer Gestik, die er nicht versteht. Ratlos sieht Dorian, wie die Wolke kleiner wird und sich in einem letzten Nebelhauch verflüchtigt.

Schlagartig hat ihn die Realität wieder. Enttäuscht, aber trotzdem noch fasziniert, spuckt er den zerkauten Grashalm aus und klettert am Damm zum Handwagen hoch, in dem Oscar wartet.

Die Motore des Zuges brummen nicht mehr so friedlich. Der Bahndamm hat an Steigung zugenommen. Doch unüberwindlich ist diese kleine Hürde keineswegs. Der Zug hat noch genug Reserven. Seiner Kraft bewusst treibt er die Räder auf der Schiene voran und berührt jenen Schaltkontakt am Gleis der dafür zuständig ist, dass sich die einzige Schranke vor dem nächsten Zielbahnhof selbständig schließt.

Dorian hat sich wieder gefangen. So unbegreiflich, fantastisch und schön das alles war, muss er doch wieder nach Hause. Mit einem neuen Grashalm im Mund, den Handwagen ziehend, in dem Oscar sitzt, tritt er den Heimweg an, die Gedanken unentwegt an die Wolke gerichtet. Noch schwankt er, welchen Weg er nehmen soll. Die Angst, Mitschülern über den Weg zu laufen, ist groß. Was soll er auch gegen sie tun? Die Angst siegt, wie immer. Der Weg über die Schranke ist länger, aber gefahrloser.

Die Melodie der Gleise ist stärker geworden. Der Zug nähert sich in schneller Fahrt seinem neuen Zielbahnhof.

Da geschieht etwas Seltsames. Die Räder verformen sich zu hunderten, wütend stampfenden Stahlfüßen. Aus der, von Konstrukteuren und Designern, wohlgeformten Vorderfront der Zugmaschine schieben sich die Scheinwerfer wie Stielaugen und werden letztendlich gewaltige Hörner. Die blau getönten Windschutzscheiben zerfließen in rotbraunen Schlieren zu einer teuflisch grinsenden Maske. Schwarzen Staub aufwirbelnd donnert dieser dämonische Tausendfüßler auf eine Bahnschranke zu. Der einzigen Schranke vor dem nächsten Ziel.

Dorian`s Handwagen klappert laut über das Kopfsteinpflaster und Oscar wird tüchtig durchgerüttelt. Die schwarzen Knopfaugen des Teddys eilen dem Weg voraus. Schon jetzt kann man in ihnen das Spiegelbild des sich nähernden Bahnüberganges erkennen. Auch die Schranke, die eigentlich geschlossen sein soll. Doch der Sturm des Vortages hat einige Bäume entwurzelt und diese so tückisch fallen lassen, dass die Mechanik beschädigt ist und die rot-weiß bemalten Balken weiter in den Himmel ragen. Dorian, mit dem Grashalm im Mund, sieht nicht die Gefahr und nähert sich Meter um Meter den glänzenden Eisen, die die Straße teilen. Er sieht auch nicht Oscar, dessen Kopf sich nach rechts gedreht hat, in die Richtung von der ein alptraumhaftes Wesen heranrast. Er hört nicht das Donnern und spürt auch nicht das Beben unter seinen kleinen Füßen. In Gedanken bei der Wolke zieht Dorian Oscar geduldig über das bucklige Pflaster.

Da packt ihn ein eisiger Hauch und reißt ihn in die Wirklichkeit. Der Grashalm rutscht aus seinem Mund, wird hinweg gefegt. Starr vor Schreck sieht er sich plötzlich in einer milchig weißen Nebelwand stehen, kaum einen Meter neben, vor oder hinter sich etwas erkennend. Ein Angstschauer rinnt an ihm herunter, bis zu den Füßen, die wie angeklebt ein Weitergehen unmöglich machen. Mit lautem Getöse rast etwas großes, furchteinflößendes dicht vorbei.

Der Nebel wird aufgerissen und Dorian sieht noch, wie der Expresszug 2053 hinter der Kurve entschwindet.

Das ist noch mal gut gegangen, denkt er erleichtert, zieht kraftvoll am Handwagen und überquert mit Oscar den Bahndamm.

Dorian sieht nicht wie sich Hörner zu Scheinwerfern formen und eine Teufelsfratze wieder zur aerodynamischen Front eines Zuges mit blau getönten Scheiben wird. Er sieht auch nicht wie eine Nebelwand sich auflöst, wie die einzelnen Schwaden zu Boden sinken, sich finden und zusammenballen, um als Wolke zum Himmel zu steigen.


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