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Stephen King
Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Vier Kurzromane
(Four Seasons)
Von Darko Spoljar von buchkritik.at

Heyne
1992
620 Seiten
ISBN: 3453056183

Wer King bisher nur als reinen Horror-Autoren kannte, wird von diesem Band eines Besseren belehrt. In diesen vier Kurzgeschichten lernt man ihn von einer anderen Seite kennen, vor allem in der Geschichte "Die Verurteilten" und in der autobiographisch geprägten Story "Die Leiche". Zudem gibt es noch ein aufschlussreiches Nachwort von ihm.

In "Die Verurteilten" kommt der Bankier Andy Dufresne in das Shawshank-Gefängnis, weil er seine Frau umgebracht haben soll. Dort muss er einiges an Leid ertragen, denn die Wärter sind sehr streng, hart und zumeist ungerecht und so einige Insassen - allen anderen voran "Die Schwestern " - haben schon lange keine Frau mehr gehabt. Inmitten all diesem Leid jedoch, kommt es zu einer tiefen Freundschaft mit dem schwarzen Mithäftling Red, der zunächst gar nichts von Andy hält, später aber zu seinem besten Freund wird.
Eines Tages fragt Andy seinen Freund Red, der übrigens der Mann im Gefängnis ist, "der alles besorgen kann", ob er nicht einen Gesteinshammer beschaffen könnte und - Rita Hayworth. Beides bekommt Andy von Red, den Gesteinshammer und ein Poster von Rita Hayworth, das sich Andy in seine Zelle hängt und das viel später noch eine wichtige Funktion hat.
Da Andy ein Banker ist, hilft er nach und nach den Wärtern bei ihren Steuererklärungen, schließlich müssen sie Andy nichts bezahlen. Dafür verlangt Andy jedoch immer etwas, was den Mitgefangenen das Leben im Knast erleichtert. So hilft er dem härtesten Aufseher Biron Hadley zwar keine Steuern zu zahlen, verlangt aber dafür von Hadley, an einem heißen Tag für jeden der Gefangenen ein Bier zu spendieren.
Oder Andy eröffnet eine Bücherei im Gefängnis, damit seine Freunde dort lesen können.
Als Direktor Norton von alldem erfährt, sieht er in Andy eine Chance, viel Geld zu scheffeln und zwar nicht in die Tasche des Staates, sondern in die eigene. Auch hier hilft ihm Andy.
Nach einigen Jahren im Zuchthaus taucht plötzlich ein junger Mann auf, der allen sofort sympathisch ist, Andy aber auch eine Geschichte erzählt, die ihn aus dem Gefängnis bringen könnte, und zwar, dass er - Andy - gar nicht der Mörder seiner Frau ist, sondern ein anderer.
Als Andy, der sonst stets ruhig und besonnen agiert, dies Direktor Norton mitteilt, tut dieser jene Geschichte einfach ab, denn schließlich lässt man einen Mann wie Dufresne nicht einfach gehen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, Andy wird ins Loch geschickt, doch als er dort herauskommt, ist er ein anderer Mensch und hat nur einen Gedanken.
King zeigt sich hier von einer besonderen Seite und hat - zusammen mit "Green Mile" - den wohl menschlichsten Roman seiner Karriere als Schriftsteller geschrieben. Wenn Andy Dufresne ein Lied spielen lässt, das alle Gefangenen hören können, damit sie sich besser fühlen, der Knast ihnen ein wenig humaner erscheint und er dafür ins Loch muss oder wenn Andy seinem Freund Red zwei kleine Stück Quarz schenkt und dies so beschreibt:
"Was, zum Teufel kann das sein, fragte ich mich, als ich den Deckel abnahm. Innen lag eine Menge weiße Watte und darunter...
Ich sah sie mir lange an. Minutenlang wagte ich sie kaum anzufassen, so schön waren sie." erkennt man welch großes Potential in dem oft ungerecht als "trivial bezeichnetem Autor steckt.
Er lehrt uns - gerade in dieser Story - die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen, lehrt uns, das Freundschaft Leben retten kann und über Hoffnung schreibt er - mit den Worten Dufresnes -:
"Hoffnung ist etwas Schönes, Red, vielleicht das Schönste, was es gibt und Schönes stirbt nie."
Ob zu solchen, wenn auch einfachen, so doch aber auch sehr klugen Worten ein platter Autor fähig ist, sollte wohl mehr als fragwürdig sein.

"Der Musterschüler" erzählt von einer unfreiwilligen Hass-Freundschaft zwischen dem Musterschüler Todd Bowden und dem Alten einst als Nazi bekannten Dussander. Todd, der durch einen Zufall entdeckt, dass Dussander einen falschen Namen trägt und damals ein deutscher Soldat war, der unter dem Regime Hitlers stand, zwingt den nunmehr alten Mann dazu, ihm - Todd - die Geschichte zu erzählen, wie das damals war mit den Juden. Dabei interessiert sich der Junge nicht so sehr für Geschichte an sich, sondern für die Art und Weise, wie die Menschen getötet wurden und die Gier nach einer blutrünstigen Tat wird immer größer. (Anmerkung: Todd Bowden erinnert oft an einen Vorgänger des Patrick Bateman aus "American Psycho")
Der Alte, der zuerst dies alles gar nicht erzählen mag, weil er damit alte Geister aufweckt, die besser gestorben wären und Nachts vor lauter Albträumen nicht einschlafen kann, spürt aber plötzlich seine Kräfte wiederkehren, vor allem dann, als Todd ihm einen Nazi-Uniform zu Weihnachten schenkt!
Doch das Kammerspiel der beiden bleibt immer unerträglicher. Der gegenseitige Hass wird immer größer, aber die Tatsache, dass der eine vom anderen abhängt schweißt sie widerstrebend immer wieder zusammen. Als dann die Morde anfangen, wird der Kreis immer enger.
Handelte die erste Geschichte noch um Menschlichkeit, so ist bei dieser hier das Gegenteil der Fall. Wie ein eigentlich braver Junge zu einem Monster wird, beschreibt King hier Stück für Stück, wie sich Normalität und Wahnsinn abwechseln und wie nah alles beieinander ist.
Ständig wartet man darauf, dass der eine über den anderen herfällt (beide spielen stets mit dem Gedanken), dies dann aber doch nicht im letzten Moment tun, denn der Roman ist später so raffiniert konstruiert, das der eine nicht sterben darf, da sonst der andere in der Klemme steckt und so ergibt sich die eben schon beschriebene Hass-Freundschaft. Vor allem sterben darf Dussander nicht, da er ein Schriftstück - im Falle eines Tötungsversuches vonseiten Todds - verwahrt, dass den Musterschüler belasten könnte.
Dabei ist der Alte schon mit einem Bein im Grab, fortwährend hat er Herzprobleme, trinkt jedoch weiterhin Alkohol und raucht ständig weiter.
Auch hier lernt man Stephen King von einer anderen Seite kennen, weil er - wie einst schon bei "Misery" - sich (fast) nur auf zwei Personen auf engstem Raum konzentriert, wo der Wahnsinn einfach irgendwann auftreten muss.

"Die Leiche" handelt über eine Freundschaft von vier Jungen, die sich auf den Weg machen, die Leiche eines anderen Jungen zu finden, damit sie berühmt werden und ein Abenteuer erleben. Die vier könnten gar nicht verschiedener sein: Da gibt es den verrückten Teddy, der immer eine große Klappe hat und eine dicke Brille trägt, dann den unsicheren und ängstlichen Vern, den starken Chris, der eine fiese Verwandtsaft hat, die sich ständig an ihm vergreift und schließlich ist da noch der Ich-Erzähler Gordie Lachance, der einmal Schriftsteller werden will.
Alle vier reißen sie aus, um das Abenteuer ihres Lebens zu begehen. Der Weg ist weit und dann sind da noch einige größere Jungs, die den Ruhm natürlich auf ihrer Seite haben wollen.
Diese kindzeitlich geprägte Episode besticht durch sehr einfühlsame Schilderungen der Sehnsüchte der vier Freunde, jeder strebt nach Anerkennung, jeder möchte etwas erzählen und etwas in dieser Welt gelten und es ist klar, das das Größte für einen Jungen eben das Abenteuer ist. Genau so gut ist auch die dichte Atmosphäre gelungen und die Naturbeschreibungen, die einen die Hitze von Castle Rock förmlich spüren lässt.
Diese Darstellung der Natur wirkt hier nicht störend wie so oft in vielen Romanen, im Gegenteil: Die Geschichte braucht diese Beschreibungen und King schafft es, jedes einzelne Naturgeräusch und jeden Duft auf den Leser zu übertragen, überhaupt ist dieser dritte Kurzroman sehr bildhaft geschrieben, was sehr viel zu dem gesamten tollen Urteil beiträgt.
Es zeigt jedoch den Autoren ebenso von seiner melancholisch-nostalgischen Seite, wenn er z.B. schreibt, was aus seinen Freunden geworden ist oder wenn er als erwachsener Mensch betrachtet, welches Gebäude es damals gab und welches heute aber nicht mehr da ist, so ist das Gefühl pur.

Die letzte Kurzgeschichte "Atemtechnik" darf wohl als die schwächste bezeichnet werden. Vor allem der erste Teil, wo ein Mann von einer seltsamen Gesellschaft berufen wird, sich mit ihnen zu treffen und dort allerlei merkwürdige Geschichten zu hören bekommt.
Aufregend wird es erst im zweiten Teil, wenn einer der Teilnehmer die Geschichte einer Frau erzählt, die früher einmal zu ihm kam, als er noch Arzt war. Diese Frau will ein Kind gebären, das aber keinen Vater hat. Vor der Gesellschaft und insbesondere bei ihrer Arbeitsstelle, erzählt sie niemandem davon, da sie sich fürchtet, ausgesondert zu werden - es ziemt sich nicht, für eine alleinstehende Frau, ein Kind zu bekommen. Aber sie schert sich letztlich nicht darum und will das Kind zur Welt bringen, egal was passiert und dabei bringt ihr der Arzt eine ganz besondere Atemtechnik bei.
Hier ist zu bemerken, dass der zweite Teil der Story wirklich brauchbar ist. Sehr gut gelungen ist diese enge Beziehung zwischen dem Arzt und der Frau. Beide haben das Gespür für das Subtile, beide kommen sich näher. Der Arzt bewundert den Mut dieser Dame, die auch später von ihrer Chefin (die ihr zuerst wohlgesonnen war) entlassen und auch von so manch anderem schief angesehen wird, der von ihrer Misere weiß, doch trotzdem hält der Doktor zu ihr. Die kleinen Szenen, wo sich beide etwas gegenseitig schenken, sich berühren oder wo sie immer kurz davor ist loszuheulen, sind von einer derart feinen Schilderung, dass man wirklich mit der Frau mitfühlt und auch mitgenommen ist, vor allem nimmt ihr einsames aber liebes und mutiges Wesen einen sofort für sich ein.
Das King den Schluss aber zu einem Horror-Szenario umwandelt, kann man ihm kaum verzeihen und sicherlich wirkt es auch unpassend. Schade. Hier wurde eine gefühlvolle Story verschenkt, die in ihrem ersten Teil schwach ist, im zweiten Teil sogar gesellschaftskritisch mit viel Feinsinn geschrieben wurde, am Ende jedoch enttäuscht. Trotzdem - diese kleinen, aber aussagekräftigen Szenen mit dem Arzt und der Frau retten King vor dem Absturz ins Banale.

Alles in allem kann man sagen, dass es sich hier um einen sehr guten Erzählband handelt, den man gelesen haben muss, gerade Leute, die King immer verachten und ins Triviale schubsen, sollten dies tun, entdeckten sie an ihm doch andere, gefühlvolle und tiefsinnige Seiten.

Anmerkung zur Verfilmung des Kurzromans "Die Verurteilten"
Regisseur Frank Darabont (der übrigens auch "The Green Mile" genial verfilmt hat) hat es geschafft, zusammen mit seinen ausgezeichnet agierenden beiden Hauptdarstellern Tim Robbins und Morgan Freeman, sogar die Vorlage zu übertreffen. Gehen viele King-Verfilmungen in die Hose, so ist das hier nicht im mindesten der Fall. "Die Verurteilten" zählt sowieso zu einem der besten Filme über Menschlichkeit überhaupt und als Verfilmung ist er sowieso gelungen. Unbedingt Ansehen!

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