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GARWIN 

© 2002 Dennis McLeod (Elbeino)

 

 unvollendet, aber bleibt für immer
in dieser Sammlung
in Gedenken an Elbeino

Teil 1

ZEIT

 

I.

 

TOM ALLAN GING eines Nachts spazieren, und im nächsten Moment lag er auf einer fremden Straße, in einer fremden Stadt. Er wußte nicht wie lange er schon da lag, aber es war immernoch dunkel, also konnte es garnicht so lange gewesen sein. Er hatte das Gefühl, es wäre viel mehr Zeit vergangen. Ihm war, als wäre er stundenlang bewustlos gewesen. Er frohr und war so steif, daß er erst garnicht aufstehen konnte. Als er es versuchte, fuhr ihm ein stechender Schmerz durch alle Glieder. Was ist mit mir passiert? dachte er. Amnesie konnte es doch nicht sein, oder? Bestimmt nicht. Er wußte noch wer er war und wo er wohnte. Aber er wußte nicht wo er jetzt war, oder wie er dahinkekommen war. Er hatte jede Menge Kratzer, Schnitte und Prellungen, aber er hatte keine Ahnung woher.

Als er es dann endlich geschafft hatte aufzustehen - Gott sei Dank war nichts gebrochen - beschloß er, daß es wohl das Beste wäre, eine Polizeistation aufzusuchen. Er wollte niemanden stören, so spät in der Nacht, und die Polizei hatte immer offen.

Es war wohl eher ein Dorf als eine Stadt. Die Häuser hatten allesamt einen gemütlichen, ländichen Touch. Alle von der Gleichen Bauart, nur in verschiedene Farben, die aber nun, im fahlen Licht des Mondes und der Strassenlaternen, in Grautönen erschienen. Tom stellte sich die unterschiedlichen Menschen vor, die in solch gleichen Häusern wohnten. Hinter jeder mit Stuck verzierter Tür, ein anderer Lebensstil. Vor fast jedem zweiten Haus wuchs eine Yucca-Palme, also war er wohl im Süden. Mein Gott! Wie kam er bloß den ganzen Weg von Illinois hier her?

Er kam an eine große Weide. Ein Bauernhof. Das kleine Haus konnte er in der Dunkelheit kaum erkennen. Als er daran vorbei ging, erwartete er, einen Hund bellen zu hören, oder ein Huhn glucken. Nichts. Die Stille beunruhigte ihn, auch wenn er nicht wußte weshalb. Die Tiere würden um die Zeit natürlich schlafen, wie die Menschen auch. Er klopfte leise an den Zaun, der die Wiese umgrenzte. Ein Hund müßte das doch hören. Er klopfte etwas lauter. Kein Hund. Nun kam er sich auch etwas dumm vor. Warum wollte er einen Hund zum bellen bringen, mitten in der Nacht? Was hätte er gemacht, wenn die Besitzer heraus gestürmt wären, einen Einbrecher erwartend? Er ging schnell weiter, bevor der Hund doch noch aufwachte.

Nach einigen weiteren Häusern stieß er auf eine breite Straße, die wohl tagsüber stark befahren wurde, jetzt aber totenstill war. In solchen Dörfern war nach Sonnenuntergang oft Sense. Ein Auto stand auf der Straße, vielleicht zwanzig Meter von ihm entfernt. Die Scheinwerfer waren angeschaltet, aber der Motor lief nicht. Tom zögerte. Vielleicht war da ein junges Paar "beschäftigt". Aber wären dann die Scheinwerfer an? Er ging auf das Auto zu. Jetzt konnte er erkennen, daß nur eine Person im Wagen saß. Er ging zur Tür und klopfte an die Fensterscheibe. Der Mann hinter dem Steuer regte sich nicht. Er starrte auf die Straße vor ihm.

 

"Hey!" rief Tom. "Hallo, Mister! Hören Sie mich n-"

Der Mann war tot! Er mußte tot sein! Er hatte die ganze Zeit nich einmal ge-blinzelt. Er schien auch nicht zu atmen. Tom konnte einige Sekunden auch nicht atmen. Er hatte noch nie einen toten Menschen gesehen. Selbst bei der Beerdigung seiner Eltern hatte er nicht in die offenen Särge geblickt. Er kämpfte gegen das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

Als er sich dann wieder einigermaßen im Griff hatte, wußte er, daß er jetzt erst recht die Polizei aufsuchen mußte. Am Besten rühr ich nichts an und sag der Polizei wo das Auto steht, dachte er und machte sich wieder auf den Weg. Nur jetzt kam ihm alles noch bedrohlicher vor. Die Bäume, die den Weg auf der anderen Seite der Straße begrenzten. Die Häuser, in denen die Menschen seelenruhig schliefen, ohne zu ahnen, daß - nicht sehr weit enfehrnt - ein toter  Mann in seinem Wagen saß.

 

Wie er wohl gestorben ist? fragte sich Tom. Es muß sehr schnell passiert sein, denn der Mann sah aus, als hätte er es selbst noch garnicht bemerkt. Bei dem Gedanken lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Aber warum war er mitten auf der Straße stehengeblieben und hatte den Motor abgeschaltet? Er mußte etwas gemerkt haben.

So in seine verwirrten Gedanken vertieft, ging Tom beinahe an dem Sheriffs-büro vorbei, das zu seiner Linken auftauchte. An dem großen Fenster, neben der Tür, stand: Sheriff - Lost. Lost? Von der Stadt hatte er noch nie gehört. Er klopfte an die Tür und wartete. Drinnen war es völlig ruhig.

"Hallo?" rief er. "Mein Name ist Tom Allan. Ich bin fremd hier. Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Ich brauche Ihre Hilfe." Nichts. Also gut. "Da ist ein toter Mann auf der großen Hauptstraße." Wieder nichts. Was ist das für eine Stadt, in der das Sheriffsbüro einfach geschlossen hat und ein Toter unbemerkt in seinem Wagen sitzt? Tom sah sich um. Die Häuser auf dieser Seite der Haupt-straße waren alle Geschäfte oder Restaurants. Vielleicht finde ich ja eine Tankstelle, dachte er. Die müßte doch aufhaben. Also ging er weiter.

Hier war es anders als in Chicago. Kein Hundegebell, keine Sirenen, keine Nachbarn, die sich mitten in der Nacht die Köpfe abrissen. Das war der Grund, weshalb er auch so spät noch spazieren gegangen war. Er wollte nicht wissen, warum Earl seine schlanke, zweiundzwanzig-jährige Sekretärin lieber mochte, als seine übergewichtige siebenundvierzig-jährige Norma. Wäre ich in einer anderen Lage, würde es mir hier wirklich gefallen. Es ist vies ruhiger und friedlicher als zu Hause. Aber war es nicht doch zu ruhig? Erst jetzt bemerkte er, daß er wirklich garnichts hörte. Nicht einmal das Zirpen einer Grille - und davon mußte es in so einer Gegend doch reichlich geben. Verdammt! Was ist hier los? Er sah die Bäume an, die ihre Äste wie eine schützende Hand über die Straße hielten und das Mondlicht nur spärlich auf die Erde ließen. Es war völlig windstill. Kein Blatt rührte sich. Er würde nicht weiterlaufen. Er wollte lieber zurück gehen und doch jemanden wecken. Dann sah er die Tankstelle. Eine böse Vorahnung vermischte sich mit seiner Erleichterung, aber er ging trotzdem darauf zu.

 

Es war eine kleine Tankstelle, mit nur einer Zapfsäule und einem Dixie-Klo. Hinter dem Fenster des kleinen Häuschen saß ein älterer Mann, um die Fünfzig, und laß in einem Gärtnermagazin. Tom sah die Uhr, die hinter dem Mann an der Wand hing. Viertel vor Fünf. Der Sekundenzeiger bewegte sich nicht. Die Uhr war kaputt. Wenn es wirklich fast Fünf wäre, würde es schon anfangen heller zu werden. Sie war anscheinend schon länger kaputt. Er klopfte an das Fenster. Der Mann dahinter reagiert nicht. Wahrscheinlich war er schwerhörig. Er klopfte etwas lauter. Der Mann rührte sich nicht. Tom fühlte sich, als hätte ihm jemand mit voller Wucht die Faust in den Bauch gerammt. Er taumelte rückwärts und wäre beinahe über den Bordstein gefallen. Die Uhr war nicht kaputt! Der alte Mann war nicht schwerhörig! Der Mann im Auto war nicht tot! Die Zeit war stehengeblieben!

"Für alle außer mir," sagte Tom. Seine eigene Stimme erschreckte ihn. Sie war so laut in dieser ruhigen Welt. Dann bekam er einen zweiten Schlag in den Magen. Es war Nacht, als die Zeit stehenblieb. Er würde den Rest seines Lebens in der Dunkelheit verbringen!

 

II.

TOM STAND MITTEN auf der Straße und konnte sich nicht rühren. Kalter Schweiß lief von seiner Stirn in seine Augen, aber er wischte ihn nicht weg. Ein Leben in der Dunkelheit? Das konnte er sich nicht vorstellen. Er ging zwar öfter mal nachts spazieren, aber das auch nur weil er befürchtete, daß eines Tages ein Teller von nebenan durch die Wand geschossen käme und ihn köpfte. Was soll ich jetzt nur tun? fragte er sich. Dann hörte er etwas. Es war ein Knurren. Ein Hund? Das wäre ja toll! Es würde bedeuten, er wäre doch nicht ganz allein. Aber was wäre, wenn der Hund nicht freundlich gesinnt war. Vielleicht hatte er aber nur aus Angst geknurrt. Dann begriff er, daß es sein Magen war, der knurrte. Er war allein. Ihm war zum Heulen.

Obwohl er jetzt merkte, daß er großen Hunger hatte, wollte Tom noch nicht ans Essen denken. Wo sollte er hin? Wie sollte er so leben? Vielleicht finde ich einen Hinweis auf das was mir passiert ist, dachte er. Dort wo ich aufwachte. Er sah zurück, auf den Weg den er gegangen war. Immerhin war er das einzige, was ihm jetzt noch "vertraut" war. Auf dem Weg zurück, sah er sich gut um. Er würde wohl hier bleiben. Wo sollte er sonst hin? Er sah ein Hotel. Sollte er dort schlafen? Er vermißte sein Bett; seine Wohnung. Ein Haus weiter, stand ein Restaurant. Nein. Er konnte nichts essen. Er hatte außerdem ein schechtes Gewissen, wenn er daran dachte, daß er ja das Essen - in gewisser Weise - stehlen würde. Irgendwann mußte er darüber hinweg sehen können, aber jetzt noch nicht. Er kam an dem Sheriffsbüro vorbei, aber er sah nicht hin. Da konnte ihm ohnehin niemand helfen. Hätte er aber hingesehen, hätte er bemerkt, daß die Tür zertrümmert war. Als hätte sie jemand mit einem Vorschlaghammer eingeschlagen.

 

***

Das Auto sah er. Es stand mehrere Meter weiter die Straße entlang. Die Bremslichter leuchteten. Tom ging zur Fahrerseite. Das Fenster war zerschlagen, und der Mann blickte erschrocken darauf. Tom wedelte mit seiner Hand vor dem Gesicht des Mannes, wagte es aber nicht, ihn zu berühren. Was, wenn mit seinem Gesicht das gleiche passierte, wie mit dem Fenster? Denn jetzt wußte Tom, daß die Zeit nicht stillstand. Sie war nur langsamer als er. Oder war er schneller als die Zeit? Was für einen Unterscheid machte das schon? Er würde jedenfalls nicht, wie befürchtet, in ewiger Dunkelheit leben müssen. Aber wie lange wird es dauern, bis es hell wird? Er blickte auf die Uhr, im Inneren des Wagens. Viertel vor Fünf. Er war ungefähr eine halbe Stunde von dem Wagen weg gewesen, doch viel Zeit war nicht vergannen.

Er sah sich das Gesicht des Mannes an. Eine Sekunde, für den ersten Schreck. Eine weitere, um auf die Bremse zu steigen. Da der Mann seinen Blick noch nicht vom Fenster - oder was davon übrig war - genommen hatte, konnten nicht mehr als diese zwei Sekunden vergangen sein. Plus-minus Bruchteile. Das hieße ja, er müßte um die zwölf, dreizehn Minuten völlig regungslos stehen, damit man ihn nur für eine Sekunde erkennen konnte. Sobald er sich auch nur etwas bewegte, war er wieder "verschwunden". Das konnte er also vergessen. Es bedeutete auch, er mußte sich zum Schlafen verstecken. Sonst erlitt noch jemand einen Herzinfarkt, wenn er aufwachte und sich plötzlich in Luft auflöste.

Viertel vor Fünf. In ungefähr fünfundvierzig Minuten würde es hell werden. Und wie lange dauert es für mich? dachte Tom. Sein Gehirn leistete Höchstarbeit. Es würde circa drei Wochen dauern! Er rechnete weiter und kam zu dem Ergebnis, das demnach zwölf Stunden ein Jahr dauerten! Das bedeutete, über ein Jahr Helligkeit und fast ein Jahr Dunkelheit! Mit dem langen Tageslicht konnte er leben - wenn er nur nicht so verdammt einsam wäre - aber die Aussicht auf ein Jahr Nacht machte ihm Angst. Die drei Wochen, die jetzt vor ihm lagen, waren schon schlimm genug.

 

Als er wieder an dem Bauernhof vorbei kam, war er nicht überrascht zu sehen, daß der Zaun stark beschädigt war. Bei seiner Geschwindigkeit zerstörte er wahrscheinlich alles, was er zu grob berührte. Er würde sehr vorsichtig sein, von nun an.

 

An der Stelle wo er aufwachte fand er nichts. Er sah sich wirklich genau um. Es mußte doch irgendeine Erklärung geben. Er glaubte nicht an Magie oder unerklärbare "Wunder". Alles war irgendwie zu erklären.  Ein paar Meter weiter glänzte etwas im Mondlicht. Tom ging hin und hob es auf. Es war eine halbrunde Scheibe. Sie war knapp zehn Zentimeter im Durchmesser und schien aus Perlmut zu bestehen. Er verstaute sie in seiner Hosentasche. Er hatte zwar keine Ahnung was es war, aber vielleicht war es ja ein Hinweis.

Sein Magen knurrte wieder. Er mußte etwas essen. Also maschierte er wieder den Weg zurück, der nun seine ganze Welt geworden war. Was würde es nützen, eine andere Stadt aufzusuchen? Er kam wieder an die große Straße. Es waren nochmal zwei Sekunden vergangen. der Mann bremste nicht mehr und "fuhr" mit verstörtem Blick weiter. Tom ging zum zweiten Gebäude nach der Straße. Ein kleines Lebensmittelgeschäft. Wenn er nur leicht gegen die Scheibe klopfte, würde diese in ungefähr zwölf Minuten zerschmettert sein. Aber wenn er nun so fest dagegen schlug, daß sie sofort zerbrach, wäre es so schnell geschehen, daß es - in der "langsamen" Welt - kein Geräusch gäbe. Tom zögerte. Er hatte noch immer ein schlechtes Gewissen. Aber das konnte seinen Magen auch nicht be-ruhigen. Also suchte er sich einen geeigneten Stein. Er wollte die Glasscheibe nicht mit seinem Ellenbogen zertrümmern. Wenn er sich dabei verletzte, könnte ihm keiner helfen. Er fand einen Stein und schleuderte ihn gegen das Schau-fenster. Es zerbrach mit einem ohrenbetäubenden Klirren. Tom zuckte er-schrocken zusammen. Das Geräusch war wahrscheinlich zu schnell für andere, aber selbst wenn sie es hörten, würden sie ihn nicht erwischen können. Erwischen. Er kam sich schäbig vor, aber was sollte er tun?

Er stieg durch das Fenster ein und blickte sich um. Der Laden bestand aus drei Gängen. Im ersten Gang gab es Milch- und Getreideprodukte. Er nahm sich eine Flasche Milch und einen halben Leib Brot. Aus dem zweiten Gang -Fleischabteilung - nahm er einen Ring Salami und einen ganzen Schinken. Er wollte nicht zu oft einbrechen müssen. Dann dachte er daran, daß zwei Minuten ja für ihn ein ganzer Tag waren. Demnach hatte er mehr als genug Zeit, um immer wieder hier reinzukommen. Also legte er den Schinken wieder zurück. Er nahm sich einen Apfel aus dem Obst - und Gemüseregal im dritten Gang und verließ den Laden.

Zwischen dem Geschäft und der Wäscherei nebenan lag ein kleiner Kinderspiel-platz. Tom setze sich auf eine der beiden Schaukeln und aß das Brot und die Salami. Gott sei Dank hatte er immer sein Taschenmesser dabei. Er hatte keinen richtigen Appetit, und es wollte ihm auch nicht so richtig schmecken, aber sein Magen verlangte nach mehr. Wie lange war er bewustlos gewesen, um jetzt solch einen Hunger zu haben? Er aß den Apfel und trank etwas von der Milch.

 

Aus irgendeiner Laune heraus fing er an zu schaukeln. Das hatte er seit seiner Kindheit nicht mehr gemacht. Er schaukelte höher und höher und fing an, laut zu lachen und zu schreien. "Huiiiiiiiih!" Eine kurze Zeit lang konnte man es durchaus genießen, aber irgendwann würde man verrückt vor Einsamkeit. Aber er war, so gesehen, auch so schon immer allein gewesen. Er hatte keine Familie. Seine Eltern kamen, vor sieben Jahren, bei einem Autounfall ums Leben, und seine Tante - seine einzige Verwandte - wollte nichts von ihm wissen. Sie gab ihm die Schuld am Tod ihres Bruders, da Tom keine Zeit hatte, seine Eltern zu besuchen, und so beschlossen diese, zu ihm zu fahren.

Sein Liebesleben verlief auch ziemlich unglücklich. Zwar hatte er einige Liebschaften, aber die hielten alle nicht lange. Seit drei Jahren lebte er als Single. Also war diese Einsamkeit auch nichts anderes als sein bisheriges Leben. Er würde das Beste daraus machen. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Das Essen hatte ihn müde gemacht. Er stand auf von der Schaukel und ging wieder auf die Straße. Die Leute hier bekamen wahrscheinlich nicht so viele Be-sucher, aber jede Stadt hatte zumindest eine kleine Pension, nur für alle Fälle. Zwei Häuser weiter, hinter einem kleinen, fast leeren Parkplatz, stand ein Hotel. Als Tom darauf zuging, bemerkte er, daß die Tür offen stand. Es war wohl jemand spät "nach Hause" gekommen, und die Tür hatte noch keine Zeit gehabt, sich zu schließen. Er mußte also nicht die Tür aufbrechen. Darüber war er erleichtert.

Der Mann an der Rezeption schlief. Toller Nachtwächter, dachte Tom. Eine mit einem Gußeisen-Gelände verzierte Treppe führte zu den Zimmern. Eine Frau "ging" die Treppe hinauf. Sie hatte wohl die Tür geöffnet. Tom ging hinter die Rezeption und nahm den obersten Schlüssel. Nummer 12b. Er ging vorsichtig an der Frau vorbei, ohne sie zu berühren. Nicht, daß ihr das gleiche passierte wie dem Zaun. Er ging hoch, bis zum oberstem Stock und fand "sein" Zimmer.

Er hatte anscheinend die "Flitterwochen-Suite" erwischt. In der Mitte des Zimmers stand ein Herzförmiges Doppelbett, das den kleinen Raum fast völlig in Anspruch nahm. Tom legte sich auf das Bett und schlief auf der Stelle ein.

***

In seinem Traum konnte er fliegen. Er flog nicht eigenständig, sondern wurde von etwas gehalten, das mit ihm flog. Vielleicht ein Fallschirm oder Paraglider. Er flog über Chicago - die Stadt in der er wohnte. Dort war der Bahnhof. Und dort seine Wohnung in der Warbash St. Da der Park, in dem er immer spazieren ging, letzte Nacht zum letzten Mal. Ihm wurde übel. Er schloß für einige Sekun-den die Augen und öffnete sie wieder. Plötzlich war Chicago verschwunden. Nur noch eine weite, fast kahle Prärie, in der er von weitem einige schwarze Hügel ausmachen konnte. Was ist passiert? fragte er sich und schloß wieder seine Augen. Dann fiel er.

Tom schreckte auf, drehte sich dabei dummerweise um und fiel aus dem Bett. Er hielt seinen Kopf gerade rechtzeitig hoch, um nicht mit der Nase auf den Bo-den zu knallen. Einige Sekunden blieb er liegen. Es war garnicht so, wie er es aus Büchern und Filmen kannte. Er wußte sofort, wo er war. Er stand auf und ging ins Badezimmer. Dort sah er in den Spiegel.

 

Er sah aus, wie vorverdaut. Das hätte seine Tante gesagt. Nicht das sie vugär gewesen wäre. Sie hatte nur einen ziemlich makaberen Humor. Er hatte dunkle Ringe unter seinen Augen, derren sonst so leuchtendes Blau verblasst war. Sein Gesicht hatte einen gräulich-bleichen Teint, und seine aschblonden Haare waren verschwitzt und verklebt. Er drehte den Wasserhahn auf. Nichts. Es würde natürlich eine Weile dauern, bis das Wasser lief. Er tat vorsichtig den Stöpsel in den Ausguß und beschloß, daß es sowieso niemanden störte, wenn er mit unge-waschenem Kopf umherging, bis das Waschbecken vollgelaufen war.

Er verließ das Bad und ging zum Fenster. Da draußen war jemand! Er konnte

nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Warscheinlich ein Nächtlicher Spaziergänger, wie er. Tom's Herz schlug höher. Doch dann merkte er, daß diese Person genauso "langsam" war wie all die anderen. Er drehte sich weg und wollte sich auf das Bett setzen, als er das Geräusch hörte.

Wuuuuusch!

Er wirbelte herum und sah erneut aus dem Fenster. Die Person war verschwunden! Tom rannte nach unten. Die Tür war jetzt geschlossen. Er öffnete sie und hechtete die Stufen hinunter. Die Straße war so leer wie zuvor. Hab ich mir das nur eingebildet? fragte er sich. Es mußte so sein. Er sah sich nochmal um und ging, mit gesenktem Kopf, zurück ins Hotel. Als er an der Rezeption vorbeikam, merkte er, daß der Mann dahinter wach war und gerade ein Sandwich essen wollte. Er hatte noch nicht genug Zeit gehabt, um auf die Tür zu reagieren. Das Sandwich war noch unversehrt. Tom schnappte es aus seiner Hand - Na, der wird sich wundern - und nahm es mit nach oben. Er setzte sich auf das Bett und aß. Danach legte er sich hin, starrte an die Zimmerdecke und versank in Gedanken.

Es war schon irgendwie eigenartig, nie wieder zur Arbeit gehen zu müssen. Er hatte als Schreiber für die "Chicago Sun Times" gearbeitet, zusammen mit Joey Withers, dem schlechtesten Reporter der Zeitung. Doch gestern kam diese Niete tatsächlich mit der heißesten Story des Jahres. Er fand heraus, daß der, von den Bürgern dieses schönen Landes "hochverehrte", Senator Bob Durning das Geld, das selbst die ärmsten ihm spendeten, ausgab, um seine Kokain-Abhängigkeit zu finanzieren. So wie die Zeit jetzt verging, könnte Tom erst in drei Wochen darüber lesen. Was er zur Zeit erlebte war auch eine ganz schön heiße Story.

 

III.

Ein Tag zuvor

TOM HATTE SICH gerade an seinen Schreibtisch gesetzt, als Joey herein stolperte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Joey stolperte andauernd. Es gab nichts, worüber er nicht schon geflogen wäre. Von der Katze seiner Mutter - bei der er immernoch wohnte - bis hin zu seinem eigenen Auto. Alles schon passiert. Hätte er nicht gerade rechtzeitig gebremst, wäre er jetzt auch über Tom's Schreibtisch gefallen. Die anderen Kollegen im Presseraum sahen schon garnicht mehr von ihrer Arbeit hoch, wenn er herein stürzte. Joey hatte noch nie eine wirklich gute Story mitgebracht. Es war ein Wunder, daß er überhaupt noch hier arbeitete. Der Chef hatte eben ein zu gutes Herz. Doch heute sollte sich dieses bewären.

"Sieh dir das an, Tom!" keuchte Joey, völlig außer Atem. Dann dachte er daran, wer er war. "Meinst Du, das ist was?" fragte er kleinlaut. Er sah aus, wie ein kleiner Hund, der merkt, daß er gleich getreten wird.

Tom laß den fast unleserlich gekritzelten Bericht. Er hatte gelernt, Joey's Sauklaue zu entziffern. Zuerst laß er mit wenig Interesse. Joey hatte schon Angst, es mal wieder vermasselt zu haben. Er ließ sich auf seinem Stuhl nieder und zwirbelte an einer Haarsträhne. Das tat er immer, wenn er nervös war - also andauernd. Doch dann änderte sich Tom's Gesichtsausdruck. Joey's Herz schlug höher. Tom lachte. Das haute Joey völlig um. Er dachte, er hätte endlich etwas interessantes aufgespürt, doch es war wohl doch wieder nur lächerlich. Er wollte sich am liebsten in Luft auflösen.

"Das war wohl wieder nichts," meinte er.

 

"Ist das wahr?" fragte Tom, auf den Bericht zeigend.

"Ich denke schon," sagte Joey nervös auf seine Füße blickend. "Ich meine, ich hab's nicht persönlich gesehen, aber mein Informant hat ge-"

"Hey, Leute!" rief Tom und hielt den Bericht in die Höhe. "Unser Joey hat die Top-Story des Jahres entdeckt!" Dann sah er zu Joey, der überrascht den Blick hob. "Dafür spendier ich dir 'n Bier, Kleiner."

Alle klatschten, als hätte Joey einen Home-Run geschlagen. In gewisser Weise hatte er das ja auch. Joey war sprachlos. Er fühlte sich wie im siebten Himmel, und er sah aus, wie ein kleiner Hund, der merkt, daß er gleich gestreichelt wird.

Die Kollegen versammelten sich um Tom's Schreibtisch, um den Bericht zu lesen. Natürlich mußte ihnen Tom die "Schrift" übersetzen. Dann kam der zweite Applaus.

"Wenn wir das drucken," sagte Tom, "dann können die Leute sich mit den anderen Zeitungen den Arsch abwischen."

***

Am Abend nahm Tom Joey mit in seinen Stammpub und gab ihm das Bier aus, das er ihm versprochen hatte. Aus dem einen Bier wurden zwei. Dann drei. Dann acht. Sie beide vertrugen eigentlich nicht viel und waren schon nach dem Vierten angeschwippst. Jetzt waren sie sturzbetrunken und schwankten, tanzten und (in Joey's Fall) stolpterten nach Hause. Der Wind wehte ihnen eiskalt ins Gesicht.

"Weissduwass?" lallte Tom. "Isch binn schdolsaufdisch. Jetz bissdu eina vom Team." Joey grinste und fiel über eine Straßenkatze, die ein Mordsgezeter machte. Tom hielt sich den Bauch vor Lachen und viel auf seinen Hintern. Das brachte nun Joey zum Lachen.

"Siessdu," brachte er hervor. "Nun bissdu auchma hinnefalln!"

Sie halfen sich gegenseitig wieder hoch und klopften sich den Schmutz von den Klamotten. Dann gingen sie - mehr oder weniger - die letzten paar Schritte bis zu Joey's Mom's Haus. Joey stolperte die Treppe hoch zur Tür und winkte, oben angekommen, Tom zum Abschied, da er besser winken konnte, als reden. Tom sah ihn hinter der Tür verschwinden. Dann hörte er ein Geschreie und Gekreische und Gefluche. Joey war jetzt auch noch über seine eigene Katze gestolpert (naja, die seiner Mutter). Tom kicherte und schüttelte den Kopf. So ein Trottel, dachte er. Wie der wohl an diese Story rangekommen ist?

Bis er an dem Haus ankam, in dem seine Wohnung war, hatte der kalte Wind ihn schon fast wieder nüchtern gemacht. Glücklicherweise, wohnte er im Erdgeschoss. Er betrat seine Wohnung und schloss die Tür ab. Sicher ist sicher, in dieser Stadt. Dann zog er seine Jacke aus, hängte sie auf und legte sich auf die Couch. Doch bevor er eingeschlafen war, fing das Gebrülle nebenan an. Als hätten die Wyners nur auf ihn gewartet. Er drehte sich um. Drückte sich das Kissen auf den Kopf. Drehte sich wieder um. Er klopfte an die Wand hinter ihm. Als Antwort flog ein Teller an die Wand.

Tom stand auf und zog seine Jacke wieder an. Er würde mal wieder ein halbes Stündchen spazieren gehen. Bis er zurück kam, wäre der Streit - vorübergehend - geschlichtet. Das kannte er ja schon. Er verließ seine Wohnung und wußte nicht, daß er sie - für sehr lange Zeit - nicht wieder betreten würde.

 

 

IV.

DIE PERSON, DIE er auf der Straße gesehen hatte, ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Es war keine Einbildung. Er hatte sie ganz deutlich gesehen. Da gab es für ihn keine Zweifel. Aber wie konnte sie - oder er - sich so schnell in Luft auflösen? Wenn alles so viel langsamer war, was hatte dann "wuusch" gemacht? In den darauf folgenden drei "Tagen" hatte er weder etwas gehört, noch gesehen. Gestern hatte er seine Haare gewaschen. Dann hatte er den Stöpsel gezogen. Das Wasser war heute noch immer nicht ganz abgelaufen. Ihm war so langweilig. Es war zum verrückt werden. Früher hatte er immer einen Spaziergang gemacht, wenn er Zeit totschlagen wollte. Doch nun schlug die Zeit ihn tot.

Zugegeben, er hatte ein wenig Angst, das Hotelzimmer zu verlassen. Er ging nur einmal schnell Essen holen - diesesmal auf Vorrat - und kehrte direkt zurück zum Hotel. Was, wenn er beim spazierengehen wieder dieses Geräusch hörte? Er wäre dann der nächste, der verschwindet. Aber wohin?

Wärend den nächsten drei Wochen glaubte Tom, immer öfter, draußen Geräu-sche zu hören. Er sagte sich zwar dauernd selbst, daß es nur seine Einbildung sei, aber er glaubte nie wirklich daran. Als er sich eines "Tages" einen Leib Brot holen wollte, meinte er sogar gesehen zu haben, wie sich etwas im Gebüsch ge-genüber bewegte. Er ging auf den Busch zu und ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Es wurde jetzt zwar heller, aber es war immernoch zu düster, um etwas genaueres zu erkennen. Da! Da war wieder das Rascheln, und er konnte sehen, wie der Busch zitterte. Was er dann sah konnte er einfach nicht glauben.

 

***

Es hatte den Körper eines Rehs, aber es war nicht größer als eine Katze. Sein Hals war lang und schlank, doch sein Kopf schien viel zu groß und rund zu sein, als daß der Hals ihn tragen könnte. Dennoch hielt es sein Haupt hoch und auf-recht. Es hatte kleine, hoch angesetzte Ohren, die aussahen wie die Ohren eines Teddy-Bären, und sein Schnäuzchen war eigentlich viel zu klein für seinen großen Kopf. Außerdem hatte es die schönsten blauen Kulleraugen, die er je gesehen hatte. Tom war entzückt. Das Fell hatte eine zarte, rosa Färbung - die Hufen etwas dunkler - und es hatte, auf dem Rücken, sieben weiße Punkte. Wie ein Glückskäfer, dachte Tom. Es stand reglos da und schien ihn ebenfalls zu beobachten. Wäre es nicht gerade erst aus dem Gebüsch gekommen, und würde es nicht so sehr zittern, hätte er es auch für "langsam" halten können.

Das Tier starrte Tom intesiv in die Augen. Es war, als wollte es seine Gedanken lesen, seine Träume erraten. Tom verlor sich beinahe in diesem Blick. Dann schüttelte es den Kopf und brach die "Verbindung" ab. Es gab einen Laut von sich, der klang wie ein "Miiiih?". Oh, er wollte es so gerne berühren, aber er wusste, daß es dann weglaufen würde. Also saß er nur da und bewunderte es. Es war, als fiel ihm etwas, das viel größer war als ein Stein - ja, größer als ein Berg - vom Herzen. Er war nicht allein. Vielleicht könnte er es zähmen. Er hatte alle Zeit der Welt, also konnte er auch genug Geduld dafür aufbringen.

Seine Beine fingen an, zu schmerzen. Er veränderte seine Position. Diese Be-wegung erschreckte das Tier, obwohl Tom versucht hatte, sich nicht zu schnell zu bewegen. Es machte noch einmal "Miiiih!" und verschwand dorthin, wo es hergekommen war. Tom stand auf und streckte sich. Er war sich ziemlich sicher, daß er das Tier bald wieder sehen würde. Er hatte es neugierig gemacht. Das nächste Mal, würde er ihm etwas zu essen geben. Doch was essen solche Tiere? fragte er sich. Es war, auf jeden Fall, ein Pflanzenfresser, also beschloss er, ihm Früchte zu geben.

 

Auf einmal dachte er wieder an das Wuuusch! das er gehört hatte. Es gab noch andere Wesen hier, als nur das Tierchen, das er vorhin traf. Er mußte auf der Hut bleiben.

***

Die drei Wochen Dunkelheit waren endlich vorbei. Tom fühlte sich, als könnte er fliegen. Er genoß den Sonnenschein und ging nur noch in sein Zimmer, um zu schlafen. Trotzdem war er vorsichtig. Er hatte das erschreckende Geräusch inzwischen öfter gehört; auch in der Dämmerung. Also war es gut möglich, daß dieses Wesen - oder waren es mehrere? - auch am Tage jagte. Soweit er wußte, hatte es nicht wieder jemanden mitgenommen. Es war also wahrscheinlich auf der Lauer, bis es wieder einen erwischte. Bis jetzt, hatte er Glück gehabt. Er war aber dennoch neugierig, wie es wohl aussah. Wenn es denn ein Lebewesen war... Darauf mußte er nicht mehr lange warten.

 

V.

DAS KLEINE TIER war wärend den letzten drei Wochen immer wieder aufge-taucht. Tom hatte es erst mit Erdbeeren gelockt. Es hatte sie auch genommen, aber nur, wenn er sie auf den Boden legte und sich zurückzog. Erdbeeren bekam es auch bestimmt im Wald. Er überlegte, was es dort nicht finden konnte.

An diesem wundervollen, ersten "Sonnentag" (nach den "Dämmerungstagen") ging er ins Geschäft um etwas für das Tier zu finden. Die Straßen waren nun voll mit Menschen, die einkaufen, oder zur Arbeit wollten. Er ging vorsichtig zwischen ihnen durch. Ein Herr in braun, mit Aktentasche, blickte, als wäre er fünf Stunden zu spät dran. Eine Frau mit toupierten, Wasserstoff-gebleichten Haaren und einem knappen, rotem Dreiteiler, die so garnicht in dieses ländliche Bild passte, führte ihren Boxer spazieren.

Im Geschäft bestaunten mehrere Kunden die zerbrochene Fensterscheibe. Der Besitzer des Ladens zeigte auf das Schaufenster und war wohl gerade dabei, den Leuten, die sich um ihn versammelt hatten, zu erzählen, wie er die Scheibe aufgefunden hatte. Tom errötete. Er kam sich vor, wie ein gemeiner Dieb. Irgendein Unschuldiger würde jetzt verdächtigt werden. Er schnappte sich das, was gerade am nächsten war - ein Becher Vanille-Pudding - und verließ schnell den Laden und das Sichtfeld des Inhabers. Er wußte ja, der Mann konnte ihn nicht sehen, aber es war ihm dennoch unangenehm.

***

Wie üblich, mußte er nicht lange auf das Tier warten. Es kam aus dem Gebüsch und sah ihn lange an. Nach dieser "Routine-Untersuchung" kam es etwas näher. Tom wußte, daß es den Pudding - selbst wenn es etwas neues war - nicht sofort aus seiner Hand nehmen würde. Also stellte er den Becher hin und ging ein paar Schritte zurück. Die "Teddybär"-Ohren des Tieres zuckten nervös. Es ging zögernd zu dem Pudding und schnupperte daran. Dann kostete es eine Zungenspitze voll, und schon war der Becher leergeschlabbert.

Zu seiner Überraschung, kam es auf einmal auf ihn zu. Es berührte seine Hand mit seiner Schnauze, machte "Miiih" und und lehnte sich gegen seine Beine. Tom legte vorsichtig eine Hand auf den Kopf des Geschöpfes. Es lief nicht weg. Mit einem so schnellen Erfolg hätte er nie gerechnet. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er hatte nun einen Freund. Besser gesagt, eine Freundin. Es war ja rosa. Vermutlich war es ein Weibchen.

Nun, da die Sonne schien, sah Tom auch andere Tiere, die in "seiner Zeit" lebten. Manche sah er direkt, und bei anderen bemerkte er das Rascheln im Gebüsch. Einige davon sahen noch seltsamer aus, als "sein" Tier, aber alle waren Geschöpfe, die kein "Langsamer" je zu Gesicht bekommen würde.

***

Eines "Tages" war Tom wieder in dem Geschäft. Mi - so nannte er seine neue Begleiterin - wich nicht mehr von seiner Seite. Auch sie ging vorsichtig um die langsamen Menschen herum. Tom wollte nachsehen, ob er hier - so weit südlich - eine Ausgabe der "Chicago Sun Times" bekommen konnte. Das war leider nicht der Fall.

"Verdammt!" sagte er laut. Mi sah ihn mit großen Augen an. Er streichelte ihren Kopf, damit sie wußte, daß er nicht auf sie böse war.

 

Drei Monate vor seinem "Unfall" hatte Tom das Rauchen aufgegeben. Jetzt brauchte er dringend eine Zigarrette. Er hätte zu gerne gewußt, wer nun seinen Artikel geschrieben hatte. Er verließ den Laden und ging auf das Restaurant gegenüber zu. Er kannte sich jetzt sehr gut aus in diesem Dorf, und er wußte, daß hinter dem Lokal ein Zigarretten-Automat an der Wand hing. Mi folgte ihm, hielt jedoch nicht an, als er an dem Automaten angekommen war, sondern rannte plötzlich verschreckt weiter, bis in den Wald hinein. Tom sah ihr überrascht hinterher.

"Mi!" rief er. "Was ist los?" Dann drehte er sich um und erschrak selbst.

Ein Mann stand am Automaten. Er hatte sich gerade ein Päckchen Glimmstengel gezogen. Ach, davor hat sie sich erschreckt, dachte Tom erleichtert. Er schnappte sich das Päckchen aus der Hand des Mannes. Der würde erst in zwölf Minuten erschrecken, und es war besser als den Automaten vor seinen Augen zu zertrümmern.

Wuuuuuuuusch!

Auf einmal verschwand die Sonne. Ein riesiges Wesen stürzte vom Himmel und griff sich den Mann, der noch nicht einmal bemerkt hatte, daß seine Zigarretten verschwunden waren. Tom traute seinen Augen nicht. Es war ein Drache! Zumindest sah es aus wie die Drachen die er aus Büchern kannte. Mit einem Unterschied. Drachen waren angeblich Reptilien. Dieser schien halb Reptil - halb Säugetier zu sein. Seine Beine und die Schwanzspitze waren schwarz-behaart, und er hatte einen langen, ebenfalls schwarzen, Ziegenbart. Der restliche Körper war von grünen, wie Perlmut schimmernden, Schuppen bedeckt. Tom's Hand fuhr an seine Hosentasche, in der sich die seltsame Scheibe befand. Die Ohren des Wesens sahen aus wie Fischflossen. Es hatte Zähne, die aussahen wie Dolche, und glühende, rote Augen, in denen keine Pupillen zu erkennen waren, aber es war nicht blind. Das wußte Tom instinktiv. Das Geräusch, das er immer gehört hatte, wurde von den imensen Flügeln erzeugt.

Der "Drache" drehte plötzlich den Kopf und sah ihn direkt an. Tom schaute ihm in die Augen und erstarrte. Er weiß, daß ich anders bin; daß ich ihn sehen kann, dachte er. Dann ließ der "Drache" ein schrilles Kreischen ertönen und flog mit dem Mann davon. Tom sah ihm noch lange hinterher.

 

Als der "Drache" entgültig verschwunden war, nam Tom die Scheibe aus seiner Tasche und betrachtete sie nachdenklich. Es war eine Schuppe. Das wußte er jetzt. Die Tatsache, daß er "schneller" war, hatte irgendwie mit dem riesigen Wesen zu tun.

Es raschelte im Gebüsch. Tom drehte sich erschrocken um. Es war Mi. Sie rannte auf ihn zu und lehnte sich an seine Beine, heilfroh, ihn zu sehen. Sie hatte geglaubt, das Monster hätte ihn ihr weggenommen.

 

***

Von nun an mußte Tom sehr vorsichtig sein, wenn er auf die Straße ging. Er wußte, daß der Drache - oder ein anderer - zurückkommen würde. Und diesmal würden sie gezielt nach ihm suchen.

Daß er schneller war, schrieb er der Berührung der Drachen zu. Der Mann, der verschleppt wurde, wurde warscheinlich - nach einer gewissen Zeitspanne - auch schneller. Wenn er nicht vorher gefressen wurde, dachte Tom. Aber warum war er hier? Wurden alle "Opfer" in einer fremden Ortschaft abgesetzt und dann beobachtet? Oder ließ man ihn versehentlich fallen? Anhand der Verletztungen die er hatte als er aufwachte, war wohl Letzteres der Fall.

Mi wich nicht mehr von seiner Seite. Sie hatte ihn sogar ihn in sein Hotel-zimmer begleitet, um neben seinem Bett zu schlafen, statt im Wald. Er staunte immernoch darüber, wie schnell er sie hatte zähmen können. Als er sich schla-fen legte, beschloß er, am nächsten Morgen mit ihr das Dorf zu verlassen. Er mußte Andere finden die so waren wie er. Sie würden durch den Wald gehen. Da konnten die Drachen ihnen nicht folgen.

 

VI.

AM "NÄCHSTEN" TAG stand Tom "früh" auf, packte seinen gesamten Proviant in eine Tüte aus dem Geschäft (er hatte, nachdem zum ersten Mal das "wuusch" gehört hatte, einen Vorrat in "seiner" Mini-Bar angelegt, um nicht zu oft "einkaufen" gehen zu müssen) und machte sich auf den Weg nach unten. Unten angelangt, lauschte er erst einmal an der Tür. Nichts zu hören. Die Luft war rein. Mi zitterte. Sie spürte seine Anspannung und wusste warscheinlich, was er vorhatte.

Als er die Tür öffnete und nach draußen blickte, erschrak er. Wärend er ge-schlafen hatte, waren genug Sekunden vergangen, in denen die "Langsamen" in ihre Autos steigen konnten, um zur Arbeit zu fahren. Auf der Straße reihten sich die Autos in beide Richtungen. Sie konnten nicht, wie geplant, einfach gerade-aus, über die Straße, zwischen den Häusern durch, in den Wald laufen. Tom sah nach oben; studierte den Himmel. Es war nichts zu sehen, bis auf einige Vögel, die in der Luft "feststeckten". Er fragte sich, ob sich die Drachen auch so vor-sichtig wie er zwischen den langsameren Geschöpfen hindurch bewegen würden.

 

Er blickte zu den Wagen. Vielleicht konnten sie zwischen den Autos eine kleine Pause einlegen, bevor sie versuchten den Wald zu erreichen. Aber boten sie ihnen wirklich Schutz vor den Drachen, oder würden diese sie einfach aus-einander schleudern, um an sie heran zu kommen? Tom hatte schon oft von Menschen gehört, die einfach verschwanden, aber er hatte - soweit er sich erinnern konnte - noch nie von einem Auto gehört, das plötzlich, aus dem Nichts, zerstört wurde.

 

Er legte seine Hand auf Mi's Kopf und zählte still bis Drei. Dann rannte er los und hoffte, Mi würde ihm ebenso schnell folgen. Das tat sie auch. Als er das Hotel verlassen hatte, hörte er auch schon den schrillen Schrei, den er am Vortag gehört hatte. Das Vieh hatte die ganze Zeit auf dem Dach des Hotels gesessen und auf ihn gewartet. Dann kam von Links ein weiterer Schrei. Er hatte Recht gehabt. Es gab mehr als einen. Er hatte es nicht weit bis zu den Autos, aber die Strecke kam ihm vor wie tausend Kilometer. Er schaffte es gerade noch, an die Autos zu gelangen und sich zwischen ihnen zu ducken, still in sich betend, daß er mit seiner Theorie Recht hatte, als auch schon einer der Drachen knapp über ihn hinwegfegte. Der andere Drache tat es dem ersten gleich. Tom's Herz fing wieder an zu schlagen. Es funkionierte. Er blickte erleichtert zur Seite, und sein Herz setzte eine Sekunde aus.

Wo war Mi? Tom sah sich panisch um. Hatten diese Wesen ihm etwa seine kleine Freundin genommen. War sie nicht schnell genug? Dann sah er sie. Sie hatte sich unter einem der Wagen versteckt. Er rief sie leise zu sich. Sie war klein genug, um ohne Gefahr aufrecht zwischen den Autos durchzugehen, aber sie kam geduckt zu ihm, wie ein Hund im "Manöver". Tom umarmte sie und kraulte sie hinter den Ohren. Er konnte sich nicht vorstellen, was er tun sollte, wäre er wieder ganz allein gewesen.

Die Drachen sausten über ihren Köpfen vorbei, nur ein paar Millimeter von den Autodächern entfernt. Tom duckte sich tiefer und konnte Mi gerade noch recht-zeitig festhalten, bevor diese in Panik davonlaufen wollte; direkt in die Klauen dieser Wesen. Was nun? Die Autos boten zwar einen gewissen Schutz, aber sie konnten jetzt weder zum Wald, noch zurück ins Hotel. Die Drachen würden sich sofort auf sie stürzen. Herrgott, war das blöd! dachte er. Er konnte nicht ewig zwischen den Autos bleiben. Die wären spätestens "morgen" nicht mehr da. Tom lehnte sich gegen das Auto und stöhnte. Warum hatte er nicht richtig nachgedacht?

 

Plötzlich war es still. Kein Wuusch. Kein Gekreische. Das war eine Falle. Des-sen war sich Tom sicher. Er schaute nach oben und tastete mit seinen Augen den Himmel ab. Nichts zu sehen. Er stand auf, bereit sich sofort wieder zu ducken, wenn sie zuschlügen. Nichts passierte. Er wußte, daß es nur eine Falle sein konnte, aber er konnte nicht auf eine bessere Gelegenheit warten, die vielleicht nie kam. Er ging in die Knie, schnappte sich Mi und kroch vor das Auto, neben dem er sich versteckt hatte. Dann zählte er wieder leise bis Drei - das hatte vorhin auch gut funktioniert - und rannte los, in Richtung zweier Häuser, die knapp einen halben Meter auseinander standen. Da konnten die Drachen auch nicht an sie heran.

Obwohl er es geahnt hatte, Rutschte Tom's Herz ihm dennoch in die Hose, als die Drachen wieder auftauchten. Er hatte gerade die Hälfte der Strecke zu den Häusern geschafft, als er das Geschrei hörte. Er wagte es nicht, sich umzudrehen und nachzusehen, wie weit enfernt sie noch waren. Das mußte er auch nicht. Er konnte den Atem einer dieser Bestien im Nacken spüren. Er rannte was das Zeug hielt. So weit weg waren die Häuser doch nicht? Seine Beine verkrampften sich, aber er lief weiter. Zum Glück konnten diese "Drachen" wohl kein Feuer spucken. Er schaffte es gerade noch zwischen die Häuser, als ein Drachenschwanz zwischen den Wänden durchfegte. Tom ließ sich auf den Boden fallen. Er spürte wie die Haare der Schwanzquaste über ihn wischten. Mi wand sich unter ihm. Er stand auf. Da kam auch schon ein weiterer Schwanz. Er warf sich erneut auf die Erde und zog Mi mit sich. Die Biester versuchten sie aus ihrem Versteck zu "kehren". Tom setze sich flach gegen eine der Wände und sah hin und her.

Es gab keinen Weg zu gehen. Weder vor noch zurück. Die Drachen hatte sich auf beiden Seiten der Häuser niedergelassen. Sie starrten ihn an; forderten ihn heraus, es doch zu versuchen. Tom lehnte seinen Kopf zurück und schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren die Drachen verschwunden. Nein. Ein zweites Mal würde er nicht darauf hereinfallen. Er massierte seine Beine. Es kam ihm vor, als wäre er kilometerweit gerannt. Mi ließ sich neben ihm nieder und beobachtete ihn. Er kraulte sie unterm Kinn. Plötzlich leckte sie seine Hand, stand auf und ging zum Ende des Ganges, den die Häuser bildeten.

"Mi!" Tom stand auf, fiel wieder hin und kroch so schnell er konnte, die Hand nach Mi ausgestreckt, aber es war zu spät. Sie hatte den Schutz der Wände verlassen und lief auf den Wald zu. Tom schaffte es, aufzustehen und rannte ihr hinterher. Er wußte, die Drachen waren hinter ihm. Er glaubte, ihre Schreie hören zu können. Aber er dachte im Moment nur an Mi. Die hatte den Rand des Waldes schon erreicht. Sie war in Sicherheit. Jetzt dachte Tom an seine eigene Flucht. Er rannte, trotz schmerzender Beine, immer schneller. Er hatte es geschafft. Er war am Waldrand. Er lief weiter und drehte sich um, um zu sehen wie knapp er ihnen entkommen war. Da war nichts zu sehen. Die Drachen hatten ihn garnicht verfolgt. Sie waren wirklich nicht mehr da. Dann spürte Tom einen dumpfen Aufprall und verlor das Bewustsein. Er war gegen einen tiefhängenden Ast gelaufen. Mi rannte erschrocken zu ihm hin und beschnüffelte ihn besorgt.

"Er wird es überleben," dröhnte eine sonore Stimme.

Mi's Kopf schnellte hoch. Vor ihr stand der Grund, warum sie versucht hatte, mit einem Langsamen anzubandeln. Sie konnte nur davor flüchten, wenn sie Jemanden hatte, der sie außerhalb des Waldes vor den Riesigen Wesen schützen konnte. Der Sprecher hatte eine gewisse Änlichkeit mit Mi, aber er war viel grö-ßer und tiefschwarz. Seine Ohren waren spitz, und sein Maul war größer und besaß gewaltige Eckzähne, änlich einem Wasserhirsch. Nur, daß er seine zum

Reißen von Tieren benutzte und nicht, um Knollen auszugraben. Es war ihr Vater.

"Was hast Du getan?" fragte er. "Wie kann dieser Langsame so schnell laufen?"

"Er war schon so, als ich ihn sah," antwortete Mi.

"Hast Du mit ihm gesprochen?" fragte ihr Vater streng. Mi schüttelte den Kopf.

Ihr Vater betrachtete Tom mißbilligent. Er sah zum Rand des Waldes und zum Himmel. Dann drehte er ab und ging in Richtung Dickicht. Mi wusste, daß sie ihm folgen musste. Sie blickte zu Tom, der immernoch bewustlos war und rannte dann schnell ihrem Vater hinterher. Als sie außer Höhrweite waren - falls er aufwachen sollte - blieb ihr Vater stehen. Er schaute sie nachdenklich an. Mi's Augen wanderten zum Boden. Sie scharrte verlegen mit einer Hufe.

"Die Garwin werden verärgert sein," sagte er schließlich. "Es wird wieder einen Waldbrand geben, wenn Du ihn nicht schleunigst von hier fortbringst."

"Ja, Vater," antwortete Mi leise.

"Ich weiß, daß Du dein eigenes Leben leben willst," sagte ihr Vater sanft. Mi sah ihn überrascht an. "Aber das ist nicht der richtige Weg. Dein Leben ist hier, im Wald. Zumindest war es das. Nun mußt Du den Wald verlassen. Was hast Du dir dabei gedacht? Du hast uns alle in große Gefahr gebracht." Zu ihrem Erstaunen, küßte er ihr die Stirn. So zärtlich war er sonst nie. Mi wurde bewußt, was sie verloren hatte.

"Vater-"

"Geh," sagte er und verließ sie. Mi sah ihm hinterher, plötzlich von einer Trau-rigkeit und einem Schuldgefühl befallen, wie sie es nie zuvor gespürt hatte.

***

Der "Langsame" lag noch immer da, wo Mi ihn gelassen hatte. Sie ging zu ihm hin und leckte sein Gesicht. Seine haarlose Haut fühlte sich ungewöhnlich glatt an und schmeckte salzig. Er reagierte nicht. Sie leckte sein Ohr. Das hatte ihre Mutter früher getan, um sie zu wecken. Es funktionierte.

Tom wachte auf, als etwas kühles, feuchtes sein Ohr kitzelte. Er schnellte in die Höhe und erschrak Mi halb zu Tode. Er sah sich mit gehetztem Blick um. Dann beruhigte er sich.

"Na, Mi?" meinte er. "Denen haben wir's gezeigt, was?"

Mi leckte stumm seine Hand. Dann zog sie an seinem Hemd und brachte ihn dazu, aufzustehen. Sie entfernte sich von ihm und sah zurück, ob er ihr auch folgte.

"Ist ja gut," sagte Tom. "Ein alter Mann ist doch kein D-Zug." Mi hatte keine Ahnung, was ein D-Zug war.

Tom klopfte sich den Dreck von seinem Hosenboden und folgte Mi. Er mußte sich ganz schön beeilen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Sie kannte sich hier natürlich viel besser aus als er und viel daher nicht halb so häufig hin

wie er.

Als er sich mal wieder der Länge nach hingelegt hatte und wieder aufsah, war sie verschwunden. Er stand auf und ging in die Richtung, in die er glaubte, sie gehen gesehen zu haben.

Mi war eine ganze Weile gegangen, bevor sie merkte, daß er nicht mehr hinter ihr war. Sie blickt sich erschrocken um und rannte den Weg zurück, den sie gegangen war. Wenn sie ihn nicht schnell fand, würde ihr ihr Vater die Hölle heiß machen. Doch nicht nur das. Die Garwin würden wieder einen - für die "Langsamen" unerklärbaren - Waldbrand verursachen. So etwas passierte nicht sehr oft, aber dafür dauerte es umso länger, manchmal mehrere "Jahre".

Tom hatte sich verlaufen. Kunststück, in einem fremden Wald, dacht er. Er wollte nach Mi rufen, aber er fühlte sich plötzlich beobachtet. Vielleicht war es besser, wenn er sich jetzt so ruhig wie möglich verhielt. Gott allein wußte, was es hier noch für Tiere in "seiner" Zeit gab. Er ging langsam weiter. Einfach stehenbleiben konnte er ja wohl nicht. Er würde wieder zurück zu der Stelle gehen, wo er Mi verloren hatte. Er hätte gleich dort bleiben sollen.

Mi hatte eine gute Strecke zurückgelegt, aber sie konnte ihren neuen Freund nicht finden. Sie sah sich verzweifelt um. Wie gern hätte sie nach ihm gerufen, aber sie wußte erstens nicht, wie sie ihn nennen sollte - für die Waldbewohner waren seine Art, und einige seltsame Tiere im Wald, nur "die Langsamen" - und sie durfte ihm zweitens nicht offenbaren, daß sie sprechen konnte. Wenn ihr Vater oder einer seiner Diener sie rufen hörten, wäre sie für immer verbannt. Aber sie konnte ihn in der Sprache rufen, die er schon von ihr kannte. Also holte sie tief Luft, um möglichts laut zu rufen.

"Spar dir das lieber," sagte eine kleine Stimme. Mi blieb die Luft vor Schreck fast im Hals stecken. Sie hustete sie heraus.

Aus dem Gebüsch neben ihr, kroch ein Skutl (eine Art Mischung zwischen Ratte und Schnabeltier, mit einem kleinen Rüssel statt eines Schnabels). Es war Ra, der einzige Diener ihres Vaters, außer Lo, der Mi mit ein bisschen Respekt behandelte.

"Noch weiß dein Vater nicht, daß Du den Menschen verloren hast," sagte Ra.

"Den was verloren?"

"Den 'Langsamen'," antwortete Ra. "Lo nennt sie 'Menschen'."

Lo war ein Skutl, wie Ra. Er verbrachte früher viel Zeit -unbemerkt - bei den Langsamen und hatte gelernt, ihre Symbole zu verstehen. Er war der Ratgeber von Mi's Vater, doch dieser hatte in ihrer Gegenwart nie das Wort "Menschen" benutzt.

"Das war ganz schön clever von dir, wie Du ihm deinen Namen souffliert hast, Mi," sagte Ra. "Das muß man dir lassen."

"Du weißt wohl nicht zufällig, wo er ist, Ra?" fragte Mi, mit gespielter Eitelkeit.

"Zufälligerweise, weiß ich es sogar," antwortete, Ra noch eitler. "Aber Du mußt dich beeilen, wenn Du ihn vor deinem Vater finden willst. Der Mensch wurde nämlich nicht nur von mir gesehen, wenn Du verstehst, was ich meine."

Mi verstand nur zu gut. Ihr Vater war sehr mächtig. Er hatte viele Spione. Das war auch der Grund warum sie "geflüchtet" war. Sie fühlte sich ständig beobachtet.

***

Tom war sich jetzt absolut sicher, daß er beobachtet wurde. Er hatte den Weg, den er gegangen war, nicht wiedergefunden. Nun stand er da und wußte weder vor noch zurück. Wäre er doch bloß im Dorf geblieben. Und was dann? Hierher konnten ihm die Drachen nicht folgen. Aber gab es im Wald vielleicht andere Gefahren? Schlimmere? Vor ihm raschelte es im Gebüsch. Hinter ihm auch. Und rechts. Links. Über ihm kletterte etwas durchs Geäst. Das war nur die Natur. Neugierige, harmlose, dumme Tiere. Hoffentlich.

Er ging schräg nach rechts; wollte zwischen zwei "Beobachtern" durchgehen. Es klappte. Na, bitte, dachte er. Nur dumme Tiere. Nach einigen Schritten blieb er stehen. Vor ihm blitzten mehrere Augenpaare. Er ging weiter. Die Tiere ließen ihn gehen, aber sie folgten ihm, Schritt für Schritt, und ließen ihn nicht aus den Augen. Sie schienen ihn nicht fressen zu wollen. Sie beobachteten ihn nur sehr eindringlich. Das wurde Tom langsam unheimlich. Er ging schneller. Die Tiere taten es ihm gleich. Er blieb stehen. Die Tiere auch. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Plötzlich ertönte ein scharfes "Miiih!", und die Tiere verschwanden.

Mi drang aus dem Busch vor ihm. Tom war so froh, daß er sich auf die Knie fallen ließ und ihr um den Hals fiel. Mi leckte sein Gesicht. Sie zog wieder an seinem Hemd und forderte ihn somit erneut auf, ihr zu folgen. Diesmal ging sie langsamer voran und sah sich öfter nach ihm um.

Der Wald war viel größer als Tom es sich vorgestellt hatte. Sie gingen viele "Tage" lang. Als seine Vorräte aufgebraucht waren, began er Früchte zu sam-meln, die auf ihrem Weg lagen. Irgendwann mußte er auch mal etwas Fleischiges zu sich nehmen. Das konnte er sich nicht so schnell abgewöhnen. Dadurch hatte er auch eine seiner Freundinnen verloren. Die war nicht nur Vegetarierin. Die war sogar Veganerin. So was. Für sie war er ein "massenmordender Neandertaler". Als hätte er selbst die Tiere mit seinen bloßen Händen zerfetzt.

Immer wenn Tom sich schlafen legte, verschwand Mi in den Dickicht. Sie traf sich dort mit Ra, der ihr das neuste uber die Stimmung ihres Vaters verriet. Skutl waren sehr schnelle Wesen. Ra konnte mit Leichtigkeit zwischen Mi und ihren Vater hin und her huschen, ganz gleich wie weit Mi und der Mensch schon gegangen waren.

Natürlich sah Tom auch Tiere, die er aus "seiner" Zeit kannte. Rehe, Eichhörn-chen, Vögel und auch einmal einen Dachs. Sie standen da, wie Statuen, als seien sie ein Teil der Pflanzenwelt. Einmal spielte er mit dem Gedanken, ein Reh zu berühren, aber er wollte es nicht verletzen. Ein anderes Mal wäre er beinahe in einen Käfer gerannt, der direkt vor seinem Gesicht in der Luft "steckte". Anfangs kam er nicht aus dem Staunen, aber nachdem sie schon mehrere "Tage" gereist waren, hatte er sich so sehr daran gewöhnt, daß er sie kaum noch bemerkte. Wie groß der Wald doch war. Das erstaunte ihn noch immer.

***

 Am Ende des "Trampelpfades" kreuzte ein kleiner Fluß ihren Weg. Am Ufer wollte ein Bär gerade damit beginnen, seinen frischgefangenen Fisch zu verspeisen. Tom lief das Wasser im Mund zusammen. Er war es satt, ständig nur Beeren und andere Früchte zu essen. Er nahm dem Bär seinen Fang vor der Nase weg. Ein seltsames Gefühl war das schon, einem so großen Raubtier so überlegen zu sein.

Und wie kriege ich den jetzt gar? fragte er sich. Da ein Feuer "Stunden" brauchte, und der Fisch "Tage", blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als ihn roh zu essen. Er hatte einmal, bei seiner Tante in New York, Sushi gegessen. Es war garnicht übel. Der Bär hatte den Fisch ja gerade erst gefangen, also war er auch frisch genug. Er köpfte ihn mit dem Messer, das er seinem Vorrat beigepackt hatte, entschuppte ihn und entgrätete ihn. Dann schnitt er ihn in mundgerechte Häppchen und verschlang ihn schneller als er ihn gesäubert hatte.

Als er fertig gegessen hatte, blickte er hoch. Mi starrte ihn fassungslos an. Er hatte angenommen, da sie einem Reh so sehr glich, daß sie sich rein pflanzlich ernährte. Aber mußte dem so sein? Tom schämte sich und nahm sich vor, das nächste Mal mit Mi zu teilen. Dann schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn. Er konnte doch selbst einen Fisch "fangen".

Er ging zum Flußufer und sah ins Wasser. Da waren sie. Sie steckten genauso in der stillen Strömung fest, wie die Vögel und Käfer in der Luft. Tom griff hinein und holte einen Fisch heraus, der groß genug war, daß man bei seinen Anglergeschichten nicht lügen mußte. Er säuberte und filetierte ihn, wie er es mit dem anderen getan hatte. Dann bot er Mi ein Stück an. Sie nahm es und schlang es sofort hinunter. Er gab ihr zwei-drittel des Fisches. Den Rest aß er selbst, da er noch ein wenig hungrig war. Es war ein eigenartiger Anblick, einem "Reh" zuzusehen das Fisch aß.

Er sah zu dem Bären, der jetzt mit einem leicht verdutztem Gesichtsausdruck auf den leeren Boden zwischen seinen Füßen blickte. Er hätte früher daran denken müssen, daß er seine eigene Fische fangen konnte. Es tat ihm Leid, daß der Bär sich nun von Vorne anstrengen mußte. Dann hatte er eine Idee. Er ging zurück zum Ufer und holte noch einen Fisch aus dem Wasser, den er dem Bären vor die Füße legte.

***

Ko kochte vor Wut. Warum war seine Tochter mit dem "Menschen" weiter in den Wald gedrungen, statt ihn wieder in das Dorf zu bringen?

"Aber Ko," sagte Ra, bei dem Versuch, ihn zu beruhigen. "Du hast ihr doch verboten, mit ihm zu sprechen. Wie hätte sie ihn denn dazu bewegen sollen, zurück ins Dorf zu gehen?"

Ko sah durch die Baumkronen, zum Himmel. "Die Garwin waren sehr geduldig. Bis jetzt. Ich weiß nicht, wie lange das noch anhält."

"Sie haben bald den Waldrand erreicht. Mach dir keine Sorgen."

Schon bevor er den letzten Satz beendet hatte, bereute Ra diesen. Ko sah ihn mit vorwurfsvollen Augen an. "Wenn Mi den Wald verlassen hat, fangen meine Sorgen erst richtig an. Sie ist meine Tochter, und ich habe sie verstoßen. Ich

habe sie praktisch den Garwin zum Fraß vorgeworfen."

Ko wandte sich ab von Ra und ging. Er wollte nicht, daß ein Diener ihn weinen sah. Könige waren hart. So kannte ihn Mi. Er hatte sie überrascht, als er sie küßte. Er wünschte, er hätte es öfter getan.

 

VII.

TOM UND MI erreichten den Waldrand beinahe zur gleichen Zeit, in der Ko und Ra darüber sprachen. Tom blickte verzweifelt auf die Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitete. Es war ein ödes Land, flach und ohne jeglichen Schutz vor den Drachen. Hier und da waren einige - viel zu kleine - Büsche und Sträucher verteilt. Er blinzelte. Hinten am Horizont konnte er die Spitzen von Bergen ausmachen, die sich mit dem Grau des Himmels vermischten. Das würden sie nie und nimmer schaffen! Es war unmöglich, so lange vor den Drachen davon zu laufen.

 

Tom fühlte sich sehr müde. Er konnte nicht richtig darüber nachdenken, wie es nun weiterging. Er entschloß sich, wieder ein Stück in den Wald zurückzugehen, um erstmal darüber zu schlafen. Er gähnte und kratzte sich abwesend am Hintern. Seine Hosentasche fühlte sich leer an. Er griff hinein und stellte fest, daß die "Drachenschuppe" verschwunden war. Ebenso seine Brieftasche. Naja, damit konnte er ohnehin nichts mehr anfangen. Er würde sicher von seinem Chef als vermißt gemeldet, und wenn jemand seine Brieftasche hier fand, würde mann sich sicher wundern, wie - oder wieso - er von Chicago bis hierher gekommen war. Wo auch immer das war. An einer geeigneten Stelle legte Tom seinen Proviantsack als Kissen hin und schlief sofort ein, als sein Kopf dieses berürte. Mi ging in den Wald, um mit Ra zu reden, der sicherlich in der Nähe war.

***

Zu ihrer Überraschung war nicht Ra, sondern Lo zur Stelle. "Das wird dir zwar nicht viel nützen, da Du nicht mit ihm sprechen darfst, aber ich dachte, es würde dich vielleicht interessieren, wie er heißt," sagte er.

"Woher willst Du seinen Namen wissen?" fragte Mi.

"Ich fand seinen Beutel. Darin bewaren die 'Menschen' ihren Namen und ihre Persönlichkeit."

"Ihre Persönlichkeit?"

Lo sah, beinahe angeekelt, in Tom's Richtung. "Ohne diese Beutel, sind sie nichts. Niemand glaubt ihnen, wer sie sind."

"Das glaube ich nicht," sagte Mi. "Ich weiß doch auch so, daß Du Lo bist, auch ohne einen 'Namens-Beutel'."

"Die 'Menschen' haben sich schon so lange gegenseitig betrogen, Daß sie einander nicht mehr vertrauen. Eine scheußliche Rasse. Sie töten einander auf die grausamsten Weisen, ohne jeglichen Grund. Sei vorsichtig, Mi." Lo wandte sich ab, um zu gehen.

"Warte," sagte Mi. "Du wolltest mir doch seinen Namen verraten."

Lo lächelte. "Er heißt Tom Allan," sagte er und ging.

 

***

Tom wußte, daß er träumte. Er wußte es, weil es etwas war das er schon hinter sich hatte. Anfangs kam ihm der Traum banal vor. Eine alltägliche Situation aus der Vergangenheit. Er saß mit seiner früheren Freundin, Helen (der Veganerin), vor dem Fernseher. Sie sahen sich einen Bericht über Frankreich an, in dem gerade eine fragwürdige Spezialität veranschaulicht wurde: Escargot.

"Barbaren," sagte Helen und wandt angeekelt den Blick vom Bildschirm. "Die armen Tiere lebend ins siedende Fett zu schmeißen."

Tom versuchte sie zu beruhigen. "Die merken davon doch garnichts," meinte er. "Das geht denen viel zu schnell. Ich hab mal einen Naturfilm gesehen, da sagten sie, daß die Außenwelt für Schnecken so rasch verläuft, daß die uns gar-nicht registrieren. Wenn mann sie aufhebt und auf der anderen Straßenseite absetzt, wissen sie garnicht wie sie dahin gekommen sind. Die merken noch nicht mal, wenn direkt neben ihnen ein Haus explodiert."

Helen sah ihn plötzlich sehr ernst an. "Meinst Du, uns geht es auch so?" fragte sie.

"Wie meinst Du das?"

"Na, wie den Schnecken," sagte sie. "Meinst Du, es gibt Wesen die wir nicht registrieren, weil sie für uns zu schnell sind?" -

Tom schreckte auf. Er saß hellwach und schweißgebadet auf dem harten Waldboden. Ihm war eiskalt. Das kam aber nicht daher, daß er klatschnaß war. Das Gespräch von dem er geträumt hatte, hatte einmal wirklich stattgefunden. Was würde Helen nun sagen, wenn sie das hier miterleben könnte?

Er sah sich um. Mi schlief friedlich zu seiner Linken. Tom stand vorsichtig auf, um sie nicht zu wecken und ging zurück zum Waldrand. Als er, dort angekommen, nach links sah, bemerkte er einen kleinen Teich, den er vorher nicht gesehen hatte. Er war ungefähr fünfzig Meter enfernt und so strahlend blau, wie das Meer in der Karibik. Tom hatte noch nie etwas so schönes gesehen. Bis er das Wesen sah, das davon trank.

 

Ein Tier wie Mi hatte er noch nie gesehen, aber dieses Wesen kannte er. Und auch wiederum nicht. Er stand da, wie angewurzelt, mit offenem Mund und be-trachtete das leuchtende weiße Fell und die wunderschön seidigen Mähne und Schweif. Es tänzelte leicht mit seinen befederten Hufen, und die spitze seines Hornes berührte leicht die Wasseroberfläche wärend es trank. Er hatte Märchen darüber gelesen, als Kind, und er hatte von Menschen gehört, die es gesehen hatten, und als sie ihre Augen rieben und wieder öffneten, war es verschwunden.

 

Tom fragte sich, warum niemand ein Wesen wie Mi gesehen hatte - jedenfalls hatte er nie davon gehört. Vielleicht konnten nur Einhörner zwölf Minuten lang völlig regungslos stehenbleiben oder sich, für kurze Zeit, so "langsam" bewegen wie die Menschen. Aber solche Fragen beschäftigten ihn nur unterbewußt. Er sah in diese glänzenden, schwarzen Augen - die er selbst aus dieser Entfernung gut erkennen konnte - und verlor sich darin. Er sah Kinder, dessen Tränen trockneten. Lachende, alte Menschen. Sterbende, die so glücklich waren wie nie zuvor. Eine Wärme breitete sich in seinem Herz aus, die so intensiv war, daß er glaubte, es könnte ihn verbrennen.

Mi tauchte hinter ihm auf. Obwohl sie sich nicht bemüht hatte leise zu sein, hate er sie nicht bemerkt. Sie betrachtete ihn aufmerksam. "Tom Allan", eine grundlos tötende Bestie, ohne Persönlichkeit? Lo mußte sich irren.

Sie sah in die Richtung in die er starrte und sah das Nihi. Sie wußte was passierte, wenn mann in die Augen eines Nihi sah. Mann konnte bisweilen über mehrere Stunden darin gefangen sein. Es war durchaus nichts Unangenehmes. Sie hätte ihm gerne diese Erfahrung gegönnt, aber ihnen lief die Zeit davon. Im Moment schliefen die Garwin. Vielleicht könnten sie es bis zu den Höhlen schaffen. Aber nur, wenn sie sofort aufbrachen.

Kleine Kinder tanzten vor Tom's innerem Auge, und sein Herz tanzte mit. Er fühlte sich federleicht. Würden seine Kollegen ihn jetzt sehen, würden sie nicht glauben, daß das der selbe skrupelose Journalist war, den sie kannten. Er wollte diesen Ort in seinem Inneren nie wieder verlassen.

Ein Kind kam zu ihm und zog an seinem Ärmel. "Komm mit," sagte es. Aber es war kein Kind. Es war Mi. Tom war mit einem Mal wieder wach. Hatte Mi tatsächlich gesprochen? Nein, dachte er. Das war bestimmt nur ein Überbleibsel aus diesem Traum.

Es war natürlich Mi, die gesprochen hatte. Zu spät begriff sie, was sie getan hatte, und als Tom sie, in ersten Moment, fassungslos anstarrte, erschrak sie und wußte nicht was sie tun sollte. Doch eine Sekunde später schüttelte er den Kopf und sah wieder weg. Da wußte sie, daß er es als Teil seines Nihitraumes abgetan hatte. Sie blickte verstört hinter sich. Hoffentlich hatten die Spione ihres Vaters sie nicht gehört. Das war natürlich nur Wunschdenken, aber vielleicht hatte sie ja auch mal Glück.

 

 

 

 

Teil 2

GARWIN

I.

IN EINEM ANDEREN Teil des Landes landeten die beiden "Drachen" die Tom und Mi gejagt hatten, in dem Moment, in dem diese den Waldrand erreichten. Sie befanden sich in einem Kreis aus übergroßen Höhlen. Der Boden bestand aus Millionen von kleinen, äußerst spitzen Steinen, doch das störte sie nicht. Durch zwei Höhlen hindurch, etwas abseits, konnten sie eine weitere Höhle sehen, die dreimal so groß war wie die anderen. Ein weiterer Garwin gesellte sich zu ihnen.

"Ihr habt ihn nicht gefangen," sagte der dritte Garwin mit donnernder Stimme. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er sah die Schuld in ihren Augen.

Die beiden Garwin starrten verlegen auf ihre bepelzten Klauen. "Er hatte zuviel Zeit geschindet," sagte der, der zur Linken des Dritten stand. Seine Stimme klang wie das Röhren eines Walrosses.

"Als wüßte er, daß uns nicht unbegrenzt Zeit bleibt, um ihn zu erwischen," Der zur Rechten des Dritten klang als hätte er seine Stimmbänder dem Alkohol ver-kauft.

Der Dritte sah den Rechten mißbilligent an. "Du solltest hoffen, daß das nicht der Fall ist," sagte er. Dann zu beiden: "Esst, und schlaft dann. Ich werde ver-suchen, den Einäugigen bis auf Morgen zu beschwichtigen." Somit verließ er sie.

Die zwei Garwin gingen zu einer der riesigen Höhlen, die von zwei weiteren Garwin bewacht wurde und verschwanden darin. Einige Sekunden später ertönte ein Geschrei, wie von Tieren die lebendig zerissen wurden. Dann gab es ein knackendes Geräusch, und die Schreie verstummten. Kurz darauf kamen die beiden wieder aus der Futterhöhle und gingen in Richtung Schlafhöhle. Der mit der "Alkohol-Stimme" hustete plötzlich und spuckte etwas kleines aus, das ihm in die falsche Kehle geraten war. Dann ging er weiter. Einer der Wächter sah ihm mit stafendem Blick hinterher. Schmutzfink, dachte er. Dann stieß er einen kleinen Feuerball aus und verbrannte den Schuh.

II.

TOM FOLGTE MI - wenn auch nur zögernd - aus dem Wald heraus, und sie begannen ihre Reise über das freie Feld, auf die Berge zu. Das Einhorn hatte aufgehört zu trinken und sah ihnen hinterher. Tom hätte es zu gerne gestreichelt, aber er hatte irgendwann einmal gelesen (oder gehört?), daß man Einhörner niemals berühren dürfte. Außerdem hatte er auch keine Zeit dafür, denn Mi drängte ihn immer weiter zu gehen. Er sah zum Himmel. Da waren keine Drachen. Vielleicht schliefen sie ja. Mi kannte sich in dieser Zeit besser aus als er. Er würde ihr wohl vertrauen müssen. Trotzdem würde er den Himmel nicht aus den Augen lassen.

Sein Proviant, den er aus der Mini-Bar eingepackt hatte, war schon lange verbraucht, aber er hatte sich unterwegs immer wieder Beeren und andere Früchte eingesteckt, und am Fluss hatte er die beiden Wasserflasche wieder gefüllt. Vielleicht war es nicht genug für diese lange Strecke, die sie bewältigen mußten. Tom hielt an und wollte zurück in den Wald um noch mehr zu sammeln, aber Mi drängte ihn weiter. Sie wusste, daß ihre Zeit knapp bemessen war. Sie müssten sich das was sie hatten sorgfältig einteilen.

 

III.

LO RANNTE SO schnell er konnte - und das war sehr schnell - durch den Wald. Er mußte Ko vor den Spionen erreichen. Die Spione waren Digger (Katzen-große, Maulwurf-änliche Tiere mit scharfen Zähnen und Krallen) und konnten genauso geschwind sein wie Skutl. Sie bewegten sich unterirdisch und waren daher kaum zu sehen. Doch sie waren überall, und sie sahen alles. Lo mußte sich alle Mühe geben. Er hatte mitbekommen, wie Mi zu dem Menschen gesprochen hatte. Das hieß, die Digger hatten es auch gesehen. Aber sie würden Ko nicht erzählen, daß der Langsame es nicht wirklich registriert hatte. Vielleicht hatten sie das Nihi nicht gesehen, aber das glaubte Lo nicht. Die Digger waren nicht wie die anderen. Sie waren bösartig und niederträchtig. Manchmal quälten sie die anderen Tiere und benutzten ihren Rang als Ko's Spione um alle einzuschüchtern. Lo hatte nie verstanden, wie Ko diesen schrecklichen Wesen vertrauen konnten.

"Wohin des Weges?," fragte plötzlich eine nur zu vertraute Stimme direkt vor Lo's Füßen, unter der Erde. Genauso schnell schoß ein Digger aus dem Boden und zwang ihn anzuhalten.

"Geh mir aus dem Weg, Xi," sagte Lo nervös. Er wollte den Digger nicht pro-vozieren. Skutl besaßen keine überlangen Krallen und Zähne. Er wußte, daß er gegen Xi keine Chance hätte.

Xi legte sich quer vor Lo und malte mit einer dolchartigen Kralle Kreise in den Dreck. "Was tust Du wenn ich nicht gehe?" fragte er mit lässiger Mine.

"Xi -"

"Du kannst dir deine Eile sparen, Lo.." unterbrach ihn Xi. "Ko wurde schon längst informiert. Er hat angeordnet, daß seine Tochter den Wald nie wieder betreten darf."

"Ihr habt ihm natürlich nur das erzählt, was in euer Schema paßt," sagte Lo.

Xi sah ihn mit gespielter Betroffenheit an. "Aber Lo. Was denkst Du nur von uns?" fragte er. Dann sagte er absichtlich: "Wir haben kein Nihi gesehen." Als wäre das ein Stichwort, tauchten plötzlich vier Digger rings um Lo auf und zogen ihn mit sich unter die Erde.

IV.

MI DURFTE DEN Wald nie wieder betreten. Sie war für immer verbannt. Die anderen Waldbewohner hatte Ko geradezu gedrängt, es zu tun - die Digger hatten unterwegs Mi's Vergehen ausgeplaudert, bevor sie es Ko erzählten. Nun stand Ko am Rand des Waldes und sah in die Ferne, wo Mi und der Mensch verschwunden waren, lange bevor er hier ankam.

Das Nihi war nicht mehr da. Hätte es noch eine Weile länger da gestanden, wäre es Ko vielleicht in den Sinn gekommen, es zu fragen, was mit seiner Tochter passiert war. Nihi sahen Dinge, die ein sterbliches Wesen nicht erkennen konnte.

Ko drehte sich um und ging zurück in den Wald. Wo war Lo? Er hatte ihm den Auftrag gegeben, auf Mi aufzupassen und ihm regelmäßig Bericht zu erstatten bis sie den Wald verließ. War er mit ihr und dem Menschen gegangen? Noch ein Verräter, dem er vertraut hatte? Es schien, er konnte sich wohl nur noch auf die

Digger verlassen. Es waren Rohlinge - er war sich dessen durchaus klar - aber ihre Berichte kamen immer pünktlich, und sie hatten ihn nie hintergangen.

Soweit er wußte.

Wäre Lo zu ihm gekommen, und hätte er den Bericht der Digger dementiert, hätte Ko ihm geglaubt. Er wollte einfach nicht wahrhaben, daß seine Tochter ihn verraten würde. Aber die Tatsache, daß Lo nicht mehr aufgetaucht war, verstärkte die Aussagen.

 

***

Mi wußte nicht, daß sie verbannt war. Sie hoffte immernoch, niemand habe sie gesehen (bzw. gehört). Sie wußte aber auch nicht, ob sie überhaupt jemals wieder zurückkehren würde. Als sie vor einigen Tagen den Wald verlassen hatte und zu dem "Langsamen" gegangen war, erschien es ihr noch als gute Idee, der ständigen Kontrolle ihres Vaters zu entfliehen. Doch nun kam sie sich kindisch vor, und sie hatte schreckliche Angst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie starrte "Tom Allan" an, wärend sie über die Steppe marschierten, und fragte sich wieso er schneller war als die anderen "Menschen".

Tom ließ den Himmel nicht aus den Augen. Wann würden die Drachen zurück kommen? Sie waren nun fast drei Tage unterwegs, doch sie hatten noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter sich. Tom wollte auf keinen Fall nochmal hier draußen, ohne Schutz, schlafen. Andererseits, wenn sie wach blieben und einfach immer weiter gingen, wären sie vielleicht zu erschöpft, um vor den Drachen zu fliehen. Sein Magen knurrte. Er blickte zu Mi. Sie war bestimmt ebenso hungrig wie er. Er hielt an und setzte sich auf einen staubigen Stein. Seine Kleidung war schon lange davon enfernt sauber zu sein. Er öffnete die Provianttasche und nahm eine Handvoll Beeren heraus. Ein Drittel davon gab er Mi; den Rest aß er selbst. Danach waren beide zwar nicht weniger hungrig, aber mehr konnte er nicht entbehren. Es war zwar verlockend, zu denken sie müßten es nur bis zu den Bergen schaffen, aber von da mußten sie ja auch weiter gehen, und es gab dort wahrscheinlich nichts zu essen. Außerdem hatten sie noch einen weiten Weg, bis dorthin. Tom sah in die Provianttasche und wollte verzweifeln. Es waren noch höchstens zwei Handvoll Beeren darin.  Er wünschte, er hätte mehr eingepackt. Er war aber auch zu dumm.

Seine Augen wollten nicht offen bleiben. Er sah noch einmal unsicher zum Himmel und legte sich dann zögernd hin. Er war so müde, aber er konnte zuerst nicht einschlafen und starrte auf die Wolken über ihm, erwartend, daß diese jeden Moment von einem riesigen, grünen Ungeheuer zerfetzt wurden. Würde er aufwachen, oder würde es ihm direkt den Kopf abbeißen? Er schlief trotzdem ein.

 

V.

DER GARWIN MIT der "Walroß-Stimme" trat aus der Schlafhöhle heraus, um et-was frische Luft zu schnappen. Er atmete tief ein, drehte sich nach Links und hustete die Luft vor Schreck wieder aus. Neben ihm stand der mit der "Donner-Stimme". Er hielt seine rechte Pranke leicht vom Boden. Sie blutete noch immer etwas, dort wo eine Kralle fehlte.

"Der Einäugige war nicht sehr zufrieden mit meinem Bericht, Erster Jäger," sagte "Donner-Stimme". "Als Aufseher ist es meine Pflicht, seinen Zorn auf mich zu nehmen. Aber ich warne euch. Wenn ihr den Menschen diesmal nicht erwischt, laß ich meinen an euch aus. Berichte das dem Zweiten Jäger." aus seinen Nüstern quoll schwarzer Rauch. Der Erste Jäger nickte stumm und ging zurück in die Höhle, um den mit der "Alkohol-Stimme" zu wecken.

Der Aufseher sah ihm hinterher und ging dann in eine andere Höhle. Darin schimmerte und strahlte es so sehr, daß ein Mensch davor die Augen schließen müßte, aber nicht ein Garwin. Der Garwin betrachtete die diversen Edelsteine sehr lange, bevor er sich einen Rubin nahm und ihn hinunter schluckte. Ein prickelndes Gefühl machte sich in seinem Magen breit und wanderte seinen langen Hals hinauf, bis es in seinem Kopf wohltuend brummte.

Als er die Höhle verlassen hatte, konnte er noch die Jäger im fernen Himmel erkennen, die sich auf den Weg zum Wald machten. Hinter ihm sah ein weiterer Garwin, der vor einer anderen Höhle Wache hielt, besorgt zum Himmel.

***

Tom träumte, daß er wieder zu Hause war. Er stand vor seinem Bett und starrte auf den alten Mann, der darin lag. Er hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen, aber er kannte ihn. Er wußte, daß er es selbst war. Seltsamerweise war er ganz gelassen. So werde ich also aussehen, wenn ich alt bin, dachte er.

 

Er lehnte sich nach vorne und berürte die Wange seines alten Ichs. Jedenfalls wollte er es tun. Aber er griff durch ihn durch, als seie der Mann ein Geist. Oder war er der Geist? Er griff nach der Lampe, die neben seinem Bett auf dem Nachtschränkchen stand, und seine Hand ging hindurch, wie durch eine Projektion.

Jemand öffnete die Wohnungstür. Tom drehte sich, immernoch gelassen, um und sah Joey zu ihm ins Schlafzimmer kommen. Er hatte einen blauen Sack bei sich, in den er offensichtlich Toms Hab und Gut verstauten wollte. Er sah Tom nicht, aber den alten Mann sah er. Wie von einer Schlange gebissen, blieb er stehen.

"Hey Mister," sagte er. " Es tut mir leid, aber Sie können hier nicht schlafen."

Joey war höflich zu allen Menschen. Selbst zu vermeintlichen Obdachlosen. Er ging zum Bett und zögerte. Wahrscheinlich hatte er Angst sich bei dem Alten was einzufangen. Doch dann nahm er seinen Mut zusammen und schüttelte den Mann an der Schulter. Aber der reagierte nicht. Er war tot. Joey trat erschrock-en zurück.

"Joey-" began Tom, der hinter ihm stand. Doch Joey konnte ihn nicht hören und rannte direkt durch ihn und aus der Wohnung, ohne die Tür zu schließen.

Tom sah ihm - jetzt nicht mehr gelassen - hinterher. Als Joey durch ihn gerannt war, war es, als hätte ihm jemand Messer in den Bauch gerammt. Ihm

wurde schwarz vor Augen. Konnte man in einem Traum solche Schmerzen fühlen?

Als er erwachte, war der Schmerz immernoch da. Er öffnete die Augen und sah an sich hinab. Auf ihm saß ein riesiger Maulwurf mit übergroßen Krallen, die er in Toms Mitte bohrte. Mi stand neben ihm und tauschte mit der Bestie böse Blicke aus. Das Vieh grinste(!) bis über beide Ohren. Dann drehte es seinen Kopf, sah ihm - sichtlich amüsiert - in die Augen und zog bewußt langsam seine Krallen aus Toms Bauch. Tom konnte sich vor Schmerzen nicht bewegen. Es sprang von ihm herunter. Tom stöhnte. Dann verschwand es blitzschnell unter der Erde.

Tom blieb still liegen. Er dachte, er müßte sterben. Er hatte die Krallen des Biests gesehen. Sie waren tödlich. Er spürte wie Mi an seinen Wunden leckte, und er konnte sie nicht davon abhalten. Vielleicht war es auch gut so. Tiere desinfizierten sich ja auch gegenseitig auf diese Weise. Mi hörte auf, ihn sauber zu lecken und ging zu seinem Kopf. Sie schubste ihn und versuchte, ihn dazu zu bringen, aufzustehen. Vielleicht war er gar nicht so schwer verletzt wie er an-nahm. Aber was wußte Mi schon? Sie war nur ein Tier. Er war sich sicher, daß er sterben würde.

So mit seiner Angst und seinem Selbstmitleid beschäftigt, merkte er erst nach einer Weile, daß die Schmerzen spürbar nachgelassen hatten. Er schaffte es, sich aufzusetzen, und Mi stellte sich hinter ihn, um ihn zu stützen. Tom war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um über ihre "menschliche" Einsicht erstaunt zu sein.

Er betastete vorsichtig seine Verletzungen. Sie waren tief aber nicht so schlimm wie er angenommen hatte. Sie hatten auch schon fast aufgehört zu bluten. Sein Hemd war durchblutet und völlig verdreckt, aber sein Unterhemd war, oberhalb der Verletzungen noch einigermaßen sauber. Er zog beide langsam aus und schnitt mit seinem Taschenmesser die blutige Stelle aus seinem Unterhemd. Dann verband er seinen Bauch so gut es ging, ohne daß die wiederkehrenden Schmerzen ihm das Bewustsein raubten. Anschließend zog er sein Hemd wieder an. Es war zwar schmutzig, aber es war ein besserer Schutz als garnichts.

Er wollte sich noch eine Weile ausruhen. Es würde ihm nichts nützen, vor dem "Maulwurf" davon zu laufen. Das würde er niemals schaffen. Außerdem glaubte er aus irgendeinem Grund nicht, daß das Tier wiederkommen würde. Mi war anscheined anderer Meinung. Sie drängte ihn, aufzustehen und verließ dann ihren Platz als Stütze. Tom fing sich gerade noch rechtzeitig mit den Händen auf, wofür er mit singenden Nerven belohnt wurde. Er zwang sich dennoch auf die Beine, den Proviantsack in der Hand - damit er sich nicht nochmal danach bücken müßte - und humpelte Mi hinterher, die freie, linke Hand an den Bauch gepresst.

 

 

VI.

LO ERWACHTE UND öffnete langsam seine Augen. Es war stockdunkel, und es roch nach feuchter Erde. Sein Rüssel schmerzte, dort wo ein spitzes Stück Fels ihn erwischt hatte, als er unter den Waldboden gerissen wurde, und er hatte rasende Kopfschmerzen. Wahrscheinlich hatte man ihm eine übergezogen, bevor man ihn hierher gebracht hatte. Aber das war nichts, im Vergleich zu dem Feuer das in seinen Schultern und Flanken brannte. Dort hatten die Digger ihre Krallen verankert, um ihn hinunter zu ziehen.

Erst mal die Lage überprüfen. Das war das wichtigste. Er war völlig eingepackt von der Erde. Sie hatten ihn wohl für tot gehalten und hier vergraben. Oder sie hatten ihn bewußt lebendig begraben, um ihn elendig eingehen zu lassen. Er wußte nicht wo Oben und wo Unten war. Seine Tatzen waren direkt vor seinem Gesicht, aber er konnte sie nicht sehen. Er kratzte vorsichtig an der Erde unter - oder über? - ihm und wurde mit einem Auge voll Dreck belohnt. Jetzt wußte er, daß er auf dem Rücken lag. Wie tief sie ihn wohl vergraben hatten? Nach dem, was er von Diggern wußte, konnte er mehrere Meter unter der Erde sein. Seine kleinen Tatzen waren nicht geschaffen, um zu graben, aber eine andere Möglichkeit hatte er nicht. Wenn er Pech hatte, würde er sogar in einem weiteren Tunnel der Digger landen, statt an der Oberfläche, aber dieses Risiko mußte er wohl eingehen.

Lo schloß die Augen und began langsam, trotz der stechenden Schmerzen, mit allen Vieren zu graben.

***

Die Schmerzen in Tom's Bauch hatten sich in ein stumpfes Pochen verwandelt, sodaß er nun wieder einigermaßen normal gehen könnte. Er hatte die ganze Zeit auf den, nun nicht mehr wachsenden, blutigen Fleck auf seinem Hemd gestarrt, als sein Gesicht plötzlich naß wurde. Erschrocken blieb er stehen und schaut auf.

Er war in eine Wand aus Regen gelaufen. Das Wasser hing starr in der Luft, und Tom hatte, wie schon oft zuvor, das Gefühl, es hätte jemand auf die "Stand-bild"-Taste gedrückt. Er hatte wärend seiner Reise beinahe vergessen, daß die Zeit fast still stand.

 

Erst jetzt merkte er wie durstig er war. Die zwei Plastikflaschen, die er zuletzt am Fluß gefüllt hatte waren schon seit zwei Tagen leer. Tom spitzte seinen Mund und versuchte, die Regentropfen aus der Luft zu schlürfen. Das war sicher ein Bild für die Götter, aber es half nicht viel. Da mußte ihm etwas besseres einfallen. Er sah sich um und bemerkte einen großen, flachen Stein zu seiner Linken, etwas außerhalb des "Regenblocks". Er ging zu dem Stein, nahm die Plastikflaschen aus seiner Einkauftüte und leerte den restlichen Inhalt auf dem Stein aus. Als er die kläglich wenigen Beeren sah, wollte er wieder verzweifeln. Die Berge waren jetzt nur noch zirka zwei oder drei Kilometer entfernt, aber was kam danach?

Tom schüttelte seinen Kopf klar und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar. Er nahm die Einkaufstüte an einem Henkel und rannte direkt in den Regen hinein. Die Tüte füllte sich schneller als er dachte. Die erste Ladung mußte er jedoch wieder ausschütten, um den Dreck auszuspülen. Nach weiteren fünf Minuten war die Tüte wieder spürbar gefüllt. Er drehte den Verschluß von einer der Flaschen und kippte vorsichtig den Inhalt der Tüte hinein. Die Flasche

war halbvoll.

 

Er rannte insgesamt noch dreimal durch den Regen, um beide Flaschen zu füllen. Dieses dauerte weiter zwanzig - statt fünfzehn - Minuten, da er sich immer weiter von dem Stein entfernen mußte, weil die Tropfen, die er eingesammelt hatte, nicht so schnell durch Neue ersetzt wurden. Um die eine Flasche nicht sofort antrinken zu müssen, ging Tom ein fünftes Mal durch den Regen. Dann trank er direkt aus der Tüte, indem er eine Ecke an die Lippen setzte, die Tüte vorsichtig kippte und das Regenwasser langsam in seinen Mund laufen ließ. Er trank natürlich nicht alles, sondern krempelte den Rand der Tüte um und stellte diesen provisorischen "Napf" auf den Boden, damit Mi daraus trinken konnte. Als sie fertig getrunken hatte, entkrempelte er die Tüte und tat die Flaschen und die Beeren wieder hinein. Dann machten sie sich auf den Weg durch die Regenwand. Sie ließen einen Tunnel aus trockener Luft hinter sich, durch den man gehen konnte, ohne auch nur einen Tropfen abzubekommen, der jedoch nach zwölf Minuten wieder einstürzte.

Sie waren nur noch zwanzig Meter von den Bergen entfernt, als plötzlich etwas anderes als sie die Regenwand zerbrach. Und zwar von oben. Die Drachen kam-en so schnell auf sie zu, daß Tom keinerlei Chance hatte, rechtzeitig zu reagieren. Die Schmerzen in seiner Mitte und der schlammige Boden taten noch das ihrige hinzu. Er rutschte aus und fiel auf die - Gott sei dank - weiche Erde, als auch schon eine riesige Klaue über ihm ins Leere griff. Doch der zweite Drache kam direkt hinter dem ersten und erwischte ihn an seinem Hemdrücken. Tom wurde mit einem schmatzigen "Plop" aus dem Schlamm gezogen, und er fühlte sich, wie bei seinem letzten Bungee-Sprung, ruckartig in die Höhe katapultiert. Unter ihm wurde Mi immer kleiner. Er glaubte zu hören, wie sie ihn rief. Das konnte nur der Wind sein, der in seinen Ohren rauschte. Er sah zu dem anderen Drachen, der vor ihm flog. Sie hatten Mi nicht angerührt. Wieso?

Die Drachen flogen mit unglaublicher Geschwindigkeit in Richtung Berge. Die sonst so stille Luft schlug Tom ins Gesicht und raubte ihm den Atem. Er mußte nach unten - zu seinen Füßen - sehen, um wieder luftholen zu können. So wehte ihm zwar der Wind die Haare über die Augen, aber wenigstens würde er nicht ersticken. Obwohl das wahrscheinlich besser gewesen wäre als das unbekannte Schicksal, das ihn erwartete. Seltsamerweise war Tom völlig entspannt. Zumindest sein Körper war es. Seine Gedanken rasten wie wild, sodaß er garnicht richtig denken konnte. MiHelenDrachenJoeyMaulwurfSchneckenBlutWasserWaldMiFressenMiJoeyDrache-
SchneckenHelenMiFeuerMaulwurfDrachenBergeMiDrachenTot
.

VII.

DIE GARWIN HABEN Mi, Lo und den "Menschen" gefressen. Das war die Nach-richt, die die Digger in den Wald zurückbrachten, kurz nachdem Xi seine Krallen aus Tom's Bauch gezogen hatte.

Ko hatte sich zurückgezogen. Keiner der Waldbewohner bekam ihn wieder zu Gesicht. Nur Ra wußte - neben den Digger - wo er sich aufhielt.

VIII.

MI RANNTE SO schnell wie ihre kleinen Hufe es ihr erlaubten. In ihrem Maul trug sie "Tom Allan's" Proviant-Tüte. Beinahe hätte sie vergessen, sie mitznehmen, was ein tödlicher Fehler gewesen wäre.

Warum hatten die Garwin sie verschont? Sie hatten doch auch sonst nichts gegen Kit-Fleisch. Es gab nur ein Wesen, das Mi diese Frage beantworten konnte und das vielleicht auch "Tom Allan" helfen konnte. Sie mußte zurück in den Wald.

Nach ein paar Stunden blieb sie erschöpft stehen. Sie kauerte sich hin und legte ihren Kopf auf die Vorderbeine, ohne zu ahnen, daß Lo sich direkt unter ihr seinen Weg nach oben bahnte.

***

never to be continued ...

unvollendet, aber bleibt für immer
in dieser Sammlung
in Gedenken an Elbeino
 

 

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