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Vermin

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Ein seltsames knacken erweckte den seit gestern einundzwanzig jährigen Christian aus dem Schlaf. Er erhob seinen noch schweren Kopf und guckte sich mit verschlafenen Augen im Wohnzimmer um, dass nur von einer kleinen Stehlampe in einer Ecke erhellt wurde.

In der anderen Ecke lief der Fernseher, in dem gerade die Spätnachrichten angesagt wurden. Es war Nacht.

Noch vollkommen verstört musste er erst einmal vorsichtig seine Gedanken sammeln und überlegen, was denn eigentlich für ein Tag war, wie spät es war und was er alleine hier im Wohnzimmer machte.

Aber schließlich kamen die Erinnerungen Schritt für Schritt wieder zurück, als würde ein Computer die Festplatte hoch laden, gleich nach dem anschalten.

Christian war alleine zu hause weil seine Eltern heute morgen zu Bekannten gefahren waren, um dort ein schönes Wochenende zu verbringen. Alleine zu sein für drei Tage störte ihn eigentlich wenig. Schließlich ist er ja alt genug um mal ein paar Tage auf das Haus aufzupassen, ohne das ein Erwachsener anwesend war. Andere in seinem Alter wohnten sogar schon alleine zu Hause.

Er guckte auf seine Armbanduhr und stelle fest das es noch gar nicht so spät war- erst kurz vor zwölf. Wenn er hätte schätzen müssen, hätte er drei oder halb vier gesagt.

Schließlich nahm er die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher aus. Nach dem kurzen blitzen in der Mitte des Bildschirmes verstummte auch schon alles. Eine unglaubliche Stille erschien nun, jetzt wo die Flimmerkiste aus war.

Christian rieb sich die Augen und gähnte laut. Dann setzte er sich schließlich auf und zog seine Hausschuhe an, die vor der Couch lagen.

In dem Moment als er aufstand, konnte er wieder das seltsame Knacken vernehmen, dass ihn gerade geweckt hatte. Dies hatte er schon ganz vergessen. Was zum Teufel war das? Es kam eindeutig aus dem Flur, und war ein Geräusch, dass nicht von selber kam. Es kann immer mal der Boden oder die Decke ein wenig knacken, oder ein etwas zu sehr überladenes Regal. Aber dieses Geräusch war ganz anders. Es hörte sich fast so an, als würde jemand mit seinen Schuhen an der Treppenkante streifen, um sie dann auf den Boden fallen zu lassen. Oder so ähnlich. Er konnte beim besten Willen nicht ausmachen, was das war.

Schließlich stand er auf und ging durch das Wohnzimmer hindurch auf die Küche zu, von wo aus er dann in den Flur blicken konnte.

Nachdem er dort das Licht anmachte, musste er feststellen, dass da gar nichts war.

"Mutter?" rief er laut, und war von seiner plötzlichen Stimme, die die Ruhe so brutal zerriss, regelrecht im ersten Moment erschrocken. "Mutter, bist du das?" Aber er bekam keine Antwort. Tief im inneren war ihm schon ein bisschen unbehaglich. Aber er wollte es nicht zeigen. Selbst jetzt nicht, wo er sogar alleine war.

Er ging auf die Haustür zu, und kontrollierte, ob sie noch richtig verschlossen war- so war es auch. Der Schlüssel steckte schräg von innen, also konnten seine Eltern nicht ins Haus gekommen sein, ohne zu klingeln. Denn steckt der Schlüssel von der Innenseite, ist es nicht möglich, die Tür aufzuschließen.

Neben der Haustür war ein kleiner Raum, der von der ganzen Familie als das >Kleine Zimmer< bezeichnet wurde. Es war der Aufenthaltsraum für ihn und seinem Bruder, wenn das Wohnzimmer besetzt war. Zum Beispiel, wenn seine Eltern Besuch hatten. Auch in diesem Zimmer war eine Sitzgruppe und ein Fernseher vorhanden. Nur war der Raum nicht annährend so groß wie das Wohnzimmer nebenan. Aber trotzdem war Christian auch hier gerne.

Er betrat den Raum und machte das Licht an. Wie ein Scanner tasteten seine Augen durch das Zimmer, um etwas seltsames zu erkennen- aber da war nichts. Alles in bester Ordnung. In der Ecke der Sitzgruppe, konnte er seine schneeweiße Katze namens Poppy entdecken, die ihn mit zugekniffenen Augen anblinzelte. "Na, meine kleine?" Er ging auf das Tier zu, dass groß gähnte um sich dann genüsslich von ihn am Bauch streicheln zu lassen.

"Bist du die jenige, die mir heute Nacht so viel Angst macht?" Die Antwort der Katze war die, dass sie sich auf den Rücken drehte um sich ganz lang auszustrecken.

Einen Moment lang krauelte Christian noch sein Haustier, als plötzlich das Telefon klingelte. Dies passierte dermaßen unerwartend, dass Christian regelrecht zusammenzuckte vor Schreck. Genau wie die Katze, die die Augen weit aufriss.

"Meine Güte", fluchte Christian leise. "Später geht’s nun auch nicht mehr." Er beuge sich vor, um das tragbare Telefon von der Basis zu nehmen, dass nur wenige Meter von der Katze entfernt auf einer Kommode stand. Er betätigte einen Knopf und hielt sich den kabellosen Hörer ans Ohr, um sich mit einem trockenen "Hallo?" zu melden.

Nur wenige Sekunden später strahlte er wieder über die Backen, da es Dawn, seine Freundin war die ihn leise ins Ohr redete.

"Ach, du bist es. Ich hatte mich schon gefragt wer mich so spät noch anruft." Dawn kicherte ein wenig an der anderen Leitung. "Das wusste ich." antwortete sie. "Ich wollte dich mal schocken."

Dawn war achtzehn und ein süßes, liebes Mädchen. Christian war seit drei Wochen fest mit ihr zusammen und noch immer bis über beide Ohren in sie verliebt. Und er hoffte das dies auch auf Gegenseitigkeit beruhte.

"Wollen wir uns treffen?" hörte Christian sie aus der Ohrmuschel fragen. Verdutzt guckte er auf die Uhr.

"So spät?"

"Ja, warum nicht?"

"Ich weiß nicht. Aber von mir aus."

"Okay, ich hole dich dann gleich ab. Dann können wir noch ein bisschen in der Nacht spazieren gehen, okay?"

Zustimmend nickte er, auch wenn sie dies gar nicht sehen konnte. "Alles klar, machen wir. Ich warte dann schon draußen vor der Tür." Sie verabschiedeten sich und Christian legte das Telefon zurück auf die Ladebasis. Dann wandte er sich wieder seiner Katze zu. Zärtlich und liebevoll streichelte er sie an der Kehle. "So, meine liebe. Ich muss jetzt noch mal weg. Ich hoffe du passt schön auf das Haus auf."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar Minuten später verließ Christian das Haus und zog die Tür hinter sich zu, die er auch gründlich verschloss. Zur Sicherheit vor Einbrechern ließ er das Licht im Flur brennen- man weiß ja nie.

Seit dem Einbruch in dem Geschäft wo er arbeitete, ist er sehr viel vorsichtiger geworden. Denn eines Abends nach hause zu kommen, und das Haus durchwühlt vorzufinden, ist ein absoluter Alptraum. Er war schon schockiert, als er seinen Arbeitsplatz so vorfand. Wie sollte er dann bei einem Einbruch bei ihm zu Hause reagieren?

Er zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und zündete sich eine Zigarette an, die er aus einer Schachtel nahm. An der Haustür lehnend dachte er daran, was er wohl morgen noch alles machen könnte, da er frei hatte. Wunderbar an einem Wochentag frei zu haben. Da sind alle Geschäfte auf und man kann machen was man will, dachte er sich. Vielleicht sollte er mal Dawn ins Kino einladen? Wäre doch mal eine nette Idee, oder nicht?

Plötzlich erweckte ein seltsames Geräusch seine Aufmerksamkeit. Erschrocken drehte er sich um. Es war eindeutig ein unregelmäßiges Klopfen, dass auf keinen Fall einem Tier zuzutrauen war. Es war so, als steckte Sinn dahinter.

Total perplex musste Christian feststellen, dass dieses Klopfen aus dem Haus kam! Und zwar von der anderen Seite der Haustür! Es war so, als würde jemand von innen nach ihn klopfen!

Ein paar Sekunden starrte Christian fassungslos auf die Haustür und verfolgte mit den Augen, wie die Geräusche an der Tür nach oben und wieder nach unten wanderten. Was zum Teufel war das? Oder wer? Wer war dieser Spaßvogel?

Schließlich warf er seine Zigarette fort und wühlte in der Jackentasche nach seinem Schlüssel. Mit zitternden Händen schloss er die Tür wieder auf, während das Geräusch sich fortsetzte. Wenn jetzt tatsächlich jemand genau hinter der Tür stehen würde, würde er ihn gleich zu Gesicht bekommen.

Schnell warf er die Haustür auf und das Geräusch verstummte plötzlich wieder. In genau dem Moment, wo er die Tür zum aufwerfen anpackte.

Niemand war da. Kein Mensch, kein Tier. Nicht einmal eine Fliege flog oben an der Decke des Flures.

Ihm war sehr unbehaglich zumute, als er vorsichtig das Haus wieder betrat. Auf der anderen Seite der Haustür waren keine Kratzer oder dergleichen zu erkennen. Er hatte sich das doch nicht etwa eingebildet? Aber es musste doch für dieses Geräusch eine plausible Erklärung geben. Ein Geist kann es ja nicht gewesen sein.

Die Haustür offenlassend, ging er in das kleine Zimmer, um nach seiner Katze zu sehen.

Er schaltete das Licht an, und konnte sofort sein dickes Haustier erblicken, dass ihn wieder mit verschlafenen Augen anblickte.

Seltsam, dachte er. Denn wenn wirklich irgendjemand im Haus wäre, dann würde die Katze das doch auch merken, oder nicht?

Aber die gab kein Anzeichen von Unzufriedenheit von sich.

Langsam ging er auf sie zu und betrachtete sie misstrauisch. So wie noch nie, musste er feststellen.

Ein paar Sekunden hatten er und das Tier Augenkontakt.

"Bist du die jenige, die mir hier so Angst macht?" fragte er leise. Aber die Katze gähnte nur und legte ihren Kopf wieder zurück auf ihre Beine um weiterzuschlafen.

"Hallo?" ertönte es plötzlich aus dem Flur und Christian, sowie die Katze, zuckten erschrocken zusammen. Aber auch nur eine Sekunde später wusste er, dass es sich dabei nur um Dawn handelte, die vor der noch offenstehenden Haustür stand.

Er schluckte einmal kräftig und ging dann zu ihr.

Dawn stand ein wenig verschüchtert in der Tür, kam aber nicht rein. Sie war ein süßes und ruhiges Mädchen, die keiner Fliege was zu leide tun konnte. Das konnte man ihr sofort ansehen.

"Ach, du bist es nur." Stellte Christian erleichtert fest.

"Das ist ja eine nette Begrüßung."

"Sorry, ich war nur eben ein bisschen erschrocken. Ich glaube hier im Haus spukt es." Er ging mit ihr nach draußen vor die Tür. Kalte Nachtluft wehte ihnen ins Gesicht. Lächelnd sah sie ihn zu wie er seinen Schlüssel ins Schloss steckte um die Tür abzuschließen. Es war zwar noch nicht geklärt, was nun dieses Geräusch an der Tür verursacht hatte, aber in Gedanken redete er sich ein, es sei die Katze gewesen. Er wollte auch Dawn nicht davon weiter erzählen, da er sie nicht beunruhigen wollte.

"Das es hier spukt, wusste ich schon immer." Scherzte sie. "Bestimmt der Hausgeist." Während Christian noch die Tür abschloss, drehte er sich zu ihr um. "Warte nur ab, bis du meine Großeltern kennen lernst..."

Christian konnte nicht weiterreden, weil auf einmal etwas unglaubliches und unfassbares passierte, dass die beiden zu Tode erschreckte: Im oberen Stockwerk des Hauses wurde auf einmal der Rollladen hochgezogen! Und zwar der von seinem Zimmer! Und das obwohl doch niemand in dem Haus mehr sein konnte, außer der Katze!

Verdutzt guckte Dawn zu dem Fenster nach oben.

Langsam wurde die Gardine vorsichtig zurückgezogen, als ob jemand gucken wollte, ob Dawn und Christian noch da waren. Erkennen konnten die beiden niemanden, weil es im Zimmer absolut dunkel war.

"Ist noch jemand da?" fragte sie leise. Christian schluckte heftig. Jetzt war er sicher, dass es nicht die Katze war, die ihm Angst machte. Jemand musste im Haus sein!

Leise und mit weitaufgerissenen Augen schüttelte er mit dem Kopf. Dabei wandte er seinen Blick nicht vom Fenster. Die Gardine wurde wieder losgelassen und viel in ihre Ursprüngliche Position zurück.

"Was?" fragte Dawn ungläubig. "Und wer ist dann da oben?"

"Ich habe keine Ahnung!" flüsterte er ihr zu, und als Dawn den verängstigten Blick von Christian sah, wusste sie erst, dass etwas wirklich nicht stimmte!

"Oh, mein Gott." Stammelte sie leise. "Ist das ein Einbrecher?"

"Ich weiß es nicht! Der würde ja nicht so sehr auf sich aufmerksam machen, oder?"

Schnell gingen beide ein paar Schritte von dem Haus weg. Es war das erste mal, dass Christian regelrecht Angst vor seinem Eigenheim hatte. Irgendwie strahlte das ganze Haus plötzlich eine ungeheure Angst auf ihn aus.

"Wir müssen die Polizei rufen!" sagte Dawn ängstlich. Chris nickte. "Du hast recht, gib mir dein Handy!"

Nachdem sie ein wenig in ihrer Jackentasche wühlte, zog sie ihre Hände wieder leer heraus.

"Scheiße, ich habe es vergessen." Stotterte sie ängstlich.

"Kannst du mir bitte mal verraten, warum du dein Handy ausgerechnet heute Nacht vergisst?" wollte Chris gereizt wissen. "Sonst hast du es doch auch immer mit!"

"Es tut mir ja leid!" verteidigte sie sich in einem scharfen Ton. Beide waren sie sehr angespannt. "Aber mein Akku war leer. Deswegen habe ich es nicht mitgenommen."

Ein paar Sekunden überlegte Christian. Er dachte an das schnurlose Telefon gleich neben der Haustür im kleinen Zimmer, wo die Katze darin schlief. Es wäre doch möglich, wenn er schnell ins Haus rennen würde, nur um das Telefon zu greifen, um dann gleich wieder hinauszurennen. Das wäre ja eine Möglichkeit, die klappen könnte.

"Ich gehe schnell rein ins Haus, und hole das schnurlose Telefon. Das funktioniert auch draußen. Dann können wir die Polizei rufen." Schnell packte Dawn ihn an die Arme.

"Was?" rief sie laut und ängstlich. "Du willst doch nicht wieder ins Haus gehen, wenn sich ein Fremder darin aufhält! Was ist, wenn er nur auf dich wartet?"

"Es gibt aber keine andere Möglichkeit!"

"Doch die gibt es!" erwiderte sie. "Wir gehen zur nächsten Telefonzelle oder klingeln bei den Nachbarn!"

"Quatsch! Die nächste Telefonzelle ist fünfhundert Meter weit weg! Wenn wir dann wieder da sind, ist der Typ vielleicht schon mit unserem wertvollsten Sachen verschwunden! Ich habe für alles die Verantwortung!"

Ohne noch ein Wort zu sagen, lief er wieder zurück zum Haus. Wiederwillig ging Dawn mit.

"Das ist doch irre!" An der Haustür angekommen, steckte er den Schlüssel wieder in das Schloss. Dawn guckte hoch zum Fenster. Keine Bewegung war diesmal zu sehen. Die Gardine, sowie der Rollladen bleiben still. Es trieb ihr einen kalten Schauer dem Rücken runter, wenn sie daran dachte, dass vielleicht jemand da oben am Fenster, geschützt in der Dunkelheit, stehen und sie anstarren würde.

"Ich bin sofort wieder da. Ich brauche nur drei Sekunden!" Ängstlich guckte er Dawn in die Augen, die wenige Meter hinter ihm stand.

"Sei vorsichtig." Flüsterte sie leise. "Und mach schnell!"

Er nickte ihr noch einmal zu und lächelte, bevor er sich denn wieder der Tür widmete. Gelächelt hatte er, um ihr ein wenig Mut zu machen. Dieses Lächeln war ihn aber sehr schwer gefallen. In seinem ganzen Leben hatte ihn ein Lächeln noch nie so Probleme bereitet.

Schnell überlegte er noch einmal, ob er dies, was er jetzt vorhatte, wirklich tun sollte. Denn immerhin riskierte er damit eine Menge. Er hatte ja nicht die leiseste Ahnung, wer oder was sich da im Haus aufhielt, und wo derjenige sich jetzt befand. Vielleicht würde er der Person gleich die Tür ins Gesicht schlagen, wenn er schnell ins Haus raste?

Aber schließlich wollte er unter keinen Umständen sein Eigentum alleine lassen, und war fest entschlossen es zu verteidigen. Seine Eltern vertrauten ihm das komplette Haus an, und er wollte sie auf keinen Fall enttäuschen.

Er holte noch einmal tief Luft und schloss kurz die Augen. Einfach schnell die Tür aufschlagen, ins Nebenzimmer rennen, nach dem Telefon greifen und so schnell es auch nur ging, wieder das Haus verlassen und abhauen, dachte er sich.

"Was hast du?" fragte Dawn auf einmal besorgt. Seine Gedanken wurden regelrecht zerrissen und er öffnete erschrocken wieder die Augen.

"Nichts." Antwortete er trocken ohne sich zu ihr umzudrehen. Er schluckte. "Ich komme gleich wieder."

Langsam nickte sie, auch wenn er das nicht sehen konnte.

Und schließlich war es dann soweit: Er drehte den Schlüssel um und schlug die Haustür auf. Dabei rannte er schnell in den Flur.

Christian konnte alles im Haus genau erblicken, auch wenn nur verschwommen. Obwohl er sich nur auf dem Weg in das Nebenzimmer und auf das Telefon konzentrierte, tasteten seine Augen dennoch, ohne das er es mitbekam, jede Ecke ab.

Er hatte ständig in Gedanken, jemanden in die Arme zu laufen. Aber da war niemand. Im Flur zumindest nicht.

Er rannte ins Nebenzimmer und schaltete das Licht ein. Die Katze sprang erschrocken von der Couch, als Christian reinstürmte. Dies störte ihn aber nicht. Geradewegs steuerte er mit einem Mordstempo auf die Kommode mit dem Telefon zu und streckte die Hand danach aus. Aber seine Hand griff ins Leere. Mit entsetzen, als wäre er von einem Blitz getroffen worden, musste er feststellen, dass das Tragbare Telefon aus der Ladebasis entfernt worden war! Denn er wusste genau das er es eben wieder hineingesteckt hatte, nachdem Dawn anrief.

"Scheiße!" fluchte er laut und guckte schnell über den Boden. Dort war es auch nicht vorzufinden.

Aber ein Schatten viel Christian auf, der plötzlich an die Wand vor ihn geworfen wurde. Jemand hatte das Zimmer betreten. Und das war definitiv nicht Dawn.

Ungeduldig und sich auf die Füße tretend, wartete Dawn noch immer vor der Tür. Sie konnte unmöglich einschätzen, wie lange Christian schon im Haus war. Ob zehn Sekunden oder zehn Minuten; sie wusste es nicht.

Die Stille draußen war einfach unerträglich. Nicht einmal eine Grille konnte sie hören.

Sie guckte auf die offene Haustür und sah den Lichtschein der aus dem kleinen Zimmer in dem Flur viel. Was zum Teufel machte er so lange da drin, dachte sie. Er wollte doch nur das Telefon greifen und dann wieder rauskommen! Oder sitzt er auf der Couch und erfreut sich mit einem seiner Freunde darüber, wie sehr sie ihr Angst eingejagt hatten? Wenn das wirklich der Fall wäre, würde sie ihn umbringen.

Langsam ging sie auf die offene Haustür zu, die plötzlich von einem leichten Luftzug nach innen hin aufgeweht wurde und ihr kalt die Kleider hochzog.

"Christian?" rief sie kleinlaut. Aber sie bekam keine Antwort.

"Christian, ist alles okay?" rief sie wieder. Aber nichts. Keine Reaktion. Vorsichtig drückte sie die Haustür auf und blickte in den leeren Flur. Als sie ihren Blick auf dem Boden neben dem Kleiderschrank richtete, konnte sie dort das tragbare Telefon erkennen, dass kaputtgeschlagen in der Ecke lag. Dieses war doch das, was Christian holen wollte, dachte sie erschrocken.

"Christian!" rief sie jetzt laut und sehr ängstlich. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern jemals solche Angst gehabt zu haben.

"Sag was, du Arsch!" rief sie erneut, als sie weiter das Haus betrat.

Plötzlich konnte sie ihn hören: Seine Stimme kam aus dem kleinen Zimmer! Schnell wirbelte ihr Kopf rum zur nur zwanzig Zentimeter weit geöffneten Tür. Sie wusste jetzt zwar, dass er in dem Raum war, aber sie bekam noch mehr Angst. Und zwar wegen dem, was er sagte. Mit einem leisen, verweinten und kaum hörbaren Ton, flüsterte er einfach nur: "Geh...." Dann war er wieder ruhig.

"Chris?" fragte sie leise, während sie sich der Tür zum Zimmer näherte.

"Chris, was machst du da drin?"

Wieder konnte sie ihn hören. Im selben Tonfall flüsterte er nun:

"Geh.... ich liebe dich...... bitte geh....."

Dawn überschütte eine Gänsehaut nach der anderen. Nun konnte er hören, wie er die Nase hochzog.

Schließlich erhob sie ihre Hand, um die Tür leise aufzudrücken.

In genau dem Moment, konnte sie Christian lauthals schreien hören!

Dermaßen durchdringend, dass sich in ihr alles zusammenzog! Es war der grausamste, höchste und fürchterlichste Schrei den sie jemals in ihrem Leben gehört hatte!

Und das war auch der ausschlaggebende Punkt jetzt das Zimmer zu betreten. Schnell schlug sie die Tür auf und rannte hinein. Sie steuerte ihre Beine nicht selber, sondern wurde wie von einer fremden Macht geleitet.

Als sie das Zimmer betrat, trat sie mit ihren Schuhen auf einen Blutgetrieften Teppichboden!

Nachdem sie erschrocken von ihren Schuhen wieder in Richtung Couch aufgeblickt hatte, konnte sie nur noch einen Gegenstand erkennen, der auf sie hinabsauste. Sie begann ebenfalls zu schreien. Dabei hörte sie nur noch leise die verweinten Worte wie Christian sagte: "Es tut mir leid....."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen saß Ronnie Seaver in seiner Mercedes S- Klasse und fuhr gelassen die Hauptstrasse hinunter, die kaum von anderen Fahrern benutzt wurde. Irgendwie war diese Stille in dem Örtchen schon ziemlich beunruhigend. Vielleicht ein schlechtes Zeichen?

Ronnie Seaver war zweiundvierzig Jahre alt und seit zehn Jahren Detektiv bei der Polizei. Er liebte seinen Beruf über alles, auch wenn er dies nie zugeben würde. Schon mehrmals war er kurz davor zu kündigen. Er wurde von seinem Kollegen Frank Coates auf seinem Handy angerufen, während er bei dem Bäcker war um Brötchen für sich und seine Frau Anna zu kaufen um gemütlich zu frühstücken.

Coates rief ihn an, weil im Ort ein grausamer Doppelmord geschehen war und er sollte bitte auftauchen, bevor er etwas gegessen hatte.

Was sollte denn das nun wieder heißen?

Er streifte sich über das Gesicht und rieb sich mit der rechten Hand die Augen, während er mit der linken weiter das Lenkrad festhielt.

Auch wenn er es zu verdrängen versuchte, wurde er nicht den Gedanken los, in wenigen Minuten etwas schlimmes sehen zu müssen. An solche Anblicke hatte bis heute noch nicht gewöhnt. An so was gewöhnt man sich nie.

Als er schließlich im College Parkway einbog, konnte er schon Blaulicht und Krankenwagen sehen. Außerdem etliche Schaulustige die von der Polizei zurückgehalten werden mussten.

Seaver stellte seinen Wagen ein wenig entfernt von dem Trubel auf einen freien Parkplatz ab und stieg aus. Nur ein paar Meter von ihm entfernt war gerade eine Liveübertragung von einem Fernsehteam gestartet. Die Nachrichtensprecherin erzählte von einem Doppelmord, einen Jungen und einen Mädchen, beide fast im selben Alter und so weiter. Seaver wollte nicht zuhören, was die Nachrichten sagten, sondern sich ein eigenes Bild machen. Schließlich war er ja nicht um sonst zum Ort des Geschehens gerufen worden.

Er drängte sich durch die Menschenmenge um zur Haustür zu kommen, wo er bereits seinen Kollegen Frank Coates sehen konnte, der mit einer alten Frau sprach die vielleicht etwas gesehen hatte. Er war erst dreißig und ein gutaussehender junger Mann.

Die Frau schien etwas wichtiges zu erzählen zu haben, denn sie gestikulierte mit ihren Armen wild in der Luft.

Als Frank Seaver erblicken konnte, war er sichtlich erleichtert. Er wandte sich der Frau zu um sich kurz zu entschuldigen und ließ sie denn einfach stehen. Er verdrehte die Augen als er bei ihn ankam. "Gott sei Dank bist du da." sagte er leise. Seaver guckte über seine Schulter hinweg und konnte sehen wie die alte Frau sich umdrehte um zu gehen.

"Hat die Frau was gesehen?"

Coates nickte kurz. "Ja. Aber nichts was mit dem Fall zu tun hat." Beide gingen sie auf die Haustür zu. "Sie hat dir doch aber was erklärt." Widersprach Seaver. "Das ist richtig." Coates mickte. "Sie hat mir erzählt wie sehr ich ihren Sohn ähnle. Spannend oder?"

Seaver drehte sich um und guckte ihn ungläubig an.

"Was?" fragte er.

"Ja, so ist es."

"Na toll."

Beide betraten sie das Haus. Sie kamen in dem Flur an, wo sie als erstes jemanden von der Spurensuche sehen konnten, der in einer Ecke ein völlig zerstörtes und kaputtes schnurloses Telefon untersuchte.

"Wer hat die Polizei gerufen?" fragte Seaver während er seine Blicke über den Boden streifen ließ. "Der Anruf war anonym. Aus einer Telefonzelle ca. 500 Meter von hier entfernt."

"Hat der Täter vielleicht nicht selber angerufen gehabt?"

Coates streifte sich über die Nase. "Könnte sein. Wenn es eine Frau war, die die scheiße hier veranstaltet hat."

Seaver drehte sich zu seinen Kollegen um. "Eine Frau hat angerufen?" "Ja." Antwortete Coates. "Ist das so ungewöhnlich?"

Eine Sekunde sagte keiner was. "Nein, ist schon okay."

Sein Blick viel auf das >kleine Zimmer< neben der Haustür. Er hörte wie darin Fotos gemacht wurden und sah die Blitzlichter.

"Sind die Leichen da drin?"

Coates nickte vorsichtig. "Ja, allerdings."

Plötzlich kam ein kleiner, dicker Kerl aus dem Raum, der Coates und Seaver gleich die Hand gab. Sein Name war O´Niell und der Gerichtsmediziner. Ein netter Kerl, der seinen Beruf über alles liebte, auch wenn es sich immer nur um Tragödien handelte, wenn er zur Arbeit kommen musste. "Guten morgen ihr beiden."

"Morgen O´Niell."

"Nun ja." Er zog die Luft durch die Zähne. "Das ist eine ziemliche Schweinerei da drin. Echt schade das wir uns immer nur dann sehen, wenn ein Mordfall geschehen ist. In diesem Fall sogar zwei."

Seaver nickte. "Das ist wahr. Was hast du bis jetzt?"

O´Niell, der ca. um die fünfundfünfzig war, klappte ein kleines Notizbuch auf in dem er nachlas.

"Also, wir haben da drin einen Jungen und ein Mädchen. Er ist ca. 20 Jahre alt. Das Mädchen vielleicht eins oder zwei Jahre jünger. Der Junge hat hier gelebt. Die kleine zwei Strassen weiter."

Seaver deutete auf die Tür. "Sind sie noch da drin?" Coates und O´Niell nickten. "Ja, so ist es."

Seaver ging auf die Tür zu, um schließlich reinzugehen und sich mal ein wenig umzusehen. Aber O´Niell hielt ihn plötzlich zurück.

"Warte mal. Hast du schon was gegessen?" Fragte er besorgt.

Mit großen Augen guckte er Coates an, der genauso besorgt guckte wie O´Niell. Schließlich schüttelte er mit dem Kopf. "Nein. Noch nicht. Coates hatte mich schon gewarnt."

"Alles klar". Schließlich trat er zur Seite, damit Seaver freien weg hatte.

Einmal holte er tief Luft um schließlich den Raum zu betreten.

Hier drin war es voll. Überall standen Menschen in weißen Kitteln, die auf der Suche nach irgendwelchen Hinweisen und Spuren waren.

Fotographen machten noch immer Bilder von den beiden Leichen und genau wegen denen, konnte er diese auch noch nicht sehen, da sie die Körper verdeckten.

Einer der Spurensicherung kam auf Seaver zu der ihn mit kreidebleichem Gesicht anstarrte. "So was habe ich noch nie gesehen." Dann verließ er den Raum und drängte sich an Seaver vorbei in den Flur.

Er guckte wieder auf die stelle der Leichen und wurde jetzt auf einmal wie von einem Blitz getroffen, denn nun waren sie nicht mehr verdeckt gewesen. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte jetzt plötzlich freie Sicht auf die armen Opfer.

Erschrocken und angewidert viel ihm die Kinnlade runter.

O´Niell und Coates warteten draußen im Flur. Käseweiß trat Seaver wieder auf die beiden zu.

"Geht’s?" Wollte Coates wissen, der ihm kontrollierend in die Augen sah. Dieser nickte nur schwach. Sein Mund war trocken und er hatte Probleme zu schlucken.

"Ja, ist alles okay. Damit hatte ich nur nicht gerechnet."

"Ich mache diesen Beruf jetzt seit sechs Jahren." Fügte O´Niell hinzu. "Und glaube mir: Auch mich hat der Anblick da drin zu Tode erschreckt."

Seaver streifte sich über das Gesicht und lehnte sich gegen den Türrahmen. Aber Coates packte ihn sofort wieder an der Schulter um ihn dort wieder wegzuziehen. "Vorsicht, von da sind noch keine Spuren genommen worden."

Schließlich wandte sich Seaver wieder an O´Niell. "Ich hatte ja jetzt wirklich mit viel gerechnet gehabt, aber mit so was nicht."

Plötzlich wurde O´Niell eine Hand auf die Schulter gelegt. Es war ein Mann von der Spurensicherung, der O´Niell bat, mal kurz mitzukommen.

"Entschuldigt mich bitte kurz." Coates und Seaver nickten nur.

Sie guckten zu, wie der Mann O´Niell zu einer Stelle im Flur führte und ihn ein paar Haare zeigte, die er unter einer Fußleiste hervorzog.

"Dieser Job wird auch nie leichter, habe ich recht?" Seaver guckte zu Coates runter. Er war gute zehn Zentimeter kleiner. "Ich meine: Kaum hat man die eine Scheiße hinter sich, da ist die nächste auch schon griffbereit, nicht wahr?"

Seaver gab auf diese Frage keine Antwort. Stattdessen stellte er eine Gegenfrage. "Weiß er schon, womit die Tat begann wurde?" Mit dem Kinn deutete er auf O´Niell. "Ich meine mit welcher Waffe."

"Nein", Coates schüttelt mit dem Kopf. "Leider noch nicht. Er kann wohl erst mehr sagen, wenn er die beiden auf dem Tisch gewuchtet hat." Durchdringend guckte Seaver Coates in die Augen, weil er ein wenig herzlos gesprochen hatte. Wenn es um zwei Opfer ging, war er grundsätzlich nie zum spaßen aufgelegt.

"Äh, ich meine, wenn er die beiden im Labor untersucht hat." Berichtigte Coates sich selber.

Schließlich kam O´Niell wieder zurück zu den beiden.

"So, ich bin wieder da."

"Was war denn los?" wollte Coates wissen.

"Mein Kollege hat ein Büschel feiner Haare gefunden. Ziemlich fein. Ich denke mal es werden nur Katzenhaare oder so sein. Oder vielleicht die von einem jungen Hund. Muss ich nachher noch untersuchen."

"Der Täter wird wohl kaum eine Katze gewesen sein, oder?" Seaver war forsch. Der Anblick von eben ließ ihn noch immer nicht los.

"Nein." Antwortete O´Niell und sah forsch zurück. "Aber wir müssen nun mal jeder Spur nachgehen."

Auf einmal wurde Seaver von einem Arbeiter der Spurensicherung angestoßen, der den Raum mit den Leichen verlassen wollte. Anstatt sich zu entschuldigen, lachte er Seaver spöttisch ins Gesicht.

"Na Meister?" Kicherte er. "Kein toller Anblick da drin, nicht wahr?" Er kaute auf einem Kaugummi und der Geruch von süßer Erdbeere wehte Seaver ins Gesicht. "Da drin stinkt es schon ganz schön. Sie sollten sich beeilen, bevor es schlimmer wird."

Ehe er noch etwas sagen konnte, packte Coates dem Kerl am Arm. "Du hast jetzt Pause!" wütete er ihn an. "Deine blöden Sprüche kannst du woanders abladen!" Schockiert über Coates´ plötzliche Grobheit guckte er Seaver und O´Niell in die Augen. Dann verließ er das Gebäude ohne auch nur noch ein Wort zu sagen.

"Okay." O´Niell säufste. "Dann wollen wir uns auch noch mal umsehen, oder nicht?" Coates und Seaver nickten. "Alles klar."

Sie holten alle noch einmal tief Luft und betraten dann das Zimmer erneut.

Noch immer waren hier Polizisten und Leute von der Spurensicherung am Werk. Seaver mied den Anblick der Leichen. Absichtlich guckte er auf ein Regal auf dem mehrere Bücher lagen.

Alle drei zogen sich Gummihandschuhe an bevor sie etwas anfassten. O´Niell und Coates gingen zu den Leichen wo sie sich hinknieten.

Seaver versuchte nicht zu atmen. Er hatte das Gefühl gleich losbrechen zu müssen. Reiß dich zusammen, dachte er. Du bist schließlich Polizist, und das sind nun mal Bilder die man verkraften muss, wenn man einen Mordfall zugeteilt bekommt!

Er guckte aus dem Fenster. Draußen schien herrlich die Sonne. Eigentlich wollte er mit seiner Frau Anna gemütlich um diese Zeit frühstücken. Aber nein, er musste ja jetzt hier stehen. In einem fremden Haus, mit zwei Leichen.

Hinter sich konnte er O´Niell und Coates diskutieren hören.

"Was meinst du, woher kommen diese Kratzer?" fragte O´Niell. Er hörte wie Coates sich neben die Leiche auf die Couch setzte um einen besseren Blick zu haben. "Ich weiß nicht. Für Katzenkratzer zu fein. Würde sagen, dass diese von einem Skalpell kommen, oder etwas in der Art. Was meinst du, Seaver?"

Seaver schloss die Augen. Er hatte geahnt, dass diese Frage gleich kommen würde. "Ronnie, ist alles klar bei dir?" fragte Coates erneut.

Jetzt hatte er ihn mit dem Vornamen angesprochen gehabt. Das machte er eigentlich nur wenn die beiden Privat zusammen etwas unternahmen. Auf der Arbeit redeten sie sich grundsätzlich nur mit Nachnamen an. Die beiden kannten sich schon mehrere Jahre, waren Arbeitskollegen und gute Freunde.

"Ronnie?"

Schließlich drehte Seaver sich nun um. Es musste sein.

"Nein, mir geht es gut. Der Geruch stört mich nur etwas." O´Niell zog die Augenbraunen hoch. "Ach, riecht das hier drin etwa?"

Coates nickte nur. "Ach du scheiße." Stellte O´Niell fest. "Ich mache den Job schon entschieden zu lange. Auch nicht gerade toll zu behaupten, dass ich mich an Verwesungsgeruch schon gewöhnt hat."

O´Niell redete noch weiter. Aber Seaver konnte dies nicht hören, denn er guckte nur auf die beiden Opfer, die neben O´Niell und Coates Arm in Arm nebeneinander saßen. Fliegen schwirrten um die Leichen herum und setzten sich auch zu genüge auf die beiden Kollegen ab, dass diese gar nicht wahrnahmen. Viel schlimmer als die groteske Haltung der beiden Leichen war, dass Christian und Dawn die Köpfe fehlten.

"Meinst du auch das dies Schnitte von einem Skalpell sind?"

Heftig schüttelte Seaver mit dem Kopf. "Kannst du mir mal sagen, woher ich das wissen soll?" fauchte er zurück. "Ich bin, zum Teufel noch mal, kein Gerichtsmediziner!"

O´Niell und Coates sagten nichts. Denn er hatte ja auch recht.

"Wo sind die Köpfe gefunden worden?"

O´Niell ließ die Luft aus seinem Körper raus. Coates antwortete.

"Gar nicht."

"Was?"

"Die Köpfe sind unauffindbar. Wahrscheinlich hat der, oder haben die Täter sie mitgenommen." Er guckte wieder auf die Opfer, die händehaltend nebeneinander saßen. "Dieses kranke Schwein...."

Seaver lief einige Schritte wieder zurück zur Zimmertür. "Sorry, aber ich muss hier raus. Ich sehe mich draußen noch mal ein bisschen um, alles klar?" Coates und O´Niell nickten. "Alles klar. Wir werden hier wohl auch nicht mehr viel machen können. Ich denke wir sind hier fertig." Sie standen auf. "Im Labor kann ich mehr sagen."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gegen fünf Uhr Nachmittags schloss Seaver die Wohnungstür seines Hauses auf. Er wohnte mit seiner jungen Frau alleine in einen tollen Haus direkt an einer Weide. Die einzigsten Nachbarn waren ein paar Kühe, die den ganzen Tag nur fraßen und ab und zu mal neugierig auf die Terrasse guckten.

Er hatte dieses Haus von seinen Eltern geerbt, dass schon seit drei Generationen im Familienbesitz war.

Niemals würde er auf die Idee kommen dieses Haus, für dass sein Großvater Jahrelang geschuftet hatte, zu verkaufen. Vom Wohnzimmer aus, konnte man nach draußen auf eine tolle Terrasse gehen. Dort saß er am liebsten um zu arbeiten, zu lesen oder auch einfach nur um ein bisschen zu dösen. Dies ging natürlich nur, wenn das Wetter auch mitspielte.

Noch im Flur des Hauses sprang ihn gleich sein Schäferhund entgegen. Ein tolles, ausgewachsnes und liebebedürftiges Tier, dass schwanzwedelnd und hechelnd darauf wartete am Kopf gekrauelt zu werden.

Er legte seinen Mantel und Schlüssel auf die Treppe ab um sich seinem Tier zu widmen. "Na, mein großer?" Er kraulte ihn am Hals. "Hast du einen schönen Tag gehabt?"

Schließlich stand Seaver wieder auf um nach seiner Frau zu sehen. "Anna?" rief er laut. Aber keine Antwort. "Anna bist du da?" Eigentlich müsste sie da sein, da ihr Auto draußen vor der Tür stand. Und wo sollte sie denn hingegangen sein? Viele Möglichkeiten gab es doch eigentlich nicht.

Er lief, gefolgt von seinem Hund, in das Wohnzimmer. "Anna?"

Jetzt konnte er sie sehen: Sie lag auf der Couch und schlief. Sie war beim lesen eingeschlafen. Das Buch "Vom Winde verweht" lag aufgeschlagen auf ihrer Brust. Wollte sie dies etwa schon wieder lesen? Sie hatte es doch sicherlich schon etliche male durchgelesen gehabt.

Er nahm ihr das Buch ab und legte es, ohne es zuzuklappen zurück auf den Tisch.

"Schatz? Bist du wach?" Nachdem sie wieder keine Reaktion zeigte deckte er sie mit einer Wolldecke zu, die er von einem Stuhl in der Ecke des Zimmers holte. Dann verließ er leise wieder, gefolgt vom Hund, den Raum.

Am nächsten Morgen kam Anna verschlafen ins Badezimmer getorkelt, während Seaver dabei war sich zu rasieren.

"Guten Morgen." Sagte sie kleinlaut.

"Morgen. Du hast ja geschlafen wie ein Baby."

Sie gähnte. "Ich weiß. Ich hatte gestern Überstunden. Und wie sieht es bei dir aus?"

"Gut, gut." Log er. Er bekam die ganze Nacht die schreckliche Tat nicht aus dem Kopf.

"Das war ja gestern den ganzen Tag in den Nachrichten. Eine schlimme Sache."

Er setzte seinen Rasierer ab und drehte sich zu ihr um, die sich auszog um unter die Dusche zu steigen.

"Was genau haben die Nachrichten denn berichtet?"

Sie warf ihr Nachthemd auf das Klo. "Nun ja, dass ein junges Pärchen tot aufgefunden wurde. Und das hier im Ort. Unglaublich."

"Sagten die Nachrichten auch wie?"

"Nein. Nur das was ich sagte. Wieso? Wie wurden sie denn aufgefunden?"

Reichel begann weiter seiner Tätigkeit mit dem Rasierer nachzugehen. "Ach, dass lassen wir besser mal."

Anna wollte gerade in die Dusche steigen, blieb aber schließlich stehen. Seine Geheimnistuerei kam ihr komisch vor.

"Was ist denn passiert?"

"Ich bitte dich, Anna." Durch den Spiegel sah er ihr in die Augen. "Bitte zwinge mich nicht darüber zu reden. Und glaube mir: Du möchtest es gar nicht wissen."

Ungefähr zwanzig Minuten später saßen beide am Frühstückstisch. Während Seaver in der Zeitung las, holte Anna von draußen die Post rein. Sie war eine junge und hübsche Frau, um die 35 Jahre, ca. 1,70 cm groß und schlank. Sie lief wieder in ihrem Morgenmantel rum. Diesen hatte sie zum Hochzeitstag von seinen Eltern geschenkt bekommen. Anscheint trug sie ihn gerne.

Mit mehreren Briefen kam sie zurück in die Küche und durchsuchte den Stapel.

"Und?", fragte Seaver ohne von der Zeitung aufzusehen. "Ist was interessantes dabei?"

"Nein." Sie guckte weiter. "Nur Rechnungen und ein Brief von meiner Schwester."

Erstaunt guckte Seaver sie an. "Von deiner Schwester?"

"Ja, was ist da so schlimmes dran?"

Er leckte sich den Zeigefinder an, um auf die nächste Seite zu blättern. "Nichts, ich finde es nur seltsam, dass du sie mir noch nie vorgestellt hast. Oder das sie sich selber mir noch nie vorgestellt hat. Wir sind seit drei Jahren verheiratet und ich kenne sie gar nicht."

"Da hast du schon recht." Stimmte sie zu und setzte sich wieder zu ihm an den Tisch. "Aber sie lebt halt im Ausland. Sie kommt da nicht weg...." Plötzlich stockte sie, da ihr ein Brief aufgefallen war, der keinen Absender trug, sondern auf dem einfach nur mit Hand geschrieben stand: "Für Mr. Seaver."

"Sieh mal, hier." Seaver drehte seinen Kopf wieder von der Zeitung weg und erblickte den seltsamen Brief.

"Von wem ist der?" Wollte er wissen.

"Das weiß ich doch nicht. Mach ihn doch einfach mal auf."

Seaver faltete die Zeitung wieder zusammen, legte sie auf dem Tisch und nahm seiner Frau den Brief ab. Es war ziemlich komisch, da auf dem Brief keine Adresse stand und auch keine Briefmarke in der Ecke klebte. Also musste dieser Brief persönlich eingesteckt worden sein.

Schließlich nahm er sein Brotmesser vom Teller, steckte die Spitze in den Briefschlitz und mit einem Ruck hatte er ihn geöffnet.

Nachdem er das Messer wieder zurück auf dem Tisch legte, holte er einen kleinen Zettel heraus den er auseinander faltete.

Mit einem roten Filzstift wurde folgender Text in die Mitte des Blattes hingekritzelt: "Mr. Seaver, ich kann Ihnen helfen. Kommen sie heute Abend um sieben in den College-Parkway, Hausnummer 24. Und bitte pünktlich!"

Das war’s. Mehr stand da nicht geschrieben.

Der Name der Straße kam ihn sofort bekannt vor. Es war die Straße, in der man gestern die beiden Mordopfer gefunden hatte. Hausnummer vierundzwanzig? Das müsste sogar ziemlich in der Nähe des Tatortes sein. Nein, eigentlich sogar direkt dran, denn der Tatort hatte Nummer zweiundzwanzig.

"Von wem ist er?" Wollte seine Frau plötzlich wissen.

Um sie nicht zu beunruhigen, steckte er den Zettel zurück in den Umschlag. "Das war von Frank. Er hat mir nur was mitgeteilt."

Er stand auf und brachte seinen Teller zur Spüle. "Wieso schreibt er dir einen Brief? Was ist aus seinem Handy, Fax oder Computer geworden?" Er ging auf sie zu und gab ihr einen Kuss. "Bitte, Schatz. Ich muss jetzt los. Ich rufe dich nachher mal an, okay?"

"Okay. Sei Vorsichtig."

"Bin ich doch immer."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langsam bog er mit seinem Mercedes in den College-Parkway ein. Es war zehn vor sieben am Abend.

Dies war ein langer Tag gewesen. Stunden hatte er nur damit verbracht gehabt Zeugenaussagen zu bearbeiten und sich Spuren anzusehen. Und dann musste er sich auch noch eine Ausrede einfallen lassen, die ihn erlaubte das Polizeigebäude früher verlassen zu dürfen. Denn schließlich durfte er seine Verabredung, sein "Blind Date" heute Abend nicht verpassen, was auch immer der Hintergrund war. Er konnte es sich selber nicht erklären, aber er kam alleine und hatte auch keine Verstärkung ein paar Meter versteckt gehabt. Dies war natürlich ziemlich riskant, denn immerhin wusste er noch nicht, wer oder was ihn gleich erwarteten würde.

Er kam am Tatort an. Das Haus mit der Nummer zweiundzwanzig. Polizeibänder versperrten den Eingang und ein großes Schild auf dem: "Betreten Verboten" geschrieben stand hing daneben.

Ob noch welche von der Polizei da waren? Sicherlich. Wenn es um Spurensuche ging, konnte man schließlich nicht gründlich genug sein.

Er parkte sein Auto vor dem Gebäude und stieg aus, nachdem er die Handbremse gezogen und das Licht ausgemacht hatte.

Es war zwar erst sieben Uhr Abends, aber trotzdem begann es schon ziemlich dunkel zu werden. Dunkle Regenwolken überzogen langsam den Himmel.

Nachdem Seaver sich schließlich noch mal vergewisserte, dass er sein Auto vernünftig verschlossen hatte, ging er auf die Haustür des Tatorthauses zu, um durch das kleine Fenster neben dran hinein zusehen. Aber im Haus war es dunkel. Wahrscheinlich waren bereits alle Spurensicherungen abgeschlossen.

Dann machte er sich auf dem Weg nach Hausnummer vierundzwanzig zu suchen. Die konnte ja nicht weit entfernt sein. Langsam schlenderte er leise durch die völlig leere und stille Straße. Ein kalter und feuchter Wind wehte ihm ins Gesicht. Es war sehr ruhig hier. Eigentlich schon zu ruhig. Als wären alle Menschen ausgestorben.

Auch wenn das hier ein schöner Fleck war, war er trotzdem froh, hier nicht zu wohnen. Sein Platz war schon noch ein bisschen schöner.

Als Seaver ganz in gedankenversunken über den Bürgersteig schlenderte, viel sein Blick schließlich auf eine, aus Holz bestehende, Hausnummer. Schön verziert hing die vierundzwanzig an einem Gartenzaun. Und er hatte recht gehabt: Das Haus stand nur wenige Meter vom Tatortgebäude entfernt: Direkt schräg gegenüber.

Er drehte sich noch einmal um und war überrascht davon, was man von hieraus für eine genaue Aussicht auf das Haus mit der Nummer zweiundzwanzig hatte.

Er betrat das Grundstück und ging drei Meter über einen Steinweg auf die Haustür zu. Nach kurzem Zögern legte er schließlich den Zeigefinger auf die Klingel und betätigte diese.

Noch in der selben Sekunde wurde die Tür auf einmal aufgerissen und eine ca. 35 Jährige Frau stand in der Tür. Erschrocken zog Seaver seine Hand von der Klingel zurück.

"Guten Abend." Sagte sie ruhig und gelangweilt. Einen Moment überlegte Seaver was er sagen sollte. Er zögerte.

"Guten Abend. Mein Name ist Seaver..."

"Ich weiß wer sie sind." Unterbrach ihn die Frau auf einmal.

"Ach ja?"

"Ja." Sie zog an einer Zigarette, die sich aber kurz danach als Joint entpuppte. Mein Gott, dachte er. Was für ein Wrack!

Sie stand halbnackt in der Tür und hatte sich nur einen Morgenmantel übergeworfen gehabt. Durch ihre kleine Nebenbeschäftigung mit dem Joint, waren ihre Augen ganz rot geworden. Außerdem schien sie betrunken zu sein.

"Schließlich habe ich ihnen ja auch den Brief geschrieben." Sagte sie und pustete den Rauch an ihn vorbei.

"Okay." Er überlegte was er sagen sollte, denn die alte kam ihn sicherlich alles andere als normal vor.

"Darf ich vielleicht wissen wie sie heißen und worüber sie mit mir reden wollen?"

Sie nahm erneut einen Zug und machte ihn dann den Weg frei, so das er das Haus betreten konnte.

"Kommen sie erst einmal rein." Er überlegte er für ein paar Sekunden. Dann trat er ein. Hinter ihn schloss sie die Tür, nachdem sie noch einen Blick auf die ruhige Nummer zweiundzwanzig schräg gegenüber geworfen hatte.

Sie führte Seaver ins Wohnzimmer. Auch wenn das Haus von außen ziemlich wuchtig und groß aussah, wirkte es von innen irgendwie klein und eng.

"Setzen sie sich." Sie deutete auf einen Sessel, auf dem eine kleine Katze lag und sich putzte. "Äh, danke."

Die Fremde merkte jetzt nach seinem zögern erst, dass der Sessel bereits belegt war und nahm die Katze gleich runter. "Komm, meine kleine. Wir haben Besuch." Sie legte das Tier auf den Boden. "Der Mann muss jetzt erst mal da sitzen."

Seaver setzte sich hin und guckte die Frau an, die sich ebenfalls auf eine Couch setzte und ihn nur anstarrte.

"Also?" fragte er.

"Oh, tut mir leid. Ich hätte nicht noch eine kiffen sollen, wo ich doch wusste das sie kommen." Sie nahm einen alten und vollen Aschenbecher vom Tisch, den sie unter die Couch schob.

"Darf ich erfahren wie sie heißen?"

"Natürlich." Sie stand auf und hielt ihm die Hand hin. "Mein Name ist Sue Price. Angenehm."

Seaver gab ihr die Hand und nickte. "Danke gleichfalls. Meinen Namen kennen sie ja bereits."

Sie nickte. "Das ist richtig."

"Alles klar." Er klatschte in die Hände. "Jetzt wo wir wissen wie wir heißen, würde ich gerne wissen, warum sie mich herbestellt haben."

Die Frau lehnte sich zurück und holte tief Luft. Irgendwie kam ihn diese Frau vor wie eine Prostituierte, so wie sie sich gab.

"Also, ich hoffe sie behalten das alles für sich."

Er zuckte mit den Schultern. "Tut mir leid, dass kann ich nicht versprechen. Es kommt ganz darauf an was sie mir erzählen."

"Oder zeigen." Sie stand auf und ging zum Fernseher in die Zimmerecke. Bevor sie ihn allerdings anschaltete, drehte sie sich wieder zu ihn um.

"Wissen sie was ich bin?" Fragte sie plötzlich.

"Was sie sind?" Wiederholte er.

"Ja. Soll ich es ihnen sagen?"

Für ein paar Sekunden wusste er nicht worauf sie hinaus wollte. "Sprechen sie sich ruhig aus."

Die Frau nahm vom Fernseher die Fernbedienung und setzte sich wieder auf ihren Platz.

"Ich bin ein Voyeur." Gab sie plötzlich mit unverzogener Miene preis. Seaver betrachtete sie. "Bitte?"

"Ich bin ein Voyeur. Schon seit Jahren. Ich finde es toll nachts Leute zu beobachten und zu filmen. Das macht mich an."

Seaver blieb ruhig.

"Ich will damit sagen, dass ich heute Nacht die Opfer gesehen habe."

Jetzt wurde es für Seaver auf einmal interessant. Er lehnte sich vor.

"Sie haben die Opfer gesehen?" Wiederholte er forsch. Die Frau nickte und deutete mit dem Kinn in Richtung Fernseher. "Ich habe sie auch gefilmt."

Plötzlich viel ihm alles aus dem Gesicht. "Warten sie, ich zeige es ihnen."

Sie zielte mit der Fernbedienung auf dem Fernsehschirm und betätigte auf einer anderen Fernbedienung die >Play< - Taste.

Der Videorecorder startete.

Seaver konnte das nicht glauben. Eine Videoaufzeichnung von dem Mord, oder ein paar Minuten davor, kann auch schon sehr entscheidend für die weiteren Ermittlungen sein.

Das Fernsehbild wurde sichtbar und zu sehen war die Nummer zweiundzwanzig - dass Tatorthaus. Direkt schräg gegenüber.

"Das habe ich aus meinem Schlafzimmerfenster gefilmt." Kommentierte Ms. Price.

Beide sahen sie gebannt auf dem Fernseher. Es war eine ziemlich verwackelte Aufnahme von dem Haus, aber davor konnte man eindeutig ein junges Mädchen stehen sehen die wartete. Die Haustür stand offen und das Licht aus dem Flur schien auf die Straße.

Seaver überlegte. "Das ist das weibliche Opfer. Das erkenne ich an der Kleidung."

Aus dem Gebäude kam jetzt schließlich Christian, der die Haustür hinter sich zuzog und abschloss. Die beiden unterhielten sich dabei, aber das war nicht zu hören. Viel mehr konnte man das heftige Atmen von Frau Price zu vernehmen.

"Hätte ich das Fenster aufgemacht, hätten die beiden mich gehört."

Kommentierte sie erneut zu der Aufnahme.

Plötzlich wurde im oberen Stockwerk der Rollladen hochgezogen! Christian und Dawn schreckten von der Haustür weg! Auch das Bild verwackelte plötzlich als dies passierte.

"Ich hatte mich da selber erschrocken." Sie zündete sich eine neue Zigarette an.

Seaver konnte seinen Blick nicht von dem Fernseher wenden. Gebannt, als würde er einen Krimi sehen, guckte er zu wie Christian und Dawn vom Haus wegliefen, um ein paar Meter davon entfernt heftig zu diskutieren. "Scheiße." Seaver streifte sich an unter der Nase entlang. "Ich würde zu gerne wissen, worüber die sich unterhalten."

Frau Price nickte. "Hätte ich auch gerne gewusst. Aber wenn ich das Fenster geöffnet hätte, hätten sie mitbekommen, dass ich sie beobachtete."

Jetzt liefen Dawn und Christian wieder zurück zum Haus. Während sie an der Nähe der Tür stehen blieb, lief Christian ganz auf die Haustür zu, um diese wieder aufzuschließen.

"Warum um alles in der Welt geht er wieder ins Haus zurück?"

Frau Price zuckte mit den Schultern. "Sorry, kann ich nicht sagen. Vielleicht um zu gucken, wer da oben auf sie warteten. Ich weiß es nicht."

Der Fernsehschirm zeigte nun, wie Christian ins Haus rannte. Dawn blieb dabei angsterfüllt draußen stehen und guckte sich um. Aber da war niemand in ihrer Nähe.

Ein plötzlicher Lichtschein viel durch die Haustür nun nach draußen. Christian hatte das Licht im >kleinen Zimmer< angemacht.

"Er ist jetzt in dem Raum, wo wir die Leichen gefunden haben. Direkt neben der Haustür."

"Haben sie denn schon irgendwelche Hinweise?"

Seaver guckte vom Bildschirm weg und sah Frau Price in die Augen. "Nein, noch nicht. Aber die Ermittlungen sind ja auch noch lange nicht beendet."

Als er wieder auf dem Bildschirm zurückblickte, konnte er nun sehen wie Dawn angsterfüllt das Haus betrat. In vorsichtigen und ruhigen Schritten. Seaver konnte seinen Blick nicht abwenden. Nur wenige Sekunden später verschwand die kleine auch im Haus.

"Achten sie auf das Fenster im oberen Stockwerk!" Machte sie ihn jetzt drauf aufmerksam. Dort sah man plötzlich wie die Gardine zurück in ihre ursprüngliche Position viel. Wer hatte diese bewegt? Und wer hatte am selben Fenster den Rollladen hochgezogen?

Urplötzlich war weit entfernt ein weiblicher, lauter und duschdringlicher Schrei zu hören! Dies hatte Frau Price beim filmen auch dermaßen erschreckt, dass ihr beinahe die Kamera aus der Hand gefallen war, denn die Aufnahme verwackelte plötzlich ruckartig. "Dieser Schrei ging mir noch stundenlang durch und durch. Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht."

Seaver saß da mit käseweißem Gesicht. Wenn er sich vorstellte, was da im Haus wohl gerade vor sich ging, was dieses junge Mädchen so zum schreien brachte, lief es ihm eiskalt dem Rücken runter. Er hatte in seiner beruflichen Laufbahn schon viel durchgemacht gehabt, aber so schlecht wie jetzt war ihm noch nie. Die Frau betätigte die Bedienung und das Video stoppte.

"Mein Gott." Stammelte er nur. "Das ist ja unglaublich."

Ms. Price zündete sich erneut eine Zigarette an. "Nicht wahr?"

Er lehnte sich zurück in seinen Sessel und streifte sich über das Gesicht. "Verflucht, wenn man doch nur wüsste, wer das gewesen ist." Sagte er leise zu sich selber, dass kaum zu verstehen war, da er seine Hände noch über dem Mund hatte. Die fremde nahm einen langen Zug und blies den Rauch in Richtung Fernseher.

"Ich sagte ja nicht, dass das schon alles war." Meinte sie dann trocken. Schnell guckte Seaver sie an. Sein Blick sagte alles. "Sie haben noch mehr gefilmt?" Sie nickte nur. Dann zeigte sie auf dem Fernseher. "Sehen sie da."

Erneut ließ sie das Band weiterlaufen. Ein paar Sekunden konnte Seaver nur das Haus mit der offenen Haustür sehen, ohne das etwas passierte. Aber nur wenige Sekunden später, guckte auf einmal ein Kopf um die Ecke und sah nach draußen. Dies geschah so heimlich, dass es auf keinen Fall Dawn oder Christian gewesen sein konnten.

Es war so, als wollte sich jemand vergewissern, dass auch niemand auf der Straße das ganze mitbekommen hatte. Dann wurde die Tür langsam zugemacht. Den Kopf konnte man aber leider unmöglich erkennen. Er war zu sehr in der Dunkelheit.

"Ich glaub ich werde verrückt!" Rief Seaver laut. "Das ist perfekt!" Die Frau schaltete erneut das Band ab. "Wieso? Man kann doch gar nichts erkennen."

Seaver stand auf. "Das ist schon in Ordnung. Wir haben auf der Polizei Techniken, mit denen wir das Bild vergrößern und aufhellen können!" Er sieht sie an. "Sie müssen mir das Band aushändigen. Ich muss das mit aufs Revier nehmen."

"Können sie gerne machen." Sie holte tief Luft. "Wenn sie es bis zum Ende geguckt haben."

Irgendwie kam Seaver das alles seltsam vor. Er spürte wie das Adrenalin in ihn hochpumpte. Eine absolut tolle Aufnahme! Nun gut, zwar ist nicht sonderlich viel zu erkennen, aber immerhin etwas! Und er wusste, er würde die Techniker nicht eher gehen lassen, ehe sie ein scharfes und einwandfreies Bild vom Täter herausgefiltert hatten!

"Was meinen sie damit?" Fragte er leise. "Wollen sie damit etwa sagen, dass das Video noch immer weiter geht?"

Sie deutete auf den Sessel. "Setzten sie sich."

Während Seaver sich wieder langsam auf seinen Platz begab schaltete die Frau erneut das Video ein. "Glauben sie mir", Sie zog an ihrer Kippe, "Wenn sie jetzt noch die letzte Szene sehen, werden sie ihre Techniker ganz schnell wieder vergessen haben."

Was sollte denn jetzt noch kommen, dachte er sich. Die Aufnahmen waren doch schon unglaublich genug. Er stellte sich kurz vor, dass der Täter jeden Moment aus der Tür kommen würde, um ihn zu winken. Aber das wäre wahrscheinlich zu viel des guten.

Das Band lief weiter und einen Moment lang änderte sich das Bild nicht. Nur das dunkle Haus war zu sehen, begleitend von dem lauten und heftigen Atmen der Ms. Price.

Urplötzlich wurde die Haustür geöffnet! Das Bild verwackelte vor Schreck wieder. Nachdem das Bild dann wieder scharf und normal wurde, konnte man eindeutig eine Frau erkennen, die die Haustür hinter sich zuzog und in Allerseelenruhe die Straße entlang schlenderte. Frau Price hatte beim filmen dieser Szene auch gezoomt gehabt, so das man die Frau perfekt in Nahaufnahme sehen konnte. Eine hübsche und junge Frau, die vielleicht erst um die fünfundzwanzig sein dürfte.

Sich umguckend, dass sie auch keiner gesehen hatte, lief sie den Gehweg entlang, bis sie in der Dunkelheit verschwand.

Jetzt schaltete Ms. Price dem Fernseher ab und legte die Fernbedienungen auf dem Tisch. Seaver konnte seinen Augen nicht trauen. Ein so bestialischer Mord und eine solche junge Frau? Das konnte doch nicht möglich sein!

"Was denken sie gerade?" Wollte Ms. Price wissen. Seaver setzte sich vor. "Ich denke das ich diese Frau finden muss. Sie wird..." er zögerte ein wenig. "...Sie wird eine wichtige Zeugin oder Mittäterin sein."

Erschrocken über seinen Satz sprang die Frau plötzlich auf und riss dabei beinahe die Couch mit um.

"Eine Zeugen?" rief sie ungläubig. "Oder eine Mittäterin?"

Sie ging auf dem Fernseher zu und wedelte mit den Armen in der Luft. "Also hören sie mal! Für mich ist das die absolute Hauptverdächtige! Was wollen sie denn noch für einen Beweis haben?"

Er musste gestehen, dass die Frau recht hatte. Aber Seaver bekam einfach nicht das Bild aus dem Kopf, wie die beiden Opfer aufgefunden wurden: Enthauptet. Sollte das etwa die Tat einer jungen und zierlichen Frau gewesen sein? Das konnte er sich nicht vorstellen.

"Sie wissen nicht wie wir die Leichen gefunden haben." Fügte er hinzu. Er sprach um einiges ruhiger. "Wenn sie wüssten wie wir die armen Kinder vorgefunden haben, würden sie genauso denken wie ich."

"Wieso?" sie setzte sich wieder. "Wie haben sie sie denn aufgefunden?" Seaver schüttelte mit dem Kopf und stand auf. "Tut mir leid, dass darf ich nicht sagen."

"Nun kommen sie schon!"

Er verneinte erneut. "Nein, tut mir leid. Das ist streng vertraulich." Ms. Price stand auf und ging zu einer Kommode, auf der mehrere alkoholische Getränke standen. "Möchten sie auch was trinken?"

"Nein danke. Nicht im Dienst."

Sie schenkte sich einen vierfachen Jack Daniels ein und trank diesen auf Ex runter. Sie hustete kurz auf und stellte das Glas dann wieder ab. "Jetzt sagen sie schon! Vielleicht fällt mir dann ja noch irgendwas ein, wenn sie mir sagen was passiert war!"

Seaver musste plötzlich an seine Frau und den Hund denken. Warum auch immer.

"Also gut." Er lehnte sich auf die Fensterbank und drehte sich zu ihr um. "Die beiden, Dawn und Christian, saßen in dem Zimmer neben der Haustür auf der Couch..." er wartete einen Moment bis er fortsetzte. "... allerdings ohne Köpfe."

Urplötzlich erschrak Ms. Price als sie dies hörte und bekam einen heftigen Hustenanfall. Schnell ging Seaver auf sie zu und klopfte ihr auf dem Rücken. "Alles okay?" fragte er.

Weiterhin hustend nahm Price erneut die Fernbedienungen in die Hand, schaltete den Fernseher ein und spulte das Videoband ein paar Sekunden zurück. "Sie sagten ohne Köpfe?" wiederholte sie mit hochroter Birne.

"Ja."

"Und lassen sie mich raten", sie schluckte, "Man hat die Köpfe nicht gefunden, habe ich recht?"

Seaver ging auf sie zu. Langsam kam ihn das alles unheimlich vor.

"Sie haben recht."

"Dann sehen sie mal hier!" Sie spulte die Aufnahme zurecht, in der die junge Frau das Haus verlassen hatte. Wieder konnte er sehen, wie die Frau sich umguckte, als würde sie sichergehen wollen, dass sie auch keiner beobachtete. Bei einer sehr dunklen und verwackelten Stelle des Bandes, stoppte Ms. Price auf einmal das Band, so das sie nun ein Standbild auf dem Bildschirm hatte.

"Sehen sie da!" Sie zeigte mit dem Finger auf dem Bildschirm. Seaver musste seine Augen anstrengen, um etwas erkennen zu können. Aber was er dann sehen musste, konnte er kaum glauben:

Die junge Frau hielt einen Sack in der linken Hand! Und da drin waren eindeutig zwei große, runde Gegenstände!

Seaver säufste: "Ach du scheiße..."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schließlich verließ Seaver das Haus der Ms. Price wieder. Sie begleitete ihn nach draußen. Es war schon ziemlich dunkel geworden. Eigentlich schon viel zu dunkel. Er hielt das Videoband in der Hand das sie ihm aushändigte. Musste natürlich sein, denn immerhin war dies ein sehr wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Beweismittel. Er konnte sich noch immer nicht vorstellen, dass so eine junge und auch gutaussehende Frau in der Lage war, zwei Jugendliche zu enthaupten! Und vor allem: Warum, zum Teufel?

"Alles klar", Sie schüttelten sich die Hände. "Dann hoffe ich das sie ihr Versprechen halten."

Seaver nickte. "Natürlich. Keine Sorge, ich werde sie da raushalten. Aber ich kann ihnen nicht versprechen, dass ich mich nicht noch mal melden werde."

"Das ist ja auch kein Problem." Vergewisserte sie ihn. "Wenn sie kommen ist das in Ordnung. Ich hätte es nur ungern, wenn die Presse mich plötzlich belagern würde und ich die >Spannerin vom Lande< werde." Seaver lächelte kurz und ging bis zum Zaun vor. "Keine Sorge. Ich werde nichts sagen. Die Presse wird von Ihnen nichts erfahren." Als er wieder auf Ms. Price guckte um sich schließlich entgültig von ihr zu verabschieden, konnte er sehen, dass sie ihn gar nicht zuhörte, sondern ganz erschrocken auf die Nummer zweiundzwanzig, dem Tatort schräg gegenüber blickte. Seaver drehte sich um und guckte auch hin.

Die Haustür stand offen und die Aufkleber der Polizei lagen einfach auf dem Boden daneben! Auch das Schild, auf dem "Betreten Verboten" geschrieben stand, wurde achtlos neben sein Auto geschmissen.

"Was zum Teufel?"

"Das ist doch nicht richtig, oder?" Wollte Ms. Price erschrocken wissen. Seaver schüttelte nur mit dem Kopf.

"Nein. Ich denke das wird jemand von der Spurensuche sein."

"Um diese Zeit noch?"

Seaver zog seine Waffe aus dem Halfter und lief langsam auf das Haus zu. "Bleiben sie im Haus! Kommen sie mir nicht nach!"

Ms. Price nickte nur erschrocken, betrat ihr Haus und schloss die Tür hinter sich ab.

Ein wenig verwirrt lief Seaver mit gezogener Waffe in der einen, und dem Videoband in der anderen Hand, auf das Haus zu. Sofort viel ihm die Hausnummer ins Auge: Zweiundzwanzig.

Ein paar Meter vor dem Gebäude bleib er stehen. Bedrohlich guckte das Haus in der Dunkelheit auf ihn herab. Die Haustür war verschlossen. Aber Moment mal, dass konnte doch gar nicht angehen! Eben gerade war sie doch noch offen! Was zum Teufel war hier los?

Plötzlich hörte er ein Knarren! Es war die Haustür, die so knarrte, da sie auf einmal langsam von dem Wind aufgeweht wurde.

"Scheiße..." Er zog die Nase hoch. "Ich bin nicht geeignet für diesen Horrorscheiß."

Die Haustür ging schließlich ganz weit auf - ganz von alleine. Es war so, als würden Geister ihn hereinbitten wollen. Im Haus brannte Licht. Im Flur, in der Küche, einfach überall.

Vorsichtig betrat Seaver den Flur. Wer weiß, vielleicht war es ja wirklich auch nur einer von der Spurensuche? Es konnte auch Coates sein, der noch etwas gucken wollte? Aber um diese Zeit war dies eigentlich ungewöhnlich.

"Hallo?" rief er laut. Es war eine so unheimliche Stille im Gebäude, dass es ihm eiskalt dem Rücken runterlief. Seine eigene Stimme jagte ihn regelrecht einen Schrecken ein! Eine kleine Erleichterung kam auf einmal, aber auch nur für wenige Millisekunden, denn er bekam tatsächlich eine Antwort! Und zwar direkt aus dem Nebenzimmer, wo die Leichen gefunden wurden! Allerdings war es nicht die Stimme von O´Niell oder Coates, oder eines anderen Kollegen, sondern eine junge weibliche Stimme. Was hatte ein junges Mädchen denn hier im Haus zu suchen? Sie schien ca. 18 Jahre alt zu sein. Er wusste nicht wieso, aber irgendwie hatte er das schlechte Gefühl, dass es sich dabei um Dawn, dass weibliche Opfer, handelte. Aber die war doch tot. Plötzlich stieß ihn ein unangenehmer Geruch von Blut in die Nase. Angewidert verzog er das Gesicht und konnte es jetzt sogar schmecken!

"Kommen sie nur rein!" Rief die weibliche junge Stimme wieder. Seaver schluckte. Wer zum Teufel war das? "Leisten sie uns Gesellschaft!" Wurde dann dazugefügt, dass aber jetzt nicht von dem Mädchen gesagt wurde, sondern von einer männlichen Stimme.

Der Geschmack und der Geruch des Blutes wurden auf einmal so extrem, dass er sich gegen die Wand lehnte und auf dem Boden spuckte, während er dabei laut röcheln musste. Ein dicker, schleimiger Ball voller Blut und Nasenschleim viel auf dem Boden.

Nachdem er sich den Mund abgewischt hatte, stürmte er in den Raum hinein. "Halt, Polizei!" rief er laut.

Aber was er dort erblicken musste widerte ihn regelrecht an: Auf der Couch konnte er die beiden Opfer sehen, die wieder ohne Kopf nebeneinander saßen! Die waren doch aber schon lange abgeholt worden! Überall im Zimmer war Blut und erschrocken hielt sich Seaver die Hand vor dem Mund. Er musste damit kämpfen nicht loszubrechen.

Obwohl die Köpfe der beiden Jugendlichen fehlten, konnte er sie trotzdem hören: "Setzen sie sich doch." Sagte Christian. Beide Körper bewegten sich nicht.

Seaver musste feststellen, dass die Sätze nicht direkt von den Körpern kamen, sondern überall zu hören waren! Die kratzigen Stimmen hallten direkt an seinen Ohren! Ängstlich und zu Tode erschrocken versuchte er den Raum wieder zu verlassen. Den Blick über den Boden huschend, und absichtlich abgewannt von den Körpern, machte er sich zurück zur Zimmertür um wieder in den Flur zu gelangen. "Möchten sie uns schon wieder verlassen?" hallte es erneut in seinem Kopf. "Das wäre doch zu schade."

Seaver konnte sich jetzt nicht mehr zusammenreißen. Laut und schamlos brach er auf dem Teppichboden neben die Tür. Er hasste es schon sein ganzes Leben lang, wenn er brechen musste. Dieser abartige Geschmack und Gestank waren jedes mal reine Folter. Schnell wischte er sich seine Mundwinkel ab und versuchte nicht noch einmal zu brechen. Aber es half nichts. Wieder schoss eine Fontäne erbrochenes aus seinem Mund, direkt auf zwei Füße. Allerdings nicht auf seine eigenen Füße.

Angsterfüllt und mit Tränen in den Augen blickte er vorsichtig zur Couch zurück: Dort saß nur noch Dawn! Eigentlich lag sie vielmehr auf der Couch, ohne Kopf, als hätte man sie einfach achtlos hingeworfen. Sollte das etwa heißen, dass Christian jetzt neben ihm stand? Ebenfalls ohne Kopf?

Vorsichtig ließ Seaver seinen Blick über Christians Körper nach oben streifen. Gleich müsste der Kopf kommen, gleich müsste der Kopf zu sehen sein!

Würde er jetzt gleich in Christians Augen sehen? Oder auf die blutende Stelle, auf der sein Kopf eigentlich sitzen müsste?

Gleich würde er es wissen.

 

"NEIN!" schrie Seaver auf einmal laut auf. Dieses musste einfach raus, auch wenn er selber eigentlich gar nicht so laut schreien wollte. Sein Herz raste wild und heftig; er konnte es bis zum Hals spüren und auch genau hören, wie das Blut durch alle Adern pumpte. Das letzte mal hatte er solche Angst, als er vielleicht zehn Jahre alt war, wo er alleine bei einem Gewitter zu Hause bleiben musste. So leicht brachte ihn eigentlich nie etwas aus der Ruhe, aber diesmal? So was hatte er noch nicht erlebt. Noch nie.

Er kniff die Augen zu und wieder auf. Schweißtropfen waren über sein komplettes Gesicht verteilt. Er strengte seine Augen an, um etwas erkennen zu können, denn er war plötzlich in absoluter Dunkelheit.

Er konnte eine Zimmerdecke erblicken, eine Lampe und einen Schrank. Und schließlich wusste er endlich Bescheid: Er hatte nur geträumt gehabt. Gott sei Dank! Nur konnte Seaver überhaupt nicht ausmachen, ab wann genau denn der Traum anfing. War sogar Ms. Price ein Traum gewesen? Wenn das der Fall wäre, dann würde das Video ja leider gar nicht existieren. Das wäre ja mehr als ärgerlich.

Er hatte schon, wie jeder andere Mensch wohl auch, eine Menge Alpträume in seinem Leben gehabt, aber das gerade eben war ja schon krankhaft. Er befand sich also in seinem Bett, neben ihm schleif Anna, die sich komplett ins Kissen eingewühlt hatte. Es war zwar ziemlich dunkel im Zimmer, aber er konnte allmählich doch alles erkennen.

"Schatz, was hast du denn?" hörte er plötzlich seine Frau fragen. Sie war wach? War ja eigentlich auch kein Wunder, bei dem Gebrüll das er sich gerade erlaubt hatte.

"Sorry." Stammelte er. "Ich habe schlecht geträumt." Er sammelte ein wenig Speichel im Mund an, da überhaupt nichts mehr vorhanden war. Ihm klebte die Zunge am Rachen fest.

"Oh, tut mir leid." Anna bewegte, ohne den Rest ihres Körpers zu bewegen, ihre Hand in Richtung seines Kopfes und streifte ihm über die Haare. "Was hast du denn geträumt? Ging es um den Fall?"

Sie hörte sich ein wenig dumpf an, da sie das Gesicht wahrscheinlich ins Kissen gedrückt hatte. Seaver nahm ihre Hand und küsste diese. "Nein, nein. Nur..." er überlegte sich schnell etwas zusammen, klang aber nicht sehr glaubhaft. Er wusste auch gar nicht warum er sie eigentlich belog, denn ob sie nun wusste, ob er von dem Fall geträumt hatte oder nicht, war doch eigentlich ganz egal.

"Ich habe nur Blödsinn geträumt. Nicht der Rede Wert."

"Na gut. Dann schlaf weiter. Es ist schon vier Uhr in der Früh. Morgen müssen wir wieder früh raus." Stammelte sie kaum wach und nur wenig verständlich. Wahrscheinlich war sie im Halbschlaf. Seaver streichelte ihre Hand während er seinen Kopf zu der kleinen Kommode neben seinem Bett drehte. Die große Digitaluhr, die er von ihr zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, zeigte in ihrer grellen Rotschrift eindeutig an, dass es erst halb zwei in der Nacht wahr, und nicht wie Anna gerade behauptete vier Uhr Morgens. Er guckte wieder an die Decke. Anna massierte vorsichtig sein Ohr. Außer ihren Arm, bewegte sie sonst nichts. "Keine Sorge, Schatz." Flüsterte er. "Es ist erst halb zwei. Wir haben noch viel Zeit."

"Ehrlich?" Wollte Anna wissen.

"Ja, du hast dich wohl verguckt gehabt."

Einen Moment lang sagte sie daraufhin nichts. Seaver erwartete ein paar Sekunden ihre Antwort. War sie wieder eingeschlafen?

"Oh." Kam sie dann kleinlaut hervor. "Sorry, aber ohne Augen sieht es sich schlecht." Sie sprach noch immer ins Kissen und wurde immer undeutlicher. Was redete sie denn jetzt für ein wirres Zeug?

"Wie meinst du das?" Fragte Seaver zurück. Jetzt zog Anna auf einmal ihren Arm wieder von seinem Gesicht zu ihrer Seite zurück.

"Was?" Fragte sie unbeteiligt.

Irgendwie stimmte was nicht. "Was meinst du damit?" Wollte er erneut wissen. Aber sie gab jetzt keine Antwort mehr. Schließlich drehte er sich auf die Seite, um Anna anzusehen. Im ersten Moment sah er gar nichts, da es einfach noch zu dunkel war. Er kniff die Augen zusammen, damit sich seine Pupillen an die Dunkelheit gewöhnten.

Dies war nicht die Wirklichkeit, dachte er sich plötzlich. Nein, definitiv nicht! Es wirkte alles so seltsam auf ihn.

Und jetzt konnte er sie plötzlich erkennen. Anna lag neben ihm auf dem Bett: Ohne Kopf! Alles war Blutverschmiert! Wieder hatte er plötzlich den ekelhaften und durchdringenden Geruch von Blut in der Nase. Mit seiner Hand tappte er genau in die Pfütze auf ihr Kissen rein. Weit riss Seaver den Mund auf und schrie so laut los wie er nur konnte!

Anna gab auch währenddessen wieder ein Kommentar dazu, auch wenn sie keinen Kopf hatte. Seaver konnte sie trotzdem genau hören, so als wären Lautsprecher an seinen Ohren befestigt worden.

"Mein Schatz, lass diesen Fall ruhen! So ist es sicher besser!" Neben seinen eigenen lauten schreien, konnte er Anna noch leise kichern hören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langsam öffnete Seaver die Augen. Die Sonne schien grell ins Zimmer hinein und blendete ihn. Vorsichtig guckte er auf die Uhr: Es war halb zehn. Das war eine Nacht heute! Zwei total idiotische Träume hintereinander? Hoffentlich war dies das erste und auch das letzte mal!

Er drehte seinen Körper auf Annas Seite des Bettes. In Gedanken hatte er noch immer das Bild seiner Frau ohne Kopf, aber sie war nicht da. Sie war weg. Ihre Bettdecke hing ausgeschlagen über das Fensterbrett und im Teppichboden hatte sie ihre nackten Fußabdrücke hinterlassen. Auch wenn die Nacht der absoluter Horror war, war dies dafür ein so schönerer Morgen. Er überlegte wo er gestern Abend gewesen war. Eigentlich bei Ms. Price. Das heißt, wenn er das nicht geträumt hatte. Aber wenn sich tatsächlich herausstellen würde, dass Ms. Price und dass Video nur ein Traum gewesen waren, dann würde er wohl ausflippen.

Er stand auf und lief nach draußen in den Flur in Richtung Treppe.

Unten angekommen, ging er auf die Küche zu, in der Anna gerade den Frühstückstisch deckte. Sie lief in ihrem langen Nachthemd durch die Küche hin und her und bemerkte Seaver die ersten Sekunden gar nicht, da sie ganz vertieft in ihre Arbeit war. Er musste lächeln, weil ihr bei jedem Schritt ihr Nachthemd zwischen und um die Beine wehte. Jetzt entdeckte sie auf einmal, dass sie beobachtet wurde. Sie lächelte, während sie einen Brötchenkorb auf den Tisch abstellte. "Ah, guten Morgen!" begrüßte sie ihn gutgelaunt. "Du hast heute Nacht im Bett ja ziemlich rumgetobt gehabt."

Seaver betrat die Küche und setzte sich auf seinem Platz. "Ich weiß. Ich habe nur Mist geträumt."

Sie setzte sich neben ihn. "Hat man gemerkt. So unruhig hast du ja noch nie geschlafen."

Beide unterhielten sie sich einen Moment über ihre Arbeit. Sie war unglücklich dort. Schon seit Monaten erzählte sie ihn jeden Abend, dass es dort unmöglich auszuhalten sei. Er hatte ihr schon oft geraten zu kündigen, aber so mutig war sie denn nun auch wieder nicht. Außerdem wollte sie nicht, dass er der Alleinverdiener war. Sie wollte ihn schon ein bisschen geschäftlich unter die Arme greifen.

"Ich warte noch ein paar Wochen ab." Sie trank einen Schluck Kaffee, nachdem sie Seaver und sich eingeschenkt hatte.

"Genau." Er streifte ihr zärtlich über die Schulter. "Warte einfach noch einen Moment ab wie es läuft. Wenn es dann noch immer nicht geht, dann kündigst du eben." Er lächelte. "Dann läufst du eben mit erhobenem Mittelfinger aus dem Büro raus und gehst nach Hause."

Anna musste anfangen zu lachen, hatte aber noch Kaffee im Mund, den sie schnell runterschluckte. "Ja, dass wäre eine Idee."

Plötzlich viel ihn das Video wieder ein. Wo hatte er dieses hingelegt? Oder besser gesagt: Wo hätte er dieses Video hingelegt, wenn er es wirklich gestern mit nach hause genommen hatte?

"Schatz, ich muss dich was fragen." Anna war gerade dabei sich Butter auf ein Brötchen zu machen. Er guckte ihr immer gerne dabei zu. Sie machte dies immer mit dieser genauen Präzision. Einfach süß.

"Sprich dich aus." Antwortete sie, während sie das Messer erneut in die Butter steckte um noch eine Ecke abzuschneiden.

"Hast du zufällig ein Video entdeckt, dass hier irgendwo rumgeflogen ist?"

Sie überlegte einen Moment und bildete mit ihrem Mund eine Schnute, ließ dabei aber nicht von ihrer Arbeit mit dem Messer ab. "Nein, nicht das ich wüsste."

"Und weißt du vielleicht wo der Brief ist, den ich gestern bekommen habe? Du weißt schon, der ohne Absender und Briefmarke." Auch wo er diesen hingepackt hatte, wusste er nicht mehr. Er konnte sich zwar noch daran erinnern, Anna erzählt zu haben, dass dieser von Coates wäre, aber wo er den Zettel dann hinpackte..... er wusste es nicht mehr.

"Welchen Brief?" Fragte Anna und biss einmal von ihrem Brötchen ab.

"Na der von Frank. Von gestern Morgen der." Er musste natürlich weiterhin behaupten das der Brief von seinem Kollegen und nicht von Ms. Price war. Er konnte ihr schließlich ja jetzt nichts anderes erzählen.

"Du hast gestern keinen Brief von Frank bekommen." Meinte sie dann. Perplex guckte Seaver sie an.

"Diesen kleinen Umschlag meine ich." Er formte die Größe mit den Händen in der Luft. "Du musst dich doch noch erinnern. Du hast ihn mir doch selber gegeben."

Nachdenklich ließ sie ihr Brötchen auf den Teller sinken. Das konnte doch unmöglich angehen, dass sie das nicht mehr wusste. Wollte sie ihn in der Nase herumführen, oder was war los?

"Nein." Sagte sie dann leise. "Ich kann mich nicht erinnern."

Völlig ungläubig guckte er sie an. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte. Es war so, als wolle er in ihrem Gesicht lesen, ob sie log oder nicht. Aber sie schien wirklich keine Ahnung zu haben.

"Das kann doch nicht wahr sein." Sagte er dann schließlich. "Das verstehe ich nicht."

Anna guckte ihn an und sah wie konfus er war. Sie legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. "Tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann. Aber vielleicht verwechselst du mich auch nur."

Seaver schüttelte mit dem Kopf und musste anfangen spöttisch zu lächeln. "Nein, so viele Frauen habe ich ja nun nicht, die Anna heißen, oder?"

Sie nahm ihre Hand wieder weg und griff nach der Zeitung die auf dem Tisch vor ihm lag. "Ich meinte ja auch eine Kollegin auf der Arbeit oder so." Sie blätterte die Zeitung auf und begann einen Artikel zu lesen.

Völlig verwirrt saß Seaver neben ihr und wusste nicht was er sagen sollte. War er denn total verrückt geworden? Bildete er sich schon Sachen ein, die gar nicht da waren? Aber wenn dies bei dem Brief der Fall gewesen wäre, dann hätte er auch nicht Ms. Price kennen gelernt. Etwas war an der ganzen Sache faul.

Er musste gucken ob es diese Ms. Price wirklich gab. Denn dann wüsste er schon eine ganze Menge mehr.

Er stand auf und schob seinen Stuhl wieder unter dem Tisch. "Sorry, Schatz. Ich muss mich fertig machen."

Sie guckte von der Zeitung zu ihn hoch. "Schade. Du hast ja kaum was gegessen."

"Ich weiß. Aber ich muss da noch etwas kontrollieren."

Sie widmete sich wieder der Zeitung. "Alles klar. Dann sag Bescheid wenn du gehst."

Fertig angezogen und bereit für die Arbeit zog er sich im Flur seine Schuhe an und warf sich seine Jacke über.

"Schatz?" Rief er laut. Anna bejahte aus der Küche. Er knöpfte sich seine Jacke zu. "Ich gehe jetzt. Bis dann!"

"Warte mal!" Hörte er sie plötzlich aus der Küche rufen. Nur wenige Sekunden später kam sie aus heraus und lief auf ihn zu. "Was ich noch sagen wollte", fing sie an, "wo hast du eigentlich dein Auto gelassen?" Perplex blickte er ihr in die blauen Augen.

"Was?" Stellte er nur als Gegenfrage.

"Na dein Auto. Es ist nicht da."

Die haben ihn doch nicht etwa sein Auto geklaut, oder? Dann würde er entgültig verrückt werden.

"Wieso nicht da?" Er drehte sich zur Haustür um und öffnete diese, nachdem er das Sicherheitsschloss aufdrehte. Dieses hatte er erst vor wenigen Tagen selber angebracht gehabt, da in der Nähe häufiger eingebrochen wurde.

Er lief, gefolgt von seiner Frau, nach draußen auf den Parkplatz. Und sie hatte recht: Sein Auto war nicht da!

Aber er hielt seinen Schlüssel in der Hand. Das konnte doch nicht die Wahrheit sein! "Ich glaube ich guck nicht richtig!"

Anna legte von hinten ihre Hand auf seine Schulter. "Soll ich die Polizei rufen?" Eigentlich hatte sie recht, dass wäre das Beste gewesen. Allerdings konnte er sich überhaupt nicht vorstellen, dass es möglich wäre das Auto zu klauen und damit wegzufahren. Es galt doch als absolut diebstahlsicher!

Er drehte sich zu Anna um und küsste sie. "Nein, lass mal. Ich glaube ich weiß wo es ist. Bis nachher."

Er lief die Einfahrt entlang in Richtung Bushaltestelle. Einen Moment guckte seine Frau ihn noch nach. Nach einen letzten mal winken, verschwand er dann schließlich hinter einer Hecke. Er wusste genau wo er das Auto zu suchen hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar Minuten später stand Seaver im Bus. Dieser war völlig überladen und er musste im Gang stehen. Mit der rechten Hand hielt er sich an einem Halteriemen fest, damit er nicht umfiel, in Falle einer scharfen Bremsung.

Die letzten beiden Tage waren schon seltsam. Erst diese grausamen Morde, dann der komische Brief von Ms. Price. Schließlich noch das Video und dann das plötzliche Aufwachen bei sich zu hause im Bett, nachdem er zwei furcheregende Alpträume hatte. Und dann war noch sein Auto weg! Wenn sich also wirklich herausstellen sollte, dass es Ms. Price gar nicht gab und somit auch nicht das Video, dann müsste er wieder mit seinen Ermittlungen von vorne anfangen. Nun ja, es konnte ja sein, dass Coates und O´Niell vielleicht schon eine neue Spur hatten. Er musste sie unbedingt nachher mal anrufen.

Seine Gedanken wurden plötzlich auf eine abrupte Weise unterbrochen, da ganz hinten im Bus drei Punks laut loslachten. Eine Oma saß direkt neben den drein und war regelrecht von ihnen angeekelt. Sie wandte sich ein wenig zur anderen Seite.

"Du blöder Sack!" betitelten sich die drei, während sie lauthals lachend aufeinander loshauten. Alle anderen Gäste im Bus störte dies gewaltig aber keiner traute sich etwas zu sagen. Nur die drei Idioten waren zu hören.

Einer der drei Punks guckte plötzlich die Oma an und betrachtete diese von oben nach unten. Seaver hoffte innerlich ein bisschen, dass er jetzt irgendetwas machen würde, damit er einen Grund hatte einzugreifen. Natürlich hatte er jetzt auch schon einen Grund, aber das würde noch nicht viel bringen. Sie einfach nur aufzufordern ruhig zu sein, wäre für die Kerle witzlos. Da mussten sie schon etwas ausgefressen haben, um sie am Arsch zu kriegen.

Plötzlich riss der Punk der alten Frau ihre Handtasche aus der Hand und gab sie einen seiner genauso verblödeten Kumpel.

Die alte Frau war sichtlich empört. "Hey, geben sie mir meine Tasche wieder!" rief sie erschrocken. Aber die drei lachten nur. Der ganze Bus bekam dies mit, aber nicht einer dachte auch nur annährend daran, der Frau zu helfen. "Die Tasche gehört jetzt uns." Spottete einer der Kerle und durchwühlte diese.

Liebend gerne würde Seaver jetzt hingehen und alle drei Fressen polieren. Aber das ginge ja nicht. Es wäre dafür hier im Bus zu eng. "Hey, ihr Penner da hinten!" rief er dann laut. Alle im Bus waren überrascht, dass wenigstens einer den Mumm hatte was zu tun. Die drei Punks guckten ihn an. Sie selber waren auch überrascht aber wenig beeindruckt. "Was will der denn?"

Seaver hatte die komplette Aufmerksamkeit des Busses auf sich gezogen. Sogar der Fahrer hörte mit zu, ließ sich aber von seiner Weiterfahrt nicht abhalten.

"Gebt der Frau die Tasche wieder!" rief er laut. "Oder es gibt Ärger." Normalerweise hatte er immer tierische Angst, wenn er vor solchen Idioten Drohungen aussprach. Aber diesmal war dies überhaupt nicht der Fall. Gewöhnungssache.

Erstaunlicherweise taten die Punks was er wollte. Sie gaben der Frau die Tasche zurück. Das war ja leicht, dachte er sich.

Aber so schnell war das ganze dann doch noch nicht beendet. Einer der Punks stand auf und lief langsam durch den Bus auf ihn zu.

"Leute", er drehte sich kurz zu seinen unterbelichteten Freunden um, "habt ihr das eben mitbekommen?" Die anderen beiden, die in der hinteren Reihe sitzen geblieben waren, nickten deutlich. "Klar!" rief der eine. "Mach ihn fertig! Der will Stress haben!"

Jetzt stand der Punk direkt vor Seaver. Die beiden guckten sich einen Moment an. Auch wenn dies eine etwas angespannte Situation für Seaver sein musste, war er trotzdem erstaunlich ruhig. Die Kerle, besonders derjenige der gerade vor ihm stand, wirkten schon ziemlich gefährlich. Aber das beunruhigte Seaver nicht weiter. Er wusste sich schon zu helfen.

Der Punk betrachtete seine Kleidung, dann guckte er ihn in die Augen. "Ich glaube wir haben hier einen Helden!" rief der Kerl zu seinen Freunden zurück. Seaver wusste genau was jetzt passieren sollte. Er hatte es im Gefühl. In Gedanken sagte er zu sich selber: Komm, tue es! Tue es!

Und der Punk tat es auch! Er holte mit der Faust aus um ihn auf die Nase zu hauen! Aber ehe die Faust des fremden Kerls auch nur in die Nähe von Seaver seiner Nase kam, zog dieser auf einmal seine Waffe hervor und hielt sie dem Punk genau vor die Augen!

Im Bus ging ein erschrockenes stöhnen umher. Der Punk hielt seine Bewegung inne. Auch die beiden anderen Punks, die noch immer hinten im Bus saßen, erschraken plötzlich.

"Ich glaube wir haben hier eine Waffe!" Rief Seaver laut. "Eine geladene!" Er wusste das er dafür seine Marke verlieren konnte. Mit der Waffe jemanden Angst einzujagen oder einfach so mit ihr

herumzuhantieren, ohne das dies wirklich nötig war, könnte ziemlichen Stress geben. Aber immerhin handelte es sich hier ja jetzt um Notwehr. Na ja, ein bisschen vielleicht.

Der Punk hatte plötzlich also das Vergnügen in den Lauf einer Waffe zu gucken. Die anderen bedien sagten kein Wort mehr, sondern verhielten sich ganz ruhig und taten so, als würden sie gar nicht zu ihren Freund gehören.

Seaver guckte kurz an dem Punk vorbei, der seinen Blick nicht von der Waffe nahm. Er war starr vor Schreck.

"Tolle Freunde hast du da. Toll wie sie dir zur Hilfe eilen, nicht wahr?" Der Punk nickte. "Hören sie", stotterte er, "gleich kommt unsere Haltestelle. Dann sind wir weg."

Seaver lächelte. "Schön. Bei der nächsten muss ich auch raus."

Er genoss diesen Moment. Er zeigte mal wieder, wie so oft, dass die großen und mutigen Punks doch eigentlich feige kleine Säcke waren, wenn sich das Blatt erst mal gewendet hatte.

Er musste jetzt noch für einen Schrecken sorgen. Und zwar so, dass es richtig lustig sein würde.

Plötzlich zuckte er schnell mit der Waffe. "PENG!" reif er laut!

Der Punk dachte, genau wie alle anderen, dass Seaver tatsächlich abdrücken würde! Ein Mädchen in der hinteren Reihe des Busses schrie laut auf und viele anderen durchzucke es. Der Punk aber, erschreckte sich dermaßen, dass er nach hinten auf den Boden viel. Zitternd hielt er sich die Hand vors Gesicht.

Am liebsten hätte Seaver jetzt laut losgelacht.

Der Punk stand schnell wieder auf und zog sich seine zerrissene Kleidung zurecht. Sein Gesicht zitterte, wie er Seaver in die Augen guckte aber so tat als hätte er damit gerechnet gehabt. "Das wusste ich." Flüsterte der Kerl. "Ich wusste das sie das tun würden."

Von wegen. Der Punk drehte sich jetzt wieder um und ging zurück zu seinem Platz. Dabei wurde er von allen Fahrgästen spöttisch angelächelt.

Als wäre das noch nicht genug gewesen, rief Seaver noch etwas hinterher.

"Sag mal, ist deine Hose nass?" Alle drehten ihren Blick nun auf die kurze Hose des einst so tapferen und harten Typen.

Und tatsächlich: Sie war nass! Der Kerl hatte doch tatsächlich in die Hose gepinkelt!

Die alte Oma, der er die Handtasche wegnahm, fing laut an zu lachen. "Der hat in die Hose gemacht!" johlte sie laut und klopfte sich auf den Schenkel vor lachen. Dies steckte alle anderen Fahrgäste mit an und alle begannen zu lachen. Auch Seaver.

Ruhig ließ der Punk seine Hand über sein Hinterteil gleiten und hatte diese dann komplett nass. Das überraschte ihn selber auch!

Aber zu lachen war ihn nicht zu Mute. Stattdessen fing der Kerl doch tatsächlich an zu weinen! Dies brachte die Leute im Bus sogar noch mehr zum lachen!

Der Punk ging wieder zu seinen beiden Kollegen zurück und versuchte das alles zu ignorieren und weiterhin als harter Kerl dazustehen. Als er aber dort angekommen war, musste er doch tatsächlich sehen, dass auch sogar seine Kumpanen über ihn auslachten!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langsam lief Seaver auf dem Bürgersteig die stille und ruhige Straße entlang, nachdem er vor zehn Minuten aus dem Bus ausgestiegen war. Während er vorne die Tür aus dem öffentlichen Verkehrsmittel gewählt hatte, entschieden sich die Punks doch lieber den hinteren Ausgang zu nehmen. Während der Bus wieder abfuhr um zu seiner nächsten Station zu kommen, lachten die Gäste noch weiter. "Ich bringe dich um!" schrie der gepeinigte Punk Seaver noch nach. "Ich mach dich alle!" Teilweise war das aber gar nicht zu verstehen, da er so verheult geschrieen hatte. Beinahe wäre es auch noch zu einer Handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen, wenn seine beiden Kumpel ihn nicht zurückgehalten hätten. Wenn die das nicht getan hätten, wäre das auch nicht weiter schlimm. Die Drohungen die der Kerl wütete, überhörte Seaver einfach. Natürlich war es schon wichtig auf die Sicherheit zu achten, aber wenn er sich jedes Mal solche Drohungen zu sehr zu Herzen nehmen würde, könnte er ja nie wieder ruhig schlafen.

Es war noch ziemlich früh, als er schließlich bei Hausnummer zweiundzwanzig ankam. Obwohl er das Gebäude erst vorgestern das erste mal gesehen hatte, kam es ihn jetzt schon so vor, als würde er es seit Jahren kennen.

Vor der Haustür des Tatorthauses blieb er stehen. Die Tür war von Polizeibändern verklebt worden und es schien auch kein Mensch

da gewesen zu sein. In Gedanken ging er noch mal durch, was er gestern Abend hier erlebt hatte. Wenn es auch wirklich hier passierte und nicht nur letzte Nacht in seinen Kopf.

Er drehte sich zur anderen Straßenseite und konnte schräg gegenüber das Haus von Ms. Price erkennen. Wenn sie da auch wirklich wohnte.

Gestern Abend ist ihn alles so echt vorgekommen. Er konnte schwören das er wirklich hier war.

Als er weiterhin darüber nachdachte, viel sein Blick nach rechts und er konnte etwas großes erkennen: Sein Auto!

Dies hatte er eben komplett übersehen gehabt, während er in seinen Gedanken vertieft war.

"Das gibt es doch nicht." Flüsterte er zu sich selber. Das Auto stand noch hier! Jetzt war es klar! Das was gestern Abend passierte, war definitiv kein Traum! Es war also die Wirklichkeit.

Aber wie kam er denn nach hause? Das Auto hatte er hier gelassen. Wieso? Ist er etwa gelaufen oder getrampt? Oder wurde er von seiner Frau abgeholt? Nein, dass hätte sie ja erzählt. Warum erinnerte er sich nicht?

Er hatte überhaupt keine Erinnerungen mehr an dem Moment, nachdem er sich von Ms. Price verabschiedet hatte.

Vielleicht hätte sie ja ein paar Antworten auf die offenen Fragen? Und vielleicht hätte sie noch eine Kopie des Videos, dass sie ihn aushändigte. Seines hatte er ja verloren, wo auch immer es gerade war.

Er lief ein paar Schritte auf das Haus von Ms. Price zu. Da sie ja selber zugab eine Voyeurin zu sein, fühlte er sich gerade ziemlich beobachtet. Er guckte auf das Fenster im oberen Stockwerk, von wo aus sie Dawn und Christian in der Mordnacht gefilmt hatte. In dem Raum war es dunkel. Aber sie könnte trotzdem ohne weiteres hinter der Gardine stehen und heimlich ein paar Aufnahmen von ihm machen.

Dieser Gedanken beunruhigte Seaver ein bisschen.

Schließlich kam er an dem Zaun an und betrat ihr Grundstück. Er ging vor zur Haustür und klingelte einmal kurz.

"Verdammt." Konnte er Ms. Price plötzlich fluchen hören. Wahrscheinlich war sie wieder dabei zu kiffen oder jemanden anderen auf Video zu bannen.

Er hörte wie sie etwas schweres auf dem Boden abstellte und sich dann langsam zur Haustür begab. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sie endlich die Tür öffnete.

"Was?" fragte sie forsch, ehe Seaver auch nur Luft holen konnte.

"Guten Tag, Ms. Price. Ich hoffe ich habe sie nicht gestört."

Sie schüttelte mit dem Kopf. Ihre alte Kleidung wurde dabei hin und hergewedelt. Sie hatte noch das selbe an wie gestern; war noch das selbe alte Wrack.

"Nein, nein. Alles okay." Lallte sie. "Wobei kann ich ihnen helfen, Mr...?" sie guckte ihn fragend an. Hatte sie etwa schon seinen Namen vergessen?

"Seaver." Fügte er hinzu. "Ach so, Seaver!" wiederholte sie. "Ich habe von ihnen schon mal in der Zeitung gelesen. Sie sind ein guter Polizist, nicht wahr?" Was zum Teufel redete die alte da?

"Ich hoffe doch." Er zog die Luft durch die Zähne. "Ms. Price, es geht um folgendes: Ich habe leider das Video, dass sie mir gestern Abend gaben irgendwie verlegt. Ich wollte sie fragen, ob..."

Sie hob auf einmal die Hand. Fragend guckte sie ihm in die Augen. "Moment! Wovon reden sie überhaupt?" Er hielt inne und deutete auf das Tatorthaus schräg gegenüber. "Von ihrer Aufnahme, die sie mir gestern Abend von den beiden Mordopfern zeigten. Ich bräuchte noch eine Kopie davon."

Ms. Price machte die Haustür nun weiter auf und trat einen Schritt nach draußen. "Darf ich ihnen was sagen?"

"Natürlich." Antwortete er. Was mochte jetzt wohl kommen?

"Ich habe sie noch nie in meinen Leben gesehen."

Seaver guckte sie durchdringend und fragend an. Dann lachte er. "Was sagen sie da?"

Sie nickte nur. "Sie haben mir doch gestern Abend um Punkt sieben Uhr das Video gezeigt! Das von den beiden Jugendlichen!"

Wild wedelte Seaver mit den Armen in der Luft. Er glaubte wirklich langsam gehörig verarscht zu werden.

"Tut mir leid", sie zuckte die Schultern, "ich war gestern Abend gar nicht zu Hause. Ich war bei meinen Eltern. Ich glaube das muss ein Missverständnis sein."

Seaver glaubte ihr kein Wort. Sie machte aber allerdings auch nicht den Endruck, als würde sie lügen. Das war schon sehr sonderbar. "Ms. Price, ich bitte sie." Sagte er nur leise. "Das kann doch nicht möglich sein. Woher sollte ich denn dann ihren Namen kennen und wissen, dass sie hier wohnen?"

Sie zuckte nur mit ihren Schultern. "Tut mir leid, dass kann ich ihnen nicht sagen."

"Und sie haben mir gestern keinen Brief geschrieben?" Die Frau schüttelte mit dem Kopf.

Seaver guckte zur Nummer zweiundzwanzig zurück und sah dort sein Auto stehen. Er zeigte drauf. "Sehen sie das Auto da hinten?"

"Ja."

"Das ist meins. Das steht schon die ganze Nacht da. Ich hatte es da geparkt, weil ich gestern hier mit ihnen einen Termin hatte!"

Die Frau gab keine andere Reaktion von sich. "Tut mir leid, Herr Seaver. Ich kann ihnen nicht helfen." Sie guckte kurz zu sich ins Wohnzimmer über ihre rechte Schulter. "Sorry, ich muss jetzt wieder rein."

Einen Moment sagte Seaver nichts. Er fühlte sich richtig elend. "Alles klar."

Ehe er sich versah, hatte Frau Price auch schon ihre Haustür wieder zugemacht. Alleine blieb er auf ihrer Fußmatte stehen.

Das ganze war schon höchstseltsam. Hatte er wirklich alles nur geträumt? Aber er hatte Ms. Price vorher doch noch nie in seinen Leben gesehen. Wie konnte es dann nun sein, dass er von ihr geträumt hatte? Aber wenn er gestern wirklich nicht bei ihr gewesen war, dann würde das auch bedeuten, dass Anna recht hatte, was den kleinen Brief anginge. Aber warum stand denn sein Auto hier? Das war schon alles sehr seltsam. Schließlich lief er zurück zu seinem Wagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Stunde später saß Seaver alleine in einem Café. Vor sich hatte er auf dem Tisch eine Tasse Capuccino stehen. Lieber hätte er einen Wodka gehabt. Der Fall wurde ihn erst vor wenigen Tagen aufgetragen, und er zweifelte schon jetzt an seinem Verstand. Er war sich sicher, dass Ms. Price log. Warum auch immer. Aber dann müsste seine eigene Frau ja auch gelogen haben.

Er legte sein Gesicht in die Hände und säufste. "Was für ein Tag..."

ließ er unverständlich durch die Finger zu sich selber zischen. Dabei hatte dieser ja gerade erst angefangen.

Plötzlich wurde eine Hand auf seine Schulter gelegt. Erschrocken drehte Seaver sich um, aber es war nur Coates dir ihn besorgt anguckte.

"Ach du bist es", er deutete auf einen Stuhl ihn gegenüber, "Setz dich." Coates zog den Stuhl zurück und setzte sich zu ihn an dem Tisch. "Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte. Was zum Teufel ist los mit dir?" Seaver schüttelte mit dem Kopf.

"Ich habe keine Ahnung." Coates erhob die Hand um den Kellner zu rufen, der auch sofort kam. "Bitte?" fragte dieser höflich.

Coates überlegte schnell was er bestellen sollte. Eine Cola vielleicht? Nein, dazu war es ehe zu kalt draußen. Schließlich deutete er auf Seaver´s Tasse. "Bitte das selbe was er hat."

Der Kellner nickte freundlich und ging wieder zurück zur Theke. Dieser war noch ziemlich jung. Vielleicht erst zwanzig, oder so.

Jetzt wandte sich Coates an Seaver, der besorgt auf die Tischplatte guckte. Er rüttelte ihn einen Moment am Arm.

"Hey, jetzt lass mal hören, was dein Problem ist." Seaver guckte hoch und sah Coates in die Augen. Er wusste, wenn er jemanden etwas anvertrauen konnte, dann seinem Kollegen und Freund.

"Du willst wissen was passiert ist?"

"Ja."

"Dann pass mal auf." Er lehnte sich zu Coates vor und redete etwas leiser, als würde er der Meinung sein, der Raum wäre verwanzt.

"Weißt du noch das ich gestern Abend früher gegangen bin?"

Coates nickte. "Natürlich."

"Ich bin früher gegangen, weil ich gestern morgen einen Brief von einer gewissen Ms. Price bekommen habe, die in dem College-Parkway Nummer vierundzwanzig wohnt."

Coates überlegte kurz. "Schräg gegenüber vom Tatort?"

Seaver nickte. "Genau da!"

Der Kellner kam wieder mit einer Tasse Capuccino die er vor Coates auf dem Tisch abstelle. "Ein Capuccino."

Coates nickte. "Vielen Dank."

Nachdem der Kellner wieder verschwunden war, erzählte Seaver noch einen Moment weiter, aber stoppte, weil Coates damit beschäftigt war das kleine Zuckertütchen aufzureißen und zuzugucken wie die kleinen Körnchen in der Sahne verschwanden.

"Willst du mir nun zuhören, oder soll ich dir noch ein Päckchen Zucker holen?" Coates merkte jetzt erst, dass er ein bisschen mit seinen Gedanken abwesend war.

"Oh, sorry." Er nahm einen Schluck. "Rede weiter." Seaver suchte einen Moment nach den richtigen Worten, bis er dann fortfuhr.

"Also, auf jeden fall sollte ich gestern Abend zu ihr kommen, da sie mir was zeigen wollte. Und jetzt stell dir vor: Die Frau hatte in der Mordnacht die beiden Opfer kurz vorher gefilmt gehabt!"

Erschrocken setzte Coates seine Tasse wieder zurück auf dem Tisch. Er hatte an der Oberlippe einen Schaumbart. "Wie bitte?" fragte er ungläubig.

"Sie hatte sogar die Täterin gefilmt gehabt: Eine junge Frau!"

Coates konnte das gar nicht glauben. "Das gibt es doch gar nicht! Wo ist das Video?" Seaver erhob den Arm, um damit anzudeuten, dass er nicht zu voreilig sein sollte, denn schließlich war er ja mit erzählen noch nicht fertig. "Moment. Dass beste kommt noch."

"Dann erzähl weiter!"

Er schnappte erneut nach Luft. Er schwitzte und wischte sich mit dem Handrücken die Schweißtropfen von seiner Stirn.

"Als ich mich von der Frau verabschiedete, sah ich das im Haus des Tatortes Licht brannte. Und als ich hingegangen bin war die Haustür offen!" Coates verzog jetzt ungläubig das Gesicht. "Was? Das kann ich mir gar nicht vorstellen."

Seaver nickte. "Ich weiß. Ungefähr genauso wenig wie, das die beiden Oper ohne Köpfe zu mir gesprochen haben?"

Coates wusste nicht was er sagen sollte. "Was?"

"Ja, es ist wahr! Ich habe die beiden Opfer gesehen. Sie haben auch mit mir gesprochen." Er fing an zu lachen, auch wenn es mehr ein gekünzeltes und ironisches Lachen war. "Ist das nicht toll?"

Coates erhob den Zeigefinger. "Moment mal. Willst du damit sagen, dass du das alles nur geträumt hast?"

Seaver nickte. Coates lehnte sich zurück in seinen Stuhl. "Scheiße. Und ich war schon ganz aufgeregt das Video sehen zu dürfen."

Jetzt deutete er Coates langsam näher mit dem Kopf zu kommen. Dies tat er auch. Er machte schon ein ganz schönes Geheimnis aus der ganzen Sache. Wer sollte denn hier großartig zuhören?

"Wenn ich das aber nur alles geträumt habe", flüsterte er, "wieso ist denn dann noch mein Auto in der Strasse gewesen?"

Überlegend guckten sie sich in die Augen. Seaver konnte genau erkennen, dass er das selbe dachte: Abgekartetes Spiel?

"Werde ich langsam verrückt?" fragte Seaver jetzt.

"Wieso langsam? Der Fall ist noch keine drei Tage alt." Sie lehnten sich auf die Tischplatte und sahen sich an.

"Ich weiß auch nicht. Vielleicht sollte ich mal wider Urlaub machen." Coates nickte heftig. "Das ist richtig! Wir sind jetzt seit Ewigkeiten Kollegen und Freunde, und ich habe dich noch nie Urlaub machen sehen!"

Coates deutete den Kellner das er zahlen möchte. "Ich lade dich ein. Und du fährst jetzt nach hause und ruhst dich heute mal ein bisschen aus."

"Nein, dass kann ich nicht machen. Ich habe einen Mordfall aufzuklären!"

Er wiedersprach erneut, während er sein Portemonnaie zückte.

"Nein, nein. Du fährst jetzt nach hause. Ich werde Bescheid sagen, das es dir nicht gut geht und morgen kommst du munter wieder. Mach mal was mit Anna. Die ist sowieso immer alleine."

Er überlegte einen Moment. Er wusste das Coates recht hatte. "Meinst du?"

"Na klar. Fahr nach hause. Wenn ich dich brauche rufe ich dich an."

Seaver war froh einen Kollegen und Freund wie Frank zu haben. Er war ein netter Kerl und hatte eindeutig recht mit dem was er sagte. Anna hatte er schon viel zu sehr vernachlässigt. Er würde sie heute mal damit überraschen früher nach hause zu kommen um sie heute Abend zum essen einzuladen. Ja, dass würde er machen.

"Ich danke dir." Sie gaben sich die Hand. Dann stand er auf.

"Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst. Ich habe mein Handy an." Coates nickte. "Alles klar. Bis dann."

"Bis dann." Schließlich nahm Seaver seine Jacke und verließ das Café. Durch das Fenster konnte Coates noch sehen, wie er in sein Auto stieg und wegfuhr. Diesen freien Tag hatte er sich sichtlich verdient, dachte er. Dann kam der Kellner um zu kassieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Siehst du, hier ist es doch schön!" Anna hielt ihm die Tür auf, als sie ein wunderbares und großes Chinarestaurant betraten. Es war ziemlich gut besucht, und im Hintergrund dudelte eine typisch chinesische Musik. Seaver war sichtlich beeindruckt.

"Man, da hast du aber recht." Staunte er. Er wollte mit ihr schon immer mal hier herkommen, aber da er ständig beruflich unterwegs war, klappte es halt nie. Anna hatte sich sichtlich gefreut, als er heute früher von der Arbeit kam. Sie wartete schon seit Monaten darauf, dass sie mal wieder etwas zusammen unternehmen konnten.

Sie hatten sich zur Feier richtig fein angezogen und schon kam eine nette Kellnerin, natürlich Chinesin, die höflich lächelte. Er musste sofort an einen Bericht denken, den er mal im Fernsehen gesehen hatte. Er handelte darum, dass Chinesen grundsätzlich immer lächeln mussten. Sie hatten auch einen Slogan: >Wer nicht lächeln kann, der kann kein Gastronom werden<. Ziemlich harte Regel.

"Guten Abend." Sagte die freundliche Kellnerein höflich und nickte mit dem Kopf. "Guten Abend." Antworteten Anna und Seaver zurück.

"Zwei Personen?"

"Ja, genau."

"Folgen sie mir bitte." Anna und Seaver nahmen sich an die Hand und liefen der kleinen Kellnerin durch das Restaurant nach zu einen netten ruhigen Platz in der Nähe der Bar.

"So, bitte nehmen sie Platz."

"Vielen Dank."

Die beiden setzten sich so, dass sie sich ansehen konnten. Von seinem Platz aus, hatte er eine gute Sicht durch das ganze Restaurant. Sie zogen beide ihre Jacken aus und legten diese auf die noch freien Stühle neben sich, da dies eigentlich ein Tisch für vier Personen war. Natürlich hätten sie diese auch an die Garderobe hängen können, aber nachdem Anna einmal die Jacke geklaut worden war, riskierten sie das nicht mehr.

Heute sah sie richtig gut aus: Sie hatte ein rotes Kleid an, dass er noch nie gesehen hatte. War das neu?

Die Kellnerin kam erneut an den Tisch und überreichte Seaver und Anna die Speisekarte. Beide bedankten sie sich und schlugen sie auf. Nachdem sie dann auch noch etwas zu trinken bestellt hatten, konnten sie in Ruhe überlegen wofür sie sich entscheiden sollten.

Seaver nahm seinen Blick wieder von der Karte und guckte durch das Restaurant.

"Es ist wirklich schön hier.", stellte er fest, "Warum sind wir nicht schon früher mal hier hergekommen?"

Anna guckte jetzt auch von ihrer Speisekarte auf und sah ihn in die Augen. "Na, weil das hier das erste mal seit drei Monaten ist, dass wir wieder was zusammen unternehmen."

Was? Stimmte das? In Gedanken zählte er noch einmal nach. Das letzte mal wo sie zusammen essen waren, war.... stimmt, zu ihrem Geburtstag. Und das war tatsächlich schon vor drei Monaten!

"Du hast recht." Stellte er erstaunt fest. "Mein Gott, ist das schon so lange her?" Anna nickte. "So ist es."

Beide guckten sie wieder runter auf die Karte. Aber Seaver suchte sich gar nichts zu essen aus, sondern überlegte nur. Das er nur alle drei Monate mal etwas mit ihr unternahm war natürlich nicht in Ordnung. Okay, er hatte einen schweren Job und viel um die Ohren, aber seine Frau und Ehe komplett zu vernachlässigen war natürlich nicht okay. "Du hast recht." Sagte er plötzlich wieder. Anna war verwirrt. "Was meinest du?"

Seaver legte seine Karte jetzt weg, legte seine Arme auf die Tischplatte und lehnte sich zu ihr vor. "Das wir so wenig Zeit miteinander verbringen. Ich verspreche, dass ich mich nicht mehr so sehr von meiner Arbeit beeinflussen lasse. Ich kann nicht von dir verlangen, dass du das immer so hinnimmst."

Anna hatte diese Worte wohl erwartet. Sie packte ebenfalls ihre Karte weg und legte ihre Hände auf seine. "Das ist schön. Aber du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen. Ich werde schon nicht den Kopf verlieren."

Urplötzlich, als Anna dies sagte, hatte Seaver wieder das Bild seines schrecklichen Traumes in Gedanken: Wie ein Blitz konnte er erneut sehen, wie Anna neben ihn, Kopflos, im Bett lag. Wie er in das Blut mit der flachen Hand tappte, wie dieses überall

umherspritze. Auch den abartigen Geruch und Geschmack konnte er wieder schmecken und riechen!

Erschrocken wandte er sich kurz zur Seite und schluckte heftig.

"Was hast du denn?" Fragte Anna besorgt. Mit ihren großen Augen sah sie ihn an. Seaver setzte sich wieder gerade hin.

"Ach, nichts." Stammelte er und hustete. "Das was du gerade sagtest, war nur ein wenig makaber."

Die Kellnerin kam jetzt und stellte die Getränke ab, die sie von einem Tablett nahm. Anna bedankte sich. Seaver nickte einmal kurz und lächelte notgedrungen.

"Wieso makaber? Das war doch nur ein Sprichwort."

"Ich weiß.", er nickte deutlich. "Aber es hat mich nur an etwas schlimmes erinnert."

Sie flüsterte plötzlich. Es war so, als wollte sie, das was sie jetzt sagen würde, eigentlich gar nicht erwähnen.

"Etwa an den Doppelmord?"

Seaver betrachtete sie. Dann nickte er. "Genau an das."

Natürlich erwähnte er nicht, dass es ihn eigentlich an dem Traum erinnerte, wo sie ohne Kopf neben ihm im Bett lag.

Wieder kam die Kellnerin an dem Tisch. Sie hatte gesehen, dass beide ihre Speisekarte zur Seite gelegt hatten und war somit der Meinung, dass sie jetzt fertig zum bestellen waren.

"So, haben sie gewählt?" sie kramte ihren Block und Stift aus ihrer Gürteltasche, in der sie auch das Portmanie hängen hatte.

Anna und Seaver waren überrascht, denn eigentlich waren beide noch gar nicht fertig mit aussuchen. Aber um sie nicht wieder wegzuschicken, dachte sich Anna einfach eine Nummer aus.

"Ja, danke. Ich hätte gerne die einhundertvierzig."

Die kleine Chinesin schrieb dies auf und wandte sich dann zu Seaver. Er überlegte kurz. "Ich nehme die Nummer...." Ein bisschen panisch sah er zu Anna rüber. "....ich nehme das selbe."

"Das selbe?"

"Ja, genau." Ein wenig verwirrt, warum auch immer, schrieb sie das auf ihren Block und ging dann schließlich wieder weg, nachdem sie beide Karten ergriffen hatte.

"Was ist Nummer einhundertvierzig?" fragte er leise seine Frau, die irgendetwas in ihrer Tasche suchte.

"Ich habe gehofft du würdest das wissen." Ein paar Sekunden sahen sie sich verdutzt an. Dann mussten sie beide anfangen zu lachen.

 

 

Eine Stunde später waren sie fertig mit Essen. Es hatte zwar köstlich geschmeckt, aber Nummer einhundertvierzig war ein Gericht für drei Personen, dass natürlich, gleich zweimal, ein bisschen viel für die beiden war. Aber netterweise konnten sie das Missverständnis mit dem Geschäftsführer klären.

Beide waren sie ein wenig angetrunken. Vor sich hatten sie eine kleine Karaffe mit Rotwein stehen, die allerdings schon fast leer war. Seaver hatte mal, Gott sei dank, alle beruflichen Probleme in diesen netten Minuten mit seiner Frau vergessen. Sie unterhielten sich über die Zeit, als sie sich kennangelernt hatten und über ihre Hochzeit. Auch darüber wie er sie ständig versucht hatte einzuladen, sie aber nie wollte.

"Weißt du noch wie ich einmal wie ein junger Hund unter deinem Fenster stand?" fragte er lachend und beschwipst.

"Das werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen." Antwortete sie belustigt. "Du hast da Ewigkeiten gestanden, und da es so dunkel war, hatte ich dich nicht gleich erkannt und beinahe die Polizei gerufen."

Seaver lachte. "Super. Dann wäre ich als Detektiv wegen sexueller Belästigung noch verhaftet worden. Das wäre eine Klasse Werbung!"

"Das stimmt." Beide nahmen sie ihre Gläser hoch und stießen an.

"Das zehnte mal jetzt." Anna lachte und hielt sich die Hand vor dem Mund.

"Na und?" fragte Seaver. "Mit dir kann man schließlich nicht oft genug anstoßen."

Sie nahmen beide einen Schluck. "Den könnte ich immer trinken. Der ist klasse." Stelle Anna fest. "Oder?"

Sie musterte ihren Mann, der plötzlich gar nicht mehr lachte. Er guckte sie auch nicht mehr an, sondern starrte starr und mit weit aufgerissenen Augen an ihr vorbei. Was hatte denn auf einmal so sehr seine Aufmerksamkeit erregt?

Sie drehte sich nach hinten und konnte einen Tisch erkennen, ungefähr sechs Meter weit entfernt, an dem drei junge Männer und drei junge Frauen saßen, tranken und sich unterhielten.

Anna drehte sich wieder zu ihren Mann zurück, der aber seinen Blick nicht von den Personen abwandte.

"Was ist denn los? Kennst du die Leute?" Seaver wurde plötzlich blass. Sein Herzschlag ging auf einmal doppelt so schnell wie gerade eben noch. Und auch sein Schwips verschwand wieder.

"Was hast du denn plötzlich?" Jetzt war sie etwas lauter gewesen, da man meinen konnte, dass er keine Luft bekommen hatte, oder so was in der Art. Aber er erhob nur schnell die Hand um ihr zu deuten ruhig zu sein.

Dann stand er auf. Irgendwie schien er sich gar nicht selber zu steuern, sondern kam einen so vor, als ob jemand ihn fernsteuern würde. Langsam lief er auf den Tisch zu, an dem sich die Leute fröhlich unterhielten. Seaver hatte nur Interesse an einer Person: Eine junge Frau. Während er weiterhin auf sie zulief, guckte diese einmal kurz in seine Richtung und sie hatten für wenige Sekunden Augenkontakt. Dies war wie in Zeitlupe.

Seaver konnte nichts mehr um sich herum wahrnehmen. Er konnte die Gäste nicht mehr hören, dass chinesische Gedudel und auch das verwirrte rufen seiner Frau. Zu sehr schockierte ihn der Anblick auf der Bank.

Er war sich einfach sicher - er konnte sich nicht irren! Er hatte sich noch nie in seinen Leben geirrt, was sein Gedächtnis für Gesichter anging. Sie war es! Eindeutig! Da gab es keinen Zweifel!

Die junge Frau, die da mit den anderen Leuten auf der Bank saß, war die Täterin! Genau die, die nach der grausamen Tat das Haus verlassen hatte! Die, die einen Sack mit zwei runden Gegenständen in der Hand hielt. Die, die Ms. Price wunderbar in Nahaufnahme gefilmt hatte. Allerdings gab es das Video ja gar nicht. Wenn dies der Wahrheit entsprach. Aber trotzdem hatte er die Frau jetzt vor Augen!

"Kann ich ihnen helfen?" Fragte einer der Männer am Tisch höflich. Seaver merkte jetzt erst, dass er direkt an dem Tisch angekommen war. Alle sechs Personen, darunter auch die junge Hauptverdächtige, sahen ihn verwirrt an. Seaver guckte nach rechts zu der Frau und versuchte für ein paar Sekunden in ihren Augen zu lesen was sie dachte. Fühlte sie sich jetzt ertappt? Oder hatte sie von nichts eine Ahnung?

"Hallo?" fragte der Mann. Jetzt erst kam Seaver wieder zu sich.

"Oh, Entschuldigung." Stammelte er ein wenig. Er wusste nicht was er sagen sollte. Er merkte, dass sein Herz ganz schön pochte. "Ich war nur gerade abgelenkt. Tut mir leid."

Die Leute nickten alle höflich. "Kein Problem."

Er drehte sich wieder ab, um zurück zu Anna gehen. "Dann schönen Abend noch."

Verwirrt verabschiedeten sie Seaver und betrachteten sich verwundert. "Was war das denn für einer?"

"Keine Ahnung."

Während er sich den Schweiß von seinem Gesicht abwischte setzte er sich wieder seiner Frau gegenüber. "Wer sind denn die?" Wollte sie wissen.

"Moment." Er hob seine Hand, um ihr zu deuten bitte ruhig zu sein. Er musste schließlich erst einmal verkraften, was er da jetzt gesehen hatte. Er musste Verstärkung rufen! Unbedingt!

Aber was sollte er sagen? Sollte er etwa die junge Frau da drüben einfach so verhaften lassen? Das wäre ja wohl kaum hinzubekommen, da diese jetzt nicht unbedingt den Eindruck einer kaltblütigen Mörderin machte. Sie lachte noch immer auf ihrem Platz mit ihren Freunden. Kein Mensch würde ihn glauben, wenn er erzählen würde, dass sie die Täterin war. Und dann war da noch die Sache mit den Beweisen. Denn er hatte ja leider keine mehr. Das Video war verschwunden. Auch durfte er nicht verdrängen, dass es gut möglich wäre, dass es dieses Video auch niemals gab! Was wäre, wenn er dies nur geträumt hatte? Dann würde er eine junge Frau verhaften lassen, wegen eines Traumes? Das konnte ja wohl kaum möglich sein. Das würde Stress geben.

Aber er war sich sicher, die Täterin vor Augen zu haben.

"Was überlegst du denn?" Unterbrach Anna plötzlich seine Gedanken. Seaver schaute sie verwirrt an. "Nichts. Ich erkläre es dir später." Er erhob die Hand, um sich bei der Kellnerin aufmerksam zu machen. Diese kam in kleinen Schritten zu ihn an den Tisch.

"Ja, bitte?"

Seaver flüsterte. Warum auch immer, denn hören konnte es die fremde Frau da hinten sicherlich nicht. "Könnte ich vielleicht kurz mal Telefonieren? Es dauert auch nicht lange, versprochen."

Die Kellnerin nickte. "Kein Problem, Moment." Sie ging wieder zurück zur Theke, um ein tragbares Telefon zu holen, dass sie Seaver aushändigte. "Vielen Dank. Ich bringe es ihnen gleich wieder." Nachdem die Kellnerin wieder verschwunden war, wählte Seaver hastig eine Nummer. Leider nahm bei Frank Coates niemand ab, also musste er einen andern Kollegen anrufen. Jemanden mit dem er eigentlich weniger gut zurechtkam, aber es musste nun mal sein.

"Wen rufst du an?"

"Harrell." Er legte das Telefon ans Ohr und wartete. Wenige Sekunden später nahm dieser ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es vergingen ungefähr zehn Minuten, bis Harrell, ein ca. 45 Jahre alter, großgewachsener Mann, dass Restaurant mit zwei Polizisten betrat. Geradewegs liefen sie auf Seaver und seine Frau zu, die allerdings ziemlich beleidigt zu sein schien.

Während sie gewartet hatten, ließ Seaver nicht einmal seinen Blick von der fremden. Wenn sie auch nur aufgestanden wäre um zur Toilette zu gehen, hätte er sich wahrscheinlich auf sie gestürzt. Dann wäre ihn alles egal gewesen. Anna hatte sich den Ausklang dieses Abends natürlich etwas anders vorgestellt, aber das war halt nun mal nicht mehr möglich. Schließlich war das sein Beruf.

Harrell kam am Tisch an und lächelte Anna grüßend zu. Diese lächelte zurück, auch wenn sie das nicht so ganz ernst meinte. Als hätte er das geübt gehabt, ließ er das Lächeln auf Seaver´s Seite urplötzlich wieder verschwinden.

"Also", fing er ungläubig und gelangweilt an, "wo ist die Kopf- abhackerin?" Wütend sprang Seaver auf die Beine. Auch Anna schien erschrocken von seiner Desinteresse zu sein.

"Nicht so laut, verflucht noch mal!" motzte er ihn an. "Oder wollen sie etwa das sie noch verschwindet?"

Harrell guckte die beiden Polizisten an, die hinter ihm standen und verdrehte die Augen. Er war ein Arschloch; anders konnte man das nicht ausdrücken. Schon seit er Seaver kannte, hielt er diesen für einen Wichtigtuer und Idioten. Und jetzt, wo er eine junge Frau als Täterin eines Doppelmordes beschuldigte, war er richtig sicher, dass er sie nicht alle hatte.

"Welche Dame ist es denn?"

Seaver flüsterte. Er beugte sich ein bisschen zu seinem Ohr vor.

"Hinter ihnen. Die zweite von rechts."

Vorsichtig und langsam drehte Harrell seinen Kopf nach hinten. Er ließ es so aussehen, als würde er sich nur mal nebenbei im Restaurant umsehen, weil er hier das erste mal war. Schließlich betrachtete er dann die angebliche Täterin: Sie war gerade dabei zu lachen und einen Schluck zu trinken. Eine hübsche junge Frau. Zierlich, ruhig und so aussehend, als würde sie nicht einmal eine Wespe töten, wenn diese im Angriff war, um zu stechen.

Harrell drehte sich wieder zu Seaver um.

"Wollen sie mich verarschen?"

"Ich weiß es kommt ziemlich ungläubig rüber." Verteidigte sich Seaver. "Aber sie müssen mir glauben! Ich habe sie doch nicht aus Langeweile angerufen!"

Harrell drehte sich, um noch einmal die junge Frau betrachten zu können. Sie hörte gerade zu, wie einer am Tisch einen Witz zum besten gab.

"Hören sie", flüsterte Harrell, "das geht auf ihre Verantwortung. Wenn sie Mist bauen, dann geht das ganz alleine auf ihr Konto, haben sie mich verstanden?"

Seaver antwortete auf diese Frage nicht. Am liebsten würde er Harrell eine reinhauen. Er hatte es verdient. Alleine nur wegen seiner Art und Weise hatte er ständig Schläge verdient. Welche Frau würde es mit diesem Kerl bloß aushalten?

"Nun machen sie schon!"

Nach einen letzten Blick in die Augen von Anna, drehte Harrell sich schließlich zu seiner Begleitung, den beiden Polizisten, um, um diesen zu deuten, dass sie ihm folgen sollten.

Das wird auch Zeit, dachte sich Seaver. Ruhig setzte er sich wieder seine Frau gegenüber, die von alledem gar nicht so begeistert war.

Durchdringend sah sie ihn an. "Ein toller Abschluss, für einen romantischen Abend." Ließ sie leise durch die Zähne zischen. Seaver guckte sie an und erkannte sofort, dass sie wütend war. Es war ihr aber auch nicht zu verdenken. Immerhin war dies der erste Abend seit Monaten, wo die beiden mal wieder für sich alleine waren. Und dann musste dies so enden.

"Sorry, Liebling." Er legte seine Hand auf ihre Hände. "Aber das ist eine wichtige Spur. Ich erkläre es dir später."

Harrell war bei der Tischgruppe angekommen und hielt sofort seine Marke hin.

"Guten Abend meine Damen und Herren." Ließ er höflich hören. Seaver ließ die Hauptverdächtige nicht aus seinen Augen. Er versuchte in ihrem Blick zu lesen, ob sie etwas verheimlichte und erschrak, als sie die Marke sehen konnte. Aber da war nichts. Keine Regung. Ihr Lächeln verschwand zwar plötzlich, aber das war bei ihrer Begleitung ebenfalls der Fall. Schließlich passierte es nicht alle Tage, dass man in einem Restaurant sitzt und die Polizei auf einmal vor einem steht. "Mein Name ist Harrell. Ich bin Detektiv. Dürfte ich sie mal kurz bitten mit rauszukommen?" Während er mit der einen Hand seine Marke wieder einsteckte, deutete er mit der anderen auf die Frau, die Seaver glaubte als Täterin erkannt zu haben.

Diese machte auf einmal einen schockierten und erschrockenen Eindruck. "Wie bitte?" wollte sie laut wissen und legte sich entsetzt ihre Hand auf die Brust. "Was wollen sie denn von mir?"

Ein junger Mann, der neben ihr saß und wahrscheinlich ihr Freund war, konnte ebenfalls nicht glauben, was da gerade vor sich ging.

"Moment mal!" Er erhob sich protestierend. "Was soll denn das jetzt bitte? Sehen sie nicht, dass wir uns hier unterhalten?"

Harrell war zwar ein Arschloch, ließ sich aber sicherlich nicht von einen Mann einschüchtern. Er wusste genau wie sich ein Detektiv gegenüber solcher Leute zu verhalten hatte. "Würden sie sich bitte wieder setzen?" befahl er. "Wir möchten uns nur einen Moment mit der jungen Dame unterhalten, dann war’s das auch schon, okay?"

Der Mann guckte die junge Frau an, als wolle er nur mit blicken fragen, was sie denn ausgefressen hatte. Aber die verzog keine Miene. Sie war zutiefst schockiert von alledem. Seaver bekam dies alles mit und ließ sie nicht aus dem Augen. Aber er konnte keine Regung in ihrem Gesicht wahrnehmen, die auch nur den Anschein eines Schuldbewusstseins zeigte. "Gute Schauspielerin" sagte er leise.

Harrell wurde langsam ein bisschen ungeduldig. "Kommen sie jetzt bitte?" Sein Ton wurde ein wenig forsch. Er hasste es zu warten. "Es dauert nur eine Minute."

Nachdem die junge Frau ihren Freunden noch einmal besorgt in die Augen geguckt hatte, stand sie schließlich auf. "Danke." Harrell nickte und lächelte. Anscheint hatte er gefallen an ihr gefunden. Sie war eine hübsche Frau und ihre Ungewissheit und Angst erregte ihn wahrscheinlich ein bisschen.

Schließlich stand die Frau wenige Sekunden später neben ihn. Harrell deutete beiden Polizisten sie nach draußen zu führen. Dies wurde auch sofort getan. Der Freund der jungen Dame guckte noch einen Augenblick nach, aber dann setzte es bei ihm aus. Er sprang plötzlich auf, packte Harrell am Mantel und zerrte ihn zu sich zurück. Seine Freundin bekam davon nichts mehr mit. Sie hatte bereits mit dem Polizisten das Gebäude verlassen.

"Was glauben sie eigentlich wer sie sind?" rief der Kerl empört. Irgendwie hatte Seaver damit gerechnet, dass dies passieren würde. Er wusste auch nicht warum, aber er hätte darauf gewettet, dass dies nicht so einfach gehen würde.

Brutal wurde Harrell zu Boden geschmissen. Dies ging so schnell, dass er nicht reagieren konnte. Der wildgewordene Fremde packte ihn von hinten und nahm seine Arme. War er vielleicht der Meinung, dass die drei sich nur als Polizisten und Detektiv ausgegeben hatten?

Erschrocken guckten die Gäste zur Seite und bekamen dies alles mit.

"Was ziehen sie hier für eine Show ab?" Der große Kerl zog Harrell zu sich hoch und brüllte ihm ins Gesicht. Sicherlich machte er eigentlich einen netten Eindruck, aber wenn es um seine Freundin ging, war wohl nicht mit ihm zu spaßen.

Jetzt hatte Seaver genug. Er stand so schnell auf, dass beinahe sein Stuhl umgekippt wäre, und rannte auf Harrell zu um ihn zu helfen. Da der wütende Freund Seaver seinen Rücken zugedreht hatte, konnte er ihn nicht kommen sehen. Erneut brüllte er Harrell ins Gesicht. "Sie lassen sofort meine Freundin gehen, oder ich...."

Er konnte seinen Satz nicht fortsetzen, da Seaver ihn plötzlich von hinten packte, ihn von Harrell wegriss und brutal zu Boden warf. Aber sofort hob er ihn wieder auf, knallte ihn gegen ein Regal um sein Gesicht dann gleich auf eine Holzanrichte zu pressen, während er seine Arme hinter seinem Rücken festhielt. Er konnte sich nicht mehr wehren. Das Regal klapperte und ein paar Vasen, sowie Figuren vielen auf den Boden.

Die Leute im Restaurant waren schockiert und schrieen teilweise entsetzt auf. Auch die Bediensteten konnten ihren Augen nicht trauen und hatten keine Ahnung wie sie reagieren sollten.

Brutal drückte Seaver sein Gesicht auf die Anrichte. Speichel lief dem Kerl aus dem Mund. "Verdammt", stammelte er. "Was wollen sie von uns?" Er klang schmerzverzehrt und war schlecht zu verstehen. Seaver ging mit seinem Mund näher an sein Ohr ran: "Jetzt hören sie mal zu", er flüsterte bedrohlich durch die Zähne, als hätte er Mühe sich nicht gleich zu vergessen. "Wenn ich von ihnen jetzt noch einen Mucks höre", er schluckte, "Dann nehme ich sie auch mit, wegen Behinderung Polizeilicher Ermittlungen!" Jetzt ließ er ihn wieder los, und schubste ihn auf seinen Platz zurück, wo er erschrocken und auch wütend zugleich Seaver ansah. Bedrohlich hob der wütende Kommissar die Hand: "Keinen Mucks mehr!"

Nachdem Seaver sich noch einmal zu seiner Frau umdrehte, die noch auf ihren Platz saß und ziemlich wütend guckte, machte er sich mit Harrell auf dem Weg raus aus dem Restaurant, der schnell Luft holte. Er wusste, dass seine Frau von der ganzen Sache nicht sonderlich angetan war. Ist auch klar, denn das ein romantischer Abend auf diese Weise endete, wünschte sich natürlich keiner. Er war jetzt geladen. Der fremde Kerl, der sich ein bisschen zeigen wollte, aber leider kläglich versagt hatte, hatte Seaver dermaßen wütend gemacht, dass er jetzt nicht in der Lage war, sich bei seiner Frau zu entschuldigen, oder ihr mitzuteilen, dass er gleich wiederkommen würde um ihr Dinner fortzusetzen. Mit größter Sicherheit nicht.

Draußen hatten die beiden Polizisten von der kleinen Schlägerei im Restaurant nichts mitbekommen. Sie warteten mit der jungen Frau vor dem Gebäude und passten auf das sie nicht wegrennen würde. Harrell, der sich seinen Hals massierte, guckte sofort in die Augen der Tatverdächtigen und sah, dass sie Angst hatte. Angst wegen Ungewissheit. Seaver hingegen versuchte erneut im Gesicht zu erkennen, ob sie etwas verbarg – aber dem war nicht so, musste er selber zugestehen. Harrell ging auf sie zu.

"Sie haben da drin einen ziemlich gewalttätigen Freund, wissen sie das?"

Sie überlegte eine Sekunde und guckte dann durch das Fenster ins Restaurant, aber die beiden Polizisten hielten sie fest, weil sie erst der Meinung waren, sie wollte verschwinden.

"Was war denn los?" fragte sie ängstlich. "Hat er etwas ausgefressen, dass ich nicht wissen darf?"

Sie war eine verdammt gute Schauspielerin, dachte sich Seaver erneut.

"Nein, er hatte sich nur ein bisschen vergessen gehabt."

"Kann man sagen." Fügte Seaver hinzu. "Aber keine Angst, ich habe ihn wieder beruhigt."

Die junge Frau verstand nicht so genau was eigentlich vor sich ging.

Harrell ging ein paar Schritte auf sie zu. "Darf ich fragen wie sie heißen?"

"Wieso?"

"Weil wir von der Polizei sind, einen brutalen Doppelmord untersuchen und ziemlich gereizt sind." Harrell deutete auf Seaver. "Und besonders der hier."

"Also gut. Auch wenn ich nicht weiß was der ganze Kram hier soll..."

"Beantworten sie einfach die Frage." Meldete sich jetzt einer der beiden Polizisten. Seaver war erstaunt. Die konnten ja reden!

"Melinda." Sie schluckte. "Melinda McNab."

Harrell packte aus seiner Jackentasche einen Block raus und notierte sich den Namen. "Und wo wohnen sie?"

Jetzt reagierte die Frau plötzlich genauso wie ihr Freund vor wenigen Sekunden. Sie wurde zwar nicht handgreiflich, aber sie redete nun etwas lauter. "Ich beantworte jetzt gar keine Fragen mehr! Wollen sie mich alle verarschen, oder was?"

Seaver ging auf sie zu. "Sie müssen auch nichts mehr beantworten."

Ein ganz kleines Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. Für den Bruchteil einer Sekunde, dachte sie wohl, sie dürfte wieder ins Restaurant zurück gehen und alles sei wieder okay. Aber da hatte sie sich geirrt. Seaver drehte sich zu den beiden Polizisten.

"Nehmt sie fest." Erschrocken guckte Frau McNab Seaver in die Augen. Man hatte wirklich das Gefühl, dass sie gleich anfangen würde zu heulen. "Was?" Rief sie ungläubig und ängstlich.

"Sie haben mich schon verstanden!" Harrell packte Seaver am Arm und zog ihn ein paar Meter zurück auf die Terrasse des Restaurants.

"Sind sie wahnsinnig?" fragte er leise. "Sie können sie doch nicht verhaften lassen ohne ihr einen Grund zu nennen!"

Seaver hörte zwar auf die Worte seines Kollegen, sah ihn aber nicht an, sondern deutete den Polizisten ihr Handschellen anzulegen.

"Soll ich ihr hier vor dem Restaurant sagen, dass ich sie wegen Doppelmordes verhaften lasse?"

Harrell ließ Seaver wieder los. "Verdammt noch mal, wie zum Teufel kommen sie auf diese abstruse Idee, dass diese junge Frau eine derartige Tat begonnen hat?"

Seaver wollte antworten, schluckte diese aber gleich wieder runter. Ihm blieb die Antwort förmlich im Halse stecken. Wenn er jetzt sagte, dass er sie auf einem Videoband gesehen hatte, würde Harrell dies natürlich sehen wollen. Aber es war ja nicht da. Er wusste auch, dass er sich sowieso noch vor seinem Chef zu rechtfertigen hatte. Verdammt, er steckte richtig in der Klemme.

"Das erzähle ich später. Jetzt will ich sie erst mal ins Verhör bringen und befragen."

Harrell redete wieder leiser. Keiner sollte es mitbekommen, obwohl ehe keiner hier draußen zu sehen war. "Hören sie, Seaver! Ich hoffe sie machen keine Scheiße hier! Wenn sich nämlich herausstellt, dass sie scheiße bauen, dann hänge ich auch mit drin! Aber ich werde ganz sicher nicht meine Karriere wegen so einem Möchtegernpolizisten wie sie es sind, aufs Spiel setzten!"

Jetzt riss sich Seaver von Harrell los und ging zu Ms. McNab zurück. "Haben sie mich gehört, Seaver?" rief Harrell hinterher. "Sie sind dann erledigt! Sie können dann auf ihren Job verzichten!"

Langsam ging ihn das Gelaber von Harrell auf die nerven. Er merkte, wie er wieder langsam wütend wurde, so wie gerade eben erst, bevor er dem Typen im Restaurant Manieren beibringen musste. Er drehte sich zu ihn um. "Ruhe jetzt!" rief er. "Schreiben sie mir nicht vor wie ich meine Arbeit zu machen habe!"

Einer der Polizisten legte der Frau seine Handschellen an. Harrell konnte das gar nicht erst glauben und riss seine Augen weit auf. "Sind sie noch ganz dicht?" Schnell rannte er auf sie zu, nahm ihr Handgelenk und wühlte in seiner Tasche nach seinem Schlüsselbund, um sie wieder zu öffnen. "Sie können ihr hier doch keine Handschellen anlegen, ohne das sie weiß wofür!"

Jetzt war das Fass erneut übergelaufen. Seaver packte ihn am Kragen und schubste Harrell zurück. "Lassen sie sie gehen! Wenn ich will das sie Handschellen trägt, dann trägt sie Handschellen!" Dann donnerte er zu den Polizisten. "Und sie bringen sie jetzt ins Auto, verdammt noch mal!"

Ohne auch nur ein Wort zu sagen, führten beide Ms. McNab ins zivile Polizeiauto, ein Mercedes, und setzten sie auf den Rücksitz.

"Frau McNab, ich sehe sie nachher wieder!" rief Seaver ironischerweise hinterher. Harrell konnte das alles nicht glauben. Aber er hatte recht mit seiner Reaktion und Seaver wusste das auch. Es könnte ziemlich Ärger geben. Er konnte nicht einfach eine junge Frau verhaften lassen, ohne eine Art von Beweisen in der Hand zu haben. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er diese vorlegen musste, dass seine jetzigen Handlungen rechtfertigte.

Aber er würde schon die Wahrheit aus ihr herauskriegen. Er drehte sich zu Harrell um. "Sie bringen sie jetzt aufs Revier zum Verhör. Ich komme da auch jetzt gleich hin. Und ich will keine Wiederreden mehr hören!" Schließlich betrat er dann wieder das Restaurant. Harrell schüttelte nur mit dem Kopf. "Sie sind ja verrückt." Die beiden kannten sich schon ziemlich lange und hassten sich vom ersten Tag an. Und dies hier machte das alles nicht besser.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Raum war klein und wirkte verdammt kalt, da er weder richtig möbliert, noch tapeziert war. Nur in der Mitte des Raumes standen ein Tisch mit zwei Stühlen. Rechts an der Wand war ein großer Spiegel angebracht worden; ein Einwegspiegel.

Auf einen der beiden Stühlen im Verhörungszimmer saß Ms. McNab und betrachtete ihr verweintes Gesicht im Spiegel, während sie nervös mit ihren grellen Schuhen auf ihre Füße auf- und abtrat. Sie wusste, dass etliche Leute hinter dem Spiegel in einem Nebenzimmer gerade stehen würden, um sie zu beobachten.

Seaver saß ihr gegenüber und betrachtete sie. "Also?" fragte er leise. "Haben sie eine Ahnung, warum sie hier sind?"

Ms. McNab schenkte ihn keine Beachtung, sondern guckte wortlos in ihr Spiegelbild, sich selber in die Augen.

"Fällt ihnen gar nicht ein, warum wir sie verhaften lassen haben? Oder haben sie sich daran etwa schon gewöhnt?"

Die Frau blies zwischen ihren Lippen, nur ein bisschen Luft hindurch, dass so viel heißen sollte, wie er könne sie am Arsch lecken.

Urplötzlich knallte Seaver mit seiner flachen Hand auf die Tischplatte. "HEY!" Es knallte so sehr im Raum, dass Ms. McNab praktisch wachgerüttelt wurde und ihn jetzt entsetzt ansah.

"Habe ich jetzt ihre Aufmerksamkeit?"

Sie lehnte sich in ihren ungemütlichen Holzstuhl zurück, der dabei laut knackte. "Hören sie", fing sie an. "Bitte sagen sie mir doch was sie von mir wollen."

"Was mache ich denn hier gerade?"

"Sie schreien mich an!"

"Was soll ich denn auch anderes machen, wenn sie mich ignorieren?"

Erschöpft und ängstlich legte sie ihre Hand über die Augen. Sie zitterte, dass konnte er sehen. Für einen Moment dachte er daran, dass er sich wahrscheinlich wirklich geirrt hatte. Mein Gott, dann wäre der Stress aber vorprogrammiert gewesen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis man die ersten Beweise verlangen würde. Beweise die er nicht hatte, außer seine Erinnerungen an Ms. McNab auf dem Bildschirm.

Schnell verdrängte er diese Gedanken wieder. Er durfte sich von ihrem zerbrechlichen Verhalten nicht in die Irre führen lassen.

"Können sie mir sagen, wo sie in der Nacht zum Dienstag gewesen sind, oder was da gemacht haben?"

Sie überlegte kurz. "Nun ja.., ich war..." sie stammelte. "Ja, ich kann ihnen genau sagen, was ich da gemacht habe."

Seaver hatte irgendwie eine Vorahnung was jetzt kommen würde. Er konnte es in ihren Augen sehen.

"Bitte sagen sie mir jetzt nicht, dass sie die ganze Nacht gevögelt haben." Ms. McNab nickte langsam. "So ist es."

Seaver begann zu grinsen. Aber nur für wenige Sekunden, denn urplötzlich sprang er wütend von seinem Stuhl auf und schrie die junge Frau an.

"Erzählen sie mir nicht so eine Scheiße!" rief er.

"Aber es ist wahr!", verteidigte sie sich. "Mein Freund war mehrere Wochen unterwegs gewesen und das war der Tag wo er wieder kam! Deswegen kann ich ihnen das so genau sagen!"

Seaver lehnte sich zu ihr runter. Während er das tat, lehnte sie sich ein bisschen zurück. Sie meinte wohl, er wolle sie schlagen, oder so was.

"Dann erzähle ich ihnen mal was tolles!" er konnte es nicht mehr zurückhalten. Es schoss jetzt alles aus ihm heraus. "Können sie mir vielleicht erklären, wie es möglich ist, dass ich sie auf Video gesehen habe, während sie angeblich vögelten?"

Die junge Frau schüttelte nur verständnislos mit dem Kopf. Sie riss die Augen weit auf.

"In dem Gebäude wo ein grausamer Doppelmord begonnen worden war, sind sie gewesen und haben das Haus mit einem Sack verlassen!" Er holte schnell Luft und ging im Raum auf und ab, während Ms. McNab ihn nicht aus den Augen ließ.

"Ich glaube ich muss ihnen nicht erzählen, was in dem Sack wohl drin gewesen ist."

Sie wusste nicht was sie sagen sollte: "Ich glaube ich hö..!" Ihr Satz wurde plötzlich von Harrell´s Stimme unterbrochen, die aus einem Lautsprecher an der Decke laut kratzend ertönte.

"Seaver! Kommen sie sofort raus da! Ich will mit ihnen sprechen!"

Die Stimme verklang wieder. Er wusste das dass kommen würde. Scheiße, jetzt saß er in der Klemme. Ms. McNab bleib ruhig.

Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, verließ er den Raum und schmiss die Tür hinter sich zu.

Im Nebenzimmer standen Coates und Harrell, die alles durch den Einwegspiegel mitangesehen hatten. Im Gesicht von Coates, seinen besten Freund spiegelte sich ein bisschen Panik, da er auch wusste was nun kommen würde. Harrell hingegen wirkte ein wenig wütend.

Die Tür ging auf und Seaver trat ein.

"Verdammt noch mal!" fluchte er laut. "Die kleine ist eine verdammt gute Schauspielerin!"

Harrell erhob sofort die Hand, um anzudeuten, dass er ruhig sein sollte.

"Was sagten sie gerade eben?" fragte er schnell. Seaver blickte in Coates seine Augen, der seinen Blick abwandte und wieder auf Ms. McNab im Nebenzimmer guckte, die angefangen hatte zu weinen.

"Ich sagte sie sei eine gute Schauspielerin." Harrell winkte ab. "Nein, ich meinte was sie gerade zu ihr sagten!" Ohne auf sie zu gucken, deutete er auf die gefangene im Nebenzimmer.

"Sie sagten etwas von einem Video." Scheiße, war klar das er das gemeint hatte.

"Das ist richtig, ich habe sie auf Video gesehen. Nach der Tat."

"Mit einem Sack in der Hand?"

"Genau."

Harrell guckte kurz zu Coates, dann wieder auf Seaver. "Schön, und wo ist dieses Video, wenn ich fragen darf?"

Seaver setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke des Zimmers. "Nicht da." säufste er leise.

Harrell hatte genau verstanden was er sagte, wollte es aber trotzdem noch mal hören. "Was sagten sie da?"

"Ich sagte >es ist nicht da<."

Ein wenig Verwirrung spiegelte sich in Harrell´s Gesicht. Wollte Seaver es nicht rausrücken, oder was? Oder hatte er gelogen?

"Jetzt reden sie doch mal Klartext mit mir!" rief er nun.

Seaver war überrascht von der plötzlichen Lautstärke im Zimmer, die Harrell von sich gab.

"Also gut." Er würde die Wahrheit sagen. Was anderes würde ja wohl auch nicht in Frage kommen.

"Gestern Abend hat mir eine Frau, die anonym bleiben möchte, ein Band vorgeführt auf dem man diese Frau am Tatort sah." Er deutete auf Ms. McNab, indem er gegen die Scheibe tippte. Sie wischte sich gerade Tränen vom Gesicht.

Harrell nickte interessiert. "Aha. Und weiter?"

"Ich weiß nicht wie es weiterging. Ich wollte dann mit dem Video hier herfahren, aber dann sah ich das Licht am Tatort brannte."

Coates sagte jetzt auch etwas. Er fügte etwas hinzu. "Das völlig unmöglich war, um diese Zeit."

Der Chef wusste nicht genau was er sagen sollte. Worüber redeten die beiden nur? Wollten sie ihn an der Nase herumführen?

"Reden sie weiter. Was ist nun mit dem Video?"

"Nun ja, was soll ich denn noch sagen?" Er zuckte mit den Schultern. "Ich bin ins Haus gegangen, hatte ein nettes Gespräch mit den Opfern und wachte dann bei mir zuhause im Bett auf." Er lächelte Harrell ironisch an.

Coates beobachtete genau die Haltung von seinem Chef. Gleich würde er explodieren. Gleich wäre es aus. Nur noch wenige Sekunden.

Er ging auf Seaver zu. Was hatte er da gerade gesagt?

"Ich glaube ich höre nicht richtig." Er schluckte deutlich sehbar. "Soll das etwa heißen, dass...." Abrupt stoppte Harrell seinen Satz wieder, da sein Blick auf Ms. McNab im Nebenzimmer viel und er regelrecht zusammenzuckte: Die junge Frau guckte ihn plötzlich Erschreckenderweise genau in die Augen! Das war doch gar nicht möglich! Sie konnte Harrell doch unmöglich sehen, durch den Spiegel! Verwirrt guckte er zu Coates, ob er vielleicht eine Erklärung gehabt hätte, aber dieser war gerade dabei Seaver anzusehen, wie er auf dem Boden guckte und die Standpauke vom Chef erwartete.

Erneut wechselte Harrell seinen Blick wieder zu Ms. McNab: Verdammt, sie guckte ihn ja noch immer an! Genau in seine Pupillen! Wie konnte das sein? Natürlich, dachte er, das war nur ein Zufall. Wahrscheinlich guckte sie zufällig genau auf eine Stelle und war für einen Moment geistig abwesend. Wenn er sich jetzt von der Stelle wegbewegen würde, dann würde sicher.... .

Verdammt noch mal! Harrell ging langsam ein paar Schritte nach rechts und musste mit erschrecken feststellen, dass sie ihn mit ihren Blicken durch den Raum folgte! Dazu bewegte sie nur ihre Augen und nicht den Kopf!

War Ms. McNab gerade noch die arme, schockierte und ängstliche Frau, zusammengekauert auf ihrem Stuhl, so wirkte sie jetzt auf einmal regelrecht bedrohlich. Ohne sich zu bewegen, starrte sie Harrell in die Augen, die sie weit aufgerissen hatte und mehr das weiße zu sehen war, als üblich. Und blass war sie geworden! Mein Gott, sogar fast weiß! Man konnte ja förmlich zusehen, wie sich ihr Gesicht langsam verweißte! Dampf kam aus ihrer Nase gestoßen. Sie hatte ausgeatmet. Wieso, zum Teufel, bildete sich auf einmal Dampf im Raum, wenn sie ausatmete? Es war dort drin doch gar nicht kalt!

Harrell fühlte sich, obwohl sie eigentlich gar nichts machte, regelrecht bedroht, dass sicherlich nicht so schlimm gewesen wäre, wahrscheinlich überhaupt gar nichts ausmachte, wenn sie ihn nicht mit diesem furchtbaren Blick anstarren würde, ohne zu zwinkern! Durch einen Einwegspiegel, der eigentlich von dort aus undurchsichtig war! Erschrocken wandte er sich jetzt um zu Coates.

"Coates?" Dieser guckte erschrocken auf.

"Ja?" fragte er leise. Er hatte einen Frosch im Hals, den er sich wegräusperte.

"Der Einwegspiegel..." er deutete auf gerade diesen. "Der klappt doch, oder? Ich meine: Ist das ein normaler Spiegel, oder kann sie uns da draußen etwa sehen?" Coates stand auf und ging drauf zu. "Nein, der Spiegel ist normal. Wir können sie sehen. Sie sieht nur ihr Spiegelbild. Warum fragen sie?"

Harrell vermied es, Ms. McNab anzusehen. Er hatte regelrecht das Gefühl von ihr beobachtet zu werden.

"Weil mich diese Frau da drin hier anstarrt." Er zeigte auf sie und tippte mit dem Finger auf dem Spiegel.

Coates war ein wenig verwirrt. "Wieso? Das geht doch gar nicht."

Harrell nickte heftig. "Eben deswegen ja!"

"Was reden sie denn da?" Mischte sich Seaver plötzlich ein. "Sie sitzt doch da und heult!"

Harrell holte Luft um zu sagen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Aber als er die junge Frau durch den Spiegel wieder erblickte, schluckte er seinen Satz hinunter. Nichts deutete auf einmal auf etwas unnormales hin.

Ms. McNab saß auf ihrem Platz und hatte die Hände über das Gesicht gelegt. Sie weinte. Im Zimmer war es nicht kalt. Kein Rauch war zu sehen und sie hatte auch ganz normal ausgesehen. Auch die Blässe war wieder verschwunden!

"Was haben sie?" fragte Coates. Harrell war blass. Er überlegte ernsthaft, ob er sich das eben vielleicht nur eingebildet hatte.

"Fühlen sie sich nicht gut?"

Erneut blickte Harrell auf sie: Ohne Veränderung. Noch immer die arme junge und ängstliche Frau. Er streifte sich langsam über das Gesicht und merkte dabei das er zitterte. Er kannte dieses Zittern. Es war das selbe, was er manchmal hatte, wenn er ins Bett ging und hieß, dass er noch etwas essen musste.

"Nein", er drehte sich wieder zu Seaver. "Es ist alles okay."

Sekundenlang guckten sich die drei an und sagten gar nichts. Seaver war der Meinung er würde gleich Stress bekommen, Coates kapierte nicht was Harrell für ein Problem mit dem Spiegel hatte und Harrell selber war nur noch verwirrt. Er bemerkte, dass seine beiden Kollegen ein wenig verwundert waren und versuchte die seltsame Angelegenheit mit Ms. McNab vor wenigen Sekunden wieder zu vergessen. Er ließ sich noch mal durch den Kopf gehen, was Seaver gerade erzählt hatte. Stückweise erinnerte er sich wieder daran.

"Seaver," Er guckte ihn an. "Habe ich sie richtig verstanden mit dem was sie gerade sagten?" Verwirrt blickte er zu Coates. Was war denn nun los? Kommt jetzt etwa die Standpauke?

Tonlos nickte Seaver nur. Harrell wurde jetzt tatsächlich langsam wütend. Genau wie die anderen es auch erwartet hatten.

"Sie sind dann in ihrem Bett aufgewacht?" Fragte er leise nach. Er lächelte auch, dass aber ironisch gemeint war.

"So war es."

Harrell drehte sich wieder zum Spiegel um und sah Ms. McNab fertig in ihrem Stuhl sitzen. Er hatte ihren Anblick von eben sicherlich noch nicht vergessen gehabt, aber die Wut die sich jetzt in ihm aufbaute verdrängte dies schnell wieder.

Er deutete auf die junge Frau: "Sehen sie sie sich an. Sehen sie wie der zu mute ist? Sie ist vollkommen fertig!" Er drehte sich wieder um. "Und jetzt sagen sie mir ernsthaft, dass wir sie nur verhaftet haben, sie aus einem vollen Restaurant geführt haben, weil sie geträumt hatten sie sei die Mörderin gewesen?" Wütend guckte er Seaver an und zeige auf ihn. Scheiße, es war ja klar, dass er so reagieren würde. Das er darauf nicht antwortete, war für Harrell Bestätigung genug. Er fasste sich an die Stirn. "Das glaube ich einfach nicht!" Coates deutete Seaver aufzustehen und sich zu verteidigen. Es war wichtig, dass er nicht einfach in der Ecke saß und nichts tat. Schließlich stand auf. "Ich glaube nicht, dass es ein Traum war!" rief er laut. "Dazu war es viel zu Real! Außerdem stand heute morgen mein Auto noch in der Strasse! Ich kann auch nicht sagen, wie ich nach hause gekommen bin!"

Harrell ging in Richtung Tür. "Keine Ahnung wo sie nachts rumlallen! Ich werde die Frau jetzt wieder gehen lassen!" Er wollte den Raum verlassen, drehte sich aber noch einmal zu Seaver und Coates um. "Wir können nur hoffen, dass sie uns nicht verklagt!" Harrell verließ nun den Raum und schmiss die Tür hinter sich zu. Coates und Seaver blieben alleine zurück und guckten sich an. So ein Mist, dachte er sich. Das war ja klar. Harrell hatte recht. Kein Beweis hieß keine Verhaftung und erst recht nicht Verurteilung. Wenn sie wollte, könnte sie wirklich einen Anwalt auf die Polizei hetzen. Aber hoffentlich würde sie nicht so weit denken. Jetzt merkte er erst, dass er die Standpauke ohne weiteres hingenommen hatte ohne zu wiedersprechen. Unglaublich, dass war doch noch nie passiert. Aber wahrscheinlich auch nur, weil Harrell dieses mal im Recht war. Er blickte auf Ms. McNab, die auf die Tür des Verhörungszimmers achtete. Wahrscheinlich schloss Harrell sie gerade auf.

Er trat in das Zimmer und ging auf sie zu. Coates drehte an einem Knopf die Lautstärke hoch, damit man die beiden hören konnte. Harrell war natürlich ein geiler Sack, dass war anders nicht auszudrücken. Und ihn gefiel die missliche Situation, in der sie steckte. "Keine Angst, Ms. McNab." Er legte seine Hand auf ihre Schulter und bückte sich zu ihr runter. "Also, wir haben noch mal über alles gesprochen, und sind zu dem Entschluss gekommen, dass das alles nur böses Missverständnis gewesen sein muss." Er redete ruhig und gelassen. Seaver konnte nicht übersehen, dass sie sichtlich erleichtert war, wie er ihr das sagte. "Gott sei Dank." Stöhnte sie.

Harrell blickte kurz in den Einwegspiegel und konnte nur sich selber sehen, wie er neben der jungen Frau stand. Vergessen hatte er die seltsame Situation von eben sicherlich noch nicht. Aber wie hätte sie ihn denn durch diesen Spiegel sehen können? Seaver und Coates zumindest konnte er dahinter jetzt gerade nicht einmal andeutungsweise erkennen. "Kommen sie mit." Er half ihr aufzustehen. Sie war völlig fertig und geschafft. "Ich bringe sie nach hause und dann vergessen wir das alles schnell wieder."

"Geiler Sack." flüsterte Coates leise. Seaver wartete bis Harrell mit der jungen Frau das Zimmer verlassen und die Tür geschlossen hatte. Dann waren sie weg. So ein Mist. Seufzend setzte sich Seaver wieder zurück auf einen Stuhl. Coates betrachtete ihn. Langsam begann er auch ein wenig an seinen Kollegen zu zweifeln.

"Na ja, du musst doch zugeben, dass das alles auch ein bisschen hoffnungslos war, so vollkommen ohne Beweise, oder?"

Seaver zuckte die Schultern. "Schon, ja. Aber ich habe diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen, und soll dann plötzlich von ihr geträumt haben? Und rein zufällig dann einen Tag später in einem Restaurant antreffen?"

Sie guckten sich in die Augen und dachten beide nach. Das war schon alles sehr verwirrend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Tag saß Seaver auf der Terrasse bei sich zu hause und las in der Zeitung über die Vorgehensweise und Spurensuche der grausamen Tat. Knallharte Fakten wie zum Beispiel, dass die Köpfe der beiden Jugendlichen abgetrennt worden waren und auch noch nicht entdeckt wurden, wurde noch immer verheimlicht. Das war auch gut so. Immerhin hatte es die Stadt schon schlimm genug beunruhigt das zwei Jugendliche ermordet wurden. Wenn diese Nachricht jetzt auch noch in den Medien erscheinen sollte, dann würde sich wohl keiner mehr auf die Strasse trauen.

Es war erst ein Uhr Nachmittags und Seaver war nur mit kurzer Hose und T-Shirt bekleidet gewesen, während er auf einen Gartenstuhl am Tisch saß und neben sich ein kühles Getränk stehen hatte. Es war ein ziemlich heißer Nachmittag. Eigentlich ungewöhnlich für diese Jahreszeit. War das die Ruhr vor dem Sturm?

Der Grund, warum er hier saß, war eigentlich weniger erfreulich. Harrell hatte ihm heute frei gegeben. Allerdings nicht aus brüderlicher Freundschaft, sondern Zwangsurlaub. Er meinte eindeutig im Restaurant, dass wenn er Mist bauen würde, würde er dafür gerade stehen müssen. Nun ja, und dass musste Seaver wohl oder übel nun auch machen. "Bleiben sie morgen zu hause!" hatte Harrell geschrieen. Hier zu sitzen und nichts zu tun, war schon eine harte Sache. Gerade für einen Polizisten während eines so schwierigen Falles. Verdammt, er fühlte sich mächtig beschissen!

"Na, Schatz?" Erschrocken drehte er sich um und ließ die Zeitung fallen. Anna stand plötzlich hinter ihm und trug nur einen Bikini. Sie lächelte, während sie ihre Hausschuhe auszog.

"Alles klar?" Seaver war verwirrt. Sie sollte doch eigentlich auf der Arbeit sein, oder nicht? Oder hatte sie etwa gekündigt?

"Wieso bist du denn schon wieder hier?" Verwirrt blickte er sie an, musste aber die Hand vor die Augen halten, weil ihm die Sonne blendete. Sie zog eine Liege vor in die Sonne und legte ein Handtuch darauf aus, um es sich richtig gemütlich zu machen.

"Das ist ja eine nette Begrüßung", protestierte sie. "Soll ich wieder gehen?"

Seaver hob die Zeitung wieder auf und legte sie auf dem Tisch zurück. "Nein, natürlich nicht. Aber ich dachte du würdest heute arbeiten?" Anna machte es sich gerade auf ihrer Liege so richtig bequem. "Normalerweise müsste ich auch jetzt dort sein. Aber ich habe mir für den Rest des Tages freigenommen." Seaver war erstaunt. Das hatte er noch nie erlebt, dass sich seine Frau frei nahm. Eigentlich war sie mehr eine von der Art, dass sie vor dem Arbeitgeber oder Chef immer eine gute Figur machen wollte, ohne Fehlzeiten oder dergleichen. Apropos gute Figur: Seit langem konnte er mal wieder sehen, wie toll Anna doch gebaut war. Sicherlich gab es viele Leute, die wild auf sie waren. Sicherlich waren viele Leute eifersüchtig auf ihn, weil er so eine tolle Frau hatte, die aber grundsätzlich nur zu Hause sein durfte, weil ihr Mann ständig nur arbeiten war. Bestimmt Harrell, der war sicherlich wild auf sie!

"Ich bin überrascht." Er lehnte sich ein bisschen vor. Anna lag gut zwei Meter neben ihm auf der Liege und drehte ihren Kopf zu ihm. "Das du dir mal frei nimmst, hätte ich mir nie träumen lassen. Egal wie schlimm es bei dir auf der Arbeit läuft."

Sie guckte wieder zurück in die Sonne. "Ja, ich weiß. Aber momentan geht es wieder ganz gut."

"Ja?"

"Ja. Zwar nicht viel, aber es ist ein wenig Besserung in Sicht."

"Das ist schön." Er nahm erneut die Zeitung in die Hand. "Das ist ja das genaue Gegenteil zu mir." Er guckte auf einen Bericht in der Zeitung, der ihn eigentlich überhaupt nicht interessierte. Er tat so als würde er lesen und wartete nur die Reaktion seiner Frau ab.

"Jetzt hab dich nicht so. Gut, jetzt hast du halt mal einen Tag frei, was soll’s? Umso ausgeschlafener und erholter kommst du morgen früh zur Arbeit."

Er kratzte sich am Oberschenkel, weil eine Mücke auf seinem Bein platz nahm. "Du verstehst das nicht. Frei haben, weil man mal frei haben muss, ist etwas ganz anderes als das man mal frei machen soll." Er atmete tief ein und ließ die Luft wieder raus. Dabei guckte er abwesend auf den Rasen. "Und gerade jetzt, wo so ein schwieriger Fall zu bearbeiten ist!" fluchte er.

Anna merkte das er alles nicht auf die leichte Schulter nahm. Er war der typische Polizist, der nur arbeiten musste. Immer und immer weiter, solange bis sich Erfolg zeigen würde.

"Habt ihr denn noch gar keine heiße Spur?"

Seaver schüttelte mit dem Kopf. "Nein, gar nichts. Gestern Abend war eine reine Katastrophe."

Ein paar Sekunden sagten beide nichts. Anna guckte in die Sonne und musste dabei ihre Augen ein wenig zukneifen. Seaver überlegte was er machen könnte. Einfach in die Wache zu fahren und weiteren Spuren nachgehen, konnte er natürlich nicht machen. Harrell würde ihn steinigen.

Plötzlich stand Anna wieder auf, als sei sie von einer Biene gestochen worden. "Oh, bevor ich es vergesse!", sie ging zurück ins Haus. Was hatte sie denn nun?

"Was ist denn los?" rief Seaver ihr hinterher. Sie antwortete auf diese Frage zwar, konnte es aber nicht verstehen, da sie wohl im Wohnzimmer war.

Wenige Sekunden später kam sie schließlich wieder nach draußen auf die Terrasse zurück und hielt dabei ein kleines Päckchen in den Händen.

"Guck mal.", sie zog die Nase hoch. "Das lag gerade vor der Haustür, als ich wiedergekommen bin."

"Was ist drin?"

"Keine Ahnung. Ist an dich adressiert." Sie überreichte ihn das Päckchen, dass er ihr auch interessiert abnahm. Sofort konnte er sehen, dass es sich dabei nicht um ein Postpaket handelte, da weder Briefmarke noch Stempel drauf zu sehen waren. Es musste also jemand persönlich vorbeigebracht haben.

"Keine Ahnung von wem es ist." Seaver betrachtete es verwundert, während Anna wieder auf ihrer Liege Platz nahm.

"Es steht kein Absender drauf."

Auch wenn es nur ein kleines, quadratisches Päckchen war, strahlte es ein gewisses Unbehagen auf Seaver aus. Vielleicht lag es daran, weil es gerade eben jemand vorbeigebracht hatte, ohne das er davon etwas mitbekam.

"Nun mach schon auf!" Drang Anna plötzlich. "Ich bin neugierig."

Schließlich suchte er den Anfang des Klebebandes um es vorsichtig abzuziehen. Seltsam war das alles ja schon. Eigentlich sollte er es nicht einfach so öffnen. Schließlich wusste er ja nicht von wem es war.

Als er den Deckel öffnete, konnte er einen kleinen Zettel erkennen, der zusammengefaltet gleich obenauf lag. Darunter befand sich ein Gegenstand, der mit ein paar Zeitungen abgedeckt war.

"Was ist nun drin?" drängte Anna plötzlich wieder.

"Nun sei doch mal nicht so neugierig.", antwortete Seaver genervt aber dennoch lächelnd, während er sich erst dem Zettel widmete und diesen auseinander faltete. "Du bist ja neugieriger als ich."

"Nun ja, so bin ich nun mal."

Seaver hielt den Zettel nun vor sich. Er war von einer Frau geschrieben worden, dass unschwer zu erkennen war und waren nur drei Zeilen. Und als er schließlich einen Blick auf die Unterschrift am Ende des Briefes warf, zuckte er Regelrecht zusammen.

"Es tut mir leid das ich Ihnen gestern Abend nicht helfen konnte."

Stand auf dem Zettel.

"Aber vielleicht tröstet Sie dieses Geschenk ja ein bisschen.

Mit freundlichen Grüßen ...... Melinda McNab."

Seaver konnte es kaum glauben. Woher wusste diese Frau wo er wohnte? Okay, sie hätte vielleicht ins Telefonbuch gucken können, aber was sollte denn dieses Geschenk von ihr? Immerhin hatte er sie ja des Mordes beschuldigt. Und sehr zierlich und nett war er auch nicht mit ihr umgegangen.

"Was hast du?" Anna bemerkte sein schockiertes Gesicht und musste einmal kräftig schlucken, bevor er wieder reden konnte.

"Ach, nichts." Er ließ den Zettel fallen und griff in den Karton hinein, um den großen und ziemlich schweren Gegenstand herauszunehmen.

"Du siehst ja Käseweiß aus." Er guckte auf seine Frau, die sich aufgesetzt hatte. "Mir geht es aber gut. Ich war nur ein wenig erschrocken eben."

"Warum?"

"Es ist doch egal warum. Muss ich dir eigentlich immer über alles gleich eine Lebensgeschichte erzählen?"

Anna war manchmal wirklich ziemlich schlimm was ihre ständige Fragerei anging. Sie mochte es anscheint ziemlich gerne ihren Mann immer wieder mit irgendwelchen Fragen zu löchern.

"Ich meine ja nur. Wenn es dir nicht gut geht musst du es nur sagen. Ich könnte dir einen Tee oder so machen......"

Sie verstummte plötzlich. Sie redete nicht weiter. Seaver guckte sie an und musste erkennen, dass sie auf einmal nicht mehr so schön braungebrannt aussah, wie es gerade noch der Fall war. Nein, sie war jetzt weiß geworden. Seaver zuckte regelrecht zusammen, als er auf einmal in das Käseweiße und schockierte Gesicht seiner Frau guckte.

"Um Gottes willen, was hast du denn auf einmal?"

Anna gab keine Antwort und guckte ihn nur in die Augen. Stand da irgendjemand hinter ihm?

Er drehte sich um konnte da aber nirgendwo jemanden erkennen. "Was ist los mit dir?"

Ohne eine Vorwarnung fing sie plötzlich an zu schreien. Seaver erschreckte sich zu Tode. "Mein Gott, was hast du denn?"

Anna schrie weiter, ohne einmal Luft zu holen.

Der Schrei war dermaßen laut, dass es ihm durch alle seine Knochen ging und ihm eine riesige Gänsehaut über den Rücken einbrachte. Wahrscheinlich auch den Nachbarn.

Ohne ein Wort zu sagen und ihren Schrei zu unterbrechen, deutete sie auf das was er gerade in den Händen hielt. Seaver verstand nun endlich. Er hielt einen runden Gegenstand, der mit einem Tuch verdeckt war. Allerdings nur auf seiner Seite – die hintere war frei, dass Anna wohl einen kurzen Blick ermöglicht hatte.

Nun erkannte er, dass sein Schoß mit Blut vollgelaufen war. Mit dickem, knallrotem Blut.

Während Annas schrei noch immer durchdringender wurde, zog Seaver jetzt schnell das Tuch weg und atmete erschrocken ein.

Er blickte in die Toten Augen des jungen Opfers Christian, die ihm vollkommen ausdruckslos anstarrten. Das Gesicht war blutbeschmiert, dass weiße in den Augen rot verfärbt und war der abartigste Anblick den er jemals gesehen hatte in seinem Leben.

Mit riesigen Entsetzen musste er feststellen, dass er Christians Kopf aus dem Karton geholt hatte! Ms. McNab hatte ihm tatsächlich einen Kopf nach hause geschickt!

Blitzschnell und vollkommen angeekelt ließ Seaver den Kopf fallen, der über seinen Schoß und Beinen rollte um direkt auf Anna zuzusteuern. Diese viel nun in Ohnmacht, da sie keine Luft geholt hatte. Wie ein Sack Kartoffeln sackte sie auf ihre Liege zusammen um von dieser gleich runterzufallen und neben den abgetrennten Kopf liegen zubleiben.

Seaver sprang auf und rannte zu seiner Frau, die er gleich hochnahm und mit ihr ins Haus rannte. So etwas hatte er noch nie erlebt gehabt. Er hatte schon sehr viel abartiges gesehen, aber das hier war das erste mal.

Mit Herzrasen rannte er in das Wohnzimmer, wo er Anna auf eine Couch legte. Dann nahm er sofort das tragbare Telefon von der Station und wählte die Nummer von Coates an. Aber es erschien kein Rufzeichen.

Zitternd wie Espenlaub streifte er sich durch die Haare und schüttelte den Hörer. "Was ist denn nun los, verflucht noch mal?" rief er laut. Anna gab keine Bewegung von sich.

Jetzt viel sein Blick auf die Telefonbuchse direkt neben der Tür. Mein Gott, dachte er sich. Das Kabel war zerschnitten worden!

Kein Wunder das kein Rufzeichen ertönte. War diese Frau etwa noch bei ihn im Haus?

Er ließ den Hörer nun fallen und griff nach seiner Waffe, die er auf einer Kommode liegen hatte, in unmittelbarer Nähe der Tür. Er lud sie durch. Er war zum abdrücken bereit. Wenn es darum ging, dass jemand seiner Familie zu nahe kam, war der Spaß zu ende und er würde nicht zögern abzudrücken. Nicht eine Sekunde.

"Ms. McNab?" rief er laut. "Wenn sie hier sind, dann kommen sie besser sofort raus! Ich werde schießen, verlassen sie sich darauf!"

Er warf einen Blick auf die Sitzgruppe und stockte plötzlich:

Auf einem Sessel, der ihm den Rücken zukehrte, konnte er einen weiblichen Hinterkopf erkennen! Lange Haare waren zu sehen!

Jemand musste auf seinem Sessel sitzen! Aber ohne sich zu bewegen.

Seaver hob die Waffe und zielte. Dabei lief er langsam drauf zu.

"Stehen sie auf!" schrie er. "Ich ziele genau auf ihrem Hinterkopf!"

Aber nichts passierte. Nichts.

"Hören sie mich nicht?" rief Seaver nun lauter, während er sich weiterhin seinem Sessel nährte. "Wenn sie nicht sofort aufstehen, wird es mir eine Freude sein abzudrücken! Ich werde mir die Kugel danach einrahmen lassen, sie kranke Psychopatin!"

Es kam noch immer keine Reaktion. Seaver war nun soweit vorgedrungen, dass er schließlich sehen konnte, dass die Person gar keinen Körper hatte. Beine hätte er eigentlich schon langsam sehen müssen. Aber das war nicht der Fall.

Etwas stimmte da nicht. Er ging um die Ecke um zu erkennen, dass Ms. McNab nicht dort saß. Stattdessen musste er erneut den Anblick toter Augen ertragen. Es war diesmal der Kopf des jungen Mädchens Dawn. Ihr Kopf wurde mit einem Nagel genau in Kopfhöhe an dem Sessel befestigt, so das es von hinten so aussah, als ob jemand dort sitzen würde.

Seaver versuchte wegzurennen. Er versuchte seine Frau zu packen und das Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Aber er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Er begann sich zu übergeben. Mehrmals entlehrte er seinen Magen direkt auf dem Boden neben dem Sessel das sich immer wiederholte, wenn er erneut auf das arme Mädchen sah.

Schließlich wischte er sich mit dem Handrücken die restlichen Tropfen weg und machte sich zurück zu seiner Frau, die noch immer bewusstlos auf der Couch lag, nahm seine Autoschlüssel von der Kommode und packte sie vorsichtig wieder hoch um mit ihr dann das Haus durch die Eingangstür zu verlassen. Ihm war ziemlich egal, dass er alles was ihnen lieb und teuer war, zurücklassen würde, aber bei dem Gedanken, dass sich zwei Köpfe auf seinem Grundstück befanden und jemand irgendwo bei ihnen im Haus sein Unwesen trieb, konnte er nicht anders als abhauen.

Er öffnete die Beifahrertür seines Autos und setzte Anna vorsichtig rein. Nach einem kurzen Kontrollblick in ihre Augen sprang er über die Motorhaube, um auf dem Fahrersitz platz zu nehmen.

Mit zitternden Händen steckte er seinen Autoschlüssel in das Schlüsselloch, zündete den Wagen und raste Rückwärts von seinem Grundstück hinunter um sofort zur Polizeizentrale zu fahren. Gott sei Dank spielten gerade keine Kinder an der Straße, da dies sonst so ziemlich immer der Fall war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war eine Stunde später, als Seaver mit Coates vor seinem Haus stand und sie kein Wort über die Lippen brachten. Während Seaver regungs- und ausdruckslos an der Wand lehnte und die Kieselerde auf den Gehweg betrachtete, beobachtete Coates wie Polizisten und die Spurensicherung nach Beweisen für Einbruch Ausschau hielten.

Anna befand sich wegen eines schweren Schocks im Krankenhaus. Seaver war froh, dass er sie erst einmal los war. Dies hörte sich vielleicht böse an, aber er wusste das sich jemand um sie kümmerte und er in ruhe alles nachgehen konnte. Diese Ms. McNab muss doch absolut wahnsinnig sein. Sie spielte mit allen ein ganz groteskes Spiel, dass wussten sie nun alle. Und gestern machte sie einen auf armes und trauriges Mädchen. Das war einfach unglaublich.

Diese ganze Sache fand Seaver dermaßen makaber und unfassbar, dass er kurz anfing zu lächeln. Es war aber ein nicht sehr ernstes lächeln, dass aus reiner Ironie zum Vorschein kam.

O´Niell erschien auf einmal bei den Beiden. Er hielt den Zettel von Ms. McNab in der Hand, den sie mit in das Päckchen gelegt hatte.

"Hallo Jungs", sagte er leise. Seaver und Coates nickten nur langsam. "Also ich kann euch sagen, dass Ms. McNab diesen Zettel wirklich geschrieben hat."

"Natürlich hat sie das. Die ist doch krank, diese Schlampe." Fügte Seaver wütend hinzu.

Coates ging ein paar Schritte zu O´Niell vor. Es interessierte ihn woher O´Niell dies wissen konnte.

"Woher weißt du das?"

"Nun ja, ich habe ihre Unterschrift verglichen. Bevor Harrell sie gestern nach hause gehen lassen hat, musste sie ein Dokument unterschreiben. Ich habe mir dieses Blatt eben Faxen lassen. Sie hat es selber geschrieben, dass steht fest."

"Was ist mit den Köpfen?"

O´Niell räusperte sich und trat ein bisschen vor. Schließlich musste nicht jeder hier hören, um was es sich bei dem Gespräch handelte.

"Also, es gibt keinen Zweifel, dass es sich bei den beiden Köpfen um die der Opfer handelt. Die Verwesung ist schon stark vorrangeschritten. Um den Kopf des Mädchens in der Höhe des Sessels zu belassen, hatte man ihr einen langen Nagel ..."

Seaver unterbrach O´Niell schnell, da er sicherlich keine Lust hatte dies zu hören. Immerhin war er ja schon gezwungen gewesen es sich anzusehen, warum sollte er es dann also noch mal hören?

"Bitte tue mir ein gefallen und erspare mir Einzelheiten. Sonst muss ich gleich wieder kotzen."

O´Niell blieb ruhig und überlegte einen Moment. Coates meldete sich wieder zu Wort. "Und du hast überhaupt nichts gemerkt? Wie ist diese Frau denn überhaupt in dein Haus gekommen?"

"Ich weiß es nicht." Er steifte sich über die Haare und streckte sich ein wenig. Er war sichtlich geschafft, dass konnte man nicht übersehen. "Ich weiß nur noch, dass Anna mir das Packet gebracht hatte, da es vor der Tür stand. Keine Ahnung wann sie in unserem Wohnzimmer gewesen sein könnte."

"Scheiße." O´Niell schüttelte mit dem Kopf. "Hoffentlich werdet ihr sie bald wieder fassen. Ich möchte sie zu gerne fragen, was eine so junge und attraktive Frau dazu bringt eine derartige Tat zu begehen."

"Da hast du recht. Wenn ich die das nächste mal in die Finger bekomme, kann sie sich ihre Heulerei sparen."

Seaver ging ein paar Schritte vor und drehte sich wieder zu seinen Kollegen um. Er überlegte, wo sich Ms. McNab aufhalten könnte. Zu hause würde sie sicherlich nicht auf die Polizei warten, soviel war klar. Genauso gut könnte es auch sein, dass sie sich bereits im Flugzeug befand um auf die andere Seite der Erde ein neues Leben zu beginnen. Er wusste es nicht.

"Die werden wir nie wieder sehen." sagte er leise.

"Was?"

"Ich sagte die werden wir nie wieder sehen. Die sitzt irgendwo und lacht sich über uns alle kaputt. Die freut sich darüber, dass sie und zwei mal hintereinander fantastisch verarscht hat!"

"Ja, du hast recht."

Seaver redete sich wieder wütend. Wenn er erst einmal damit angefangen hatte, konnte er nicht mehr aufhören weiterzureden. Er ließ seiner Wut freien lauf. Aber das war auch nicht schlecht.

"Ich hätte ihr gestern auf die Fresse hauen sollen."

"Ja, hast recht." Coates kam näher. "Aber gestern hatten wir halt nicht genug Beweise. Hätten wir sie angepackt, hätte Harrell uns geköpft."

Seaver und O´Niell sahen Coates an. Ihr Blick sagte alles. Man musste aufpassen, was man für Äußerungen von sich gab, denn immerhin lagen ja zwei abgetrennte Köpfe nur wenige Meter entfernt in einem Eisbeutel.

"Sorry", er schluckte. "Tut mir leid."

Seaver trat ein paar Steinchen vom Fußweg weg, die ihm im Weg lagen. "Verdammter Mist!" fluchte er. "Bei dem Gedanken, dass wir sie gestern hatten, könnte ich verrückt werden!"

Man durfte eigentlich gar nicht an diese Situation denken. Immerhin war es ja nun mehr als nur ein einfacher Fall. Denn wenn schon die Familie des leitenden Polizisten mit in die Sache hineingezogen wird, ist dies auch eine ungeheure Anspannung, die sich nun bei allen zeigte.

"Verflucht, ich hasse diese Typen!" fluchte O´Niell auf einmal. Seaver und Coates waren ein wenig geschockt, denn um ehrlich zu sein, kannten sie solche Ausdrücke gar nicht von ihrem Kollegen.

"Was meinst du?"

"Ich meine diese ewigen Schaulustigen." Er deutete auf Einfahrt zu Seaver´s Grundstück. "Wenn die erst einmal einen Polizeiwagen gesehen haben, bekommt man die nicht mehr weg."

Seaver und Coates sahen auf die Stelle, auf die O´Niell zeigte. Und er hatte recht: Direkt an der Einfahrt, ungefähr zwanzig Meter von ihnen entfernt, stand eine junge Frau an ihrem Wagen gelehnt, die interessiert und neugierig das Geschehen der Polizei verfolgte. Sie hatte die Arme verschränkt und bewegte sich gar nicht großartig, sondern ließ einfach ihren Hals wie eine Giraffe ab und zu von links nach rechts huschen, um auch ja nichts zu verpassen.

"Scheiße", Coates trat ein paar Schritte vor. "Die ist sicherlich von der Presse."

"Wahrscheinlich."

"Ich gehe hin und schicke sie weg. Irgendeine Geschichte von einem Polizisten, der private Probleme hat, brauchen wir morgen sicherlich nicht in der Tageszeitung."

Coates hatte mit dieser Einstellung natürlich recht. Sicherlich hatte einer von der Presse etwas von der peinlichen Situation mitbekommen, dass Seaver eine Frau festgenommen und verhört hatte, ohne Beweise in der Hand zu haben. Das ist schon ein gefundenes Fressen für die Presse. Aber wenn dann auch noch dieser Polizist in private Probleme kommt, haben diese sicherlich keine Rücksicht, ihn vollkommen fertig zu machen und stochern hemmungslos in allen Wunden.

Als Coates gerade zu der fremden Dame gehen wollte um sie wegzuschicken, hielt Seaver ihn auf einmal erschrocken am Arm fest.

Es ging so schnell, dass Seaver es selber zuerst gar nicht merkte. Es ging fast von alleine. "Was hast du?"

Für ein paar Sekunden blieb er erst einmal ruhig. O´Niell guckte Seaver verständnislos an, als wolle er gleich sagen, dass er nicht ganz dicht sei. Seinem Gesichtsausdruck nach, könnte dies aber auch zustimmen. Seaver sprach leise. Gerade zu flüsternd und ruhig, atmete dabei aber schnell, weil sein Herz wie wild zu rasen begann.

"Sag mal", er schluckte schnell und sah Coates in die weit aufgerissenen und verwirrten Augen. "Haben wir beide, diese seltsamen Schuhe, die diese Dame trägt, nicht gestern Abend erst gesehen?"

Coates überlegte ein paar Sekunden und wusste worauf Seaver ansprach. Seltsame Schuhe? Ms. McNab hatte gestern Abend ziemlich seltsame grelle Schuhe getragen, die irgendwie gar nicht zu ihren Kleidern passten. Wollte er darauf anspielen?

"Ich weiß jetzt nicht wovon du redest..." Seaver unterbrach ihn und deutete nur kurz mit seinen Augen in die Richtung der fremden Frau. Langsam drehte Coates seinen Kopf zur Seite und konnte seinen Augen überhaupt nicht trauen: Die Frau die dort an ihrem Wagen stand, musste Ms. McNab sein! Ihre Schuhe hoben sich dermaßen von ihrer Kleidung ab, dass man diese eigentlich gar nicht übersehen konnte. Und es stimmte! Das waren genau die Schuhe von gestern!

Seaver ließ sich nichts anmerken und flüsterte nur noch weiter.

"Gib mir dein Funkgerät."

Langsam und vorsichtig, ohne groß die Aufmerksamkeit von Ms. McNab zu erregen, die noch immer vollkommen unbeteiligt bei dem Geschehen zuguckte, zog Coates sein Funkgerät aus der Hosentasche und gab es an Seaver weiter, der dies auch benutzte. Er verhielt sich nicht zu unauffällig, da sie sonst vielleicht Verdacht schöpfen könnte.

Langsam führte er es zum Mund und betätigte den Knopf um sprechen zu können. "Harrell?"

Harrell musste irgendwo hier auf dem Grundstück sein. Wahrscheinlich bei ihm im Haus um weiterhin nach Spuren zu suchen.

"Harrell, sind sie da?" Es dauerte ein paar Sekunden, bis dieser sich genervt und viel zu laut aus dem Lautsprecher des Funkgerätes zurückmeldete. "Seaver, was gibt es jetzt wieder?"

Erschrocken von der viel zu weit aufgedrehten Lautstärke, hielt Seaver sich das Gerät schnell gegen den Bauch, während Coates den Regler auf leise drehte.

"Seinen sie nicht so laut, verflucht!" wütete Seaver zu Harrell zurück, obwohl dieser natürlich gar nichts dafür konnte, dass der Ton so laut eingestellt war.

"Was ist denn los?"

"Ms. McNab ist hier."

"Was?" Harrell wurde lauter. "Wo?"

"Sie steht mit ihrem Auto vor meinem Grundstück."

Es wäre am besten, wenn Harrell zwei oder drei Männer von links und rechts angreifen lassen würde. Sie könnten sich eigentlich ohne Probleme durch die Gebüsche schleichen und den Überraschungseffekt ausnutzen, um Ms. McNab innerhalb weniger Sekunden zu überwältigen. Andererseits könnte er selber jetzt auch einfach seine Knarre ziehen und während er auf sie zielte, auf sie zurennen. Aber nein, seine Knarre hatte er jetzt gar nicht hier. War ja auch klar. Sie musste noch in seinem Auto sein. Verdammt!

"Seaver?" flüsterte Coates plötzlich erschrocken. "Scheiße, sie hat es gemerkt!"

Schnell drehte Seaver seinen Kopf nach rechts und musste sehen, wie Ms. McNab langsam zurück in ihr Auto stieg.

"Verflucht..." Der Motor ihres Wagens sprang an und guckte durch die Fahrerscheibe beiden direkt in die Augen. "Die provoziert uns!"

"Mist, die will abhauen!"

Schnell ließ Seaver das Funkerat fallen und packte Coates am Arm. "Gib mir deine Autoschlüssel!" Wild begann dieser in seinen Taschen zu suchen, konnte sie aber nicht finden. "Scheiße!", fluchte er. "Ich weiß nicht wo ich sie habe!"

"Wir dürfen sie aber nicht entkommen lassen!"

Laut quietschende Reifen hörten sie alle auf einmal und konnten nur noch sehen, wie McNab eine dampfende Rauchwolke hinterlassen hatte.

"Schnell!" Seaver rannte auf einen Kleinbus der Spurensicherung zu, der nur wenige Meter neben ihnen stand. "Geh ans Steuer!"

Während Coates sich auf den Fahrersitz warf und die Tür hinter sich ins Schloss riss, ging Seaver auf die hinteren Sitzbänke, um von dort aus alles besser im Blickfeld haben zu können.

"Ihr könnt mit dem Wagen nicht weg!" rief O´Niell auf einmal von draußen. "Da sind doch meine Sachen drin!"

Ohne darauf eine Antwort zu geben, startete Coates den Wagen und setzte diesen blitzschnell zurück, um Seaver´s Grundstück zu verlassen und dann gleich in die Richtung einzuschlagen, in die Ms. McNab abgehauen war.

Der Motor heulte und jammerte einmal kurz auf, während Coates den ersten Gang einlegte, um dann gleich danach die Straße entlang zu brettern und die Verfolgung aufzunehmen.

Sie befanden sich auf einer Kilometerlangen Straße, die von links und rechts nur von Feldern umgeben war. Es war ein leichtes Ms. McNab´s Wagen nur wenige Meter vor ihnen zu erkennen.

"Da ist sie! Hau drauf!" Coates legte den fünften Gang des Kleinbusses ein und trat das Gaspedal bis zum Anschlag hin durch. Nach einem Zucken im Auto rasten beide der Frau hinterher. Der Motor des Autos wurde laut und es dröhnte regelrecht im Wagen.

"Das die Kiste so dermaßen abgeht, hätte ich nicht gedacht!" rief Coates laut. Er schien das ganze sichtlich zu genießen.

"Wir dürfen sie jetzt unter keinen Umständen verlieren!"

Nur nach wenigen Sekunden hatten sie Ms. McNab fast eingeholt, da es aber nur eine einspurige Straße war, ließ sie die beiden nicht überholen, sondern fuhr absichtlich Schlangenlinien.

"Die lässt uns nicht vorbei!" Ein paar Sekunden ging das Spiel so weiter. Immer wieder riss sie das Lenkrad nach links und rechts hin rum, um auf keinen Fall zu riskieren, dass Seaver und Coates an ihr vorbeikamen. Wäre das nämlich der Fall, könnte Coates sie einfach ausbremsen. Natürlich nur wenn sie sich davon beeindrucken lassen würde.

"Mist, was machen wir jetzt?"

Seaver guckte sich im Auto um, ob er vielleicht etwas passendes finden konnte, um ihren Wagen, wie auch immer, zum stoppen zu bringen. Aber womit? Hier im Bus waren nur Sachen die für die Spurensicherung nötig waren, wie zum Beispiel Handschuhe, Pinsel und Pulver für Fingerabdrücke und solches Zeug. Damit konnte er wohl kaum etwas ausrichten.

Jetzt stoppte sein Blick genau an Coates´ Hüfte. Sein Blick viel auf seine Waffe, die er im Halfter stecken hatte. Sofort griff er danach. "Ich brauche deine Waffe!"

"Was willst du tun?" Coates wendete seinen Blick nur wenige Millisekunden von Seaver, da er die Straße im Auge behalten musste. Wenn er auch nur ein bisschen von der Straße abkommen würde, könnte es ihm die Räder zur Seite reißen, da diese uneben waren. Es war ja aber auch nur ein Feldweg; nicht unbedingt dafür gedacht um Verfolgungsjagden zu veranstalten.

"Ich muss sie irgendwie stoppen." Seaver lud die Waffe durch. "Versuche sie irgendwie zu überholen!"

"Das ist leichter gesagt als getan!" Coates wischte sich den Schweiß von die Stirn. "Die lässt mich ja nicht vorbei!"

Genau in der Sekunde passierte dies, was Coates die ganze Zeit versuchte zu vermeiden: Ms. McNab verlor plötzlich die Kontrolle über ihren Wagen, weil sie ein wenig zu weit links am Straßenrand gefahren war. Brutal wurde ihr das Lenkrad aus der Hand gerissen und fuhr unkontrolliert nach links hin auf ein großes Feld. Staub wedelte auf und Gras wurde aus der Erde gerissen, während sie über den gepflegten Boden raste.

Diese Situation nutze Coates aus, um blitzschnell an ihr vorbeizuziehen. Er drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch und brauste vorwärts.

Seaver beobachtete währenddessen was Ms. McNab tat. Sie lenkte wieder auf die Straße und fuhr, völlig ungebremst, weiterhin die Straße entlang. Nur mit dem Unterschied, dass Seaver und Coates jetzt vor ihr fuhren.

"Gut!"

Seaver ging wieder nach hinten und öffnete die hinteren beiden Türen das Busses. Dies war eine ziemlich gefährliche Sache, denn wenn er jetzt rausfallen würde, würde Ms. McNab ihn direkt überfahren.

"Was hast du vor?" rief Coates von vorne irritiert. Er beobachtete die ganze Sache durch den Rückspiegel. "Mach bloß kein scheiß!"

Seaver reagierte und antwortete nicht. Er zielte mit der Waffe direkt auf Ms. McNab, die ihn anstarrte, aber wenig begeistert war. "Bleiben sie stehen!" rief Seaver laut. "Ich habe keine Probleme abzudrücken! Also fahren sie ran!"

Sie fuhr weiterhin den beiden einfach hinterher. Es wäre einfach für sie, zu bremsen und schnell umzukehren, denn mit dem Bus wäre das umdrehen auf dem schmalen Feldweg für Coates sicherlich nicht sehr leicht gewesen.

Stattdessen fuhr sie schneller und rammte den Kleinbus von hinten!

Coates wurde nach vorne gegen das Lenkrad geschleudert und fluchte laut. Seaver dagegen konnte sich nicht halten. Er verlor das Gleichgewicht und taumelte.

"Halt dich fest!" rief Coates laut.

Seaver wusste das er es nicht schaffen würde. Er würde jeden Moment aus dem Bus auf die Straße fallen! Direkt vor Ms. McNab´s Auto! Und bremsen würde sie sicherlich nicht! Er nutzte die letzte Sekunde die er noch im Bus hatte, sich mit seinen Beinen so fest es ging abzustoßen um, nicht vor ihrem Auto, sondern direkt auf der Motorhaube zu landen. Krachend kam er auf und verbog das Blech der Haube mit seinen Knien.

"Scheiße!" Coates erschrak. "Verflucht noch mal!" Sie hätte ein leichtes Spiel, um ihn wieder loszuwerden. Entweder ein paar mal das Lenkrad nach links und rechts reißen, oder einfach zu bremsen. Das würde Seaver sicherlich mehrere Meter nach vorne schleudern.

Er hielt sich mit der linken Hand an der Motorhaube neben dem Scheibenwischer fest während er mit seiner anderen Hand die Waffe auf Ms. McNab richtete. Wind fegte ihn um die Ohren und er musste die Augen zukneifen. Er konnte sie gar nicht richtig sehen. Aber sie saß da auf dem Fahrersitz und war nicht sonderlich davon beeindruckt, dass Seaver ihr auf der Motorhaube saß.

"Halten sie sofort den Wagen an!" schrie er laut. Er konnte sich kaum hören, da es hier draußen, des Windes wegen, einfach zu laut war. "Ich schieße gleich!"

Auf einmal konnte er ein lautes Platzgeräusch wahrnehmen. Er drehte seinen Kopf in Richtung Fahrbahn und musste erkennen, dass ein Reifen des Kleinbusses geplatzt war, in dem Coates noch weiterhin saß. Er musste hilflos mit zusehen, wie Coates die Kontrolle über den Wagen verlor, auf das Feld zuraste und in eine Kuhle fuhr. Laut prallte der Wagen mit der Schnauze zuerst hinein und überschlug sich dann mehrere male auf dem Feld. Erde, Gras und Teile des Busses flogen durch die Luft. Von Coates war gar nichts mehr zu sehen.

"Scheiße!" fluchte Seaver laut, da Ms. McNab nicht hielt, sondern einfach an der Unfallstelle vorbeiraste. Seaver konnte seinen Kollegen nicht helfen.

Erneut zielte er mit der Waffe auf die verrückte. "Halten sie jetzt an!" schrie er wieder. "Das ist jetzt die letzte Chance!"

Sie kümmerte das nicht. Sie riss stattdessen das Lenkrad rum, um ihn abzuwerfen. Aber Seaver krallte sich an der Motorhaube fest. Jetzt war es genug. Irgendwann kam der Moment, wo auch er keine Geduld mehr hatte. Er zielte mit der Waffe auf sie und drückte schließlich ab. Die Kugel schoss durch die Windschutzscheibe und sauste nur wenige Zentimeter an ihrem Kopf vorbei in die Kopfstütze, die regelrecht aufplatzte und Watte rausschoss.

Erschrocken guckte sie sich im Auto um und konnte es gar nicht glauben, dass Seaver wirklich abgedrückt hatte. Denn wenn er sie erschießen würde und das Auto nicht mehr steuerte, dann würde ja noch ein Unfall geschehen. Und diesmal wäre er selber mit drin verwickelt. Auf der Motorhaube, hatte er sicherlich nicht gerade den sichersten Platz.

Erneut schoss Seaver durch die Windschutzscheibe. Und diesmal saß es: Er traf Ms. McNab direkt in die Brust. Blut schoss aus ihrer Wunde heraus und verspritzte einzelne Tropfen auf die Innenseite der Windschutzscheibe. Sie jappte nach Luft und krümmte sich ein wenig nach vorne.

Seaver schoss noch einmal. Und noch einmal. Und noch mal. Jedes mal traf er die Frau in der Brust- und Bauchgegend und immer mehr Blut trat zum Vorschein.

Schließlich sackte sie nun, nach mehreren blubbernden Geräuschen, nach vorne hin auf das Lenkrad, wo sie bewegungslos liegen blieb.

Seaver warf die Waffe weg. Er wusste, dass es nicht das klügste war, was er gerade gemacht hatte, aber was sollte er tun?

Das Auto fuhr noch immer mit über hundert Stundenkilometer auf der Anzeige über die Straße; ohne gesteuert zu werden. Ms. McNab hatte ihr Gewicht auf das Gaspedal nach vorne verlegt, als sie vorsackte. Mist, was sollte er jetzt machen?

Schnell kletterte Seaver, mit sausenden Wind in den Ohren, über die Windschutzscheibe hin auf das Dach, von dort aus auf den Kofferraum, wo er auf eine passende Stelle wartete, wo er abspringen konnte. Natürlich nicht auf die Straße, dass würde ihn bei dem Tempo sicherlich glatt umbringen.

Schließlich sprang er nach rechts ins Feld hinein. Der Wind wehte, erschlug ihn fasst, als er sich in der Luft befand und auf den weichem Gras aufkam. Er rollte über Dreck und Kuhmist rüber, hatte Panik gleich auf irgendwelchen Seinen zu treffen und verletzt zu werden. Aber er hatte Glück, es passierte nichts.

Er sah wie Ms. McNab mit ihrem Auto nun ebenfalls langsam nach links auf ein Feld abdriftete, brutal in einen kleinen Bach mit der Schnauze des Autos geriet und von der Wucht sich das hintere Teil des Autos anhob. Laut krachend und donnernd konnte Seaver zusehen, wie sich das Auto mehrere male überschlug, jedes mal etliche Teile, wie Reifen, Stoßstangen, Rückspiegel und Tausende Teile vom Auto abrissen, um sich wild über des gesamte Feld zu verteilen.

Nun knallte der Wagen auf das Dach auf und rutschte noch ein paar Meter über den Boden auf eine Kuhherde zu, die laut muhend Reißaus nahmen.

Zu guter letzt explodierte die Kiste dann Ohrenbetäubend laut. Seaver duckte sich in das Gras rein und wartete ab, bis keine Teile mehr in der Luft rumflogen.

Dann war es vorbei. Das Auto stand in Flammen, Ms. McNab war gegrillt und er saß alleine auf einem Feld neben Kuhscheiße.

Und Coates! Hoffentlich ging es ihm gut. Er musste das unbedingt wissen.

Im Hintergrund konnte er dann Polizeisirenen hören, die nicht mehr weit wegwaren. Er hätte nie gedacht mal so froh zu sein, Harrell zu sehen.

Er stand auf und hielt sich das Knie, dass auf einmal doll anfing zu schmerzen. Verdammt, er hatte sich doch verletzt! Ziemlich sogar, denn aus der Wunde war bereits eine Menge Blut gelaufen, die seine Hose fällig durchnässte.

Seufzend ließ er sich zurück auf das Feld fallen und starrte auf das brennende Auto. Dicke und schwarze Rauchschaden zogen in den Himmel. "Von wegen Autos explodieren nur im Film."

Geschafft legte er sich in das Gras zurück.

 

 

Es waren fünf Stunden vergangen und Seaver lag in einem Krankenbett. Er hasste Krankenhäuser über alles. Er konnte die raue Atmosphäre nicht ertragen, die hier immer gegeben war. Auch die Schwestern waren nicht immer so höflich, wie man es gerne hätte.

Sein Knie war, zum Glück, doch nicht so schlimm verletzt, wie er es vorher gedacht hatte. Es war nur ein Riss in der Haut gewesen, dass ziemlich stark blutete, aber er hatte sich zum Glück nichts gebrochen. Außer ein paar Abschürfungen die er noch am Rücken und im Gesicht hatte, war er bester Gesundheit.

Es klopfte plötzlich und der Doktor trat ein.

"Herr Seaver?" fragte er leise. Er war wohl der Meinung das er schlafen würde. Aber nein, er dachte vielmehr daran wie er es vorhin doch tatsächlich fertiggebracht hatte zu überleben.

"Ja, bitte?" Er räusperte sich und setzte sich auf.

"Können sie Besuch empfangen? Oder möchten sie lieber ihre Ruhe haben?"

Seaver schüttelte mit dem Kopf. Ein bisschen Gesellschaft würde sicherlich nicht schaden.

"Nein, kein Problem."

"Gut." Der Doktor trat zur Seite. "Hier ist jemand der sie sprechen möchte."

Er war neugierig wer ihn nun um die Ecke treten würde. Seine Frau sicherlich nicht. Die würde bestimmt noch unter Schock stehen.

Harrell betrat den Raum. Er guckte Seaver einen Moment in die Augen und wandte sich dann dem Arzt zu, um ihn zu deuten bitte rauszugehen. Dies tat der Doktor auch, denn Privatgespräche musste er nicht unbedingt mithören. Erst recht nicht wenn es um Polizeiangelegenheiten ging.

"Harrell?" Seaver war verwundert. "Was führt sie denn hierher?"

Er ging zum Fenster und guckte einen Moment hinaus. Irgendwas stimmte nicht. Warum sollte er sonst so tun, als würde ihn das schöne Wetter so interessieren?

"Harrell?"

Er kam nun zu sich und drehte sich zu Seaver um. Er sah wirklich ziemlich fertig aus. "Das haben sie toll hinbekommen." Sagte er nur.

Seaver war verwirrt. Okay, jetzt war Ms. McNab eben nicht mehr am Leben, aber dafür wird das Thema doch nun zu Ende sein, oder nicht?

"Was meinen sie? Meinen sie wegen Frau.." Harrell erhob den Arm und unterbrach damit Seaver seinen Satz.

"Sie können froh sein, dass sie so gut wie unverletzt davongekommen sind."

Seaver nickte. "Das bin ich auch."

"Leider hatte Coates nicht so viel Glück in dem Bus gehabt."

Seaver schloss erschrocken die Augen. Er hatte ja recht: Coates hatte er völlig vergessen. Hoffentlich war er nicht zu sehr verletzt.

"Verflucht, was ist mit ihm?" Seaver beugte sich nach vorne. "Geht es ihm gut?"

Harrell schüttelte mit dem Kopf. "Nein, er hatte schwere Verletzungen."

Geschockt lehnte er sich wieder zurück in sein Bett und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Verdammt, hoffentlich würde er wieder der alte werden.

"Moment mal", Seaver ließ seine Hände fallen. "Warum sagten sie er >hatte< schwere Verletzungen?"

Harrell ging zu ihm vor. Er hatte einen echt trüben Blick drauf, als würde er tierisch mitgenommen sein. "Seaver", fing er an. "Coates ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben."

Für einen Moment kam es Seaver so vor, als hätte er gerade von Harrell ins Gesicht geschlagen bekommen.

"Was sagen sie da?" wollte er wissen. "Erzählen sie doch nicht so ein Blödsinn!"

"Das tue ich leider nicht." Er ging wieder zum Fenster zurück. "Als er von der Straße abkam und sich der Wagen überschlug, hatte sich der Schalthebel in seinen Bauch gerammt. Er war nicht angeschnallt."

Das konnte doch alles nicht wahr sein! Das konnte doch nur ein sehr makaberer Scherz sein! Wahrscheinlich würde Coates gleich um die Ecke ins Krankenzimmer kommen, um "Überraschung!" oder "Reingelegt!" zu rufen.

Aber es passierte nichts.

"Es ist kein Witz." Betonte Harrell erneut leise, als Seaver erwartungsvoll auf die Tür des Zimmers starrte.

"Aber", Seaver stammelte. "Aber wieso? Wieso denn er?" Seine Knie wurden weich. Mein Gott, hatte er das etwa zu verantworten?

"Es hat uns alle wie ein Schlag getroffen. Wir sind alle ziemlich betrübt."

Seaver sah in Gedanken wie Coates vor ihm stand und lachte, als er neulich Abends bei ihm und Anna zum essen eingeladen war. Der Stuhl auf dem er gesessen hatte war zusammengebrochen, als er sich draufsetzte. Es war ein etwas älterer Stuhl, der schon eigentlich immer hätte repariert werden sollen. Er hielt sich erneut die Hände vor das Gesicht und bekam ihn nicht aus dem Sinn. "Ich glaube ich werde verrückt."

"Wir haben seine Familie bereits benachrichtigt." Harrell nahm einen Stuhl vor und setzte sich. "Einen Kollegen zu verlieren ist immer schlimm."

Seaver erinnerte sich wieder an die Täterin. "Was ist mit Ms. McNab?" fragte Seaver leise. "Wahrscheinlich ist sie völlig unverletzt, habe ich recht?"

Obwohl Harrell noch immer betrübt war, lächelte er kurz. "Nein, nein. Keine Angst. Die sind wir los."

"Gott sei dank."

"Von der ist so gut wie nichts übrig geblieben. Sie saß zwar noch immer auf dem Fahrersitz, aber vollkommen verbrannt und verkohlt. Sie sah aus wie eine zweitausend Jahre alte Mumie, die man..."

Seaver unterbrach seinen Kollegen. "Danke, ich kann es mir vorstellen."

Beide überlegten sie was sie als nächstes sagen sollten. Sie fühlten sich echt mies. Besonders Seaver, der sich nur mit Mühe Tränen wegdrücken konnte.

"Wissen sie was mich interessiert?" Harrell rollte mit dem Stuhl ein wenig vor zu Seaver´s Bett.

"Was?"

"Woher wussten sie es?"

"Was meinen sie?" Verwirrt guckte er zu Harrell.

"Woher wussten sie, dass es Ms. McNab war? Sie hatten keine Beweise."

Er lehnte sich zu Harrell vor. Es viel ihm auf, dass er sich das erste mal vernünftig mit ihm unterhielt, ohne das sie sich gegenseitig anmachten oder motzen.

"Ich weiß es nicht." Seaver schluckte. "Ich weiß nur soviel, dass mir ein Video gezeigt wurde und diejenige, die es filmte, jetzt alles bestreitet."

"Wer war diese Frau?" wollte Harrell wissen. Seaver wollte gerade antworten, als ihm seine Frau einfiel. Wie ging es ihr eigentlich? Sie musste eigentlich im selben Krankenhaus liegen. Vielleicht könnte er sie ja mal besuchen gehen. Oder sie ihn, wenn es ihr wieder besser gehen würde. Er stellte eine Gegenfrage.

"Wissen sie wie es meiner Frau geht?" Harrell überlegte kurz.

"Nein, sorry. Aber ich kann mich für sie erkundigen, wenn sie möchten." Seaver schüttelte mit dem Kopf und griff nach dem Telefon, dass neben seinem Bett auf dem Nachtschränkchen stand.

"Nein, danke. Ich erkundige mich schon selber. Sie müsste doch hier auch im Gebäude sein, oder?"

Harrell nickte. "Ja, hier habe ich sie selber einliefern lassen."

"Alles klar."

Harrell stand nun wieder auf und ging zurück zur Tür. "Okay, Seaver. Ich lasse sie dann mal wieder alleine. Ruhen sie sich weiterhin noch ein wenig aus."

"Danke ihnen."

"Ich melde mich nachher noch mal, für den Fall das es etwas neues geben sollte."

"Alles klar." Verabschiedend nickten sie sich zu und Harrell verließ das Krankenzimmer wieder. Ein paar Augenblicke überlegte Seaver, ob er Anna anrufen sollte, um ihr von der traurigen Nachricht zu erzählen, was Coates betraf. Aber es würde sicherlich besser sein, ihr es vorerst nicht zu erzählen.

Er nahm den Hörer ab und wählte unten die Station an. Nur kurze Zeit später nahm eine freundliche Frau ab, die sich mit einer etwas quietschenden Stimme meldete.

"Einen schönen Guten Tag, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?"

Seaver fing an zu reden, hatte aber einen Frosch im Hals, den er sich erst wegräuspern musste. "Ja, Guten Tag. Mein Name ist Seaver. Ich wollte sie bitten, ob sie mich mit dem Zimmer von Anna Seaver verbinden könnten?"

"Ja, eine Sekunde bitte." Für einen Moment war es ruhig an der anderen Leitung. Nach ein paar Sekunden meldete sie sich wieder. Sie riss ihm völlig aus seinen Gedanken raus, da er ein wenig abwesend aus dem Fenster guckte und einen Vogel beobachtete, der auf einem Ast herabbalancierte.

"Hören sie?" fragte sie schnell.

"Ja?""

"Tut mir leid, Frau Seaver ist schon entlassen worden. Die ist nicht mehr da."

Seaver war verwundert. "Schon wieder entlassen worden?" wiederholte er.

"Ja, sie war nur kurze Zeit hier im Haus. Wir haben sie darauf hingewiesen, dass sie auch hier im Gebäude liegen. Sie sagte, sie möchte sie besuchen kommen. Hat sie es denn etwa nicht getan?"

Seaver schüttelte mit dem Kopf. "Nein, hat sie nicht."

"Dann tut es mir leid. Sie ist nicht mehr hier. Am besten sie probieren es mal bei sich zu hause."

Er nickte. Auf die Idee wäre er auch schon von selber gekommen.

"Danke, dass werde ich tun."

"Okay, dann wiederhören!"

"Wiederhören."

Seaver legte den Hörer auf und stellte das Telefon zurück auf dem Nachtschrank. Warum kam sie ihn denn nicht besuchen?

Seine Gedanken spielten total verrückt, während er die Augen schloss und langsam einschlief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stuart und Craig waren gute Freunde und Gerichtsmediziner in der Pathologie. Es war schon fast ein Uhr in der Nacht, als die beiden einen Leichnam unter die Lupe nahmen, bei dem die Todesursache noch nicht ganz klar war. Sie trugen beide einen Mundschutz und hatten die üblichen grünen Kittel an, damit sie ihre richtige Kleidung nicht verdreckten. Es war die Leiche eines alten Mannes, der in seinem Bett gefunden wurde, als er schon fast drei Tage tot war. Obwohl man fest der Meinung war, dass dies ein natürlicher Tod gewesen sein musste, mussten die beiden zur Sicherheit trotzdem eine Untersuchung führen. Sie waren beide 32 Jahre alt und kannten sich schon seit Jahren.

Craig war gerade dabei das Herz des alten Mannes zu untersuchen, dass sie beide bereits freigelegt hatten.

"Okay", Stuart rieb seine Nase kurz an der Schulter. "Siehst du das hier? Die Verdickung?"

Craig nickte. "Ja, sehe ich."

"Siehst du, es ist wie ich sagte. Der Mann hatte einen Herzinfarkt."

Sie wussten es schon von Anfang an. Eigentlich schlossen die beiden vor einer Untersuchung immer Wetten ab, aber in diesem Fall waren sich beide vorher schon einig.

"Okay. Alles klar." Sie zogen sich ihren Mundschutz runter. "Sollen wir noch jemanden machen, oder war’s das für heute?"

Craig überlegte. "Ne, dass war´s für heute. Habe keinen Bock mehr."

Sie öffneten ihren Kittel, ließen ihn aber weiterhin angezogen.

"Okay, dann machen wir den hier wieder zu und Feierabend." Stuart deutete auf die Leiche des Mannes.

Craig nickte. "Alles klar. Ich mach das schon. Räum du schon mal den Kram weg, den wir nicht mehr brauchen. Um so früher kommen wir wieder raus."

Schließlich waren sich beide einig und nickten. Während Craig sich wieder an die Leiche machte, nachdem er seinen Mundschutz wieder hochgezogen hatte, griff Stuart nach Werkzeug und packte dies zum Waschbecken um es zu desinfizieren. Für einen Moment waren sie in ihre Arbeit vertieft und dachten beide an verschiedene Dinge. Bis Stuart wieder einen kurzen Kommentar abließ, während er ein Skalpell abzuspülen begann. "Scheiß Job." Flüsterte er.

Craig schaute von der Wunde der Leiche auf und warf einen kurzen Blick in Stuart´s Richtung, guckte dann aber gleich wieder runter. Er musste den großen Schnitt wieder zunähen.

"Was sagst Du?" Craig war ein bisschen dumpfer durch seinen Mundschutz zu verstehen. Stuart lehnte sich an das Waschbecken.

"Ich meinte das dies hier ein scheiß Job ist."

"Warum?" Craig begann einen Faden durch eine Nadel zu ziehen, um sich ans Nähen zu machen. "Okay, wir arbeiten zwar viel Nachts, aber die Bezahlung ist doch super." Er stach in die Haut der Leiche. "Das ist eben das gute an unserem Job: Das nicht jeder die nerven dazu hat." Stuart nickte. "Ja, da hast du recht."

Er drehte sich wieder zum Becken um und nahm eine kleine Flasche von der Seite, in dem sich ein starkes Desinfektionsmittel befand und tröpfelte davon eine Menge auf alle Instrumente, die sie benutzt hatten um den Leiche zu untersuchen.

"Ich bin ja eigentlich auch mit allem zufrieden was den Job angeht, mir gefällt nur nicht, dass ich nicht mehr bei meiner Freundin zum Zuge komme." grinste er.

Craig begann zu lachen. "Du meinst viel mehr, dass du nicht mehr >in< ihr zum Zuge kommst, habe ich recht?"

Stuart lachte ebenfalls. "Du kennst mich einfach schon zu lange, verdammt."

Craig war mit dem alten Mann fast fertig, während Stuart noch immer beim Waschen der Instrumente war. Normalerweise brauchte man dazu nicht sonderlich lange, selbst wenn man es schön gründlich machte.

"Macht deine Freundin denn Stress?"

Stuart nickte. "Nein, dass nicht. Aber Nachts will sie schlafen. Wenn sie erst einmal pennt, dann pennt sie. Da hilft nichts. Und morgens muss sie wieder früh raus."

"Ja, dass ist natürlich blöd." Wieder blieben sie einen Moment leise. Er merke nun, dass er sich beim desinfizieren ein wenig zu viel Zeit ließ und beeilte sich nun ein wenig. Er trocknete sie ab und legte die Skalpelle in eine Schublade wo sie hingehörten. Ordnung war natürlich ziemlich wichtig. Gerade hier in der Pathologie.

Plötzlich traf Stuart ein Geistesblitz. "Sag mal, hast du schon die neue gesehen?" rief er Craig zu, während er das Wasser aus dem Waschbecken wieder ablaufen ließ.

"Die vorhin neu eingeliefert wurde?"

"Ja." Stuart ging an die Wand, an der mehrere kleine Klapptüren waren, in denen die Leichen gekühlt und aufbewahrt wurden. Er steuerte auf die Tür mit der Nummer sieben zu, neben dem ein kleiner Zettel hing, auf dem der Name "Melinda McNab" stand.

"Die musst du dir mal ansehen. Ich dachte vorhin ich müsste kotzen, als ich sie gesehen habe."

"Das wäre dann ja das erste mal gewesen, oder nicht?" erwiderte Craig. "Ja, so ist es. Komm mal her. Die musst echt mal einen Blick auf die Werfen."

"Sofort." Craig legte seine Nadel weg und lief zu Stuart, der schon ganz geduldig wartete. Er war vom Verhalten her manchmal noch wie ein Kleinkind. "Ich wette mit dir, dass du dich erschrocken wegdrehst, ehrlich!"

"Ach quatsch! Dann weißt du aber nicht, was ich schon alles gesehen habe."

Stuart streckte die Hand aus. "Wetten, dass du angeekelt bist, wenn du sie siehst?"

"Niemals."

"Okay. Dann nenn einen Einsatz."

Craig überlegte. "Okay, lass es uns ernst machen: Einen Fünfziger."

Stuart war sichtlich beeindruckt. Normalerweise ging es immer um einen Zehner, oder höchstens um einen zwanziger. Aber gleich mit einem Fünfziger zu kommen, war schon großzügig. Aber eigentlich hatte Stuart nichts zu verlieren, denn er selber war von ihrem Anblick sogar erschrocken und schockiert. Dann würde Craig es sicherlich auch sein. Schließlich gaben sie sich die Hand.

"Okay, die Wette gilt."

Stuart ging zur Schublade, öffnete sie und ließ die eingerollte Bare mit dem leblosen Körper von Ms. McNab rausfahren. Sie befand sich aber noch in einem schwarzen Leichensack. Gestank machte sich unter ihren Nasen breit, obwohl die Leiche noch im Sack eingeschlossen war. Sollten die nicht eigentlich geruchsundurchlässig sein?

Stuart griff nach dem Reißverschluss und setzte an, um den Sack aufzuziehen. Aber er zögerte noch einmal kurz und guckte verschnitzt lächelnd auf Craig. "Bist du soweit?"

"Ja, nun mach schon. Es wird langweilig." Er hatte immer gut reden.

Schließlich riss er den Leichensack auf und legte Ms. McNab´s Torso frei. Es war abartig!

Neben dem grausamen Gestank verbrannten Fleisches, kam auch eine heiße Dampfwolke mit aus dem Sack, die gleich in Richtung Decke zog. Verkrümmt und vollkommen entstellt lag Ms. McNab auf dem Rücken und guckte starr an die Decke. Obwohl ihre haut komplett wie schwarze Kohle gefärbt war und wie verbranntes Holz wegbröckelte, wenn man sie berührte, waren ihre Augen noch vollkommen unverletzt.

Alle ihre Finger der rechten Hand waren nach hinten hin weggebrochen und baumelten nach unten. In den Handflächen und ihr Gesicht klebte schwarzes Leder vom Lenkrad, dass durch das Feuer der Explosion geschmolzen war und sich ihre Haut einbrannte.

Nur noch wenige Haare waren auf ihrem Kopf vorhanden und alle ihre vorderen Zähne waren herausgeschlagen worden, während sich das Auto mehrfach überschlug.

Mit einem verzogenen Gesicht wich Craig ein paar Schritte zurück. "Ach du scheiße." Fluchte er leise.

Stuart ging auf Craig zu und lachte. "Ha! Du hast verloren!"

"Was?"

"Ich wusste das du dich ekeln würdest!" Craig versuchte sich zu verteidigen, obwohl es vielleicht gar nicht so viel Sinn machte.

"Du kannst mich mal! Es ging ums angeekelt sein, nicht darum das ich nicht >Ach du scheiße< sagen darf."

Stuart erhob den Zeigefinger. "Aber du warst angeekelt und erschrocken, dass habe ich genau beobachtet!"

"Quatsch."

"Doch!"

Craig gab eben nach. Stuart würde ehe nicht aufhören zu bohren. "Okay, dann hast du eben gewonnen, verflucht noch mal!"

Stuart lächelte. "So ist brav."

Schließlich gingen sie beide zurück zu der Leiche des Mannes, an der sie zuvor arbeiteten. Einen Moment mussten sie beide wieder überlegen, wo sie denn gerade stehen geblieben waren. Genau, Stuart war dabei aufzuräumen, während Craig die Leiche wieder zumachte, mit der er ja schon fast fertig war.

"Komm, dann mach jetzt schnell den ganzen scheiß hier weg, damit wir auch bald hier rauskommen. Ich habe keine Lust mehr."

Stuart ging zum Waschbecken zurück. "So geht es mir auch."

Er war doch jetzt hoffentlich nicht beleidigt, weil er die Wette nicht gewonnen hatte, oder? Wenn er etwas hasste, dann war es einen schlechten Verlierer. Immerhin kam Craig ja selber mit der Idee gleich um einen Fünfziger zu wetten. Er hätte nicht gleich so übertreiben sollen.

Stuart bückte sich, um die Mülltüte aus dem Mülleimer zu holen. Dort waren eigentlich nur verbrauchte Einmalhandtücher drin, trotzdem mussten die aber raus.

Plötzlich bemerkten er einen ziemlich abartigen Gestank. Er drehte sich um, konnte Craig wieder beim nähen sehen und erblickte auch noch Ms. McNab´s Leiche, die noch immer auf der ausgefahrenen Bare lag; der Leichensack offen. Mist, er hatte wegen der Diskussion, wer nun gewonnen hatte oder nicht, ganz vergessen sie wieder zurückzuschieben. Ein bisschen heißer Dampf stieg noch immer von ihr aus nach oben an die Decke.

"Scheiße."

Craig sah ihn an. "Was?"

"Ich habe vergessen sie wieder wegzupacken." Craig guckte nach rechts und erblickte sie ebenfalls. "Du Depp."

Mit dem Müllsack machte er sich auf dem Weg zur Tür um ihn wegzuschmeißen. Er könnte natürlich auch zu Ms. McNab gehen, um sie wieder in ihre neue Behausung zurückzuschieben, aber dann müsste er wieder durch den ganzen Raum laufen. Craig stand viel näher dran. Eigentlich könnte er es ja auch machen.

"Tue mir mal bitte den Gefallen und schiebe sie wieder zurück. Ich will den Müll wegbringen."

Craig war gerade dabei den letzten Stich beim nähen zu setzten und ließ die Nadel aber genervt absinken. "Mensch!" Fluchte er leise. "Kannst du das nicht selber machen?" Er gestikulierte mit der Nadel in der Luft. "Ich bin hier am nähen!"

"Ja", Stuart gestikulierte mit dem Müllsack zurück, dass einfach nur lächerlich aussah. "Zuhause kannst du Mama ja dann noch einen Pullover nähen! Jetzt stell dich nicht so an, du stehst doch viel näher dran als ich."

"Ja, ja. Ist ja schon gut." Craig legte die Nadel nun weg und zog seinen Mundschutz wieder runter. Dann lief er auf Ms. McNab zu. "Geh und kümmere dich um deinen Müll."

"Vielen Dank." Nun verließ Stuart den Raum und lief einen langen Flur entlang. Es war einfach abartig hier zu laufen, besonders wenn man alleine war. Er wusste noch genau, als er hier angefangen hatte, war er immer zum Müllcontainer gerannt, weil er einfach nur schiss hatte. Auf dem Weg kreuzte er mehrere Türen, die alle zu Kühlhäusern gehörten, in denen Leichen aufbewahrt wurden. Es gab mehrere verschiedene Arten von Räumen. Entweder welche, in denen sich nur Schubladen befanden und welche in denen die Leichen mit dem typischen Zettel am Zeh auf Bahren nebeneinander lagen. Eine ziemlich makabere Sache hier zu arbeiten, aber er hatte sich dran gewöhnt. Es war immer so schön ruhig hier. Was nur ziemlich störte, war dieser abartige Kühle Geruch der Toten, der immer in der Luft hing. Dagegen konnte man einfach nichts machen.

Schließlich kam Stuart nach ungefähr dreißig Meter Fußweg an einem Müllcontainer zu stehen um den Müllsack reinzuschleudern, den Deckel wieder zuknallen zu lassen und zurück zu seinen Kollegen zu gehen, der jetzt eigentlich auch fertig sein musste.

Vielleicht würde er ja doch noch bei seiner Freundin zum Zuge kommen?

Als er den Raum wieder betrat, konnte er Craig neben der Leiche von Ms. McNab sehen, der sie einfach nur anstarrte. Hatte er sie noch nicht wieder weggepackt? Er stand da ohne sich zu bewegen und zog ein angewidertes Gesicht. Er betrachtete ihre Zähne, dass was noch übrig war, und ließ seinen Blick auch über ihren stinkenden Oberkörper gleiten.

"Willst du sie mit nach hause nehmen und Mami vorstellen?" Stuart ging zum Mülleimer und nahm eine Tütenrolle, um einen neuen Müllsack reinzupacken.

"Was?" fragte Craig abwesend.

"Warum guckst du sie so verliebt an?"

Er schüttelte nur langsam mit dem Kopf, während er sie vorsichtig anfasste um die Beschaffenheit ihrer Haut zu fühlen. "Das ist einfach nur krass." Sagte Craig leise. "Ich habe ja nun schon wirklich eine Menge abartiges Zeug gesehen, aber eine junge Frau, die dermaßen zugerichtet ist noch nicht."

Stuart bückte sich zum Eimer runter. "So geht es mir auch."

Die Mülltüte war ein bisschen zu klein. Aber gut, dass war sie gestern, vorgestern und davor auch und er hatte es immer geschafft, die Tüte rüber zubekommen. Dann müsste es doch jetzt auch klappen.

Während er an ihr Zog, blickte er zu Craig rüber, der mit dem Rücken zu ihm stand und Ms. McNab nicht aus dem Blick ließ.

"Nun pack sie wieder weg." Sagte er forsch und schloss den Mülleimer. "Das wird mir unheimlich mit dir."

Craig antwortete nicht, sondern stand vor der Leiche und bewegte sich auch gar nicht. "Craig?"

Wieder keine Antwort. Jetzt konnte Stuart erkennen, dass Craig mit seiner linken Hand seinen Hals direkt unter dem Kinn massierte. Er war wahrscheinlich verspannt ohne Ende. So ging es ihm aber auch. Und zwar nicht nur am Hals, sondern überall.

Weiterhin stand Craig mit dem Rücken zu ihm und betastete seinen Hals. "Geht es dir nicht gut?" fragte Stuart. Würde er gleich auf die Leiche kotzen? "Du benimmst dich seltsam."

Nun ließ Craig langsam seine Hand wieder sinken und guckte in Ruhe nach vorne. Durch die Haltung seines Kopfes, konnte Stuart aber erkennen, dass er zwar vor Ms. McNab´s Leiche stand, aber sie nicht anguckte, sondern eher an ihr vorbei. Schräg vorbei. Es wirkte als würde er gleich bewusstlos werden, der Körperhaltung nach zu erteilen.

"Komm, pack sie jetzt wieder weg. Oder soll ich das machen?"

Craig reagierte nicht. "Ich fragte, ob ich sie wieder wegpacken so..." Stuart musste seinen Satz abrupt unterbrechen, da er plötzlich auf Craig seine Hand guckte, mit der er sich gerade am Hals massierte: Sie war voller Blut!

Dicke Tropfen Blut liefen an seiner Hand hinunter und bildeten bereits eine kleine Pfütze. Verdammt, hatte er in der Leiche rumhantiert? Was sollte denn dieser Mist? Das durfte er eigentlich gar nicht. Er müsste sie dazu auf dem Obduktionstisch haben.

"Was machst du denn da?"

Craig machte plötzlich komische Geräusche. Es hörte sich an, als würde er versuchen zu sprechen, aber eher nur ein Blubbern raus bekam.

Er bewegte sich plötzlich ruckartig nach rechts und links, als würde man die Fäden einer Marionette wild hin- und herziehen. Was zum Teufel war denn los?

Nun ging Stuart auf ihn zu. "Craig, was ist denn...?"

Nur wenige Meter bevor er bei ihn angekommen war, drehte Craig sich plötzlich schnell um und Stuart musste mit entsetzen in seine weit aufgerissenen Augen sehen, die pure Angst und Panik spiegelten. Sein kompletter Hals war vollkommen mit Blut überströmt, dass bereits Literweise über seine Brust und Bauch runtergelaufen war und sich auf dem Boden sammelte. Laut aufschreiend wich Stuart nach hinten hin zurück, als Craig versuchte nach ihm zu greifen. Soweit er das beurteilen konnte, war ihm der Kehlkopf weggerissen worden, da ein klaffendes Loch dort war, wo er eigentlich sein müsste.

Schließlich viel Craig zu Boden, zuckte noch einmal und erschlaffte dann völlig. Seine Augen blieben offen und guckten weiterhin panisch an die Wand.

"CRAIG!" rief Stuart zu Tode erschrocken und absolut angsterfüllt. Wie zum Teufel konnte denn das passieren? "Verflucht, was hast du gemacht?"

Er lief vorsichtig auf seinen besten Freund zu, der keine Bewegung mehr von sich gab. War das alles nur ein Witz um ihn zu erschrecken? Würde vielleicht gleich jemand um die Ecke kommen und sich darüber kaputtlachen, wie sehr sie ihn erschrocken haben?

Plötzlich wurde ein weicher, feuchter Gegenstand gegen seinen Hinterkopf geworfen, der von dort wieder abprallte und direkt vor seinen Füßen landete. Es war ein rotes etwas, ungefähr sechs Zentimeter groß. Schockiert guckte er es an und musste sehen, dass es sich dabei wahrscheinlich um ein Körperteil handelte.

Wer hatte dies auf ihn geworfen? Hinter ihm war doch gar keiner, außer... .

Langsam drehte er sich um und begann zu schreien. Er hatte etwas dergleichen nur in Horrorfilmen gesehen und in Büchern darüber gelesen gehabt: Ms. McNab lag nicht mehr auf ihrer Bahre, sondern hatte plötzlich gesessen! Sie hatte einen vollkommen Blutverschmierten Mund und grinste Stuart an, dass ihre abgebrochen Zähne zeigte. Eine schwarze verkohlte Frau saß nur wenige Meter von ihm entfernt auf einer Bahre, guckte höhnisch und gab ein leises kichern von sich, dass nicht direkt aus ihrem Mund zu hören war, sondern viel mehr aus ihrer offnen Brust, in der man noch immer ihre toten Organe erkennen konnte. Weiterhin gab sie eine Qualmwolke von sich die dermaßen stank, dass es einem schwarz vor Augen werden könnte.

Schnell stand Stuart auf und lief panisch rückwärts von Ms. McNab weg. Er ließ sie nicht aus den Augen. Sie ihn allerdings auch nicht.

Als er ungefähr sechs Meter von ihr entfernt war, schwitzte und zitterte wie Espenlaub, hüpfte sie von ihrer Bahre und kam mit den Füßen auf, die beide nur noch verkrumpelte Klumpen waren. Ihre Beine brachen knackend zur Seite hinweg, als sie aufkam und viel der Länge nach hin. Sie fluchte, dass man nicht verstehen konnte. Kriechend machte sie sich auf Stuart zu folgen. Eine schwarze Kohlespur hinterließ sie auf dem Fußboden, und verlor ab und zu ein paar Körperteile wie Zehen und Finger.

Eigentlich hätte Stuart ein leichtes, einfach wegzurennen, aber er war zu geschockt. Da er rückwärts lief, konnte er nicht den Mülleimer sehen, den er selber gerade dort stehen gelassen hatte und stolperte drüber. Er viel auf dem Rücken, wollte schnell wieder aufstehen, aber die er konnte es nicht. Die Angst lähmte ihn.

Mit weit aufgerissenen und panischen Augen, musste Stuart tatenlos zusehen, wie Ms. McNab´s toter Körper abartig grinsend auf ihn zugekrochen kam. Und nicht mehr lange, dann würde sie ihn auch erreichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen, es war noch ziemlich früh, kontrollierte eine junge Krankenschwester Seaver´s Verband. Der Arzt hatte bestätigt das sein Bein wieder normal verheilen würde und zwar ohne bleibende Schäden. Das war eine Gute Nachricht.

Die Nacht hatte er eigentlich nicht so gut geschlafen gehabt. Die Sache mit seinem besten Freund ließ ihn ein nicht los. Ständig hatte er Coates in Gedanken und musste sich vorstellen, wie wohl seine Eltern reagiert haben, als sie die grausame Nachricht erhalten haben. Mein Gott, und das alles nur wegen ihn! Er hätte jederzeit sagen können, er solle nicht so schnell fahren, oder die Jagd ganz abbrechen. Aber wahrscheinlich hätte Coates dies ehe nicht getan. Schuldgefühle sind einfach grausam, die man nicht einfach ohne weiteres unterdrücken kann.

"So, Herr Seaver." Die Schwester stand auf nachdem sie kontrolliert hatte, ob der Verband auch schon fest an seinem Knie hing. "Ich denke mal so gegen Spätnachmittag können sie das Krankenhaus wieder verlassen." Er nickte einmal und lächelte gezwungen.

"Vielen Dank."

"Keine Ursache. Wenn sie etwas brauchen, betätigen sie einfach die Ruftaste." Die Krankenschwester ging in Richtung Tür, die sie öffnete und das Zimmer verließ. Gerade in der Sekunde wo sie die Tür hinter sich zumachen wollte, viel Seaver da noch etwas ein und rief sie zurück.

"Entschuldigung, Schwester?"

Sie guckte wieder ins Zimmer rein, ein wenig verwundert über seinen plötzlichen Ruf. "Ja, bitte?"

Seaver setzte sich gerade hin, wobei er versuchte sein Bein nicht zu sehr zu beanspruchen. "Wissen sie, ob meine Frau sich mal gemeldet hat?"

Sie überlegte kurz und zog eine Schnute. "Tut mir leid, nicht das ich wüsste."

Er nickte. "Okay. Ist es nicht vielleicht möglich, dass ich schon ein bisschen früher gehen kann? Was soll ich denn noch bis heute Nachmittag warten?"

Die Schwester betrat das Zimmer nun wieder. Sie hatte eine unglaublich tolle Figur mit langen Beinen. Sonderlich alt dürfte sie auch noch nicht gewesen sein. Vielleicht so um die vierundzwanzig.

"Nein, tut mir leid. Der Oberarzt muss ihre Entlassung erst noch unterzeichnen und der kommt erst heute Nachmittag."

Dies Verstand Seaver natürlich. Der Grund klang plausibel.

"Okay, vielen Dank." Sie lächelte noch einmal und verließ dann das Zimmer. Hinter sich schloss sie die Tür.

Wie hatte es Ms. McNab eigentlich geschafft in sein Haus zu gelangen um den Kopf des Mädchens an den Sessel zu stecken? Und warum war sie überhaupt dermaßen Irre gewesen? Das sie den ersten Kopf in einen Karton gelegt hatte und vor seiner Haustür ablud, war nicht sonderlich schwer. Aber nur wenige Stunden nach dem missratendem Verhör in sein Haus einzudringen, war natürlich echt ein wenig zu heftig. Was hatte sie dabei alles aufs Spiel gesetzt?

Plötzlich ging die Tür auf und Harrell kam reingestürmt wie ein verrückter. Schnell schloss er die Tür wieder hinter sich, während sein Mantel wild um seinen Körper herumwehte. Seaver erschrak einen

Moment und dachte in der ersten Sekunde, dass ein Wahnsinniger das Zimmer betreten hatte.

"Mein Gott, Harrell!" rief er verwirrt. "Was ist denn mit ihnen los?"

Harrell ging auf sein Bett zu. Er war unglaublich geschwitzt und wirkte völlig aufgelöst. "Sorry, dass ich hier so reinplatze", entschuldigte er sich. "Aber ich habe mich an den ganzen Ärzten und Krankenschwestern vorbeimogeln müssen."

Seaver wusste nicht was er sagen sollte. "Was ist denn los mit ihnen? Sie wirken ja völlig fertig!"

Harrell nickte heftig. "Das sehen sie genau richtig. Das bin ich auch! Was ich gerade eben gesehen habe, werde ich mein Lebtag nicht vergessen!"

Jetzt verstand Seaver was passiert war. Es musste wieder ein Mordfall geschehen sein. Oh Gott, wenn er jetzt sagen würde, dass wieder zwei Kopflose Leichen gefunden worden sind, würde er durchdrehen.

"Seaver", Er schluckte heftig, "Es sind wieder zwei Kopflose Leichen gefunden worden."

Mit offenen Mund starrte er Harrell an. "Was?" fragte er leise. "Was sagten sie gerade?"

"Sie haben mich schon verstanden." Er holte ein Taschentuch aus der Jackentasche und wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht. "In der Gerichtsmedizin."

"Moment mal." Seaver versuchte ihn ein bisschen zu beruhigen. "Bleiben sie mal ganz ruhig jetzt. Erzählen sie in aller Ruhe was und wo es passiert ist."

"Okay", er schluckte erneut und stand auf. Es war so als suchte er nach den richtigen Worten. "Also, um ehrlich zu sein Seaver, gibt es drei schlechte Nachrichten."

"Drei?"

"Genau." Er nickte. "Die erste ist, wir haben erneut zwei neue Leichen, wieder Kopflos, in der Gerichtsmedizin entdeckt, die zweite ist das die Leiche von Ms. McNab verschwunden ist, und die dritte ist..." Plötzlich stoppte Harrell da Seaver die Kinnlade runtergefallen war.

"Was? Ms. McNab´s Leiche ist verschwunden?" Wiederholte er laut und vollkommen ungläubig. "Was zum Teufel ist denn das nun wieder für eine kranker Mist?"

"Hören sie", Harrell erhob die Hand und deutete damit er solle sich nicht aufregen, "Die dritte Nachricht haben sie ja noch gar nicht gehört."

"Was ist denn die dritte Nachricht? Ich kann mir kaum vorstellen, dass die noch schlimmer sein kann."

Harrell holte schnell Luft. "Ihre Frau wurde gerade am Tatort gesehen."

Für wenige Sekunden wollte Seaver laut loslachen. Das war natürlich ein super Witz, den er da gerade brachte. "Was?" fragte Seaver zum wiederholten male und zog ein Gesicht, dass so ziemlich das größte Unglauben spiegelte, dass man sich vorstellen konnte.

"Was soll denn meine Frau dort zu suchen gehabt haben?"

"Ich kann es ihnen auch nicht sagen." Harrell setzte sich wieder auf einen Stuhl in Bettnähe. "Als wir die beiden Leichen der Gerichtsmediziner entdeckt hatten, saßen sie beide auf dem Boden und wurden so hingesetzt, als würden sie sich im Arm liegen." Er nickte. "Kommt ihnen das nicht bekannt vor?"

Allerdings kam Seaver diese Sache bekannt vor. Er hatte diesen Anblick selber erst vor wenigen Tagen ertragen müssen.

"Wir fanden auch Spuren von verbrannter Haut überall auf dem Boden, die wohl von Ms. McNab gewesen sein werden." Setzte Harrell fort.

"Höchstwahrscheinlich hat sich jemand in der Nacht irgendwie Zutritt verschafft, die beiden jungen Mediziner getötet und nachdem der- oder diejenige dann die Köpfe abgetrennt hatte, die verkohlte Leiche mitgehen lassen."

"Wie kommen sie auf die Sache mit meiner Frau?" fragte Seaver. Wahrscheinlich hatte er gar nicht zugehört, was Harrell gerade erzählt hatte. "Ich habe sie selber gesehen. Sie stand in der Tür zum Tatort und hatte sich umgesehen gehabt, als wollte sie gucken, ob sie etwas vergessen hatte. Dabei war sie doch noch nie in der Pathologie gewesen, oder etwa doch?"

Seaver schüttelte mit dem Kopf. "Natürlich nicht. Was sollte sie denn auch da? Ich kapiere das nicht." Nachdenklich versuchte Seaver zu verstehen, was dies alles sollte. Erzählte Harrell da etwa Mist? "Was passierte dann?"

"Nichts weiter. Sie guckte mich an, grüßte mich als sei alles vollkommen normal gewesen und ging dann wieder. Ich wollte sie aufhalten, aber sie war weg wie der Blitz." Er stand wieder auf. "Ich wollte erst mit ihnen darüber sprechen, bis ich zu ihr fahre."

Seaver schaute auf zu seinen Kollegen. "Sie möchten zu mir fahren?"

"Ja, natürlich. Sie müssen verstehen, dass ich das machen muss. Ihre Frau ist ja nun mit Sicherheit die letzte, die etwas in der Pathologie verloren hat. Und wenn sie dort nun auftaucht, ist das natürlich mehr als verdächtig."

Am besten wäre es, wenn er mitkommen würde, dachte sich Seaver. Scheißegal ob der Oberarzt jetzt unterschrieben hatte, oder nicht. Wenn er jetzt abhauen würde, kümmerte das doch sicherlich keinen Menschen.

"Ich komme mit ihnen." Seaver stand auf. Aber bevor er noch etwas sagen konnte, drückte Harrell ihn wieder zurück in sein Bett.

"Nein, sie bleiben liegen!"

"Ne, ich möchte mitkommen!"

"Es ist aber besser, wenn sie mich erst mal alleine fahren lassen. Es ist besser, wenn wir sie nicht gleich zu dritt überrumpeln."

Auch wenn er es nicht so richtig wahrhaben wollte, hatte Harrell recht. Sollte er doch alleine fahren und einfach in Ruhe mit ihr darüber reden. Er selber würde wahrscheinlich sowieso nur ein wenig zu forsch sein, dass nun nicht unbedingt sein musste.

Harrell machte dann einen Vorschlag.

"Ich fahre jetzt zu ihrer Frau und sie bleiben hier. Sie können sie ja mal anrufen und sie durch die Blume fragen, was sie heute alles gemacht hat und wo sie überall war."

Zugeben, dass Harrell eine gute Idee hatte, wollte Seaver nicht. Er nickte nur ruhig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es waren ungefähr fünfzehn Minuten vergangen, als Seaver sein Telefon vom Nachtschränkchen nahm und seine Privatnummer anwählte. Er konnte es einfach nicht mehr aushalten seine Frau zu fragen, was sie in der Pathologie zu suchen hatte. Ein wenig seltsam war das ja schon. Aber er war sich sicher, dass sich alles wieder einrenken würde. Sicherlich war das nur ein dummes Missverständnis gewesen.

Es klingelte ganze fünf mal, bis Anna endlich abnahm.

"Hier bei Seaver?" fragte sie mit ihrer hohen und lieben Stimme.

"Ja, Schatz. Ich bin’s!"

"Hallo!" Sie freute sich das seine Stimme zu hören. Das merkte er deutlich. "Schön das du anrufst! Wie geht es dir? Bist du noch immer im Krankenhaus?"

Seaver nickte, obwohl sie es ja gar nicht sehen konnte. "Ja, bin ich. Ich komme aber wahrscheinlich heute noch raus."

"Das ist ja klasse. Dann können wir vielleicht was essen gehen, oder so."

"Ja, gerne." Seaver überlegte, ob er sie nun wirklich fragen sollte, ob an der Sache mit ihr in der Gerichtsmedizin was dran war. Aber wahrscheinlich war dies ehe nicht der Fall.

"Sag mal, warum hast du mich nicht mal besucht, oder angerufen?"

Anna hatte diese Frage wohl erwartet, weil sie anfing zu stöhnen, bevor sie antwortete. "Tut mir leid, Schatz. Aber ich habe eine Überraschung für dich!"

"Ja, was denn?" wenn es um Überraschungen ging, war er immer ganz Ohr.

"Meine Schwester ist zu Besuch gekommen! Völlig unerwartet stand sie gestern vor der Tür. Sie hatte es zwar in den Brief geschrieben, den ich neulich von ihr bekam, aber den hatte ich versehentlich verlegt gehabt und gar nicht gelesen." Sie holte erneut Luft "Deswegen hatte ich es einfach verschwitzt dich zu besuchen und nachzusehen wie es dir geht."

Seaver war sichtlich erfreut. "Deine Schwester?"

"Ja. Ist das nicht toll? Dann könnt ihr euch ja nun doch endlich mal kennen lernen!"

"Klar, liebend gerne. Wo ist sie denn jetzt gerade?" Seaver versuchte jetzt aufzustehen, um ein bisschen im Zimmer herumzulaufen. Das war sicherlich nicht das schlechteste, denn wenn er nachher entlassen werden sollte, dann würde es einfach besser aussehen, wenn er schon ein bisschen Übung hatte um mit dem klobigen Verband zu gehen.

"Sie sitzt in der Küche. Wir haben uns gerade über dich unterhalten." Seaver musste lächeln. "Sie ist auch schon ganz wild darauf dich kennen zulernen."

Plötzlich klingelte es an der Haustür, dass Seaver in der Entfernung hören konnte. Dies musste Harrell sein, der vorbeifahren wollte. Stimmt, dass hatte er ganz vergessen gehabt.

"Moment mal bitte." Sagte Anna plötzlich. "Da ist jemand an der Tür." Ohne das sie ihn Zeit gegeben hatte zu antworten, legte sie den Hörer beiseite und ging zur Haustür. Dies war eine ziemlich praktische Situation, da Seaver am Telefon jetzt alles mithören konnte, was Harrell mit Anna besprechen würde.

Er konnte hören wie sie die Tür aufmachte und Harrell begrüßte. "Hallo Mr. Harrell." Sagte sie höflich. "Kommen sie rein."

"Guten Tag Ms. Seaver." Brummte er zurück. Die Tür viel wieder ins Schloss.

"Mein Mann ist momentan noch im Krankenhaus. Er müsste aber heute Nachmittag wieder zurück sein. Vielleicht möchten sie ja dann noch mal vorbei kommen.." Harrell unterbrach sie plötzlich.

"Ms. Seaver, ich möchte nicht mit ihren Mann sprechen, sondern mit ihnen."

"Mit mir?"

"Genau." Er zog die Luft durch die Zähne. "Mich würde interessieren, was sie heute morgen in der Pathologie am Tatort zu suchen hatten." Einen Moment war es still an der Leitung. Seaver konnte keine Antwort hören. Er konnte sich ganz genau ihren verwirrten Blick jetzt vorstellen, den sie Harrell zuwerfen musste.

"Nein, das muss ein Irrtum sein", antwortete sie. "Ich war nie da."

Harrell konterte sofort wieder. "Tut mir leid, aber ich habe sie heute morgen gesehen. Sogar die selben Kleider tragen sie noch."

Dies war ein Aspekt, der Seaver plötzlich auch wieder verwunderte. "Hören sie", fing Anna nun an. "Ich habe Besuch von meiner Schwester und ich habe dann sicherlich etwas besseres zu tun, als bei Leichen rumzuhängen, oder?"

Wahrscheinlich hatte Anna ganz vergessen, dass sie nicht aufgelegt hatte, sondern noch weiterhin die Leitung offen war. Vergesslich war sie ja schon immer.

Plötzlich konnte man weit entfernt, es musste in der Küche gewesen sein, ein lautes Klirren hören, dass Harrell und Anna ziemlich erschreckte. Selbst Seaver, der es nur durch das Telefon hören konnte.

"Was war das?" fragte Harrell forsch.

"Meine Schwester wird wohl was umgeschmissen haben."

"Dann sollten wir mal gucken, ob sie auch nicht verletzt ist." Fußstapfen von Harrell liefen näher auf das Telefon zu um dann direkt wieder zur anderen Seite hin zu verschwinden. Annas Schnelle Schritte konnte Seaver auch hören, die wohl versuchte Harrell aufzuhalten.

"Lassen sie das mal ruhig meine Sorge sein, ob sie verletzt ist oder nicht."

Harrell kam an der Küche an und öffnete die Tür. Das typische quietschen war nicht zu überhören, als er sie aufschwingen ließ. Obwohl Seaver gar nicht dabei war, sondern alles nur mithören konnte, konnte er trotzdem in Gedanken alles genau mit ansehen.

Seltsamerweise hörte er keine Worte der Begrüßung oder einen Smalltalk, sondern nur Totenstille. Von der einen auf die andere Sekunde. Nach einen gewissen Augenblick kontrollierte Seaver ob die Leitung noch stand und nicht vielleicht aus irgendeinen Grund aufgehängt wurde. Aber dem war nicht so.

Nun konnte er doch wieder was hören. Es war Anna die als erstes wieder etwas sagte. "Nun ja, jetzt wo sie sie gesehen haben, kann ich sie ja auch miteinander bekannt machen. Also, Mr. Harrell, dass ist meine Schwester."

Seaver konnte nichts hören. Kein >Hallo<, oder >Freut mich sie kennen zulernen<, oder etwas in der Art. Nur absolute Stille. Eigentlich begrüßte man sich ja mit ein paar Worten, aber Harrell und Annas Schwester schienen sich nur Wortlos anzustarren.

"Oh, mein Gott." Sagte Harrell plötzlich leise. Es war wirklich sehr leise, dass Seaver kaum verstehen konnte. "Ist das..", er zögerte ein bisschen. "Ist das Ms. McNab?"

Seaver riss die Augen auf. Was hatte er da gerade gesagt?

"Ja." Antwortete Anna ruhig.

"Aber was in Gottes Namen...." Harrell´s Satz wurde auf einmal abgebrochen, da man einen Schlag hörte, einen lauten Schrei und wie jemand leblos zu Boden viel. Und von der Lautstärke des Aufschlages her zu urteilen, war da sicherlich keine Frau gefallen.

Dann war es wieder ruhig. Was hatte Harrell da eben gesagt? Was zum Teufel, ging denn da vor sich?

"Anna?" rief Seaver erschrocken in den Hörer. "Anna, hörst du mich?" Leise kamen Schritte näher und schließlich wurde der Hörer wieder hochgenommen und zum Ohr geführt.

"Sorry, Schatz. Aber ich muss jetzt leider Schluss machen." Sagte sie, noch immer in der selben Laune in der sie eben war.

"Was war da eben passiert?" reif Seaver.

Anna interessierte die Frage nicht sonderlich, sondern ignorierte sie einfach. "Ich freue mich auf nachher. Bis dann, Schatz!"

Dann legte sie auf. "ANNA!"

Die Antwort war ein eintöniges Tut-Geräusch. Mein Gott, was ging denn da vor sich? Er musste es wissen. Er musste so schnell es ging zu sich nach Hause fahren, denn bis heute Nachmittag konnte er selbstverständlich nicht mehr warten. Er hatte das Gefühl, dass er gleich einen Kollaps kriegen würde, da sein Herz raste wie noch nie.

Schnell zog er seine Krankenhauskleidung aus, schmiss diese auf sein Bett und rannte, nur in Unterwäsche bekleidet, zum Kleiderschrank, wo er seine Sachen packte und die sich so schnell es ging anzog. Er steckte sich sein Hemd in die Hose, warf sich seine Jacke über und öffnete nur einen Spalt breit die Tür seines Zimmers um nicht einen Arzt oder einer Schwester in die Arme zu rennen. Blitzschnell verschwand er dann um die Ecke ins Treppenhaus, wo er die Stufen mehr herunterflog als sie zu gehen.

Sein Herz raste dermaßen wild, dass er das pumpen in allen Adern spürte und es sich so anfühle, als würden sie gleich Platzen.

Sicherlich nicht mehr sonderlich lange, dann würde dies auch bald passieren.

 

 

 

 

 

 

Etwa eine Stunde später betrat Seaver sein Grundstück und lief langsam und vorsichtig auf die Haustür zu. Es hatte leider doch ein bisschen länger gedauert, bis er hier ankam, da das Krankenhaus ein ganzes Stück entfernt war. Sein Haus befand dich mehr am Stadtrand, während das Krankenhaus genau in der Stadt lag. Natürlich war dort immer eine Menge Stau und Hunderte von nervenden Ampeln, die natürlich immer genau dann auf Rot gehen mussten, wenn er ankam. Da er ja nach der Verfolgungsjagd direkt ins Krankenhaus gebracht wurde, hatte er gar nicht sein Auto dabei, musste sich also ein Taxi nehmen. Der Fahrer war zwar nett, aber auch ein bisschen zu lahm. Er erkannte leider nicht die Eile die Seaver hatte und erzählte von seinen vier Kindern und so weiter.

Das Taxi schickte er nicht weg, sondern sagte zum Fahrer er solle in der Nähe seines Hauses warten, da man ja nie wissen konnte, was noch alles passieren würde. Hoffentlich hatte er es auch verstanden.

Als er bei der Haustür ankam, musste er verwirrt feststellen, dass sie sperrangelweit offen stand. Das war schon mal nicht normal.

Vorsichtig ging er rein und warf einen prüfenden Blick in den Flur. Es war verdammt ruhig her gewesen. Es war absolut nichts zu hören. Nur sein eigenes, unruhiges atmen konnte er wahrnehmen, dass mit Sicherheit auch nicht zu überhören war.

Obwohl die Sonne schien und es draußen auch angenehm warm war, war es trotzdem eher dunkel im Flur. Das lag aber auch daran, weil Anna den Vorhang im Treppenhaus zugezogen hatte. Der war sonst eigentlich nie zu. Nicht einmal Nachts.

Plötzlich konnte Seaver um die Ecke zu seinem Büro seinen Hund sehen, der in einer übergroßen Blutpfütze lag, seine Zunge draußen auf dem Boden hing und die Augen leblos ins leere starrten.

"Nein!" schrie er erschrocken, ging schnell drauf zu und streichelte das Tier über den Steifen Körper. Der Arme Kerl war tot. Und zwar schon sicherlich mehrere Stunden. "Oh, Gott", jammerte Seaver,

"Das darf doch nicht wahr sein...." Diesen Hund hatte er schon seit so vielen Jahren. Und jetzt lag er hier in seinem Flur und war verblutet.

Ein Geräusch von oben erweckte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Es war der Toilettendeckel, der runtergeklappt wurde. Vorsichtig und ohne ein Geräusch zu machen, lief Seaver in das Wohnzimmer, in dem er direkt auf eine große Vase zusteuerte, in der eine tolle Pflanze schon seit Jahren heranwuchs. In der Erde hatte er einen kleinen Schlüssel vergraben, den er herauswühlte, die Erde abwischte und zu einem Tisch ging, an dem es eine Schublade gab, die nur mit Schlüssel zu öffnen war.

Er steckte diesen in das Loch, drehte ihn um und nach dem Knacken des Schlosses, das daraufhin ertönte, zog er die Schublade auf.

Dort drin hatte er eine geladene und auch schon entsicherte Waffe bereitgelegt gehabt, die nur auf den Fall der Fälle nur wartete. Und der war sicherlich jetzt.

Leise schob er die Schublade wieder zu und ging zurück in den Flur. Wieder war es nur ruhig. Sollte er nach oben gehen und nachsehen was da oben gerade ablief? Reizen würde es ihn ja schon. Kalt lag die Waffe in seiner Hand, die sicherlich schon mehrere Monate da drin lag und nie rausgenommen wurde. Gut, sie wurde halt nie gebraucht.

Auf einmal kam Anna die Treppe runtergelaufen. Seaver erschreckte sich total und zielte mit der Waffe auf sie, ließ sie aber wieder sofort sinken, als er merkte das es nur seine Frau war.

"Das ist ja ne tolle Begrüßung", sagte sie als sie an ihm vorbei ging, "Die Schlagzeile kann ich mir schon genau vorstellen: >Polizist knallt Frau im eigenen Haus ab<. Das wird sicher der Renner in der Presse werden."

Seaver guckte zu wie Anna in Richtung Küche ging und dabei einen verachtenden Blick auf seinen Hund in der Ecke warf. "Der fängt schon an zu stinken, riechst du das auch?", fragte sie forsch und kalt, "Wäre schön, wenn du ihn gleich mal rauswerden könntest. Die Müllabfuhr kommt doch morgen, oder?"

Ungläubig und mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck ging er ihr nach in die Küche. Dort viel ihm sofort eine riesige zweite Blutpfütze auf, neben der ein, mit Blut vollgeschmierter Aschenbecher lag.

"Hach, was bin ich geschafft." Stöhnte Anna und ging zum Waschbecken, wo sie den Wasserhahn aufdrehte. Erst jetzt, als sie anfing sich die Hände zu waschen, konnte er sehen, dass diese vollkommen mit Blut beschmiert waren. Selbst ihre Kleidung war es!

"Was geht hier vor?" fragte Seaver leise und deutete geistesabwesend aus der Küche heraus. "Was ist mit dem Hund passiert?"

"Kehle durch", sie schaltete das Wasser wieder ab und nahm ein Handtuch zur Hand, "Du als Polizist müsstest das doch leicht sehen können, oder nicht?" Sie räusperte sich. "Oder tust du immer nur so, bei Mordfällen?"

Sie ging zum Kühlschrank und nahm sich etwas zu trinken. Seaver blickte erneut auf das Blut und dem Aschenbecher am Boden. Den hatte er ihr mal geschenkt.

"Dein Aschenbecher?" flüsterte er leise vor sich hin.

"Ja, genau." Sie lief mit ihrem Glas zum Küchentisch, wo sie sich hinsetzte und ihren Kopf in die Hände lehnte. "Den kannst du Harrell schenken. Den will ich nicht mehr haben. Ist ja ekelhaft, so blutig." Er betrachtete sie. Obwohl sie vom Aussehen her noch immer die selbe Frau wie immer war, war ihre Art vollkommen anders. Sie wirkte verrückt. Oder wahnsinnig traf es wohl eher. Was war denn nur in sie gefahren?

Ihr Blick viel auf seine Waffe, die er in der Hand hielt. Sie deutete drauf. "Du musst mir mal sagen, wo Du den Schlüssel dafür aufhebst. Ich bin es leid immer danach zu suchen."

Jetzt gab sich Seaver einen Ruck und ging ein paar Schritte auf sie zu. Er wurde wütend, wollte endlich wissen, was hier verdammt noch mal abging! "Rede mal endlich mit mir!", rief er laut, "Was ist denn bloß los mit dir?" Sie erhob die rechte Hand und machte mit ihr die typische Bewegung die man machte, wenn man jemanden bitten möchte ruhig zu sein. "Komm, Schatz. Lass mir bitte ein bisschen Ruhe, ja?"

Sie lehnte sich zurück. "Ich habe oben schwer geschuftet. Vielleicht können wir ja morgen darüber reden, was hältst du davon?"

Das musste hier doch alles ein Traum sein, oder nicht? Eigentlich konnte es gar nicht die Wahrheit sein, denn er schien viel zu verrückt. Was meinte sie mit: >Geschuftet?<"

Er blickte ihr in die Augen und sie lächelte. Ein dermaßen gefälschtes Lächeln hatte er bei ihr, oder besser gesagt bei keinen Menschen je zuvor gesehen gehabt. Was war bloß los hier?

Ohne noch ein Wort zu verlieren, verließ er nun die Küche und rannte in den Flur zurück direkt auf die Treppe zu, die er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hoch rannte.

Dort angekommen, konnte er im ersten Moment gar nichts ungewöhnliches entdecken. Alles schien sauber und aufgeräumt zu sein. Sogar die Betten im Schlafzimmer waren gemacht und es wurde gelüftet. Nur ein wenig seltsam roch es hier. Irgendwie süßlich, dass richtig abartig wirkte, wenn man es längere Zeit in der Nase hatte. "Würdest du mir bitte einen Gefallen tun, und nicht ins Bad gehen?" rief Anna plötzlich von unten. "Da muss ich erst noch ein bisschen sauber machen!"

Seaver guckte nach links und erblickte auf die geschlossene Badezimmertür, hinter der er leises Wasserlaufen hören konnte.

Vorsichtig ging er auf die Tür zu, seine Waffe fest im Griff. Was würde er jetzt dort sehen müssen? Er merkte, dass der abartige Geruch stärker wurde. Vorsichtig ergriff er den eisernen Türgriff und drückte ihn runter. Dann drückte er die Tür langsam auf. Das erste was passierte, nur nach wenigen Zentimetern, war, dass ihn ein warmer Sommerwind ins Gesicht fegte. Das Fenster war wohl offen. Wahrscheinlich weit offen.

Nun drückte er die Tür ganz auf und konnte nicht glauben was er sah. Angewidert ließ er seine Waffe fallen, die in einem Blutgetränkten Badezimmerteppich viel, und sackte runter auf die Knie.

Schockiert und würgend hielt er sich die Hände vor dem Mund und hatte Mühe sich zu überwinden seine Blicke durch das Badezimmer zu schwenken. Alles war über und über mit Blut beschmiert!

Es gab kaum eine Stelle, an der kein Blut vorhanden war. Sogar die Toilette war voll davon! In der Wanne lagen abgetrennte Arme und Beine und in der Mitte des Raumes befand sich ein Torso. Auf der Toilette lag ein abgetrennter Kopf – es war Harrell! Er starrte ihn direkt in die Augen und war ebenfalls im Gesicht blutbeschmiert. Ungefähr einen Zentimeter dick trieb das Blut auf dem Boden herum und in der Wanne sogar noch mehr. Dies war sicherlich der absolut groteske Anblick, den er je erlebt hatte. Er atmete schwer und hatte das Gefühl gleich bewusstlos zu werden. Mein Gott, dieser Geruch! Sogar schmecken konnte er das Blut jetzt!

Schnell griff er wieder nach seiner Waffe, die er blutbeschmiert zurückbekam, verließ das Badezimmer und riss die Tür hinter sich ins Schloss zu. Er atmete tief ein, jappte und hechelte, da er für einen Moment keine Luft mehr bekam. Das konnte doch nur ein Traum sein!

Mit letzter Kraft rappelte er sich auf und rannte die Treppe wieder runter, wobei er beinahe gestürzt wäre. Nur in der allerletzten Sekunde konnte er sich noch gerade festhalten und verhindern, dass er beinahe viel. Sicherlich hätte er sich dann das Genick gebrochen.

Unten angekommen, rannte er wutentbrannt und mit puren Wahnsinn in den Augen zurück in die Küche, in der er direkt auf die Sitzgruppe zusteuerte. Aber Anna war nicht da.

"ANNA!" brüllte er laut und er merkte selber wie bei ihm die Stimme vibrierte. "WO BIST DU???"

Er ging auf dem Abstellraum zu, dessen Tür er brutal auftrat, die aufschwang, gegen eines der Regale knallte und dann aus den Angeln riss. Während die Tür in den Raum reinfiel, riss sie das größte aller Regele mit um und etliche Essensvorräte verteilten sich auf dem Boden.

"KOMM RAUS!" Sein Pulsschlag müsste jeden Arzt die pure Panik ins Gesicht treiben.

Plötzlich konnte er sie hinter sich hören. Sie räusperte sich und Seaver riss herum und zielte sofort auf seine Frau, die in aller Ruhe an der Tür zum Wohnzimmer hin lehnte und ihn ansah.

"Du hast mich gerufen?" fragte sie desinteressiert. Seaver nickte und deutete mit der Waffe die Treppe hoch.

"Was zum Teufel ist das da oben!", brüllte er, "Kannst du mir das mal sagen?" Anna überlegte einen Moment. Es war ja nun sicherlich nicht sonderlich normal das man es vergaß eine zerteilte Leiche im Badezimmer zu haben. Hatte sie es denn etwa schon vergessen?

Dann kam ihr ein Geistesblitz. "Ach, im Badezimmer meinst du.", sie nickte, "Ich sagte dir doch du solltest da nicht reingehen. Ich glaube ich müsste da oben erst mal schnell durchwischen."

"Du bist ja geisteskrank.", stellte er fest, "Was ist denn aus meiner Frau geworden?" Einen Moment guckte sie ihn ausdruckslos an. Sie hatte noch immer die Blutbeschmierten Kleider an und sah so aus, als hätte sie gerade jemanden geschlachtet. "Habe keine Angst, mein Schatz." Sie lächelte. Sie schien sehr glücklich zu sein. "Bald ist alles vorbei."

"Oh, ja!" antwortete Seaver und zielte erneut mit seiner Waffe auf sie. "Genau, bald wird alles vorbei sein. Und zwar wirst DU dran glauben müssen, dass verspreche ich dir!"

Anna schien für einen Moment enttäuscht zu sein. "Was?", quiekte sie, "Du würdest deine Frau in die Sache reinreißen?" Was hieß denn reinreißen? Eigentlich sah es ja so aus, als sei sie alleine die Schuldige. "Kannst du mir mal sagen, was das alles soll? Warum hast du Harrell getötet, und lässt ihn oben wie ein Schwein in unserem Badezimmer AUSBLUTEN?"

"Weil wir Blut brauchen", antwortete sie, "Mehrere Liter."

"Was?"

"Komm schon, nun frage doch nicht ständig irgendeine Scheiße, okay?"

sie ging einen Schritt zurück ins Wohnzimmer und winkte einer Person zu näher zu kommen. "Ich habe hier noch jemanden, den ich dir gerne vorstellen möchte." Leise konnte Seaver Schritte vernehmen, die sich langsam der Tür nährten. Er zielte mit der Waffe um die Ecke. Wer würde da jetzt gleich kommen? Er hatte das dumpfe Gefühl, dass jemand mit einer Waffe um die Ecke kommen würde. Aber nein, dem war nicht so: Um die Ecke kam eine vollkommen verbrannte und entstellte Leiche, Ms. McNab, die trotz ihres nicht sonderlich prickelnden Aussehens ein verschnitztes Grinsen auf den noch übriggeblieben Wangen hatte. Erschrocken ließ er die Waffe wieder sinken.

Er konnte seinen Augen nicht trauen, als er mit ansah, wie Anna die entstellte Leiche umarmte und küsste und ihr über den Schädel streichelte, dabei allerdings die restlichen Haare mit abriss.

"Darf ich dir meine Schwester Melinda vorstellen?", fragte Anna leise und lächelnd, "Du weißt doch, die aus dem Ausland."

Obwohl Seaver das vollkommen abartige Aussehen der verbrannten Person kaum ertragen konnte und ein angewidertes Gesicht verzog, als er sie riechen konnte, wusste er nicht wie er das verstehen sollte.

"Was sagst du da?", wollte er wissen, "Das ist Ms. McNab, die du da im Arm hältst!" Er ging zwei Schritte vor. Anna lächelte, während Ms. McNab interessiert zuhörte was die beiden da besprachen. "Die sollte eigentlich auf einer Bahre liegen und verfaulen!"

Erschrocken guckte Anna ihren Mann und hielt ihrer Schwester die Ohren zu, oder besser gesagt sie hielt ihre Hände auf die Stellen, wo ihre Ohren vorher gewesen waren.

"Hör auf so was schlimmes zu sagen!" rief sie. "So was wünscht man ja wohl mal keinen Menschen, oder nicht!"

"Wie kommt das, dass sie deine Schwester ist?"

Anna guckte fragend. "Kapierst du das gar nicht, du Arschloch?", fragte sie zurück, "Ist dir nicht mal in Gedanken gekommen, dass mein Mädchenname McNab war, du Idiot?"

Sie hatte recht. Mein Gott, dass hatte er völlig und total vergessen! Das konnte doch nicht wahr sein!

Aber wie setzte sich das alles denn zusammen? Warum seine Frau und diese Untote? Und was sollte das mit dem armen Harrell da oben im Badezimmer? Er lief, ohne beide aus den Augen zu lassen, auf die Haustür zu, die er im Rücken hatte um gleich abzuhauen. Er musste unbedingt von hier weg, denn sonst würde er verrückt werden. Der Taxifahrer würde hoffentlich noch da stehen, wie Seaver es ihm sagte.

"Warum läuft die denn noch rum?" Nicht verstehend deutete er mit der Waffe auf die Leiche.

"Oh, dass wirst du bald erfahren.", lächelte Anna, "Dann erklären wir dir alles."

"Nein, mit Sicherheit nicht!", rief er, "Ich werde dich und deine beste Freundin in den Knast befördern, scheißegal ob sie deine Schwester, der Osterhase oder auch nur einfache Holzkohle ist!"

Anna ging ein paar Schritte zu ihm vor. Dabei ließ sie Ms. McNab los, die keinen halt mehr hatte und auf dem Boden viel, wo ihr beim Aufschlag der rechte Arm nach hinten brach.

Anna guckte zwar einmal kurz zu ihr runter, machte aber keine Anstallten ihr wieder aufzuhelfen, sondern ließ sie am Boden herumvegetieren.

"Mein Schatz", Anna guckte wieder zu ihm hoch, "Sei doch nicht so aggressiv. Wir können doch alles in Ruhe besprechen, oder nicht."

Seaver hielt ihr seine Waffe direkt vor das Gesicht. Nicht einmal einen Meter stand sie von ihm entfernt.

"Anna", er suchte nach den richtigen Worten, "Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich im Moment fühle. Nicht nur das du einen Zombie als Schwester hast, dass natürlich mal etwas neues ist, dass unser Badezimmer mit Leichenteilen eines Kollegen übersäht ist, nein, du bist auch noch voll dabei, bei der Sache!" Er leckte sich sie trockenen Lippen und merkte gar nicht, dass er ziemlich weit zurückging, als er sprach, weil Anna ihm nach hinten hin zur Haustür drängte. "Ich sagte doch, dass wir alles klären können. Nun lege die scheiß Waffe weg. Was meinst du was die Nachbarn denken, wenn sie sehen, dass du deiner Frau eine Knarre ins Gesicht hältst?"

Plötzlich guckte sie nach links zur Haustür und lächelte. Da musste jemand gekommen sein. "Hallo, da bist du ja." begrüßte Anna eine fremde Person, die hinter Seaver in der Haustür stehen musste. Er konnte allerdings nicht genau sehen, wer und ob dort auch wirklich jemand gekommen war. "Sie mal Schatz, wer da gekommen ist.", sie deutete zur Tür, "Dürfte dir sicherlich bekannt vorkommen."

Seaver ließ sich nicht so leicht verwirren. Er wusste das sie nur so tat, um ihn die Waffe wegzureißen, wenn er sich wegdrehte.

"Für wie blöd hältst du mich?" fragte er. "Denkst du man kann mich so leicht aufs Kreuz legen?"

Sie schüttelte mit dem Kopf. "Nein, Schatz. Da ist wirklich jemand." Sie zeigte hin. "Sieh doch selber!"

Plötzlich merkte er das Anna recht hatte, da auf einmal ein Schatten in den Flur viel. Jemand musste also wirklich in der Tür stehen! Und was wäre, wenn dieser jemand eine Waffe in der Hand haben würde?

Schnell riss Seaver sich selber rum und blickte in ein vertrautes Gesicht, konnte allerdings nichts sagen, da die Person plötzlich eine volle Glasflasche in der Hand hielt, und sie auf Seaver´s Gesicht knallte. Ohne einen Ton von sich zu geben, viel er bewusstlos neben Ms. McNab auf dem Boden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es verging wahrscheinlich eine ganze Zeit, da es bereits draußen dunkel war, als Seaver wieder die Augen öffnete. Sein Mund blutete und er hatte überall Schmerzte im Kopfbereich. Geschafft stöhnte er auf, wobei er seinen Kopf im Kreise drehte und war richtig erschrocken, als es in seinem Hals laut knackte.

Er guckte sich, noch immer ein bisschen benommen, um und konnte erkennen, dass er im Wohnzimmer an der Terrassentür saß und seine Handgelenke hinter seinem Rücken gefesselt waren. Außerdem waren seine Füße an den Knöcheln ebenfalls zusammengebunden worden.

Vergessen, was das letzte war, was er sich ansehen musste, hatte er mit Sicherheit nicht. Die genaue Erklärung, warum die Schwester seiner Frau ein Zombie war und sie selber zu einer Wahnsinnigen geworden ist, konnte er nicht beantworten. Eigentlich musste das hier doch alles nur ein Traum sein. So was konnte doch gar nicht echt sein!

Plötzlich konnte er an der Wohnzimmertür ein polterndes Geräusch hören. Als Seaver dort hinsah, erkannte er, dass etwas vom Flur aus gegen die Tür geschlagen haben musste. Jemand beobachtete ihn?

Ein schwarzer und verkohlter Arm wurde um die Tür herumgelegt und schließlich zog sich Ms. McNab hinein. Sie war mit ihrer Arbeit ganz beschäftigt, während sie versuchte sich an der Tür hochzuziehen, um wieder aufzustehen, aber sie viel ständig wieder auf dem Boden.

Seaver konnte nur zusehen und nichts sagen, als sie es wie ein einjähriges Kind beim laufen lernen immer wieder versuchte, aber es immer wieder misslang.

Als sie das dritte mal wieder zu Boden viel und dabei ein schlechtgelauntes Brummen von sich gab, guckte sie Seaver plötzlich genau in die Augen. Einen Moment erschrak er, da sich zwar ihr ganzes Aussehen verändert hatte, aber die Augen noch genau gleich waren. Genau diese Augen sahen ihn beim Verhör an, als sie ihre Schauspielkunst unter Beweis stellte.

"Ist er endlich wieder wach?" konnte er seine Frau plötzlich aus der Küche rufen hören. Ms. McNab stützte sich mit ihren abgebrannten Armen auf und ließ ein bejahendes grunzen ertönen, dass sich eher so anhörte, als wurde man einen Motor abwürgen. Dann konnte er vernehmen, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde und sich langsam Schritte aus dem Flur auf das Wohnzimmer zunährten. Schließlich erschien seine Frau in Seaver´s Blickfeld und blieb in der Tür stehen. "Tatsache." staunte sie. Dann drehte sie ihren Kopf in Richtung Küche zurück und rief jemanden etwas zu, dass wahrscheinlich für die Person gedacht war, die ihn niedergeschlagen hatte. "Komm mal her!" rief sie kichernd, "Er ist wieder wach!"

Nun betrat sie das Wohnzimmer, guckte dabei aber nicht nach unten, sondern stolperte über den Kopf ihrer Schwester, die noch immer an der selben Stelle lag und mit sich selber herumhantierte. Anna konnte sich dennoch wieder fangen und krallte sich an einem Mauervorsprung fest. Ms. McNab guckte böse hoch. Seaver viel auf, dass er ihr, wenn er im richtigen Winkel saß, direkt durch den Kopf auf die andere Seite der Wand gucken konnte.

"Mensch, pass doch auf wo du rumriechst!" schnauzte Anna auf sie runter. "Schieb deinen verkohlten Arsch irgendwo hin, wo du nicht störst!"

Erstaunlicherweise hörte sie auf Anna und begann unter den großen Wohnzimmertisch zu kriechen, allerdings verlor sie dabei ihr rechtes Bein, dass sie gar nicht registrierte. Anna verdrehte nur die Augen, hob das Bein auf und warf es ihr nach. "Und nimm dein Scheiß mit!" Nun ging sie auf ihren Mann zu, der alles gar nicht richtig glauben konnte.

"Und?" fragte sie, "Hast du gut geschlafen?"

Sie setzte sich auf den Sessel, wo man Dawns Kopf dran genagelt hatte. Die Stelle war noch immer ganz blutig.

"Den Umständen entsprechend." Antwortete er und blickte wieder auf die andere Seite, wo Ms. McNab unter dem Tisch anfing an sich selber rumzunagen und verkohlte Fleischbrocken verspeiste. Dabei gab sie einen schmatzenden Laut von sich und grummelte etwas abstoßend. Seaver guckte wieder auf Anna die verschnitzt lächelte und den Anblick ihres Mannes sicherlich genoss.

"Weißt du was?", er deutete mit der Schulter auf Ms. McNab, "Jetzt wo ich deine Schwester kennen gelernt habe, können wir doch mal zusammen essen gehen, was hältst du davon?"

Annas Lächeln verschwand plötzlich wieder. Sie wirkte irgendwie beleidigt, als hätte er lauten lassen das sie irgendwie fett geworden sei, oder so etwas in der Art.

"Willst du mich verarschen?" In ihrer Stimme lag eine gewisse Wut. "Wenn wir mit der ein Restaurant betreten, werden wir drauf hingewiesen, dass es nicht erlaubt sei sein eigenes Essen mitzunehmen!"

Seaver nickte. "Ja, da könntest du recht haben."

"Außerdem lass ich mich von dir nicht für blöd verkaufen." Ein paar Sekunden blieben beide ruhig und sagten kein Wort. Genau wie bei ihrem ersten Date damals, nur das die Situation nicht ganz so angespannt war, wie sie es jetzt war.

"Komm jetzt endlich!" brüllte Anna plötzlich. Erschrocken erhob Ms. McNab ihren Kopf und hatte dabei ein Stück verkohltes Fleisch aus ihrem Arm im Mund, dass sie langsam kauend verspeiste. "ER IST WACH!"

Höchstwahrscheinlich war dieser Ruf für die Person in der Küche gedacht, die noch immer nicht aufgetaucht war.

"Ja, ich bin ja schon auf dem Weg!" antwortete eine Frau aus der Küche. Eine vertraute Stimme. Schritte kamen nun näher und wurden auch lauter. "Das wird eine tolle Überraschung für dich werden." Kicherte Anna. Seaver guckte sie an und nickte. "Ich kann mir schon vorstellen wer es ist."

Schließlich guckte er zur Wohnzimmertür und erkannte eine Frau, bei der er erst neulich zu besuch gewesen war: Es war Ms. Price.

Sie betrat den Raum, betrachtete Seaver zufrieden, als er verwirrt und vollkommen erschrocken auf sie blickte.

"Ms. Price?" rief er ungläubig, "Was zum Teufel....?"

Sie kam ein paar Schritte näher und ging auf ihn zu. Sie lächelte als sie gerade etwas sagen wollte, schnüffelte dann aber angewidert, weil sie irgendwas riechen konnte. "Was ist denn das für ein abartiger Gestank?" fragte sie und guckte auf Anna. Diese deutete nur ohne hinzusehen auf ihre Schwester unter dem Tisch. Ms. Price zögerte erst einen Moment, bückte sich dann aber und erblickte Annas Schwester die verkohlend wie ein Hund in ihren Achseln schnüffelte. "Ach so", sie nickte und ging jetzt auf Seaver weiter zu. "Deine Schwester. Jetzt ist mir alles klar. Weißt du das ihr vielleicht ein Deo ganz gut tun könnte?"

Innerhalb weniger Sekunden stand Anna auf und rannte auf Ms. Price zu. Seaver war von ihrer Schnelligkeit regelrecht erschrocken, die er eigentlich gar nicht von ihr kannte. Vor Ms. Price blieb sie stehen und deutete mit dem Finger auf sie.

"Hör gefälligst auf Witze über sie zu machen." drohte sie. "Wenn sie nicht wäre, hätten wir heute Nacht nicht Zahltag!"

Ms. Price nickte und deutete mit der Hand das sie Ruhe bewahren sollte. "Ist schon gut." beruhigte sie Anna, "Du hast ja recht. Es war dumm von mir."

"Okay."

Nun bückte sie sich zu Seaver runter, der ihr am liebsten ins Gesicht getreten hätte. Er wusste, dass sie ihn nur verarscht hatte, als er am Tag, nachdem sie ihm das Video zeiget, bei ihr war. Überzeugt hatte sie ihm mit der Show nicht so ganz.

"Guten Abend Mr. Seaver." Sie lächelte. "Freut mich sie wiederzusehen."

Seaver antwortete nicht, sondern versuchte zu überlegen, was Ms. Price mit seiner Frau zu tun haben könnte. Und was war mit Annas Schwester los? Gehörten sie etwa alle drei zusammen? Haben sie alle zusammen einen Plan gehabt, um unschuldigen Menschen den Kopf abzuschneiden? Und warum das ganze überhaupt?

"Also war alles nur eine Show?" fragte Seaver und nickte dabei, da er die Antwort schon wusste.

"Ja, natürlich." Ms. Price lachte, "Wir mussten sie doch ein bisschen verwirren, quasi verrückt machen." Sie stand wieder auf und ging zu Anna zurück, die sich an die Wand gelehnt hatte. "Und als mir ihre Frau erzählt hatte, dass sie schon Alpträume deswegen bekommen haben, fing ich lauthals an zu lachen!"

Seaver überlegte was er fragen sollte. Er hatte tausende Fragen auf Lager und konnte sich bei der Vielzahl gar nicht für eine Entscheiden. "Wie lange kennt ihr euch schon?" fragte er schließlich seine Frau, die verwirrt auf ihre Brust tippte, als sie merkte das die Frage an sie gerichtet war und nicht an ihre Komplizin.

"Wir lange wir uns kennen?" wiederholte sie. Ms. Price guckte Anna in die Augen und sie überlegten ein paar Sekunden. "Ungefähr drei Monate, oder?" fragte Anna. Sie bejahte. "Ja, genau."

Sie drehte sich wieder zu Seaver. "Drei Monate könnte angehen."

Er nickte und guckte an die Wand, wo sein Blick auf sein Hochzeitsfoto viel, wie er mit Anna im Arm stand und sie ihr tolles weißes Kleid anhatte.

"Der schlimmste Tag meines Lebens." ließ sie lauten, als sie merkte, dass er das Bild betrachtete. Ohne einen Kommentar zu erwidern guckte er Anna in die Augen, in denen sich nichts weiter als nur Wahnsinn spiegelte. Dann widmete er sich wieder Ms. Price.

"Was haben sie mit meiner Frau gemacht?"

"Nichts." Sie schüttelte mit dem Kopf. "Ehrlich nicht."

Er wusste, dass es nicht sonderlich viel Sinn haben würde, noch weitere Fragen zu stellen, da er eigentlich nur noch eines wollte: Von hier verschwinden. Das einzigste das er mitnehmen wollte war sein Hund... .

"Wir haben sie also ganz schön an der Nase herumgeführt gehabt, nicht wahr?" Ms. Price rieb sich die Hände. "Sie haben doch sicherlich begonnen an ihrem Verstand zu zweifeln, habe ich recht?"

Seaver schüttelte mit dem Kopf. "Das einzigste woran ich keine Zweifel habe, ist das ihr alle drei vollkommen Wahnsinnig seit!"

Anna lachte. "Na und?" fragte sie. "Das kann uns doch egal sein."

Ms. Price guckte auf die Uhr und war sichtlich erschrocken, als sie die Zeit sah. "Ach du scheiße." rief sie entsetzt. "Es ist schon gleich halb zwölf! Wir müssen uns beeilen!"

Anna schreckte plötzlich auf. "Was?" rief sie ungläubig. "Schon so spät?"

"Ja! Nun mach hin!" Schnell verließ Anna das Wohnzimmer nach draußen, während Ms. Price sich vor dem großen Teppich nach unten bückte und ihn anfing aufzurollen. Dieser Teppich war ein ganz billiges Ding, den er eigentlich schon immer mal rausschmeißen wollte.

"Was geht denn nun ab?" fragte er verwirrt.

"Nun ja", Frau Price keuchte, da sie kniend mitlief, während sie den Teppich zusammenrollte. "Jetzt kommt der Höhepunkt des Abends." Stöhnte sie. "Genau um Mitternacht geht es los."

Seaver konnte nun langsam erblicken, dass unter dem Teppich mit roter Farbe auf den Boden ein seltsames Kreuz gemalt wurde. Es war eine aufwendige Zeichnung, die bestimmt viel Mühe erforderte. Wer hatte das da hingemalt?

Während Ms. Price weiterrollte, war nicht zu übersehen, dass dieses Kreuz ziemlich riesig war und bestimmt einen Durchmesser von anderthalb Metern hatte.

"Was ist denn das nun wieder für ein Mist?" Seaver ließ seinen Kopf nach hinten an die Scheibe rumsen.

"Das werden sie noch früh genug merken, wenn sie drinsitzen." Nun war sie fertig und stand wieder auf. Dabei wischte sie sich ihre Hände in ihren Oberschenkeln ab. "Allerdings müssen wir noch ein bisschen was dafür vorbereiten."

Anna kam wieder rein und hielt in der rechten Hand eine Tüte, die vollbepackt bis oben hin war. Unter dem andern Arm hatte sie fünf circa ein Meter lange Holzstäbe, die sie gegen die Wand lehnte, nachdem sie die Tüte auf dem Boden abgestellt hatte.

"Hast du schon meine Zeichnung gesehen?" fragte Anna und deutete auf den Boden, währende sie einen der Stäbe an sich nahm. "Das hat ganz schön lange gedauert, bis ich das so gut hinbekommen hatte. Und gerade als ich fertig war, warst du nach hause gekommen." Sie ging um die Zeichnung herum. "Ich hatte mich schnell auf die Couch geschmissen, ein Buch gegriffen und so getan als wäre ich beim lesen eingeschlafen." Sie zeigte auf das Buch, dass noch immer auf dem Tisch lag. "Vom Winde verweht." Las sie vor. "Weißt du eigentlich, wie oft ich das schon gelesen habe? Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du Verdacht schöpfen würdest, da ich es ja erst gelesen hatte." Sie lächelte. "Aber glücklicherweise warst du zu blöd um das zu kapieren."

Seaver musste zugeben, dass sie recht hatte. Denn sie hatte es wirklich erst vor kurzer Zeit gelesen gehabt. Er hätte es merken müssen, da sie es danach auch gar nicht mehr weitergelesen hatte. Als er sie auch schlafend vorgefunden hatte, war das Buch auch ziemlich weit in der Mitte aufgeschlagen gewesen, obwohl sie es davor Tagelang nicht in der Hand hatte.

Anna und Ms. Price steckten die fünf Holzstäbe in seltsam gebaute Vorrichtungen, die ebenfalls aus Holz waren und stellten sie im Kreis um die Kreuzzeichnung.

Prüfend und sehr genau kontrollierten sie, ob diese sich auch gegenüberstanden und direkt auf die dafür vorgesehene Stelle platziert wurden.

"Ich glaube das war’s." sagte Ms. Price. "So müsste es richtig sein." Anna lief auf Seaver zu, dessen Blick totale Verwirrung spiegelte. Er hatte überhaupt keine Ahnung, wozu dieser ganze Kram eigentlich sein sollte.

"Es wäre schön, wenn mir einer von euch mal erzählen könnte, was das ganze hier soll."

Anna lächelte. "Das wirst du noch früh genug erfahren, wenn es gleich soweit ist."

Schließlich griff sie dann in die Tüte und holte einen runden Gegenstand heraus. Im ersten Moment konnte es Seaver nicht genau erkennen, was dies war, aber erschrocken und vollkommen angewidert, musste er feststellten, dass es ein Kopf war!

Es war der Kopf von dem jungen Opfer Christian!

"Sieh mal hier." Sie zeigte ihn Seaver, der das Gesicht verzog. "Den kennst du doch noch. Den hatte ich dir schnell in ein Packet gepackt, nachdem ich den Kopf der kleinen Schlampe an den Sessel gehängt hatte und dann zu dir nach draußen auf die Terrasse kam. Melinda hatte den Brief schon vorher geschrieben gehabt, den ich dann mit in das Päckchen für dich gelegt habe."

Sie ging mit dem Kopf auf einen der Spieße zu und spießte den Kopf drauf auf. Ekelerregend lief Blut heraus als der Kopf dann dort dran hängen blieb. Anna lachte während sie sich die Hände abklopfte. "Ich weiß noch, wie ich mir das Lachen verkneifen musste, als ich die Bewusstlose gespielte hatte und du mich durch das Haus getragen hast. Das war echt witzig." Ms. Price griff nun in die Tüte und holte Dawns Kopf heraus, den sie auf einen anderen Spieß draufdrückte, mit dem Gesicht hinein in dem Kreis. "Es wurde nur problematisch, als ich den Ärzten erzählen musste, dass ich gar keinen Schock hatte. Die haben mir zuerst nicht geglaubt gehabt."

Als nächstes holten beide die Köpfe von Stuart und Craig heraus, den beiden Gerichtsmedizinern, die sie ebenfalls auf die zwei anderen Spieße steckten. Nur noch ein Spieß war frei, aber die Tüte war leer. "Scheiße." fluchte Ms. Price. "Uns fehlt noch ein Kopf!"

Anna drehte sich erschrocken um und guckte auf die Tüte, die leer in der Ecke lag. Seaver konnte sehen, dass sie plötzlich panisch wurde und jeden Moment wahrscheinlich losschreien würde. Aber dann wurde ihr Blick wieder normal, als ihr etwas einfiel.

"Ach so." stöhnte sie erleichtert. "Oben im Bad auf der Toilette liegt der fünfte Kopf. Hole ihn und nimm dann auch gleich das Blut mit."

"Okay." Ms. Price lief schnell aus dem Wohnzimmer heraus, als Anna sie aber plötzlich wieder zurückrief. "Sue!"

Erschrocken blieb sie wieder stehen und drehte sich um. "Was ist?"

Anna griff hinter eine Vase und holte dort einen versteckten Eimer hervor, den sie ihr übergab. "Den brauchst du doch sicherlich, oder nicht?" Ms. Price verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als sie merkte wie vergesslich sie war. "Natürlich." Sie nahm Anna den Eimer ab. "Ich bin vielleicht blöd." Dann verschwand sie im Flur.

Seaver konnte sich einfach nicht vorstellen, was das ganze hier sollte. Warum haben die beiden vor, fünf Köpfe um dieses Kreuz aufzuspießen? Was sollte das eigentlich alles werden?

"Wie seit ihr an die Köpfe gekommen?" fragte er. "Die waren doch verschlossen." Anna lächelte und kniete sich vor ihn hin auf dem Boden. "Nun ja", fing sie an, "es ist schon ganz praktisch, eine wandelnde Leiche als Schwester zu haben. Einer der beiden Kerle in der Gerichtsmedizin, hatte nicht lange gefackelt, nachdem meine Schwester die Köpfe verlangt hatte." Sie stand auf und deutete auf den Kopf von Stuart. "Der hier war es. Er war sehr kooperativ."

Seaver versuchte zu verstehen, was hier los war und hoffte tief im inneren noch immer, ob er nicht endlich bald aufwachen könnte. Aber er wusste, dass das hier kein Traum war.

"Was habt ihr vor?"

Anna überlegte einen Moment, bevor sie antwortete. Wahrscheinlich dachte sie nach, ob sie es wirklich erzählen sollte, entschied sich dann aber für ja. "Okay, ich erzähle es dir." Sagte sie dann. "Immerhin sind wir ja verheiratet." Sie stand wieder auf und stellte sich in das Kreuz, das sie gemalt hatte.

"Weißt du wohin man Zutritt hat, wenn man in diesem Kreuz steht?" Seaver schüttelte mit dem Kopf. Er wollte es eigentlich gar nicht wissen.

"Zur Hölle." Zischte Anna und lachte. Seaver war gar nicht zum lachen zumute. "Wie bitte?"

"Ja, ist wahr." Sie ging wieder auf ihm zu. "Wenn man fünf aufgespießte Köpfe neben dem Kreuz aufstellt und dies genau zu Mitternacht geschehen ist, öffnet sich das Tor zur Hölle." Für einen Moment wollte er laut loslachen, als er dies hörte.

"Ich glaube ich höre nicht richtig." Staunte er. "Du bist ja vollkommen wahnsinnig!"

"Oh, nein. Sicherlich nicht."

"Und was soll der Scheiß? Was habt ihr denn vor?"

Anna lief im Wohnzimmer auf und ab, während sie erzählte. Es war fast so, als ob sie Unterricht geben würde.

"Weißt du eigentlich, wie sehr man von der Hölle belohnt wird, wenn man ihr Menschenopfer bringt?" Seaver konnte nicht glauben was er hörte. "Nein, dass weiß ich nicht. Kläre mich auf."

"Unsterblichkeit!" Sie deutete auf ihre Schwester unter dem Tisch. "Wie sie hier, zum Beispiel. Oder glaubst du, dass es normal ist, dass sie noch immer hier rumrennt?" Er gab keine Antwort. "Als ich gehört habe, dass sie bei dem Unfall ums Leben kam, hatte ich kurz darum gebeten, ob sie wieder zum Leben erwachen könnte, da wir es ohne sie nicht schaffen würden." Sie setzte sich wieder auf den Sessel. "Und jetzt werden wir es schaffen."

Seaver überlegte sich die nächste Frage, die so schnell rauskam, dass es eigentlich gar nicht sollte. "Was gibt es noch für euch, nach der Opferung?"

"Da kann ich dir eine Menge erzählen." antwortete sie. "Zum Beispiel ewige Schönheit, keine Alterung mehr, Geld, Macht, Kraft und noch viel mehr. Es würde mit der Zeit nicht hinhauen, wenn ich dir das alles aufzählen würde."

"Und wie soll das mit den Opfern gehen?"

"Folgendermaßen:" Sie beugte sich vor. "Derjenige der geopfert werden soll, muss im Kreuz stehen, dass von fünf abgeschlagenen Köpfen umkreist wird. Dann muss die Person mit fremden Blut übergossen werden, es muss Mitternacht sein und schließlich war’s das dann." Sie stand wieder auf und ging auf das Kreuz zu. "So einfach ist das."

"Ich gehe davon aus, dass du mich opfern willst, habe ich recht?" Anna blieb stehen und drehte sich zurück. "Tut mir leid, aber du hast es erfasst." Er nickte. "Dachte ich mir."

Einen Augenblick überlegte Anna, dann ging sie wieder zu ihm zurück. "Aber ich kann dir ja noch ein kleines Geheimnis verraten." Sie deutete mit dem Kopf nach hinten auf Ms. McNab, die ihre nach hinten gebrochenen Finger betrachtete und es interessant fand, wie seltsam sie hin- und herfielen, wenn sie ihre Hand schnell bewegte.

"Sie wird mit dir gehen."

Seaver riss die Augen auf. "Was?"

"Ja, sie geht auch mit dir mit. Was soll ich denn mit der noch? Eine wandelnde Frikadelle als Schwester zu haben, wer will das schon? Darauf lässt sich keine Beziehung mehr aufbauen."

Nun guckte sie auf die Uhr und musste erkennen, dass es langsam ziemlich knapp wurde. "Beweg mal deinen Arsch da oben!" schrie sie plötzlich. Genau in der Sekunde, konnten sie Ms. Price auch schon wieder hören, wie sie schnell zum Wohnzimmer rannte.

"Ich komme ja schon, verflucht!" Als sie reinkam konnte man sofort sehen, dass ihr ganzer Rücken mit Blut vollgeschmiert war. Sogar ihre Beine waren voll davon. Sie hielt den Eimer in der Hand, der halbvoll mit Blut war und unter dem anderen Arm hatte sie sich Harrells Kopf gesteckt.

"Was hast du denn gemacht?" wollte Anna wissen.

"Ich bin ausgerutscht." Ließ sie genervt lauten. "Da oben kann man sich alles brechen!" Anna nahm ihr den Eimer ab und ging damit zu Seaver zurück. "Okay, tue den Kopf drauf und komm her!"

Sie nahm den Kopf unter ihrem Arm hervor und spießte diesen auf den letzten freien Stab auf. Als sie damit fertig war, ging sie zu Anna und Seaver, der gerade dabei war zu versuchen, ob er die Fesseln irgendwie öffnen könnte. Aber vergebens. "Machen sie sich keine Mühe, Mr. Seaver." Sagte Ms. Price. "Wenn ich erst einmal jemanden gefesselt habe, dann bekommt keiner so schnell die Schlingen auf."

Sie guckte auf Anna. "Wie spät ist es?"

"Gleich Mitternacht. Wir können anfangen."

"Okay. Bei wem zuerst?"

Einen Moment überlegten beide. Dann deutete Anna mit dem Kinn über ihre Schulter in die Richtung von Ms. McNab. "Erst sie." Flüsterte sie. Ms. Price lächelte. "Okay."

Anna lief zu ihrer Schwester zu und bückte sich runter. "Melinda? Kommst du bitte mal vor? Wir brauchen dich mal kurz."

Ms. McNab schien ein bisschen verwirrt zu sein, aber kroch dann schließlich unter dem Tisch hervor. Geduldig warteten Anna und Sue, bis sie schließlich die Geduld verloren, beide sie packten und hochhoben. "Das dauert mir zu lange mit dir."

Sie hoben sie in das Kreuz hinein und legten sie dort auf den Boden. Melinda verstand nun, was das ganze sollte und versuchte sich zu wehren, indem sie wild anfing sich zu bewegen. Aber dabei strampelte sie sich eigentlich nur mehr Körperteile ab und konnte damit die beiden Frauen nicht überreden von ihrer Absicht abzulassen.

"Bleib still, verflucht!" rief Anna. "Es wird auch sicherlich nicht wehtun!"

Während Anna sie festhielt holte Ms. Price den Eimer, der voll mit Harrell´s Blut war und kippte ein bisschen davon auf sie aus. Anna konnte noch gerade rechtzeitig zurückweichen, da sie sonst auch etwas abbekommen hätte. "Kannst du nicht aufpassen?" rief sie. "Meine Sachen habe ich heute erst frisch angezogen!"

Ms. Price stellte den Eimer wieder ab. "Sorry. Kommt nicht wieder vor. Ich bin nur so aufgeregt."

"Das wird schon alles klappen. Wie spät ist es?"

"Genau Mitternacht!"

Erschrocken wichen Ms. Price und Anna ein paar Schritte vom Kreuz zurück. Ms. McNab bewegte sich nicht mehr, sondern lauschte. Alle fingen sie an zu lauschen und sagten keinen Ton. Nicht einmal geatmet haben sie.

"Das wird nicht klappen." Sagte Seaver leise, wurde aber sofort von Anna und Ms. Price zurechtgestutzt gefälligst ruhig zu sein. "STILL!" schrieen sie beide. "Ganz ruhig jetzt."

Sekundenlang passierte überhaupt nichts. Nichts war zu hören, oder zu spüren. Es war eine erdrückende Spannung im Zimmer und es begann irgendwie heiß zu werden.

"Spürst du das?" fragte Anna ihre Komplizin. "Es wird heißer."

"Du hast recht."

Seaver wollte es nicht wahrhaben, aber es war wirklich so. Langsam wurde es heißer im Zimmer. So als würde irgendwo im Zimmer ein Feuer brennen. Und Wind! Auf einmal wehte ein kalter Wind direkt in Seaver sein Gesicht und musste sehen, dass die beiden Frauen dies ebenfalls merkten, da ihre Haare anfingen um ihre Köpfe herumzuwehen. Sie guckten an die Decke, von wo aus der Wind wahrscheinlich gekommen war. "Spürst du das?" fragte Anna ungläubig. "Ich glaube es klappt." Ms. Price ließ ihren Blick hinunterschweifen, während sie die kühle Luft tief einatmete und zu Annas Schwester ins Kreuz blickte. Dort riss sie die Augen erschrocken auf. "Oh, mein Gott..." sie ging ein paar Schritte zurück.

Anna guckte ebenfalls hin und reagierte ganz genauso, als sie sehen musste, wie der Boden unter Ms. McNab, wo das Kreuz gemalt war, begann nach innen hin einzufallen! Eigentlich musste man den Keller erblicken können, aber stattdessen konnte man eine lange rote Laufbahn sehen, die Kilometerweit nach unten zugehen schien und kein Ende in Sicht war. Holzsplitter brachen vom Boden hoch zu allen Seiten, es knackte laut und donnerte bedrohlich.

Die Wände des Tunnels färbten sich langsam rot und es schien grell nach oben ins Wohnzimmer. Obwohl Ms. McNab nun eigentlich gar keinen festen Boden mehr unter sich hatte, viel sie dennoch nicht ins Loch hinein, sondern hielt sich seltsamerweise noch darüber. Es sah so aus, als würde sie auf einer Scheibe über dem Loch liegen.

"Warum wird sie nicht genommen?" flüsterte Ms. Price, aber Anna deutete ihr ruhig zu sein. Seaver konnte seinen Augen nicht trauen, was er da sehen musste. Genau in das Loch konnte er nicht blicken, da er zu weit wegsaß. Aber das etwas nicht stimmte, war nicht zu verkennen.

Anna und Ms. Price mussten plötzlich mit ansehen, wie von tief unten im Tunnel, auf einmal ein Menschliches und verfaultes Skelett nach oben kletterte. Es war ein abartiges Wesen, dass schnaufte und durch die Löcher seines Schädels einen bösen Blick auszustrahlen schein. Es bewegte sich mehr wie eine Spinne, als ein Mensch und war einfach nur widerwärtig.

Als es schließlich oben ankam und direkt bei Ms. McNab stehen blieb, schnüffelte es kurz an ihr, guckte dabei aber vorbei, um Anna in die Augen zu blicken.

"Scheiße." fluchte Ms. Price. "Was ist wenn das Ding rauskommt?"

Anna schüttelte mit dem Kopf. "Das tut es nicht. Es holt nur etwas ab."

Damit hatte sie ihre Schwester gemeint und hatte auch recht. Plötzlich begann das seltsame Wesen nach Ms. McNab zu greifen und griff dabei durch ein schutzschildartiges undurchsichtiges Glas, auf das sie gelegen hatte. Deswegen war sie nicht ins Loch reingefallen, sondern bleib oben drüber.

Ms. McNab gab ein erschrockenes Heulen von sich, als das Monster sie ergriff und nach innen hin reinzog. Es packte sie unter dem Arm und rannte den roten Höllentunnel wieder nach unten hin hinab; Annas Schwester mitnehmend, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Der Tunnel blieb aber trotzdem noch präsent.

Beide Frauen atmeten auf. "Mein Gott." staunte Ms. Price. "Es klappt wirklich!"

"Natürlich klappt es!" fauchte Anna zurück. "Ich habe es doch gesagt das es klappen wird!"

Nun gingen sie beide auf Seaver zu, der erschrocken nach hinten wich. "Lasst mich bloß in Ruhe!" schrie er laut. "Verpisst euch!"

Die beiden Frauen schien es gar nicht zu interessieren, was er sagte, sondern griffen ihn unter seinen Schultern, um ihn zum Loch zu schleppen. "Halt den Mund!" rief Anna.

Sie hoben ihn so gut sie konnten an, und trugen ihn langsam drauf zu, aber Seaver wedelte mit den Beinen und machte sich absichtlich schwerer. "Lasst mich los!" rief er wütend.

Nun tickte es bei Ms. Price aus: Ohne kurz zu überlegen oder nachzudenken, blieb sie stehen und trat ihn mit ihrem Knie genau in das Gesicht. Seaver gab einen kurzen Schmerzensschrei von sich, blieb dann aber ruhig und viel zurück. Durch und durch ging der Schmerz und das Ziehen durch seinen Kopf bis hoch ins Hirn.

"Bist du bescheuert, oder was?" rief Anna plötzlich. "Was fällt dir ein meinen Mann zu treten?" Ms. Price ließ ihn nun los. "Was machst du mich jetzt so blöde an?" fauchte sie wütend zurück.

"Ich mache dich ja gar nicht an, ich will nur nicht, dass du meinen Mann so trittst!"

Nun starteten sie doch tatsächlich deswegen eine Diskussion. Als ob das nun so schlimm wäre, wo sie ihn doch sowieso nun opfern wollte. Was machte dies denn nun noch für einen Unterschied?

"Könnten wir das vielleicht später ausdiskutieren?" rief sie und deutete auf das Loch nur wenige Meter entfernt. "Ich meine: Wir haben gerade das Tor zur Hölle offen, verflucht noch mal!"

"Gut." stimmte Ms. Price zu und nickte. "Dann los, bevor es zu spät ist!"

Eine Sekunde fluchte Seaver zu sich selber, weil er hoffte, dass die beiden Frauen jetzt anfangen würden zu streiten, oder etwas in der Art. Aber leider war dem nicht so.

Sie hoben ihn wieder auf, setzten ihn in das Loch und traten schnell wieder raus. Auch Seaver saß, genau wie MS. McNab eben gerade, auf einem unsichtbaren Schild über dem Loch, dass so aussah, als würde er schweben. Er guckte nach unten in das Loch hinein und musste in einen Kilometertiefen Tunnel blicken, so tief, dass ihm fast schwindelig wurde.

"Warum passiert nichts?" fragte MS. Price aufgelöst. Einen Moment überlegte Anna, was das Problem sei, bis es ihr schließlich einfiel. Sie war eigentlich immer ziemlich vergesslich und er hoffte, dass sie es jetzt auch vergessen würde. Aber leider nicht, verdammt!

"Kein Blut!" rief sie plötzlich. "Er hat noch kein Blut auf sich drauf!" Ms. Price kapierte schnell und griff sofort nach dem Eimer, der nur wenige Meter neben ihr stand.

"Kipp alles auf ihn!" kommandierte seine Frau, worauf sie auch artig hörte. Ohne zu zögern schüttete sie alles Blut, dass sich noch im Eimer befand direkt auf seinem Kopf aus, dass Seaver abartig über das Gesicht lief.

Laut schrie er auf und wischte sich das Blut aus seinen Augen, indem er sein Gesicht an den Schultern abwischte. Seine Hände waren noch immer hinter seinen Rücken festgebunden an dessen Fesseln er kräftig zog. Er spuckte das Blut, dass ihm ins Gesicht und dem Mund lief angeekelt wieder aus und hatte das Gefühl sich gleich übergeben zu müssen, da der Geschmack ebenfalls widerwärtig war. "Ihr seit ja beide krank!" rief er hustend und keuchend. "Ihr solltet eingeliefert werden!"

Während er weiterhin hustete um den abartigen Geschmack fremden Blutes zu entkommen, achteten Ms. Price und Anna auf den Tunnel unter ihm. Und da kam es wieder: Das grässliche Skelett!

Anna ging einen Schritt zurück und wartete, während Sue schockiert das widerliche Monster anblickte, dass die Wand des Tunnels nach oben hin hochkletterte, dabei abartige und angsteinflössende Geräusche von sich gab, um sich diesmal Seaver zu schnappen und wegzubringen.

Erst jetzt konnte Seaver wieder etwas sehen und erschreckte regelrecht, als er das widerliche Etwas erblickte. Als Ms. McNab geholt wurde, konnte er das Ding nicht sehen, da er zu weit wegsaß.

Schockiert blickte er es in die Augen, während es weit den Mund aufriss, spitze und bedrohliche Zähne zeigte, als es immer näher kam und seine Krallen jedes Mal tief in die Wände bohrte.

"Keine Angst", flüsterte Anna. "Es wird bestimmt nicht wehtun."

Schnell überlegte er, was er tun könnte. Er saß das erste mal in seinem Leben richtig tief in der Scheiße und er versuchte klaren Gedanken fassen zu können. Was könnte er tun? Was würde schnell gehen und ihn retten?

"Gleich haben wir es hinter uns." Freute sich Ms. Price. "Dann haben wir ausgesorgt."

Das Monster war nicht mehr weit weg. Es würde sicherlich nicht mehr lange warten, wenn es erst einmal da wäre!

Jetzt viel Seaver auf einmal etwas ein. Er wusste nicht, ob es einen Sinn haben würde, aber wenn es darum ging, sich das Leben zu retten, um nicht in der Hölle zu enden, wäre es ein Versuch wert.

Das Monster kam näher! Schnell drehte er sich auf dem Rücken.

"Was machst du denn jetzt?" fragte Anna verwirrt. Seaver guckte sie an. "Sehe zu und staune."

Er zog seine Beine ein, so weit das seine Knie fast seinen Mund berührten.

Plötzlich konnte Seaver neben sich die Hand des Monsters erblicken, die direkt neben seinem Gesicht durch das Schutzschild griff! Auf der anderen Seite war dann auch schon die zweite Hand zu sehen!

Mein Gott, jetzt würde es ihn reinziehen!

Schnell trat Seaver mit seinen Beinen aus und kickte einen der Spieße um, auf dem Stuarts Kopf aufgespießt war.

"NEIN!" Anna tobte und trat ihm in die Seite. "Du Arschloch!" Während das Monster schreiend seine Hände wieder zurückzog und Seaver, sich krümmend vom Tritt, wieder auf dem Bauch rollte, konnte er dem Monster direkt in die Augen sehen.

Es tobte vor Wut, zischte, schnappte kurz und rannte dann schließlich wieder den Gang runter, während dabei langsam der normale Fußboden des Zimmers wieder erschien.

"Verflucht noch mal!" fluchte Ms. Price. Es dauerte nur noch wenige Sekunden, bis der Gang zur Hölle wieder weg war und Seaver wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Das gezeichnete Kreuz war alles, dass noch zu sehen war. Es trat wieder die normale Temperatur auf und war nicht mehr so windig wie gerade eben.

Erleichtert atmete er auf. "Das war knapp."

Anna packte ihn plötzlich an seinen Haaren und zog seinen Kopf hoch. "Glaubst du jetzt hast du gewonnen?" zischte sie wütend. "Du Arschloch!" Sie knallte seinen Kopf runter auf dem Boden und es knallte laut. Seaver schrie kurz auf.

"Was machen wir jetzt?" fragte Ms. Price gestresst. Wir haben nicht mehr viel Zeit! Wir können es nur bis viertel nach zwölf tun! Sonst müssen wir bis morgen warten!"

Anna überlegte schnell, nachdem sie einen Blick auf ihre Uhr geworfen hatte. Was beide Frauen nicht bemerkten, war das Seaver es tatsächlich geschafft hatte seine Fesseln an seinen Händen zu lösen. Er freute sich sichtlich, als er seine Hände freihatte, ließ sie aber zur Täuschung der Frauen weiterhin auf dem Rücken. Die waren gerade dabei den umgetretenen Spieß aufzustellen, konnten aber nicht Stuarts Kopf finden, der irgendwo hingerollt sein zu schien.

"Verfluch, wo ist der Kopf!" rief Anna laut.

"Ich weiß es nicht." Ms. Price guckte unter eine Couch und konnte den Kopf tatsächlich erblicken. "Da hinten ist er!"

Sie versuchte unter die Couch zu kriechen, kam aber einfach nicht dran.

"Beeil dich!" drängte Anna. "Die Zeit rennt!"

"Ich weiß! Aber er ist zu weit weg! Wir müssen die Couch wegschieben!" Anna bekam plötzlich einen Schreianfall und trat ihren Mann erneut in die Seite. Dieser stöhnte erschrocken und schmerzlich auf, bewegte dabei sogar seine Hände, die nicht mehr gefesselt waren auseinander. Zum Glück hatte Anna nicht mehr auf ihn gesehen, und er legte sie auf dem Rücken zurück. Trotzdem schmerzte noch immer seine Seite. "Das ist alles deine Schuld!"

Sie überlegte noch ein paar Sekunden, bis ihr dann schließlich was einfiel.

"Ich gehe schnell oben den Ersatzkopf holen!" rief sie. "Pass auf, dass er keine Scheiße macht!"

"Alles klar."

Schnell rannte Anna aus dem Wohnzimmer und hechtete die Treppe nach oben. Ms. Price kroch unter der Couch wieder hervor und stellte sich neben Seaver, der sich auf seinen Hintern gesetzt hatte.

"Bald haben sie es geschafft." tröstete Ms. Price. "Bald ist alles vorbei, keine Angst." Sie bückte sich zu ihm runter und war jetzt genau vor ihm. "Wer weiß, vielleicht ist es in der Hölle ja auch ganz nett. Vielleicht werden sie ja mit einem netten Essen begrüßt." Sie lachte Seaver laut ins Gesicht, der dabei angespuckt wurde. Bluttropfen liefen ihm noch immer über seinen Kopf.

"Sie sind eine echte Komödiantin, Ms. Price." sagte er leise. "Und jetzt lassen sie mich mal einen Witz erzählen." Er beugte sich ein bisschen nach vorne hin vor, so das Ms. Price nur wenige Zentimeter von im weg war.

"Dann lassen sie mal hören."

"Ihre Fesselkünste sind wirklich einmalig!" eigentlich wollte sie nun anfangen zu lachen, aber sie schluckte es runter. Denn dieser Witz war gar nicht lustig. "Was soll das heißen?"

Ohne eine Vorwarnung oder dem kleinsten Anzeichen, riss er seine rechte Faust nach vorne und schlug ihr brutal ins Gesicht. Er konnte ohne Probleme fühlen, wie sich durch die Wucht und Kraft seines Schlages ihr Unterkiefer regelrecht verschob. Es knackte brutal und laut auf und ohne auch nur ein Geräusch von sich zu geben viel sie zu Boden, wo sie sich entsetzt und erschrocken zugleich den Kiefer hielt.

Seaver packte seine Fußfesseln, die er sich schnell wegriss und aufstand. Er sprang aus dem Kreuz und guckte sich schnell im Zimmer um, um irgendwas brauchbares zu finden, womit er seine Frau ebenfalls außer Gefecht setzten könnte. Sein Blick viel, zufälligerweise, genau auf seine Waffe, die irgendjemand dort unachtsam liegengelassen hatte. Schnell ergriff er sie und guckte nach, ob das Magazin noch drin war. Dem war auch so!

Natürlich war das reichlich unüberlegt.

Er wischte sich das Blut aus dem Gesicht und wurde auf einmal von einem lauten und quietschenden Schrei dermaßen erschrocken, dass er sich blitzartig umdrehte und in Ms. Price ihr Gesicht sah. Sie stand nur wenige Meter vor ihm und guckte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ihr Unterkiefer war mehrere Zentimeter zur rechten Seite hin verrückt worden und es war ein grotesker Anblick. Sie schrie nur und bewegte sich nicht.

Seaver´s rechter Arm handelte instinktiv, erhob die Hand mit der Waffe auf und zielte auf sie.

Eigentlich würde er ja so was wie "Hände hoch!", oder "Ruhe" schreien, aber da diese Situation mehr als angespannt war und Anna sie hören könnte drückte er ab. Auf die Idee, dass Anna den Schuss erst recht hören müsste, kam er nicht. Er traf Ms. Price genau in der Brust. Ihr Schrei verstummte abrupt, sie torkelte zurück und knallte gegen den Tisch, den sie komplett umriss, als sie leblos hinfiel um dann ohne eine weitere Bewegung auf dem Teppich liegen zubleiben. Blut trat aus ihrer riesigen Wunde heraus und bildete eine immer größer werdende Pfütze.

"Was ist denn da los?" reif Anna aus dem Flur, die gerade die Treppe wieder runterkam. Schnell floh Seaver durch die Terrassentür nach draußen in den Garten. Er spürte das sein Herz raste ohne Ende, obwohl er nur noch einen Gegner hatte: Seine Frau.

Gerade als er das Wohnzimmer verlassen hatte und im Garten verschwunden war, betrat Anna wieder den Raum. Sie hatte den Kopf einer fremden Person in der Hand und ihr Blick viel sofort auf das Chaos: Ms. Price lag erschossen in einer Blutpfütze, der umgefallene Wohnzimmertisch neben ihr liegend. Dann ließ sie ihren Blick auf die geöffnete Terrassentür schweifen.

"Scheiße!" fluchte Anna leise zu sich selber und überlegte was sie machen sollte. Eigentlich könnte sie es vergessen Seaver nachzurennen, da es tausende Möglichkeiten gab sich zu verstecken. Außerdem war es draußen dunkel.

Schließlich entschied sie sich den Kopf auf dem Spieß draufzudrücken um das Tor erneut zu öffnen.

Schweißperlen machten sich auf ihrer Stirn breit, die sie sich mit dem Handrücken wegwischte. Sie war körperlich ziemlich fertig, wurde aber von ihrer Gier weiter angetrieben.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, als die Stelle des Bodens, wo das Kreuz gezeichnet war ,sich langsam wieder auflöste und der Tunnel der Hölle wieder erschien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seaver dachte nicht ans fliehen, als er das Haus verließ, sondern wollte seine Frau für die Sache bezahlen lassen.

Er lief, die Waffe hatte er gezogen und entsichert, vorsichtig und leise um das Haus herum zur Haustür und drückte diese auf. Sie war nicht zugeschlossen gewesen. Wie praktisch.

Vorsichtig betrat er das Haus und hielt Ausschau ob seine Frau vielleicht hier nicht irgendwo wartete. Aber dem war nicht so.

Er spürte wieder die schlimme Hitze und konnte sehen, wie das grelle rote Licht durch die Wohnzimmertür in den Flur viel.

Vorsichtig ging er auf die Wohnzimmertür zu und guckte um die Ecke, um zu sehen, ob Anna da war. Er hatte im Gefühl, dass Anna genau hinter der Tür warten würde, um gleich zuzuschlagen. Aber dies war nicht der Fall.

Sie drehte ihn gerade den Rücken zu, als er sehen konnte wie sie Ms. Price an ihren rechten Arm auf das Höllenloch zog um von dem abartigen Skelett abgeholt zu werden. Ein Gefühl von Reue spürte sie wahrscheinlich nicht bei der Sache. Als sie Sue auf dem Loch hatte, ging sie aus der Reichweite und wartete.

Nur wenige Sekunden später fing sie an zu lachen, weil das grässliche Ding bereits wieder auftauchte, packte Ms. Price ihre Leiche und riss sie, wie Ms. McNab ein paar Minuten zuvor, nach unten in den Tunnel, um sie schließlich wegzubringen.

Anna lachte auf. Sie freute sich, jetzt schon zwei Opfer gebracht zu haben. Sie konnte mächtig stolz auf sich sein.

Seaver überlegte einen Moment was er machen sollte und hatte dann schließlich eine Idee. Schnell rannte er in die Küche, holte ein Glas aus dem Schrank und beeilte sich sichtlich, als er schnell durch dem Flur auf die Treppe zurannte, um diese dann gleich nach oben zuhechten.

 

 

 

 

 

 

 

Anna guckte zu wie das Skelett Ms. Price den Tunnel entlang nach unten zog, bis sie schließlich aus ihrer Sichtweite waren. Sie fragte sich schon, was dort unten nun passieren würde, aber eigentlich war es ihr auch ziemlich egal. Wichtig war das sie ihren Mann schnell fand, denn dieser war wohl ein ziemlich gefährlicher Zeuge.

Schnell ging sie zu einem Schrank in der Ecke, öffnete diesen und zog ein altes Gewehr heraus. Nur leider hatte sie keine Kugeln. "Verdammt!" rief sie laut.

Sie durchwühlte alle Schranke und Schubladen, in der Hoffnung irgendwas finden zukönnen, dass hilfreich wäre jemanden außer Gefecht zu setzen. Nur womit?

Sie kannte ihren Mann schon ein paar Jahre und wusste, dass er nicht einfach abgehauen war. Erst recht nicht jetzt, wo nur noch sie die einzig übrige war.

Sie griff nach einem Kerzenständer, der auf einer Kommode stand. Sie versuchte herauszufinden wie man diesen am besten halten könnte, um damit zuschlagen zu können. Wenn sie ihn ein wenig weiter oben anfassen würde, könnte sie damit bestimmt ziemlich gut zuhauen. Wenn sie ihren Mann bewusstlos schlagen würde, hätte sie keine Probleme mehr.

"Lass den fallen." Hörte sie Seaver auf einmal von hinten. Erschrocken drehte sie sich um und musste in den Lauf seiner Waffe blicken. Er stand in der Wohnzimmertür und hatte einen fiesen Blick drauf. Anna ließ den Ständer stehen erhob die Hände und ging langsam auf ihm zu.

"Schatz?", fing sie an, "Lass uns das doch auf eine vernünftige Art und Weise klären."

Seaver grinste. "Du willst mir was von >vernünftig< erzählen?"

Das Blut auf seinem Kopf fing langsam an sich zu verschwärzen. Es tropfte weiterhin von seinem Gesicht. Er sah aus wie eine wandelnde Leiche und man musste sicherlich Angst vor ihm haben. Sie stand fast vor ihm und guckte in seine Augen. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte und versuchte alles auf die >Wieder-gut-mach< Weise zu beenden. Aber Seaver würde darauf doch nicht reinfallen?

"Was hältst du davon, wenn wir es uns ein wenig gemütlich machen?"

Er blickte zu ihr runter und überlegte einen Moment. Dann guckte er auf das Höllenloch, woraus weiterhin lichterloh ein roter Schimmer schien. Es war noch immer heiß, aber kalter Wind wehte um sie herum.

"Du willst es mit mir treiben, während wir die Hölle zu Gast haben?" Sie bekam ein blitzen in die Augen, als sie merkte, dass er tatsächlich auf ihren Trick reinfallen würde.

"Nun ja", sie küsste ihm auf die Wange, "Ich kann sie ja wieder

zumachen, okay?" Seaver nickte.

Nach einem kurzen Augenblick drehte sie sich um und lief ein paar Schritte auf das Höllenloch zu. Sie ergriff einen der Spieße um ihn wegzuziehen. Das Loch würde sich dann wieder schließen. Hat es ja auch gerade eben getan, als Seaver einen der Spieße weggetreten hatte. Schnell ließ sie ihre Blicke über die Spieße huschen. Wäre es möglich, einen Spieß vielleicht schnell rauszuziehen, auszuholen und schließlich.... . Nein, dass würde wahrscheinlich nicht klappen.

Erst mal war es wichtig die Hölle zu schließen. Danach könnte sie sich ja noch immer was ausdenken, wie zum Beispiel heute Nacht nach einem Kissen zu greifen.... .

Auf einmal wurde sie am Arm gepackt und Seaver zog sie zu sich zurück. "Hör mal, Schatz", sagte er gehässig. Er zog sie ganz nah an sich ran und sagte ihr den nächsten Satz direkt ins Gesicht. "Bevor du es tust, möchte ich ihr gerne noch etwas mit auf den Weg geben!"

Anna war verwirrt und guckte erschrocken auf seine andere Hand, wo sie ein das Glas erkennen musste, dass bis oben hin voll mit Blut war. Anna verstand sofort was er wollte. "Nein!" zischte sie erschrocken.

"Ja!" erwiderte Seaver schnell und schüttete ihr das Blut ins Gesicht. Angeekelt drehte sie sich zur Seite, schrie auf und wischte sich das Blut aus den Augen und spuckte auf dem Boden.

Seaver packte sie an den Schulten und schubste sie in das Loch. "NEIN!" schrie sie erneut. "Das kannst du mir doch nicht antun!"

Seaver lief um das Kreuz herum und passte auf, dass sie nicht wieder rauskroch. "Das zeige ich dir, wie sehr ich das tun kann."

Unten im Tunnel erschien wieder das Monster, dass sich diesmal sonderlich beeilte, um oben zu sein.

"Da kommt dein Freund."

Erschrocken guckte Anna nach unten und sah dann wieder hoch zu ihren Mann. "Bitte", stammelte sie, "wir können das doch anders klären." Sie wischte sich ihre Blutverschmierten Haare aus dem Gesicht. "Ich weiß ich habe einen Fehler gemacht und mich blöd benommen."

Seaver nickte "Da hast du recht."

Das Monster war blitzschnell oben und guckte Anna genau in die Augen. Erschrocken schrie sie auf, als sie mit ansehen musste, wie es durch die Schutzwand griff und nach Anna packte.

"NEIN!" schrie sie durchdringlich. "Lass mich in RUHE!"

Sie versuchte nach den Händen des Skelettes zu schlagen, aber dies kümmerte es nicht sonderlich, sondern zog sie in das Loch hinein. Wieder guckte sie hoch zu ihren Mann. "Hilf mir!" jappte sie, als sie bereits bis zur Brust im Tunnel drinsteckte.

Aber er tat keine Anstalten ihr zu helfen. Er konnte es sich einfach beim besten willen nicht erklären was in sie gefahren war, weshalb sie derartige Morde begann. Sie hatte es nicht verdient, dass er ihr jetzt half.

"Machs gut." Er guckte nur zu, wie sie langsam verschwand.

Plötzlich zeigte ihr Gesicht puren Hass. "Du Dreckschwein!" fauchte sie laut. Sie schaffte es tatsächlich mit aller Kraft ihren rechten Arm wieder nach draußen zu strecken und griff blitzschnell nach seinem Knöchel des rechten Fußes. "Wenn ich schon gehe", brüllte sie, "dann kommst du auch mit!"

Seaver wurde zu Boden gerissen und ließ dabei seine Waffe fallen, die über den Wohnzimmerboden außer Reichweite huschte.

Da das Skelett sie nicht losließ und weiter an ihr zog, wurde auch gleichzeitig Seaver mit reingezogen, der sich nirgendwo festhalten konnte.

"Lass mich los, verdammt!" schrie er, während Anna ihn weiterhin auf das durchsichtige Schutzschild zog. Das Monster packte sie direkt am Gesicht und hielt ihr dabei den Mund zu, während sie laut zu schreien versuchte. Trotz des ganzen, ließ sie ihn nicht los.

Sein Bein war bereits mit im Tunnel drin, interessierte das Monster aber nicht weiter, sondern begann wie ein Hund an ihr zu schnüffeln. Obwohl es eigentlich gar nichts im Mund haben dürfte, öffnete es den Mund und streckte eine Lappenartige, widerwärtige Zunge heraus. Sie war beharrt und rau. Langsam fing es an über Annas Wange zu lecken, wobei es abartig schnell ein- und ausatmete und sie dabei immer tiefer ins Loch zog. Sie versuchte zu schreien. Ihre weit aufgerissenen Augen flehten Seaver an ihr zu helfen, aber der war viel zu gelähmt, um etwas zu unternehmen.

Jetzt packte das Monster ihre Hand, mit der sie das Bein ihres Mannes festhielt und schüttelte diese. Anscheint wollte es, dass sie ihn losließ. Nach einem letzten rütteln konnte sie es nicht mehr aushalten und löste ihren Griff.

Während Seaver panisch und schnell sein Bein wieder aus dem Tunnel zog, konnte er sehen, wie das Monster Anna mit nach unten riss, die dabei wild mit den Armen und Beinen wedelte. Auch ihr Schrei verstummte langsam.

Schließlich waren sie aus der Sichtweite und Seaver war alleine.

Schweißperlen der Angst liefen ihn über das Gesicht die er sich wegwischte und schnell aufstand. Ein paar Sekunden guckte er noch in das Loch hinein, wartete einen Augenblick und holte dann schließlich aus, um die Spieße wegzutreten. Einen nach den anderen kickte er um, die Köpfe rollten weg und langsam begann sich das Loch wieder zu schließen. Die Hitze verschwand, die kalte Luft wehte nicht weiter.

Aus dem Höllenloch wurde schließlich wieder der normale Fußboden.

Das mühevoll gezeichnete Kreuz kam wieder zum Vorschein. Unter Schock guckte Seaver auf die Stelle, wo gerade noch das Loch gewesen war und lief langsam in Richtung Flur.

Dort angekommen blickte er auf seinen Hund, der weiterhin in seiner Blutpfütze lag. Das arme Tier. Vierzehn Jahre lang war dies sein bester Freund gewesen.

Unter Schock verließ er das Haus nach draußen und ging die dunklen Straßen entlang in die Innenstadt hinein. Es war noch nicht einmal ein Uhr in der Nacht. Vielleicht würde er noch jemanden treffen, den er kannte?

Schweißgebadet und in Babyschritten lief er die Straße entlang bis er in der Dunkelheit verschwand. Sicherlich war er froh, dass er dies überlebt hatte. Aber ob er es auch so schnell wieder vergessen konnte, war fraglich.

Während er weiter die Straße hinablief, konnte er tatsächlich noch einen rot-schimmernden Tunnel erblicken, der unter der Straße entlang führte tief in die Erde hinein.

Langsam verschwand dieser Tunnel aber. Das war auch gut so.

E N D E


 
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