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In den Wahnsinn

 

Copyright 2008 by Andreas (Berzerk)

„Sie möchten, dass ich Ihre Tochter observiere?“

Leutner saß mir gegenüber am anderen Ende des riesigen Konferenzschreibtisches, die Hände in Denkerpose unter dem Kinn gefaltet. Seine Frau hatte zwischen uns an der Längsseite Platz genommen, eine umwerfend attraktive Brünette mit einem Körper, der die Geschichte von endlosen Stunden Fitness-Studio erzählte. Ihr Blick war wie der meine auf ihren Ehemann gerichtet.

Leutner ließ sich Zeit mit seiner Antwort, und so sah ich mich im Arbeitszimmer meines neuen Auftraggebers um. Alles sehr edel, wie es sich für einen Immobilienmagnaten gehört, der normalerweise wichtigeren Besuch zu Verhandlungen oder Meetings empfing als Privatdetektive. In der Wand in meiner Blickrichtung ein riesiger LCD-Flachbildschirm, an der gegenüberliegenden teuer aussehende Gemälde. Der ganze Raum war mit Mahagoni getäfelt. Kein Zweifel, Leutner war ein wohlhabender Mann. Und ein glücklicher dazu, führte ich im Geiste aus, als ich das perfekte Gesicht auf dem perfekten Körper seiner Frau betrachtete.

„Herr Bauer, meine Frau und ich haben uns lange überlegt, wie wir der vollkommenen Entfremdung unserer Tochter begegnen sollen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Bauer, meine Frau und ich sind uns durchaus bewusst, dass siebzehnjährige Mädchen ihr Verhalten gegenüber ihrer Umwelt verändern. Aber wir sind überzeugt, dass hier etwas anderes als bloße Pubertät die Hauptrolle spielt.“ Leutner sah mich an, wartete ab, welche Schlüsse ich daraus zog.

„Sie sprechen von Drogen.“ Ich sah, wie Frau Leutner zusammenzuckte und ihre Hand auf der Suche nach der ihres Mannes über die Tischplatte wanderte. Der Immobilienmakler nahm ihre Hand in die seine und drückte sie.

Natürlich hatten die beiden Drogen als Auslöser für die Verhaltensänderung ihrer Tochter bereits in Erwägung gezogen, mit Sicherheit sogar als Hauptverdächtigen Nummer eins ausgemacht. Wahrscheinlich hatten beide jedoch gehofft, ich würde mit einer völlig logischen und ungefährlichen Lösung aus dem Busch kommen, an die sie nicht gedacht hatten.

„Ja, meine Frau und ich vermuten, dass Sandra Drogen nimmt.“ Leutner vermied es, seine Frau anzusehen. „Sandra war immer ein aufgeschlossenes, fröhliches Kind. Wir hatten immer ein hervorragendes Verhältnis. Doch seit zwei Wochen ist Sandra eine andere, nicht mehr sie selbst.“ Jetzt schaute er seine Frau an, holte sich ein schweigendes Einverständnis weiterzuerzählen. „Sie hat sich wirklich radikal verändert. Sie spricht kaum noch mit uns. Sie verkriecht sich in ihrem Zimmer, geht kaum noch außer Haus. Manchmal zu ihren Freundinnen, aber sehr viel weniger als sonst. Sie schaut sich ständig über die Schulter, ist nervös und unausgeglichen. Kurz: das genaue Gegenteil unserer Sandra, wie sie früher war.“

„Wie sieht es aus mit Liebeskummer?“, fragte ich. Verdammt, ich war nicht gut in so was. Ich war Privatdetektiv, kein Psychologe für verstörte Teenager. Wäre ich nicht im Rückstand mit meiner Miete und hätte keine Ex-Frau, die mir nicht den Dreck unter den Fingernägeln gönnt, hätte ich den Auftrag nicht angenommen.

„Auch diese Möglichkeit haben wir natürlich in Betracht gezogen, Herr Bauer.“ Das erste Mal sprach mich Frau Leutner an, und ihre grünen Augen waren die einer Raubkatze. „Aber auch wenn es möglich erscheint, glauben wir nicht, dass enttäuschte Liebe dahinter steckt.“

Ich wartete darauf, dass sie weiter sprach, aber sie richtete ihren Blick wieder auf die glänzende Tischplatte.

„Wenn ich das weiter ausführen dürfte, Herr Bauer.“ ergriff Leutner wieder das Wort. „Sollte Sandra verliebt gewesen sein, so hätten wir mit Sicherheit etwas davon erfahren, zumindest in der Zeit bevor sie enttäuscht worden wäre. Wir pflegen einen sehr offenen Umgang untereinander.“ Er sah seine Frau an. „Zumindest pflegten wir einen offenen Umgang.“

Ich nickte, hörte zu.

„Herr Bauer, wir möchten, dass sie unsere Tochter morgen in der Discothek EasyLife beobachten. Bitte schauen Sie, wie Sie sich verhält, mit wem sie redet, was sie macht.“

Er beugte sich vor, sprach eindringlich.

„Ich werde Sandra gegen zweiundzwanzig Uhr in die Disco fahren. Es werden zwei Freundinnen dabei sein, Nicole und Mona. Unter keinen Umständen darf Sandra erfahren, dass wir Sie beauftragt haben. Ich fürchte, das würde das Verhältnis zu unserer Tochter weiter erschweren.“

„Ich werde da sein.“, sagte ich und wir verabschiedeten uns, nachdem wir die Nummern unserer Mobiltelefone getauscht hatten.

Ich hatte keine Lust, einem Teenager, der wahrscheinlich irgendwelche Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht hatte, beim Tanzen zuzusehen, aber Leutner sagte mir den doppelten Tagessatz sowie eine Erfolgsprämie zu, wenn ich herausfand, was mit Sandra los war. Und es war allemal besser, als nach einer verschwundenen Katze zu suchen.


Schon als ich mein Auto abschloss und mich in Richtung EasyLife aufmachte, hörte ich das Wummern der Bassdrum. Das konnte ja heiter werden. Der Türsteher sah mich zwar schief an, sehr wahrscheinlich deshalb, weil ich den Altersschnitt deutlich nach oben korrigierte und meine Kleidung bestenfalls als etwas aus der Mode umschrieben werden konnte, tastete mich aber sehr oberflächlich ab und ließ mich schließlich in das Innere des Tanzpalastes. Mein Messer, welches ich mir unter einigen Verrenkungen in einer Lederscheide entlang der Wirbelsäule angebracht hatte, ertastete er zum Glück nicht. Sofort bei Betreten umgaben mich wabernde Basslinien, treibende Drums, frickelige Höhen und warme Flächen, die sich zu einem Soundbrei vermischten, den selbst viele Köche mit Gitarren nicht mehr schmackhaft bekommen hätten. Melodiefragmente wurden mir um die Ohren gehauen und ein Sprachsample schrie mich „You gotta move it with your Mind!“ an.

Klar doch. Ganz locker bleiben.

Ich fragte mich, wo der Rekord bei Kopfschmerzen lag, denn ich war mir sicher, an jenem Abend ein würdiger Herausforderer gewesen zu sein.

Das EasyLife war lange noch nicht voll, ich war einer der ersten hier. Anscheinend war das Ausgehen vor Mitternacht für die heutige Generation irgendwie unhip. Mit einem Corona bewaffnet setzte ich auf einen Barhocker in der Nähe des Eingangs und wartete auf Sandra Leutner. Naja, es würde ein langweiliger Beobachtungsjob werden, so aufregend wie die fünfundzwanzigste Wiederholung der Lindenstrasse. Da konnte ich auch ein Bier trinken. Nach zwei weiteren Coronas, womit dann auch entschieden war, dass ich an jenem Abend auf ein Taxi angewiesen war, sah ich sie mit ihren zwei Freundinnen die Treppe in den Innenraum des EasyLife hinaufkommen. Das Foto, welches Sandras Eltern mir mitgegeben hatten, und das sicherheitshalber in der Brusttasche meines hoffnungslos unmodischen Holzfällerhemdes steckte, erwies sich als unnötig. Sandra war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie sah noch besser aus als auf dem Bild, und sie war anhand ihrer braunen Haarmähne und den mandelförmigen, irgendwie traurigen Augen einwandfrei zu identifizieren.

Der DJ ließ nach einer gefühlten halben Stunde einen Track, der aus drei Akkorden zu bestehen schien in ein neues Stück übergehen, das sich durch einen aggressiven Breakbeat auszeichnete. Mittlerweile war die Tanzfläche recht voll und leicht bekleidete Tänzer wirbelten im Stroboskoplicht umher. Da ich nicht zum Tanzen hier war, begnügte ich mich damit, Sandra und ihre Freundinnen dabei zu beobachten, wie sie sich einen Platz nahe der Tanzfläche suchten und mir ein weiteres Corona zu bestellen. Vielleicht konnte man sich ja auch Musik schön saufen. Ich sah Sandra heute zum ersten Mal und konnte so natürlich keinen Vergleich mit ihrem früheren Verhalten ziehen, jedoch meinte ich zu erkennen, was ihre Eltern mit der Zurückgezogenheit meinten, die sie mir beschrieben haben.

Ihre Freundinnen tanzten und sprangen fröhlich umher, während Sandra ruhig auf einem Hocker sitzen blieb und ins Leere starrte. Nicole und Mona versuchte ein ums andere mal, sie zu animieren doch mit ihnen mitzutanzen, jedoch erfolglos. Sie wippte noch nicht mal mit dem Fuß und hatte ganz offenkundig keinen Spaß im EasyLife zu sein. Es war offensichtlich, dass sie lieber weit weg gewesen wäre. Manchmal klarte ihr Blick auf, und dann sah sie sich um, aber weniger als würde sie jemanden bestimmten suchen, sondern vielmehr, als würde sie die Ankunft von jemandem fürchten.

Der DJ trieb einen Technotrack nach dem anderen aus den riesigen Boxen in die Gehörgänge der Anwesenden. Mein Kopf wummerte im Takt der Bassdrum. Ein paar Minuten später rief Sandra ihren Freundinnen etwas zu und ging in Richtung Damentoilette, wobei sie sich auch hier alle paar Meter umdrehte, als hätte sie Angst gehabt, verfolgt zu werden. Ich nuckelte an meinem Corona und wartete darauf, ob ihr jemand folgen würde, jemand der nach Dealer aussah oder sonst in irgendeiner Art und Weise verdächtig wirkte. Doch niemand folgte Sandra auf die Toilette.

Und dann geschah es: Inmitten des Stroboskopgewitters konnte ich undeutlich eine Gestalt ausmachen, die sich durch die ekstatisch Tanzenden hindurchschlängelte. Natürlich sah ich durch das Flackerlicht immer nur Momentaufnahmen, ein Bild, das sich auf die Netzhaut brannte um durch das nächste abgelöst zu werden. Das Wesen schien keine Haut zu haben, ich sah rohes Fleisch schimmern, sah Muskeln und Sehnen sich in der Bewegung des Körpers beugen und strecken. Die lidlosen Augen rollten hin und her wie die eines Verrückten. Der Schluck Corona den ich noch im Mund hatte, eben noch wunderbar herb und frisch, schmeckte nun abgestanden und ranzig, so als hätte der Anblick dieses Monsters sämtliches Aroma aus dem Bier heraus gebrannt. Angewidert spie ich das Bier aus und wunderte mich, warum scheinbar nur ich das Monster auf der Tanzfläche wahrnahm, während es sich durch den dichten Menschenpulk reptiliengleich in Richtung Damentoilette schlängelte.

Das Ding schimmerte feucht und reflektierte das flackernde Licht, und kam dem Aufenthaltsort von Sandra Leutner unaufhaltsam näher, immer noch unbemerkt von den Partywütigen hier im Raum. Die Luft, sowieso nicht dazu angebracht, das EasyLife als Luftkurort, quasi als Bad EasyLife zu empfehlen, war mit einem mal komplett abgestanden und schien bar jeglichen Sauerstoffs zu sein. Ich fragte mich, ob mir jemand eine Pille ins Bier getan haben könnte und ich das Opfer einer Halluzination geworden war. Aber ich glaubte es nicht. Ich wünschte es mir fast, denn das Ding auf der Tanzfläche bereitete mir einen Knoten im Magen, und ich fühlte mich, als müsste ich mich übergeben. Aber alles andere um mich herum war normal. Ich sah keine Noten, fein aufgereiht und bunt auf den Tonleitern aus den Boxen tanzen, sah auch keine handtellergroßen Spinnen, die über den Tresen auf mich zugekrabbelt kamen um mich zu fressen. Nein, ich stand nicht unter Drogen. Vielleicht war ich ein klein wenig angetrunken, aber nichts was erklärte, das ich Dinge sah, die definitiv nicht sein konnten. Und doch hatte diese Kreatur ohne Haut, dieses haarlose Wesen mittlerweile die Tür zur Damentoilette erreicht. War dieses Monster Schuld an Sandras merkwürdigem Benehmen? Ich erinnerte mich daran, wie sie ständig hinter sich schaute, etwas zu fürchten schien. Mit einiger Anstrengung beendete ich meine durch Abscheu und Ekel hervorgerufene Tatenlosigkeit und setzte mich auf zittrigen Beinen (und das nicht wegen den Bieren) in Bewegung zur Damentoilette, in die die Kreatur just in diesem Moment hineinschlüpfte.

In was war Sandra da hinein geraten? Was wollte dieses Vieh von ihr? Während ich mich voranarbeitete, zog ich mein Messer am Knauf aus der Scheide und verbarg es so gut wie möglich nahe meines Oberschenkels um niemanden zu verletzen. Aus den Boxen riet man mir immer wieder „Do it again“ während ich der Tür näher kam. Sollte ich die Tür einfach aufreißen? Ich wollte nur ungern als Sittenstrolch gelten und rausgeschmissen werden. Aber die Angst um Sandra ließ mich die Tür einfach aufstoßen. Ich fand mich in dem dezent beleuchteten Vorraum zur Toilette und sofort fiel mir der Gestank auf, den ich eben in dem großen Raum nur angedeutet wahrgenommen hatte. Wieder schien die Luft hier viel zu wenig Sauerstoff zu beinhalten und ich hatte das Gefühl, einen verschimmelten Schwamm im Mund zu haben.

An der einen Wand waren Waschbecken angebracht, darüber ein großer Spiegel. Niemand zu sehen. Anscheinend schwitzten die Damen hier alles aus, so dass der Toilettengang überflüssig wurde. Vorsichtig arbeitete ich mich vor, das Messer schützend vor mich haltend, und versuchte mich auf den Anblick des Monsters gefasst zu machen. Noch immer zitterte ich, mein Magen fühlte sich an als hätte ich einen Baseball verschluckt und meine Beine schienen aus Götterspeise zu bestehen.

„Sandra?“, rief ich und auch meine Stimme war deutlich mitgenommen.

Keine Antwort.

Weiter in den nächsten Raum, zu den Toiletten. Ich zuckte zusammen als hinter mir die Tür zufiel und die Musik nur noch gedämpft durch die Ritzen drang. Es waren vier Toilettenkabinen nebeneinander, alle bis auf die letzte waren offen. Ich ging zur letzten Tür und klopfte.

„Sandra?“ Ein weiterer Versuch, beantwortet diesmal von einem leisen Schluchzen aus dem Innern der Kabine. Ich drückte die Tür auf und langsam schwang sie nach innen und gab den Blick auf Sandra frei, die mit dem Rücken zu mir neben der Toilettenschlüssel stand. Keine Spur von dem haarlosen Alptraum.

„Alles in Ordnung Sandra?“

Langsam drehte sich Sandra zu mir um, hielt jedoch den Kopf gesenkt. Ihre Haare fielen ihr wie ein Vorhang vor das Gesicht. Ihre Hände hielt sie neben dem Körper. Sie schluchzte immer noch.

„Soll ich Dich nach Hause bringen, Sandra?“ Auch wenn ich mich dann zu erkennen geben musste. Aber hier war etwas geschehen, das Sandra tief verstört hatte.

Ihre Schultern zuckten, während Weinkrämpfe sie schüttelten. Ich wollte gerade zu ihr gehen und ihr einen Arm um die Schultern legen, sie stützen, als sie mir ihre beiden zu Fäusten geballte Hände entgegenstreckte. Langsam öffnete sie ihre Hände. Etwas Weißes schimmerte darin, wie Murmeln. Ich sog vor Schreck scharf die Luft ein, als ich erkannte, was Sandra mir da anbot. Hörte der Wahnsinn heute niemals auf? Sandra hielt in jeder ihrer Hände einen Augapfel, dessen blicklose Pupillen auf mich gerichtet waren. Vor Ekel wich ich einen Schritt zurück, während Sandra den Kopf anhob und ich den ersten Blick in ihr Gesicht werfen konnte, seit ich die Toilette betreten hatte. Ihr Gesicht war blutüberströmt, doch das war nicht alles, was mich bis heute in meinen Alpträumen verfolgt. Das Schlimmste an dem einst so hübschen ausdrucksstarken Gesicht, welches mir jetzt zugewandt war, waren die leeren Augenhöhlen, aus denen ihr das Blut über die Wangen lief.

Dann fing Sandra an zu schreien.

Ich auch.


Kurz vor Sonnenaufgang saß ich wieder an der riesigen Mahagonischreibtischplatte meines Auftraggebers. Diesmal jedoch war nur der Hausherr anwesend, seine Frau war bei Sandra im Krankenhaus.

Nachdem Sandra in ein Krankenhaus eingeliefert worden war, musste ich meine Rolle in dieser Geschichte der Polizei erläutern. Was, zum Teufel, ich in der Damentoilette zu suchen hatte? Ich antwortete, dass mir aufgefallen sei, dass Sandra längere Zeit darin verschwunden sei, und ich mir Sorgen machte und nachsehen wollte. Natürlich erzählte ich nichts von dem hautlosen Geschöpf, dass ich gesehen hatte.

Leutner war verständlicherweise völlig außer sich. Dafür, dass er mitten in der Nacht von der Polizei aus dem Bett gerissen wurde, um zu erfahren, dass seine Tochter sich eigenhändig die Augen herausgerissen hatte, hielt er sich jedoch ganz gut finde ich. Allerdings hatte ich ehrlich gesagt auch keine Vergleichsmöglichkeit.

„Was war da los?“ Er zeigte mit dem Finger auf mich. „Was war da los?“

Ich wählte meine Worte auch ihm gegenüber sorgfältig. Schließlich wollte ich nur ungern als verrückt gelten. „Herr Leutner, ich kann es noch nicht abschließend erklären, was heute Nacht vorgefallen ist. Ich muss erst weiter recherchieren.“ Um ehrlich zu sein, konnte ich natürlich kein bisschen erklären, was im EasyLife los war. Klar war auf jeden Fall, dass ich meine gesamte Glaubwürdigkeit bei ihm verlieren würde, wenn ich etwas von dem Monster erzählte. Mein Ansehen bei ihm war jetzt sowieso schon im Tiefgeschoss und ich wollte es nicht noch weiter hinunterschrauben.

„Die Polizei sagte mir, dass in jedem Fall ein toxikologischer Test durchgeführt wird. Vielleicht gibt das Aufschluss.“

Leutner wanderte im Büro umher. „Was sollen das für Drogen gewesen sein? Oh mein Gott, was bringt eine dazu, sich selbst zu blenden, verdammt noch mal?“ Er blieb stehen und sah mich scharf an. Sein Blick war fast körperlich spürbar, ein Schraubstock, der sich um meinen Brustkasten legte. „Ich möchte, dass sie Sandras Freundinnen besuchen. Ich möchte verdammt noch mal genau wissen, was passiert ist!“

Er gab mir die Adressen von Nicole und Mona und verabschiedete mich dann. Ich versprach, ihm die Informationen zu beschaffen.


Am nächsten Morgen fuhr ich zur Wohnung von Nicole, Sandras Freundin. Mona war auch da, wahrscheinlich mussten sich beide gegenseitig Halt geben nach den Geschehnissen vom Vorabend. Leutner hatte mich bei Nicole angemeldet, und so ließen die jungen Mädchen mich in die Wohnung. Beide hatten schlecht geschlafen wie sie mir verrieten.

Willkommen im Club.

Bei Tageslicht und ungeschminkt sahen die beiden nicht mehr annähernd aus wie die Disco-Queens vom Vorabend. Beide hatten sich den Vernehmungen der Polizei fügen müssen, jedoch nichts beitragen können, was zur Aufklärung von Sandras Verhalten führte. Im Wohnzimmer angekommen, fühlte ich mich direkt in das Innere einer Fledermaushöhle versetzt, und ich bin sicher, dass dieser Effekt auch erzielt werden sollte. Die Fenster waren mit schwarzem Stoff abgehängt, es gab keinerlei Beleuchtung von außen. Nur einige Kerzen, die in den Ecken des Zimmers aufgestellt waren, gaben ein flackerndes, unstetes Licht ab und versuchten, etwas gegen die Dunkelheit auszurichten. Mit wenig Erfolg. Hier drin war es fast komplett düster. Von der Decke des Wohnzimmers hingen zerfetzte schwarze Bettlaken. Ich erschrak, als mich die ehemaligen Bettüberzieher wie kalte Finger an der Schulter berührten, während ich auf ein – wie sollte es anders sein - schwarzes Sofa zutorkelte, darauf bedacht, nicht zu stolpern und mir die Zähne auszuschlagen.

Nicole und Mona setzten sich mir gegenüber auf eine Couch und sahen mich aus Augen an, die im flackernden Lichtschein der Kerzen über dunklen Ringen tief in ihren Höhlen zu liegen schienen.

Beiden war die Aufregung des Vorabends noch anzumerken, und ich sah, wie sie ihre Hände ineinander klammerten. Sie sahen mich müde an und ich kam zu dem Schluss, dass ich schnell machen sollte.

„Hmm, war Scheiße gestern, oder?“ Keine wortgewandte Einleitung für ein Ermittlungsgespräch, aber ich hoffte, die beiden ein wenig öffnen zu können. Immerhin hatte die Polizei ihnen ja auch schon Fragen gestellt, und ich wollte mich irgendwie abheben, damit sie etwas preisgaben, was sie der Polizei nicht gesagt hatten. Deswegen wollte ich mich kumpelhaft und verbindlich geben.

Nicole nickte nur und ihr Blick verfing sich in den Bettlaken, die von der Decke hingen. Mona dagegen war redseliger.

„Ja, das war es allerdings! Und sie wollen jetzt wissen, was mit Sandra los war?“

„Ganz recht. Ihr Vater hat mich gebeten, mit euch zu reden. Ich bin ein Freund der Familie.“ Ich beugte mich ein wenig vor, „Ihr könnt mir alles erzählen und ich werde nur das an Sandras Eltern weitergeben, was ihr mir erlaubt. Das verspreche ich euch.“

Mona sah mich offen an, Nicole eher feindselig. Mein Gott, ich hatte keine Ahnung, wie man bei pubertierenden Mädchen einen auf guten Kumpel macht. Das konnte ich schon nicht als ich selber Teenager war, und jetzt schwamm ich wirklich, war komplett überfordert.

Doch schien ich einen Nerv getroffen zu haben, denn Mona suchte Nicoles Blick, und als sie ihn fand, schienen sich darin eine unausgesprochene Frage und ein stummes Achselzucken, ein „egal“ zu liegen.

Zum ersten Mal sprach Nicole zu mir.

„Herr Bauer, wir wollen offen zu ihnen sein. Aber zuerst eine Frage und auch wir wünschen uns Offenheit. Sie haben Sandra gefunden, richtig?“

Ich nickte.

„Was denken Sie, was mit Sandra los war?“

Ich zögerte. Sollte ich von dem Monster erzählen, dass ich gesehen hatte? Vielleicht hatten die beiden es auch gesehen. Ich entschied mich, nichts darüber verlauten zu lassen. Zumindest bis einer von den Mädchen es erwähnen sollte.

„Na gut, also ich sehe es so. Es macht für mich nicht viel Sinn, dass ein hübsches Mädchen auf die Toilette geht um sich die Augen auszukratzen. Ich habe so etwas Abscheuliches noch nie gesehen. Ich vermute, Sandra war vollgepumpt mit Drogen und erwischte eine schlechten Trip.“ Ich machte eine Pause. „Einen verdammt schlechten Trip.“

Wieder sahen die beiden sich an.

„Kalt, Herr Bauer. Ganz kalt! Das alles hat nicht das Geringste mit Drogen zu tun. Nicht so viel.“ Sie hielt Daumen und Zeigefinger etwa einen Zentimeter auseinander. „Sandra ist clean wie nur was. Das werden auch die Tests beweisen. Sie trinkt noch nicht mal Alcopops. Drogen als Ursache können Sie vergessen. Das können Sie auch Sandras Eltern sagen.“

Ich wartete einen Moment ab, um zu sehen, ob sie noch was sagen würde. Nach einem Moment ergriff ich das Wort.

„Dann helft mir. Sagt mir, was ihr meint was passiert ist.“ Ich sah beiden nacheinander tief in die Augen, versuchte sie wortlos zu überzeugen.

„Okay, Herr Bauer.“ Nachdem Nicole sich entscheiden hatte, mit mir zu reden, war sie die Wortführerin. „Wir werden das alles nur einmal erzählen. Entweder Sie glauben uns oder Sie lassen es. Aber lassen Sie sich eins gesagt sein: Wir würden niemals blöde Witze über das machen, was unserer besten Freundin passiert ist.“

Irgendwie hatte ich die beiden geknackt. Ich wartete gespannt auf ihre Theorie, nicht wissend, dass mir ein paar Minuten später noch unwohler sein sollte als in jenem Moment schon.

Dann sprach Nicole weiter. „Vor zwei Wochen war uns dreien langweilig. Uns fiel nichts ein, was wir machen konnten. Wir hatten keine Lust zu shoppen, in der Glotze lief der übliche Scheiß und irgendwie hatten alle unsere anderen Freundinnen dringende und unaufschiebbare Dinge zu erledigen. Dann hatte ich die Idee, doch mal zu pendeln.“

Ich überlegte. Pendeln? So mit einem Kreuz an einer Kette über einem Ouija-Brett? Was sollte das?

„Naja, ich kenne mich ein wenig damit aus. Habe Bücher über Mystik und Okkultismus und so gelesen.“

Das konnte ich mir vorstellen. Wer seine Wohnung so treffsicher dekorierte wie Nicole hat mit Sicherheit Interesse an solchen Dingen. Ganz im Gegensatz zu mir, weshalb ich überlegte, ob ich weiter zuhören sollte. Aber andererseits konnte ich nicht wegdiskutieren, was ich am Vorabend gesehen hatte.

„Wir haben also hier gependelt. Hier in diesem Raum. Es war unheimlich. Zuerst witzelten wir ein wenig herum, wollten nach einer Weile, als es langweilig wurde schon aufhören. Aber dann … “ Sie stockte, schluckte, zündete sich eine Zigarette an. „Dann hatten wir auf einmal Kontakt. Oder wie man das nennt. Auf einmal hat sich Etwas auf unsere Fragen gemeldet.“

Nervös zog sie an ihrer Zigarette und Mona übernahm.

„Etwas hat auf unsere Fragen geantwortet. Wir haben ständig so was gefragt wie ´Ist da jemand´ oder ´Hört uns jemand zu´. Wir wollten gerade aufhören, als sich die Kette, die Nicole führte, auf das Ja-Feld bewegte.“

Noch vor drei Tagen hätte ich das alles als Humbug abgetan, aber so sicher war ich mir mittlerweile nicht mehr.

„Wir stellten weitere Fragen. Es war aufregend. Und es war verdammt unheimlich. Wir wollten wissen, mit wem wir es zu tun hatten, wollten wissen, ob es ein guter oder böser Geist war. Doch wir erhielten nur irreführende und sich widersprechende Aussagen.“

Guter oder böser Geist?“, fragte ich.

Nicole nickte. „Ja, es gibt gute Geister, die den Lebenden freundlich oder meinetwegen auch gleichgültig gegenüberstehen. Und es gibt böse Geister, oder vielleicht besser Dämonen, die versuchen, den Lebenden zu schaden, sie zu zerstören.“

„Und dieser war … “, setzte ich an, doch Nicole fiel mir ins Wort.

„Dieses Etwas war definitiv ein Dämon. Es war durch und durch schlecht. Böse.“ Sie schüttelte sich ob der Erinnerung. „Wir haben es viel zu spät bemerkt. Wie gesagt, er hat uns in die Irre geführt. Und nachher sagte er, dass er eine von uns demnächst besuchen würde.“

Nicole stoppte, sah Mona an. Ich verspürte das dringende Verlangen nach einer Zigarette, aber dieses Laster hatte ich aufgegeben. Dann sprach Mona weiter:

„Herr Bauer, der Dämon ließ uns über das Pendel wissen, wen er besuchen würde. Der Name der sich bildete, lautete Sandra. Dabei haben wir ihm unsere Namen gar nicht verraten.“


Nachdem ich endlich aus der Höhle entkommen konnte, rief ich bei Leutners an. Das Festnetztelefon wurde auf das Mobiltelefon umgeleitet. Herr Leutner war noch bei seiner Frau und Sandra im Krankenhaus. Sandras Zustand hatte sich nicht verändert, entweder sie schlief oder sie schrie. Es war kein normales Wort aus ihr herauszubekommen.

Es war an der Zeit zu Ralph zu fahren. Ralph, mein Schulkamerad von der ersten Klasse an. Wir waren so unterschiedlich wie man nur sein konnte, und doch sind wir von Anfang an unzertrennlich gewesen. Ihn interessierte alles, was mit Geistern, Dämonen, Okkultem und Mystischem zu tun hatte. Mich interessierte damals alles, was mit Mädchen, Mädchen und vor allem mit Mädchen zu tun hatte. Ralph hatte sich im Laufe der Jahre ein geradezu unmenschliches Wissen über alles angesammelt, was auch nur im Entferntesten mit Übernatürlichem zu tun hatte. Wollte man zum Beispiel wissen, in welchem Hertz-Bereich Werwölfe jaulten, ging man zu Ralph. Wollte man wissen, wie viele UFO – Sichtungen im Jahr durchschnittlich aus Papua-Neuguinea kamen, ging man zu Ralph. Wollte man den aktuellen Fußballweltmeister genannt bekommen – ging man besser nicht zu Ralph, denn alles außerhalb seines Fachgebietes interessierte ihn nicht die Bohne. Jedes bisschen Zeit dass er neben seiner freiberuflichen Tätigkeit als Journalist für Zeitschriften mit – wie sollte es anders sein – übernatürlichen Phänomenen erübrigen konnte, nutzte er dafür, seine Bibliothek auszubauen. Mittlerweile hatte er so viele Bücher angesammelt, dass dort andere Journalisten und teilweise sogar Schriftsteller zum recherchieren kamen.

Seltsamerweise hatten unsere extrem gegensätzlichen Auffassungen über das Übernatürliche nie unsere Freundschaft belastet. Eher schien dieses ein gemeinsames Band zu sein, durch das wir noch stärker Zuneigung füreinander fühlten. Gerne stritten wir sogar, wobei ich seine so genannten „Beweise“ wie die Photografien von UFOs, Geistern oder Ähnlichem genau so schnell wegdiskutierte wie er meine Haltung, an nichts zu glauben, dass ich nicht gesehen, angefasst oder zumindest gerochen hatte.

Und an jenem Tage stand ich vor seiner Haustür und benötigte Rat in seinem Fachgebiet.

Ralph öffnete die Tür und ein Strahlen erschien auf seinem braungebrannten Gesicht, dass von einer Schildpattbrille beherrscht wurde, hinter der kluge Augen wachsam hin und her schauten. Für einen Mann Ende dreißig hatte er sich sehr gut gehalten, sein Haar war voll und seine Figur immer noch die aus der Berufsschulzeit. Er war wirklich ein imposanter Anblick mit seinen knapp zwei Metern Größe.

„Frank, Du Sack! Schön Dich zu sehen. Komm rein.“ Er hieb mir mit einer Pranke auf die Schulter und schob mich ins Innere seines Hauses. Er führte mich direkt in seine Bibliothek, einen wunderbaren Raum voller Regale und einer Sitzecke vor einem Kamin. Er bot mir etwas zu trinken an, und ich entschied mich für ein Radler. Er selber blieb bei Wasser. Nach einer Weile Smalltalks, in dem wir beide nicht sehr gut waren, fragte er mich was mich zu ihm führte.

Und so begann ich zu erzählen. Angefangen vom Engagement durch Leutner, über die Observierung im EasyLife, dann von dem Ding auf der Tanzfläche, das in der Toilette verschwunden war, danach wie ich Sandra gefunden hatte, ihren Zustand und schlussendlich von meinem Gespräch mit den beiden Freundinnen von Sandra.

Bei jedem Anderem hätte ich befürchten müssen, nicht ernst genommen, ja sogar für verrückt erklärt zu werden. Aber bei Ralph wusste ich, dass dies nicht der Fall sein würde.

Als ich endete, sagte er eine ganze Zeit nichts, während er über meine Geschichte nachdachte und mich aus seinen grauen Augen anschaute. Zeit für einen großen Schluck Radler.

„Sonst noch etwas?“, fragte er nach einer Weile.

„Nein. Reicht das nicht?“

Beschwichtigend hob er die Hände. „Ganz ruhig. So war das nicht gemeint. Ich wollte nur sichergehen, dass Du nichts vergisst.“

„Hast Du von so etwas schon mal gehört?“ Ich spürte, wie meine Handflächen feucht wurden. Zeit für einen weiteren Schluck Radler.

„Ja, habe ich. Und ich muss Dir sagen, dass das, was Du erzählst, sehr beunruhigend ist.“ Er machte eine Pause, suchte nach den richtigen Worten. „Weißt Du, die meisten Fälle von Sichtungen übernatürlicher Phänomene sind harmlos. Unheimliches Klopfen, welches sich oft genug als Vogel im Gebälk herausstellt. Fußspuren im Schnee. Geistererscheinungen und so weiter. Aber Deines ist ganz und gar nicht harmlos.“ Er erhob sich. „Warte kurz.“

Er ging in eine andere Ecke des Raumes und suchte dort nach einem, wie es aussah, bestimmten Buch. Nachdem er es gefunden und mithilfe einer Leiter an sich genommen hatte, schlug er es an einem altmodischen Stehpult auf. Ich ging zu ihm.

„Dieses Buch ist etwa vierhundert Jahre alt, leider weiß man es nicht genau. Ich habe es für einen großen Geldbetrag und ein paar Gefallen von einem Bücherhändler, der sich auf antike Folianten spezialisiert hat, erstanden. Also wäre ich froh, wenn Du Dein Radler woanders verschütten könntest.“

Ich antwortete mit einer Grimasse.

Er begann vorsichtig herumzublättern, bis er gefunden hatte, was er suchte. Ich blickte auf die aufgeschlagenen Seite und – mir schien das Herz stehen zu bleiben. Vor mir sah ich eine Zeichnung genau des Wesens, welches mir den Abend im EasyLife gründlich vermiest hatte.

„Hier“, sagte Ralph. „Dies ist ein so genannter Dämon des Wahnsinns. Sah das Ding so aus?“

Ich konnte nur nicken. Meine Kehle war trocken. Mein Radler war leer. Scheiße.

„Also, dieser Dämon ist ein Dämon des Wahnsinns. Ein anderer Name existiert nicht. Er war im Mittelalter aktiv und ward seitdem nicht mehr gesehen, weswegen er als besiegt galt. Scheint, als hätten die Freundinnen ihn aus Versehen wiedererweckt.“

Am liebsten wäre ich entrüstet aus dem Zimmer gelaufen und hätte „Schwachsinn“ gerufen, aber ich blieb wo ich war.

„Pass auf, ich übersetze das hier mal.“

Die Schrift, mit dem einige Zeilen unter dem Bildnis des Dämonen geschrieben worden waren, konnte ich keiner Sprache zuordnen.

„Also, das ist der Hammer!“, fuhr Ralph fort. „Sein Antlitz ist gar fürchterlich, so schrecklich, auf dass kein Augapfel es zu erfassen vermag und der Sehende sofort dem Wahnsinn anheim fällt.“ Er sah mich mit bedeutungsschwangerem Blick an und ich wusste genau, was er dachte. Sandra hatte sich die Augäpfel herausgerissen und schrie seitdem unaufhörlich. Es passte.

„Klingt nach meiner Ex-Frau“, versuchte ich, meine Angst zu überspielen, aber es war nicht mehr als das berühmte Pfeifen im Walde. Ich fühlte Insekten über mich kriechen. Dann fiel mir etwas ein. „Warum bin ich dann nicht verrückt geworden?“

Ralph hatte die Frage scheinbar erwartet.

„Also erstens, hast Du dieses Ding nur aus der Entfernung und in schlechten Lichtverhältnissen gesehen, richtig?“

Ich stimmte zu.

„Der zweite Punkt ist der: Der Dämon zeigt sich jedes Mal zwei Personen.“ Er schaute mich durchdringend an, wartete, dass ich meine Schlüsse daraus zog.

„Also in dem Fall Sandra und mir.“

„Richtig. Sandra und Dir. Sandra bekam das volle Ausmaß seines Wesens zu spüren, bei Dir deutete er nur seine Schrecklichkeit an.“

Ich überlegte, aber mein Verstand schien lahm gelegt.

„Warum sollte er das tun?“

„Nun, die zweite Person hebt er sich für das nächste Mal auf. Das bedeutet, er ist jetzt hinter Dir her, Frank.“

Die Insekten schienen noch zahlreicher geworden zu sein und ein Knoten bildete sich in meinem Magen. Gleichzeitig fühle ich mich, als müsste ich mich übergeben.

„Du bist mein Freund Frank“, sagte Ralph und sah mir ernst in die Augen, „und es tut mir leid Dir das sagen zu müssen. Du bist am Arsch.“


Zu Hause angekommen, schloss ich die Tür ab und legte die Kette vor, wohl wissend, dass dies meinen ungebetenen Besucher kaum aufhalten würde. Ralph und ich hatten noch lange versucht, etwas zu finden, wie ich dem Dämonen die Stirn bieten könnte, ohne meinen Verstand zu verlieren. Wir fanden Artikel über Beifuss und so genanntes Hexenkraut, welches im Mittelalter gegen Dämonen des Wahnsinns, anscheinend gab es mehrere davon, eingenommen worden war. Ich musste mir etwas davon besorgen, aber schnell. Aber wo? Ich beschloss, später am Abend zu googeln, um herauszufinden, wer so etwas vertreibt. Aber erst musste ich etwas essen, auch wenn mir der Appetit vollständig vergangen war. Aber wenn ich schlagfertig sein und bleiben wollte, musste ich Nahrung zu mir nehmen. Da mein Kühlschrank so leer war wie der Kopf vieler Möchtegern-Promis, bestellte ich mir eine Pizza. Während ich wartete, überlegte ich weiter, und versuchte, einen Ausweg zu finden. Dass der Dämon sich immer nur zwei Menschen zeigte, erklärte, warum er sich so unbemerkt durch die Menschenmenge in der Disco bewegen konnte. Mir fiel ein, dass er mich nicht erwischen konnte, wenn ich von jetzt an nur noch allein blieb, quasi ein Leben als Eremit führte. Denn dann konnte er seinem Muster nicht folgen, sich immer auch schon seinem nächsten Opfer zu zeigen und würde vielleicht enttäuscht wieder in den neunten Kreis der Hölle verschwinden, oder wo immer das Ding auch herkam. Aber diese Möglichkeit war wohl nur schwer realisierbar. Immerhin musste ich alltägliche Dinge tun. Auf Ämter gehen. Mir Nahrung kaufen. Arbeiten. Aber mir fiel nichts anderes ein. Vielleicht kam Ralph noch eine Idee, er wollte sich noch mal eingehend mit dem Dämon des Wahnsinns beschäftigen.

Die Türklingel riss mich aus meinen trüben Gedanken. Ich griff mein Portemonnaie und ging zur Tür. Ich drückte auf den Knopf zur Entriegelung der Haustür und wartete auf den Pizzaboten, der sogleich die Stufen in den ersten Stock zu erklimmen begann. Oben angekommen, drückte der junge Mann mit unzähligen Piercings mir den fettigen Karton in die Hand. Ich bezahlte zehn Euro mit Trinkgeld und bedankte und verabschiedete mich. Ich hatte die Tür fast geschlossen, als ich den Boten auf der Treppe schreien hörte:

„Oh mein Gott! Oh mein Gott! Bitte tu mir nichts!“ Die Stimme des Boten überschlug sich. Sofort bemerkte ich wieder die Abwesenheit von Sauerstoff und den Gestank, den ich erst vor knapp vierundzwanzig Stunden schon mal in der Nase hatte. Ich ließ den Pizzakarton fallen, und als er auf dem Boden aufschlug, öffnete sich der Deckel und entblößte einen einzigen schimmligen Klumpen, zu dem der eben noch so wohlriechende und sehr wahrscheinlich auch wohlschmeckende belegte Teigfladen in Sekundenschnelle mutiert war.

Er war hier.

Ich schmiss die Tür ins Schloss und überlegte fieberhaft. Doch mir fiel kein Ausweg ein, außerdem schnürte mir der Gestank die Kehle zu und ich hatte Angst ohnmächtig zu werden. Vielleicht wäre das gar nicht das Schlechteste gewesen. Ich war gerade auf dem Weg zum Balkon um von dort notfalls hinunter zu springen, als ich eine Präsenz hinter mir spürte. Ich kniff die Augen zu. Ich durfte den Dämonen nicht ansehen, wenn ich meinen Verstand behalten wollte. Ich verkroch mich in die hinterste Ecke meines Wohnzimmers und drückte meine Fäuste aufs Auge. Schmatzende Geräusche drangen an mein Ohr, als sich der Dämon mir näherte. Der Gestank war alles überdeckend und alleine der reichte schon fast aus, einem den Verstand zu nehmen. Dann spürte ich eine feuchte Hand auf meinem Rücken. Eine Hand, die leicht nach unten in Richtung Gesäß fuhr und dabei eine schleimige Spur auf meinem T-Shirt hinterließ. Tränen liefen zwischen meinen Fäusten hindurch und fielen auf das Parkett meines Fußbodens.

Die Hand auf meinem Rücken wanderte nun zu meinem Hinterkopf und ich übergab mich, ohne die Hände von meinen Augen zu nehmen. Es war so falsch, was hier passierte, so gegen die Natur, dass man sich nicht, in keinem Fall darauf vorbereiten konnte. In meinem Kopf schrien tausende Stimmen gegeneinander an. Die Hand umklammerte meinen Hinterkopf und drehte ihn in die Richtung, wo der Dämon stehen musste. Ich spürte die andere Hand an meinen Fäusten ziehen, weg von meinen Augen, und obwohl ich alle Muskelkraft einsetzte, wurden sie so leicht weggezogen wie ein Spielzeug. Sogleich versuchte ich, um mich zu schlagen, jedoch wirkungslos.

„Sieh mich an.“ Die Stimme des Dämons war tief und erdig, als hätte er seit langer Zeit seine Stimmbänder nicht benutzt, und wahrscheinlich war das sogar der Fall. Der Befehl war dadurch jedoch nicht minder streng.

Dennoch schüttelte ich den Kopf, die Augen fest zusammengepresst.

„Sieh mich an!“ Diesmal mit noch mehr Nachdruck gesprochen, konnte ich den fauligen Atem des Dämonen in meiner Nase spüren und es fühlte sich an, als ätzten meine Schleimhäute weg. Wieder musste ich würgen. Doch ich spürte noch etwas. Unsichtbare Hände schienen an meinen Augenlider zu zerren, versuchten, meine Augen zu öffnen. Ich kämpfte dagegen an, doch ich merkte, wie ich schwächer wurde, mein Widerstand schwand.

Dann öffnete ich die Augen.


Das alles geschah vor drei Jahren.

Mittlerweile wurde ich in eine geringere Sicherheitsstufe verlegt. Das erste Jahr nach meiner Begegnung mit dem Dämon des Wahnsinns und meiner Einlieferung in die Nervenklinik habe ich nur geschrieen. So lange, bis meine Stimmbänder versagten und ich vor Erschöpfung einschlief, um wieder schreiend aufzuwachen. Vom einem auf den anderen Tag war ich ruhig und starrte nur vor mich hin. Manchmal brabbelte ich wirres Zeug. Unverständliches Zeug, zumindest für die Ärzte hier. Ralph kümmerte sich um mich, jedoch bekam ich nichts um mich herum mit. Nach zwei Jahren etwa verbesserte sich mein Zustand leicht. Ich konnte meine Umwelt wieder wahrnehmen und auch immer besser mit ihr interagieren. Jetzt kann ich Ralph auch wahrnehmen wenn er mich besuchen kommt. Wir reden über alles und jedes, das Thema Dämonen umschiffen wir jedoch.

Mein Arzt, ein netter Mensch, erklärte mir, dass mein Gehirn eine lange Zeit gebraucht hat, um bestimmte Eindrücke zu verarbeiten. Er verglich es mit einem Computer, der so viele Befehle auf einmal erhält, dass er eine Weile braucht um diese nach und nach abzuarbeiten.

Sandra Leutner hatte weniger Glück, wie ich von ihrem Vater erfuhr, der meinen Aufenthalt hier finanziert. Er versteht die Zusammenhänge nicht, weiß aber, dass meine Einlieferung hier in der Klinik damit zu tun hat, dass er mich engagiert hat und mit dem was Sandra passiert ist. Er fühlt sich schuldig, mir zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Auf jeden Fall ist Sandra, nachdem sie ebenso wie ich ein Jahr nur geschrieen hatte bis heute in einem katatonischen Zustand, und die Ärzte haben wenig Hoffnung, dass sie wieder gesund wird.


Mittlerweile habe ich gelernt, ohne Augen zu leben. Jeden Tag lerne ich ein wenig dazu, damit umzugehen. Und während ich diesen Text in mein Dictaphone spreche und auf Ralph warte, der mich auf einen Spaziergang in den Park mitnehmen will, hoffe ich, dass der Pizzabote sich retten konnte, und der Dämon des Wahnsinns besiegt werden konnte. Ich glaube nicht wirklich daran, aber ich hoffe es.

Mein Gott, wie sehr ich es hoffe.


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