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Die Felder

 

Copyright 2007 by Luke Collacio

Der schwelende Geruch des abklingenden Gewitters lag noch in der feuchten Luft. Die ersten Wolken brachen auf und ließen die wieder erstarkten Strahlen der Sonne auf die Felder brennen. Trotzdem; es hatte geregnet. Es hatte endlich geregnet! Die Felder waren in den letzten Monaten zu verkrusteten, vor Trockenheit aufspringenden Platten geworden und strich man über die harte Erde, glaubte man Beton zu berühren. Die Bauern saßen tagsüber an den Fenstern ihrer Häuser, schauten über ihr verdorbenes Land und einige von ihnen weinten sogar in einem unbeobachteten Moment. Ihre Frauen standen in der Küche am Herd und wagten nicht sie anzusprechen, denn die Männer waren nicht nur verbittert über die `Große Trockenheit´, wie man es hier allgemein nannte, - nein, viele der Männer waren zornig und ein falsches Wort konnte genügen, um sie rasend zu machen. Die Hitze staute sich in den Häusern und hing in den Räumen wie ein bleiernes Pendel, das sich drehte und drehte und drehte ...
Als dann besagtes Gewitter über das Land brach, völlig unvermittelt, der Himmel von einer Sekunde auf die Andere finster wurde - freute sich niemand über den Regen, der sich wie blaue Seidenfäden vom Himmel auf die Erde herunter schlängelte. Ein unentschlossener Regen, nicht gleichmäßig und monoton wie Regen für gewöhnlich ist. Er kam in unregelmäßigen kurzen Sequenzen, ein heftiger Schwall folgte einem Tröpfeln, dann wieder ein Sturzbach aus Wasser, der auf die heiße, durstige Erde der Felder aufschlug und verdampfte. Es regnete bis spät in die Nacht des folgenden Tages hinein und der Donner des Gewitters verstummte nur langsam.
»Sieh, es regnet« sagten die Frauen zu ihren Männern um sie aufzumuntern, doch diese fühlten sich von den Mächten des Himmels verhöhnt. Ob es jetzt regnete oder nicht - es war den Männern gleich. Die Ernte war ohnehin verloren, das Getreide stand matt und verloren da und wenn die Halme und die Ähren Schatten warfen, sah es aus als wären sie Skelette irgendwelcher merkwürdigen Tiere.

Die Kinder, spielten zu Sommerbeginn in den Feldern, das Getreide war noch gut bei Wuchs und niemand konnte absehen, welch zerstörerischer Hitze bald schon wüten sollte. So jagten sich die Kinder in kurzen Hosen über die Felder und die Kleinsten versteckten sich vor den etwas älteren Kindern. Dann aber, als das Getreide von der Sonne langsam schwarz und leblos wurde, und sich die Schatten der Pflanzen
veränderten trauten sich die Kinder nicht mehr auf die Felder und in der Nacht träumten sie unruhig.

In der nächsten Woche regnete es wieder, Tag und Nacht und der Regen fiel auf die rot-weißen Bänder der Polizeiabsperrung, die inmitten eines Weizenfeldes im Wind flatterten. Hier in den Feldern hatte man den Jungen gefunden. Vier Tage später wusste man mit Gewissheit, dass es sich um Ben Wilgers handelte, 13 Jahre, ein beliebter Junge; sportlich und fröhlich mit feinen Sommersprossen und einem hübschen Lächeln. Sein bester Freund, Richard Hewitt, fand ihn in den Feldern, ohne dass er den Leichnam als seinen Freund Ben erkannte. Fasziniert stand Richard vor dem toten Körper und musterte das rohe Fleisch, die feinen Linien der Äderchen und die offen liegenden Muskeln. Richard wusste zwar, dass es eine Leiche war, aber er wusste auch, dass mit dieser Leiche irgendetwas nicht stimmte, dass etwas
anders war, als mit normalen Leichen die er schon im Fernsehen gesehen hatte. Doch Richard konnte nicht begreifen, was genau nicht stimmte, vielmehr; seine Seele schützte sich vor dieser Erkenntnis. Denn dem gekrümmten Körper, der da vor ihm lag, dem Körper seines besten Freundes, war die Haut abgezogen worden. Die ausgetrockneten Augen starrten in den Himmel. Das rote Fleisch bildete einen interessanten Kontrast zu dem Braun der Erde. Später dann, als man Richard sagte, dass es die Leiche seines Freundes Ben Williger war, fragte er, warum Ben denn so sonderbar ausgesehen hätte. Die Polizisten antworteten ihm nicht, weil sie nicht wussten, wie man einem Jungen erklärt, dass sein bester Freund nicht nur ermordet, sondern auch gehäutet worden war.
In der folgenden Nacht übergab sich Richard in seinem eigenen Bett und als seine Mutter ihn am nächsten Morgen weckte, verprügelte sie ihn für diese, wie sie sagte, `Sauerei´, die er da in seinem Zimmer angerichtet hatte.

Seine Mutter sprach nie mit ihrem Sohn über das, was er auf dem Feld gesehen hatte, stattdessen saß sie vor dem Kamin und schaute jeden Tag stundenlang in die Asche. Richard fragte sie, was sie denn verbrannt hätte, woher dieser komische Gestank kam der plötzlich alle Räume erfüllte.
Daraufhin nahm sie die kleine Kaminschaufel und rammte sie ihm in die Magenkuhle, sagte ihrem sich krümmenden Sohn, dass der Gestank aus seinem Zimmer käme, von seiner Kotze und dass er gefälligst den Boden wischen solle, wenn er nicht eine heftige Tracht Prügel riskieren wolle. Dass er den Boden schon acht Mal gewischt hatte und dass es nicht der Geruch war, der jetzt in den Zimmern hing, wagte Richard ihr nicht zu sagen.

In der Schule sprachen die Kinder von »Benny ohne Haut« und dass sein toter, gammliger Körper an heißen Sommertagen durch die Felder irrte und verzweifelt nach seiner Haut suchte. Die Erwachsenen hingegen hatten ihre eigene Geschichten. Sie erzählten, dass dort wo Ben Wilgers gefunden worden war, kein Blut am Boden war, was bedeutete, dass er woanders getötet wurde.
Ja, vielleicht sogar im Haus nebenan? Dann erzählten die Erwachsenen noch etwas, um den Kindern im Dorf Angst zu machen und damit sie die Felder nicht mehr betraten: Sie erzählten mit bedeckter Stimme, dass einzige Blut, das man fand, war an den ausgetrockneten Blättern der Pflanzen. Die Kinder sagten daraufhin lachend, das Blut sei halt hoch gespritzt, als die Haut von Bens Leib gerissen wurde ... und die Erwachsenen fragten sie dann, warum dann aber am Boden kein Blut zu finden war? Und schließlich erzählten sie den Kindern, dass das Blut sogar in den Wurzeln der Pflanzen gewesen sei, tief unter der Erde, dass die Pflanzen das Blut des Jungen getrunken haben, die schwarzen, verdorrten, leblosen Pflanzen mit den seltsamen Schatten. Die Schatten, die sich veränderten.

Obwohl inzwischen zwei Jahre vergangen waren, stellte Richard seiner Mutter immer wieder dieselben Fragen. Er fragt sie, was er da damals in den Feldern gesehen hatte, was mit seinem Freund passiert sei, warum Bens Leiche so geglänzt hatte in der Sonne und warum sie so rot und braun aussah. Seine Mutter antwortete ihm nicht. Sie lächelte ihn nur an, ein spitzes Lächeln, und ihre Lippen kräuselten sich. Jedesmal, wenn Richard seine Mutter nach Ben fragte, lächelte sie nur dieses süße Lächeln und manchmal verdrehte sie die Augen, dass man das Weiße sah und es schien, als würden ihre Augäpfel ein wenig zurückfallen. Dann schlug sie ihn wieder und gab ihm nichts zu trinken. Trotz der Schläge fragte Richard sie mit stoischer Begierde immer und immer wieder nach Ben, er flehte um Antwort, wollte verstehen. Doch sie lächelte nur, als erinnere sie sich an etwas ganz und gar
Wundervolles ... und dann holte sie meist wieder den Stock und prügelte auf ihren Sohn ein, schickte ihn anschließend auf sein Zimmer, er solle sich auf sein Bett legen ... und kam dann, nachdem sie sich gewaschen und parfümiert hatte, zu ihm ins Zimmer.

Die anderen Kinder auf dem Schulhof mieden Richard. Ihre Eltern hatten es ihnen so befohlen - ein unnötiger Befehl, denn keines der Kinder wagte sich auch nur in die Nähe des
Leichenfinders, wie sie ihn nannten. Alle, bis auf Richard wussten, was mit Ben Wilgers passiert war. Dass er gehäutet wurde. Richard rannten ihnen auf dem Schulhof hinterher, folgte ihnen, wenn sie ihm auswichen und stellte immer die eine Frage. Warum Ben so rot glänzte, als er ihn fand, warum er so komisch aussah?
Und schließlich schrien sie es ihm ins Gesicht:
»Weil seine Haut fehlte, Du Idiot! Man hat sie ihm vorm Leib gerissen!«
Die Kinder lachten ... »vom Leib gerissen, vom Leib gerissen« ...
Sie sagten ihm, dass was da rot geglänzt hatte, Bens rohes Fleisch war, so wie man es beim Fleischer vom Schwein oder Rind kaufen kann, das dort am Schlachterhaken hängt.
»Am Schlachterhaken, am Schlachterhaken, rot wie Blut, ro-hot wie Blu-uuhut ...«, ihr Sing-Sang schallte über den Schulhof und die Lehrerin rief sie zur Ordnung. Als die Pause vorbei war, strömten alle Kinder in die Klasse, nur Richard blieb draußen zurück, lehnte sich gegen eine Mauer und weinte.


Richard hasste die Kinder, all seine Liebe galt seiner Mutter. Sie war doch schließlich gut zu ihm und alles was sie tat, war richtig und vernünftig - sogar die Dinge, die in der Nacht auf seinem Zimmer geschahen. Seine Mutter hatte ihm vor Jahren - als er noch ein kleines Kind war - gesagt, es sei der letzte Wunsch seines Vaters gewesen, dass er ihr stets gehorchen und sie lieben müsse.
»Du musst mich lieben, Richard! Du musst immer da sein! Hast Du das verstanden?«, fragte sie ihn und er nickte, woraufhin sie ihn beherrschend ansah, in der irrigen Gewissheit, dass es niemals jemanden geben würde, mit dem sie um die Zuneigung ihres Sohnes würde konkurrieren müssen.
In dem Jahr, bevor Ben Wilgers ermordet wurde - seine Mutter hatte es sich nach dem Tod ihres Mannes zur Angewohnheit gemacht in den Feldern spazieren zu gehen - veränderte sich ihr Charakter und als Richard zwölf Jahre alt wurde, schlug sie ihn zum ersten Mal.
Wenn Richard nach der Schule auf seinem Heimweg einen Umweg machte oder wenn seine Mutter sah, dass er in Begleitung eines anderen Kindes die Straße hoch kam, schlug sie ihn besonders hart. Als Richard dann Ben Wilgers kennenlernte, ein Junge, dessen Eltern aus einem Nachbardorf rübergezogen waren, tobte seine Mutter vor Wut. Als sie merkte, dass Richard sich auch noch mit dem fremden Jungen anfreundete, schlug sie ihn so hart, dass sie ihren Sohn die nächsten zehn Tage nicht in die Schule schickte, da sie fürchtete, das Blut aus den Wunden seines Rückens könnte durch sein T-Shirt sickern. Aber letztlich konnte sie doch nichts gegen die Freundschaft zwischen ihrem Sohn und dem fremden Jungen tun. Richard hatte beschlossen sich mit Ben Wilgers anzufreunden und als sie sah, wie die beiden zusammen den Weg zum Haus hochrannten, sich gegenseitig einen Fußball zuspielten und sich laut und herzlich voneinander verabschiedeten - ohja, da spürte sie einen Stich und sperrte ihren Sohn fünf Tage lang in den Keller und gab ihm jeden Tag nur ein Glas Wasser, bis er völlig entkräftet und dem Tode nahe um Verzeihung bat und sie ihn daraufhin liebevoll wieder
aufpeppelte. Sie war sicher, dass ihr Sohn nach dieser Bestrafung nie wieder auf die Idee käme, auch nur ein kurzes Wort mit dem verdorbenen Wilgers-Balg zu sprechen.
Doch sie irrte. Als Richard eines Tages von der Schule nicht nach Haus kam und sie ihn schließlich nach kurzer Suche - sie war eine halbe Stunde umhergefahren - zusammen mit Ben Wilgers im Dorf beim Eismann sah, schlug sie im Zorn mit der Faust die Fahrerscheibe ihres Wagens ein. Sie riss die Wagentür auf, trat durch die Scherben und zerrte ihren Sohn an den Armen ins Auto. Richard schrie, nicht aber weil sie ihn so heftig gepackt hatte, sondern weil er gesehen hatte, mit welch
bösem Blick sie seinen Freund Ben ansah.
Richard war noch ein Kind, er konnte den Blick seiner Mutter nicht richtig deuten. Für ihn war es ein einfach nur ein
böser Blick. Jeder Erwachsene hätte gewusst; diese Frau hasste den fremden Jungen, diesen Ben Wilgers so sehr, dass sie ihn am liebsten würde töten wollen. Qualvoll töten. Langsam.


Zehn Jahre später - Richard war inzwischen 23 Jahre alt, hatte den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen, lebte in einer kleinen Wohnung hinter der Dorfkirche. Eines Tages rief sie ihn an, bat darum ihn zu sehen, flehte um ein Gespräch. Er wollte sie weder in seiner, noch in ihrer Wohnung treffen und so schlug er das Café der Dorfbäckerei vor. Dort, an einem kleinen Tisch der vor der Scheibe des Schaufensters stand, an der jetzt der Regen herunterlief, erzählte seine Mutter ihm ganz unvermittelt, ein süßes Stück Kuchen kauend, dass die Haut von Ben Wilgers ganz weich gewesen war.
Richard legte die Gabel auf den Teller, seine Hände zitterten, sein Nacken war starr.
»Ja, weich, seine Haut war so anschmiegsam weich. Und sie hat geduftet, so schön hat die Haut geduftet. Sie glitt durch meine Finger, Blut macht geschmeidig, wusstest Du das?” Sie nahm einen weiteren Bissen Kuchen.
Richard lehnte sich zurück, damit er ihren Atem nicht spüren konnte. Die Kellnerin kam und zündete die Kerze an, die auf ihrem Tisch stand. Als sie das Streichholz zündete, wusste Richard plötzlich, was seine Mutter meinte - und was sie getan hatte.
Die Kellnerin entfernte sich und seine Mutter sprach weiter. Richard wusste schon in diesem Moment, dass er das, was sie ihm nun erzählen würde, sein ganzes Leben nicht vergessen könnte. Sie sagte, dass es ein
verwundernswertes Geräusch gemacht hatte, als sie den ersten Schnitt tat und anfing an Bens Haut zu ziehen. Ein Geräusch, als würde man ein nasses Stück Leder zerreißen. Richard starrte sie an und die Schokolade des Kuchens trocknete an seiner tauben Zunge.
»Und weißt Du was mein Junge«, sagte sie, »er kommt an mein Bett, er kommt auch an Dein Bett, er beobachtet uns. Er steht da und sieht zu wenn wir schlafen. Er kommt mit seinem Gesicht, mit seinem rohen Fleisch ganz dicht an unser Gesicht. Er bewundert unsere makellose Haut.«
Sie lachte, das Weiße in ihren Augen wurde sichtbar. Dann winkte sie ab, schüttelte den Kopf, zwinkerte ihn an, sodass Fremde hätten denken können, sie würde mit dem, was sie sagte, einen Scherz machen. Aber das hatte sie nicht. Richard wusste das. Es war kein Scherz. Seine Mutter schloss die Augen und als sie sie dann wieder öffnete, war das Lachen verschwunden, in ihren Augen stand Leere und Verlorenheit, die Pupillen ihrer Augen direkt in die Augen ihres Sohnes gerichtet.
Sie beugte sich vor, streckte ihre Hand aus und strich durch das Haar ihres Sohnes.
»Ben kommt an Dein Bett«, sagte sie, »denk daran, wenn Du wieder in Deiner hässlichen, kleinen Wohnung bist. Er kommt zu Dir.«
Dann stand sie auf, nahm ihre Handtasche und verließ das Café. Richard sah seine Mutter nie wieder. Sie verschwand einfach. Er hätte sie nicht angezeigt, er hätte der Polizei nichts erzählt. Es war schließlich der letzte Wunsch seines Vaters.
»Du sollst mich lieben, Du musst mich lieben!«, hatte sie doch immer gesagt. Er hatte es getan, immer und ohne Fragen zu stellen, sogar in der Nacht und die Nacht war immer das Schlimmste. In der Nacht hatte es weh getan, sie zu lieben, am Tag war es nur eine lästige Pflicht, die er aber gerne erfüllte, um seines Vaters Willen. Er erinnerte sich nicht mehr an seinen Vater, er war Bauer, hatte die Felder bestellt, den Weizen geerntet, starb an einem Schlaganfall, mitten auf dem Feld, während der Arbeit im Spätsommer. Damals war Richard sieben Jahre alt.
Kurz nachdem sein Vater gestorben war, kam seine Tante, die er noch nie gesehen hatte, ins Haus. Man sagte ihm, dass es seiner Mutter nicht gut ginge und sich daher seine Tante eine Weile um ihn kümmern würde.
Sie war eine lustige Frau, sie konnte Klavier spielen und brachte ihren Hund mit, sodass Richard fast vergaß, aus welchem Anlass seine Tante überhaupt hier war. Er wollte nicht, dass sie ging, aber sie erklärte ihm, sie dürfe nur so lange bleiben, bis sich seine Mutter wieder erholt habe.
Und in der Tat; seiner Mutter ging es nach dem Tod ihres Mannes wirklich schlecht. Sie saß am Tisch in der großen Küche, das Licht auch dann ausgeschaltet, wenn es draußen schon dunkel war. Immerzu murmelte sie etwas von den Feldern ... die Felder seien Schuld, die großen Felder in denen es auch am Tage dunkel sei. Sie nuschelte Unverständliches aber manchmal sprach sie ganz deutlich. Dann verstand man, was sie sagte und die Leute, die sie besuchten erschraken, darüber. Sie sagte, die Felder hätten ihren Mann
genommen.
Was sie den meinte mit `
genommen´?
»Gegriffen!«, antwortete sie.

Wochen vergingen, Richards Mutter saß da und schlief manchmal am Tisch ein. Selbst zur Beerdigung ihres Mannes ging sie nicht. Immer und wieder sagte sie nur diesen einen Satz: „Die Felder haben meinen Mann genommen».
Nach ein paar Monaten ging es ihr besser, sie schickte ihre Schwester fort und kümmerte sich wieder um ihren Sohn. Einnehmend, intensiv, mit ihrer ganzen, grauenvollen Leidenschaft.
Sie verkaufte den Hof und mietete eine große Wohnung im Dorf. Geld war für sie unerheblich, trotzdem lebten sie bescheiden und wenn Richard um Geld für einen Schulausflug bat oder für eine Fahrt in das Schwimmbad in der 20 Kilometer entfernten Stadt, verweigerte sie ihm das Geld.
»Ausflüge sind unnütz, Du sollst bei mir bleiben« oder »Du brauchst kein Schwimmbad, wir haben doch eine Badewanne«. Richard dachte es sei wegen des Geldes, dass die Ausflüge zu teuer seien.


Die Wohnung hinter der Kirche in der Richard jetzt lebte hatte keine Badewanne. Obwohl er in seiner Wohnung immer alleine war, zog er sich nie ganz aus. Er ertrug seine eigene Nacktheit nicht, benutzte nie die Dusche, und wusch sich meist nur mit einem Handtuch und einem Waschlappen, wie auch jetzt, nachdem er aus der Dorfbäckerei zurückkam. Es war ein Fehler gewesen, sich nach so langer Zeit, nach all den Jahren, wieder mit seiner Mutter zu treffen.
Richard saß auf einem Stuhl in seiner Wohnung und weinte über das, was seine Mutter ihm soeben gestanden hatte. Er war sicher, es sollte kein Geständnis sein. Auf keinen Fall. Es ging nicht darum, dass sie es bereute. Nein. Sie hatte es ihm erzählt, um ihn zu bestrafen, weil er aus ihrer Wohnung gezogen war und sie nun nun alleine leben musste. Sie sagte es, um ihm weh zu tun.
Als er vor Jahren auszog hatte er zu ihr gesagt, dass er all das, was sie mit ihm getan habe, vergessen wolle. „Ich will Dich endlich vergessen, Mutter!«
Vergessen ... vergessen? Das ging nun seit diesem Nachmittag nicht mehr. Dafür war es jetzt zu spät. Jetzt saß sie ihm in seinen Gedanken für alle Ewigkeit gegenüber, in diesem verdammten Café und das was sie ihm dort gesagt hatte, loderte in seinem Gedächtnis, in seiner Seele und brannte sich ein. Selbst der Klang ihrer Stimme blieb präsent, sogar in der Nacht. Sie hatte leise gesprochen, sie hatte geflüstert ...
oh, sie war so weich, die Haut war so weich und sich glitt durch meine Hände ... und weißt Du was mein Junge, er kommt an Dein Bett ... mit seinem rohen Fleisch ganz dich an unser Gesicht...
Er konnte ihre Stimme nicht vergessen, ihr Flüstern und wenn er nachts in seinem Bett lag, ließ er das Licht brennen. Sein bester Freund, Ben Wilgers war nun seit 15 Jahre tot, ermordet als
13-jähriger Junge, gehäutet und aufs Feld gelegt. Sein toter Körper wie ein kleiner Vogel, der sterbend vom Himmel fiel, um in der gleißenden Sommersonne zu vertrocknen und zu skelettieren.
Er kommt an Dein Bett ... mit seinem rohen Fleisch ganz dich an unser Gesicht.
Ben Wilgers. Aus dem besten Freund wurde für Richard in den nächsten Wochen eine albtraumhafte Gestalt, ein schrecklich entstelltes Wesen, das in der Nacht kommt, und dessen rohes Fleisch rot und bräunlich im Licht des Mondes glänzt, die Augen gelblich verfärbt, in die Höhlen eingesunken, ein schmerzentstellter Blick, den Mund aufgerissen, ein brüllender, panischer Schrei der noch in seiner Kehle steckte, unfähig ihn zu herauszulassen ... und an der rechten Schulter hing noch ein Stück Haut, jung, sonnengebräunt, mit lustigen Sommersprossen eines einst hübschen Jungen.
Richard erinnerte sich an diesen Fetzen Haut an der Schulter der Leiche, zurück an den Tag als er sie fand. An diesem Stück Haut, erkannte er als erstes, dass das, was da vor ihm lag ein Mensch war. Unterbewußt wusste er vielleicht schon im ersten Moment, dass es sein Freund Ben war, schließlich waren die Sommersprossen unverwechselbar.
Richard wünschte sich seit jenem Tag zwar, dass Ben nicht ermordet worden wäre - viel mehr als das wünschte er sich jedoch, dass nicht er ihn gefunden hätte, sondern irgendjemand anderes.
Richards Kindheit war zwar vergangen, doch sie wollte nie wirklich enden. Jetzt kam Ben in der Nacht an sein Bett, ganz dicht und sein Atem roch nach diesem heißen Sommer von damals, nach dem Sommer, indem es die »Große Trockenheit« gab, wie die Leute es nannten und davon sogar heute immer noch sprachen. Sie sprachen nicht über diesen Sommer, weil er so heiß war, sondern weil damals »das mit dem Jungen im Feld« geschehen war, der Junge der auch jetzt in heißen Nächten noch durch die Felder irren soll, um seine Haut zu suchen.




Jedes Mal, wenn Ben Wilgers sich in der Nacht über das Bett seines Freundes beugte und dabei seine toten, eingesunkenen Augen auf dem Bettlaken ruhten, unter dem sich sein Freund Richard vor der Nacht, seinen Phantasien und dem was da draußen sein mochte, versteckte, hätte er am liebsten das Laken gefasst, es weggerissen und geschrien »sieh mich an, sieh mich gefälligst an! Wir waren Freunde! Und jetzt versteckst Du Dich vor mir.«
Aber das tat Ben nicht. Er konnte es nicht. Er wollte seinem Freund keine Angst machen. Er wusste, dass er sich endlich verabschieden musste, dass er nicht zurückkehren durfte an diesen Ort, in dieses Dorf, auf diese Felder. Er hatte der Frau verziehen. Sie war eine einsame Frau und als sie ihn damals gefesselt und geknebelt hatte, sah er in ihre Augen, in ihre Einsamkeit.
Als sie das Messer ansetzte, sagte sie, es würde jetzt weh tun, aber er solle keine Angst haben, sie würde ihn nicht umbringen. Sie werde nur machen, dass ihr Sohn Richard sich vor ihm fürchtete. Richard habe nämlich Angst vor hässlichen Dingen, und wenn sie mit ihm fertig sei, würde er das Hässlichste im ganzen Dorf sein. Und dann würde sich ihr Sohn nie wieder mit ihm abgeben, nie wieder mit ihm Fußball spielen, nie wieder mit ihm umherlaufen. Richard würde angeekelt sein beim Anblick seines Freunde.
Sie setzte das Messer an seinen Arm, der Schnitt tat weh aber Ben konnte es aushalten und als sie anfing an seiner Haut zu ziehen kitzelte es sogar. Als Ben sah und begriff was sie tat und plötzlich dieser reißende Schmerz durch seinen Arm fuhr, verlor er das Bewusstsein.

Irgendwann wachte Ben wieder auf, lag am Boden des Raums, ihm war kalt. Im Raum war es dunkel, es roch bitter. Ben tastete umher, orientierungslos, fasste in eine sonderbar matschige Masse, die neben ihm auf dem Boden lag. Ben stand auf und jeder Schritt fühlte sich merkwürdig an, glitschig, als sei er in ein Fass Motorenöl gefallen, und es gab keinerlei Reibung, wenn er sich bewegte. Er wusste, dass etwas nicht stimmte, er hatte Schmerzen, konnte den Schmerz aber nicht lokalisieren. Und es war so kalt, so entsetzlich kalt. Irgendwie fand er die Tür, stand dann in einem Flur, tastete wieder umher, fand eine andere Tür, bis er schließlich im Freien auf einer Veranda stand. Ben rannte los, rannte so schnell er konnte, obwohl es ihm vorkam, als torkelte er nur. Er blickte über die Schulter und erkannte das Haus seines Freundes Richard - seine Mutter stand in der Verandatür, sie winkte ihm zu, sie lachte, er hörte sie rufen: »Jetzt bist Du das Hässlichste im ganzen Dorf!«
Ben überlegte ... das Hässlichste im ganzen Dorf? Dann erinnerte er sich, was vorhin geschehen war, an das Messer ... er rannte weiter, immer weiter, hinein in die Felder, wo er merkte, dass er humpelte. Nein, nein! Er durfte nicht humpeln, morgen hatten sie in der Schule Sport und er würde doch so gerne als Verteidiger spielen ... aber wenn er humpelte, musste er vielleicht ins Tor und im Tor stehen war langweilig. Er rannte weiter, überall dieser diffuse Schmerz, írgendetwas Rotes lief in seine Augen, er konnte nicht mehr viel erkennen, alles war rötlich verfärbt, das Mittagslicht brannte auf seine Netzhaut und aus dem Rot wurde im durchscheinenden Licht der Sonne ein Rosa. Er rannte weiter, die vertrockneten Ähren der Felder streiften seine Haut ... er rannte und rannte. Irgendwann blieb er erschöpft stehen und wischte sich das Blut aus den Augen - ohne zu realisieren, dass es Blut war. Der Schmerz wurde quälender und schließlich sah er auf seine Arme, sackte bei diesem Anblick in sich zusammen, ihm schwindelte, sah seine Beine, seine Knie, sah an seiner nackten Brust runter, sah auf seine nackten Schultern. Ja, da war ja noch Haut! An seiner Schulter war noch Haut! Er freute sich so sehr über diesen Fetzen Haut, dass er darüber hinweg verdrängte, dass es die einzige Stelle seines Körpers war, an der überhaupt noch Haut war.
Er dachte sich, dass wenn auf seiner Schulter noch Haut war, das Ganze schon nicht so schlimm sein könne. Er wollte lachen, aber das ging nicht und behutsam glitt er mit seiner Zunge tastend über die Lippen, aber statt seiner Lippen waren da nur die offen liegenden Zahnhälse. Seine Lippen waren nicht da und als Ben das begriff, wollte er aufbrüllen, seine gehäuteten Hände gruben sich, in die steinharte, ausgedorrte Erde des Feldes. Seine Augen starrten in den Himmel, ein kleiner Vogel flog vorbei, piepste ihm lustig zu als wolle er ihn aufmuntern. Als Ben den Vogel sah, lächelte er und schloss die Augen, fiel auf den harten Boden, wobei seine Handgelenke, die in der harten Erde steckten, umknickten und die zarten Knochen splitterten, dieses Knacken das Letzte war, was er hörte und der Tod - der irgendwann am frühen Abend eintrat - eine Gnade für den Jungen war.

»Du brauchst keine Angst haben«, sagte Ben, als er in der Nacht vor dem Bett seines schlafenden Freundes stand, der zusammengekauert unter der Bettdecke lag und und in seinen Träumen unsägliche Dinge durchlebte. Dann verließ Ben das Zimmer, denn es war noch nicht der richtige Zeitpunkt, um sich zu zeigen.
Als es am Morgen langsam hell in dem kleinen Zimmer wurde und die Glocken der benachbarten Kirche zur Frühmesse läuteten, zog Richard langsam die Bettdecke zurück. Zögerlich schlug er die Augen auf, der Moment vor dem ihm immer am meisten fürchtete; zu sehen was dann vor ihm wäre. Furcht in ein gehäutetes Gesicht zu sehen, in gelbe, aufgequollene Augen, eitrig und tot - um dann schließlich die Haut mit den Sommersprossen auf der Schulter von Ben Wilgers zu erblicken. Richard spürte förmlich den Atem seines ermordeten Freundes, ein Freund der ihm zum Gespenst, zur Bestie wurde. Das diesige Licht des frühen Morgens, die fahlenen Sonnenstrahlen die durch die Maschen der Gardine fielen erhellten den Raum, und feiner Staub flog ziellos und träge umher. Ein leerer Raum, kein Gespenst, keine Bestie, kein kleiner Junge.

Die Jahre vergingen und Richard erfuhr, dass seine Mutter gestorben war. Außer ihm selbst nahm niemand im Dorf von ihrem Tod Kenntnis, als hätte sie nie dort gelebt. Seine Tante schrieb eine Karte mit einem Trauergruß und erinnerte ihn an die vergnüglichen Wochen, die sie vor vielen Jahren zusammen verbrachten. Richard warf die Karte fort und antwortete seiner Tante, sie bräuchte nicht herzukommen, es gäbe ohnehin keine Beerdigung und dass er seine Mutter verbrennen lassen wolle, der Bestatter schon Anweisung hätte, alles vorzubereiten.
Einige Tage später stand Richard allein in einem der engen, holzvertäfelten
Verabschiedungsräume und beobachtete durch eine Glasscheibe, wie der Sarg seiner Mutter Zeit vergeudend langsam in den Ofen gefahren wurde. Die Scheibe war getönt und hatte verschlungene Rillen, die alles verzerrten. Schließlich sollte niemand der Angehörigen Details von dem erkennen, was hinter der Scheibe passierte. Richard lauschte dem mechanischen Geräusch der Transportbänder und spürte Erleichterung, als endlich die ersten Flammen den Sarg umhüllten. Ja, zuerst würde das Holz brennen, dann ihre Kleidung, ihr Haar, schließlich ihre Innereien und zuletzt würden ihre Knochen in den Flammen zerbröseln. Nicht bliebe von ihr übrig, nichts außer ihrer Worte, ihrem Flüstern ... und weißt Du was mein Junge, er kommt an Dein Bett ... an Dein Bett ...


Dann - aber wahrscheinlich bildete er sich das nur ein - roch es in dem kleinen Raum des Krematoriums genauso, wie damals in der Wohnung, an dem Tag, als er fragte, was das denn für ein komischer Geruch sei und seine Mutter ihn für diese Frage grausam verprügelt hatte. Richard atmete tief ein und sog die Luft in dem Verabschiedungsraum auf. Es war keine Einbildung. Es war wieder dieser speziellen Geruch aus seiner Kindheit, ein Geruch, den er nie identifizieren konnte, modrig, rauchig, süß, dieser Geruch, der sich nie wieder vollständig aus der Wohnung seiner Mutter verflüchtigt hatte und ihm deshalb über Jahre gegenwärtig war. Auf einmal verstand Richard, woher diese Geruch damals kam und er begriff entsetzt, was seine Mutter in dem Ofen verbrannt hatte. Aber es war egal, sie war tot, sie verbrannte direkt vor seinen Augen. Er würde ihre Asche auf den Feldern zwischen dem Weizen verstreuen, auf dass der Wind sie davon trüge, weit weg von ihm, fort aus seinem Dorf.

Gedankenverloren starrte Richard durch die getönte Glasscheibe und plötzlich - diesen Moment würde er nie wieder vergessen - sein Atmen setzte aus, er fuhr zusammen, schrie auf, laut, fürchterlich laut aber nur ganz kurz, dass man meinen könnte, das Transportband, das den Sarg in die Flammen fuhr, hätte so entsetzlich gequietscht. Dann sah Richard genauer hin, sah die Spiegelung in der Glasscheibe, sah wie sich das Gesicht was sich da reflektierte mit den hellen Flammen des Ofens hinter der Scheibe vermischte, und durch das Flackern noch lebendiger wurde, pochend und lodernd. Er atmete nicht, bewegte sich nicht, wie ein reißender Krampf der durch seinen ganzen Körper fuhr, und ihn zu jeglicher Bewegung unfähig machte. Er starrte auf die Spiegelung in der Scheibe und erkannte an der Schulter, an dem Fetzen Haut der daran hing, wer sich mit ihm in dem engen Raum befand. Ben Wilgers neigte den Kopf und gaffte ihn an. Langsam drehte Richard sich um und sah dem entstellten Jungen in die Augen. Ja, die Augen waren tatsächlich gelb, wie seine Mutter es gesagt hatte. Gelb, eingefallen, tief in ihren Höhlen, glanzlos. Ben Wilgers kam näher, Richard trat zurück und presste sich an die getönte Scheibe, spürte die Hitze des Ofens durch das Glas.
Der gehäutete Junge sagte etwas, aber Richard konnte es nicht verstehen. Die Kreatur, die da vor ihm stand, war anatomisch gar nicht mehr in der Lage verständlich zu sprechen. Sie hatte keine Lippen mehr, die Zahnhälse lagen offen und die Backen waren bis zu dem Kiefer abgerissen.
Trotzdem; immer und immer wiederholte Ben Wilgers, seine Worte.
In seiner monotonen, matschigen Stimme lag Konzentration, Anstrengung und Verzweiflung.
»Ich versteh es nicht, ich kann Dich nicht verstehen!«, sagte Richard und presste sich voller Ekel mit dem Rücken an die Scheibe. Ben versuchte es weiter, obwohl es sinnlos war. Aus dem Loch in seinem Kopf, wo einst der Mund war, kam nichts, was auch nur annähernd verständlich war.
Richard hielt es nicht aus.
»Ben, bitte, es tut mir Leid! Ich versteh nicht was Du sagst. Bitte geh. Bitte geh jetzt!«
Doch Ben versuchte immer noch mit größter Mühe, inzwischen verzweifelt und angestrengt zu sprechen, warf seinen Kopf vor und zurück, als würde dies bei seinem Bemühen zu sprechen helfen.
»Ben, bitte geh! Verschwinde! Ich ertrag Dich nicht.« Richard presste sich so fest gegen die Scheibe hinter seinem Rücken, dass er befürchtete sie würde brechen. Vielleicht, überlegte er, wäre es sogar gut, wenn sie zerspringen würde, dann könnte er in das Feuer des Ofens springen und alles wäre endlich vorbei.
Ben kam noch einen Schritt näher und gluckste immerwieder dieselben, unverständlichen Worte wiederholend. Das Knacken das hinter der Scheibe dumpf aus den Flammen drang wurde lauter, plötzlich gab es ein morsches Geräusch, anscheinend war der Sarg zusammengefallen.
Richards panisches Kreischen füllte den Raum, als der gehäutete Junge die Hand nach ihm ausstreckte, fast schon zärtlich. Richard verstand nicht, dass es nur ein Abschiedsgruß sein sollte.
Ben Wilgers wollte ihn berühren, ihm die Hand geben, schreckte dann aber - als er sah, wie sehr sich Richard vor ihm ängstigte - zurück.
Eine Träne lief über das rohe Fleisch seiner hautlosen Wange und Ben erinnerte sich an das, was Richards Mutter ihm von der Veranda aus hinterher geschrien hatte, nachdem er aus dem Haus gerannt war: »Jetzt bist Du das Hässlichste im ganzen Dorf!«
Ben sah Richard in die Augen, drehte sich um und ging, während dieser sich vor Ekel die Hände vor die Augen presste, dann mit dem Rücken an der Scheibe herunter glitt und zusammengekauert am Boden verharrte. Nach einer Weile, die Flammen des Ofens waren inzwischen erloschen, betrat der Bestatter den engen Raum, half Richard hoch, tröstete ihn mit seinen Bestatterweisheiten in dem Glauben, der junge Mann traure um seine tote Mutter.

Die Zeit verging, es wurde Sommer und Winter und wieder Sommer ... doch nie gab es einen derart heißen Sommer wie damals, als die Große Trockenheit war, der Sommer als man den ermordeten Jungen im Feld fand. Die Sommer waren jetzt zwar immer noch sonnig und heiß, aber nie so schwelend, als dass es der Ernte schaden könnte. Einige Bauern gaben die Getreidezucht auf. Sie fürchteten sich vor den Feldern. Sie konnten den toten Jungen nicht vergessen. In ihnen spukte immer noch das Gerede von einst, die Vorstellung, dass die Pflanzen das Blut bis zu den Wurzeln aufgesogen hatten, man jedoch auf dem Boden selbst keinen einzigen Tropfen fand. Sie malten sich aus, wie der Leichnam des Jungens umherlief, und nach seiner Haut suchte. Einige der Älteren unter ihnen - vielleicht waren manche schon dem Altersschwachsinn anheim gefallen - glaubten sogar, den gehäuteten Jungen gesehen zu haben ... immer dann, wenn es an heißen Tagen anfing Dunkel zu werden. Die Alten erzählten im Dorf, wie nah der Junge an ihre Häuser und ihre Fenster kam und manchmal sogar hinein sah. Niemand glaubte ihnen. Sie wurden verspottet und belächelt. Trotzdem machte ihr Reden den Leuten Angst und wie es mit Gespenstergeschichten für gewöhnlich ist, haften sie in den Köpfen der Menschen, wie Kletten die sich in einem dichten Wollmantel verfangen. Versucht man die Kletten zu ziehen, bleiben ihre feinen Widerhaken immer im Stoff stecken.
Niemand verbrachte mehr Zeit in den Feldern als unbedingt nötig. Die Eltern verboten ihren Kindern zwischen dem Weizen zu spielen. Weil in den Feldern etwas existierte, das ganz und gar - unausprechlich - war. Die Bauern fuhren um zu säen oder zu ernten nie mehr alleine auf ihren Traktoren hinaus, weil - und das war ihre Ausrede - es halt
geselliger sei, wenn man zu zweit auf dem Bock saß.



Ein älterer Mann jedoch, den einige von ihnen nur vom sehen kannten und dessen Mutter zu ihren Lebzeiten von allen Leuten im Dorf gemieden wurde, ging an manchen Tagen in den Feldern zwischen den Weizen spazieren, als handle es sich um einen schönen Wald oder eine blumige Sommerwiese.
»Der Alte - er hat den Jungen damals gefunden. Ja ja, den gehäuteten Jungen! Ja, doch! Er hat sich nie davon erholt, hat den Verstand verloren, geisteskrank, ja, ja.«
Die Leute zerissen sich das Maul und gingen dem alten Mann, diesem
Sonderling aus dem Weg.
Nach Jahren, als sie erfuhren, dass er sich ein Messer in die Brust gerammt hatte, in seiner völlig verkommenen Wohnung hinter der Kirche, bedauerten sie scheinheilig ihn nie kennengelernt zu haben und die, die ihn auf dem Schulhof als sie noch Kinder waren gepeinigt hatten, schämten sich.

Er wurde neben dem Grab seines Vater beerdigt, der - so erzählten die Älteren im Dorf - auch auf den Feldern bei der Arbeit gestorben war. Niemand kam zu seiner Beerdigung. Stille lag über dem Friedhof und die Grabsteine warfen im Licht der Dämmerung Schatten, während zwei Arbeiter den Sarg in das ausgehobene Grab abseilten.
Nur aus der Ferne sah jemand zu. Ein einziger Gast. Ein kleiner Junge mit einem entrückten Lächeln auf seinem Gesicht, die Arme steif herunterhängend, die Hände verkrüppelt abstehend, die Augenlider geschlossen und mit Sommersprossen auf der kindlich, weichen Haut seiner rechten Schulter, die langsam verblassten.

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