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Children Of Darkness 


© 2004 by Michael Navarro (Jake)


Dies ist für meinen guten Freund Thomas!
Ohne dich hätte ich diese Geschichte nie Geschrieben.
Lass dich von Niemanden unterkriegen!

-

 

"Liebe kann grausam sein!"
Randy Fuller

-

 

Ein Ring, Sie zu knechten, Sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden

J.R.R. Tolkien, "Herr Der Ringe"

 

-

 


1

Tom Peters stand vor dem Haus Nummer 61 in der Aley Street und wartete auf Mr. Stone. Ein Blick auf seine Uhr verriet, dass Stone sich bereits zehn Minuten verspätet hatte. Tom fragte sich, ob der detroiter Stadtverkehr dafür verantwortlich war, als Stones Wagen schließlich vorfuhr. Er stieg aus und bedachte Tom mit einem schuldbewussten Blick.
"Mr. Peters?"
"Ja. Sind sie Donald Stone?"

"Der bin ich. Tut mir leid wegen der Verspätung, aber ich bin in meinem Büro aufgehalten worden."
"Schon gut. Können wir uns jetzt die Wohnung anschauen?"

2

Donald Stone war Immobilienmakler und sehr erfolgreich in seinem Job. Seine Kunden hinters Licht zu führen hätte er nie nötig gehabt. Deswegen kam er mit dieser Wohnung zum ersten mal in seiner Karriere etwas in Verlegenheit. Immer, wenn er sie mit seiner Kundschaft betrat, verspürten alle Anwesenden, Stone inklusive, ein unbehagliches und beklemmendes Gefühl. Erklären konnte es sich niemand. Wenn jemand fragen würde, was denn dort sei, gab es keine Antwort darauf. Es war eine sehr schöne Wohnung, bereits möbliert, wundervoll eingerichtet. Sein Vormieter hatte wahrhaftig guten Geschmack bewiesen. Dennoch wurde Stone sie nicht los. Jeder seiner Kunden fragte ihn, was damit nicht stimmte.
"Was soll denn nicht stimmen?", antwortete er dann, und gab vor, nichts zu spüren. Zum ersten mal war er unaufrichtig. Auch jetzt, nachdem er die Tür aufschloss und über die Schwelle trat, bemerkte er es wieder. Das war’s. Peters würde es, sobald er die Wohnung betrat, auch spüren und ihn dann fragen, was hier nicht stimmte. Nachdem Stone ihm dann die selbe Antwort gegeben hätte, wie all seinen anderen Kunden auch, würde Peters sich die Führung sparen, ihn noch einen angenehmen Tag wünschen und gehen. Dieses verfluchte, unbehagliche Gefühl. Woher kam es? Würde es je wieder verschwinden? Hatte es was mit dem Vormieter zu tun? Luke Calligan, so hieß er, war seit über einem Jahr spurlos verschwunden. Er hinterließ die Wohnung in dem Zustand, wie sie jetzt war, gut genug, um sie inklusive seiner Möbel an den Mann zu bringen. Aber daraus wurde bisher nichts. Peters trat ein und Stone erwartete die gewöhnliche Reaktion. Doch dieses mal war alles anders. Sobald sein neuer Kunde die Wohnung betrat war es weg. Keine Unbehaglichkeit mehr, nichts Beklemmendes. Was war geschehen? Verdutzt blieb Stone im Flur stehen.
"Mr. Stone? Alles in Ordnung?"

"Oh, ja, bitte entschuldigen sie."

"Können wir dann?"

3

"Was ist mit der Einrichtung?", fragte Tom.
"Sie bekommen die Wohnung so, wie sie ist. Dazu gehören selbstverständlich auch alle Möbel und Einrichtungsgegenstände."
Tom starrte auf den PC. "Den etwa auch?", fragte er überrascht.
"Selbstverständlich."
"Sagen sie mal, Mr. Stone, eine so gut eingerichtete Wohnung, das ist eigentlich ziemlich selten und ungewöhnlich, und das zu einem so günstigen Preis. Gibt es da wirklich keinen Haken?"
"Es gibt keinen." Stone erzählte Tom vom plötzlichen Verschwinden des Vormieters. Den niedrigen Preis erklärte er dadurch, dass die Leute meist ihr eigenes Hab und Gut mitbringen wollten, sich eine möblierte Wohnung deshalb schlecht verkaufen ließe. Vom beklemmenden Gefühl erzählte er ihm natürlich nichts, in der Hoffnung, dass es endgültig weg wäre, und Peters nichts bemerken würde. Tom sah sich um. Die Wohnung gefiel ihm, war ein echtes Schnäppchen. Sie war perfekt. Zu perfekt. Tom sah Stone zweifelnd an. Der Makler hatte einen guten Ruf, das wusste er, deswegen hatte er auch ihn gewählt. "Mr. Stone, ist auch wirklich alles in Ordnung mit der Wohnung?" Kurz meinte Tom einen Schatten über das Gesicht des untersetzten Mannes huschen zu sehen, aber dann strahlte dieser zuversichtlich.
"Mr. Peters ich garantiere dafür."
Toms Blick fiel auf den Computer.
"Nun, Mr. Peters, wenn es sie beruhigt, kann ich mit dem Preis auch noch etwas nach oben gehen."
Die beiden Männer schauten sich einen Moment schweigend an, dann fielen sie gemeinsam über diesen Witz in Gelächter ein. Nachdem er sich wieder eingekriegt hatte sagte Tom: "Gut. Ich nehme die Wohnung."

4

Einige Veränderungen nahm Tom dann doch vor. Schließlich musste er seine wenigen, eigenen Sachen, die er aus seinem "alten Leben", so bezeichnete er es, behalten hatte, auch noch unterbringen. Er tauschte einige von Calligans Stühle gegen seine eigenen aus. Im Flur stand ein Kratzbaum für Katzen. Den wollte er erst mal stehen lassen. Vielleicht schaffte er sich ja mal selbst einen dieser pelzigen Kameraden an. Warum auch nicht? Er könnte etwas Gesellschaft brauchen. In der Ecke direkt neben der Tür des Wohnzimmers stand ein kleines Schränkchen, dass ihm überhaupt nicht gefiel. Sollte er mal in die Verlegenheit kommen und seinem Vormieter gegenübertreten können, was er selbstverständlich bezweifelte, würde er ihn fragen, was er sich bei dieser Hässlichkeit nur gedacht habe. Er verkaufte es einem Antiquitätenhändler und ersetzte es durch sein Aquarium. Shannon hatte es ihm zu seinem achtundzwanzigsten Geburtstag gekauft. Das war jetzt sechs Jahre her – im "alten Leben" eben. Er betrachtete es und fütterte die Fische. Er gab ihnen grundsätzlich keine Namen, da es an die zwanzig Stück waren, aber seinen Lieblingsfisch, einen Feuerschwanz, taufte er Henry. Er beobachtete ihn dabei, wie er sich ein Stück Futter schnappte, dann ging er in die Küche und briet sich ein Spiegelei. Kochen konnte er nie besonders, obwohl er sich nach Shannons Tod öfter darin versuchte. Aber so wie sein Leben verlief, sein "altes Leben", konnte das auch nicht gut gehen. Einmal hatte er im betrunkenen Kopf versucht eine Ente zu braten und hätte fast die ganze Küche dabei abgefackelt. Er konnte sich gerade noch an die Worte des Feuerwehrmanns erinnern: "Wenn sie schon eine Ente mit Alkohol kombinieren wollen, dann gehört der Alkohol auf die Ente, ansonsten kann das sehr gefährlich werden, wie sie sehen."
Tom wendete das Spiegelei und nahm sich vor, nach dem Essen mal nach dem Computer zu sehen. Eigentlich, so dachte er, wollte Tom nie wieder einen anfassen. Er wollte einen Kurs an der Volkshochschule besuchen oder eine Klasse an der Universität in Literatur unterrichten. Sein altes Laptop hatte er damals verkauft und in Fusel umgewandelt. Tom Peters, einst ein sehr erfolgreicher Schriftsteller, hatte sowieso keine Verwendung mehr dafür, denn im Rausch waren nicht nur seine Kochkünste eingeschränkt, sondern auch seine Fähigkeit, eine vernünftige Geschichte zu schreiben. Im Gedanken an sein "altes Leben", das fast in einer Katastrophe endete, vergaß er fast das Ei in der Pfanne. Aber er konnte es noch gerade retten und schaufelte es mit dem Bratwender auf eine Scheibe Toast. Mit etwas Ketchup vollendete er den "Strammen Max", die einzige Delikatesse, die er fehlerfrei hin bekam. Mit dem Teller in der Hand trottete Tom in sein neues Arbeitszimmer und setzte sich vor den Computer.

5

Donald Stone lag zu Hause auf der Couch und ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Er hatte es tatsächlich geschafft Calligans Wohnung an den Mann zu bringen. Wohl fühlte er sich aber dabei nicht. Er kam sich schmutzig vor, wie einer seiner nicht so seriösen Kollegen. Das wollte er aber nicht.
´Don, hör auf dich verrückt zu machen. Da ist nichts unehrliches an diesem Geschäft.´, dachte er. Dennoch war ihm nicht ganz wohl bei der Sache. Aber das beklemmende Gefühl hatte sich eingestellt, wieso sollte er sich deswegen schlecht fühlen? Stone stand auf und ging mit der Absicht Peters anzurufen zum Telefon. Er hatte schon die Hand auf dem Hörer liegen als er inne hielt. Wenn er ihn jetzt anrufen würde, wäre er erst recht misstrauisch. Peters würde ihn Löchern bis er zugeben müsste, das etwas mit der Wohnung nicht stimmte.
´Mit der Wohnung ist alles in Ordnung. Was dort immer auch war, ist jetzt weg.´
Aber woher sollte er das wissen? Er würde abwarten müssen, ob sich Peters meldete. Stone beschloss dies zu tun. Falls er von ihm in einer Woche noch nichts gehört haben sollte, würde er ihn anrufen und sich erkundigen, ob alles zu seiner Zufriedenheit liefe.

6

Der Computer war fantastisch. Es war nicht das aller neuste Modell und entsprach vielleicht den Standard von vor eineinhalb Jahren. Logischer Fall, denn Calligan wurde ja bereits ein Jahr vermisst. Aber er reichte vollkommen aus. Tom würde ihn sowieso nur zum Schreiben benötigen.
´Zum Schreiben? Du willst also tatsächlich ein Comeback wagen?´ Dieser Gedanke war wie eine Stimme in seinem Kopf. Aber es war nicht seine eigene, es war die von Shannon. Als er trank hatte er auch immer Stimmen im Kopf, allerdings war ihre nie dabei gewesen. Also erschrak er nicht vor ihr, sondern antwortete laut in den Raum: "Jawohl, das will ich! Nein, ich werde es!"
Tom wischte sich mit einer Serviette Ketchup vom Mund und rief Word auf. Ohne sich zu fragen, was er schreiben würde, denn plötzlich hatte er Tausende von Ideen, tippte er munter drauf los.

7

Jeff O´Connor war überrascht als er den Hörer abnahm und die Stimme seines alten Freundes Tom Peters hörte. Er hatte davon gehört, dass Tom es geschafft hatte, seine Alkoholkrankheit zu überwinden, allerdings glaubte er nicht von ihm über das Telefon in seinem Büro zu hören. Wenn überhaupt, so dachte Jeff, würde Tom bei ihm zu Hause anrufen.
"Hey Tom! Was für eine Überraschung! Wie geht es dir?"
"Bestens. Was macht der Verlag?"
"Nun, wenn er Pleite wäre würden wir jetzt nicht miteinander reden. Aber ehrlich gesagt, ihm fehlen deine Bücher."
Jeff war nicht nur Toms alter Freund gewesen, er war auch sein Verleger. Seit Tom nicht mehr schrieb, hielt sich der Verlag gerade noch so über Wasser, da Jeff ansonsten nur mittelmäßige Schriftsteller unter Vertrag hatte. Tom Peters war immer das Zugpferd gewesen, mit ihm hatte er sich einen Namen gemacht - und auch eine goldene Nase verdient.
"Dann habe ich eine gute Nachricht für dich.", sagte Tom, "Ich schreibe wieder."
"Ich werd´ nicht mehr! Das ist ja klasse!"
Tom sah im Gedanken vor sich, wie sein alter Freund gerade von seinem Sessel aufsprang und vor Freude hüpfte.
"Und dabei denke ich weniger an den Verlag, sondern eher an dich.", fügte Jeff hinzu und Tom wusste um dessen Aufrichtigkeit.
"Sag mal, wann können wir uns mal treffen?", fragte Jeff, "Ich brenne darauf, dich wieder zu sehen."
"Wie wäre es am Samstag abend um acht? Im Destiny?"
Das Destiny war das Stammlokal der beiden Freunde. Dort trafen sie sich damals immer einmal die Woche.
"Klingt gut, ich werde da sein. Worüber schreibst du?"

"Wird noch nicht verraten."
Jeff lachte schallend und meinte: "Jajajajaja, das ist wieder der gute, alte Tommy."
´Nein. Der bin ich nicht mehr. Und werde es nie wieder sein.´, dachte Tom.
"Gut, bis Samstag abend dann."

8

Tom schwebte. Er hing an der Decke seiner neuen Wohnung. Es war die Küche, aber irgend etwas war anders. Das Zimmer war höher. Er schwebte etwa fünf Meter über dem Boden. Jemand rief seinen Namen. Eine Frauenstimme. War das Shannon? Er schwebte ins angrenzende Wohnzimmer. Das einzige Licht kam dort aus seinem Aquarium. Henry schwamm an der Oberfläche. Er war größer als sonst und bewegte sich nicht horizontal, sondern vertikal fort, sodass er Tom mit seinen großen Glubschaugen ansah. Die anderen Fische lagen tot auf dem Grund. Henry öffnete sein Fischmaul. Es war voller grotesk aussehenden, messerscharfen Zähnen. Hilf ihm! blubberte er. Dann verzog sich sein Fischgesicht zu einer abscheulichen Fratze. Wieder rief die Frau seinen Namen. Tom war sich jetzt fast sicher, dass es sich um Shannon handelte. Er schwebte weiter durch den Flur am Kratzbaum vorbei. Die Tür zum Arbeitszimmer, aus denen die Stimme definitiv kam, war verschlossen. Dennoch konnte Tom hindurch schweben, denn er war zur Zeit nur ein körperloses Wesen. Im Arbeitszimmer sah er sich selbst vor seinem Computer sitzen, leblos, Kopf und Arme auf dem Schreibtisch, daneben und auf dem Boden zerstreut etwa ein halbes Dutzend leere Whiskeyflaschen. Der Computer war im Betrieb und der Monitor erhellte den sonst lichtlosen Raum. Eine Frau beugte sich über seinen Körper. Es war Shannon, dass wusste er mit Sicherheit. Sie trug das Kleid, das sie am Tag des für sie tödlichen Unfalls trug. Shannon hatte es getragen, als sie neben ihm auf dem Beifahrersitz ihres alten Fords saß, er dem Laster ausweichen musste, der von seiner Spur abgekommen war und ihn sonst gerammt hätte. Statt dessen rammte Tom den Baum am Straßenrand. Aber das war in seinem alten Leben passiert. Shannon rüttelte Toms Körper und rief seinen Namen. Hier oben! wollte Tom rufen, aber er brachte keinen Ton raus. Er musste auf sich Aufmerksam machen, Sie würde ihn sehen können, denn Henry sah ihn ja auch. Er konzentrierte sich und versuchte es nochmals: Shannon! Hier oben bin ich! Diesmal reagierte sie und drehte ihr Gesicht zu ihm hoch. Sie sah aus wie nach dem Unfall. Blut sickerte aus einem Loch ihres Schädels und überströmte ihr ganzes Gesicht. Das rechte Auge fehlte. Sie öffnete den Mund und entblößte eine Reihe Zähne, die nicht mehr komplett war. Die Worte, die Shannon dann sprach, schienen nicht mehr die ihre zu sein. Sie hörten sich eher an, wie die von Henry: Tom! Du musst ihm Helfen!

9

Schweißgebadet und mit einem Schrei in der Kehle wachte Tom auf. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er sich gerade befand. Dann dämmerte es ihm. Er lag in seinem Bett. Tom hatte einen Traum gehabt.
´Das war ein sehr realistischer Traum. So einen hatte ich noch nie!´, dachte er. Außerdem war es so, dass er sich eigentlich nie an Träume erinnerte, wenn er erwachte, höchstens an einigen Fetzten. Dieser hier aber war ihm noch in allen Details bewusst. Das erleuchtete Aquarium, Henry, überdimensional groß und sprechend, er selbst leblos vor seinem Computer sitzend, die leeren Whiskeyflaschen – und natürlich Shannon, die immer wieder seinen Namen rief, an seinem Körper rüttelnd. Aber am deutlichsten sah er ihr totes Gesicht, das ihm sagte, wie zuvor Henry, er solle jemandem helfen. Aber wem?
´Ist doch egal, ich habe nur geträumt.´, dachte er. Aber es war ihm nicht egal, denn irgend etwas war mit diesem Traum. Er war mysteriös. Er war so...
´... echt!´
Tom stand auf um einen Schluck Milch zu trinken. Als er durch das Wohnzimmer kam schaute er in das Aquarium. Er betrachtete Henry, konnte aber nichts ungewöhnliches an ihm feststellen. Der Fisch schaute ihn nur dümmlich an.
"Na? Hast du auch schlecht geträumt?", fragte er seinen schuppigen Freund. Er ging in die Küche, schaltete das Licht an und öffnete den Kühlschrank. Tom merkte nicht, wie sehr er noch wegen des Traums zitterte und als er die Milchtüte in die Hand nahm, ließ er sie ungeschickt fallen.
"Mist!", schrie er auf und nahm sich einen Lappen. Als er die Schweinerei wegwischen wollte hielt er inne. Die Milch auf dem Boden formte zwei Wörter. An einen Zufall glaubte er nicht und Tom musste sich die Hand vorm Mund halten um nicht zu schreien. Mit blassem Gesicht und großen Augen betrachtete er die Milch. Er lief aus der Küche direkt ins Badezimmer. Er drehte den Wasserhahn auf, hielt die Hände zusammen und ließ Wasser hinein laufen, dass er sich anschließend ins Gesicht spritzte. Zitternd ging er in die Küche zurück und betrachtete den Boden. Die Milch bildete nur noch eine Pfütze. Keine Worte. Tom tat es als Halluzination weg, eine Nachwirkung des Traums. Allerdings kam ihm diese Halluzination, wenn es überhaupt eine war, genau wie der Traum, sehr real vor. Er war sich hundertprozentig sicher, dass er dort etwas auf dem Küchenboden gelesen hatte: HILF MIR!

10

Tom saß vor seinem Computer und schrieb an seiner neuen Geschichte. Es ging diesmal nicht so flüssig wie sonst, da ihm die Ereignisse der letzten Nacht noch zu schaffen machten. Er hatte nach der Sache in der Küche kaum noch schlafen können, auch wenn er die Wörter auf dem Küchenboden als einen Streich seines Verstandes wegtat – und der Traum war eben nur ein Traum, realistisch hin oder her. Dennoch ließ ihn der Gedanke nicht los, den Verstand zu verlieren. Aber wieso ausgerechnet jetzt, wo er doch sein Leben wieder im Griff hatte. Er trank nicht mehr, war endlich über Shannons Tod hinweg. Mit dem Trinken hatte er auch aufgehört zu rauchen. Dies alles sah er in Gefahr, wenn sich so etwas wie letzte Nacht wiederholen sollte. Er wurde durch ein Klopfen an der Tür aus den Gedanken gerissen. Tom schrak auf, speicherte den Text und stand auf. Er ging zur Wohnungstür und öffnete sie. Niemand war zu sehen. Er sah das Treppenhaus hinunter und rief: "Hallo? Ist da wer?"
Das konnten seine Nerven jetzt überhaupt nicht gebrauchen, irgendwelche Kinder, die ihm einen Streich spielten. Als er die Tür schloss, klopfte es erneut, diesmal aber an der Tür seines Arbeitszimmers. Tom wurde blass und fing an zu zittern. War dies eine Prüfung, ob sein neues Ich wieder Dingen gewachsen war, die er nicht wollte? Wenn ja, war es definitiv noch zu früh. Er ging ins Wohnzimmer, öffnete den Schrank und nahm ein Kästchen heraus. Große Buchstaben standen auf dessen Deckel: Nur im Notfall öffnen! Tom hatte sie selbst geschrieben. Er öffnete das Kästchen und brachte eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug zum Vorschein. Beinahe hätte Tom die Packung fallen gelassen, so zitterte er, dann schaffte er es doch sich eine Zigarette in den Mund zu stecken und sie anzuzünden. Er nahm einen tiefen Zug und musste husten. Aber es tat auch gut und sein Zittern schwächte ab. Zumindest fand er wieder einen klaren Kopf und war sich dessen bewusst dieses Phänomen auf den Grund gehen zu müssen. Er stand vor der Tür seines Arbeitszimmers. Vorsichtig legte er eine Hand auf die Klinke. Mit der linken Hand nahm er die Zigarette aus dem Mund und betrachtete sie. Die Asche würde bald runterfallen, was ihn daran erinnerte, dass er vergessen hatte, auch den Aschenbecher aus den Schrank zu nehmen.
´Du hast im Arbeitszimmer auch einen Aschenbecher, sieh das als Ansporn es zu betreten.´
Langsam drückte er die Klinke runter und öffnete die Tür, erst nur einen Spalt, sodass er hindurch spähen konnte. Als er nichts ungewöhnliches sah, öffnete er sie ganz. Tom stand auf der Schwelle und betrachtete von dort aus den Raum. Nichts. Er ging hindurch bis zur Fensterbank. Dort stand der Aschenbecher. Tom nahm ihn und entledigte sich der Asche. Dann nahm er einen Zug und ging samt Aschenbecher zum Computer. Tom setzte sich, streckte die Zigarette in die Luft, wie ein Relikt, dass ein Diktator seinem Volke präsentiert und rief: "Siehst du? So weit hast du mich schon wieder gebracht, wer immer du auch bist!"
Dann stieß Tom ein schrilles Lachen aus und widmete sich wieder seinen Text. Er las ihn noch einmal durch um den Faden wieder zu finden:

... Betty ging auf die Terrasse als sie bemerkte, dass Ihre Tasche noch im Wagen lag. Wütend über ihr eigenes Missgeschick machte sie kehrt. Als sie den Wagen erreichte stockte ihr der Atem. Jemand stand hinter ihr, sie sah die Person, wie sie sich im Fenster der Beifahrertür spiegelte. Betty drehte sich um und Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah Sarah

Tom starrte auf den Bildschirm. Seine Zigarette war ausgebrannt und er zündete sich eine neue an. Er nahm einen tiefen Zug, diesmal ohne zu husten. Er stand auf und durchsuchte die Wohnung nach einem Eindringling. Er bewaffnete sich nicht erst großartig da er davon ausging, niemanden zu finden. Er wollte nur die letzte Möglichkeit ausschließen, dass hier nichts Übernatürliches vor sich ging. Er fand niemanden, ging zurück ins Arbeitszimmer und setzte sich vor den Computer. Als er den Bildschirm betrachtete rechnete er zuerst damit, dass alle Sarahs verschwunden waren, aber er täuschte sich. Statt dessen war jetzt der ganze Bildschirm voll.
"Hallo?", Tom sprach mit ernster und fester Stimme, "Wo bist du? Wer bist du? Bist du Sarah?"
Tom bekam keine Antwort.
"Wenn du Sarah bist, wieso soll ich dann ihm helfen, wer ist er? Oder bist du er? Wer ist denn dann Sarah?"
Wieder keine Antwort.
´Sind auch ein paar Fragen zu viel auf einmal.´, dachte Tom.
"Okay. Fangen wir noch mal an. Wer bist du?"
Er wartete auf eine Antwort, bekam aber keine. Dann versuchte er es anders. Er fing an zu schreiben:

Wer bist du? Bist du Sarah?

Nichts. Vielleicht sollte er eine Frage nach der anderen stellen, nicht zwei auf einmal.

Wer bist du?

Wieder nichts. Vielleicht ist ja doch niemand da. Aber wer hatte dann geklopft? Hatte er sich das alles genauso eingebildet, wie die Milchwörter? Und wer ist Sarah? Hatte er diesen Namen selbst unbewusst geschrieben? Aber Tom kannte keine Sarah. Würde er verrückt werden und den Verstand verlieren? Er kannte auf keiner dieser Fragen eine Antwort. Tom schaltete den Computer ab und beschloss sich etwas hinzulegen. Wahrscheinlich war er nur übermüdet.

11

Auch am nächsten morgen saß Tom wieder am Computer und schrieb an seiner Geschichte. Nachdem in ihr der Killer die junge Frau getötet hatte, fing er an einen Detektiv zu erfinden. Diesen nannte er Zach MacClue. Als er seine neue Figur etwas näher beschrieb, bekam Tom Hunger. Er drückte seine Zigarette aus und ging in die Küche um sich ein Sandwich zu machen. Als er fertig war, goß er sich ein Glas Milch ein. Tom ging dabei sehr behutsam um. Er wollte nicht, dass er erneut Wörter vom Boden lesen mußte. Mit dem Sandwich und der Milch ging er zurück an seinen Arbeitsplatz. Tom wollte gerade in sein Sandwich beißen, als ihm der Atem stockte. Er ließ das Brot auf den Teller sinken, seinen Mund bekam er jedoch nicht zu. Sein Detektiv hieß plötzlich nicht mehr Zach, sondern Tom. Alle Zachs wurden durch Toms ersetzt. Tom beschloss, dass er entweder paranoid wurde, oder es hier wirklich spukte. Er überlegte kurz welche der beiden Varianten ihn eher beruhigt hätte und kam zu dem Entschluß, dass es letztere wäre. Als er sich seine Geschichte wiederholt durchlas, stellte er noch etwas fest: Das Opfer war nicht mehr Betty. Betty war jetzt männlich und hieß Luke.
"Was...", begann er und hielt dann inne. Diesen Namen hatte er doch noch vor kurzem gehört. Dann fiel es ihm ein. Sein Vormieter hieß so. Luke Calligan.
"Also!", begann Tom und bemerkte nicht, dass er laut sprach, "Entweder habe ich diesen Namen im Unterbewusstsein verwendet, weil ich halt irgendwie ein Schizo werde, oder Luke Calligan ist tot und spukt jetzt hier rum."
Tom runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern, die Namen ausgetauscht zu haben. Es gelang ihm nicht.
"Luke? Du warst das, richtig? Und der Detektiv heißt jetzt Tom, weil ich dir helfen soll, nicht wahr? Und wer ist Sarah?"

Tom las weiter um zu sehen, ob sich noch etwas am Text verändert hatte, fand aber nichts. Gedankenversunken biss er ein Stück seines Sandwichs ab und spülte es mit etwas Milch runter. Es war soweit, er verlor seinen Verstand. Kein Spuk. Realistischer war, dass er verrückt wurde. Er musste mit jemandem darüber reden. Aber mit wem? Früher hätte er so etwas nur Shannon anvertraut. Mit ihr konnte er über alles reden. Aber das war in seinem alten Leben gewesen. Sollte er vielleicht mit Jeff reden?
´Na klasse´, dachte Tom, ´der ist gespannt, wie gut es mir geht und dann komme ich direkt mit einer Geistergeschichte an.´
Aber mit jemandem musste er reden und Jeff war der einzige, der ihm noch blieb. Er ging zum Telefon um ihn anzurufen. Er wollte nicht bis Samstag damit warten. Tom legte gerade die Hand auf den Hörer als es klingelte. Vor Schreck entwich ihm ein Schrei. Hier hatte ihn noch nie jemand angerufen. Er atmete einmal tief durch und nahm den Hörer ab.
"Hallo?"
Nichts.
"Wer ist denn da?"
Tom wartete drei Sekunden und wollte den Hörer wieder auflegen, als eine Stimme flüsterte: "HIIIIILLLLLF MIIIIIIIR!!!!"

12

"Ach was, du bist nicht verrückt. Ich glaube, du hast nur Angst davor, es wieder zu werden. Dein Unterbewusstsein spielt dir streiche.", sagte Jeff, der Tom im Destiny gegenüber saß. Er hatte auf Toms Anruf sofort reagiert und sie trafen sich noch am gleichen Abend.
"Jeff, diese Phänomene sind echt. Ich habe alles so erlebt, wie ich es dir gerade gesagt habe. Vielleicht bin ich wirklich nicht verrückt, aber wenn dem so ist, spukt es dort. Jeff, glaubst du an so etwas?"
"Nein, Definitiv nicht. Vielleicht lässt sich auch alles irgendwie erklären."
Tom schüttelte den Kopf. "Nein, Jeff, nicht alles. Wer hat an meinem Computer herumgepfuscht? Und die Stimme am Telefon? Wer soll mich denn angerufen haben? Ich werde dir sagen, was ich jetzt mache: Ich mache mich über diesen Calligan schlau. Er muss doch irgendwelche Verwandte oder Bekannte hinterlassen haben. Ich werde Donald Stone anrufen, vielleicht weiß er ja was. Und wenn es wirklich so sein sollte, dass Calligan tot ist, bei mir herumspukt und vor allem meine Hilfe benötigt, werde ich das tun, was er von mir möchte: Ich werde ihm helfen."
"Tom! Das halte ich für keine gute Idee. Du hast gerade jede menge Mist hinter dir gelassen. Du solltest das nicht tun."
"Oh doch, genau das werde ich machen. Natürlich hast du recht. Aber ich denke, dass ich das brauchen werde."
"Wie bitte?"
"Nun, nehmen wir mal an, es spukt dort nicht. Dann werde ich mit meinen Recherchen herausfinden, dass alles eine plausible Erklärung hat."
"Tom, mach was du möchtest, aber versprich mir damit auszuhören, wenn du merkst, dass du dir damit nur schadest."
"Versprochen. Aber ich glaube, dass ich diese Sache zu Ende bringen kann."
"Was ist mit deinem neuen Buch?"
"Oh, ich werde Zeit haben, es zu schreiben, sogar besser denn je. Ich glaube es kann mir helfen, die Sache aufzuklären."
Jeff schaute Tom mit einem forschenden Blick an.
"Ich kann dir jetzt nichts dazu sagen, weil ich selbst noch nichts genaues weiß, deswegen keine Details."
"Ach Tom, ich wünschte, dass du einfach nur dein... wie hast du es genannt? Dein neues Leben?"
Tom nickte.
"Genau. Ich wünschte, du könntest dein neues Leben beginnen und dich nicht wieder in irgendwelche Schwierigkeiten stürzen."
"Hey, Jeff. Das ist mein neues Leben. Sag mal, was ist los, mit dir? Gönnst du es mir nicht, einen Geist helfen zu können?"
"Tom, vom Gönnen spreche ich nicht. Es ist nur so, dass ich nicht an deinen Geist glaube. Ich vermute eher, dass es vielleicht gefährlich werden könnte. Und ich mag dich, dass weißt du. Du bist ein netter Kerl."
Tom lächelte. "Ach Jeff, ich habe dir versprochen aufzuhören, falls die Sache heikel wird. Und was soll schon gefährlich werden?"
"Nun ja, wenn sich beispielsweise der Anrufer als Psychopath rausstellt."
Jetzt musste Tom lachen. "Jeff, dies ist das wirkliche Leben, es stammt nicht aus eins meiner Bücher."
"Und warum kommen Geister darin vor?"
"Der Punkt geht an dich. Aber es scheint ein guter Geist zu sein."
"Einer, der in Schwierigkeiten steckt."
"Ja, und ich werde ihn da rausholen."

13

Tom saß an seinem Computer und begann mit seinen Recherchen. Im Internet rief er eine Suchmaschine auf und gab als Suchbegriff "Luke Calligan" ein. Vielleicht verfügte er ja über eine Homepage. Er wartete das Ergebnis ab und staunte nicht schlecht, als es angezeigt wurde. Es waren 236 Treffer, es gab wohl eine Menge die so hießen und eine Website besaßen. Tom fügte "Detroit" als weitere Komponente ein. Na bitte. Die Treffer wurden auf drei reduziert. Er wollte gerade das erste Ergebnis öffnen, als ihn Treffer Nummer zwei ins Auge stach. Es war die Website des "Detroit Herold", eine hiesige Lokalzeitung:
".... waren Sarah Norton und Luke Calligan, unsere Starjournalisten der Sache auf der Spur."

Sarah...
Tom öffnete die Homepage des Herolds. Er landete direkt in dessen Archiv, weil sich dort auch die Artikel von Luke Calligan befanden. Da dieser bereits ein Jahr lang vermisst wurde, waren die neueren Artikel nicht von ihm. Ansonsten, so fand Tom heraus, waren die meisten es. Oder die von Sarah Norton. Oder von beiden. Die Neueren waren nur noch von Sarah Norton. Er klickte den Link "unsere Journalisten" an und fand die Namen aller dort arbeitenden Reporter. Hier reihten sich alle alphabetisch geordnet auf. Zwischen "Nash, Phillip" und "O´Hara, Stanley" fand er "Norton, Sarah". "Calligan, Luke", der sich an oberster stelle befinden müsste, war allerdings schon herausgenommen worden und so lautete der erste Name "deLouis, Marc". Tom klickte auf Sarah Nortons Name und erhielt eine kurze Biographie inklusive eines Fotos. Eine sehr attraktive Brünette strahlte ihn an und Toms Kehle wurde trocken, denn sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Shannon. Er zündete sich eine Zigarette an und betrachtete minutenlang Sarah Nortons Foto. Er druckte es samt Biographie aus und nahm sich vor, diese heute noch zu lesen. Und er würde ihr einen Besuch abstatten. Durch sie konnte Tom vielleicht etwas über Luke Calligan herausfinden. Er würde sie zum Essen einladen und mit ihr über ihren alten Kollegen plaudern.
´Hoffentlich lässt sie sich darauf ein.´, dachte Tom, denn wenn Sarah Norton glaubte, dass Tom dabei Hintergedanken hatte, läge sie damit noch nicht einmal ganz falsch. Sein Herz schlug etwas schneller, wenn er ihr Foto anschaute. Er verließ Sarah Nortons Biographie und entdeckte einen kleinen Link auf der Seite "unsere Journalisten", den er bisher übersehen hatte. Er befand sich nicht zwischen den aktuellen Namen, sondern noch weiter unten: In Gedenken: Calligan, Luke. Tom klickte ihn an. Zuerst sein Foto, dann eine Kurzbiographie, wie bei Sarah Norton. Darunter aber befand sich noch eine kleine Zeile:
Luke Calligan verschwand am 25.04.03 spurlos, als er in der Sache Brad Hanson recherchierte. Wir hoffen alle, dass es ihm gut geht. Wir alle vermissen ihn.
Tom druckte auch Calligans Seite aus und verließ das Internet. Er rief seine Geschichte auf um an ihr weiterzuschreiben und zündete sich erneut eine Zigarette an. Als er den Bildschirm betrachtete sah er etwas, was ihn nicht mehr weiter überraschte. Unter dem Text stand ganz groß:

Sarah Norton!!!

14

Der "Detroit Herold" hatte seinen Sitz mitten in der Stadt. Er wartete im Wagen auf Sarah Norton. Die Leute kamen und gingen, es herrschte reger Verkehr im und um das kleine Bürogebäude. Er hatte sie heute morgen in das Büro reingehen sehen. Das war vor acht Stunden. Solange stand er bereits hier und wartete, bis sie wieder herauskam. Er schälte eine Banane und bis hinein. Tom spülte das Stück mit einen Schluck Cola hinunter. Als er erneut in die Banane beißen wollte, trat Sarah Norton aus dem Gebäude. Achtlos warf er die Frucht auf den Beifahrersitz und machte sich bereit. Sarah setzte sich ihrerseits in ihr Auto, startete den Motor und fuhr los. Tom folgte ihr. Er ließ immer jeweils zwei bis drei Autos zwischen ihnen, damit er ihr nicht auffiel. Er hätte sie schon vor dem Herold ansprechen können, aber das wollte er nicht, mitten in der Stadt. Irgendetwas sagte ihm, dass das nicht gut wäre. Nach einer weile fuhr sie ihren Wagen rechts ran. Mit einem Sicherheitsabstand tat Tom es ihr gleich. Sie stieg aus und betrat einen Kiosk. Nach einer Weile verließ sie ihn wieder mit einer Packung Zigaretten und einer kleinen Flasche Cola. Dann stieg sie wieder in ihr Fahrzeug, einem weißen Buick, und fuhr weiter. Tom ließ zwei Wagen passieren und setzte die Verfolgung fort. Nach einer Weile bog sie rechts ab, dann wieder zwei mal links. War sie gerade einen Umweg gefahren? Wenn ja wieso? Hatte sie ihn bemerkt? Das glaubte Tom zwar nicht, denn er war vorsichtig gewesen, aber es kam ihn dennoch seltsam vor. Wenn sie ihn bemerkt hatte, dann fragte er sich wo. Am Kiosk? Schon bei der Abfahrt am Herold? Tom schüttelte den Kopf.
"Sie hat mich nicht bemerkt.", sagte er und merkte nicht, dass er laut sprach. Dann hielt sie wieder an. Tom beschloss diesmal etwas vorsichtiger zu sein. Er fuhr an ihr vorbei und parkte etwas weiter von ihr weg in der Hoffnung, sie würde es nicht bemerken. Tom schaute in den Rückspiegel, sah sie aber nicht. Sie saß nicht im Auto und war auch nirgends auf dem Bürgersteig zu sehen. Er fragte sich in welches Geschäft sie gegangen war. Tom schaute zurück und bemerkte, dass es auf dieser Seite der Straße keine gab. Er wollte gerade die andere Straßenseite absuchen, als jemand an die Scheibe der Fahrerseite klopfte. Tom zuckte zusammen und sah hinaus. Es war Sarah Norton. Sie hatte ihn tatsächlich bemerkt. Er ermahnte sich ruhig zu bleiben aber er zitterte ein wenig. Tom atmete kurz durch und kurbelte dann die Scheibe runter.

 

 

 

15

"Okay.", sagte Sarah Norton, "Wieso verfolgen sie mich?"
Wieder kam in Tom die Frage auf, wann sie ihn bemerkt hatte. Er beschloss ihr später diese Frage zu stellen, aber jetzt musste er sich erst einmal rechtfertigen.
"Nun ja... also, mein Name ist Tom Peters. Und ich... äh..." Tom hielt inne um zu überlegen, wie er anfangen sollte. Er mußte ziemlich dümmlich auf Sarah Norton wirken, denn sie runzelte die Stirn und schaute ihn streng an.
"Was wollen sie Mr. Peters, machen sie schon, ich habe nicht viel Zeit."
Ihre Augen. Sie wirkten hellwach und schauten intelligent. Und das war diese Frau, nicht nur hübsch sondern auch intelligent. Sie hatte ihn schließlich bemerkt, so vorsichtig er auch war.
´Wo?´, fragte er sich erneut.
"Nun?"
Ihr Blick traf seinen und sie hielt ihn fest auf ihn gerichtet.
"Mr. Peters, wie ich schon sagte, ich habe wirklich...."
"Es geht um Luke Calligan."
Jetzt änderte sich ihr Blick. Die strenge Aufmerksamkeit wich eine Mischung aus Neugier, Erstaunen und Betroffenheit.
Tom senkte seinen Blick und sagte scheinbar zum Fußboden seines Wagens: "Ich glaube, er ist tot."

16


Sarah Norton hatte plötzlich alle Zeit der Welt. Sie ließ sich von Tom ins Destiny führen und hörte ihn aufmerksam zu. Tom ging aufs Ganze und erzählte ihr alles, angefangen bei seinem Traum bis hin zu Sarahs Namen, der dick und fett unter seiner Geschichte stand (bei dessen Erwähnung, so bemerkte es Tom, Sarah kreidebleich wurde). Tom glaubte nicht, dass sie ihm die gesamte Geschichte glauben würde, hoffte aber, dass sie nicht alles anzweifeln würde.
Um so überraschter war er als Sarah sagte: "Luke hatte schon immer eine unheimliche Ader an sich. Manchmal glaubte ich, dass er hellseherische Kräfte besaß. Dass er jetzt bei ihnen rumspukt überrascht mich nicht im geringsten. Mr. Peters haben sie eine Ahnung......"
"Tom! Nenn´ mich Tom! Ich darf doch Sarah sagen?" Tom dachte kurz nach, ob er damit nicht ein wenig zu voreilig war, aber dann entgegnete Sarah ihn mit einem Lächeln: "Okay, Tom! Und nenn´ mich Sarah. Hast du eine Ahnung woran Luke gearbeitet hatte, als er verschwand?"
"Ich weiß nur, dass es etwas mit einem gewissen Brad Hanson zu tun hatte. Ich habe aber keine Ahnung wer dieser Kerl ist."
"Brad Hanson ist der Führer einer Sekte, den Children Of Darkness. Schon einmal von denen gehört?"
"Nein. Sind es Gottesgläubige oder Satanisten? Vom Namen her würde ich eher auf Letzteres tippen."
"Das weiß man nicht so genau. Man vermutet Satanisten, schon alleine wegen des Namens. Hanson behauptet, dies sei ein weitverbreitetes Missverständnis. Die Sekte sei lediglich der Meinung, man müsse das Böse dazu nutzen um Gutes zu tun. Es umzuwandeln und praktisch mit den eigenen Waffen schlagen."
Tom runzelte die Stirn. "Das klingt ja absurd!", sagte er verächtlich. "Und verrückt! Wie soll denn das gehen?"
"Nun, das kann ich dir nicht sagen, aber er und seine Anhänger glauben fest daran."
"Aber die müssen doch etwas verheimlichen, wieso ist Luke sonst tot? Ich vermute mal ganz schwer, dass diese Children Of The Dark dahinterstecken."

"Children Of Darkness!", verbesserte Sarah ihn.
"Children Of Darkness!", wiederholte Tom. Und fügte hinzu: "Ich glaube kaum, dass eine gottesgläubige Sekte jemanden umbringt."
"Oh, da irrst du dich aber gewaltig. Es gibt viele solcher Sekten die ´im Auftrag des Herren´ töten. Da habe ich als Journalistin schon viel erlebt. Denk doch auch mal an all die Massenselbstmorde, bei denen sich alle Sektenmitglieder Männer, Frauen, ja selbst Kinder gemeinsam in den Tod stürzten. Und die, die nicht wollten, dass waren halt meist die Kleinen, wurden entweder dazu gezwungen oder schon vorher kaltblütig ermordet, meist von den eigenen Eltern."
"Religiöser Wahn.", murmelte Tom nachdenklich.
"Ja. Genau. Aber es gibt auch noch andere Motive. Menschen, die als von Dämonen besessene galten oder aber das Böse selbst verkörperten wurden im Namen Gottes umgebracht."
Tom schaute auf, Sarah direkt in die Augen. "Religiöser Wahn.", wiederholte er, diesmal in einem Plauderton. "Und du meinst, dass Luke so angesehen wurde? Besessen?"
"Nein, Luke stand denen sehr wahrscheinlich nur bei etwas im Weg."
"Aber bei was?"
"Ich weiß es nicht."
"Aber Luke wusste es."
"Ja. Das letzte Lebenszeichen, dass ich von ihm bekam, war eine e-Mail in der stand, dass er an etwas Großes in der Sache Hanson dran war. Er müsse ein paar Tage verschwinden. Nun ja, er ist jetzt schon ein ganzes Jahr verschwunden."
"Was war es?"
"Ich habe keine Ahnung."
"Er hat es dir nicht gesagt? Habt ihr denn nicht zusammengearbeitet?"
"Nein, ich war an einer anderen Story dran. Das war nur sein Fall. Er wollte sich mit mir treffen und mich einweihen, wenn er zurückgekommen wäre."
"Aber Lukes Verschwinden wurde doch bestimmt mit Hanson oder den Children Of Darkness in Verbindung gebracht, oder nicht?"
"Selbstverständlich. Die Polizei konnte allerdings weder Hanson noch einem anderen Mitglied der Sekte etwas anhängen. Ich selbst hatte auch recherchiert, aber fand nichts. Ich habe mich auch in Lukes Wohnung – in deiner Wohnung – umgesehen. Ich bat diesen Makler... wie war noch mal sein Name?"

"Stone. Donald Stone."

"Genau. Der war’s. Ich bat ihn mich dort mal umsehen zu dürfen. Als ich ihm erklärte, wer ich bin, sagte er auch sofort zu. Ich fand dort allerdings nichts."
"Nun, ich denke mal, ich werde mich selbst nochmals dort umsehen."
"Ja, mach das."
"Sarah?"
"Ja?"
"Wann hast du bemerkt, dass ich dich verfolge?"
"Ich hatte einen guten Blick aus dem Fenster meines Büros auf dein Auto. Mir ist praktisch schon heute morgen aufgefallen, dass jemand aus dem Gebäude beschattet wurde. Von dir. Als ich schließlich losfuhr habe ich bemerkt, dass ich selbst das Opfer deiner Observation gewesen bin."
Tom stockte der Atem. Einerseits, weil er so dumm war, sich sehen zu lassen, andererseits wegen der ständig wachsenden Bewunderung Sarah gegenüber. Nachdem alles gesagt wurde, was zu sagen war, blieben die beiden noch zwei Stunden im Destiny. Bald wurden die Gespräche, auch mit Hilfe einiger Drinks zum Flirt. Es war Sarah, die sich als erstes verabschiedete. Sie gab Tom eine Karte mit sowohl ihrer privaten, als auch geschäftlichen Telefonnummer. Toms Anschluss war, wie sich herausstellte, noch mit der selben Nummer versehen, wie der von Luke.
"Wann sehen wir uns wieder?", wollte Sarah wissen.
"Ich rufe dich an. Besonders dann, wenn ich was neues weiß. Oder etwas finde."

17

Aber Tom blieb glücklos. Er stellte die ganze Wohnung auf den Kopf, fand aber nichts. Er entschloss sich, weiter an seinen Roman zu schreiben. Vielleicht würde sich ja Luke melden, ihn durch die Geschichte auf etwas aufmerksam machen. Er vermutete, dass dies Lukes Absicht war. Er veränderte Namen in der Geschichte. Tom erfand einen Ganoven Namens Brad Hanson, erhoffte sich so Hinweise. Als er allerdings nach einer halben Stunde keine bekam gab er fürs Erste auf. Tom zündete sich eine Zigarette an und wollte den Text gerade abspeichern, als er unter dem von ihm zuletzt Geschriebenen einen neuen Satz fand. Es war schon mehr als ein Hinweis:

Tom öffnete das Adressbuch seines Computers.


´
Verdammt, wieso bin ich da noch nicht drauf gekommen?´ Er hätte sich selbst ohrfeigen können. Tom hatte die komplette Wohnung durchsucht aber an Dateien auf dem Computer hatte er nicht gedacht. Er befolgte Lukes Anweisung. Im Adressbuch befand sich nur eine einzige Adresse. Sie gehörte einem Notar im Westen Detroits. Sam Chambers. Tom fasste den Entschluss ihn am nächsten Tag einen Besuch abzustatten. Er würde Sarah anrufen, es ihr erzählen und sie bitten mitzukommen.
"Danke Luke, du hast mir sehr geholfen. Mal wieder." Mit diesen Worten fuhr er den Computer runter und legte sich schlafen.

18

Am nächsten morgen rief Tom Sarah in ihrem Büro an. Er erzählte ihr von seinem gestrigen Erlebnis. Dabei fiel ihm erneut auf, wie locker Sarah mir dem Übernatürlichen umging. Als er zu der Sache mit dem Adressbuch kam, stöhnte Sarah auf.
"Oh, man! Darüber habe ich doch tatsächlich nicht nachgedacht, als ich in der Wohnung gewesen bin. Der Computer."
"Macht nichts. Mir ging es gestern genauso. Im Adressbuch gab es nur einen Notar Namens Sam Chambers. Sagt dir das etwas?"
"Nein. Noch nie gehört."
"Ich habe vor ihn heute aufzusuchen. Möchtest du mitkommen?"
"Ich würde das liebend gerne, aber auf meinem Schreibtisch stapelt sich die Arbeit. Aber wie wäre es, wenn ich heute abend zu dir käme. Dann könntest du mir alles erzählen."
Tom war enttäuscht, dass sie nicht mitkommen konnte, aber der abendliche Besuch hörte sich auch gut an.
"Einverstanden. Sagen wir um acht?"
"Acht ist Prima. Bis dann."
´Ein Essen für zwei bei romantischem Kerzenschein?´ Tom fragte sich, ob es dafür nicht noch ein bisschen zu früh war, war aber dann der Meinung, dass er es riskieren könnte. Sie hatten sich schließlich auch sofort geduzt. Außerdem mochte er Sarah, was wohl auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Dann aber schreckte er zusammen, weil ihm ein Gedanke durch den Kopf ging.
´Und wer soll das Essen zubereiten?´ Tom musste an den Küchenbrand denken, den er einst in seinem alten Leben ausgelöst hatte. Er fragte sich, ob sie ´Strammen Max´ mochte und musste laut lachen. Ihm fiel ein alter Witz ein, den, indem der Kerl im Restaurant die hübsche Kellnerin anstarrte und sie ihn fragte, was er denn bekäme:
"Ich bekomme einen ´Strammen Max´!"
Antwort: "Dann schauen sie halt wo anders hin!"
´Dann werde ich wohl versuchen müssen etwas anderes zu kochen!´
, dachte sich Tom, zog sich die Jacke über und verließ die Wohnung.

19

Sam Chambers war ein Mann mittleren Alters, dessen Schläfen gerade anfingen zu ergrauen. Seine Brille, eine kleine, runde mit Goldrand, saß keck auf seiner Nase, durch die Chambers nun Tom musterte.
"Nun Mr. Peters, ich finde es sehr nobel von ihnen, dass sie sich auf die Suche nach ihren Freund begeben, aber ich glaube nicht, dass ich ihnen da weiterhelfen kann."
"Sie kannten ihn also nicht?"
"Oh doch, ich kannte Luke Calligan. Er wollte sich ein paar Tagebücher ansehen, die aus einem Nachlass des Jahres 1994 stammten. Es handelte sich um eine Erbschaft, eine Burg in Dawsonville, Chicago, Illinois. Die Tagebücher waren ein Teil davon."
"Weshalb sollte sich Mr. Calligan für Tagebücher interessieren, dessen Besitzer bereits zehn Jahre tot ist? Es waren doch die Tagebücher des Verstorbenen, oder?"
"Ja, aber Mr. Peters, ich würde ihnen gerne mehr darüber erzählen, ich weiß allerdings nicht, ob ich ihnen trauen kann. Verstehen sie mich nicht falsch, aber kurz nachdem Mr. Calligan einen Termin bei mir machte um die Tagebücher einzusehen, wurde hier eingebrochen. Eines der Tagebücher wurde geklaut. Sonst aber nichts."
"Wer sollte sich denn die Mühe machen in ein Notariat einzubrechen, nur mit der Absicht, ein einziges Tagebuch zu stehlen?" Aber Tom kannte darauf die Antwort im Gegensatz zum Notar.
"Ich habe keine Ahnung.", beteuerte dieser und Tom sah, das er es ernst meinte.
"Haben sie mal von einem Kerl namens Brad Hanson gehört? Oder von den Children Of Darkness?"
"Der Name sagt mir nichts. Aber Children Of Darkness ist eine berüchtigte Sekte. Was ist denn damit?"
"Nun, Brad Hanson ist der Anführer dieser Sekte und ich habe das Gefühl, dass die Sekte nun im Besitz dieses Tagebuch ist."
"Wie kommen sie denn darauf? Was wollen denn diese Leute damit?"
"Ich habe keine Ahnung, da ich nicht weiß, was in diesem Tagebuch steht."
"Und ich habe keine Ahnung, ob sie nicht auch zu dieser Sekte gehören und jetzt nur hinter den anderen Tagebüchern her sind, weil, sagen wir mal, ihnen vor einem Jahr das falsche Tagebuch in die Hände gefallen ist."
"Und wieso sollte ich sie dann erst jetzt aufsuchen? Hören sie Mr. Chambers, ich versichere ihnen, dass ich nicht die Absicht besitze, irgendetwas zu stehlen, oder sonst an Missetaten zu begehen."
"Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Tut mir leid Mr. Peters, aber ich kann und werde ihnen da nicht weiterhelfen. Wissen sie, ich habe Angst. Mein Vorgänger, Timothy Farlow, ist am Abend vor der Testamenteröffnung..." Chambers hielt inne.
"Ja?"
"Bitte Mr. Peters, ich will nicht unhöflich sein, aber verlassen sie bitte mein Büro."
"Na gut. Aber sagen sie mir wenigstens den Namen des vor zehn Jahren Verstorbeben. Wenn ich tatsächlich zu dieser Sekte gehören sollte, müsste er mir doch sowieso schon bekannt sein."
Chambers dachte darüber nach, nickte und meinte: "Na gut. Der Name lautet Robert Fitzgerald Meola."

20

Tom begab sich ans Kochen. Spaghetti Bolognese. Er dachte sich, dass man da eigentlich nichts bei falsch machen könne. Nudeln zu kochen war sowieso kinderleicht. Das knifflige war die Sauce hinzubekommen und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen. Aber es klappte besser als Tom sich je zu träumen gewagt hatte. Nachdem er sich dabei erwischte, sich ständig selbst zu loben, klingelte es. Er öffnete die Tür und Sarah Norton trat ein.


21

Der abend verlief wie Tom es sich erwünscht hatte. Ein romantisches Essen bei Kerzenschein. Aber das Beste daran war, dass es Sarah anscheinend echt schmeckte. Er erzählte ihr währenddessen vom Besuch beim Notar.
"Leider habe ich nicht mehr rausbekommen, weil dieser sture Typ mich praktisch an die Luft gesetzt hat. Tut mir leid."
Sarah sah ihn an und fing lauthals an zu lachen.
"He, was ist denn so komisch? Hab ich ´n Fisch im Gesicht?" Bei dieser Bemerkung fiel Toms Blick zwangsläufig zu Henry, der mit seinen Kollegen munter im Aquarium rumplätscherte und Sarahs Gelächter wurde dadurch nur lauter und heftiger.
Als sie sich wieder beruhigte, sagte sie: "Nein, tut mir leid! Aber du hast schon mehr rausgefunden als ich es mir erhofft habe." Dann fing sie an Tom eine Geschichte zu erzählen, die sich vor zehn Jahren in Dawsonville ereignet haben sollte.

22

"Ich habe vor zehn Jahren zusammen mit Luke in dieser Sache recherchiert. Es war unser gemeinsamer Durchbruch. Hört sich wie eine typische Gruselgeschichte an. Dawsonville ist ein kleines Dorf, dass zum Süden Chicagos gehört. Dort in der Nähe gibt es ein Schloss."
"Lass mich raten, da soll es angeblich spuken."
"Ja, aber das tut nichts zur Sache."
"Nein?"
Sarah ignorierte Toms Bemerkungen und fuhr fort: "Das Schloss gehörte Robert Fitzgerald Meola. Muss ein übelgelaunter Geselle gewesen sein, den niemand mochte, weder das Dorf noch seine eigene Familie. Er lebte dort bis er sich im Juli 1994 das Leben nahm. Tom, er war 102 Jahre alt und brachte sich dann um, kannst du dir das vorstellen?"
Tom verschluckte sich fast am Rotwein, den er zu den Spaghettis servierte.
"Wieso tat er das?"
"Man sagt, er hätte Spielschulden gehabt. Andere meinten, er hätte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der ihn zu sich rief." Sarah machte eine kurze Pause um den Faden wieder aufnehmen zu können, dann fuhr sie fort: "Wie dem auch sei, er starb und dann folgte erst der richtige Horror. Der von Chambers angesprochene Notar Farlow ließ alle Verwandten zur Testamentseröffnung auf das Schloss kommen. Ein Verrückter, der sich als Bob Meola ausgab, tötete daraufhin einen Friedhofswärter, Notar Farlow, fast die komplette Familie und vermutlich auch den Sheriff und seinen Deputy auf bestialische Art und Weise."
Tom schaute Sarah mit weit aufgerissenen Augen an. "Du meine Güte!"
"Er ging sogar soweit, dass er Bob Meolas Grab schändete. Er öffnete es, stahl die Leiche und ließ es so aussehen, als ob der alte Meola aus seinem Grab herausgekrochen war."
Tom bekam eine Gänsehaut. "Wie furchtbar!"
"Allerdings gibt es da noch die Variante der Geschichte, die sich die Einheimischen erzählen."
"Lass mich raten! Es war kein Verrückter sondern der alte Meola selbst. Er ist aus seinem Grab entstiegen, weil der Teufel ihn zurückgeschickt hatte, um seine Familie umzulegen, weshalb auch immer. Die beiden Polizisten, der Notar und der Friedhofswärter standen ihm dabei im Weg."
Sarah sah Tom verblüfft an. "Genauso war’s! Wie kommst du...."
"Du hast gesagt, es hört sich wie eine typische Gruselgeschichte an, da ist das doch offensichtlich. Hat jemand das Massaker überlebt?"
"Ja. Der Enkel des alten Bob, Dennis Meola und dessen damals elfjähriger Sohn Brian. Brian lebt in Los Angeles. Dennis ist inzwischen leider tot, starb vor vier Jahren bei einem Bootsunfall. Ich war zu diesem Zeitpunkt in L.A. und las es zufällig in der Lokalpresse."
"Du oder Luke, einer von euch hat doch bestimmt mit den beiden gesprochen, oder?"
"Wir sprachen beide mit Dennis der dazu keine Stellung nehmen wollte." Sarah wurde verlegen. "Nun, wie wir Reporter nun mal sind gingen wir ihn auch mächtig auf den Keks. Dennis beteuerte, wenn wir ihn und Brian nicht bald in Ruhe lassen würden, würde etwas geschehen. Wir gaben auf, nachdem wirklich etwas passierte. Dennis schirmte seinen Jungen wo es nur ging von uns und anderen Reportern ab. Er brachte ihn zur Schule und holte ihn auch von dort wieder ab. Wenn Brian irgendwo hin wollte, Dennis war dabei. Wir waren die letzten und hartnäckigsten Reporter und als Dennis dachte, es wäre nun Gras über die ganze Sache gewachsen, und versuchte, den Jungen mal wieder alleine zur Schule zu schicken und Luke Brian bedrängte..." Sarah musste grinsen.
"Was? Was ist passiert?"
"Nun, als Luke dachte, dass Dennis außer Reichweite war, sprach er Brian an. Bedauerlicherweise stand Dennis aber noch um die Ecke und bekam es mit. Tja. Lukes Veilchen war noch zwei Wochen später so grün und blau, als hätte Dennis ihm erst am Tage zuvor geschlagen. Dann gaben wir auf."
"Den Jungen habt ihr nie gesprochen?"
"Nein. Wir fanden es besser, ihn in Ruhe zu lassen."
Tom grinste: "Auch um Lukes Gesundheit willen!"
Die beiden starrten sich eine weile an. Dann brachen beide gleichzeitig in Gelächter aus.

23

Nach dem Essen wurde nicht mehr über Chambers, Luke, Hanson oder den Meolas gesprochen. Vielmehr erzählte Tom Sarah seine Lebensgeschichte. Sie hörte ihm mit einer Mischung aus großem Interesse und Mitgefühl zu. Als er fertig war fiel Tom auf, dass Sarah inzwischen neben ihm saß.
Sie schaute in seine Augen und sagte: "Ich finde es prima wie du dein Leben wieder in den Griff bekommen hast." Sie küsste ihn und Tom erwiderte den Kuss. Dann liebten sie sich.

24

Sarah nahm sich den nächsten Tag frei und ging mit Tom Hand in Hand durch den Stadtpark spazieren.
"Was glaubst du, ob Brian noch in L.A. wohnt?"
"Da bin ich mir ziemlich sicher. Zumindest tat er es noch, als sein Vater vor vier Jahren starb. Ich war auf der Beerdigung und sah ihn."
"Hat er dich gesehen?"
"Ich glaube nicht, ich hielt mich im Hintergrund auf."
"Ich habe vor ihn zu besuchen, was meinst du, kommst du mit?"
"Sarah sah ihn mit großen Augen an. Du willst nach L.A.? Mit mir?"
"Ja, warum auch nicht?"
Sarah überlegte, dann nickte sie. "Ja, geht in Ordnung, wann willst du hin?"
"Ich dachte an morgen."
"Na ja, also morgen werde ich noch nicht können, da ich noch einiges nachzuholen habe. Aber ich könnte übermorgen nachkommen. Ist vielleicht sowieso gut, wenn Brian mich anfangs noch nicht sieht, vielleicht ist er noch nicht gut auf mich zu sprechen. Und vielleicht solltest du mich auch anfangs noch nicht erwähnen. Auch Lukes Name würde ich aus dem Spiel lassen."
Tom nickte, denn das hörte sich vernünftig an. Wenn Tom mit Sarah dort erscheinen würde, wären ihnen vielleicht alle Türen sofort verschlossen und ließen sich nicht mehr öffnen.
"Folgendes!", fing Tom an, "wenn ich nach Hause komme, werde ich in L.A. ein Zimmer in einem Hotel buchen – für uns beide. Ich werde an der Rezeption hinterlassen, dass du erst am nächsten Tag erscheinst. Du gibst mir nachher Brian Meolas Adresse und ich werde ihm am ersten Tag besuchen. Wenn du übermorgen zu mir stößt werden wir beraten, je nachdem was mein Besuch ergibt, wie wir verfahren werden. Ich werde weder dich noch Luke Brian Meola gegenüber erwähnen, zumindest vorerst nicht. Besitzt du ein Laptop?"
"Ja, wieso?"
"Würdest du es mir borgen? Ich würde gerne unterwegs etwas schreiben."
"Geht klar. Tom, was wirst du Brian Meola sagen, wenn du Luke nicht erwähnen willst?"
Tom zuckte mit den Schultern. "Das weiß ich noch nicht so genau, werde mir was überlegen. Vielleicht gebe ich mich als Detektiv aus und werde ihm sagen, dass ich im Fall Brad Hanson ermittle. Seine Spur würde dorthin führen."
Sarah öffnete den Mund und wollte etwas sagen, als ein Junge die Ecke herum rannte und mit Tom zusammenstieß. Sie empfand es als seltsam, dass Tom hinfiel, der Junge aber stehen blieb. Lediglich die Schultasche des Jungen landete auf dem Boden. Eigentlich hätte diese Szene komisch wirken müssen, tat sie aber aus irgendeinem Grund nicht. Sarah schätzte den Knirps auf cirka zwölf Jahre und half Tom, dem die Sache peinlich erschien, auf die Beine. Dann hob sie die Tasche des Kindes auf. Ein Blick auf dessen Namensschild verriet ihr, dass es sich bei dessen Besitzer um Randy Fuller, 15 Pascalena Road, das war gleich um die Ecke, handelte.
"Danke, Lady. Und tut mir leid Mister."
Aber sein Blick verriet, dass er es nicht aufrichtig meinte. Irgendetwas gefiel ihr nicht an dem Jungen und Tom schien es genauso zu gehen.
"Pass halt demnächst ein bisschen auf, Randy.", sagte Sarah, und dem Jungen erschien es, wie es aussah, nicht im geringsten seltsam, dass sie seinen Namen wusste, obwohl sie hätte schwören können, dass er es nicht bemerkt hatte, als sie das Namensschild las. Stattdessen grinste der Junge. Es war ein unheimliches Grinsen, was vor allem an seinem Blick lag. ´Diese Augen...´
Das war ein Gedanke, den Sarah und Tom zur gleichen Zeit dachten, selbstverständlich ohne es voneinander zu wissen.
"Aber selbstverständlich, Lady, und nochmals Verzeihung!", sagte Randy, ohne den unheimlichen Glanz in seinen blauen Augen zu verlieren.
"Ich hatte es nur eilig nach Hause zu kommen. Ihr beide seid verliebt, nicht wahr?"
´Das geht dich überhaupt nichts an!´ wollte Tom sagen, aber irgendetwas hinderte ihn daran. Stattdessen bejahte er die Frage.
Randy nahm seine Tasche, die Sarah ihn reichte, und ging, immer noch lächelnd, an den beiden vorbei. Nach ein paar Metern blieb er noch einmal stehen und drehte sich zu den Beiden um.
"Aber seit vorsichtig! Liebe kann grausam sein!", sprach er und verschwand um die Ecke. Weder Tom noch Sarah würden Randy Fullers unheimlichen Blick je vergessen können.

25

Am nächsten morgen bekam Tom unerwarteten Besuch. Er stand schon mit gepackter Tasche im Wohnzimmer und versorgte die Fische mit reichlich Futter als es an der Tür schellte. Es war Donald Stone.
"Guten morgen, Mr. Peters, ich hoffe sie nicht zu stören."
"Nun, ich habe noch ein wenig Zeit bevor mein Flug geht. Kommen sie rein. Was kann ich für sie tun?"
"Sie wollen verreisen? Ich hoffe, es hat nichts mit der Wohnung zu tun."
"Nein, mit der Wohnung ist alles in Ordnung. Warum fragen sie?"
"Nun...", begann Stone, dem die Sache sichtlich peinlich war, " ...es gibt da etwas, dass ich ihnen verheimlicht habe." Und dann begann der Makler sein Gewissen zu bereinigen. Er erzählte Tom von dem beklemmenden Gefühl und wie die Leute sich unwohl gefühlt hatten und deshalb die Wohnung ablehnten.
"Ich hatte wirklich das Gefühl, dass hier etwas seltsames vorgeht. Ich will nicht, dass sie mich für verrückt halten, aber ich glaube, dass es hier spukt, nun, zumindest tat es das, bis sie hier auftauchten."
Tom überlegte, ob er Stone von Luke erzählen sollte, entschied sich aber dagegen. Er wollte ihn seine Belastung, die er offenbar besaß, nehmen.
"Ich kann ihnen versichern, dass alles in bester Ordnung ist. Machen sie sich keine Sorgen. Was immer es auch gewesen sein mag, es ist weg."
Stone schien sich damit zufrieden zu geben. "Nun, dann möchte ich sie nicht weiter stören."
"Oh, eine Frage habe ich noch. Diese Unbehaglichkeit, hatte Sarah Norton sie auch bemerkt? Sie hat mir erzählt, sie hätten sie eines Tages in die Wohnung gelassen, damit sie sich hier einmal umschauen könnte."
"Sarah Norton? Das ist doch diese Reporterin, die mit Mr. Calligan zusammen gearbeitet hat."
"Ja, genau, das ist sie. Sie erinnern sich daran?"
"Tut mir leid, Mr. Peters. Ich habe Mrs. Norton nie persönlich zu Gesicht bekommen."
"Aber sie hat mir erzählt, dass sie sie hier hineingelassen haben."
"Das stimmt nicht. Sie war niemals hier. Zumindest nicht, dass ich wüsste."

26

Tom saß im Hotelzimmer in Los Angeles. Er hatte Sarahs Laptop auf dem Schoß und versuchte an seiner Geschichte zu schreiben. Aber wie zuvor im Flugzeug fiel ihm nichts ein. Seine Gedanken waren bei Sarah. Wieso hatte sie ihn belogen?
´Sie wird einen guten Grund dafür gehabt haben.´, dachte er. Aber welchen? Er wusste es nicht, aber er würde sie zur Rede stellen. Das Gefühl, dass sie ihm etwas verschwiegen hatte, warum auch immer, blieb dennoch. Ein wenig wütend auf sie war er auch. Tom beschloss nicht weiter an seiner Geschichte zu schreiben, und sich auf den Weg zu machen, um Brian Meola treffen. Tom wollte den Laptop gerade ausschalten, als er eine Textzeile unter seiner Geschichte las, eine weitere Nachricht von Luke. Sofort schlug die Wut auf Sarah in größte Sorge um. Was immer sie ihm auch verschwieg, es hatte den Anschein, dass es sie in große Schwierigkeiten gebracht hatte. Aufgeregt las Tom erneut die Zeile, die nur aus zwei Wörtern bestand:

Sarah Gefahr Sarah Gefahr Sarah Gefahr Sarah Gefahr Sarah Gefahr Sarah Gefahr Sarah Gefahr Sarah Gefahr

27

Tom versuchte Sarah zu erreichen. Er wählte beide Telefonnummern, die er von Sarah hatte. Zuerst versuchte er es bei ihr zu Hause. Nichts. Niemand ging ran. Dort war sie also nicht, was er auch nicht vermutete. Er wählte ihr Büro an. Nachdem das Telefon sieben mal klingelte, meldete sich eine Frauenstimme, die nicht zu Sarah gehörte.
"Detroit Herold, Büro von Sarah Norton, Sabrina Thompson hier, was kann ich für sie tun?"
"Ja, guten Tag, hier spricht Tom Peters. Kann ich bitte mit Sarah Norton sprechen?"
"Einen Augenblick bitte."
Tom wurde auf eine Warteschleife verbannt. Ein Glockenspiel spielte eine furchtbare Version von "Don´t Worry, Be Happy". Es dauerte ungefähr 15 Sekunden, aber für Tom war es eine Ewigkeit.
"Tut mir leid, aber Mrs. Norton ist nicht im Hause. Kann ich etwas ausrichten?"
Tom ignorierte die Frage. "Wo kann ich sie erreichen? Es ist furchtbar wichtig."
"Ich muss sie da wieder enttäuschen, sie ist heute nicht zur Arbeit erschienen."
Toms Herz schlug plötzlich schneller. Sie war nicht auf der Arbeit, dass hieß, es konnte ihr schon etwas zugestoßen sein. Seine Sorge wurde immer größer.
"Falls sie heute doch noch im Büro erscheinen sollte, können sie ihr bitte ausrichten, dass sie mich dringend anrufen soll? Auf mein Handy."
"Kennt sie die Nummer?"
Tom wollte diese Frage gerade bejahen, als ihm bewusst wurde, dass er sie ihr noch gar nicht gegeben hatte. Oder doch? Er gab Sabrina Thompson die Nummer und legte auf. Dann fiel ihm ein, was er noch machen konnte. Vielleicht war sie bei ihm in der Wohnung. Es war immerhin möglich, denn er hatte Sarah seinen Ersatzschlüssel gegeben. Ihm fiel zwar kein Grund ein, was sie dort sollte, aber er versuchte es. Tom wählte seine eigene Nummer. Und tatsächlich, nach dreimaligem Klingeln verriet ein Klacken in der Leitung, dass der Hörer abgenommen wurde. Tom atmete vor Erleichterung tief durch, denn es konnte nur Sarah sein.
Tom fing an: "Sarah, bitte hör mir gut zu, ich habe Grund zur Annahme..."
Aber es war nicht Sarah Norton. Dennoch, diese Stimme kannte Tom nur allzu gut. Er hatte sie bereits einmal gehört. Es war Lukes Stimme. Genau wie damals flüsterte er zwei langgezogene Silben. Nur, dass es diesmal nicht HIIIILF MIIIR war, was er von sich gab. Und es war irgendwie noch beunruhigender: "Saaa- raaaaah!!!" Und dann zwei weitere Silben, diesmal kurz und energisch: "GE- FAHR!!!"

"Saaa- raaaaah!!! GE- FAHR!!!"

28

Tom zitterte, als er den Hörer auflegte.
Dann schrie er in das leere Hotelzimmer hinein: "Verdammt Luke, kannst du dich nicht ein wenig präziser artikulieren? WIESO IST SARAH IN GEFAHR???"
Aber all seine Wut nützte jetzt nichts. Er musste etwas unternehmen. Brian Meola, Brad Hanson, ja selbst Luke, obwohl er ihn erst auf Sarahs Misere aufmerksam gemacht hatte, sie alle waren ihm jetzt egal. Er musste Sarah finden. Doch wo war sie? Und Moment mal, so egal durfte Brad Hanson ihm nicht sein. Er könnte ja schließlich etwas damit zu tun haben. Tom ärgerte sich, dass er Sarah nicht mehr über Brad Hanson oder den Children Of Darkness gefragt hatte. Wo konnte er sie finden? Er wählte sich ins Internet ein und gab "Brad Hanson" und "Children Of Darkness" in die Suchmaschine ein. Aber er erhielt nur wenig Informationen und das wichtigste kannte er schon. Es war nichts brauchbares dabei. Das einzig Interessante, dass er noch nicht wusste war, dass die Children Of Darkness in ganz Amerika zu finden waren, in fast jeder großen Stadt. Und ausgerechnet Los Angeles und Detroit waren nicht dabei.
"VERDAMMT!!!", schrie Tom und warf den Laptop gegen die Wand des Hotelzimmers. Es tat ihm sofort leid, denn ihm wurde bewusst, dass er so gerade eben Sarahs Besitz zerstört hatte."
´Werde es ihr ersetzen!´, dachte er. Aber zuerst musste Tom sie finden. Das Internet konnte er ja jetzt vergessen.
´Schön blöd, Tom, verbau dir noch die letzten Möglichkeiten.´, tadelte er sich selbst. Dann aber kam er zum Entschluss, dass ihm das Internet auch nicht viel weiter geholfen hätte. Wenn er jetzt in Detroit gewesen wäre, hätte er sich in Sarahs Wohnung umgesehen. Sollte er zurückfliegen? Aber vielleicht konnte ihn auch Brian Meola helfen Sarah zu finden. Er kramte in seine Hosentasche und fand einen Zettel. Darauf Stand in Sarahs Handschrift geschrieben:

Brian D. Meola
57 Beach Road
Malibu, CA 90250

"Okay, dann ab nach Malibu.", sagte er. Und dort würde er nicht hinfahren, um zu Surfen.

29

Tom klopfte an die Tür von 57 Beach Road. Sofort öffnete ein junger Mann mit Sonnenbrille, Anfang 20, braunes Haar, die Tür einen Spalt. Sie war mit einer Sicherheitskette zugezogen.
"Sind sie Brian Meola?", fragte Tom.
"Kommt drauf an, wer das wissen will."
"Mein Name ist Tom Peters." Privatdetektiv wollte er zuerst behaupten, aber als der Bursche hinter der Tür die Sonnenbrille abzog und er in dessen blauen Augen sah, wusste er, dass es falsch gewesen wäre, ihn anzulügen. Er sah darin etwas wie Ehrlichkeit, und wenn man ihn selbst mit Ehrlichkeit gegenübertrat, das wusste er genau, würde man bei Brian Meola weiterkommen. Tom konnte nicht sagen woher er diese Eingebung hatte. Er hatte das Gefühl, seit er auf Lukes Geist getroffen war ein Gespür dafür bekommen zu haben.
"Ja? Und?" Brians Worte rissen Tom aus seinen Gedanken.
"Nun, das ist alles ein wenig kompliziert. Ich möchte gerne einen guten Freund von mir helfen. Und meine Freundin, sie ist in Gefahr. Es mag sich vielleicht alles ein wenig seltsam anhören, aber ich glaube, dass sie zur Zeit der einzige Mensch sind, der mir weiterhelfen kann."
Brian runzelte die Stirn. "Mister, das hört sich in der Tat sehr seltsam an und ich weiß auch nicht, wieso gerade ich ihnen helfen könnte. Nun ja, andererseits scheinen sie nicht gerade einer von denen zu sein und ich habe das Gefühl, sie stehen auf meiner Seite."
Jetzt war Tom der Verwirrte. Brian Meola zog die Sicherheitskette ab und lies Tom Peters hinein.

30

"Setzten sie sich doch, Mr. Peters.", sagte Brian mit einer dazugehörigen Geste in Richtung eines der Sessel. Zuvor hatte sich Tom in der wunderschön eingerichteten Wohnung umgeschaut. Am auffälligsten war eine Vitrine in der eine Menge Gläser standen. Darunter befanden sich verschiedene Sportutensilien. Basebälle, Eishockeypucks, Wimpel der L.A. Lakers und der San Francisco 49ers. Der sonderbarste Gegenstand allerdings, der in dieser Vitrine hineinpasste, wie ein Clown auf einer Beerdigung, so fand Tom, war eine Steinschleuder. Tom setzte sich in den Sessel, Brian nahm auf der Couch ihm Gegenüber platz. Tom bemerkte nun einen leichten Sonnenbrand um Brians Nase und auf seiner Stirn.
Als ob Brian seine Gedanken gelesen hätte, sagte er: "Ich bin gestern in der Sonne eingeschlafen." Brian grinste verlegen, wobei er auf sein Gesicht deutete.
Tom lächelte schwach, dann fragte er Brian: "Wen haben sie eben gemeint, als sie sagten, ich würde nicht zu denen gehören?"
Brian schwieg kurz, dann fragte er: "Ich glaube, dass wir es demnächst länger miteinander zu tun bekommen, sollten wir uns da nicht beim Vornamen nennen? Tom?"
"Okay! Brian!", bestätigte Tom mit einem grinsen. Er mußte daran denken, wie schnell er Sarah geduzt hatte. Dann wiederholte er seine Frage: "Wen hattest du gemeint?"
"Die Children Of Darkness! Du müsstest sie kennen. Wenn so viele deines Bekanntenkreis in Schwierigkeiten stecken, und ihre Spur dich zu mir führen, kann es sich nur um diese Verrückten handeln. Die sind dir doch bekannt, oder?"

"Ja. Ich bin ihnen noch nicht persönlich begegnet, und dafür scheine ich Gott danken zu müssen. Brian, ich muss Aufrichtig mit dir sein. Mein Bekanntenkreis, wie du ihn so schön nanntest, besteht aus zwei Personen, die du kennen müsstest."
"Luke Calligan und Sarah Norton?", fragte Brian, während er seinen Teppich betrachtete.
Tom hatte den Mund offen stehen. Brian schaute zu ihm auf und grinste ihn an.
"Tom, ich glaube, wir sitzen im selben Boot. Was meinst du, willst du ein Bier? Du siehst aus als könntest du eins gebrauchen."
"Ein Bier wäre klasse." Brian verschwand in die Küche. Während seiner Abwesenheit schossen Tom tausende Gedanken durch den Kopf. Dieser Brian war irgendwie unheimlich. Aber nicht auf der Art und Weise wie der Junge im Stadtpark. Der war feindselig. Brian war ein richtig netter Typ und Tom war der Meinung, es wäre eine prima Idee gewesen, hierher zu kommen. Es war irgendwie.... ´Richtig´, schoss es ihm durch den Kopf. Brian kam mit dem Bier hinein.
"Ich kann uns auch nachher noch etwas zum essen Warm machen. Nichts besonderes. Ein paar Käsemaccaroni."
Er gab Tom das Bier, setzte sich. "Ist halt ein typischer Junggesellenhaushalt."
"Nichts in Sachen Liebe?", fragte Tom mit hochgezogener Augenbraue.
Brian schaute finster. "Bis vor einem Jahr noch. Ich war mit Cindy, so heißt sie, seit meiner Kindheit zusammen. Nun ja, dann haute sie mit einem anderen ab. Meinem besten Freund Timmy MacLean. Habe die beiden nie mehr wieder gesehen. Also! Auf die Liebe!" Brian lächelte schwach und hielt Tom seine Flasche Bier entgegen. "Prost!"
Tom ließ seine Flasche gegen Brians klirren. ´Liebe kann grausam sein!´ Die Worte des seltsamen Jungen aus dem Stadtpark durchzuckten Tom wie ein Blitz.
"Apropos Liebe, Sarah Norton, ist deine Freundin?"
"Oh! Ja, Brian. Sie..."
Brian schüttelte den Kopf. "Ist dir jetzt peinlich, weil sie mich und meinen Vater damals bedrängt hat, stimmt´s? Nun, mach dir mal keine Gedanken darüber, ist schließlich ihr Job. Außerdem kenne ich sie ja nicht persönlich. Und Luke? Ist dein Kumpel? Ich dachte, er wird vermisst?"
"Ja, wird er auch."
"Wie dem auch sei, ich habe beide zwischen heute und damals noch jeweils einmal gesehen – aber nicht zusammen."
Tom zog erneut seine Augenbraue hoch.
"Sarah sah ich auf der Beerdigung meines Vaters. Ich glaube sie weiß nicht, dass ich sie dort gesehen habe."
Tom nickte zur Bestätigung seiner Aussage und Brian nickte zufrieden.
´Das muss ich Sarah unbedingt erzählen. Sie wird sich totärgern.´, dachte Tom schelmisch. Aber Sarah Norton sollte niemals erfahren, dass Brian Meola sie dort gesehen hatte.
"Wann hast du Luke gesehen?"
"Kurz vor seinem Verschwinden. Er saß dort auf dem Sessel, auf dem du jetzt sitzt und wir unterhielten uns so angeregt, wie wir beide es jetzt tun. Verdammt, wenn ich mich richtig erinnere, tranken wir beide ebenfalls Bier."
"Brian, du kanntest Luke?"
"Nun, nicht so gut, aber wir waren kurz davor eine Freundschaft zu schließen. Wie wir jetzt. Doch danach sah ich ihn nie wieder."
"Dann ist er verschwunden."
"Yeah, und ich hoffe, dass du nicht auch noch verschwindest wie alle meine Freunde. Sag mal, könnte es an meinem Rasierwasser liegen?"
Darüber mussten beide laut lachen.
"Worüber hast du dich mit Luke unterhalten?"
"Er war Brad Hanson auf der Spur. Ich sagte ihm, er solle die Finger von ihm lassen und die Sache der Polizei überlassen. Das würde ich dir übrigens auch empfehlen, wenn du nicht so gute Motive hättest, wie deiner Freundin zu helfen. Er erzählte mir, dass er vermutete, die Children Of Darkness würden wohl versuchen mich zu belästigen. Er wisse noch nicht wieso, aber er würde es bald herausfinden. Es müsste etwas mit meinem Urgroßvater zu tun haben. Du kennst die Story?"
"Beide Versionen."
"Ich denke mal, da werde ich später noch mal drauf zurückkommen müssen, wenn auch nicht gerne."
"Ja. Das wirst du wohl müssen. Brian, ich vermute, ich weiß wie Luke herausfinden wollte, was die Children Of Darkness von dir wollten."
"Von mir immer noch wollen, da ist etwas im Busch. Ich werde andauernd von ihnen beobachtet und beschattet."
Toms Augenbraue ruckte wieder hoch.
"Aber was wolltest du mir sagen? Ich meine wegen Luke."
"Ach ja, er wollte einen Blick in die Tagebücher deines Urgroßvaters werfen."
Brian wurde blass und Tom erzählte ihm von seinem Besuch bei Sam Chambers.
"Er wollte mir die Tagebücher nicht zeigen, weil eines davon gestohlen wurde."
"Scheiße!", schrie Brian, "Verdammter Mist! Tom! Ich weiß welches Tagebuch geklaut wurde! Und Hanson, gehen wir mal davon aus, dass er es war, der das Tagebuch gestohlen hat, oh man!" Brian schien mit den Nerven runter.
"Hey, jetzt beruhig dich erst einmal und dann erzähl mir was los ist." Tom betrachtete Brian und bemerkte jetzt, wie jung er noch war. Er hatte es bisher immer mit alten Hasen wie ihm zu tun – oder noch ältere – aber noch nie mit einem so jungen Spund. Dennoch, er mochte Brian wirklich und es tat ihm in der Seele weh, seinen gerade neugewonnenen Freund so zu sehen.
"Hanson!", fuhr Brian fort, der sich tatsächlich etwas zu beruhigen schien, "Er weiß ja gar nicht, was er da tut. Tom, du weißt, was die Children Of Darkness sind?"
"Ja. Eine Sekte, die die Kraft des Bösen irgendwie dazu benutzen wollen Gutes zu tun, oder so ähnlich."
"Nein, nicht so ähnlich, sondern genau so! Und das Tagebuch ist praktisch eine Anleitung dazu, glauben die zumindest. Dabei würden sie nur das Gegenteil erreichen!"
"Brian, du sprichst in Rätseln."
"Na gut, dann hör mir jetzt aufmerksam zu. Obwohl..."
"Was?"
"Tom wie passt du eigentlich in die Geschichte rein?"
"Wie bitte?"
"Nun ja, wie hast du Sarah kennen gelernt?"
"Durch Luke – sozusagen. Ich bin in seine Wohnung gezogen, da fing der ganze Schlammassel an." Tom wurde bewusst, dass Brian ja noch gar nichts über seine Erlebnisse mit Luke wusste.
´Und trotzdem vertraut er mir.´, dachte er ehrfürchtig und fing dann an, Brian in einer kurzen Zusammenfassung seine bisherige Geschichte zu erzählen. An übernatürlichen Phänomenen war Brian gewohnt, das sah man ihm an. Einmal ganz kurz überfiel Brian etwas wie Trauer, an der Stelle, an der herauskam, dass Luke vermutlich tot war. Aber sonst verzog er keine Miene und hörte aufmerksam zu. Er erklärte Brian auch, weshalb er vermutete, Sarah sei in Gefahr. Als Tom fertig war nickte Brian.
"Gut, das wollte ich noch gewusst haben. Aber nun werde ich dir erzählen, was du alles wissen musst." Sie schauten nach draußen, es wurde bereits dunkel.

31

Brian erzählte von den Ereignissen in Dawsonville, die er vor zehn Jahren erlebt hatte. Ein elfjähriger Junge, der in einem Schloss ein Horrorszenario miterleben musste. Tom fing an, Brian dafür zu bewundern, wie gut er dieses Trauma überstanden hatte. Bis auf seinem Vater hatte er dort seine komplette Familie verloren, nicht durch einen Psychopathen, sondern durch die Hand seines Urgroßvaters – seines toten Urgroßvaters. Bob Meola war dessen Name und er lockte ihn und seine Familie in sein Schloss bei Dawsonville. Es sollte sein Testament eröffnet werden, aber Bob Meola wollte sie alle umbringen, um ihre Seelen dem Teufel zu übergeben. Er hätte dafür ewiges Leben erhalten.
"Wir fanden also seine Tagebücher und durchstöberten sie um einen Weg zu finden, ihn wieder in die Hölle zurück zu jagen. Wir erfuhren, dass er eine Kristallkugel bei sich trug in der er die schon erlangten Seelen aufbewahren sollte. Diese durfte nicht zerbrechen." Brian grinste diabolisch. "Nun, wir brachten sie zum zerbrechen."
Er erzählte die ganze Story so, als wäre die ganze Sache das natürlichste auf der Welt, etwas, dass einem in der Fußgängerzone passieren konnte. Aber Tom hörte aufmerksam zu. Jetzt wusste er, wieso Brian keine Miene bei seiner Geschichte, die gegenüber Brians so harmlos wie ein Schmetterling war, verzog.
"Aber was für uns wichtig ist, hat nichts mit der Geschichte zu tun, sondern etwas, was ich damals in einem der Tagebücher las."
"Das Tagebuch, das jetzt in Hansons Besitz ist."
"Ja, leider."
"Und was steht dort?"
"Granny Bob... oh mein Gott, ich habe diesen Namen nicht mehr benutzt seit...."
Brian hielt kurz inne, schluckte und fuhr fort: "Bob besaß einen Ring, den er an seiner Hand trug. Der Ring ist sehr schwer. In ihm ist eine Rune eingraviert, ein kleines ´m´ mit einem waagerechten Balken in der Mitte. Ich kenne nicht mehr den genauen Wortlaut der Stelle im Tagebuch, aber es geht darum, dass man die Macht, die Bob damals besaß zurückbeschwören und in den Ring bannen könne. Der Träger des Ringes würde die gleiche Macht besitzen. Es heißt dort..."
Brian überlegte kurz, dann sprach er weiter. "... Die Seele des Trägers vereint sich mit der des Auserwählten. Alles natürlich nur vorausgesetzt, dass Bob scheitern würde und wieder in der Hölle wäre, was ja nun der Fall ist."
"Das heißt also, wer den Ring mit Bobs Macht trägt, besitzt diese."
"Oder Umgekehrt. Und das vermute ich. Hanson will Bobs Macht in den Ring bannen und sie für... nun vielleicht stimmt es sogar... für das Gute benutzen. Aber es ist irrelevant, denn ich glaube, dass nicht Hanson über Bobs Macht verfügen wird, sondern Bob würde über Hanson verfügen. Und dann ginge alles von vorne los."
"Wir müssen also Hanson davon abbringen. Aber wo ist der Ring?"
Doch Tom konnte diese Frage selbst beantworten. Die Children Of Darkness beschatteten Brian. Das konnte nur eines heißen.
"Brian! Du besitzt den Ring!"
"Ja! Und nein! Ich meine, ich habe ihn nicht hier."
"Wo ist er dann? Und wie bist du zu ihm gekommen?"
"Ich habe ihn zu meinem zwölften Geburtstag geschenkt bekommen. Von wem genau weiß ich nicht, ich denke, es war ER. So nannten wir Bob damals: ER! Der Ring kam in einem Päckchen, adressiert ´An das Geburtstagskind´. Nachdem ich erfolglos versucht habe ihn zu vernichten, packte ich ihn am gleichen Tag noch zurück in den kleinen Karton, in dem er ankam und vergrub ihn in einem Waldstück in Hollywood. Dort ist er heute noch."
"Ist er dort sicher?"
"Nun, zumindest war er es bisher. Aber ich habe das Gefühl, das Hanson so langsam ungeduldig wird, schließlich ist er schon über einem Jahr hinter dem Ring her."
"Wie kann man Bobs Macht in den Ring bannen?"
"Man braucht dazu drei Dinge. Dazu gehört natürlich der Ring selbst. Das Zweite ist ein Spruch. Den hat Hanson."
"Ja?"
"Ja, er steht im Tagebuch."
"Oh. Und was benötigt er noch?"
"Mich."
"Wie bitte?"
"Nun ja, vielmehr benötigt er mein Blut. Der Ring benötigt Blut eines mit Bob Verwandten. Und ich bin der einzige Meola, der noch lebt. Und das muss ich, was mich etwas beruhigt. Ich muss während des Rituals leben. Ich... manchmal bin ich auf dumme Gedanken gekommen..."
"Oh Brian, ich bitte dich. Du hattest Selbstmordgedanken?"
"Ja. Aber nie besonders lange. Ich besitze eine Surfschule, das ist mein Lebensunterhalt, und manchmal, wenn ich da draußen bin, denke ich daran, mich einfach in die Fluten zu stürzen. Dann hätte Hanson keine Chance mehr. Besonders schlimm war es, nachdem Cindy mit Tim durchgebrannt ist. Womit verdienst du eigentlich deinen Lebensunterhalt?"
"Ich bin Schriftsteller."
Brian überlegte kurz, dann mit offenstehenden Mund: "Was denn, du bist DER Tom Peters?"
Tom nickte.
"Wow, ich habe dein Buch "The Return" gelesen." Er zeigte auf sein Bücherregal. "Es steht dort drinnen. Kannst du es nachher für mich signieren?"
"Ja. Aber nur, wenn du mir versprichst zukünftig nicht mehr an Selbstmord zu denken."
Brian grinste: "Einverstanden!"
"Was ist jetzt mit dem Ring?"
"Wie gesagt, ich glaube, er ist dort wo er ist, nicht mehr lange vor den Children Of Darkness sicher. Weißt du, sie nennen sich zwar gottesfürchtig, haben aber keinen Skrupel vor der Folter. Und die würde ich nicht lange durchhalten."
"Und man kann den Ring nicht vernichten?"
Brian schüttelte den Kopf. "Keine Chance. Ich wüsste jedenfalls nicht wie. Aber wie gesagt, er kann dort nicht bleiben."
"Und wo soll er hin?"
"Kennst du jemanden, den du vertrauen kannst und nicht von den Children Of Darkness gekannt wird?"
Tom überlegte. Dann kam er auf Jeff O´Connor.
"Ja, ich gebe ihn meinen alten Freund. Er heißt..."
"Psst. Ich darf seinen Namen nicht wissen. Ist besser so. Es ist schon übel genug, dass du seinen Namen kennst, aber du bist nicht so gefährdet, wie ich. Sie glauben dann schließlich, dass ich den Ring immer noch besitze. Wir gehen am besten so vor, dass wir morgen den Ring ausgraben. Heute ist es dazu schon zu dunkel."
In der Tat war es das und Tom war überrascht, wie schnell doch die Zeit verging.
"Dann übergeben wir ihn an deinen Freund. Er wird ihn seinerseits an einen Ort seiner Wahl bringen. Es sollte ein bombensicheres Versteck sein, dass musst du ihm unbedingt klarmachen. Wir sollten nichts von diesem Ort wissen."
"Zu unserer Sicherheit."
"Ganz genau mein Freund. Und dann hoffen wir, dass er für immer verschwunden sein wird."
"Aber was ist mit Sarah? Vielleicht wurde sie von den Children Of Darkness entführt. Und könnten sie Sarah nicht dazu benutzen den Ring gegen sie austauschen zu wollen? Oder was ist mit dir? Dich benötigen sie auch."
"Um mich mach dir erst mal keine Sorgen, mit denen komme ich schon zurecht. Was mit Sarah ist, nun wir müssen da wohl oder übel abwarten, was in ihrem Fall überhaupt los ist. Ich mache dir einen Vorschlag. Morgen holen wir erst mal den Ring und sehen dann weiter. Vielleicht haben wir dann in der Zwischenzeit schon etwas mehr Gewissheit."
Tom nickte langsam, auch, wenn ihm das nicht ganz gefiel.
"Wie bekommen wir den Ring zu meiner Vertrauensperson? Ich muss dazu nach Detroit zurück und die Children Of Darkness werden auch mich wohl beschatten."
"Nun, wir müssen da ganz vorsichtig sein. Auch morgen, wenn wir den Ring holen. Ruf noch heute abend schon mal deinen Freund an und weihe ihn ein."
´Ja, und ich werde mir auch da etwas einfallen lassen müssen.´ Was sollte er Jeff sagen? Jeff glaubte an nichts übernatürliches, dass wusste er aus ihren gemeinsamen Gespräch im Destiny.
Brian fuhr fort: "Wir treffen uns morgen früh um sechs hier bei mir um den Ring zu holen."
"Wie werden wir die Children Of Darkness los? Sie werden uns folgen."
Brian grinste: "Lass das mal meine Sorge sein. Und wenn wir den Ring haben, fahren wir zum Flughafen, solange wir die Children Of Darkness noch los sind."
"Dann geht’s zurück nach Detroit?"
"Exakt."
"Was ist mit Sarah?"
"Hinterlass ihr im Hotel eine Nachricht. Falls sie nicht entführt wurde und morgen ins Hotel kommt, wird sie die Nachricht bekommen und wissen, dass wir wieder in Detroit sind. Ich denke, es wird ihr nicht gefallen umsonst nach L.A. geflogen zu sein, aber es muss sein. Sollte sie in der Gewalt der Sekte sein, dann vermute ich mal in Detroit."
"Brian, die Children Of Darkness haben weder in Detroit noch in L.A. ihren Sitz, dass..."
"Oh Tom, sei doch nicht so naiv! Diese Info hast du aus dem Internet, nicht wahr? Nein, Tom! Diese Sekte ist überall."

32

Zurück im Hotel gab Tom einen Zettel für Sarah ab, nachdem er sich erkundigt hatte, ob sie sich noch nicht gemeldet hatte.
"Nein Mr. Peters, sie ist weder eingetroffen noch hat sie eine Nachricht hinterlegen lassen." bekam er als Antwort von der Dame an der Rezeption. Dann ging er auf sein Zimmer, überzeugte sich, dass es nicht verwanzt war und rief Jeff O´Connor an.
"Hi Tom, wie geht es dir? Was macht dein Geist?"
"Jeff hör zu, ich bin in L.A. und hier etwas auf der Spur. Hast du schon mal von den Children Of Darkness gehört?"
"Ja. Eine Sekte, stimmt´s?"
"Genau. Ich glaube, sie haben etwas mit Lukes tot zu tun. Ich bekomme morgen einen Ring von einem Freund. Diese Sekte ist dahinter her. Du musst mir einen gefallen tun. Mein Freund und ich holen ihn morgen früh und fliegen dann nach Detroit. Ich möchte dir den Ring übergeben. Erwähne meinem Freund gegenüber nicht deinen Namen. Ich weiß, ich ziehe dich da mit in etwas rein, aber ich wüsste keinen anderen. Könntest du diesen Ring dann vergraben? Oder zu mindest an einem sicheren Ort bringen, wo die Children Of Darkness ihn nicht vermuten würden?"
"Tom... ich weiß nicht..."
"Bitte Jeff! Es ist wichtig! Ich mache das wieder gut, ich verspreche es."
"Apropos Versprechen. Hattest du mir nicht versprochen, die Finger davon zu lassen, wenn es für dich gefährlich wird? Und das hört sich nicht gerade harmlos an."
"Ja Jeff, tut mir auch leid, aber ich kann da jetzt nicht tatenlos zusehen."
"Na schön, ich mache es."
Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Jeff konnte es am anderem Ende der Leitung fast hören.
"Oh Jeff, ich danke dir."
"Aber Tom, was soll das Ganze? Was spielt sich da genau ab?"
"Jeff, ich werde es dir morgen persönlich erklären. Es wird dir nicht gefallen, weil..."
´...weil du ja nicht an etwas Übernatürlichem glaubst, dabei ist die Welt voll genug davon.´, dachte Tom, fügte es aber nicht hinzu. Wenn er morgen Brian dabei hatte würde er es einfacher haben, Jeff davon zu überzeugen. Aber war es überhaupt eine gute Idee Brian Meola mitzunehmen? Wenn es den Children Of Darkness gelänge, die beiden bis nach Detroit zu folgen, würde es nichts nützen Jeff den Ring zu geben.
´Aber Brian hat einen Plan die Children Of Darkness abzuhängen.´ Tom hoffte, dass er auch funktionierte.
"Tom? Bist du noch dran?" Jeff riss ihn aus seinen Gedanken.
"Oh, ja, Jeff, tut mir leid, ich war etwas abgelenkt. Habe einen harten, langen Tag hinter mir. Wir sehen uns morgen?"
"Darauf kannst du dich verlassen."
"Okay. Jeff ich danke dir. Vier Uhr im Destiny?"
"Ich werde da sein."
Tom bedankte sich abermals, legte auf und versuchte erneut Sarah anzurufen. Vergebens.

33

In der Nacht hatte Tom einen Traum. Er spazierte wieder mit Sarah durch den Detroiter Stadtpark. Aber diesmal war es nachts. Bodennebel durchzog den Park, der in einem Weiß glühte, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Plötzlich schrie Sarah. Tom blickte nach links und sah den Grund. Eine kleine Gestalt beugte sich über eine Frau, die am Hals blutete. Die Gestalt schaute auf und Tom sah, dass es der Junge war, der ihn damals über den Haufen gerannt hatte. Diesmal aber glühten seine Augen rot. Er verzog seine Fratze und sein Grinsen legte messerscharfe Vampirfänge frei. Sein Mund war blutverschmiert. Nun schaute auch die Frau, sein Opfer, ihn an. Es war Sarah. Tom schaute nach rechts, hatte sie doch gerade eben noch selbst dort gestanden. Aber anstelle von Sarah stand nun Brian Meola dort, der seine Sonnenbrille trug (was angesichts der Tageszeit albern wirkte). Sofort packte Brian Tom am Kragen und fuhr ihn an: "DU! Du hast sie auf dem Gewissen! Du hast sie ALLE auf dem Gewissen! Du hast MEINE ELTERN auf dem Gewissen! Du hast ONKEL TOM auf dem Gewissen! Du hast TANTE GINA auf dem Gewissen! Du hast TANTE MELISSA auf dem Gewissen! Du hast ONKEL MARTY auf dem Gewissen!"
Bisher konnte Tom mit diesen Personen nicht viel anfangen. Klar, Brians Eltern, aber die anderen Personen? Existierten die überhaupt? Dies war schließlich nur ein Traum, irgendwie wusste Tom das. Aber dann folgten Namen, die er kannte, zumindest teilweise.
"Du hast NOTAR FARLOW auf dem Gewissen! Du hast CHARLY GOOSE, DEN FRIEDHOFSWÄRTER auf dem Gewissen! Du hast SHERRIF TERRY JANETTY auf dem Gewissen! Du hast DEPUTY MARC ROBERTSON auf dem Gewissen! DU HAST LUKE CALLIGAN AUF DEM GEWISSEN! DU HAST SARAH NORTON AUF DEM GEWISSEN!!!"

34

Tom wachte schweißgebadet auf. Er konnte sich nur Bruchstückweise an den Traum erinnern. Irgendwie kam dieser Knirps darin vor. Er war ein Vampir, wie lächerlich doch so manche Träume sein konnten. Aber er konnte sich auch an das Ende des Traums erinnern und darüber konnte Tom gar nicht lachen. Brian schrie ihn dauernd Namen ins Gesicht, von Leuten, die tot waren, wie er glaubte. Tom konnte mit den ersten Namen nichts anfangen. Aber Brian hatte auch Sarahs Namen erwähnt. Und sie war nicht tot, er hoffte es zumindest. Der Traum beunruhigte ihn. Er schaute auf den Wecker. Die Digitalziffern zeigten Tom an, dass es bereits 04:24 Uhr war, und er somit gleich aufstehen musste. Er hätte wohlmöglich sowieso keinen Schlaf mehr gefunden und ging unter die Dusche. Immer wieder kam ihm Sarah ins Gedächtnis und er konnte nicht aufhören, an sie zu denken.
´Sarah!´, dachte er immer wieder. ´Sarah, wo bist du?´
Plötzlich schallte eine Stimme aus dem Abfluss. Es war das selbe Flüstern, dass er auch am Telefon hörte und Tom wusste, dass dies eine Nachricht von Luke war.
"Jeeeeffffffff!!! GE-FAHR!!!"

35

"Ja bitte?", Jeffs Stimme krächzte Tom verschlafen ins Ohr und erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass es noch früh am morgen war. In Detroit zwar nicht so früh wie in Los Angeles, aber noch früh genug. Dennoch, er war auch erleichtert seine Stimme zu hören.
"Oh Jeff, tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Ich wollte eigentlich Brian anrufen, habe die Wahlwiederholung gedrückt und vergessen, dass ich dich gestern abend noch angerufen habe.", log Tom.
Ein müdes Gähnen dröhnte vom anderen Ende der Leitung in Toms Ohr.
"Tut mir wirklich leid, geht es dir gut?"
"Nun, bis auf die Tatsache, dass ich von einem Witzbold so gerade eben aus einem wunderschönen Traum mit einer nackten Blondine gerissen wurde, geht es mir prima."
"Jeff, tut mir echt leid, dann sehen wir uns heute Nachmittag."
Tom legte auf und atmete tief durch.
"Okay, Mister Calligan. Wegen ihnen ist mir so gerade eben ein peinliches Missgeschick widerfahren. Ist ihnen ihr Ektoplasma ins Gehirn gestiegen oder was ist los? Jetzt mal echt, Luke, du hast mir einen riesengroßen Schrecken eingejagt. Also, was meintest du mit Jeff! Gefahr!? Jeff ist nicht in Gefahr. Sarah vielleicht auch nicht?"
Hoffnung keimte in ihn auf.
"Was soll das ganze Theater denn sonst bedeuten? Werden sie sich noch in Gefahr begeben?"
Keine Antwort.
"Also auf dich konnte man sich schon mal besser verlassen."
Er schaute auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes stand. Auf ihm lag ein Notizblock. Drei Wörter standen in einer krakeligen Schrift untereinander darauf. Sie sahen aus, als hätte ein Kind, das gerade erst das Schreiben erlernte, es geschrieben:

SARAH
JEFF
GEFAHR

"Ja ja!", sagte Tom abwertend, der nicht mehr wusste, was er glauben sollte.

36

Tom beschloss dennoch Lukes Warnung jederzeit im Hinterkopf zu behalten, hatte er doch bisher immer Recht gehabt. Deswegen steckte er ja jetzt in diesem Schlamassel so tief drin. Er fragte sich, inwiefern die Children Of Darkness schon auf ihn ihre Aufmerksamkeit gerichtet hatten. Als Tom das Hotel verließ, schaute er sich unauffällig um. Er versuchte Anhaltspunkte zu finden, die auf eine mögliche Observation deuteten. In der Hotelhalle war ihm schon jemand aufgefallen, aber er wusste nicht so Recht, ob es ein Sektenmitglied gewesen sein könnte. War es ungewöhnlich um halb sechs Uhr morgens in einer Hotelhalle zu sitzen und die Zeitung vom vorigen Tag zu lesen? Möglich. Hier draußen sah Tom zunächst nicht ungewöhnliches. Er hatte mit einem Truck oder Van gerechnet, der nicht in die Gegend passte. Dennoch, auf der anderen Straßenseite fiel ihm nun ein gelber Sportwagen auf, hinter dessen Lenkrad ein Mann saß, der eine Straßenkarte las. Tom hatte schon immer gute Augen gehabt und so erkannte er, dass der Wagen ein kalifornisches Kennzeichen trug. Nur konnte man schlecht erkennen, ob es sich um einen Einheimischen handelte, auffällig aber war der Aufkleber der L.A. Kings an der Stoßstange. Und wenn dem so wäre, wäre es sehr ungewöhnlich einen Stadtplan seiner eigenen Stadt zu studieren? War es überhaupt ein Stadtplan von L.A.? Tom ging die Straße etwas weiter runter. An der Ecke war ein Kiosk. Er wollte sich dort eine Zeitung holen aber dann fiel ihm ein, dass der Kiosk um diese Zeit bestimmt noch geschlossen hatte. Er beschloss es rauszufinden. Unterwegs blickte Tom unauffällig zum gelben Sportwagen zurück. Immer noch studierte der Mann die Straßenkarte. Als er die Ecke erreicht hatte stellte Tom fest, dass der Kiosk erst um sechs öffnete. Um diese Zeit wollte er bereits bei Brian sein. Er schaute auf seine Uhr und beschloss nun auch langsam dort hinzufahren. Beschattung hin oder her, Brian würde wissen, wie man die Kerle loswird. Er ging zurück und setzte sich in seinen gemieteten Wagen. Tom fuhr los.

37

Nach einiger Fahrtzeit sah er im Rückspiegel den gelben Sportwagen. Er wusste nichts über den Mann in der Hotelhalle, aber dies hier konnte kein Zufall mehr sein. Tom war definitiv davon überzeugt, dass der Fahrer des Sportwagens ein Sektenmitglied war. Auf halber Strecke der Fahrt wurde der gelbe Sportwagen von einem grünen Volvo abgelöst und als es von der Wegstrecke her klar wurde, wohin Tom wollte, war kein Fahrzeug mehr zu sehen.

38

Brian stand vor seinem Haus in der Beach Road. Er hatte wieder seine Sonnenbrille an und hielt einen Spaten in der Hand. Tom stoppte, öffnete ihm die Beifahrertür und forderte ihn auf einzusteigen. Brian grinste noch vorher und winkte einem Mann zu, der auf die Öffnung eines Supermarkt zu warten schien. Der Mann runzelte die Stirn und schaute Brian mit einem Kennen-wir-uns-Blick an.
Tom fragte: "Wer war das?"
"Einer von denen. Hab ihn verspottet." Brians Grinsen wurde breiter. Dann warf er den Spaten auf den Rücksitz.
"Fahr los.", forderte er Tom auf. "Aber nicht in Richtung Hollywood. Noch nicht. Fahr die Straße geradeaus weiter durch."
Dann fiel Toms Blick auf einen Gegenstand, der aus Brians Hosentasche lugte.
"Brian, was willst du denn damit?"
"Das ist meine Steinschleuder. Die habe ich seit meiner Kindheit. Ist so etwas wie ein Glücksbringer."
Tom grinste. "Willst du damit Hanson eins vors Bug hauen? Oder – hoffen wir nicht dass es soweit kommt – deinem Urgroßvater?"
Brians Blick wurde ernst. "Warum eigentlich nicht?"
Jetzt fing Tom an zu scherzen: "Aber dazu brauchst du Munition."
Brian schaute zu Tom rüber und nahm seine Sonnenbrille ab. Dann sagte er: "Die holen wir gerade."

39

"Bieg hier links ein. Kannst du gut Gummi geben?"
"Ja, meinst du sie verfolgen uns?"
"Worauf du Gift nehmen kannst. Siehst du im Rückspiegel den hellblauen Ford?"
Tom nickte.
"Noch etwa eine Meile, da kommt auf der linken Seite eine Seitenstraße, die nennt sich Fullham Way. Eine Viertel Meile vorher beschleunigst du, fährst mit Vollgas hinein und hältst vor der Pizzeria an. Ich kenne den Besitzer. Die Pizzeria hat geschlossen, aber er hat uns die Tür geöffnet. Wir stürmen hinein."
"Okay."

 

 

40

In der Pizzeria begrüßte ein freundlicher Italiener die beiden.
"Hallo Brian. Und sie müssen sein Tom. Schnell mir folgen.", rief er den beiden in einem italienischen Akzent zu.
"Hi Luigi", sagte Brian, "Danke schon mal im voraus."
"Nix viel reden. Kommt in die Küche."
Die Küche war menschenleer. Kein Wunder, um diese Uhrzeit wollte niemand eine Pizza. Sie durchquerten die Küche bis ans Ende. Luigi öffnete die Tür, die der Lieferanteneingang sein musste.
"Hier Brian, sind Autoschlüssel. Mach bloß nix Kratzer sonst demnächst gibt’s Pizza Meola auf Speisekarte."
"Keine Angst Luigi. Und danke noch mal, hast was gut bei mir."
Brian rannte mit Tom auf einen roten Ferrari zu.
"Wow, hier ist wohl alles italienisch!"
"Jepp, und das Beste daran ist, dass die Children Of Darkness einem ollen Beachboy wie mir so ne Kiste nicht zutrauen. Steig ein. Aber, sorry Tom, ich fahre."

41

"Haben wir sie abgehängt?"
"Ja. Hanson wird platzen vor Wut." Brian lachte.
"Bri´?"
"Ja?"
"Nicht schlecht für nen ollen Beachboy wie dich."
Daraufhin mussten alle beide schallend lachen.

42

Sie standen an einer Lichtung im Wald. Brian hielt den Spaten in der Hand und fixierte eine Stelle etwa einen Meter von einem Baumstumpf entfernt.
"Ist es hier?"
Brian nickte.
"Sicher?"
"Es ist knapp zehn Jahre her. Hier war damals noch keine Lichtung. Dennoch würde ich diese Stelle wiedererkennen, selbst wenn hier überhaupt keine Bäume mehr stehen würden. Sie könnten den kompletten, verdammten Wald roden. Es gibt für mich überhaupt keinen Zweifel."
"Na schön, also dann los."
"Ich kann nicht.", sagte Brian, drückte Tom den Spaten in die Hand und setzte sich auf den Baumstumpf.
"Es ist nicht so, dass ich mich vor der Arbeit drücken will, nur..."
"Nein, Brian! Ist in Ordnung."
"Er liegt tief. Ich war damals erst zwölf Jahre alt, aber ich wollte dieses verdammte Ding so gut es ging loswerden."
Tom setzte den Spaten an. "Ist es hier?"
"Exakt."
Tom fing an zu graben. Er mußte tatsächlich lange schaufeln, aber nach etwa zwanzig Minuten war es soweit. Er legte eine graue Pappschachtel frei, die durch die langen Jahre unter der Erde schon halb verrottet war. Er nahm sie in die Hand und bemerkte schon jetzt, wie schwer das Ding sein mußte. Tom zerriss die Schachtel und ließ den Ring in seine linke Hand fallen. Er betrachtete die Rune, ein ´m´ mit einem waagerechten Balken. Tom ging zu Brian und zeigt ihm ihn. Brian wurde kreidebleich und fing an zu weinen.

43

Während der Fahrt zum Flughafen sprachen sie kein Wort. Obwohl Brian den Ring hasste trug er ihn bei sich. Er hatte ihn in der Tasche in der er auch seine Steinschleuder aufbewahrte. Für ihn war es so, als würde das Böse vom Guten neutralisiert. Im Flugzeug selbst war es Brian, der sein Schweigen brach.
"Du hättest meinem Vater gefallen. Er war ein großer Fan von dir. Er brachte mich auf ´The Return´."
"Du findest das Buch gut? Also ohne angeben zu wollen, ich finde, ich habe schon bessere Bücher geschrieben. Du solltest mal ´In The Shadow´ lesen."
The Return´ war Dads Lieblingsbuch." Brian lächelte schwach.
"Wie ist es zu diesem Unfall gekommen?"
"Dad war mit Peter MacLean, Tims Vater, mit dem Boot unterwegs. Die Benzinleitung war defekt. Benzin tropfte auf den heißen Motor und entzündete sich. In Sekunden stand das ganze Boot in Flammen. Weder Dad noch Peter hatten eine Chance."
"Ich wusste gar nicht, dass noch jemand dabei starb. War es ein Unfall?"
"Ja. Die Feuerwehr meinte, der Schlauch war porös." Tom hatte den Verdacht, dass Brian mehr dahinter vermutete, ließ es aber auf sich beruhen. Dennoch glaubte Tom nicht an ein Attentat der Children Of Darkness, denn Dennis Meolas Tod mußte auch für sie ein Schlag gewesen sein, da so ein möglicher ´Kandidat´ für das Blut aus dem Rennen war.
"Ich vermisse ihn."
"Ja. Ich weiß wie das ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und deshalb will ich auch Sarah nicht verlieren."
Nun fiel Tom Lukes Botschaft im Bezug auf Jeff wieder ein. Er wollte Brian gerade davon erzählen, als dieser ihn eine Frage stellte, die er zuerst nicht verstand.
"Was hast du gesagt?"
"Was für einen geliebten Menschen du denn schon verloren hast. Willst du´s mir erzählen? "
Dann erzählte Tom ihm seine Lebensgeschichte, erzählte von seinem alten Leben. Brian hörte aufmerksam zu, zeigte Mitgefühl, als Tom vom Unfall und Shannons Tod berichtete, schmunzelte, als Tom zu der Stelle kam, an der er seine Küche in Flammen setzte.
Als Tom fertig war meinte er, wie auch zuvor Sarah: "Nun, du hast dein Leben ja wieder prima in den Griff bekommen. Kann man dann demnächst auch wieder mit neuen Büchern rechnen?"
"Worauf du dich verlassen kannst."

44

In Detroit angekommen meinte Tom, dass er sich auf heimischen Boden eigentlich wieder besser fühlen sollte, tat dies aber nicht. Er sah sich andauernd um, fühlte sich beobachtet.
"Was meinst du Brian, ob sie, wo sie uns in Los Angeles verloren haben, hier in Detroit vermuten und unsere Spur wieder aufnehmen?"
"Möglich ist es, aber ich glaube es nicht. Wir müssen das Risiko eingehen. Aber wir sollten es vermeiden, bei dir oder Sarah aufzutauchen. Wenn sie uns hier irgendwo erwarten, dann an einen dieser beiden Orte."
"Oder am Flughafen. Ich habe das Gefühl, dass uns jeder anstarrt und ein Sektenmitglied ist."
"Tom beruhige dich erst mal. Wenn sie uns verfolgen, werden wir es bemerken. Und dann schütteln wir sie wieder ab."
Tom ging Richtung Mietwagenverleih. "Ich denke mal, es ist keine gute Idee meinen Wagen zu benutzen."

 

45

Tom und Brian betraten das Destiny gegen viertel vor Vier. Es hatte den Anschein als wären sie nicht mehr verfolgt worden. Obwohl Toms Herz protestierte fuhren sie nicht mehr bei Sarah vorbei – und auch nicht mehr bei Tom selbst. Seine Sorge um Sarah brachte ihn um, aber sie mussten warten, bis der Ring beseitigt wurde.
"He, Tom!" Das war Jeff aus einer Nische. Sie gingen zu ihm. Brian stellte sich kurz vor und sie setzten sich zu ihm.
"Also Jungs", fing Jeff an, "wollt ihr beiden mir nicht erst mal erklären, worum es überhaupt geht?"
"Es ist vielleicht besser, dass du nicht so viel weißt.", erklärte ihn Tom. "Was ich dir gestern am Telefon erzählt habe sollte ausreichen."
"Habe ich nicht ein Recht darauf zu erfahren worauf ich mich da einlasse?"
Nun ergriff Brian das Wort: "Natürlich haben sie das. Und wenn sie möchten, werden wir es ihnen auch erklären. Aber es wäre besser, wenn wir ihnen jetzt einfach den Ring geben und wir alle unseres Weges gehen. Ich kann nur so viel sagen, dass dieser Ring hier..."
Brian zog ihn aus der Tasche. Jeff schaute ihn sich voller Bewunderung an.
Dann fuhr Brian fort: "...mehr an... nun... Bedeutung hat als alles andere."
Jeffs Blick trennte sich vom Ring und sah stirnrunzelnd von Tom zu Brian, und dann wieder zurück zu Tom herüber.
"So langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Tom, in was ziehst du mich da rein?"
"Wenn ich dir so wenig wie möglich erzähle, ziehe ich dich in gar nichts rein, und hast nichts zu befürchten, sobald..."
"Ja?"
"Sobald du ihn beseitigt hast. Schmeiß ihn in den Michigan, verbuddle ihn irgendwo im Wald. In einem tiefen, tiefen Loch. Mach, was du möchtest, nur schau zu, dass ihn niemand mehr finden kann."
"Warum?", wollte Jeff wissen.
"Machs einfach. Und dann vergiss, dass er existiert, dann bist du aus der Sache raus.", sagte Tom ungeduldig.
Jeff schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht. Und das weißt du, dafür kennst du mich viel zu gut."
"Na schön, ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du unbedingt wissen möchtest, was das alles zu bedeuten hat, werde ich es dir sagen. Aber nur auf deine Verantwortung. Und wenn du mir versprichst, es auch zu glauben, denn die Sache ist... übernatürlich. Aber ich werde es dir nicht jetzt sagen. Wir treffen uns hier... sagen wir mal... nächste Woche um die selbe Zeit, dann erkläre ich dir alles. Doch im Moment ist es wichtig, den Ring zu beseitigen und Brian und ich haben auch noch einige Dinge zu erledigen. Weißt du schon, was du damit tust?"
"Ja, ich..."
"Nein! Sag es uns nicht! Es ist wichtig, dass wir den Ort nicht kennen."
Jeff schüttelte langsam den Kopf. "Oh Tom, auf eure Geschichte bin ich gespannt."
Brian schaute ungeduldig auf seine Uhr. "Mister," sagte er, "ich will nicht unhöflich sein, aber es ist wohl besser, dass sie sich auf den Weg machen. Je weniger Leute wissen, dass wir uns hier getroffen haben, desto besser." Mit diesen Worten drückte Brian Jeff den Ring in die Hand. Er verspürte so etwas wie Erleichterung ihn los zu sein. Jeff machte den Mund auf um noch etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder als Brian nun langsam den Kopf schüttelte.
Dann stand er auf, blickte zu Tom und sagte: "Du stehst tief in meiner Schuld, das ist dir doch klar, oder?"
"Sonnenklar.", sagte Tom ernst.
Jeff drehte sich um und ging.

46

"Wirst du es ihn wirklich erzählen?", wollte Brian von Tom wissen.
"Ich weiß nicht. Aber es stimmt, wenn er sagt, er habe ein Anrecht darauf. Außerdem, was soll ich ihm sonst erzählen?"
"Wird er dir glauben?"
Tom zuckte mit den Schultern. "Ich hoffe es.", sagte er, glaubte es aber nicht. "Brian, was unternehmen wir jetzt? Also ich möchte zu gerne wissen, wo Sarah sich aufhält. Ich habe seit meinem Abflug nach Los Angeles nichts mehr von ihr gehört."
"Ich würde sagen, wir fahren erst einmal in deine Wohnung. Du kannst dort noch einmal versuchen sie telefonisch zu erreichen."
"Was ist mir den Children Of Darkness?"
"Nun, wir haben den Ring nicht mehr. Und wir wissen nicht, wo er ist."
"Aber sie werden denken, dass wir das wissen."
"Bis es dunkel ist, werden die sowieso nichts unternehmen. Es ist jetzt erst einmal wichtig..."
Dann unterbrach Toms Handy das Gespräch. Es war Sarah, die ihn anrief.

47

"Hi Tom, hör mir gut zu und mach bitte, was ich dir sage, dann tun sie mir nichts."
"SARAH! Geht’s dir gut? Haben die Children Of Darkness dich entführt?"
"Ja. Mir geht es gut. Sie möchten, dass du mit Brian zurück nach L.A. fliegst. Morgen abend um sechs kommt ihr zu der Lichtung, an die Stelle, an der ihr den Ring ausgegraben habt."
"WAS? Woher zum Teufel wissen die..."
"Ihr sollt alleine kommen. Keine Polizei und auch sonst niemand."
"Gib mir bitte Hanson, oder wer auch sonst bei dir ist."
Etwa zehn Sekunden schweigen. Dann meldete sich eine sanfte Männerstimme.
"Hier ist Brad Hanson. Haben sie verstanden, was sie tun müssen? Sie brauchen nur mit Brian Meola hier vorbei zu kommen. Was den Ring betrifft... ich weiß, dass sie ihn nicht mehr besitzen, sie haben ihn vor ungefähr zehn Minuten ihren ahnungslosen Freund Jeff O´Connor gegeben. Tja, ich kann sie beruhigen, er hat ihn nicht mehr."
Toms Hals wurde trocken.
"Was haben sie ihm angetan?", schrie Tom in das Handy.
"Noch nichts. Genauso wenig wie Sarah. Und das wird auch so bleiben, wenn sie kooperieren."

SARAH JEFF GEFAHR

Tom wusste jetzt, was Luke ihn gesagt haben wollte und schämte sich dafür, an seine Botschaft gezweifelt zu haben.
"Und was wollen sie von uns?"
"Von ihnen, Mr. Peters möchte ich nichts. Und was wir von Brian wollen, wissen sie ganz genau."
Tom starrte ängstlich seinen Freund an. Brian erkannte die Situation. Er las Tom förmlich vom Gesicht ab, was er gerade mit Hanson besprochen hatte. Plötzlich riss er ihm das Handy aus der Hand.
"Hanson! Hier Brian Meola! Verdammt noch mal, sie wissen nicht, was sie da tun!"
"Oh, Hallo Brian, ich darf dich doch Brian nennen, oder? Ich wollte schon immer mal mit dir persönlich sprechen. Du brauchst keine Angst zu haben, wir brauchen nur einen kleinen Tropfen."
"Hanson, es geht nicht um mich! Es geht um mehr als das. Sehr wahrscheinlich um die gesamte Menschheit."
"Ja, Brian, du hast es erfasst. Ich will sie heilen. Ich..."
"Hanson! Was sie da tun, wird IHN aus der Hölle holen..."
"Brian, beruhige dich!"
"Nennen sie mich nicht Brian!"
Hansons stimme blieb sanft: "Ich glaube nicht, dass du in der Position bist Forderungen zu stellen. Gib mir bitte Tom Peters zurück, ja?"
Brian gehorchte.
"Ja, ich bin wieder dran.", sagte Tom mit emotionsloser Stimme.
"Werden sie gehorchen?"
"Ja. Kann ich Sarah noch mal kurz sprechen?"
"Aber wirklich nur kurz."
Wieder eine kurze Pause.
"Ja?"
"Sarah, halt durch. Denk daran, ich liebe dich. Ich hole dich da raus."
Sarahs Stimme klang ängstlich, aber fest: "Ich weiß, dass du das wirst, und ich liebe dich auch." Dann wurde die Leitung unterbrochen.

48

"Sie wussten alles. Sie wussten, wo wir den Ring her hatten und sie wussten auch, dass wir ihn weitergegeben haben – und an wen." Toms Stimme war geknickt.
"Der olle Beachboy war wohl doch nicht so genial."
"Mach dir bitte keine Vorwürfe. Verdammt, ich weiß nicht wie sie das gemacht haben."
"Wir haben sie unterschätzt. Was meinst du, wie gehen wir morgen vor?"
Tom schüttelte den Kopf. "Ich habe keine Ahnung. Zumindest werden wir wohl tun müssen, was sie sagen. Ich glaube nicht, dass das leere Drohungen sind, die Hanson da ausgesprochen hat. Wenn wir nicht kommen, werden Sarah und Jeff es bereuen."
"Jeff?"
"Jeff O´Connor, mein Freund aus dem Destiny, den du den Ring gegeben hast, kann es dir ja jetzt sagen.
"Wie dem auch sei, wenn wir da hingehen, wird es die gesamte Menschheit bereuen. Zumindest, wenn ich da auftauche."
"Wir müssen Hanson irgendwie davon überzeugen, dass er uns alle in Gefahr bringt. Nun ja, lass uns erst mal zu mir fahren, dann können wir uns ja was überlegen."
Plötzlich hellte sich Brians Gesicht auf. Tom schaute ihn an.
"He, hast du eine Idee?"
"Yeah, hab ich."
"Und? Sag schon!"
Brian erzählte Tom von seinem Plan.

49

Sie übernachteten bei Tom und flogen am nächsten Morgen zurück nach L.A. Sie verbrachten die Zeit bis zum Abend bei Brian. Bevor sie abfuhren, holte Brian einen Gegenstand aus seinem Nachttisch. Um viertel vor sechs fuhren sie zum Waldstück, in der sich die Lichtung befand. Dieses mal fuhren sie keinen Umweg. Brian parkte seinen Wagen am Waldrand. Der kleine Parkplatz wurde von ihm durch einen Waldweg getrennt. Er stieg aus und berührte seine Steinschleuder, seinen Glücksbringer aus Kindheitszeiten. Tom Peters und Brian Meola schritten in den Wald. Dann war der Waldweg für Stunden menschenleer. Und als der nächste Passant ihn entlang ging, hatte längst der Tod die beiden Freunde getrennt.

50

Sie kamen an die Lichtung aber niemand war zu sehen. Brian schaute auf die Uhr, es war kurz vor sechs. Dann traten vier Gestalten aus den Wald. Drei von ihnen trugen violette Roben. Ihre Gesichter waren unter Kapuzen verborgen. Die vierte Person war ein Mann um die vierzig. Er hatte pechschwarzes Haar, aber ein faltiges Gesicht. Der Blick des Mannes war sanft. Er lächelte und seine braunen Augen wirkten freundlich. Seine Kleidung bestand aus einem schwarzen Anzug unter dem er ein weißes Hemd trug. Seine Krawatte war im selben violetten Ton, wie die Roben der anderen Gestalten. In der Hand hielt er ein sehr altes Buch, dass Brian nur allzu gut kannte. Es war das Tagebuch seines Urgroßvaters.
"Ich bin erfreut, dass sie es pünktlich hierher geschafft haben." Tom und Brian erkannten die Stimme des Mannes sofort. Sie hatten gestern mit ihm telefoniert. Es war Brad Hanson.
"Ich bitte sie nochmals zu überdenken was sie da eigentlich tun.", flehte Brian ihn an. "Sie werden niemals über die Macht meines Urgroßvaters herrschen können. Verdammt Hanson! Sie haben ihn nicht gekannt! Werden sie vernünftig!"
Brad Hansons gutmütiger Gesichtsausdruck blieb bestehen.
"Habe keine Angst, Brian.", sagte er sanft. "Ich werde sie unter Kontrolle bringen."
"Einen Scheißdreck werden sie! Wenn jemand kontrolliert wird, werden sie das sein! Durch IHN!!!"
"Brian beruhige dich."
"Sie sollen mich nicht Brian nennen!"
Nun ergriff Tom das Wort: "Schluss jetzt, wo sind Sarah und Jeff?"
"Nun, was Sarah Norton anbetrifft, kann ich ihnen garantieren, dass es ihr gut geht. Sie werden sie bald wiedersehen. Wenn Brian... oh, Verzeihung... Mr. Meola kooperiert. Und Jeff O´Connor..."
"Ich bin hier.", sagte einer der Kapuzenmänner. Er zog die Kapuze ab und gab somit den Blick auf sein Gesicht frei. Es war Jeff O´Connor. Er hatte den selben gutmütigen Blick wie Hanson.
"Jeff? Was... oh, du Mistkerl! Verräter!"
Nun veränderte sich Jeffs Gesichtsausdruck, nicht, wie Tom es erwartete in Empörung, sondern in etwas wie entsetzter Verwunderung.
"Aber Tom, wie redest du denn mit mir? Ich dachte, ich bin dein Freund?!"
"Das dachte ich auch. Jeff! Warum? Ich habe dir vertraut!"
"Tom! Diese Sekte wird die Welt retten! Wir sind die Guten! Weißt du noch, dass ich dich gestern gefragt habe, was das alles zu bedeuten hat? Ich würde es immer noch gerne wissen. Wieso möchtet ihr unsere guten Absichten verhindern?"
"Jeff!" Das war Brian. "Merkst du denn nicht, was hier läuft? Merkt ihr denn nicht, was hier läuft? Eure Absichten mögen gut sein, aber sie werden fatal werden, wenn ihr sie umsetzt."
"Wieso sind sie so voller Zweifel?", wollte Hanson wissen. Brian stöhnte. Dann sagte er: "Okay. Ihr habt es nicht anders gewollt, aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. Aber als aller erstes möchte ich, dass ihr Sarah Norton frei lasst. Ansonsten bekommt ihr mich nicht."
"Wir können es erzwingen.", sagte Hanson mit seiner immer noch sanften Stimme.
"Nein, könnt ihr nicht. Denn wenn ihr sie nicht augenblicklich freilasst..." Brian zog den Gegenstand aus seiner Hosentasche, den er aus seinem Nachttisch geholt hatte, bevor sie hierher gefahren waren. Es war eine .45er Magnum, die er sich jetzt an die Schläfe hielt.
"Wenn ihr Sarah nicht freilasst, drücke ich ab. Ihr braucht mich lebend. Das könnt ihr vergessen wenn ihr nicht..."
Brian wollte seinen Plan in die Tat umsetzten, aber er hatte nicht mit den beiden anderen Kapuzenmännern gerechnet. Einer der beiden stellte sich als Kapuzenfrau heraus, denn sie unterbrach Brian mit femininer Stimme."
"Oh Brian, sei nicht dumm!"
Tom kannte diese Stimme nicht, aber Brian um so besser. Er schaute bestürzt, wie Cindy ihre Kapuze herunterzog. Brian formte seine Lippen zu ihrem Namen, brachte aber kein Ton heraus. Sie schaute zum Kapuzenmann neben sich. Dieser entblößte sein Gesicht. In Brians Gesicht stand nun Entsetzten geschrieben.
"Brian? Wer sind die Beiden?", fragte Tom. Brian entspannte sich wieder, lies aber die Magnum an seiner Schläfe.
"Tom? Darf ich dir Cindy Simpson und Tim MacLean vorstellen?"
´Ist das hier ein Treffen von Freunden, die sich als Enttäuschungen herausstellen?´, fragte sich Tom.
"Cindy! Tim! Auch wenn ihr es gerade zum zweiten Mal in eurem... nun ja, wie es scheint verkorksten Leben geschafft habt, mich zu enttäuschen, ihr werdet mich nicht von meinem Entschluß abbringen abzudrücken, solltet ihr nicht unverzüglich Sarah Norton freilassen. Basta."
Dennoch, die Mienen der vier Sektenmitglieder blieben unberührt. Sie schienen sogar noch gutmütiger als vorher zu wirken.
"Euer blöder Gesichtsausdruck macht mich langsam krank.", platzte Brian heraus und spannte den Hahn.
"Brian?", das war Tim. "Du warst mir immer ein guter Freund. Der Beste, den ich je hatte. Ich wäre sehr enttäuscht und auch traurig, wenn du dein Leben so sinnlos beenden würdest."
"Dein Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er dich so sehen könnte!", blaffte Brian Tim an.
"Mein Vater wäre stolz auf mich.", sagte Tim gleichgültig, ohne die Gütigkeit in seiner Miene zu verlieren.
Brian schüttelte fassungslos langsam den Kopf.
"Und um dein Leben zu retten", fuhr Tim fort, "muss ich dir wohl sagen, dass wir nicht unbedingt dein Blut brauchen."
Brian runzelte die Stirn. "Was soll das heißen? Natürlich braucht ihr mein Blut. Und ich muss leben. So steht´s dort drin geschrieben." Brian deutete mit der freien Hand auf das Tagebuch, dass Hanson immer noch in seiner Hand hielt.
"Nun!", sagte Hanson. "Nicht unbedingt deins." Er drehte sich in die Richtung um, aus der die Sektenmitglieder gekommen waren und rief: "Bring jetzt das Baby!"
Eine weitere Gestalt mit violetter Robe trat aus dem Wald. Sie trug ein weißes Bündel auf dem Arm, dass sie Cindy übergab. Ein brabbeln verriet, dass es sich tatsächlich um ein Baby handeln musste. Cindy trat mit dem Kind einen Schritt auf Brian zu.
"Ich möchte dir meinen Sohn vorstellen. Unseren Sohn. Brian, du bist der Vater. Tim wird den kleinen Dennis zwar großziehen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es dein eigen Fleisch und Blut ist. Und ich möchte den kleinen Kerl hier nicht weh tun, das möchte keiner von uns. Deswegen wollten wir, das du kommst. Deswegen, und wegen der Tatsache, dass wir dich vielleicht dazu bewegen könnten, dich uns anzuschließen. Dich und deinen Freund. Jeffs Freund."
"Und mein Freund.", sagte die vierte Kapuzengestalt. Sarah Norton nahm ihre Kapuze ab.

51

Tom und Brian standen beide da und brachten keine Silbe raus. Tom wurde auf Anhieb alles klar.

SARAH JEFF GEFAHR

Es war nie Lukes Absicht gewesen, ihn darauf hinzuweisen, dass die beiden in Gefahr seien. Die Gefahr ging von ihnen aus, und da Tom beiden vertraute, war er nicht drauf gekommen. Nun konnte er sich auch zusammenreimen, wieso die Sekte über alles bescheid wusste. Er erzählte Jeff von dem Ring, wobei er die Children Of Darkness unbewusst erst aufgestachelt hatte, endlich zuzuschlagen. Sarah musste dann seine Nachricht an ihr im Hotel gelesen haben. Darauf stand, woher er und Brian sich den Ring holen würden. Einem Waldstück in Hollywood, der Stelle, an der sie sich gerade befanden. Und es gab nur dieses Waldstück, es war das einzige in Hollywood, sodass es nur dieses sein konnte. Jemand mußte hier gewartet und die beiden beobachtet haben. Sie hatten es nicht bemerkt, da sie sich längst in Sicherheit glaubten. Und dann hatten sie Jeff den Ring gegeben. Sie haben ihn direkt in den Rachen des Löwen geworfen. Und was war mit Luke? Natürlich. Er ist hinter der Story mit den Tagebüchern gekommen, hat herausgefunden, dass sie im Besitz eines Notariats in Detroit waren. Das hatten die Children Of Darkness nie gewusst, sie vermuteten die Tagebücher eher in Chicago. Aber dann hatte Luke Prinzessin Norton alles gesteckt. Warum auch nicht? Das haben sie bei gegenseitiger Partnerschaft immer so gehandhabt. Die Sekte brachte Luke um und stahlen das Tagebuch. Damit brachten sie vor einem Jahr den Stein so langsam ins Rollen.
"Warum habt ihr Luke getötet? Es mußte nicht unbedingt sein."
Sarah beantwortete ihm die Frage: "Nun, ich bin bei Notar Chambers eingebrochen und habe das Tagebuch geklaut. Leider ist mir das Tagebuch, kurz bevor ich es übergeben konnte, bei einem Besuch in Lukes Wohnung aus meiner Tasche gefallen, in seiner Anwesenheit. Da habe ich ihn erschießen müssen."
Das war zuviel für Tom. Nicht nur, dass Sarah ihm so geradeeben das Herz aus der Brust gerissen hatte, sie musste es auch noch zerquetschen wie eine Zitrone, indem sie den Mord an Luke gestand. Aber auch etwas anderes wurde ihm nun klar. Sarah konnte unmittelbar nach dem Mord an Luke die Wohnung durchsuchen, musste keinen Termin mit Stone machen. Das konnte sie Tom aber schlecht sagen, deswegen die Notlüge.
"Sarah. Ich habe dich geliebt."
Erneut fielen ihm wieder die Worte des Jungen aus dem Stadtpark ein. ´Liebe kann grausam sein!´ Wie Recht er damit hatte.
Sarah sah ihn überrascht an: "Aber das kannst du doch noch immer! Ich zumindest liebe dich vom ganzen Herzen! Was hindert uns denn daran?"
Tom konnte es nicht fassen, dass alles schien sie ernst zu meinen.
"Verdammt noch mal, du hast Luke getötet! Du schließt dich dieser Horrorsekte an! Da sprichst du von Liebe?"
"Du liebst mich nicht mehr?"
Dann verwandelte sich ihre verständnislose Miene in eine zornige.
"Du hast mich benutzt!", schrie sie und dann ging alles schnell.

52

Brian bemerkte leider erst viel zu spät, dass Sarah eine Waffe aus ihrer Robe zog und eine Kugel in Toms Bauch abfeuerte. Erst als Tom zusammenbrach, nahm er die Magnum von seiner Schläfe und zielte damit auf Sarah. Tim sprang seinen ehemals besten Freund an, aber bevor dieser ihn zu Boden stürzen konnte, löste sich ein Schuss und traf Sarah genau zwischen die Augen. Sie war auf der Stelle tot. Ihr lebloser Körper fiel direkt neben Tom auf die mit Moos bewachsene Erde. Cindy schrie entsetzt auf. Brian lag auf dem Rücken, Tim lag auf ihm, holte aus und schlug mit seiner Faust auf dessen Nase, sodass sie mit einem lauten Knirschen brach. Brian schrie vor Schmerz auf, hob aber gleichzeitig sein Knie und traf damit mitten in Tims Hoden. Brian rappelte sich auf während Tim sich auf dem Boden krümmte und stöhnte. Dann packte Brian Tim am Kragen und zog ihn hoch, sodass sich seine blutende Nase mit der unversehrten von Tim fast trafen.
"Du! Du hast dich von diesem Psychopathen da belabern lassen und bist in die Sekte eingetreten." Brian zeigte auf Hanson, der das Tagebuch jetzt fest umklammert hielt. "Aber noch schlimmer ist, als Cindy dir irgendwann anvertraute, dass sie von mir Schwanger war, du hast sie dann deinerseits verwirren, und auch noch da mit hineinziehen können. Somit hattet ihr Meola-Blut sicher. Ihr hättet die Zeremonie sogar schon gestern durchführen können, aber ihr wolltet tatsächlich human sein – was für ein Witz – und dem Baby nichts tun wollen." Jetzt schüttelte Brian Tim. "Ist es nicht so?" Tim nickte heftig. Er weinte.
"Ja Brian, so war´s. Und es tut mir leid. Bitte verzeih mir. Ich hatte ja keine Ahnung..." Dann ließ er Tim los, der immer noch heulend, vielleicht vor Schmerz, vielleicht aus Reue, aber sehr wahrscheinlich aus einer Mischung von beidem, sich auf seine Knie fallen ließ. Seine Wange war mit Brians Blut verschmiert. Jetzt weinte auch Cindy und das Baby stimmte mit ein. Brian ging zu Tom um zu sehen, wie ernst seine Verletzung war. Niemand bemerkte, wie Hanson den Ring aus seiner Hosentasche holte und ihn am Ringfinger seiner rechten Hand aufzog.

53

"Wie geht´s dir, Kumpel?"
Tom war kreidebleich und es stand der kalte Schweiß auf seiner Stirn.
"Bestens!", krächzte Tom und stöhnte vor Schmerz.
Brian sah, wie schlecht es seinem Freund ging. Wenn er nicht bald zu einem Arzt kam, würde er hier verbluten.
"Aber deine Nase macht mir sorgen."
"Tom, keine Zeit für Witze."
"Nein..., ist mein ernst. Dein Blut... Ring."
Brian wurde bewusst, was Tom meinte.
"Hier nimm sie." Brian drückte Tom seine Steinschleuder in die Hand. "Das bringt Glück."
"Brian..."
"Nicht soviel sprechen. Halt durch Kumpel.", sagte Brian und drehte sich zu Hanson um. Er stellte entsetzt fest, dass er den Ring bereits trug. Der Ring war blutig.
´Aber das kann nicht mein Blut sein, und auch nicht das des Babys´, dachte er, aber dann sah er auf Tims Wange. Tim kniete immer noch schluchzend auf dem Boden. Ein roter Streifen zog sich über dessen Wange und Brian wusste, dass das Blut seiner Nase war. Der rote Streifen war in der Mitte verschmiert. Hanson, der neben Tim stand grinste. Er hatte das Tagebuch aufgeschlagen.
Cindy schrie: "Pass auf Brian, es ist dein Blut!" Und ehe es Brian verhindern konnte, las Hanson eine Zeile aus dem Tagebuch vor. Dann verdunkelte sich der Himmel.

54

Mit Entsetzten verfolgte Jeff O´Connor, was sich da gerade abgespielt hatte, und immer noch im Gange war. Er schaute zum Himmel und sah, wie er sich mit dunklen Wolken zuzog. Dies waren aber keine gewöhnlichen Regenwolken. Sie waren von einer solchen Schwärze durchzogen, dass es ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihm wurde klar, dass Hanson unrecht hatte, und nun wusste er auch, warum Tom und dieser Brian Meola sie daran hindern wollten, die Zeremonie durchzuführen. Das Sarah ihren Kollegen ermordet hatte und so eiskalt war, hatte er nicht gewusst. Hanson mußte so etwas wie eine Gehirnwäsche an ihm vollzogen haben. Aber nicht nur an ihm. Auch an Sarah Norton, Tim MacLean und dessen Freundin Cindy. Und wer weiß, bei wie vielen anderen sonst noch. Das erkannte er jetzt, aber es war zu spät. Jeff sah zu Hanson hinüber, der seine rechte Hand zum Himmel hob, und den Ring somit näher an diese pechschwarzen Wolken brachte. Dann fing die Erde an zu beben. Jeff sah, dass Cindy sich auf die Knie neben Tim fallen ließ und ihren Körper schützend um das Baby hüllte. Dann kam ihm eine Idee. Vielleicht war es ja doch noch nicht zu spät diesen Irren aufzuhalten. Er brachte unter seiner Robe einen Dolch zum Vorschein. Mit diesem sollte er ursprünglich Brian, oder, sollte dieser sich tatsächlich quer stellen, dem Baby eine Schnittwunde zufügen. Inzwischen brauste ein kalter Wind durch die Lichtung. Die Temperatur nahm innerhalb von Sekunden mindestens um fünf Grad ab. In dem Moment, als Jeff zum Angriff übergehen wollte, stieß ein Blitz aus der Wolke und traf den Ring. Sofort stand Hanson unter Strom. Der Blitz, ein feiner, zuckender Lichtstrahl, hielt mindestens zehn Sekunden an. Währenddessen zitterte Hansons Körper unaufhörlich. Das Groteske daran aber war, dass er nicht schrie, sondern lachte. Der Ring glühte rot-orange, und tat dies auch noch einige Zeit weiter, nachdem der Blitz verschwunden war. Dann erst schrie Hanson auf, reckte dabei beide Hände in den Himmel und warf den Kopf in den Nacken. Nach etwa fünf weiteren Sekunden hörte er damit wieder auf und schaute mit einem finsteren Grinsen in die Runde. Brian wurde kreidebleich, als er es sah. Diese Miene kannte er nur allzu gut. Er hatte sie vor zehn Jahren bereits gesehen. Das Gesicht war nicht das seines Urgroßvaters, aber das spielte keine Rolle, denn er wusste, dass dieser ihn dennoch nun wieder gegenüber stand. ER war wieder da.
"Neeeeiiiiiinnn!!!!", schrie Brian!

55

Jeff ging zum Angriff über. ´Jetzt oder nie.´, dachte er und lief zu dem Ding, das einmal Brad Hanson gewesen war. Dabei hob er den Dolch wie ein Speer über seinem Kopf. Doch dann glühte der Dolch auf, wie zuvor der Ring und Jeff ließ ihn schreiend fallen.
´ER ist stärker geworden!´, dachte Brian. ´ER kann durch bloße Willenskraft Dinge beeinflussen!´ Dann sah Brian, wie Recht er damit hatte und bereute es, überhaupt daran gedacht zu haben, als ob er es hätte verhindern können, wenn er es nicht getan hätte. Aus Jeffs Augenwinkeln, Ohren, Nase und Mund strömte Blut und dann sackte er tot zusammen. Dann geschah das gleiche mit Cindy und Tim. Brian sah es und konnte Cindy noch das Baby abnehmen, bevor sie ganz zu Boden fiel. Es tat ihm weh, dass ER soeben seine alten Freunde getötet hatte, besonders, als er bemerkte, dass die beiden Reue zeigten. Und mit Cindy war Brian schließlich neun Jahre zusammen und er liebte sie immer noch bis heute. Aber er musste jetzt einen klaren Kopf behalten, zum Trauern blieb ihm, so hoffte er, immer noch später Zeit. Es wurde Zeit zum Handeln. Aber wie? Brian legte den Kleinen neben Tom ab.
Der Ring. Er mußte es schaffen IHM den Ring abzunehmen. Dann, nachdem er nun die Sektenmitglieder beseitigt hatte, sprach Bob Meola zu seinem Urenkel.
"Hallo Brian, du kleiner, mieser Bastard."
Brian drehte sich zu IHM um.
"Hallo Bob, wie war´s in der Hölle?"
"Ein reiner Genuss. Besonders in den letzten vier Jahren, als ich mich um deinen Vater kümmern konnte."
"Brian! Nein er... lügt.", krächzte Tom.
"Ja Tom, ich weiß, das ist SEINE art."
"Und nun werde ich mich um dich kümmern!", sagte Bob. "Dann werde ich deinem Freund den Rest geben. Und deinem Sohn, soll ich ihn Dennis den zweiten nennen? Ich werde ihn einfach bei lebendigen Leib auffressen." Dann lachte Bob. Auch dieses Lachen kannte Brian allzu gut. Brian schritt auf Bob zu.
"Brian! Nicht!", schrie Tom, aber Brian hörte nicht darauf. Dann richtete Bob den Ring auf Brian und schoss damit einen Blitz nach den anderen auf ihn ab.

56

Tom erinnerte diese Szene an ´Star Wars – Rückkehr der Jediritter´, als der Imperator Luke Skywalker töten wollte, und es auch geschafft hätte, wenn Darth Vader nicht dazwischen gegangen wäre. Aber hier war niemand, der dies bewerkstelligen könnte. Er selbst hatte versucht aufzustehen, aber dazu war er zu schwach. Außerdem schrie bei jeder Bewegung seine Einschusswunde. Er wüsste nur allzu gerne, was die Kugel in ihm alles zerrissen hatte. Er sah mit entsetzen, wie Bob Meola in Hansons Körper immer wieder seinen sich vor Schmerz am Boden windenden Freund mit Blitzen beschoss.
"Du und dein Vater!", schrie Bob hasserfüllt, "Ihr habt damals meine Pläne durchkreuzt unsterblich zu werden. Dafür wirst du nun büßen!"
Tom hustete und spuckte einen Schwall Blut aus. Er wusste, er würde sterben, daran bestand jetzt kein Zweifel mehr, aber vorher wollte er noch Brian helfen. Aber wie? Dann geschah etwas. Die dunkle Wolke am Himmel bekam einen Riss. Ein grelles Licht, heller, als das es die Sonne sein könnte, schien hindurch. Dort, wo es auf den Boden fiel, wurde es noch gleißender und bündelte sich zu etwas. Tom konnte nicht direkt hineinsehen. Er sah zu Bob. Dieser schien es nicht zu bemerken. Der Riss in der Wolke verschwand, aber das gebündelte Licht war immer noch vorhanden. Es formte sich zu einer Gestalt. Tom lächelte, denn plötzlich wusste er, was dieses Licht war. Oder vielmehr wer es war. Es war Luke, daran hatte Tom keinen Zweifel. Luke, in Form des Lichtes, lief auf Bob zu und stürzte sich auf ihn. Einen momentlang schien sich das Luke-Licht mit Bob zu vereinen, dann wurde es von IHM abgestoßen. Das Luke-Licht versuchte es erneut, aber was es auch vorgehabt hatte, es gelang auch diesmal nicht. Dann hörte Tom eine Stimme. Sie schien nur in seinem Kopf zu sein.
´TOM! HILF MIR! HILF MIR NOCH EIN LETZTES MAL!´
´Wie? Luke, wie soll ich...´
, dann fiel sein Blick auf die Steinschleuder, die er in der Hand hielt. Er richtete sie auf das Licht. Sofort bemerkte er, dass sie warm wurde und sah, dass sie anfing zu leuchten. Die Steinschleuder wurde zum selben Licht, aus das Luke bestand. Gleichzeitig bemerkte Tom wie seine letzte Kraft schwand. Sie fuhr in die Steinschleuder. Ein Lichtstrahl schoss aus ihr und traf das Luke-Licht. Tom sah, wie sich das Licht veränderte. Luke wurde materialisiert. Er sah nun aus wie ein richtiger Mensch, besaß aber immer noch eine leichte Lichtaura. Luke sah zu Tom rüber, hob die Hand und lächelte.
Tom erwiderte es. Er versuchte ebenfalls die Hand zu heben, war aber zu schwach dafür. Dann wurde es für ihn dunkel. Er bemerkte, dass er jetzt starb, aber er wusste, dass nun alles gut gehen würde. Tom Peters hatte auf dieser Welt seine Schuldigkeit getan. Er schloss die Augen und ließ sich fallen.

57

Er atmete.
´Lebe ich?´, dachte er und sah auf seine Hände. Sie wurden von einer leuchtenden Aura umgeben. ´Ja. Ich lebe. Aber nur vorläufig.´ Dann wurde Luke Calligan entdeckt.

58

Erst jetzt sah ER Luke. Sofort richtete Bob den Ring auf ihn.
"Ich weiß nicht wer du bist, und woher du kommst, aber ich werde es nicht zulassen, dass wieder jemand meine Pläne zerstört." Dann schoss ER einen Blitz auf Luke. Die Aura um Luke wurde kurz blau, aber sonst geschah nichts.
"Was...", fing Bob an, dann hob Luke seinen rechten Arm. Er streckte die Hand mit den Fingerspitzen zum Himmel zeigend aus, sodass seine Handfläche in Bobs Richtung zielte. Die leuchtende Aura um die Handfläche herum wurde kräftiger und kräftiger, bis ein Lichtstrahl herausschoss, und Bob in die Stirn traf. ER schrie auf. Aus seinen Körperöffnungen schien seinerseits Licht hinaus, und ebenfalls auch an diversen Körperstellen, an denen Bob nun aufriss. Es wurden immer mehr und mehr stellen. Brian, der sich nur langsam erholte sah auf um zu sehen, was dort geschah. Ein Freudenschrei rann ihm aus der Kehle. Dann platzte Bob und Brian musste sich ducken um sich vor dem Blut und den Fleischstücken zu schützen, die nach allen Seiten verteilt wurden. Ein zersplitterter Knochen zischte nur knapp an ihm vorbei und blieb zentimeterweit neben seinem rechen Ohr im Boden stecken. Über ihm öffnete sich der Himmel. Brian, der immer noch leicht von den Stromstößen zuckte ließ sich auf den Rücken fallen und wurde von der Sonne bescheinen. Dann trat ein Schatten über ihm.

59

"Meine Aura wird schwächer, ich habe nicht mehr viel Zeit.", sagte der Mann, dem der Schatten gehörte. Brian sah zum ihm hin und bemerkte, dass er wirklich von einer Aura umgeben war. Dann sah er, wer es war.
"Luke?"
"Alles in Ordnung, Beachboy?"
"Mir geht´s gut. Aber wir müssen uns um Tom kümmern."
Luke schüttelte langsam den Kopf und Brian begriff, dass er noch einen Freund verloren hatte.
"Aber Tom hat uns damit allen das Leben gerettet. Er hat seine letzte Lebenskraft mir gegeben, damit ich Bob das Handwerk legen konnte. Dennoch, auch die schwindet und ich muss dich um einen kleinen Gefallen bitten. Als Sarah mich erschoss, verscharrte sie meine Leiche in einem Waldstück so wie diesen. Es ist in Detroit. Die genaue Stelle habe ich in Toms Computer unter seine Geschichte beschrieben."
Brian nickte. "Du bekommst deine Beerdigung, ich versprech´s."
Dann verblasste Luke.

60

"Brian, du kanntest Luke?"
"Nun, nicht so gut, aber wir waren kurz davor eine Freundschaft zu schließen. Wie wir jetzt. Doch danach sah ich ihn nie wieder."
"Dann ist er verschwunden."
"Yeah, und ich hoffe, dass du nicht auch noch verschwindest wie alle meine Freunde. Sag mal, könnte es an meinem Rasierwasser liegen?"


Sie saßen wieder auf der Couch in seinem Haus in Malibu, aber nur in seinen Gedanken. Brian saß in Wirklichkeit am Michigansee und starrte darauf hinaus.
´Damals hatten wir darüber gelacht.´, dachte er, aber jetzt war Brian traurig darüber. Neben ihm plärrte in einem Kinderwagen der letzte Mensch, der ihm noch geblieben war. Doch er würde sich hier in Detroit eine neue Existenz aufbauen. Er schaute auf den Gegenstand in seiner Hand. Es war der Ring. Brian holte aus und warf ihn, so weit es ging in den See und hoffte, er würde nie wieder auftauchen. Doch irgendwie glaubte er nicht daran.
´Morgen ist mein 22. Geburtstag.´, dachte er, ´Ich werde wohl die Post abwarten müssen.´ Er würde in den Briefkasten schauen, der zur Wohnung 61 Aley Street gehörte, die er übernahm. Zuvor gehörte sie Tom. Davor Luke. Zwei Männer, dessen Beerdigungen er neulich besuchte. Brian stand auf, nahm seine Steinschleuder aus der Hosentasche und rieb sie. Er steckte sie wieder ein und schob den Kinderwagen auf den Weg. Dennis und Brian gingen nach Hause.

Nachwort

Es gibt sicher einige unter euch die jetzt behaupten, man könne doch gut eine Geschichte schreiben, die von Brians Erlebnissen handelt, die er als elfjähriger Junge in Bob Meolas Schloss erlebt hat. Einige andere unter euch aber werden wissen, dass diese Geschichte bereits existiert. Es handelt sich hierbei um "Er – Blutige Erbschaft". "Children Of Darkness" ist dessen Fortsetzung und ich hoffe, die Geschichte hat euch nicht enttäuscht, denn ich persönlich finde, dass sie mein bisheriges Meisterwerk ist.
So, nun muss ich auch noch einiges erklären. Ich habe mir geographisch sehr viel Handlungsfreiheit genommen. Dawsonville beispielsweise ist meine eigene Erfindung. Sollte es diesen Ort tatsächlich im Süden Chicagos geben, handelt es sich um einen puren Zufall. Auch sämtliche Orte in Detroit und Los Angeles habe ich nach meinem Belieben zurechtgebogen.
Dann möchte ich noch kurz die Sache mit dem Jungen im Stadtpark erklären, die einigen von euch sicher Rätsel aufgeben. Es handelt sich hierbei um einen Link auf meine Geschichte "Randy". Wer sie gelesen hat, wird ihn verstehen.

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