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Rückkehr

©2004 by Stephan Möller (theMöllerman)

 
 

1

Hans Mahners kletterte mit seinem Gewehr auf dem Rücken, und einem Buch ("Der Richter" von John Grisham, er liebte Grisham) und einer Kaffeekanne in der linken Hand auf seinen Hochsitz. Er hätte natürlich auch erst das Gewehr, dann das Buch und den Kaffee hochbringen können, das hätte die Sache erleichtert, aber Hans war kein Fan von Umwegen, er ging lieber den umständlichen, aber kurzen Weg, als den leichten, aber langen.

Als er oben ankam, legte er zuerst das Buch und die Kaffeekanne auf den Holzboden, dann zog er sich selbst hoch, packte das Gewehr zu seinen anderen Sachen und setzte sich auf den Klappstuhl, den er hier immer stehen ließ. Er nahm sich sein Buch, schlug die Seite auf, auf der er zuletzt aufgehört hatte zu lesen, und wollte sich gerade in das Buch vertiefen, als ihm aus den Augenwinkeln heraus etwas rotes auffiel. Er nahm den Kopf wieder hoch und sah genau hin, doch er konnte immer noch nicht ausmachen, was genau das rote Zeug war, das da am Rande der kleinen Lichtung an einem Baum klebte.

Was ist das?, dachte er. Das sieht ja fast aus, wie ... wie ... wie Blut!

Er zögerte. Sollte er runtersteigen und nachsehen? Vielleicht war es ja bloß Farbe. Aber wie sollte Farbe an den Baum gekommen sein? Gut, es war Sommer, da kamen öfters Jugendliche auf diese oder eine andere Lichtung, um zu zelten (es stand hier heute Morgen sogar ein Zelt), aber warum sollten die rote Farbe an einen Baum schmieren?

Er entschloss sich, nachzugucken, schaden konnte es ja schließlich nicht ... dachte er, doch nur zehn Minuten später sollte er eines besseren belehrt werden.

 

Er war noch gut 15 Meter von dem Baum entfernt, als er dicht an dem Zelt vorbeikam, das auf der Lichtung stand und bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Es war so ... ruhig darin. Kein Reden, kein Schnarchen, nicht einmal ein Atmen. Sollte er nicht lieber mal da rein sehen, bevor er zum Baum ging? Vielleicht wurde ihm ja sogar hier die Antwort auf die Frage, was das da am Baum klebte, geliefert.

Nein, geh weiter!, riet ihm eine Stimme in seinem Kopf. Du hast doch selbst gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist! Geh zurück zu deinem Hochsitz, oder noch viel besser: geh nach Hause und lies dein Buch auf dem Liegestuhl, anstatt auf diesem unbequemen Klappstuhl!

Ein berechtigter Einwand und ein verlockender Vorschlag, fand Hans, aber warum sollte er nicht einmal kurz nach dem Rechten sehen; was sollte schon groß passiert sein? Sollte das Monster, dass einer Sage nach in diesem Teil des Schwarzwaldes sein Unwesen trieb, die Leute, die hier zelteten, geholt haben?

Er entschied sich, einmal kurz ins Zelt zu sehen und dann, falls nichts sein sollte., sofort wieder zu gehen.

Hans lief um das Zelt herum zum Eingang, zog den Reißverschluss auf und sah das Grauenhafteste, dass er je zu Gesicht bekommen hatte: im Zelt lagen die aufs Übelste zugerichteten Körper von vier Kindern, drei Jungen und einem Mädchen. Allen vier Leichen fehlte der Kopf, und ihre Bäuche waren aufgeschlitzt und danach ausgeweidet worden. Blut klebte überall im Zelt und hier und da lag ein blutiges Organ herum.

Augenblicklich drehte Hans sich um und übergab sein Frühstück auf den von der Morgensonne schon leicht aufgewärmten Waldboden.

Verdammte Scheiße, dachte er, wer ist denn zu sowas fähig?

 

2

Hausdorfs "Dorfsheriff" Andreas Klammmann und sein Freund und Kollege Michael Strathos standen eine Stunde später vor dem Zelt und schüttelten den Kopf. Sie hatten zwar beide nur einen kurzen Blick auf die Leichen der vier Kinder geworfen, die brutal und unmenschlich hingerichtet worden waren, aber das hatte ihnen beiden schon gereicht. Michael hatte sich sofort umgedreht und, genau wie schon Hans Mahners, sein Frühstück auf den Waldboden übergeben ... er konnte jetzt gut verstehen, warum der arme Mann nicht noch mal mit hierher fahren wollte. Er saß jetzt wahrscheinlich gerade auf dem Polizeipräsidium von Hausdorf (wenn man es denn so nennen konnte; Andis Büro, Michaels Büro und der Arbeitsplatz von Maria Ingmer, der Sekretärin) und unterschrieb seine Aussage.

"Oh Gott, Andi", rief Michael seinem Kollegen zu, "wer kann das denn bitte gewesen sein? Ich meine, es gibt bei uns in Hausdorf doch niemanden, der zu so etwas fähig wäre!"

"Irrtum!", korrigierte Andreas ihn. "Du glaubst nur, dass es niemanden gibt, sprich: du würdest es keinem zutrauen, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, mich nicht auf mein Gefühl zu verlassen, wie du ja weißt!"

"Ja ja!"

"Und was machen wir nun als nächstes?", fragte Michael jetzt seinen Chef.

"Tja, was sollen wir schon groß machen? Wir lassen die Typen von der Spurensicherung kommen, dann werden wir die Eltern benachrichtigen müssen ... und wir müssen wohl auch diesen Einsiedler – wie hieß er noch gleich? Meggen? Moggen? – naja, auf jeden Fall müssen wir ihn fragen, ob er heute Nacht irgendetwas bemerkt hat, seine Hütte steht von hier aus nur 80 Meter in den Wald hinein und er ist nun mal der einzige, der uns möglicherweise etwas sagen kann."

Plötzlich fühlte Michael sich mulmig. Zu Moggen? Joseph Moggen? Darauf hatte er nun wirklich keine Lust; es rankten sich nämlich seltsame Gerüchte um den Kerl – es hieß, er habe vor 50 Jahren (damals war er 10) seine Eltern getötet und Teile ihres Köpers gegessen. Es konnte ihm nicht nachgewiesen werden (und überhaupt: wer glaubte schon, dass ein 10-jähriger seine eigenen Eltern isst?), aber die Leute im Dorf blieben ihm gegenüber skeptisch. Er kam in ein Heim, wo er von den anderen Kindern geduldet, aber nicht geliebt wurde, und sobald er 18 war, kaufte er sich eine alte, verlassene Jagdhütte nahe des Dorfes, die jedoch schon weit genug im Wald lag, um abends Angst zu bekommen, vor allem in Anbetracht der schrecklichen Sagen und Gerüchte, die sich um diesen Teil des Schwarzwaldes rankten. Naja, wie dem auch sei, er päppelte die Hütte etwas auf – machte sie wieder bewohnbar, denn in den vielen Jahren, in denen sie leer stand, hatte der Verfall doch schon einiges von ihr in Besitz genommen – und zog ein.

"Aber", protestierte Michael, "was soll der uns denn schon groß sagen können? Naja", fügte er ironisch hinzu, "es sei denn er ist der Täter!" Er begann zu grinsen, aber Andi verzog keine Miene.

"Mach darüber keine Witze, ich befürchte, er könnte uns – wenn er denn wollte – tatsächlich mehr über den Tathergang erzählen, als uns lieb ist!"

"Du meinst ... du willst damit doch nicht etwa sagen, dass der arme Spinner das hier angerichtet hat?"

"Wieso nicht? Ich meine, wer sollte denn sonst ein Motiv haben?"

"Ich weiß es nicht! Aber was ich auch nicht weiß, ist: welches Motiv sollte Moggen haben?"

"Na, denk doch mal nach: er hatte so gut wie keine Kindheit. Mit 10 hat er seine Eltern verloren, und das auf eine Weise, die an Grausamkeit dem hier nahe kommt, und danach hat man ihn in ein Heim verfrachtet, in dem man ihn wohnen und essen ließ, ihn aber nie vollkommen als ein Mitglied der Gemeinschaft akzeptierte. Er hat in seinem ganzen Leben wahrscheinlich nie einen Freund gehabt, und er hatte wahrscheinlich auch nie solchen Spaß, wie die vier Kinder hier hatten. Was ist, wenn er nun spazieren ging und zufällig am Zelt vorbeikam. Er hörte das Lachen von Kindern – Kindern, die nicht allein waren, sondern in einer Gruppe – und er stellte plötzlich fest, dass sie genau das hatten, was er sein Leben lang vermisst hat: Freunde und Spaß. Er wurde neidisch und wütend, entweder auf sich, weil er seine Eltern damals getötet hat und dadurch in Verruf geraten ist, oder auf den Täter von damals, falls er es dann doch nicht war, der ihm letztendlich all das nahm, was die Vier im Moment hatten. Er beschloss, sich zu rächen, aber er kennt den Täter von damals nicht, der wahrscheinlich schon längst tot ist, beziehungsweise er wollte sich in seiner kranken Wut auch nicht selbst bestrafen, und wer war dann besser geeignet, als die Kinder?"

"Ich muss zugeben, dass das einleuchtend klingt ... vorausgesetzt ..."

"Vorausgesetzt was?"

"Vorausgesetzt, man glaubt an die Geschichte von damals!"

"Sie ist wahr, vergiss das nicht! Es war nur nie sicher, ob es nun Moggen selbst gewesen ist, oder irgendjemand anders."

"Dennoch: ich bin der Geschichte gegenüber skeptisch!"

"Naja, aber das ist jetzt auch egal, wir müssen die Spurensicherung rufen und danach die Eltern der Kinder benachrichtigen!"

"Geh du schon mal zum Wagen", rief Michael seinem Kollegen nach, der schon wieder in Richtung Waldweg unterwegs war, auf dem sie den Streifenwagen geparkt hatten, "ich verschwinde noch mal kurz im Wald!"

"Gut, aber beeil dich!", rief Andi ihm über die Schulter zu.

 

3

Michael ging etwa 10 Meter in den Wald hinein, bis er zu einem kleinen, baumfreien Platz kam, stellte sich an eine alte, hohe Eiche und erledigte sein Geschäft. Was es nur alles gibt auf dieser Welt!, dachte er. Menschen, die vier Jugendlichen die Köpfe abtrennten und sie anschließend auch noch ausweideten. (Nein, schoss es ihm auf einmal durch den Kopf, jemand, der zu so einer Unmenschlichkeit fähig ist, der ist kein Mensch mehr, der ist ein Monster!) Menschen, die einem kleinen Jungen den brutalen Mord an seinen Eltern in die Schuhe schieben, und ihm so das ganze Leben zerstören.

Er war fertig und wollte schon wieder gehen, als er ein seltsames Geräusch hörte ... es klang wie ein leises, fieses Lachen, so ein Lachen, dass die Mörder in Horrorfilmen immer zum Besten geben.

Was ist, wenn es nicht nur Mörder in Filmen tun?, fragte eine hinterlistige Stimme aus seinem Kopf. Was ist, wenn auch reale Mörder so lachen? Was ist, wenn der Typ, der die vier Kinder auf dem Gewissen hat, noch im Wald ist und jetzt auf sein nächstes Opfer wartet? – Dich!

"Hör auf mit dem Müll!", befahl er sich. Dann, etwas lauter: "Hallo? Ist da jemand? Hallo? HALLO?" Keine Antwort.

Langsam ging er in die Richtung, aus der das Lachen gekommen war.

Da war es wieder, nur diesmal etwas näher. "Wer ist da?", fragte er, jetzt unruhig. Er zückte seine Dienstwaffe. Die wird dir nichts nützen, meldete sich die Stimme wieder zu Wort, denn der Kerl hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite!

Halt die Klappe!, schrie er sich innerlich an.

"Hallo?", rief er erneut. "Ist da jemand?" Nichts.

Er schlich um einen dicken Baumstamm herum und stand erneut auf einem baumfreien Platz, und hätte er nicht schon beim Zelt sein ganzes Frühstück dem Erdreich übergeben, dann hätte er jetzt schon wieder gekotzt: hier lagen die vier Köpfe der toten Kinder, halb angenagt, halb ganz, umgeben von riesigen Blutlachen.

Michael konnte sich gerade noch auf den Beinen halten und trat einen Schritt zurück; er wollte auf der Stelle zurück zum Streifenwagen und Andi herholen, schließlich war er der Chef, sollte er sich doch darum kümmern.

Er trat auf etwas matschiges und sah herunter zu seinen Füßen: er war in ein blutiges Organ getreten, dass jedoch nur noch halb und deshalb nicht zu identifizieren war. Darum würde mich jeder Biologielehrer beneiden!, dachte er noch ironisch – er fragte sich später, wie er in so einer Situation auf solche Gedanken kommen konnte –, dann wurde er ohnmächtig und kippte um.

 

4

Meine Güte, wo bleibt der denn?, fragte sich Andi etwas genervt. Sein Getue ging ihm schon den ganzen Morgen auf den Keks. Er mochte Michael, keine Frage, er war ein super Kumpel und ein guter Polizist, aber manchmal konnte er einen mit seiner übertriebenen Panik schon in den Wahnsinn treiben. Andi hatte durchschaut, dass Michael Schiss davor hatte, zu diesem Moggen zu gehen, und dass nur wegen dieser uralten Geschichte. Hätte er nur einmal überlegt, hätte er seine Angst mir reiner Logik beiseite schieben können: wenn sie zu dem Typen hinfahren würden, dann würde Maria, ihre Sekretärin, dass wissen, und wer würde wohl als erstes verdächtigt werden, wenn ein paar Tage später ihre Leichen gefunden würden? Hm? Genau, Moggen. Und genau das war der Grund, weshalb dieser komische Kauz ihnen nichts antun würde.

Andreas hätte wetten können, dass auch für Michaels langes Wegbleiben die Angst der Schuldige war: Michael würde sagen, er hätte Durchfall und würde lieber nach Hause ins Bett, anstatt mit, diesen Irren befragen. Schade, dass sein Magen-Darm-Trakt heute nicht mitspielte, er wäre doch sooo gerne mitgefahren.

Nach weiteren fünf Minuten, Andi wartete jetzt insgesamt schon eine Viertelstunde, beschloss dieser, nun zu Michael hinzugehen und ihm seine Meinung zu sagen. Er war normalerweise niemand, der seine Untergebenen gerne zusammen pfiff, aber hey, Tage wie dieser kosten nun mal Nerven, dafür konnte er doch nichts.

Er ging die kleine Lichtung entlang, bis er in etwa auf der Höhe des Zeltes war, und bog dann in den Wald ab. Er ging einige Meter und rief dabei nach Michael, bekam jedoch keine Antwort. Dann gelangte er zu einem kleinen Platz, wo Michael ganz eindeutig zum Pinkeln gestanden hatte, denn Andi sah die Pfütze, die er dabei hinterlassen hatte.

Wo ist der denn?, fragte er sich. Versteckt er sich vor mir, oder was? Dann vernahm er ein leises Stöhnen. Es kam von Michael, ganz eindeutig. "Michael, wo bist du, verdammt noch mal? Komm raus, ich habe keinen Bock auf deine scheiß Spielchen!" Wütend stampfte er in die Richtung, aus der Michaels Stöhnen gekommen war und stieß auf schreckliches. Auch er übergab sich jetzt.

Als er fertig war, ließ er seinen Blick zu seinem Kollegen wandern, der immer noch auf dem Boden lag.

"Los, weg hier", sagte er, nachdem er ihm hochgeholfen hatte, "die Spurensicherung muss gleich kommen, dann hauen wir hier ab, um die Eltern zu benachrichtigen ... dass ist zwar auch nicht gerade erfreulich, aber immer noch besser, als das hier!"

 

5

Am Nachmittag – Andreas hatte Michael so gerade von der Nötigkeit der Befragung von Moggen überzeugen können – saßen die beiden in ihrem Streifenwagen, dem einzigen in Hausdorf, und fuhren den langen, engen Waldweg zur Hütte von Joseph Moggen, um eben diesen in die Mangel zu nehmen.

"Jetzt mal im Ernst", sagte Michael, dem immer noch etwas bange zumute war, "glaubst du wirklich, wir kriegen bei dem Irren was heraus?"

"Ehrlich gesagt: ich bin mir nicht sicher."

"Wie meinst du das?"

"Ganz einfach: so, wie ich es sage. Ich weiß nicht, ob wir aus dem alten etwas herauskriegen; er soll sehr verschlossen sein, man sagt, er spreche in einem Monat vielleicht einen einzigen vollständigen Satz. Andererseits denke ich mir, dass er kein Mensch ist, der lange eingeschlossen sein kann. Mit einer Nacht in der Zelle müssten wir ihn weichkochen können."

Michael sagte nichts mehr, und auch Andi redete nicht. So fuhren sie bis zu Moggens Hütte, stiegen aus und klopften an die schwere Holztür.

 

6

Joseph Moggen hörte den Polizeiwagen schon von weitem kommen, und er wusste auch, warum sie kamen: sie gaben ihm die Schuld am Tod der vier Kinder, und er konnte es ihnen nicht verdenken, schließlich gab es diese schrecklichen Geschichten über ihn, die jedoch alle nicht der Wahrheit entsprachen – die Wahrheit war viel zu "unnormal", als dass die Menschen sie glauben würden, selbst wenn er sie ihnen erzählen würde.

In Wahrheit hatte er vor 50 Jahren gesehen, wie seine Eltern von einer namenlosen Kreatur getötet und gefressen worden waren, einem Monster – demselben Monster, wie das, das am Abend zuvor die Kinder überfallen hatte.

Ja, Joseph war gestern da gewesen, er hatte zugesehen, wie diese Kreatur seine Beute zerfleischte, konnte aber nicht eingreifen. Doch heute war der Zeitpunkt der Rache gekommen: heute würde das Monster ihn besuchen kommen, es war nach 50 Jahren wieder erwacht und forderte nun seinen Blutzoll. Aber er würde das gottlose Ding erwarten, 50 Jahre waren mehr als genug Zeit, um Rachepläne zu schmieden ... blutige Rachepläne!

Er hörte, wie der Polizeiwagen vor seiner Hütte hielt und ging zur Tür, um die Männer zu empfangen.

 

7

"Was wollen Sie von mir?", fragte er die Polizisten, als sie sich an den massiven Tisch in seiner Küche setzten.

"Wir wollen von ihnen wissen, ob sie gestern Nacht, beziehungsweise heute Morgen etwas seltsames auf der kleinen Lichtung 80 Meter östlich von hier bemerkt haben!", antwortete ihm Andi.

"Nein, tut mir leid. Kaffee?"

"Danke", lehnte Andreas das Angebot ab.

"Was war da denn überhaupt los? Ich bin heute Morgen von Polizeisirenen geweckt worden."

"Vier Kinder wurden brutal ermordet aufgefunden.

"Ah, verstehe! Sie meinen, ich hätte die Kinder ausgeweidet! Herr Klammmann, wenn Sie immer noch an die Geschichte von vor 50 Jahren glauben, dann sollten mal ein bisschen im Archiv der hiesigen Zeitung stöbern! Meine Eltern fielen einem Psychopathen zum Opfer. Ich hatte mit ihrem Tod nichts zu tun."

"Ich habe nicht gesagt, dass wir Sie verdächtigen. Und an die Sache von damals habe ich schon nicht geglaubt, als mein Bruder sie erzählt hat, um mir Angst zu machen!"

"Nein, Sie haben in der Tat nicht gesagt, dass ich unter Verdacht stehe, aber dennoch ist es so. Ihre nächste Frage wäre die nach meinem Alibi gewesen."

"Haben Sie denn eins?", mischte sich jetzt Michael, der bisher nur stumm auf seinem Stuhl gesessen hatte, in das Gespräch ein.

"Nein." Moggen guckte Michael so tief in die Augen, dass diesem direkt unheimlich wurde. "Nein, ich war hier und habe geschlafen, aber das kann niemand bezeugen."

"Nun ja", meldete sich jetzt Andi wieder zu Wort. "Wie Sie ganz recht bemerkt haben, stehen Sie unter Mordverdacht, und ich muss zugeben, dass ich kein Bisschen an ihrer Schuld zweifle. Nur leider kann ich ihnen nichts nachweisen, deshalb muss ich Sie laufen lassen. Michael, gehen wir!" Dann wandte er sich wieder dem Einsiedler zu. "Einen schönen Tag noch!"

"Wünsche ich ihnen auch, Herr Klammmann."

 

8

"Verdammt!", fluchte Andi lauthals, als er wieder in seinem Büro saß und über den Fall nachdachte. Auf einem Sessel hinter dem Schreibtisch saß Michael und zuckte zusammen.

"Was ist?"

"Was ist? Gar nichts ist, das ist es ja." Er musste über sein unbeabsichtigtes Wortspiel lachen und beruhigte sich wieder. "Ist dir klar, dass wir keine einzige Spur haben?", erklärte er seinem Kollegen. "Und das ist noch nicht alles: wir haben nicht den geringsten Hinweis auf den Tathergang. Schön, dieser Perverse hat sie an dem Platz, den du gefunden hast, getötet und dann zurück ins Zelt geschleppt. Aber der Rest? Da sind einfach zu viele Lücken."

"Ich glaube nach wie vor nicht, dass Moggen unser Mann ist."

"Wie du meinst, aber ich sage dir: er war es! Das konnte ich an seinen Augen sehen, an der Art, wie er mich angeguckt hat. Er hat uns belogen!"

"Weißt du was ich glaube?"

"Du wirst es mir sicher gleich sagen!"

"Aber halte mich bitte nicht für verrückt!" Er stockte. Sollte er Andi wirklich von seinem Verdacht erzählen? Andi würde ihn sicher auslachen, aber was soll’s, mehr konnte er schließlich nicht tun. "Ich glaube, dass Monster, das der alten Sage nach hier in der Nähe im Wald leben soll, ist der Täter."

Andi schaute Michael ungläubig an. "Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du an dieses alte Märchen glaubst?"

"Wieso nicht? Ich meine, es muss doch kein Monster im umgangssprachlichen Sinne sein. Es kann doch sein, dass es irgendeine Tierart ist, die so scheu ist, dass sie sich vor den Menschen versteckt hält ... außer, wenn es Hunger hat. Hast du die Sage schon einmal gelesen? Die Toten, die angeblich diesem Ding zum Opfer fielen, waren genau so zugerichtet, wie die vier Kinder ... und wie Moggens Eltern vor 50 Jahren."

"Du bist verrückt", lachte Andi, und damit war die Sache gegessen.

 

9

Langsam darfst du kommen, du Monster!, sagte Moggen in Gedanken zu der Kreatur. Er saß nun schon 2 Stunden mit seinem Flammenwerfer auf dem Schoß im Gebüsch und wartete auf das Ding, dass seine Eltern, die vier Kinder und im Laufe der Jahrhunderte noch Dutzende von anderen Menschen getötet hatte.

Er hatte vor, wenn das Monster hierher kam, um ihn zu holen und den Rest seines Blutzolls zu fordern – denn das würde es, da war er sich ganz sicher –, aus dem Gebüsch zu springen und ihm mit dem Flammenwerfer ordentlich einzuheizen.

Was war das? Er hatte hinter sich im Gebüsch ein Geräusch gehört ... es war ein Knacken, als wäre jemand auf einen morschen Zweig getreten. Wurde er jetzt verrückt? War er es schon? Oder hatte ihn das Ding wirklich überrumpelt?

"Wer ist da?", fragte er, nachdem er sich umgedreht hatte. Er zögerte einen Moment, dann rief er: "Ich weiß, dass du mich haben willst! Ich warte schon seit 50 Jahren auf dich. Ganz genau, ich bin es. Der Junge. Du hast mich damals gesehen, nicht? Du wusstest, dass ich im Kleiderschrank hockte und zusah, wie du meine Eltern abschlachtetest. Du wusstest es und hast dir geschworen, dass ich einer der nächsten sein würde, richtig?"

Ein Knurren. Jetzt war er sich ganz sicher: das Monster war zurückgekehrt, um ihn zu holen. "Komm doch raus, wenn du dich traust! Oder hast du Angst?"

Erneut ein Knurren, diesmal näher. Er musste jetzt ganz vorsichtig sein, sonst würde die Kreatur ihn letztendlich doch bekommen.

Dann hörte Moggen eine Art Zähnefletschen, das von hinten kam. Blitzschnell drehte er sich um und sah das Monster in seiner ganzen Hässlichkeit vor ihm stehen. "Meine Rache ist gekommen!", knurrte es mit einer Stimme, wie Joseph in seinem ganzen Leben noch keine gehört hatte. "Doch nicht nur Ihr werdet meine Rache spüren. Die ganze Siedlung wird für das bezahlen, was sie mir angetan hat."

Dann sprang die Kreatur vor und schlug eine seiner langen, missgestalteten Klauen durch Moggens Sodar plexus in dessen Herz. Blut spritzte.

Der Einsiedler bekam noch mit, dass das Ding seine Kralle wieder aus seiner Blutpumpe herauszog, doch dann wurde es um ihn herum schwarz und er fiel tot zu Boden.

 

10

"Das ist es!" Andi schreckte hoch und sah sich um. Er lag in seinem Bett und hatte bis eben geschlafen. Schon komisch, was es so gab: die Lösung des Falls war ihm gerade eingefallen, und das während er geschlafen hatte.

 

"Ja?", meldete sich Michael verschlafen.

"Michael, ich bin’s! Hör zu, ich hab die Lösung des Falls. Es ist Moggen, wie ich gesagt habe, er hat sich selbst verraten!"

"Hä?"

"Er sagte: ‚Ich verstehe, sie meinen, ich hätte die Kinder ausgeweidet!’"

"Ja, stimmt. Und was ist daran falsch?"

"Ganz einfach: er konnte gar nicht wissen, dass die vier ausgeweidet wurden, wenn er, wie er sagte, nicht am Tatort gewesen wäre, denn wir haben davon kein Wort gesagt."

"Andi ..." Michael stockte, als müsse er kurz überlegen.

"Ja?"

"Du bist ein Genie!"

Andreas begann, lauthals zu lachen.

 

11

Sie trafen eine Stunde später bei Moggens Hütte ein und mussten sich beide sehr zusammenreißen, um nicht in den Dienstwagen zu kotzen. Vor der Eingangstür der Hütte lag Moggens Leichnam. Ihm fehlte der Kopf und er war, genau wie die vier Kinder, ausgeweidet.

"Und, was ist jetzt mit meiner Theorie?", fragte Michael seinen Chef, als sie sich wieder gefangen hatten und die Leiche betrachteten.

"Wer weiß ... !", antwortete dieser und ging zurück zum Streifenwagen, um die Spurensicherung anzufordern.

 

Stephan Möller Schortens, 22.12.03 – 26.01.04

 

 

 

 

 

 

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