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Die Lichtung

©2003, 2004 by Stephan Möller (theMöllerman)

1

Jan Oeter, Martin Danzer, Peter Richter und Manuela Randmann saßen in ihrem Zelt, welches sie auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald aufgestellt hatten, und erzählten sich Gruselgeschichten.

Angefangen hatte Jan mit einer Geschichte über einen indianischen Geist, der zur Zeit des Wilden Westens in mondlosen Nächten durch die Prärie ritt und sic auf grausame Weise an seinen weißen Mördern rächte. Die Geschichte war mehr blutig als gruselig und Jan fürchtete sich nicht wirklich. Dann hatte Manuela eine ebenfalls sehr blutige (aber trotzdem schaurige) Geschichte über eine besessene Bügelmaschine erzählt. Die anderen hatten sich sehr gegruselt, doch Jan hatte den Film, deren Handlung Manuela hier nacherzählt hatte (Stephen Kings "Die Mangel"), ebenfalls vor einigen Tagen im Fernsehen gesehen. Zugegeben, da hatte er auch ganz schön schiss bekommen, doch bei Manuelas (relativ schlechter) Nacherzählung – nö, keine Spur.

Nach Manuela war Peter mit einer Geschichte an der Reihe und Jan freute sich insgeheim darauf, denn er hatte schon einmal mit Peter gezeltet und damals hatte dieser eine echt heftige Geschichte erzählt (und das auf seine ganz besondere Erzählweise, die ihm schon so manche Eins in Schulaufsätzen gebracht hatte).

 

2

Jan, Martin, Peter und Manuela kannten sich seit der Grundschule und waren seither unzertrennlich; man kann sagen, dass sie die jüngste Clique aller Zeiten waren. Alles machten sie zusammen: Hausaufgaben, sie spielten gemeinsam und als sie älter wurden, planten sie zusammen Partys und rauchten zu viert in einer dunklen, durch Bäume gut geschützten Ecke des Schulhofs, Zigaretten.

Doch dann, sie waren 14, passierte etwas, das die Freundschaft der 4 auf die Probe stellte: Herr Oeter, Jans Vater, wurde von Hausdorf im Schwarzwald, wo Jan von Geburt an lebte, nach Wilhelmshaven in Norddeutschland versetzt. Als Jan das erfuhr, war er für einen Monat ein seelisches Wrack: er konnte nicht mehr zur Schule gehen, war den ganzen Tag nur noch am heulen, und tat sonst überhaupt nichts, außer im Bett zu liegen und weinend an die Decke zu starren.

Hart traf die Nachricht auch Martin, Peter und Manuela (wenn halt auch nicht ganz so hart wie Jan), besonders Martin, der unmittelbar neben Jan wohnte und ihn so noch viel besser kannte als die anderen beiden.

Die drei beschlossen, Jan zum Abschied etwas besonderes zu schenken: eine Party im Wald, nur die vier, mit allem, was Jan gerne mochte und was sonst verboten war, nämlich Horrorgeschichten, Alkohol, Zigaretten und das Beste: keine Erwachsenen, keinen einzigen, null.

Ihre Eltern waren damit einverstanden (auf jeden Fall mit der Party selbst, den Rest erzählten die 4 natürlich nicht) und so berichteten die drei Jan von ihrem Vorhaben, was regelrecht ein Wunder bewirkte: er hatte wieder etwas mehr Spaß am Leben. Die Vorfreude auf die Party vertrieb zwar nicht die ganze Trauer, natürlich nicht, aber sie überdeckte doch einen ziemlich großen Teil davon.

Jans Eltern waren zwar nicht wirklich begeistert von der Idee, die Kinder eine ganze Nacht allein im Wald zelten zu lassen, es rankten sich schreckliche Geschichten um diesen Teil des Schwarzwaldes, aber sie wussten auch, dass Jan, sollten sie ihm verbieten, auf die Party zu gehen, sofort wieder in seinen alten Zustand zurückfallen würde, also gaben sie ihr Einverständnis.

So kam es, dass die vier nun im Zelt saßen und feierten.

 

Peter sah mit einem leisen Lächeln auf den Lippen in die Gesichter seiner Zuhörer und stellte mit Freuden fest, dass seine Geschichte ihren Zweck erfüllt hatte: die Gesichtsausdrücke der drei sprachen Bände.

Er hatte eine schreckliche Geschichte erzählt, die so gruselig war, dass Jan sich beinahe in die Hosen machte, aber auch mit blutigen Stellen nicht geizte, ganz im Gegenteil, sie protzte nur so davon.

Sie handelte von zwei Mädchen, die eines Nachts in exakt dasselbe Waldstück gegangen waren, in dem die vier nun saßen, um den "Kick" zu erleben. Sie hatten sich verirrt, deshalb gingen sie einfach immer geradeaus, ohne zu wissen, dass sie immer tiefer in den Wald kamen. Auf jeden Fall wurden sie nie wieder lebend gesehen, doch am Morgen wurden ihre entsetzlich zugerichteten Leichen von einem Jäger gefunden: erst wurde ihnen der Kopf abgerissen und dann waren sie gehäutet worden. Zwei Tage später fand die Polizei ihre Köpfe, merkwürdigerweise an derselben Stelle, an der die Leichen auch gefunden worden waren, doch da hatte es von den Köpfen keine Spur gegeben. Die Köpfe selbst waren eigentlich gar keine solchen mehr, sondern nur noch die Knochen, alles andere war entfernt worden: die Haut, das Fleisch, das Gehirn. Die Polizei stellte mittels modernster Kriminaltechnik unwiderleglich fest, dass die Köpfe zu den Leichen der beiden Mädchen gehörten. Doch das Gruseligste war: an den Knochen befanden sich Bissspuren ... frische Bissspuren.

 

Jan hatte den Kopf zu Boden gesenkt; seine Augen guckten zweifelnd, aber der Rest seines Gesichtes plädierte ganz deutlich auf "erschrocken". So fühlte er sich auch, erschrocken, aber das gefiel ihm. Peters Geschichte löste keine "richtige" Angst in ihm aus, so gruselig war sie nun auch wieder nicht, doch dieser leise Schauer, der den Sinn jeder halbwegs guten Gruselgeschichte darstellt, lief ihm über den Rücken, das Gefühl, wegen dem er sich so gerne Horrorfilme ansah.

Manuela aber hatte die Geschichte sehr erschrocken. In ihre Augen stand blanke Angst geschrieben. "D ... Das ist aber nicht wirklich passiert, oder?", stammelte sie in Richtung Peter.

"Ich weiß nicht", antwortete dieser, "aber mein Vater hat ein Buch über ungeklärte Phänomene in Deutschland und da steht diese Story drin."

Jan sah auf. Wenn das wirklich wahr war ... jetzt bekam auch er "richtige" Angst. Was war, wenn wirklich irgendein gefährliches Tier hier in der Nähe lebte? Was war, wenn es nicht nur ein Tier, sonder ein "Etwas" war, wie in unzähligen Horrorfilmen, die er gesehen hatte? Was war, wenn dieses "Etwas" bereits Witterung aufgenommen hatte; was, wenn es bereits am Rande der Lichtung lauerte; was, wenn es sich bereits zum Zelt schlich, um die vier zu reißen, ihnen die Köpfe abzureißen, wie den beiden Mädchen aus Peters Geschichte, und ihnen genüsslich das Gehirn auszulecken?

Ich sag dir was:, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Du guckst ganz entschieden zu viele Horrorfilme! Was du da denkst, ist nichts als Quatsch, blöder Dreck, den du in einem der vielen Splatter-Filmen gesehen hast, also hör jetzt auf mit dem Scheiß!

"Sagt mal", löste er das Schweigen und deutete auf die Tasche, in der sich das mitgebrachte Bier und der Wein, alles bei den Eltern mitgehen gelassen, befanden, "wann fangen wir denn damit an? Ich könnte ein zwei Bierchen jetzt gut gebrauchen."

"Warts ab!", antwortete ihm Martin. "Es ist gerade mal dunkel geworden und wir sollen morgen erst um drei Uhr nachmittags wieder an der Straße stehen."

"Ich geh jetzt erst mal eine schmöken!", meldete sich jetzt auch Peter zu Wort. "Kommt jemand mit?"

"Ja, ich!", sagte Jan und auch die anderen gingen mit ihm.

 

3

Hätte Jan gewusst, wie nahe er mit seinen Vermutungen lag, ja dass er sogar sehr nahe des Schwarzen getroffen hatte, hätte er zugesehen, dass er so schnell wie möglich verschwunden wäre.

Als die vier es sich gerade im Zelt gemütlich machten, kam das "Etwas" aus seinem Bau. Als sie gerade damit anfingen, sie Gruselgeschichten zu erzählen, nahm es die Witterung auf. Und als Peter seine Geschichte zuende erzählt hatte und Jan sich seine Gedanken machte, schlich es langsam zum Zelt hin, doch dann kamen die Kinder raus und rasch, aber ebenso leise, wie es gekommen war, huschte das "Etwas" hinter die vorderen Gebüschreihen zurück, um die vier weiterhin zu beobachten.

 

4

Die vier gingen aus dem Zelt und beschlossen, ein kleines Lagerfeuer zu machen. Sie bildeten mit einigen Steinen, die überall auf der Lichtung herumlagen, einen Kreis von etwa 75 cm Durchmesser und sammelten am Rande der Lichtung ein paar kleine Äste und einige Stöcke. Anschließend legten sie das Holz in den Steinkreis und setzten es mit Hilfe von etwas Toilettenpaper in Brand. Fertig war ihr Lagerfeuer. Dann holte Martin eine Packung Gauloise aus dem Zelt und die Sache war perfekt – auf jeden Fall fast.

In Jan schwammen 2 verschiedene Gefühle umher. Zum einen war er ängstlich; Peters Geschichte hatte im Nachhinein doch einiges Unbehagen in ihm ausgelöst, vor allem die Tatsache, dass sie höchstwahrscheinlich wirklich so passiert war. Zum anderen, und das nahm deutlich mehr Platz in Jans Innerem ein, fühlte er Traurigkeit, Traurigkeit über den bevorstehenden Umzug. Er würde alles zurücklassen, was er von Kindheit an kannte: seine Freunde, das schöne Hausdorf mit nur 700 Einwohnern (allein der Gedanke, in einer Stadt leben zu müssen, bereitete ihm Übelkeit), und auch sein zu Hause; und das war der Punkt, der ihn am meisten wurmte, mehr noch, als seine Freunde zurücklassen zu müssen: er hatte in seinem ganzen Leben noch nirgendwo anders gewohnt, als in dem schönen Bungalow der Oeters, abgesehen von ein oder zwei Wochen in den Ferien. Er wusste jetzt schon, dass er diesen ganz speziellen Geruch des Hauses vermissen würde. Doch das war etwas, das er gegenüber seinen Freunden nie erwähnen würde, mit Ausnahme von Martin vielleicht, den er am längsten und am besten von den Dreien kannte, aber auch das nur unter dem Versprechen, dass er es den anderen unter gar keinen Umständen erzählen würde, denn er wollte nicht, dass sie ihn, den hartgesottenen Horrorfreak, für jemanden hielten, der leicht sentimental wird. Vielleicht (Nein, wahrscheinlich!, korrigierte er sich) war das albern, aber trotzdem: Peter und Manuela sollten davon nichts wissen.

Auch Martin war ängstlich und traurig zugleich. Ängstlich, weil ihn ein beunruhigendes Gefühl beschlich, das Gefühl, beobachtet zu werden. Er wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, und schon gar nicht wusste er eine Antwort auf die Frage, von wem, oder gar was, sie beobachtet wurden. Er hatte einfach dieses beschleichende Gefühl, nicht allein zu sein. Traurig war er, weil dies wahrscheinlich vorerst die letzte Party zusammen mit Jan, für Martin der beste Freund, den er je gehabt hatte, sein würde. Martin kannte Jan, seit sie beide ein paar Wochen alt waren. Sie waren beide fast gleichzeitig geboren, sodass ihre Mütter sich bereits aus dem Krankenhaus kannten, und dann zogen die Danzers zufällig in das Einfamilienhaus, das direkt neben dem Bungalow der Oeters stand. Seitdem waren die zwei unzertrennlich: sie spielten zusammen im Sandkasten, gingen beide in dieselbe Grundschulklasse, in der sie schließlich auch Peter und Manuela kennen lernten, und bis jetzt waren sie auch immer in derselben Klasse geblieben. Doch nicht nur so was verband die beiden: sie waren auch zusammen das erste Mal auf einer Party, sie rauchten ihre erste Zigarette zusammen und auch, als sie das erste Mal betrunken waren, waren sie zu zweit. Für Martin war ganz klar, dass ihm der Abschied von Jan schwer fallen würde und er würde auch ganz sicher nicht nur ein paar Tränen vergießen (er hoffte, das würde ihm nie vor den anderen passieren). Natürlich würden er und Jan oft miteinander telefonieren und sie würden sich auch garantiert so oft wie nur möglich besuchen, aber es würde dennoch ein komisches Gefühl sein, wenn Martin eines Morgens aufwachen und bei einem Blick aus seinem Fenster feststellen würde, dass in dem Haus, das knappe 14 Jahre lang sein zweites zu Hause gewesen war, nun eine wildfremde Familie wohnte. Nein, das Leben würde nicht mehr so schön sein, wie das, bevor Jan weggezogen war.

Peter hatte ein schlechtes Gewissen. Schließlich hatte er seinen Freunden die gruseligste Geschichte erzählt, die er kannte, und das, obwohl er so was hätte vorhersehen können, denn es war ihm nicht anders als seinen Freunden ergangen, als er sie das erste Mal in dem Buch seines Vaters gelesen hatte. Er konnte an den Gesichtszügen seiner Freunde erkennen, dass er ihnen eine Heidenangst eingejagt hatte; Jan und Martins Augen waren so groß, als hätten sie gerade eben Dracula persönlich gesehen, und Manuela hatte es am schlimmsten getroffen, sie war total nervös, rauchte eine Zigarette nach der anderen und sah sich dauernd nach Hinten um, als vermutete sie ein grauenhaftes Ungeheuer hinter sich, das bereits mit seiner riesigen Pranke ausholte, um sie mit einem tödlichen Schlag niederzustrecken. Das tat ihm besonders leid, denn Manuela war ... ja, was war sie eigentlich? Sie war ... hübsch ... und nett ... und ihre ganz besondere Art zu lächeln hatte es ihm angetan. Er wollte es sich zwar nicht eingestehen, aber er hatte sich in Manuela verknallt. Aber überhaupt: Manuela war, wenn er genau darüber nachdachte, die einzige, wegen der er ein schlechtes Gewissen haben musste, denn schließlich war Martin auf die Idee mit den Horror-Geschichten gekommen, da durfte er sich nicht beschweren, wenn jemand eine Story erzählt, die ihm zu hart ist; und Jan war eh ein Fan von Horrorfilmen, er mochte es, wenn es in einer Geschichte mächtig gruselig und blutig zugeht, sprich, er hatte gerne Angst, warum also sollte sich Peter schlecht fühlen, wenn er ihm Angst machte? Nein, Manuela war die einzige, wegen der er ein schlechtes Gewissen haben musste; okay, sie sah sich gelegentlich auch mal einen Horrorfilm an, aber dennoch war die Geschichte zu hart für sie.

Tatsächlich hatte Manuela beinahe panische Angst, aber das war nicht wegen Peters Geschichte, wie dieser dachte, was Manuela ganz deutlich an den besorgten Blicken ablesen konnte, die er ihr zuwarf, sondern von etwas viel unheimlicheren: sie hatte vorhin, beim Holzsammeln, ein seltsames Knurren gehört. Es war ein grauenhaftes Knurren, es hörte sich fast so an, als wollte der Urheber dieses Knurrens mit ihm sagen: Du gehörst mir! Ihr alles gehört mir, alle vier! Ihr seid meine Beute! Manuela wusste nicht, welches Tier ein solches Knurren von sich gab, es war auf jeden Fall kein ihr bekanntes, und sie, eine Einserschülerin in Biologie, kannte nahezu jedes heimische Waldtier. Ohne das sie etwas dagegen tun konnte, zog ihr Verstand eine Parallele zu Peters Geschichte: was war, wenn dieses ... dieses ... dieses Viech, das sie vorhin angeknurrt hatte, dasselbe war, dem die beiden Mädchen aus Peters Geschichte zum Opfer gefallen waren? Was war, wenn das Knurren sich nicht nur in Manuelas Phantasie wie ein Knurren angehört hatte, sondern auch in Wirklichkeit? Ihr seid meine Beute!

So saßen die vier am Lagerfeuer, rauchten und gingen ihren Gedanken nach, bis Peter die Stille nicht mehr aushielt und das Schweigen brach. "Lasst uns mal `n bisschen Alk rausholen!", sagte er und die andern waren einverstanden; ein bisschen (oder auch ein bisschen mehr) Alkohol, das war es, was sie jetzt brauchten.

Sie holten die Tasche, in der sie das Bier und den Wein versteckt hatten ans Lagerfeuer, doch als ob Peters Geschichte die Lust zu reden aus ihnen genommen hatte, wurde es wieder so ruhig, dass Manuela nur das Knistern des Lagerfeuers und Peters Atmen hören konnte. Er war schon süß, wie er sich schämte, ihr Angst gemacht zu haben, denn das tat er ganz offensichtlich, er warf ihr ständig besorgte, schamvolle Blicke zu. Manuela wusste nicht, ob er bemerkt hatte, dass sie seine Blicke gesehen hatte, aber sie ging nicht davon aus.

Verdammt, schreckte sie kaum merklich hoch, hat da eben ein Zweig geknackt?

Du spinnst!, antwortete eine Stimme in ihrem Kopf, die jedoch so reell war, dass Manuela fast gedacht hätte, jemand stünde neben ihr. Dir macht nur diese verdammte Stille zu schaffen!

Das konnte stimmen. "Sagt mal", durchbrach sie die unsichtbare Mauer der Ruhe, "es ist so still! Lasst uns mal ein paar Witze erzählen!"

 

5

Das "Etwas" war wütend. Musste seine Beute denn unbedingt dieses heiße Zeug machen, dass es so fürchtete? Er war einmal damit in Berührung gekommen, damals, vor etwa 100 Jahren, hatten die Menschen eine Jagd auf ihn veranstaltet, und einer der Jäger hatte einen Stock mit diesem Zeug daran in der Hand getragen und ihm diesen an den Rücken geschleudert. Zu seinem Glück war zu diesem Zeitpunkt das nasse Zeug vom Himmel gefallen und hatte das heiße Monster gelöscht.

Eines war klar: solange seine Beute dieses Zeug hatte, hatten sie etwas, mit dem sie sich verteidigen konnte, wenn er sie angriff, um sie zu reißen ... es sei denn, es konnte unbemerkt von hinten kommen und seine Beute anspringen, bevor sie reagieren konnten. War es dann erst mal wieder zurück im Unterholz, konnte auch der flackernde Dämon ihm nichts mehr anhaben, denn der Wald war sein Revier, sein Reich, hier lebte es seit mehr als 200 Jahren, hier kannte es sich besser aus als jedes Reh, jeder Wolf, jede Eule.

Am besten nahm er zuerst den Menschen, der ihm mit dem Rücken zugewandt saß. Es hatte sie schon vorhin bemerkt, sie war seinem Reich verdächtig nahe gekommen, deshalb hatte es sein Revier mit einem angriffslustigen Knurren verteidigen müssen.

Mit diesem Mensch würde es leichtes Spiel haben, er war ein Weib, feige, schwach. Es würde ihn leicht überlisten können, auf jeden Fall solange es die Dämonen der Überraschung auf seiner Seite hatte.

Das "Etwas" lächelte, sofern man das so nennen konnte. Langsam, und vollkommen lautlos, schlich es los.

 

6

"Also", begann Manuela, ihren Witz zu erzählen, "ein Mann geht in eine Bar und bestellt sich 13 Whiskey. Nachdem er alle auf ex ausgetrunken hat, rennt er hoch in den 13. Stock, springt aus dem Fenster und überlebt.

Das ganze macht vier Mal, dann fragt ihn ein Mann, der an der Bar sitzt: "Sag mal, wie machst du das?"

"Pass auf!", antwortet der andere. "Wenn du 13 Whiskey auf ex runterkippst und dann aus dem 13. Stock springst, dann überlebst du das!"

Ist ja irre, denkt sich der andere, das muss ich doch gleich auch mal versuchen! Er bestellt sich 13 Whiskey, trinkt sie alle auf ex aus, rennt hoch in den 13. Stock, springt aus dem Fenster und ist tot.

Da sagt der Barkeeper zu dem anderen: "Mensch Jesus, du bist so ein Arschloch, wenn du besoffen bist!"

 

Jan und Peter prusteten los, aber Martin lachte nicht. "Haaaaha, der ist ja überhaupt nicht alt!", spottete er.

Plötzlich hörten sie ein Geräusch ... ein Zweig oder ein kleiner Ast hatte geknackt.

"Was war das?", fragte Manuela erschrocken und sprang auf.

"Hörte sich an, als sei jemand auf einen Ast getreten!", antwortete ihr Jan. "Jemand ... oder etwas!" Panik lag in seiner Stimme.

Sie sahen sich um, doch sie konnten nichts entdecken – außer ihnen war nichts und niemand auf der Lichtung.

 

7

Das "Etwas" verfluchte sich. Der Ast, auf den es getreten war, war der einzige im Umkreis von 10 Metern gewesen und natürlich musste es auf ihn drauftreten!

So schnell es konnte, war das "Etwas" wieder im Gebüsch verschwunden. Zum Glück hatte seien Beute ihn nicht bemerkt, aber dennoch würde es wohl noch einige Zeit warten müssen.

 

8

Sie setzten sich wieder hin, doch jetzt konnte Manuela ihre Ängste nicht mehr für sich behalten. "Leute", sagte sie, "mir ist das unheimlich!"

"Ach", reagierte Martin gereizt, "glaubst du, uns nicht?"

"Nein, du verstehst nicht! Ich hab so ein beschissenes Gefühl, als ob wir beobachtet werden würden, und vorhin, beim Holzsammeln, hab ich ein ... ein Knurren gehört!" Nun war es raus, bestimmt würden die andern sie jetzt für verrückt erklären, aber das taten sie nicht, sie sahen ängstlich aus, und an ihren Gesichtern erkannte Manuela, dass sie ihr glaubten.

"Vielleicht klingt das ja jetzt albern", sagte Jan, "aber mir wäre wohler, wenn wir ins Zelt gehen würden."

"Wenn ihr euch dann besser fühlt", sagte Martin, "dann gehen wir halt ins Zelt."

Sie ließen das Feuer brennen und setzten sich mit eingeschalteten Taschenlampen ins Zelt, wo sie Wein und Bier tranken, und sich unterhielten, nun sprudelte aus Jan alles raus, wie er sich fühlte, wenn er daran dachte, dass er bald umziehen würde; für ihn war klar, dass da draußen etwas gefährliches war und falls sie diese Nacht nicht überleben würden, was er zwar nicht glaubte, aber dennoch für möglich hielt, sollten seine besten Freunde wissen, was er fühlte.

Er fing an zu heulen, aber keiner lachte, denn, wie sich herausstellte, fühlten sie alle sehr ähnlich. Der Gedanke, beim Abschied nicht der einzige zu sein, der heulte, erleichterte ihn, machte ihn froh und ließ ihn für kurze Zeit sogar seine Ängste vor dem Unbekannten, das draußen lauerte, vergessen.

Doch dann hörten sie dasselbe Knurren wie Manuela beim Holzsammeln und die Traurigkeit verschwand aus ihnen. Jetzt war kein Platz mehr für sentimentale Gefühle, es war an der Zeit, Angst zu haben; es war an der Zeit, Panik zu bekommen!

 

9

Das "Etwas" traute seinen Augen kaum, sofern sie diesen Namen überhaupt verdienten. Seine Beute verließ den flackernden Dämonen und ging in das blaue, fensterlose Ding, das anscheinend ihr Bau war. Wie einfach dadurch alles wurde.

Vielleicht war es ja doch nicht so ungünstig gewesen, dass es auf den Ast getreten war. Zum einen hatte es bewirkt, dass seine Beute das heiße Zeug verließen, das einzige, was das "Etwas" davon abhielt, sie anzufallen.

Zum anderen hatte sie durch das Knacken nur noch mehr Angst bekommen, und Angst war gut, Angst machte das Fleisch zart und ließ es süß schmecken.

Das "Etwas" knurrte, gerade laut genug, dass seine Beute es hören konnte und lauschte mit diebischem Vergnügen seinen Schreien. Es konnte seine Angst riechen und wurde geil, geil nach Blut und rotem, ängstlich schmeckendem Fleisch.

Langsam setzte das "Etwas" erneut zu einem Angriff an.

 

10

Sie schrieen, nein, sie kreischten in panischer Angst und rannten samt Taschenlampen aus dem Zelt heraus, doch nichts war zu sehen.

Nachdem sie fünf Minuten lang mit ihren Taschenlampen die Lichtung abgesucht hatten, gingen sie wieder ins Zelt.

"Ihr könnt sagen was ihr wollt", hechelte Jan, "aber da draußen ist etwas und, jetzt haltet mich bitte nicht für verrückt, es ist gefährlich."

Die anderen versuchten schweigend, wieder zur Ruhe zu kommen. Nach einigen Minuten durchbrach Martin die Stille. "Lasst uns versuchen, ein wenig zu schlafen!", sagte er. "Vielleicht geht es uns ja besser, wenn wir wieder aufwachen."

Die anderen waren einverstanden, so knipsten sie die Taschenlampen aus und mümmelten sich tief in ihre dicken Schlafsäcke.

Irgendwann, nach schier endlosem Wachrumliegen, schliefen sie ein.

 

11

Nachdem seine Beute aus ihrem Unterschlupf gekommen war und nach ihm gesucht hatte, beschloss das "Etwas", seine Beute weiterhin zu beobachten und zu warten, bis sie von selbst zu ihm kam. Ein Gefühl sagte ihm, dass dies früher oder später geschehen würde.

 

12

Als Jan aufwachte, schien bereits die Sonne. Er sah auf seine Digitaluhr – es war halb 9. "Schon jemand wach?", fragte er.

"Ja ich", kam es aus Martins Ecke.

"Ich muss pissen, kommst du mit?"

"Man, kannste das nicht alleine?"

"Schon, aber ich hab irgendwie schiss."

"Ist schon okay, ich muss auch mal." Er nahm sich eine Rolle Toilettenpapier aus der Tasche und ging gefolgt von Jan raus.

Sie liefen etwa 10 Meter in den Wald hinein, zündeten sich eine Zigarette an und erledigten ihre Geschäfte.

Als sie fertig waren, hörten sie hinter sich wieder das Knurren. Blitzschnell und mit vor Entsetzen verzerrten Gesichtern drehten sie sich um und sahen dem grauenerregendstem Lebewesen, das sie je gesehen hatten, ins Gesicht.

Das "Etwas" war ein Monster, es glich keinem Lebewesen, das Jan je gesehen hatte, wenn er jedoch eines hätte nennen müssen, hätte er "Mensch" gesagt.

In der Tat hatte das Untier etwas von einem Menschen, es ging aufrecht, hatte Beine und Arme ... im großen und ganzen gesehen war seine Körperform mit der eines Menschen identisch. Nur blieb die Tatsache, dass der Körper des "Etwas" über und über mit hässlichen Narben und Wunden überdeckt war.

Das schlimmste jedoch war der Kopf: es hatte lange Ohren, denen von Mr. Spock nicht unähnlich; ein Auge, und es hatte wahrscheinlich auch einmal ein zweites besessen, doch jetzt war die linke Augenhöhle leer, leer bis auf eine dicke Kruste aus getrockneter Gehirnmasse und Blut. Da, wo normalerweise die Nase hätte sitzen müssen, war nichts außer einer ebenfalls blutverkrusteten Wunde ... die Nase musste ihm abgeschnitten worden sein. Der Mund sah relativ normal aus, nur dass die Eckzähne des "Etwas" länger waren als die eines Menschen, sie glichen denen eines Vampirs.

Bevor Jan und Martin schreien konnten, stürzte das "Etwas" sich auf sie.

Die Kreatur stürzte sich auf Martin und schlug eine seiner langen Klauen in dessen Herz und ließ sie herunter gleiten. Als es sie wieder heraus riss, war Martins gesamter Bauch aufgeschlitzt und dessen Eingeweide fielen heraus auf den Boden. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen und einem Gesichtsausdruck wie Jamie Lee Curtis in "Halloween" fiel sein lebloser Körper zu Boden und blieb in einer riesigen Blutlache liegen.

Jan wollte schreien, aber er brachte keinen Ton heraus. Renn!, rief ihm eine Stimme in seinem Kopf zu, doch dies ließen seine Beine nicht zu: so sehr er sich auch bemühte, sie zu bewegen, wegzurennen, das "Etwas" zurückzulassen (obgleich er nicht wusste, wie schnell dieses war, nur nach seinem Aussehen zu urteilen, könnte es höchstens schnell gehen ... andererseits war es auch blitzschnell auf Martin heraufgesprungen), seine Beine sträubten sich dagegen.

Doch dann, endlich, hatte Jan wieder die Obermacht über seine Gliedmaßen und rannte los, weiter in den Wald herein ... doch er war zu langsam: das "Etwas" hatte sich schon in Bewegung gesetzt, als er noch mit seinen Beinen am Kämpfen war. Das konnte nicht länger gedauert haben als 5 Sekunden, auch wenn es Jan wie eine Ewigkeit vorgekommen war, aber dennoch war diese Zeitspanne zu lange: er war nur 3 Schritte gerannt, als sich die Kreatur auch schon auf ihn stürzte, ihn zu Boden warf und ihn mit seinen hässlichen Pranken herumdrehte.

Keuchend in seinem Blutrausch holte das Monster aus und trennte Jans Kopf mit einer seiner langen Krallen vom Hals.

Das "Etwas" hatte seine Beute bekommen.

 

13

Nachdem Manuela und Peter aufgewacht waren, stellten sie fest, dass die anderen beiden nicht da waren.

"Was meinst du, wo sie sind?", fragte Manuela.

"Vielleicht ja nur im Wald, pinkeln."

"Lass uns lieber mal nach den beiden sehen!"

"Ja, du hast recht! Gehen wir nach ihnen sehen!"

 

E-N-D-E

Stephan Möller Quesada (Spanien), 19. – 21.10.2003

 

 

Überarbeitet vom 26. – 29.01.04 in Schortens, Niedersachsen

 

 

 

 

 

 

 

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