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Unsichtbarer Entführer

© 2003 Payam

Der Stein der mich traf flog durch die dunkle Nacht. Ich sah ihn nicht kommen; hörte lediglich das Pfeifen, als dieser die Luft durchschnitt. Er traf mich an meiner rechten Schläfe. Mein Fahrrad geriet außer Kontrolle. Ich strauchelte, während ich merkte dass Sterne vor meinen Augen aufblitzen, wie Scheinwerfer. Meine Gedanken waren gemischt aus Panik und Ratlosigkeit. Sie kreisten jedoch ungewohnt träge in meinem Kopf, als wären sie aus Kaugummi, der sich in der Hitze auseinanderzog. Eine gewisse Gleichgültigkeit machte sich breit, während ich der Ohnmacht entgegen trat. Mein Fahrrad kippte nach links. Ich stürzte unglücklich, ohne Schmerzen zu empfinden. Das Laternenlicht dimmte sich in meinem Kopf, bis alles schwarz wurde. Meine Ohren vernahmen leise Schritte, die sich zu entfernen schienen, obwohl ich wusste, dass sie näher kamen. Dann war nichts.

Ich hatte ihn nie zu Gesicht bekommen. Nie hatte ich ihn sprechen gehört. Sein Atem roch nicht unangenehm. Auch schien er sich zu pflegen. Kein Schweißgeruch. Manchmal, wenn er nah an mich herantrat, konnte ich seinen Atmen hören. Leise. Vermutlich war er schlank und Nichtraucher. Er wollte nicht dass ich sein Gesicht sah, deshalb trat er nur Nachts in mein Zimmer. Die Dunkelheit ließ nicht einmal Konturen erkennen.

In der ersten Woche hatte ich versucht mit ihm zu reden. Verzweifelt, hilflos und voller Angst. Er gab mir keine Antwort. Stattdessen fütterte er mich. In den ersten zwei Nächten wehrte ich mich vehement. Später quälte mich der Hunger so, dass ich mich beugen musste.

Wenn der Tag hereinbrach sah ich mich in einem leeren, kalten Kellerraum. Ein Eimer stand in der Ecke. Daneben ein Besen, der an der Wand gelehnt war. Hinter mir musste sich wohl ein Fenster oder dergleichen befinden. Wo sonst kam das schummrige Licht her? Ich saß auf einem Holzstuhl, dessen Füße mit Winkelblechen am Boden festgeschraubt waren; die Hände waren mit Kabelbinder hinter meinem Rücken gebunden. Die Schmerzen, die sich an meinem Handgelenk ausgebreitet hatten waren vor ein paar Tagen verschwunden. Ich hatte nicht den Mut meine Finger zu bewegen. Ein Gefühl sagte mir, dass ich dies auch gar nicht mehr konnte. Anfangs hatte mir gegenüber ein Spiegel gestanden, in dem ich mich anschauen konnte. Ich sah die Wunde an meiner Schläfe verheilen. Ich sah, wie sich Augenringe bildeten und wie ich eine kranke Farbe annahm. Mein Busen schrumpfte und meine Wangen fielen ein. Der Spiegel quälte mich und ich war froh, dass er verschwunden war. Vermutlich wollte er nicht, dass ich die schrecklichen Veränderungen meines Körpers mit ansah.

Eines Morgens lag ein kleiner Zettel vor meinen Füßen. Meine Augen waren kaum in der Lage ein klares Bild zu erkennen. Es hatte sich ein Schleier über meine Pupillen gelegt. Es war wohl ein Mangel an Nahrung.

Auf dem Zettel stand mit fetter schwarzer Schrift: »Ich liebe dich!«

Ein schrilles Lachen schallte gegen die Wände und erschrocken begriff ich, dass diese fremdartige Stimme meine eigene war.

Über das Warum machte ich mir keine Gedanken mehr. Auch nicht, wer zu solch einer Tat fähig war. Ich dachte nicht mehr darüber nach, ob dies auch mal enden sollte; nicht ob ich gefunden werden, oder sterben würde. Ob Zeitungen über mich schreiben würden, oder meine Freunde und Familie weinen würden. Ich versuchte nicht mehr die Tage zu zählen. Auch interessierte ich mich nicht, wie er wohl aussehe; was für ein Mensch er sei. Ein Bankier? Ein Arbeitsloser? Ein Lehrer? Ein Schüler? Es war mir gleichgültig.

Ich konnte seit gestern keine Nahrung mehr zu mir nehmen. Ich übergab mich unweigerlich beim Gedanken zu essen. Die nächtlichen Besuche meines Entführers waren ungebrochen. Den Eimer hatte er neben meinen Stuhl gerückt, damit ich mein Erbrochenes nicht über den Boden ergoss, doch ich konnte weder rechtzeitig auf meinen Magen reagieren, noch konnte ich sehen, wohin ich meinen Kopf bewegte. Alles war so blass. Nicht einmal die Kotze konnte ich riechen. Meine Arme waren vollkommen gefühllos. Ich war der festen Meinung, dass sie abgestorben seien, klammerte mich an der Hoffnung, dass dies nicht möglich sei.

Ich hörte leise seine Schritte. Spürte, wie er den Löffel an meinen Mund führte. Ich öffnete ihn automatisch. Etwas lag auf meiner trockenen Zunge. Ich vermochte nicht zu sagen, um was es sich handelte. Ich schmeckte nicht das geringste. Beim Versuch zu Schlucken würgte ich wieder alles hinaus. Direkt auf meinen Schoss.

Ein Glas Wasser legte sich an meinen Mund. Ich nahm einen Schluck in die Mundhöhle, damit ich meine trockene Zunge nicht verschluckte und spuckte das Wasser nach einigen Sekunden wieder hinaus.

Ich nahm meine ganze Kraft zusammen – alles was ich aufbringen konnte – und stammelte mit rauer Stimme: »Lass mich bitte sterben.« Meine Augen starrten in die Dunkelheit und ich hörte ein Seufzen. Eine Hand legte sich auf meinen Kopf und streichelte über mein Haar, hinab zu meinen Wangen. Dort löste sie sich und Schritte entfernten sich in Richtung der Tür.

Ich weinte ohne Tränen zu vergießen. Das klägliche Schluchzen klang im Raum lange nach.

In der nächsten Nacht kam er nicht mehr. Keine Schritte, kein Essen. Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder erschrocken war. Ließ er mich wirklich sterben? Ich hatte keinen Hunger. Langsam döste ich ein. Der Zustand war auch nicht sehr vom Wachen zu unterscheiden.

Ich fing an zu träumen. Von einem Wald. Jedoch sah es so aus, als ob statt den Baumkronen die Wurzeln aus dem Stamm sprossen. Erdige und lehmige feuchte Wurzeln hingen wie Haare herab. Alles schien sich zu bewegen – träge wie Arme, die eine Last zu tragen hatten – ohne dass ein Wind wehte. Es war Nacht, trotzdem konnte ich sehen. Am schwarzen Firmament funkelten weder Sterne, noch strahlte der Mond. Viele Meter hoch erstreckten sich die dicken Stämme und sahen bedrohlich aus. Auf irgendeiner Weise hatte ich Angst und lief schneller, als es in Wirklichkeit möglich war. Der Boden war aus weicher Muttererde und so schwarz wie der Himmel. Trotzdem fiel es mir nicht schwer zu rennen. Ich wich geschickt den herabbaumelnden Wurzeln aus, die nach mir zu greifen schienen. Ein Gefühl sagte mir, dass dieser Wald kein Ende hatte. Manchmal schoss ich wie ein Pfeil einen Hügel nach oben, in der Hoffnung eine Straße zufinden. Doch die Hoffung wurde genauso geraubt, wie mein Glaube aus dem Kellerloch zu verschwinden.

Hin und wieder dachte ich, dass ich einen Begleiter hatte, zu dem ich sprechen konnte, doch niemand war da. Merkwürdig. In Träumen hatte ich öfter diese Assoziationen.

Es verstrich eine undefinierbare Zeit. Ich bekam Panik, mein Zuhause nicht mehr wiederzufinden. Ich dachte an alles was ich zurücklassen würde, wenn ich nicht zurückkehrte. Mir fiel ein, dass ich träumte und dachte daran einfach aufzuwachen, doch etwas flüsterte mir, dass ich nicht in meinem Bett lag. So beschloss ich in diesem Zauberwald weiterzuwandern. Langsamer. Behutsamer.

Eine Eule heulte auf. Ich erschrak nicht und schaute auf ein Wurzelgeflecht, das sich über meinem Kopf wie ein gefrorener Springbrunnen ausbreitete. Da saß die Eule und glotzte mich an. Für einen Augenblick sah ich meine Schwester dort sitzen; mit ihrem weißen Kleid. Der Augenblick verstrich, wie es in einem Traum üblich war und die Eule ersetzte ihre Stelle.

Ich war stehen geblieben und blickte zurück. Meine Spuren waren in der klammen Erde noch deutlich zu erkennen. Sie führten zehn Meter zurück. Dort bildeten sie eine Spirale, die sich tausendmal um sich selbst wand. War ich die ganze Zeit über an einer Stelle gelaufen?

Ein Traum.

Die Eule machte sich wieder bemerkbar und als ich mich umdrehte, hatten die bizarren, blätterlosen Bäume einen Gang gebildet, der in eine Art Tal führte. Das Tal war moosüberzogen und kreisrund begrenzt mit einem etwa acht Meter hohem Erdwall. Auf dem Erdwall standen die Wurzelbäume, wie Soldaten. Ihre Mähnen winkten mir zu.

Instinktiv lief ich über das Moos. Ich spürte die Feuchtigkeit an meinen Füßen und die Berührung kitzelte an den Sohlen. Mein Schuhe waren verschwunden. Das Geräusch des Mooses unter meinen Füßen wirkte irgendwie beklemmend und plötzlich ekelte mich die Berührung mit der Haut.

Abrupt blieb ich stehen. Am Ende des Tales stand ein Stuhl. Jemand saß darauf. Ich wusste, dass ich es selbst war. Dazu brauchte ich gar nicht hinzuschauen. Die Entfernung zwischen mir und der Gestalt, die ich ebenfalls war, verringerte sich, ohne dass ich weiterlief.

Ich schien zu schlafen. Mein Kopf hing schlaff herab. Die Haare bedeckten einen Großteil meines Gesichtes. Was darunter hervorschimmerte ließ nichts Gutes zu ahnen. Eine Beule prangte an meiner Stirn, die jedoch nicht aussah, als wäre sie von einem Stoß entstanden. Mein Gott, wie krank ich erschien. Mein Herz fing wild an zu pochen, als ich auf mich herabblickte. Einige meiner Haare waren ausgefallen und lagen auf meinem Schoss. Lag daneben ein Zahn? Ich blickte weg.

Die fürchterlich nach hinten gebogenen Arme waren bis zum Ellebogen fast schwarz. Erbrochenes klebte am Knie. Atmete ich überhaupt?

Mein Herz donnerte gegen die Brust. Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle und ich gab mir einige Sekunden lang Mühe Luft zu holen. Als mir dies endlich gelang, hob sich auch die Brust meines halbtoten Gegenübers.

Ein Schluchzen wehte über das Tal. Ich dachte es dränge aus eigenen meiner Kehle, bevor ein weiteres Schluchzen ertönte, das eindeutig von hinten schallte.

Ich blickte in die Richtung und wusste schon wen ich nun vor mir hatte. Eigentlich erwartete ich, dass Zorn in mir aufstieg. Ich erwartete, dass ich kochen und vor Hass schreien würde. Doch nichts in mir regte sich außer Mitleid mit der Kreatur, die wie ein Kind über das Moos hüpfte und dabei weinte. Es war wohl ein Mann, doch sein Gesicht war in einer Maske gehüllt. Einer Clownsmaske. Sie war aus Plastik und bewegte sich doch, als ob sie leben würde. Tränen fielen ins Grün. Das Weinen wurde lauter, seine Bewegungen exstatischer. Er trug normale Jeans und einen grünen Pullover. Seine Füße waren nackt und es fehlte die rechte kleine Zehe.

Dann kam er zu mir herüber – das heißt zu dem Ich, welches auf dem Stuhl saß. Sein Clownsgesicht war zu einem traurigen Lächeln verzogen. Er nahm meine Hand und drückte sie auf seine Wange. Irgendwie konnte ich die Berührung spüren.

Wieder rannen Tränen aus seinen bemalten Augen. Sein roter Mund öffnete sich und er sprach. Er sagte, dass es ihm leid täte. Hörte ich ihn wirklich? Kam überhaupt etwas aus seinem Rachen? Jedenfalls konnte ich ihn verstehen. Und so stand ich da und hörte zu, wie er immer ein und denselben Satz wiederholte. »Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid.« Dann sprang der Clown wieder auf und rannte über das Moos zurück in den Wald. Er rannte wie ein Besessener. Diesmal lachte er. War es ein glückliches Lachen? Ich wusste es nicht. Er verschwand so schnell wie er gekommen war. Hüpfend, lachend.

Meine schier endlose Kraft war verbraucht und ich spürte wie ich zusammensank. Ich saß erschlafft vor dem Stuhl. Fielen meine Augen zu? Ja. Außerdem glaubte ich, dass ich dem Ende nahe war. Mein Gott, ich würde sterben. Diese plötzliche Erkenntnis riss mich in eine tiefe Resignation, die sogar etwas erleichternd wirkte.

Das Mädchen, das vor mir saß, war das traurige Abbild, meiner Gefühle. Die grotesken Baumwipfel hatten aufgehört sich zu bewegen, als wollten sie das Finale nicht verpassen.

Alles um mich herum verzog sich. Absonderliche Bilder schossen mir durch den Kopf. Farbspiele. Ein Wurm kroch mir über die Hand. Ich wollte schreien, bekam aber keine Luft. Energie schien sich aus meinem Körper zu lösen. Sie wollte entfliehen und sie tat es mit einem zuckenden Ruck. Das Mädchen, das fast schon eine Frau war, aber nie wirklich werden würde, beugte sich im Stuhl auf. Die Haare fielen zurück und sie entblößte ihr eingefallenes Gesicht. Ich war zu benommen, um Angst zu haben. Ihr Mund öffnete sich. Ich sah ihre trockene Zunge und ihre Zahnlücken. Dann gellte einen markerschütternder Schrei aus ihrem Schlund. Die Welt um mich herum wurde eingesogen, als ob sich ein Kreis verengen würde.

Unsere Körper verschmolzen. Mir wurde kalt.

Ich befand mich kurzzeitig wieder im Keller; in einem Keller voller Zauberbäume. Dann war alles dunkel.

An dieser Stelle wäre ich wohl aufgewacht. Vielleicht in meinem Bett, vielleicht auch im dunklen Kellerraum...
Doch ich wachte nicht auf.
Nie wieder.

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