Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header5.jpg

Die Autoren von BookOla.de erstellen Rezensionen von Romanen, Kurzgeschichten
und allem was von bekannten und unbekannten Autoren zu Papier gebracht wird.
Die Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links.
Wenn du auf so einen Affiliate-Link klickst und über diesen Link einkaufst, bekomme ich
von Amazon eine kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht, aber dieser kleine
Betrag hilft mir, die Unkosten der Seite zu bestreiten.

und nun findet man auch unsere ersten Gehversuche auf Mastodon

Carlottas Plan

© 2003 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Darf ich mich vorstellen?

Mein eigentlicher Name ist Luigi di Negro, doch vielen von Ihnen wird mein Künstlername wohl weit mehr sagen: Dr. Luke Black

Ja genau, der berühmte Entfesselungskünstler, der sich in der letzten Dekade einen Namen in den USA und in Kanada gemacht hat.

Was ich Ihnen zu sagen habe?

Nun, ich fürchte um mein Leben!

Gestern belauschte ich zufällig ein Gespräch meiner Ehefrau Carlotta. Am Telefon unterhielt sie sich mit jemandem, den sie Liebling nannte, über mein baldiges Ableben.

Nun hänge ich jedoch an meinem irdischen Dasein und versuche verzweifelt Schutzvorkehrungen zu treffen, um diese schändliche Tat zu verhindern.

Also hocke ich hier, am Schreibtisch unseres Hotelzimmers – Carlotta ist fortgegangen und trifft sich wahrscheinlich in eben diesem Moment mit ihrem Liebhaber – und schreibe einige Zeilen an meinen langjährigen Freund Edward Breede.

Im Falle meines plötzlichen Todes soll dieser Brief Hinweise auf die Täterschaft meiner Gattin geben.

Wer mag nur ihr Liebhaber sein?

Egal, Eddie, der außerdem mein Anwalt ist, wird es sicherlich nicht sein, denn er und Carlotta sind wie Katz und Maus. Jede sich bietende Möglichkeit nutzen die beiden, um sich ihre tiefe gegenseitige Abneigung zu demonstrieren. Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Carlotta meinen Freund von ganzem Herzen hasst.

Morgen habe ich hier in Erie meinen großen Auftritt, bevor wir die Tournee anschließend in Kanada fortsetzen werden.

Ich lege den Füllfederhalter beiseite, warte, bis die Tusche etwas angetrocknet ist, falte den Bogen Papier zusammen und schiebe ihn in den vorbereiteten Umschlag, den ich bereits mit Eddies Namen und Adresse beschriftet habe. Ich träufele etwas Wachs auf das Couvert, drücke meinen Siegelring hinein und trage den Brief persönlich zur Rezeption hinunter, damit ein Bursche ihn zur Post bringen kann.

Anschließend kehre ich in das Doppelzimmer mit der Nummer 34 zurück und lege mich auf das bequeme Bett, um mir für den Abend die nötige Konzentration zu holen.

Carlotta erscheint zwei Stunden später. Wie immer nimmt sie keinerlei Rücksicht auf mich und knallt die Zimmertür hinter sich laut ins Schloss, so dass ich erwache.

Mein Herz schlägt wie wild.

Carlottas Liebe zu mir ist schon seit über einem Jahr erloschen. Zumindest hatten wir seit dieser Zeit keinen Geschlechtsverkehr mehr miteinander.

Das ist jedoch nicht weiter tragisch, da es ausreichend Frauen gibt, die mich ob der Faszination meiner spektakulären Show lieben und gern eine Nacht das Bett mit mir teilen wollen, was ich bisher allerdings immer verneint habe; aus Rücksichtnahme auf mein Weib.

Sicher würde Carlotta mich am liebsten auf der Stelle verlassen, doch all das Geld und sämtliche andere Dinge von Wert gehören mir, wenn man mal von dem einen oder anderen Pelzmantel oder Ring absieht, den ich ihr im Laufe der Jahre geschenkt habe. Sie wäre vollkommen mittellos und könnte sich den überaus aufwendigen Lebensstil, den sie derzeit führt, natürlich nicht mehr leisten. Sicher ist auch ihr Kerl arm wie eine Kirchenmaus, sonst wäre Carlotta wohl längst über alle Berge.

Ein zufriedenes Lächeln liegt auf ihren vollen roten Lippen, als sie sich auf der Bettkante niederlässt.

"Oh, habe ich dich etwa geweckt?" fragt sie mit zuckersüßer Stimme.

"Lass das scheinheilige Getue, Carlotta", zische ich auf italienisch und stehe auf.

Ein Blick auf meine Taschenuhr zeigt mir, dass es noch über drei Stunden bis zu meinem Auftritt sind.

"Du bist in letzter Zeit immer so gereizt, Luigi. Wenn du nicht acht gibst, wirst du noch irgendwann einen schlimmen Fehler machen und ein unglückliches Ende finden."

Ich zucke zusammen und stoße zischend die Luft aus.

"Du falsche Schlange!", knurre ich und wie von selbst holt mein Arm aus, und meine rechte Hand hinterlässt einen scharlachroten Fleck auf ihrer linken Wange.

Carlotta reibt mit einer Hand darüber und schaut mich mit ihren großen braunen Augen unschuldig und gekränkt an.

"Luigi", keucht sie.

An ihr ist tatsächlich eine großartige Schauspielerin verloren gegangen. Sicherlich könnte sie sogar in Hollywood an der Seite von Errol Flynn in einem dieser neumodischen Filme bestehen.

Kunst nennen sie das!

Pah, dass ich nicht lache!

Kein bisschen wahrer Nervenkitzel. So wie bei einem meiner phantastischen Auftritte.

"Ich habe deine Unterhaltung gehört!"

Deutlich erkennbar zuckt Carlotta zusammen und streicht sich eine ihrer pechschwarzen Haarsträhnen hinter das rechte Ohr. Doch schon hat sie sich wieder in der Gewalt.

"Ich weiß nicht, was du meinst", sagt sie mit Unschuldsmiene.

"Dein gestriges Telefongespräch, das du vom Apparat in der Lobby mit deinem Liebhaber geführt hast, du verfluchte Hure!

Ich kenne eure Pläne!

Ihr wollt mich aus dem Wege schaffen, um an mein Vermögen zu kommen und um freie Bahn füreinander zu haben. Doch ich werde euch einen Strich durch die Rechnung machen.

Ein Brief von mir, der unzweifelhaft zu Untersuchungen führen wird, falls ich plötzlich aus dem Leben scheide, da er dich eindeutig der Planung eines Mordes an mir denunziert, ist unterwegs an Edward Breede.

Ihr ward nicht vorsichtig genug, du und dein sauberer Freund. Ich erwarte, dass du deine Sachen packst und verschwunden bist, wenn ich heute Abend von der Show heimkehre."

Ich ziehe meine Geldbörse aus der Westentasche und hole meine gesamte Barschaft daraus hervor.

"Hier hast du etwa dreihundert Dollar. Sieh sie als Entlohnung für deine sexuellen Dienste an mir. Wer sich wie eine Hure verhält, soll auch entsprechend bezahlt werden!"

Ich werfe die Geldscheine auf das Bett und ziehe mich ins angrenzende Bad zurück, um mich ein wenig frisch zu machen. Als ich wenig später zurückkehre, ist Carlotta verschwunden.

Das Geld liegt nach wie vor auf dem weißen Bettlaken und ich stecke es schulterzuckend wieder ein.

 

Nur eine Stunde später befinde ich mich bereits im hiesigen Theater, wo die heutige Vorstellung stattfinden soll.

Unter normalen Umständen erscheine ich immer erst kurz vor meinem Auftritt, doch heute ist selbstverständlich alles anders. Vielleicht hatten Carlotta und ihr Komplize die Vorbereitungen für meine Ermordung, die sicherlich wie ein Unfall aussehen soll, schon getroffen, bevor ich mich ihr offenbarte.

Was, wenn die beiden nun keine Zeit mehr hatten, um die ganze Sache rückgängig zu machen?

Es würde mir recht wenig helfen, wenn mein Brief die Mörder zwar entsetzte, ich jedoch dummerweise trotzdem das Zeitliche segnete.

Gewissenhaft untersuche ich den Sarg, in dem ich mich in etwa zwei Stunden in einem Wasserbassin versenken lassen würde, auf etwaige Löcher, die jemand hineingebohrt hatte.

Nichts zu finden!

Anschließend nehme ich mir die Eisenketten vor, die um meinen Körper und den Sarg geschlungen werden sollen.

Doch was konnte daran schon manipuliert werden?

Ich greife nach den Vorhängeschlössern, bei denen es sich selbstredend um Spezialanfertigungen handelt. In unserer Branche sind kleine Schummeleien an der Tagesordnung.

Das Schloss, das die Kette zusammenhält, die sich um meinen Leib schlingt, lässt sich mit einer kleinen Nadel öffnen, die im Samtbeschlag des Sarges verborgen ist.

‚Die Nadel’, schießt es mir durch den Kopf, und augenblicklich untersuche ich die Fütterung der Totenkiste.

Allerdings befindet sich dieses höchst wichtige Utensil ebenfalls unversehrt an seinem Platz.

Da das erste Schloss ebenfalls offensichtlich nicht beschädigt wurde, nehme ich mir das andere vor, welches die Kette verschließt, die außen um den Sarg gelegt wird. Es wird dabei direkt auf dem Holz des Deckels placiert und öffnet sich automatische, wenn man mit genau dosierter Kraft von innen dagegen drückt.

Auch dieses Schloss scheint jedoch einwandfrei zu funktionieren.

Nun, wahrscheinlich hat Carlotta ihren bösen Plan also doch noch nicht in die Tat umsetzen wollen.

Trotzdem beschließe ich, mein Arbeitsmaterial von nun an nicht mehr aus den Augen zu lassen. Ich ziehe mich gleich hier an Ort und Stelle um und schlüpfe in mein enges weißes Kostüm mit dem königsblauen Umhang.

Die Leute, die an meiner Show mitarbeiten, tauchen einer nach dem anderen auf und werfen mir verwunderte Blicke zu, auf die ich jedoch nicht weiter eingehe.

Auch meine Assistentin erscheint nun auf der Bildfläche.

Carlotta!

"Was willst du denn noch?" zische ich ihr zu, als sie neben mir stehen bleibt.

"Du kannst dir die Ketten wohl schlecht selbst anlegen, nicht wahr?"

Sie lächelt süffisant. "Ich bin immer noch deine Assistentin."

"George kann diesen Part übernehmen!"

"Mach dich doch nicht lächerlich! Was werden deine Zuschauer wohl sagen, wenn ein dicklicher alter Mann das macht? Sie erwarten ein hübsches Mädchen in einem knappen Kostüm."

Zähneknirschend sehe ich ein, dass sie in diesem Punkt wohl eindeutig recht hat.

"Nun gut. Aber glaube nur ja nicht, dass es dir gelingt die Schlösser auszutauschen. Ich werde dir genau auf die Finger sehen."

"Selbstverständlich. Auch wenn du es natürlich schwerlich mitbekommen würdest, wenn ich das zweite Schloss austauschte, während du bereits im verschlossenen Sarg liegst. Nicht einmal du kannst durch massives Holz schauen.

Außerdem wäre es wohl sehr dumm von mir, wenn ich trotz deiner Absicherung versuchte dich zu töten."

Nun konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.

"Edward würde dich in der Luft zerreißen!

Aber was willst du dann hier? Du kannst mir nicht allen Ernstes weismachen wollen, dass es nur wegen der Show ist. Bisher lag dir meine Arbeit nie derart am Herzen."

"Ist das so schwer zu verstehen?"

Ich nicke.

"Ich möchte aufpassen, dass dir nichts geschieht!"

Mein Gesichtsausdruck muss wohl ziemlich dümmlich sein, denn Carlotta wirft den Kopf in den Nacken und lacht herzhaft.

"Du verstehst es wirklich nicht?"

"Nein, das ist zu hoch für mich", gebe ich ehrlich zu.

"Ist aber ganz einfach. Stell dir vor, dir stößt heute tatsächlich etwas zu. Niemand würde mir ein Wort glauben, wenn ich meine Unschuld beteuerte und dein Freund Edward mit deinem Brief auftauchte. Jeder würde mich für deine Mörderin halten, obwohl dein Tod lediglich ein tragischer Unfall wäre.

Ich will ganz bestimmt nicht unschuldig auf die Anklagebank!"

"Stimmt, das wäre äußerst unangenehm für dich, nicht wahr? Du würdest in der Gaskammer enden."

Das große Portal des Theaters wird schwungvoll aufgestoßen, und die ersten Besucher betreten den Saal und lassen sich auf den für sie reservierten Plätzen nieder.

"Ist es schon so spät?" frage ich und bin etwas verwirrt, wie schnell doch die Zeit vergangen ist.

"Ich gehe mich rasch umziehen", sagt Carlotta und verschwindet in ihrer Garderobe.

Wenige Minuten später ist das Theater bis auf den letzten Platz gefüllt, und der Sprecher in seinem schwarzen Frack und dem Zylinder auf dem Kopf kündigt mich mit blumigen Worten an.

Carlotta erscheint wieder und stellt sich an meine Seite. Noch immer verbirgt der große rote Vorhang uns vor den Blicken der Zuschauer.

Jetzt fällt mir wieder ein, warum ich mich damals Hals über Kopf in Carlotta verliebte, denn das enganliegende Trikot, das sie trägt, betont wundervoll ihre großen schweren Brüste, und die in schwarze Netzstrümpfe gehüllten Beine machen auch einiges her.

"Meine sehr verehrten Damen und Herren", ertönt hinter dem Vorhang die Stimme des Theaterdirektors, "freuen Sie sich nun auf Dr. Luke Black und seine bezaubernde Gattin Charlotte."

Tosender Applaus empfängt Carlotta und mich, als der Vorhang beiseite gezogen wird und wir Hand in Hand die Bühne betreten und uns tief wir den Leuten verbeugen.

Als das Getöse endlich abschwillt, lege ich die Arm flach an den Körper und stelle die Beine dicht zusammen, und Carlotta holt die erste Kette, schlingt sie mehrmals um mich und verschließt das silberne Vorhängeschloss, wobei ich peinlich genau darauf achte, dass sie auch bloß das richtige Schloss wählt. Jetzt kann ich mich kaum noch rühren. Zwei muskulöse Männer mit nackten, eingefetteten Oberkörpern betreten die Bühne, heben mich mühelos hoch und legen mich in den Sarg. Dann verschließen sie den Deckel, und tiefe Dunkelheit hüllt mich ein. Der Sarg pendelt leicht hin und her, als er mittels eines Flaschenzuges hochgehievt wird. Deutlich höre ich, wie die zweite Kette mehrmals rasselnd um die Kiste geschlungen wird und hoffe, dass Carlotta das Schloss entsprechend den Vorgaben anbringt.

"Nun wird der Sarg mir Dr. Black in dieses Bassin hinabgelassen, in dem sich dreißigtausend Liter Wasser befinden", erklingt die Stimme des Sprechers, der die Bühne wieder betreten hat und nun im hellen Licht der Scheinwerfer steht.

"Die Luft innerhalb des Sarges wird Dr. Black für etwa drei Minuten zum Atmen reichen, bevor sie schlechter und schlechter wird und immer weniger Sauerstoff enthalten wird. Spätestens nach vier Minuten muss Dr. Black das Innere seines schrecklichen Gefängnisses verlassen haben, wenn er nicht eines qualvollen Todes sterben will."

Das reißerische Gefasel geht noch weiter, ich kenne es bestens, denn ich habe den Text schließlich selbst verfasst, doch nun kann ich es nicht mehr hören, da der Sarg mittlerweile ins Bassin eingetaucht ist und langsam zu Boden sinkt.

Die Wände der Totenkiste sind natürlich entsprechend abgedichtet, so dass kein Tropfen Wasser ungewollt eindringen und die mir verbleibende Zeit verkürzen kann.

Meine rechte Hand, die ich einigermaßen bewegen kann, tastet an der Wand entlang und bekommt schließlich die kleine Nadel zu fassen. Ich ziehe sie aus dem Sargfutter und taste inzwischen mit der linken Hand nach dem Schloss, das sich irgendwo an meiner Brust befinden muss.

Ein merkwürdiges Summen stört plötzlich meine Konzentration, und ich halte angestrengt den Atem an und lausche gespannt.

Was zum Teufel ist das?

Ein derartiger Laut ist mir bei meinen, inzwischen weit über einhundert, Auftritten noch nicht untergekommen.

Vielleicht ein Generator, der sich unterhalb der Bühne befindet?

Ich kann mich jedoch nicht länger damit aufhalten, denn mein Luftvorrat wird knapper. Ich führe die Nadel vorsichtig in das Schloss ein, als das Summen plötzlich lauter wird, und ich einen schwachen Luftzug in meinem schweißnassen Gesicht verspüre.

"Oh, du raffiniertes Luder", quetsche ich gepresst hervor, als ich endlich begreife.

Carlotta weiß natürlich von meiner Allergie!

Ein einziger Stich einer Biene oder Wespe, die kleinste Menge ihres Giftes in meinem Körper würde mich umbringen, wenn ich nicht augenblicklich ärztliche Hilfe und ein Gegenmittel bekomme.

Fürwahr, ein genialer Plan!

Doch auch damit wird Carlotta keinesfalls durchklommen. Sicher denkt sie, sie ist neben meinem Arzt das einzige menschliche Wesen, dem ich von dieser Allergie erzählt habe, doch vor etwa drei oder vier Monaten habe ich Edward von meinem Problem berichtet, nachdem ihm mein entsetzter Gesichtsausdruck aufgefallen war, als eine Biene in unserer Nähe umherschwirrte. Er wird die Zusammenhänge erkennen und seine Schlüsse daraus ziehen, falls ich hier verrecke.

Verzweifelt prockele ich mit der Nadel in dem verdammten Schloss herum.

"Geh endlich auf", keuche ich.

Ich will nicht sterben. Auch wenn dieser Ort natürlich passend gewählt ist.

Das Summen ist verklungen!

Die Biene oder Wespe – eigentlich bin ich sicher, dass es sich um eine Wespe handelt, denn dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass es mich hier unten tatsächlich erwischt – muss sich irgendwo niedergelassen haben. Wahrscheinlich versucht das Mistvieh ebenso verzweifelt wie ich dieser Falle zu entkommen.

Da! Plötzlich spüre ich ein Kitzeln auf meinem rechten Handrücken.

Unter normalen Umständen könnte ich einfach warten, bis das Insekt wieder verschwindet, doch verständlicherweise stehe ich im Augenblick unter einem gewissen Zeitdruck. Also versuche ich, das Tier vorsichtig mit den Fingern der linken Hand zu verscheuchen.

"Neeeeeeiiiiiiiiiiinnnnnnnnnn!"

Ich kann es nicht verhindern, der Schrei löst sich einfach aus meiner zusammengeschnürten Brust und verbraucht wieder eine gehörige Portion Sauerstoff.

Doch ist es jetzt nicht eigentlich egal?

Deutlich spüre ich das ekelhafte Pochen an der Kuppe des linken Ringfingers, wo der Giftstachel eingedrungen ist. Augenblicklich schwillt mein Hals an. Der Druck auf die Luftröhre lässt mir die Kehle eng werden und sorgt dafür, dass ich den ohnehin knappen Luftvorrat nicht mehr in meine nach Sauerstoff schreienden Lungen pumpen kann.

Meine Augen quellen weit hervor und dicke Schweißtropfen bilden sich auf meiner Stirn und lassen die Augen brennen. Ein merkwürdiges Kribbeln erfasst meinen ganzen Körper. Die Nadel entgleitet meinen kraftlosen Fingern und verschwindet irgendwo zwischen den Falten meines Anzuges. Immer weiter pumpt das Blut das todbringende Gift unaufhaltsam durch meinen Körper. Rote Sterne explodieren vor meinen tränenden Augen.

Sind sie eigentlich geöffnet oder geschlossen?

Ich weiß es nicht.

Ein Zittern erfasst meinen Körper.

Ich sehe ein grelles Licht, das sich mir rasend schnell nähert.

 

Carlotta hatte den Polizeibeamten kaum weiterhelfen können. Weinend hatte sie auf deren Fragen geantwortet und sich immer wieder Augen und Nase mit einem Taschentuch gewischt.

Ja, ihr geliebter Gatte sei allergisch gegen Insektengift gewesen.

Nein, sie wisse nicht, wie die Wespe in den Sarg hatte gelangen können.

Nein, man könne wohl niemandem einen Vorwurf machen.

Ja, ein schrecklicher Unfall.

Vielen Dank für Ihr Mitgefühl, Herr Kommissar.

Ja, ich ziehe mich nun in uns- in mein Hotelzimmer zurück.

Von Weinkrämpfen geschüttelt verließ Carlotta di Negro das Theater und fuhr mit einem Taxi zum Hotel zurück.

 

Die hübsche junge Frau schließt die Tür zu ihrem Hotelzimmer auf und tritt ein.

Es riecht ein bisschen verbrannt im Raum.

"Hat es geklappt?" fragt eine tiefe männliche Stimme aus der Finsternis.

Carlotta schließt die Tür hinter sich und knipst das Licht an.

Der Mann, der bis dahin flach auf dem Bett gelegen hat, richtet seinen Oberkörper auf und stützt sich auf den Ellbogen ab.

Auf dem Nachttischchen neben ihm steht ein großer gläserner Aschenbecher, in dem erst vor kurzem ein Bogen Papier verbrannt worden war.

Carlotta läuft los und wirft sich dem Mann in die Arme.

"Oh, Liebling, es war eigentlich viel zu leicht", haucht sie und presst dem Mann ihre Lippen auf den Mund. "Was für ein Glück, dass Luigi dir von seiner Allergie erzählt hat. Von allein wäre ich niemals auf die Idee gekommen, ihn auf diese Art und Weise aus dem Wege zu schaffen."

 
Copyright 2022 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla