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Alles wird gut

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Aus dem Tagebuch des 20jährigen Marc Schmidt:

Samstag, 17. Juli 1993

Alles wird gut

Wie oft hat mich dieser Spruch, den irgend so ein Idiot auf Deinen Einband gedruckt hat schon verhöhnt? Seit zwei Jahren, seit ich Dich von Sylvia zum Geburtstag geschenkt bekam und Dir meine Gedanken anvertraue – in recht unregelmäßigen Abständen, wie ich zugeben muss – kotzt mich dieser Satz an.

Alles wird gut

Nichts wird gut!!!

Marc legte den Kugelschreiber aus der Hand und schaute aus dem Fenster. Die drei Birken, die vor dem Hause seiner Eltern standen, bogen sich leicht im Wind und knarrten leise. Ansonsten war es gespenstisch still im Haus. Marcs Eltern waren übers Wochenende zur Zugspitze gefahren, skilaufen. Sein jüngerer Bruder Veith übernachtete bei einem Freund. Sie wollten sich gemeinsam ein paar Videofilme ansehen.

Marc drückte sich mit den Händen am Schreibtisch ab und rollte mit dem Stuhl nach hinten. Nach zwei Metern wurde seine Fahrt durch den Schrank gestoppt, der an der gegenüberliegenden Wand seines Zimmers seinen angestammten Platz hatte. Marc stieß sich heftig den Ellenbogen am harten Kirschbaumholz des Möbelstückes.

"Au! Verdammte Scheiße!" fluchte er lautstark und rieb sich mit der Hand über die schmerzende Stelle.

Er schaltete den Verstärker und den CD-Player seiner Pioneer-Stereoanlage ein und öffnete den danebenstehenden CD-Ständer, in dem sich rund siebzig der silbernen Scheiben befanden. Sorgfältig alphabetisch sortiert. Marc griff nach dem letzten Album der Fields of the Nephilim, deren Musik seiner augenblicklichen Stimmung entsprach und schob die CD in das Abspielgerät. Anschließend schloss er die Lade, drückte Play und rollte zum Schreibtisch zurück.

Die düsteren Klänge der englischen Gothic-Band dröhnten aus den vier großen Boxen, die jeweils in einer Ecke des Raumes standen, als Marc den Kugelschreiber wieder auf das Papier setzte.

Ich habe es satt. Jeden Zag derselbe Scheiß. Mitten in der Nacht aufstehen, zur Arbeit, neuerdings mit dem Fahrrad, seit mein Polo total hinüber ist. Acht bis zehn Stunden malochen, dann nach Hause. Mama hat etwas zu essen gekocht, es steht meistens schon auf dem Tisch. Essen und anschließend noch ein bisschen fernsehen oder vielleicht mit Stephan, dem einzigen Freund, der mir noch geblieben ist, ins Kino oder in die Kneipe. Spätestens um elf ist dann Zapfenstreich. Wenn ich dann nicht schlafen gehe, bin ich am nächsten Tag zu nichts zu gebrauchen!

Das alles kotzt mich so unglaublich an. Ich kann einfach nicht mehr. Dazu kommt noch, was mich in meiner Stimmung auch nicht sonderlich aufbaut, dass Sylvia mich vor drei Monaten abgeschossen hat, nachdem sie bereits seit mehr als einem halben Jahr mit meinem ehemals besten Freund Sven rumgefickt hat. Auf diese Weise habe ich sie gleich beide verloren.

So ist das Leben für mich nicht mehr lebenswert.

Alles wird gut

Viel zu lange habe ich darauf vertraut, doch jetzt ist Schluss damit!

 

Tränen liefen Marc über das Gesicht. Früher hätte er sich geschämt.

‚Ein richtiger Mann weint nicht’, hatte sein Vater früher immer zu ihm gesagt, als er noch klein war.

Doch nun war es ihm egal. Wie ihm im Moment alles egal war. Erneut nahm er den Stift zur Hand, schrieb einige Zeilen an seine Eltern.

 

Mama, Papa, ich habe euch trotzdem lieb. Macht euch keine Vorwürfe. Ihr habt immer euer Bestes getan, ward für mich da, wenn ich euch brauchte. Doch in diesem speziellen Fall könnt ihr nichts für mich tun, kann niemand etwas für mich tun.

Liebe Grüße auch an Veith.

Lebt wohl, Marc

 

Eine Träne tropfte auf das Tagebuch, ließ die Tinte ein Wenig verlaufen. Marc stand auf. Sein Vater hatte eine alte Walther in der rechten unteren Schublade seines Schreibtisches im Arbeitszimmer liegen. Der Schriftsteller hatte die Waffe gekauft, um sich gegen etwaige Einbrecher zur Weh setzen zu können. Jetzt würde sein ältester Sohn sie benutzen, um seine Depressionen auf ewig zu vertreiben.

Langsam stieg Marc die Treppe hinunter, langsam, da er wegen des Tränenschleiers vor seinen Augen nicht richtig sehen konnte und es nicht riskieren wollte zu stürzen.

‚Seltsam eigentlich’, dachte er. ‚Ich will mich doch eh umbringen.’

Er erreichte das Erdgeschoss und betrat das Arbeitszimmer seines Vaters. Die Rollläden vor den Fenstern waren heruntergelassen, denn Marcs Vater wollte sich beim Schreiben nicht von Dingen ablenken lassen, die draußen vor sich gingen.

Marc streckte den Arm aus, tastete an der Wand nach dem Lichtschalter, drückte ihn. Das aufflammende Licht riss die Einrichtungsgegenstände aus der Finsternis.

In der Mitte des Raumes stand ein klobiger Schreibtisch, der aussah, als wäre er aus dem letzten Jahrhundert. Der Computer, Bildschirm und Drucker muteten dagegen an wie Dinge aus ferner Zukunft, aus einem Science-Fiction-Film.

Neben der Tastatur lag, aufgeschlagen, ein Duden. Außerdem fanden sich auf dem Schreibtisch noch vier Lexika und ein beinahe überquellender Aschenbecher.

Riesige Regale nahmen die drei fensterlosen Wände in. Literatur von Hemingway bis King, von Konsalik bis Simmel fand sich darauf. Marc setzte sich auf den unglaublich bequemen Schreibtischstuhl seines alten Herrn, beugte sich vor und zog die rechte untere Schublade auf.

Der Tod des Königs

Sein Blick fiel auf das neueste Manuskript seines Vaters. Ein Fantasy-Epos von gut eintausend Seiten, das erst vor etwa einer Woche fertiggestellt worden war. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so wäre Papa auch niemals mit seiner Frau übers Wochenende weggefahren. Er stand stets unter Termindruck, wurde mit seinen Arbeiten aber trotzdem fast immer rechtzeitig fertig.

Marc schob das Papier zur Seite. Früher hatte er sehr gerne die Werke seines Vaters gelesen, heute interessierte ihn jedoch nur die Walther. Doch die war nicht da!

"Scheiße, wo ist die Knarre?" entfuhr es ihm, und er durchwühlte die Schublade ein zweites mal, sicher die Waffe übersehen zu haben.

Doch es blieb dabei, die Pistole befand sich nicht mehr an ihrem angestammten Platz.

"Er wird sie doch nicht mitgenommen haben?" murmelte Marc und zog die nächste Lade auf.

Eine Tüte Pistazien, Schokolade, zwei Dosen Coke, eine halbvolle und eine volle Schachtel Camel Filters und ein Feuerzeug. Keine Pistole!

Die Überlebensschublade nannte sein Vater das.

Marc griff nach den Zigaretten und dem Feuerzeug, steckte sich eine an. Aufgeregt inhalierte er das Nikotin, hoffte, dass es ihn beruhigte.

Die oberste Schublade auf der rechten Seite.

Drei Pakete weißes DIN-A4-Papier für den Drucker.

Linke Seite, obere Schublade.

Ein alter Cassettenrecorder und Cassetten. Alles Klassik. Beethoven, Mozart, Wagner, Tschaikowsky und diese Scheiße.

Marc verzog das Gesicht.

Mittlere Schublade.

Bücher und Zeitschriften mit Berichten über Massai-Negerstämme, um die sich das nächste Buch seines Vaters drehen sollte.

Die letzte Schublade.

Die Asche fiel von Marcs Camel, landete genau in der Mitte des absolut leeren Schubfaches. Nichts, wieder keine Waffe.

Verzweifelt knallte Marc die Lade zu. So fest, dass sogar das Holz splitterte. Er stand auf, wollte mit der Faust auf die Tischplatte schlagen, um Dampf abzulassen, als er sie sah. Die ganze Zeit hatte die Walther neben dem Epson-Drucker gelegen und darauf gewartet, dass er sie entdeckte und an sich nahm. Vater hatte die Waffe wohl gereinigt und dann schlicht und einfach vergessen sie wieder in die Schublade zu legen.

Der junge Mann drückte die Zigarette aus, dann packte er die Waffe, sah nach, ob sie geladen war, entsicherte sie und schob sich den kalten Lauf, der noch stark nach Waffenöl schmeckte, in den Mund. Er schloss die Augen, schluckte hart und zog ganz langsam den Stecher durch.

Nein!

Er nahm die Pistole wieder aus dem Mund. Hier nicht! Er wollte in seinem eigenen Zimmer sterben, wo er sich wenigstens manchmal wohl und geborgen gefühlt hatte.

Mühsam quälte Marc sich aus dem Schreibtischstuhl, verließ den Raum, und ebenso vorsichtig, wie er sie vorher heruntergegangen war, ging er die Treppe nun wieder hinauf.

Achtzehn Stufen, er hatte sie unglaublich oft gezählt, als kleiner Junge beinahe jeden Tag. Und auch als Erwachsener tat er es noch manchmal. Erst vorgestern hatte er sich dabei ertappt. Er ließ die elfte Stufe aus – sie knarrte so grässlich, dass einem dabei ein eisiger Schauer den Rücken hinunterlief – und erreichte sein Zimmer. Dort legte er die Automatik auf seinen Schreibtisch und begab sich zur Stereoanlage. Zu seinem Abschied aus dieser Welt wollte er ein bestimmtes Lied hören, ein Lied, das zu dieser Szenerie passen sollte.

One Way Ticket von Calling Dead Red Roses. Angeblich der depressivste jemals in Deutschland produzierte Song.

Marc drückte auf Play und setze sich. Vier Minuten und zwei Sekunden hatte er noch Zeit, denn er wollte das Lied bis zum Ende hören. Knapp vier Minuten, die er noch in der Welt der Lebenden verweilen wollte.

Er zündete sich noch eine letzte Camel an, rauchte mit geschlossenen Augen, genoss die düstere Musik und ließ noch einmal alles an seinem geistigen Auge vorüberziehen.

Noch zwanzig Sekunden!

Zum zweiten mal am heutigen Tage schob er sich den Pistolenlauf in den weit geöffneten Mund, während im Aschenbecher der Rest der Zigarette langsam verqualmte.

Der Schlussakkord!

Marc zog den Abzug durch!

Für einen Moment wurde es stockdunkel um ihn herum, dann konnte er wieder sehen.

Er stand neben seinem toten Körper, der über dem Schreibtisch zusammengesackt war. Die Pistole war ihm aus den Kraftlosen Fingern gerutscht, lag auf dem alten grauen Teppich mit den unzähligen Brandlöchern. Die Kugel war aus seinem Hinterkopf wieder ausgetreten, steckte im Kirschbaumholz des Kleiderschrankes.

Einige Blutstropfen und etwas Hirnmasse waren auf sein Tagebuch gespritzt.

Alles wird gut

‚Verdammter Lügner’, dachte der Geist.

Ein gewaltiger Sog erfasste ihn, zerrte ihn durch die massive Betonwand, hinaus aus seinem Elternhaus, ja aus der Welt hinaus. Marc hatte die Erde verlassen, sein geist raste durch eine andere, fremde Dimension.

Hier gab es nichts!

Alles, was Marc wahrnehmen konnte, (sah er als Geist eigentlich durch so etwas physisches wie Augen, oder fühlte er all das nur mit irgendwelchen spirituellen Sinnen?) war die Farbe Gelb. Ein Gelb wie die Farbe reifer Bananen.

Mit einer immensen Geschwindigkeit durchquerte der Astralkörper diese Dimension, verließ sie bald, was mit einem merkwürdigen Zerren an Armen und Beinen verbunden war und trat in eine , vollkommen andere Dimension ein.

Diese war nicht so öde und eintönig wie die vorhergegangene Welt, aber doch nicht minder bizarr. Sie schien nur aus einem riesigen Friedhof zu bestehen. Grabstein an Grabstein reihten sich aneinander so weit das Auge reichte. Und auf jedem war ein Spruch eingarviert.

Jonathan Millcastle

1429-1454

Starb an der Beulenpest

 

las Marc und

 

Luc Poitier

1892-1915

Gefallen im 1. Weltkrieg

 

und

 

Luigi di Negro

1895-1937

Ermordet von seiner Gattin und seinem besten Freund

 

und schließlich

 

Marc Schmidt

1973-1993

Erschoss sich selbst

 

Der Geist wunderte sich, warum er plötzlich all diese Fremdsprachen so gut lesen konnte, wo er doch in der Schule besonders in Englisch und Französisch immer Mühe gehabt hatte auf eine 4 zu kommen.

Dann sah er das Licht!

Ein unglaublich grelles weißes Licht, das immer näher kam. Marc musste die Augen schließen, wollte er nicht geblendet werden. Doch auch durch die geschlossenen Lider hindurch war es noch unwahrscheinlich hell. Er hatte das Gefühl, als würden seine Augäpfel in seinem Kopf verbrennen.

Dann wurde es plötzlich für einen winzigen Moment dunkel und kurz darauf gab es wieder Licht, jedoch nicht so verdammt grelle wie noch vor wenigen Augenblicken.

Marc wagte es also wieder die Augen zu öffnen.

Er befand sich in einem dieser sterilen Kreißsäle!

Marc sah sich erstaunt um. Eine fremde Frau hatte ihn soeben aus ihrem Schoß gepresst. Um ihn herum standen mehrere Gestalten in langen weißen und grünen Kitteln. Seine neue Mutter schluchzte glücklich und sah seinen kleinen blutbeschmierten Babykörper liebevoll an.

"Ein strammes Mädchen", hörte er die raue Stimme einer Ärztin sagen.

‚Ein Mädchen? Ich? Ist die Alte blind?’ schoss es Marc durch den Kopf.

Dann wurde er unsanft hochgehoben, und die Ärztin holte mit einer riesigen Hand aus, um ihm einen Klaps auf den Po zu versetzen. Er spürte den Schmerz und wollte sich gerade lautstark beschweren, doch da fiel sein Blick auf die ihm gegenüberliegende Wand des sechseckigen Raumes. Eine weiße Marmorplatte war dort eingelassen. In dicken schwarzen Buchstaben stand darauf:

 

Alles wird gut


 
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