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Die alte Scheune

© 2003 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ein Klappern weckte sie auf. Irgendwo draußen an der Scheune klapperte ein Fensterladen im Sturm und hatte sich wohl in den Kopf gesetzt, sie nicht mehr schlafen zu lassen. Josh wachte als erster auf und sah sich irritiert um. Sein zerzaustes Haar fiel ihm wild in die Stirn und bedeckte seine Augen fast.

"Leute! Stev!" nörgelte er und hob seine schmutzig verwaschene Jeans vom Holzboden auf. Mühsam und taumelnd streifte er sie über. Als er sie gerade zuknöpfte, stand auch Stev auf. Er hatte einen kürzeren Haarschnitt, deshalb sah er nicht so zerzaust aus. Die anderen vier schienen noch zu schlafen. Stev begann nach seiner Hose zu suchen, doch im Dunkel der großen Scheune konnte er sie nicht finden. Das dämmrige Mondlicht war kurz hinter einer Wolke verschwunden.

"Los komm! Du brauchst deine Hose nicht. Dieser Scheißfensterladen ist nicht weit weg, so laut wie der ist. Außerdem haben wir Mai. So kalt ist es nachts auch nicht mehr." meinte Josh und bemerkte eine Gänsehaut auf seinem Arm.

Stev gab die aussichtslose Suche auf und sie gingen zur Tür. Sie hatten die kleine Tür neben dem großen Tor benutzt, um die Scheune zu betreten. Als Josh sie jetzt öffnete, drang eine starke Windböe herein und hätte ihm die Tür fast aus der Hand gerissen. Sie gingen hinaus und schlossen die Tür hinter sich, um die Kälte nicht bis zu ihren Schlafplätzen vordringen zu lassen.

Ein kalter Mond erschien hinter einem grauen Wolkenfetzen und tauchte die gesamte Landschaft in ein silbrig milchiges Licht. Die beiden Jungen konnten die weiterstreckten Wiesen sehen, den kleinen Wald, am Rande des Baches und den Bach selber. Diese alte Scheune war so ungefähr die einzige Herberge im Umkreis von vier Kilometern.

"Das kommt von Rechts." sagte Stev und gähnte herzhaft in den Wind hinaus. Er streckte seinen Rücken und es knackte laut. "Scheiß Schlafsack." brachte er hervor, dann begann er zu zittern. "Los! Beeilen wir uns."

Sie gingen um das Gebäude herum und kamen dem quietschenden Geräusch immer näher. Als Stev unvermittelt anhielt, prallte Josh auf ihn und fluchte. "Scheiße! Wieso bleibst du stehen?" Das Quietschen untermalte ihre Unterhaltung auf stete und nervige Weise. "Du... da vorne war einer." sagte Stev mit erschrockener Stimme. "Mir rast das Herz jetzt noch bis zum Kopf. Ich hab da vorne an der Scheunenecke jemanden gesehen. Er ist auf die andere Seite gegangen." Stev drehte sich um und suchte den Blickkontakt mit seinem Freund. "Wir sollten wieder reingehen."

Josh lachte nervös. "Wovor hast du Angst? Vor Gespenstern? " Stev sah ihn wütend an. Er drehte sich um, damit er sicher sein konnte, daß die Gestalt verschwunden war.

"Ich weiß, was ich gesehen habe. Ich hab zwar nur einen Schatten erkannt, aber da war wirklich einer."

"Vermutlich Johnny, der mal pinkeln mußte. Du weißt doch, daß er nach drei Bier immer die ganze Nacht durchpinkelt." Josh schlich sich der Gedanke auf, daß er nicht nur Stev mit dieser Aussage beruhigen wollte. "Ich werde jetzt auf jeden Fall diesen Fensterladen schließen, sonst kommen wir gar nicht mehr zum Schlafen. Kommst du jetzt oder muß ich allein gehen?"

Stev sah ihn unsicher an, so daß Josh fast befürchtete, daß er tatsächlich wieder in die Scheune zurückging, und ihn alleine nach dem Fensterladen suchen ließ, aber Stev ging schließlich mit. Langsam bewegten sie sich auf die Scheunenecke zu.

Stev zuckte innerlich zusammen, als Josh um die Ecke verschwand. Nur für eine Sekunde war er außer Sicht und Stev fragte sich, was er machen sollte, wenn Josh jetzt plötzlich verschwunden war. Wie in den Filmen. Nur Bodennebel, sonst nichts.

Er trat um die Ecke und sah Josh zwei Meter vor sich. Er drehte sich breit grinsend um und deutete auf den klappernden Fensterladen, der im Wind schaukelte.

Als sie davorstanden meinte Josh: "Und wo ist dein Unbekannter?" Stev sah auf seine Hände und schlang sie um seinen Körper, so als ob er frieren würde. "Halts Maul und stell das Ding ab." Murrend fügte er hinzu: "Hab mich wohl geirrt."

"Seh ich auch so." sagte Josh und klemmte den Fensterladen wieder in seinen Haken an der Hauswand. "So. Das wäre geschafft." Grinsend drehte er sich um. "Sollen wir nicht noch ein Bierchen trinken?"

"Das ist eine verdammt gute Idee!" Josh klopfte seinem Freund auf die Schulter.

Stev ging voraus und sagte: "Komisch, daß die anderen das nicht mitgekriegt haben. Das Ding war doch lauter als ne Motorsäge. Aber die beiden Mädels haben sowieso ein bißchen zuviel getrunken. Die schlafen tief und fest." Er machte eine Pause und schnaufte hörbar. "Weißt du noch..." Stev hatte sich umgedreht und erstarrte. Josh war verschwunden. Nur Bodennebel. Sonst nichts. Ungläubig schüttelte er den Kopf. "Komm raus, du Penner! Das ist echt nicht witzig!" Er bemühte seine Stimme vergeblich um Festigkeit. Nichts geschah. Die Umgebung schwieg ihn an und die Scheune schien voller Erwartung den Atem angehalten zu haben.

"Ich geh jetzt wieder rein. Treib du nur deine Spielchen." Er drehte sich um und ging los. Immer wieder sah er sich suchend um. Nichts. An der Ecke begann er zu laufen und als er die Tür erreichte, raste sein Herz. Er schloß sie hinter sich und keuchte. Er sah auf den schlafenden Haufen von Siebzehnjährigen in der hinteren Ecke der geräumigen Scheune. Niemand war aufgewacht.

Er ging zu seinem Schlafsack zurück und legte sich hinein. Ein dicker Gegenstand bohrte sich schmerzhaft in seine Seite. Sein Wecker. Er betätigte das Leuchtdisplay. Halb zwei. Es erlosch wieder und helle Flecken tanzten vor seinen Augen. Er verkroch sich in seinen Schlafsack und wartete auf Josh. Doch der kam nicht. Irgendwann sah er nocheinmal auf seinen Wecker. Fünf vor zwei. Das konnte nicht sein.

Er stand wieder auf und sah sich unsicher um. Die Anderen schliefen friedlich. Nur Johnny regte sich. Stev erstarrte. Ein Geräusch. Draußen. Er spürte wieder, wie sein Herz klopfte.

Es war ein Scharren. Irgendwo draußen. Dann lauter: Ein Spaten auf einem Stein. Krack. Er ließ ein Piepsen aus seinem Mund fahren und sah auf Johnny, der sich halbschlafend aufrichtete. Er sah Stev verwundert an und schüttelte den Kopf.

"Was machst du denn da?" nuschelte er und rieb sich die Augen.

Stev hielt einen Finger vor den Mund und deutete Johnny, zu lauschen und still zu sein. Wieder ertönte das Scharren und schlug eine Beule in die Stille der Nacht.

Johnny sah Stev verdutzt an. "Was...?" Dann erzählte Stev alles und Johnny wurde langsam wach.

"Wie lange? Eine halbe Stunde?"

"Ja."

"Der spielt uns einen Streich." meinte er mit verbitterter Miene. Komm wir holen ihn wieder rein."

"Johnny..."

"Komm schon! Was soll denn da draußen sein?"

Stev zögerte. "Keine Ahnung."

"Dann komm!" Mit diesen Worten stand er auf und zog seine Jeans an. Sie gingen zum Eingang. Das Scharren hörten sie nicht mehr.

Als Johnny die Tür öffnete, wurde sie ihm vom Wind aus der Hand gezogen und schlug laut gegen die Hauswand. Beide zuckten zusammen.

"Wenn das die anderen nicht geweckt hat, dann weiß ich auch nicht. Mist!" meinte Johnny und spuckte auf den festgestampften Boden. Aber von ihren Schlafplätzen kam kein Laut. Vielleicht war der Wind auch nur zu laut. Er heulte ununterbrochen. Stev drängte sich an Johnny vorbei und sah sich aufmerksam um. Sein Blick traf nichts ungewöhnliches. Die alten Eichen, die jenseits des Baches wuchsen, schwankten wie Betrunkene im klagenden Wind. Das Gras auf der kleinen Ebene zwischen dem Schuppen und dem Wald war auf eine Seite umgeknickt. Der Bach rauschte leise, aber stetig, unbeeindruckt vom Wind.

"Los. Komm!" sagte Johnny und trat vor. Er rotzte noch einmal in den Sand und sie schlichen an der Hauswand entlang. Als sie an der Ecke angekommen waren, hielt Johnny den Finger an den Mund, um Stev anzudeuten, still zu sein. Er sah vorsichtig um die Hausecke und gab Stev ein Zeichen, auf das dieser ebenfalls um die Ecke sah. Nichts. Nur die Landschaft, die im Dunkel der Nacht vom Wind gepeinigt wurde. Er zuckte mit den Schultern und sah Johnny verwirrt an. Sie gingen weiter. Die Angst ergriff wieder Besitz von Stev.

"Wir sollten vielleicht doch nicht..."

"Was soll denn schon passieren?" fragte Johnny.

"Dasselbe habe ich schon vor einer halben Stunde gehört. Von Josh." Stev sah Johnny fest in die Augen. "Laß uns umkehren, und die anderen wecken."

Johnny überlegte kurz und kratzte sich am Kinn, so als ob er dort einen Bart hätte. "Wir sollten die anderen nicht wecken. Das würde uns nichts bringen..."

"Doch. Wir könnten die Scheune in einer stärkeren Gruppe umrunden." Stev sah verlegen auf den Boden.

"Du glaubst also wirklich, daß es hier nicht mit rechten Dingen zu geht?"

"Ja."

"Dann wäre Josh in Gefahr. Komm wir beeilen uns." Sie kehrten um. Stev hielt sich sehr dicht hinter Johnny und wäre ihm mehrere Male fast auf die Füße getreten, aber sie kamen unbeschadet wieder an der Tür an.

Als sie eintraten, sahen sie, daß Julie aufgewacht war. Ob durch die Tür oder den Wind, konnte sie nicht sagen.

"Und was glaubt ihr, ist mit ihm passiert?" fragte sie die beiden Jungen.

"Wir haben keine Ahnung. Was meinst du, was wir machen sollen?" Stev sah sie unsicher an.

"Auf jeden Fall erst mal die beiden anderen wecken." Sie weckten Mary und Peter, die zusammengekuschelt in einem Schlafsack schliefen.

Als die Geschichte zum letzten mal erzählt worden war, war die gesamte Gruppe hellwach.

"Super! Was sollen wir denn jetzt machen?" fragte Mary.

"Also ich fand die Idee mit der Umrundung der Scheune gut. Aber nicht alle zusammen, sondern in Gruppen. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Die eine geht links herum, die zweite rechts. Dann müßten wir uns irgendwo am klappernden Fensterladen treffen, und wenn Josh wirklich nur einen Streich mit uns spielt, werden wir ihn finden und zusammenschlagen." Peter grinste breit und Stev lachte nervös.

"Das ist gut." meinte auch Johnny und sie gingen alle zusammen zur Tür. Sie hatten drei Taschenlampen. Die erste Gruppe, bestehend aus Julie, Johnny und Stev, bekam zwei. Peter und Mary hatten eine. Sie gingen los.

Stev und Johnny leuchteten mit ihren Taschenlampen auf den Boden, doch der Nebel war kaum zu durchdringen. Sie gingen nun an der dunklen Seite der Scheune entlang. Hier waren die Sterne kaum zu sehen, da eine breite Tannenwand die Scheune von dieser Seite schützte. Die Bäume standen etwa zwanzig Meter entfernt. Aufgereiht wie tapfere Soldaten. Ihre langen Schatten verschluckten jedes Licht.

"Scheiße, ist das Dunkel!" flüsterte Julie. Sie hatte ihr langes blondes Haar zusammengebunden. Der Zopf flatterte im Wind.

"Ich glaub nicht, das wir was finden." meinte Johnny und tastete sich an der Wand entlang. Dann bemerkte er etwas an den Füßen und stolperte. Lang ausgestreckt landete er auf dem Boden. Die beiden anderen waren sofort da und halfen ihm hoch.

Irritiert sah er zurück und bemerkte einen Gegenstand, der im Bodennebel verschwand. Es war ein Dreckhaufen.

"Was soll das denn?" fragte Stev und ließ sich auf die Knie nieder. "Das ist feuchte Erde, obwohl sonst alles trocken ist."

"Das Zeug ist erst vor kurzem hier aufgeschichtet worden. Vielleicht kommt es vom Bach." warf Julie ein.

"Was hätte das für einen Sinn?" fragte Johnny und wischte sich ein Hosenbein ab.

"Frag mich nicht!" sagte Stev und richtete sich wieder auf.

"Johnny! Aufpassen!" klang es von der anderen Scheunenseite heran. Peter. Sie sahen sich kurz an und liefen los.

Mary und Peter waren bereits an der Ecke angekommen. Sie horchten dem Klappern des Fensterladens, der sich anscheinend wieder los gerissen hatte.

"Was hältst du davon?"

"Ich hab keine Ahnung. Ich hoffe nur, daß wir Josh schnell wieder finden."

Eine besonders heftige Windböe ließ beide erzittern. Peter leuchtete kurz in die Umgebung. Nichts ungewöhnliches. Als sie an der Ecke ankamen, späte Peter zunächst vorsichtig. Er konnte nicht viel erkennen, glaubte aber einen Schatten gesehen zu haben. Nur im Augenwinkel, nur für einen Sekundenbruchteil, aber er war sich sicher.

"Da ist einer." Mary atmete hörbar ein.

"Das waren bestimmt die Anderen."

"Nein. Der hatte kein Licht bei sich. Aber ich hab ihn auch nur ganz kurz gesehen, dann ist er um die Ecke..."

"Die anderen." schoß es auch Mary durch den Kopf.

Peter begann zu laufen und als er am klappernden Fensterladen vorbei war, schrie er auch.

"Johnny! Aufpassen!" die Worte gingen in seinem Sprint fast im Keuchen unter.

Dann sah er sie. Die kleine Gruppe um Johnny kam um die Ecke gelaufen und hielt verwundert an, als sie ihn sahen. Er stoppte vor ihnen.

"Wo ist Mary?" fragte Julie keuchend und Peter fuhr es ins Herz. Er ließ einen Schrei der Überraschung hören, als er sich umdrehte und nur Nebel und Dunkelheit sah.

"Mary!" brüllte er und lief zurück.

"Scheiße! Wir müssen zusammen bleiben." schrie Johnny und die drei anderen liefen hinter Peter her. Stev war am kräftigsten gebaut und hatte ihn bald eingeholt. Wenn es ums Laufen ging, machte ihm so schnell niemand etwas vor. Er riß Peter am Kragen und beide fielen hin.

"Halt! Peter!" rief er und versuchte, den von Panik verwirrten Jungen fest zu halten.

Julie bremste keuchend bei ihnen ab.

"Peter!" sie ließ sich nieder und hielt ihn fest. Langsam beruhigte er sich wieder.

"Was ist nur hier los? Wo ist sie?"

"Pete... Wir müssen wieder rein." sagte Stev und sah sich hilfesuchend um, dann versteinerte sich seine Miene.

"Wo ist Johnny? Wo ist der hin?"

"Johnny!" schrie Julie und formte dabei mit ihren Händen einen Trichter um den Mund. "Johnny!" Nichts geschah. Die Gegend schwieg.

"Los! Wir müssen sofort wieder in die Scheune!" sagte Stev und bemühte seine Stimme um Festigkeit.

"Wir können doch nicht einfach..." wollte Peter einwenden.

"Sollen wir hier warten, bis wir auch verschwinden? Wir müssen wieder rein, und dann überlegen wir uns, was als nächstes zu tun ist. Kommt."

Peter leistete kaum noch Widerstand, doch es dauerte trotzdem länger, als es ihnen beliebte, bis sie wieder an der Tür ankamen. Stev hatte Peter an die Hand genommen. Julie hielt die andere und sie gingen nebeneinander. Die Tatsache, daß bisher nur alleingelassene Personen verschwunden waren, beruhigte Stev überhaupt nicht.

Sie erreichten ihre Schlafplätze und ließen sich nieder.

"Was sollen wir machen?" fragte Peter, mehr zu sich selbst, als zu den Anderen.

"Am Besten warten wir, bis es Hell wird. Dann holen wir Hilfe." meinte Julie.

"Find ich auch. Was anderes bleibt uns wohl kaum übrig." sagte Stev und kramte seinen Wecker heraus.

"Halb vier. Noch ungefähr zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang."

"Wir warten." Das war alles, was Peter für die nächste Zeit von sich gab. Es herrschte Schweigen.

Es war eine Viertelstunde später, als das Scharren wieder losging. Julie bemerkte es zuerst. Stev saß schweigend da, als er es auch vernahm.

"Was könnte das sein?" fragte Stev in den Raum hinein, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.

"Er vergräbt sie, was dachtest du denn?" sagte Peter und Stev hielt den Atem an. Diesen Gedanken hätte er nie ausgesprochen.

"Ich hab eine Idee." sagte Julie und sah Stev an. "Ich kletter mal da oben auf den Heuboden und schau, ob es da ein Fenster gibt. Vielleicht erkennt man was."

"Das ist keine schlechte Idee... Peter. Du mußt mitkommen. Wir können uns nicht einfach trennen."

Peter saß nur da und sagte nichts mehr.

"Es ist nur eine Sache von Fünf Minuten. Du kannst ja auf der Hälfte der Leiter stehenbleiben. Dann kannst du ihn im Auge behalten." sagte Julie.

"Dann seh ich dich aber nicht mehr."

"Stell dich nicht an." meinte sie und er konnte die Angst in ihrer Stimme hören.

"Was auch immer es ist, es war bisher nur draußen. Reinkommen wird es bestimmt nicht." warf Peter ein und die beiden Anderen sahen ihn überrascht an. "Geht nur."

"Okay." sagte Stev zögerlich, doch Julie bewegte sich schon auf die Leiter zu und der Kegel ihrer Taschenlampe tanzte über den Boden.

"Warte!" Er lief hinter ihr her und holte sie bei der Leiter ein.

"Ich geh zuerst." sagte sie und stieg die ersten Sprossen hinauf.

Sie kletterten die alten Holzsprossen hinauf und Stev befürchtete die ganze Zeit, irgend etwas könnte brechen. Nichts dergleichen geschah. Sie kamen unbeschadet oben an. Der Heuboden lag etwa vier Meter über dem Boden der Scheune.

"Da vorne ist ein Fenster..." begann Julie, dann schwieg sie.

"Was ist das denn?" fragte Stev. Er sah die toten Tiere auf dem Boden und die letzten Worte Peters schossen ihm durch den Kopf. Reinkommen wird es bestimmt nicht. Nun, anscheinend hatten sie ein Problem. Er konnte seinen Blick kaum von den Mäusen, Vögeln, Wieseln und anderen Kleintieren abwenden. Sogar ein Fuchs lag dabei. Er war schon halb verwest und ein strenger Geruch hing wie in einer Käseglocke über dem Szenario. Manche Tierleichen waren noch relativ frisch, aber von einigen war nur noch ein braunes Häufchen übrig. Woran sie gestorben waren, wußten sie beide nicht. Ein Nerz schien sie mit seinen gebrochenen Augen anzusehen und Julie löste sich aus ihrer Verkrampfung.

"Wir müssen zurück." Schnell stieg sie die ersten Stufen hinab und als sie unten ankam, wußte sie schon, daß Peter weg war. Sie hatte es schon aus halber Höhe erkannt. Spurlos verschwunden.

"Scheiße! Scheiße!" brüllte Stev und sah sich panisch um. "Was machen wir jetzt?"

"Vor allem Ruhe bewahren." beschwichtigte Julie ihn. "Es macht keinen Sinn, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen, was geschehen ist. Wir müssen auf den Sonnenaufgang warten."

"Und was ist, wenn der überhaupt nichts bewirkt? Ich meine, wenn wir es hier nicht mit einem Vieh zu tun haben, daß wie ein Vampir nur Nachts aktiv ist?"

Sie schwiegen eine Zeit lang. "Wir sollten verschwinden."

"Wie sollen wir das machen. Es sind gute vier Kilometer bis zu den nächsten Häusern."

"Wir müssen es versuchen. Durch den Wald. Hier sind wir auf jeden Fall nicht mehr sicher." Er sah Julie mit aufrichtiger Angst an. "Ich will nicht verschwinden."

"Ich auch nicht." Sie überlegte. "Es wird die einzige Möglichkeit sein, abzuhauen. Aber in welche Richtung?"

"Johnny hatte einen Kompaß dabei. Wir müssen nach Westen... glaube ich. Durch das Wäldchen am Bach und dann weiter über die Wiesen."

"In Ordnung. Beeilen wir uns."

Sie fanden die zweite Taschenlampe und gingen zur Tür.

"Wir dürfen uns nicht verlieren. Am besten..." Stev sah sich um und fand, was er gesucht hatte. "Hier." Er nahm eine alte Kordel vom Nagel, an der sie gehangen hatte. "Wir binden uns das um den Bauch. Sie ist nicht so lang, daß sie uns beim Laufen stören könnte." Er überlegte kurz. "Wir dürfen uns auf keinen Fall verlieren."

Sie öffnete die Tür und die Kälte der Nacht kroch in beider Knochen. Der Wind pfiff unbeeindruckt weiter.

"Am besten rennen wir." flüsterte sie und ergriff seine Hand. "So schnell, wie wir können." fügte er hinzu und sie liefen los.

Als sie am Bach ankamen, sprangen sie hinüber und liefen in das kleine Wäldchen hinein. Es lief gut, bis Julie stolperte und hinfiel. Ein Schrei des Schmerzes entfuhr ihr und Stev wurde wegen dem Seil auch fast von den Füßen gerissen. Hätten sie das Seil nicht gehabt, wäre Stev wohl weitergerannt, ohne etwas zu bemerken.

"Scheiße!" schrie er und sie stand langsam wieder auf. "Ich glaube, mein Knöchel ist verstaucht." Tränen standen in ihren Augen. Sie schluchzte.

"Du kannst laufen. Du mußt."

"Es ist hier. Irgend etwas ist mit uns in diesem Wald."

"Ich habe es auch bemerkt. Aber solange wir zusammen sind, kann uns nichts geschehen." Er sah sie hoffnungsvoll an.

"Wenn du meinst. Ich versuch es."

Stev spürte das Andere. Irgendwo beobachtete es sie. Bereit, zuzuschlagen, wenn die beiden sich trennten. Er fragte sich, warum es nichts tun konnte, wenn sie zusammen waren. Aber er fand keine Antwort. Julie stampfte neben ihm mit dem gesunden Fuß auf den Boden.

"Ich kann ihn kaum belasten. So ein Scheiß." flüsterte sie. Stev hob ihre Taschenlampe auf und gab sie ihr zurück.

"Komm jetzt."

Sie gingen weiter. Stev stützte Julie und leuchtete ihnen eigentlich allein den Weg. Julie hielt ihre Taschenlampe irgendwo auf die Gegend gerichtet, um vielleicht etwas zu entdecken.

Dann, sie hatten das Wäldchen fast hinter sich gelassen, krachte es im Unterholz und Stev glaubte kurz einen Schatten zu sehen. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, aber er genügte. "Wir müssen wieder laufen. Schaffst du es?"

"Auf keinen Fall, aber ist egal." flüsterte sie und ihr blasses Lächeln mobilisierte ungeahnte Kräfte in ihm. Er hob sie auf den Arm und stand nach anfänglichem Zittern sicher da. "Du mußt nur leuchten."

"In Ordnung." sagte sie und gab ihm einen Kuß auf den Mund. Es war nur ein Hauch, aber er grinste breit, während etwas auf sie zu schlich.

Er begann zu laufen. Irgendwie schaffte er es aus dem Wäldchen, ohne zu stolpern. Die Wiesen waren dann einfacher. Es war eine meist ebene Fläche und er trug sie länger im Lauf, als er es für möglich gehalten hätte. Dann, irgendwann, hielt er, völlig außer Atem, an.

"Wir müssen eine Pause machen." meinte Julie. "Egal, was hinter uns her ist. Du mußt eine Pause machen. Setz dich hin."

Er tat es und sie beschlich wieder das Gefühl, beobachtet zu werden. Nur ein kleiner Fehler ihrerseits könnte schreckliches zur Folge haben.

Nach fünf Minuten war er wieder einigermaßen zu Atem gekommen. Er sah zu den verblassenden Sternen hinauf und betete die Dämmerung herbei. Aber es würde noch etwa eine Stunde dauern.

"Was meinst du, wie weit es noch ist?" fragte sie.

"Keine Ahnung, aber ich glaube, wir schaffen es."

Er stand auf und nahm sie wieder auf den Arm. Es ging los und das Gefühl, beobachtet zu werden, verfolgte sie weiter.

Irgendwann wurde es etwas heller und Stev konnte den Mond verschwinden sehen. Mittlerweile ging er nur noch. Beide waren sich einig, daß ihnen nichts geschehen würde, solange sie zusammen waren.

Als die Sonne über den Horizont stieg sah Stev ein Gebäude. Es war ein Bauernhof. Auf dem Hinweg hatten sie hier haltgemacht, um Brot zu kaufen. Es waren sehr nette Leute gewesen. Josh hatte der alten Bauersfrau sogar einen Blumenstrauß geschenkt. Nun spürten sie die Anwesenheit von Irgend etwas sehr deutlich. Und was sie noch spürten, machte ihnen Hoffnung. Verbitterung. Tiefste Verbitterung.

Stev trug Julie langsam auf die lange Einfahrt zu und bald hatten sie das Haus erreicht. Das Gefühl, beobachtet zu werden, war verschwunden.

 
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