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Jonesey

© 2009 Sven Schwanke

David stand am offenen Grab und blickte hinab auf den hölzernen Sarg. Es war ein schöner Sarg, nicht übertrieben, nicht zu teuer. Für Julia war er einfach gut genug. Er konnte sich vorstellen, wie es sein musste dort drinne zu liegen, alleine und im Dunkeln; er konnte sich vorstellen, wie es sein musste, das im Lauf der Zeit Wasser durch die Wände des Sargs tropfte und dann die Würmer... Bis dahin konnte er es sich vorstellen, aber darüber hinaus nicht.

David selbst hatte sich immer vorgestellt, verbrannt zu werden wenn er einmal stürbe. Das war schnell und er brauchte nicht mit dem Gedanken zu leben, das er vielleicht im Sarg aufwachte und vor lauter Angst den Verstand verlieren müsste. Wieviel Luft würde es in dem Sarg geben? Genug um die Würmer sehen zu können? Ihm schauderte.

Julia und er hatten sich vor knapp anderthalb Jahren kennengelernt. Das war auf einer Tanzveranstalltung gewesen, die man inititiert hatte für all die alten Penner im Altersheim. Er selbst war einer von ihnen und Julia war gerade dazu gestoβen. Oder besser gesagt: Ihre Familie hatte eines Tages einen kleinen Ausflug veranstaltet. Sie waren in einem Park, hatten nettes Picknick; ein glässchen Wein, ein Hühnerschenkel und so weiter. Dann waren sie in die Nähe des Altersheim gekommen. Alles war relativ schnell gegangen. Julia meinte, sie habe nicht einmal Zeit genug gehabt, zu reagieren. Der Wagen kam quitschend vor dem Haupteingang zum stehen, der Schwiegersohn hatte die Tür des Wagens geöffnet, Julia war draussen und das letzte was sie von Ihrer Familie sah, war der Blaugraue qualm, den die Reifen erzeugt hatten. „Als wenn sie einen Hund am Strassenrand stehenlassen würden!“ erklärte sie einmal. „Der Unterschied ist, das ich leichtes Alzheimer habe und den Weg nach Hause nicht mehr hinkriegen würde!“ Oh, was hatten sie darüber gelacht.

An jenem Abend des Tanzballs freundeten sich David und Julia an. Sie tanzten fast die ganze Nacht zu Walzer und ein wenig Rock und Pop. Das die alten Knochen richtig gut in Schwung kamen. Anstelle von Bier oder Wein, gab es für die Alten Saft und Pillen.

Briar Ridge war ein nettes Altersheim am Rande eines wunderschönen Waldes. Die Besitzer des Altersheim hatten eine gut anderthalb Kilometer lange Wanderstrecke für Besucher und Bewohner angelegt und gesichert. Es gab insgesammt 15 Videokameras, die den Weg überwachten, im Fall das jemand einen Infarkt erleidete oder einfach umgeknickt war, konnten die Sicherheitsleute eingreifen. Aber es gab auch Wanderwege, die nicht überwacht waren. Julia und David kamen hier jeden zweiten Tag, wenn das Wetter mitspielte. Zuerst gingen sie die Hälfte der Strecke auf dem Normalen Wanderweg. Die zweite Hälfte war ein unbewachter Pfad der vom eigentlich Weg abzweigte und an einer Wiese mit unzähligen Blumen endete. David kannte diesen Ort noch bevor er Julia kennengelernt hatte und liebte diesen Platz und auch Julia mochte ihn bald. Oftmals saβen sie dort Stundenlang und unterhielten sich, (soweit Julia sich erinnern konnte) über ihre Vergangenheit. Fast 60 Jahre lang war Julia Lehrer in einer Grundschule. David hatte 65 Jahre lang als Handwerker gearbeitet. (Hierbei hatte Julia einen seltsamen, leicht arroganten Gesichtsausdruck gemacht, nach dem Motto: Handwerker? Igitt.) David lachte über Julias Anekdoten aus ihrer Zeit als Lehrerin und Julia lachte über die Anekdoten die David erzählte. Am Ende war der Unterschied der Beiden unwichtig. Wichtig war lediglich, das sie zusammen lachen konnten. Wichtig war, das sie sich mochten, wie sie waren.

An manchen Tagen machte Julia beim Frühstück den Eindruck als wüsste sie nicht wo sie war. An solchen Tagen konnte sie sich nicht einmal erinnern wer David war. Die ersten paarmal, als er sich zu ihr setzte, fragte sie ihn sogar wer er war und er versuchte es zu erklären. Julia blieb höflich, fing nicht an zu schreien weil er ein Fremder für sie war, aber er konnte in ihrem hilflos verwirrtem Blick erkennen, dass das Alzheimer sie ein wenig mehr in seine Zange genommen hatte. An solchen Tagen dauerte es meistens bis Mittag und ihre Erinnerung schien schlagartig zurück zu kehren. Aber an manchen anderen Tagen passierte das nicht. In den letzten Tagen vor ihrem Dahinscheiden wurde sie Aggressiv und erklärte sie wolle nichts mit irgendwelchen Lümmeln zu tun haben. Es schmerzte ihm oftmals sie so zu sehen. Ohne Erinnerung.

David lebte ihm Altersheim seit etwa 6 Jahren und er hatte schon viele alte Leute gesehen deren Lichter der Erinnerung einfach kleiner und kleiner wurden. Am Ende konnten diese armen Schweine nur eins machen: Im Rollstuhl sitzen, dämliche Soapoperas schauen und vor sich hinsabbern. Julia war auf dem besten Wege einer dieser verwirrten Geister zu werden.

Aber zwischen diesen Phasen des Vergessens gab es oftmals Tage an denen sie zusammen zur Wiese gingen und sich dort in die Sonne setzten und sich unterhielten. Meistens für eine Stunde oder sogar zwei. Oftmals konnten sie sich aus der Küche ein oder zwei Snacks klauen und ein kleines Picknick veranstalten. Es waren wunderbare Tage.

Drei Monate vor ihrem Tot war das Endgültig vorbei. Die Erinnerungskerze hatte auf Sparflamme umgeschaltet. Das war auch als die ersten Geister auftauchten. Fast immer waren es die Geister derer, die sie hasste. Anfangs erschreckte sie sich oder diskutierte mit ihnen, aber später versuchte sie die Geister zu verscheuen, spie Schimpfwörter, wollte in Ruhe gelassen werden. Ihre Familie kam weiterhin zu Besuch, aber wohl eher um zu sehen ob sie schon gestorben war oder nocht lebte. Julia konnte sich nicht mehr an die Enkelkinder erinnern oder an die eigene Tochter. Sätze wie: Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir? wurden immer häufiger. Es war eine regelrechte Qual sie so zu sehen. Die Ärzte waren sich sicher, das es nun nicht mehr lange dauern würde und das einzige was sie machen konnten war warten.

Und genau das war es, was David tat. Jeden Abend, als er sicher war, das Julia schon schlief, schlich er sich in ihr Zimmer, nahm einen Stuhl und setzte sich neben ihr. Er konnte Julia sanft atmen hören. Manchmal hörte er, wie sie ausatmete und nicht einmatete. Fast eine ganze Minute lang. Das waren die Momente wo er glaubte: Jetzt ist es vorbei. Aber dann holte sie tief Luft und ihr Atmen wurde wieder gleichmässig.

3 tage vor ihrem Tot saβ David neben ihrem Bett und war eingedöst. Nicht ganz am Schlafen aber auch nicht ganz Wach. Julia griff flott nach seinem Arm und ihm wäre beinahe das Herz stehengeblieben. Er blickte sie an und sie blickte sanfst lächelnd zurück.

„David, mein guter Wächter!“ sagte sie halblaut.

„Julia?“ sagte er und erkannte sofort, das sie klar im Kopf war. Vielleicht das letzte mal in ihrem Leben. „Erkennst du mich wirklich?“ fragte er zögernd.

„Ja, David. Ich erinnere mich an dich und viele andere Dinge. Ich war verwirrt und wanderte durch die Dunkelheit, aber ich konnte noch einmal den Weg auf die Lichtung finden.“

David stand auf und nahm sie in den Arm. Sie verströhmte den Geruch einer lebenden Leiche, aber es machte ihm nichts aus (Er selbst verströhmte keinen Geruch von Rosen...).

„David, wir haben keine Zeit. Ich weiss nicht wie lange ich klar denken kann. Aber ich habs Satt im Dunkeln zu sein, mich nicht an bekannte Gesichter erinnern zu können. Tu mir einen gefallen und geh, such eine Möglichkeit mir aus diesem Irrenhaus ausbrechen zu helfen. Erlöse mich von meinem Leiden, denn Gott will es nicht.“

„Dich ermorden soll ich?“

„Nein, mich befreien.“

„Aber...“

„Kein Aber. Hilf mit, bitte.“

„Was du verlangst ist unausprechlich!“ rief er.

„Nein. Es ist okay. Ich habe meinen Frieden mit mir gemacht. Ich habe in dir einen wertvollen Freund gefunden, eine letzte Liebe. Hilf mir, bitte.“

Etwa eine Stunde später war sie wieder eingeschlafen. Er hatte sie versucht von der Idee abzubringen, aber sie hatte es nicht zugelassen. Noch in der selben Nacht, hatte David eine Spritze gesucht. Mit der wollte er ihr Luft in die Adern spritzen. Auf diese Weise würde keine Spur hinterlassen. Aber er wollte mindestens bis zum nächsten Tag abwarten, um zu sehen, wie sie war. Wieder im schwarzen Loch der Vergesslichkeit oder noch immer klar im Kopf. Er zweifelte.

Den ganzen nächsten Tag über hatte er Julia beobachtet und am späten Nachmittag war er sicher, das sie wieder voll und ganz im Griff des Alzheimers war. Nach der Besuchszeit trat er ins Zimmer hinein und setzte sich neben ihr Bett. Sie schlief. David hielt die grosse Spritze in seinen Händen und versuchte zu entscheiden wann er es tun wollte. Gegen 23:30 war es soweit. Er war soweit. Doch Julia war schneller. Sie hörte einfach auf zu Atmen und wachte niemals wieder auf.

Am 2. August stand David am offenen Grab. Er hatte um Erlaubnis gebeten sie auf der Wiese die sie bei so mochten zu beerdigen. Es war okay gewesen. Er blickte auf den Sarg hinab und sagte Lebewohl. Er stellte sich vor, wie es sein müsste darin zu liegen. Nein, dachte er, er würde sich verbrennen lassen. Bevor er das offene Grab verlieβ warf er die Blumen hinab, Blumen, die er auf der Wiese gefunden hatte.

 

Nachwort:

Ich hatte mir vorgenommen eine Geschichte zu schreiben die genau 1500 Worte lang ist (Ohne den Titel). Das ist es, was dabei herausgekommen ist. Ich würde mich sehr freuen wenn alle, die diese Geschichte gelesen haben, mir ein kleines oder grosses Feedback geben könnten.

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