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Faust 2004

© 2004 Konz

 

 

Stellen Wir uns einmal vor, der gute alte Johann Wolfgang von Goethe hätte nicht von 1749 bis 1832 gelebt, sondern würde am heutigen Tage, dem 23. Oktober 2003, noch immer über unseren Planeten wandeln. Und so wäre er auch noch schriftstellerisch aktiv.

Nehmen Wir weiterhin an, er würde sein Hauptwerk, den FAUST, dieser Tage schreiben und die Handlung auch dementsprechend ansiedeln. Wie sähe das wohl aus?

Dieser Frage möchte ich im Folgenden auf den Grund gehen. Ich beziehe mich dabei ausschließlich auf Faust – Der Tragödie erster Teil und werde natürlich nur die wichtigsten Inhalte so präsentieren, wie sie sich wohl heutzutage abspielen könnten. Das Ergebnis ist natürlich nicht ganz so ernst zu nehmen, wie das Original, aber es soll zum Schmunzeln ebenso anregen wie zum Nachdenken.

Diesen Versuch widme ich meiner ehemaligen Deutschlehrerin Kerstin Wasiak.

Sie war es, die mich für den dem Inhalt der folgenden Geschichte zugrunde liegenden Werk begeisterte.

 

 

 

FAUST – Der Komödie erster Teil

Verbunden mit Dank und Verbeugung vor Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Das Anwesen von Faust. Arbeitszimmer.

Mitternacht. Wir befinden uns im Hause von Fabian Faust, seines Zeichens Schauspieler, Regisseur, Sänger, Produzent und Drehbuchautor. Er ist 45 Jahre alt und lebt in einer wirklich beneidenswerten Villa. Doch nun hockt er in völliger Dunkelheit an seinem Schreibtisch und sucht nach der Telefonnummer seines Psychiaters. Ein leerer, glasiger Blick zeichnet sein Antlitz. Er schaut sich um. Hat er doch alles, was sein Herz begehrt. Eine ganze Wand voll mit Fotos. Alle zeigen ihn mit internationalen Größen des Showgeschäfts. Die andere Wand, auf die er sein Augenmerk nun richtet, wird beherrscht von einer Glasvitrine. Alles voller großer glänzender Trophäen. Preise, Auszeichnungen, Würdigungen. Doch was nützt ihm dieses ganze Gold, da er nun hier drinnen hockt, krank, ängstlich, verzweifelt.

Der Grund ist einfach. All diese Bilder sind Vergangenheit. Die letzten Preise liegen über ein Jahr zurück. Er ist für das Geschäft nicht mehr interessant. Vor wenigen Monaten noch war er der Star auf einer jeden Verleihung oder VIP – Party. Aber dann kamen die Jüngeren. Nachwuchstalente. Regisseure, nicht älter als 20, Schauspieler, die noch nicht mal der Pubertät entwachsen waren und vor allem die spritzigen Autoren mit ihren frischen Ideen.

Sie waren nun am Zug. Fabian wurde nicht mehr benötigt. Was hatte er nicht alles versucht? Eine Schauspielschule hatte er gegründet, zur Förderung dieser neuen Talente. Zu dieser Zeit strömte das Geld noch im Überfluss. Doch das war nicht das Problem. Noch heute schwamm er im Geld. Aber all seine Zöglinge waren undankbar. Das was er ihnen vermittelte, prägten sie sich ein, wandten es an und sobald sie die ersten Erfolge verbuchen konnten, waren sie verschwunden, ohne ein Wort des Dankes. Machten ihr eigenes Ding und vergaßen den, der ihnen das alles mit seinem Schweiß und seinen Blut beigebracht hatte.

Und auch die Frauen wollten von ihm nichts mehr wissen. Früher, da konnte er jede haben. Alle waren sie so verrückt nach ihm und seinem Erfolg. Und an seinem Geld natürlich. Aber dann kamen diese Neuentdeckungen und alles war vorbei. Jetzt rannten die Bräuten denen die Tür ein.

Aber damit nicht genug. Nein. Er war stocksauer. Für diesen Abend hatte sich jemand angemeldet. Ein Junge. Ein Absolvent seiner Schauspielschule. Mit ihm wollte er einen Drehbuchentwurf besprechen.

Er war einer von diesen dynamischen Jungschauspielern, die trotzdem noch zu Fausts Lieblingen gehörten, da sie sich ab und zu meldeten, falls sie an neuen Projekten interessiert waren. Und mit diesem Jungen, dessen Name ihm im Moment entfallen war, hat er Großes vor.

Er sollt in einem Thriller die Hauptrolle bekommen. Faust ist für das Drehbuch und die Regie zuständig. Am Liebsten hätte er das ganze Unterfangen auch noch produziert. Aber da konnte er beruhigt sein. Die Produktion würde sein Freund Wagner übernehmen.

Der hatte vor wenigen Jahren eine Produktionsfirma gegründet und mit ihm zusammen war es Faust gelungen, auch im Ausland Treffer zu landen.

Doch dieser verdammte Schüler, welcher schon vor vier Stunden hätte da sein sollen, so war es vereinbart, 20.00 Uhr in Fausts Villa, war nicht gekommen. Und das brachte ihn zusätzlich zur Weißglut. Was er als Entschuldigung anzuführen vermochte, war Faust egal. Fest stand, dass solche Verbrechen noch nicht lange an der Tagesordnung waren. Diese eingebildeten Jungstars waren der Meinung, sie konnten sich alles erlauben.

Faust wollte einen Neuanfang. Auf zu neuen Ufern. Herausforderung. Neue Projekte. Raus aus diesem Trott des Nichtstuns. Und damit wollte er jetzt gleich beginnen. Wenn erstmal die Sache ins Rollen kam, ergibt sich der Rest von ganz allein. Das war immer so gewesen. Kaum hatten die Medien aufgeschnappt, Fabian Faust widme sich einem neuen Ziel, war er sofort wieder in aller Munde.

Er blättert mit zittrigen Händen weiter alle Unterlagen durch. Wohin hatte er nur die Visitenkarte seines Seelenklempners gelegt? Typisch. Wenn man etwas dringend brauchte, war es nicht auffindbar.

Es war natürlich absurd, mitten in der Nacht in seiner Praxis anzurufen. Aber momentan sah Faust keinen anderen Ausweg. Der Anrufbeantworter würde sich melden. Und dann würde Fabian ganz einfach seinen Namen und seine Nummer hinterlassen, verbunden mit der Bitte um einen Termin. Und dann würde er sich schon mit ihm in Verbindung setzen. Es würde schnell gehen. Und zwar, weil Faust in letzter Zeit Stammgast in seiner Praxis war. Er erschien dort regelmäßig alle zwei Wochen, seitdem die Situation für ihn so bedrückend geworden war. Er beschließt sein Haus auf den Kopf zu stellen. Irgendwo muss diese Telefonnummer doch zu finden sein. Obwohl er sie fast regelmäßig wählt, merkt er sie sich nie dabei. Nach einigem Hin und Her kehrt er an seinen Arbeitstisch zurück.

Er durchsucht zum fünften Mal seinen Terminkalender. In ihm brodelt es. In einem Anflug von Wut schert er alles, was sich vor ihm auf der Tischplatte befindet, mit dem rechten Arm hinunter.

"Es möchte kein Hund so länger leben!", brüllt er. Bücher, Kopien, ein Aschenbecher, sein Brillenetui, die Tasche mit den Medikamenten ( hauptsächlich Beruhigungsmittel und Kopfschmerztabletten), ein halbvolles Glas Wasser, Büroklammern und andere Dinge fliegen herab. Nur das mobile Telefon in seiner Ladestation bleibt stehen. Faust starrt auf das Chaos neben seinem Stuhl.

Und da lag die Karte. Dr. Gregor Geist ( wirklich ein ausgesprochen passender Name ). Facharzt für Nervenheilkunde. Er war nicht nur das, sondern auch ein unverbesserlicher Scherzkeks. Unter der Telefonnummer prangt auf der Visitenkarte das Bildchen einer Blume. Daneben steht in runden Buchstaben, in einer harmonischen Schriftart aufgedruckt:

Welche Pflanze blüht hier ? Die Zwangsneurose !

Ungeheuer witzig! Fabian war momentan nur nicht zum Lachen zumute. Er greift zum Telefon und wählt die Nummer.

Nach dreimaligem Rufton wird abgenommen. Fabian hat in Gedanken schon seine Ansage formuliert, als eine vertraute Stimme ruft: "Praxis Dr. Geist, wer spricht da, was kann ich für sie tun?" Es war niemand geringerer als der Arzt persönlich. Das an sich war nicht ungewöhnlich. Manchmal nahm er Gespräche persönlich entgegen. Aber das er um diese Uhrzeit noch in seiner Praxis war, verwirrte Faust zusätzlich.

"Was denn, Doktor um Himmels Willen, Sie sind ja noch in ihrer Praxis. Was in aller Welt treibt sie zu solch einer Tat?", ruft Faust fassungslos. "Wissen Sie, mein lieber Faust", säuselt es aus dem Telefon zurück, "Ich wusste doch, dass Sie es seien würden. Und genau darin liegt begründet, dass Sie mich noch erreichen.

So oft, wie Sie in letzter Zeit angerufen haben und mich besucht haben, da konnte ich nicht widerstehen. Ich werde ab jetzt rund um die Uhr für Sie da sein. Aber eigentlich ist diese Mühe ja vergebens. Denn Ihnen kann sowieso keiner mehr helfen!

Vielleicht sollte ich die Presse informieren über Ihren jämmerlichen Zustand. Dann bekommen Sie augenblicklich wieder Aufmerksamkeit. Allerdings wird die sich nur in Mitleid äußern. Auf Wiedersehen, Sie furchtsam weggekrümmter Wurm!"

Er ließ ein hämisches Grinsen ab und legte auf. "Verdammtes sadistisches Ekelpaket", schreit Faust und wirft das Telefon zu dem anderen Gerümpel auf dem Fußboden.

Weitere Flüche ausstoßend wirft er sich nach unten. Da öffnet sich die Tür. Licht fällt hinein und blendet Faust. Es tritt niemand geringerer als Ferdinand Wagner ein. Eilig steht Faust auf und begrüßt seinen langjährigen Freund. "Was treibt dich hierher, noch dazu um diese Zeit?"

Wagner antwortet, besorgt blickend, mit einem leichten Anflug von Wut in der Stimme: "Ich habe mich gesorgt um dich, Fabian. Du wolltest mich anrufen, nachdem du mit diesem Jungen geredet hast. Er wäre eine neue Hoffnung, das sagtest du selbst. Und nun warte ich vergebens auf ein Zeichen von dir. Das trat nicht ein, also bin ich hergefahren um nachzusehen was los ist."

"Wenn du nur wüsstest, was hier vor sich ging. Ich selber steckte alle meine Hoffnungen in dieses Früchtchen und was sage ich dir? Er kam nicht. Tauchte nicht auf wie vereinbart. Es ist ein Jammer. Nun ist alles dahin. Man sollte diesen arroganten Schnöseln zeigen, wer hier das Sagen hat in der Branche. Ohne uns Altmeister des Faches wären sie verloren. Aber was rege ich mich auf, hat doch eh alles keinen Zweck mehr. Wir sind in einer Krise, der Tiefpunkt ist erreicht. Keinen interessiert mehr, was wir einst geleistet haben. Und auch jede noch so kleine Blüte des Erfolges wird durch diese ganzen neureichen Fuzies zunichte gemacht. Stimmst du mir zu?"

Wagner gerät leicht in Bedrängnis. "Natürlich, Fabian, aber was will man machen? Ich sage nur eines. Wir sind nicht auf solche Leute wie den angewiesen, der dich versetzt hat. Morgen ist Ostersonntag und um diese Zeit geht ein Ruck durch das Land. Schon manches Genie vor uns hatte um diese Zeit einen Schub, der die ganze Filmindustrie ansteckte. Das Ende der Winterdepressionen. Auf zu neuen Taten, du weißt schon. Also, ich werde am Morgen nochmals bei dir vorbeischauen. Lass dir meine Worte durch den Kopf gehen. Leg dich dann schlafen. Du wirst sehen, ich behalte Recht. Gemeinsam schaffen wir das! Auf Wiedersehen!"

Sie verabschieden einander. Faust lässt sich zurück in seinen Stuhl sinken. Was weiß Wagner schon von seinen Sorgen. Er kann reden und reden wie er will ,wenn keine Taten folgen. Aber Faust hat so das mulmige Gefühl, dass Wagners Prophezeiung dieses Jahr nicht eintreten wird. Wenn sogar schon Fabians Arzt davon überzeugt ist, alles gehe den Bach hinunter, dann wird es wohl stimmen. Kein gutes Zureden wird ihn von dieser Meinung abbringen. Er durchstreift aufs Neue sein Haus und bewundert all das, was sich darin befindet. Reichtum. Ehre. Die unangefochtene Nummer eins. Überall Erinnerungen aus dieser Periode seines Schaffens. Und das wird nun alles vernichtet. Die frage nach dem Warum stellt sich Faust gar nicht erst. Er sieht ein, dass Flehen und Winseln zwecklos sind.

Er begibt sich ins Bad. Vielleicht, denkt er sich, ist ohne mich ja alles besser. Dann können die Neulinge komplett alles in Anspruch nehmen. Man wird sich würdigend an mich erinnern. Und wer weiß, vielleicht ist, so wie es viele schon behauptet haben, die andere Seite, das Jenseits, besser als diese abscheuliche Welt. Dies wird das beste sein.

Faust begibt sich zur Dusche. Wenn ich schon abtrete und der Welt Ade sage, dann wenigstens in einem gesäuberten Zustand. Er entkleidet sich, stellt das Radio, welches auf dem Fensterbrett neben der Duschkabine steht, ein und betritt die Dusche. Dieses Ritual. Musikalische Begleitung unter der Dusche. Ein letztes Mal. Weshalb sollte es beim Letzten Mal auch anders sein?

Faust trocknet sich ab. Jetzt fühlt er sich gereinigt und bereit für den nächsten Schritt, den endgültigen. Hinter ihm spielt weiter das Radio. Er geht zum Badezimmerschrank, ein die Wand beherrschendes Monstrum mit Spiegeltüren.

Er pfeift den gerade laufenden Song mit, der gespielt wird und greift nach einer kleinen weißen Schachtel. Legt sie auf dem Waschbecken ab und öffnet sie. Rasierklingen.

Sechs Stück, jeweils einzeln verpackt. Er nimmt die obere und entfernt die Verpackung. Mit der linken Hand ergreift er das schimmernde, hauchdünne Metall. Nun setzt er die Rasierklinge ans rechte Handgelenk.

Gerade als er mit einem schnellen Ruck seinem Leben ein Ende setzen will, klingt das Lied im Radio aus und die Stimme der Moderatorin meldet sich: "Guten Morgen liebes Deutschland. Raus aus den Federn, fort aus euren muffigen Häusern und hinaus in die Natur. Es ist Ostersonntag. Wenn ihr bibelfest seit, wisst ihr, welchen Grund es heute gibt, die Korken knallen zu lassen. Also, los, aufstehen, die Welt wartet auf euch. Schnappt euch eure Kinder und geht mit ihnen spazieren, das Wetter ist viel zu schön, um den ganzen Tag drinnen zu verbringen. Und für all jene, die es ganz extravagant mögen: Schaut doch mal in eure Briefkästen, egal welcher Art, dort wartet eine ganz spezielle Einladung. Viel Spaß am heutigen Tag!"

Fabian horchte auf. Er ließ die Klinge fallen und wandte sich dem Fenster zu. Tatsächlich! Die Sonne ging auf. Nicht nur das. Mehrere Cabriolets, in denen blonde, junge Frauen sitzen und andere Autos mit jungen Männern in noblen Anzügen fahren an seinem Haus vorüber. Die Insassen rufen:

"Komm raus und begleite uns, Faust, in der Stadt gibt’s was zu feiern." Er schlüpft in seine Kleider und überlegt, welche Einladung wohl gemeint sein könne. Schon bald ist er auf dem Wege zu seinem PC, welcher, in den Stand By – Modus geschaltet, in einem weiteren Arbeitszimmer steht.

Er ruft sein E – Mail – Postfach auf. Wahrhaftig. Eine Einladung. Wie konnte er diesen Termin nur vergessen haben. Er schaltet den Computer aus, verlässt sein Haus und ruft Wagner an.

 

Die Stadt.

Die Sonne beleuchtet mit ihren ersten Strahlen dieses heran brechenden Tages gerade ausreichend genug die Welt, um erkennen zu lassen, dass alle schon auf den Beinen sind. Am heutigen Ostersonntag gibt es nur ein Ziel. Das Modehaus der Designerin Klara Frühling. Warum? Sie hat diesen Tag ausgewählt, um ihre neue Kollektion für das Frühjahr vorzustellen. Und so toben auf den Straßen schon bald neben den Luxusschlitten auch Busse und Straßenbahnen. Denn niemand will sich dieses Großereignis entgehen lassen. Die wichtigsten Vertreter aus Mode, Film, Fernsehen und Theater sind genau so vertreten, wie das einfache Volk. Teenager, Hausfrauen, Handwerker, Bürohengste und Vertreter der Textilbranche treffen auf Schauspieler, Filmemacher, Models, Modeschöpfer und Kostümbildner. Sie alle erwarten voller Neugier, was Klara Frühling in diesem Jahr zu präsentieren hat. Selten hat man Menschen so unterschiedlichen Schlages gleichzeitig unterwegs und auch noch am selben Ort gesehen.

Und, wie sollte es anders sein, zu dieser Gelegenheit wird getratscht und gelästert, was das Zeug hält. Die neuesten Gerüchte werden ausgetauscht. Doch auch eine andere Funktion erfüllt dieser Treffpunkt. Singles sind auf der Suche nach Partnern. Eine Affäre, ein wildes, kurzes Abenteuer, was tut man nicht alles, um in die Schlagzeilen zu kommen.

Und so dauert es dann auch nicht lang, da wird gemunkelt, dass, am heutigen Tage, auch Fabian Faust unter den Gästen sein wird. Am Morgen wurde er gesehen, so hieß es, allein vor seiner Villa. Viele geben den Gerüchten Recht, nur um Fausts Wohlergehen besorgt. Lies er sich doch monatelang nicht blicken und ein jeder gönne es ihm, würde er, von der Sonne aus seinem Versteck gelockt, auftauchen.

Die Menschen sammeln sich nun langsam aber sicher alle im Modetempel der Klara Frühling. Es wird einige Überraschungen geben, dafür ist garantiert.

Und da fährt auch schon ein glänzender, schwarzer Mercedes vor, Fabian Faust am Steuer, auf dem Beifahrersitz sein Freund und Kollege Wagner. Sie treten hinaus und werden sogleich aufs Herzlichste begrüßt.

Von allen Seiten schallt es: "Mensch Fabian, sieht man dich auch mal wieder? Wurde ja Zeit. Du hast dir genau den richtigen Anlaß gesucht! Wie geht es dir?"

Und so kann Faust sich vor guten Worten und ihm entgegen lächelnden Gesichtern kaum erretten. Er sucht einen Weg durch die jubelnde Menge, er wird gefeiert, wie zu alten Zeiten. Kollegen kommen auf ihn zu und es dauert nicht lang und er ist vertieft in Gespräche. Die Menschen reißen sich um ihn.

Man erkundigt sich nach seiner Gesundheit und verbindet dies mit der Sorge um seine Person, verwurzelt in seine Monate andauernden Verschlossenheit gegenüber der Öffentlichkeit. Er plaudert munter über vergangene und zukunftsweisende Pläne und Gedanken, trifft alte Freunde und knüpft neue Kontakte.

Schließlich ist es 11 Uhr. Für diesen Moment ist der Beginn der Präsentation vorgesehen. Die Menge versammelt sich um den im Eingangsbereich des Modehauses aufgebauten Laufsteg. Ein roter Samtteppich ist darauf ausgelegt, rundherum kleine Tische auf denen Champagner, Gläser und einige Snacks bereit stehen.

Nachdem alle einen Platz gefunden haben, drängen sich nur noch Fotografen und Reporter bis vor an die Bühne.

Alle warten auf den Moment, der zeigt, unter welchem Motto die diesjährige Kollektion Klara Frühlings steht. Diese Art der Vorstellung ist bei jedermann bekannt und beliebt. Klara spannt die Menschen immer auf die Folter, um ihnen dann in vollster Pracht zu offenbaren, was ihre Fantasie diesmal kreiert hat. Und das ist jedesmal ein Knüller und wird auch dementsprechend aufbereitet und vorgestellt.

Da ertönt aus den über dem Laufsteg angebrachten Lautsprechern eine weibliche, sanfte Stimme:

"Meine Damen und Herren, herzlich willkommen hier im Modepalast von Klara Frühling. Die diesjährigen Entwürfe unserer Meisterin stehen ganz im Zeichen der Jahreszeit und der damit einher gehenden aufkeimenden Gefühle. Die Natur erblüht, ebenso wie die Menschen. Davon lies sich unser Klärchen inspirieren und zeigt ihnen nun, was der Mensch zu dieser Zeit am besten tragen sollte, um den Winter aus seinen Köpfen, aber vor allem aus seinen Kleiderschränken zu verbannen!

Jetzt werden riesige Banner von der Decke herabgelassen, mit folgendem Text bedruckt, der auch über die Lautsprecher verkündet wird:

"Ladies and Gentlemen, Klara Frühling zeigt uns ihren

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;

Im Tale grünet Hoffnungsglück;

Der alte Winter in seiner Schwäche,

Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur,

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

In Streifen über die grünende Flur;

Aber die Sonne duldet kein Weißes,

Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;

Doch an Blumen fehlt’s im Revier,

Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um von diesen Höhen

Nach der Stadt zurückzusehen.

Aus dem hohlen finstren Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks – und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! Wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß in Breit‘ und Länge

So manchen Lustigen Nachen bewegt,

Und bis zum Sinken überladen

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet groß und klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Und während dieses Vortrages erscheinen Dutzende von Models auf dem Laufsteg. Männer und Frauen in farbenprächtigen Gewändern. Vorherrschend sind Stoffe in den unterschiedlichsten Rot - , Gelb – und Grüntönen. Aber auch helles Blau und Braun sind vorhanden. Lange Kleider in Orange und exquisite Anzüge in allen nur möglichen Grüntönen wechseln sich ab mit strahlenden gelben Unterwäschekompositionen. Hüte, bedruckt mit Blumen. Miniröcke, die aussehen wie herabhängende Blüten. Bald zeigen sich tanzende Paare, welche in einem heiteren Reigen den Frühling begrüßen. Leicht bekleidete Damen in String - Tangas, die Frühblühern nachempfunden sind: Um die Hüften geschlungene grüne Fäden, Sproßachsen ähnlich, mit Blättern verziert und Blüten als Schambedeckung.

Das Publikum reagiert mit Applaus, Jubelrufen und einem Blitzlichtgewitter.

Und so verrinnen die Stunden, bald ist es Nachmittag und das Volk kommt noch immer nicht zur Ruhe. Es wird zur Anprobe geladen und für die ganz Entschlossenen stehen alle gezeigten Bekleidungsuntensilien zum Kauf bereit. Auch Faust und Wagner, der nicht von dessen Seite weicht, erkunden die Stadt auf der Suche Talenten, Sponsoren, aber auch um ihre materielle Lust zu stillen und nach Frauen Ausschau zu halten. "Was gäbe ich darum, ein neues Weib zu finden", flüstert Fabian seinem Begleiter zu. Dieser gibt zurück: "Sei nur geduldig, du wirst schon noch die ein oder andere Schönheit erblicken. Aber sag ehrlich: Ist das wirklich dein einziges Bestreben?" "Du hast ja Recht", klagt Fabian zurück, "Ich wollte, wie du weißt, eine Herausforderung. Neue Ufer. Doch nichts davon hat sich erfüllt. Keiner zeigte wirkliches Interesse. Die Neugier, allein die nackte Neugier ließ sie alle zu mir kommen und mich ausquetschen. Nichts weiter. Und nun bin ich noch immer auf der Suche. Doch die wird erfolglos bleiben. Doch da ist noch etwas. Meine größte Sorge ist nicht das eben gesagte, sondern diese innere Unentschlossenheit, verstehst du, Wagner?"

"Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich dir nicht folgen kann. Sprich nicht in Rätseln, werde deutlicher!"

Faust antwortet: "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust! Die eine ist zufrieden mit dem Getümmel hier und braucht nichts weiter als die famose Stimmung der ausgelassen feiernden Gäste. Doch die andere sehnt sich nach Tatendrang, einer Aufgabe, ein erstrebenswertes Ziel. Mehr als nur Jux und Alberei. Ich möchte wieder schreiben, spielen oder singen."

Sie laufen weiter Richtung Parkplatz. Faust, weiter mit sich und seiner Zwiespältigkeit beschäftigt, bemerkt nicht, wie sich ihnen ein Hund nähert. Ein kleiner Pudel, mit schmutzig braunem Fell und auch ansonsten nicht sehr reinlich. Überall an seinem Körper kleben Müll, Dreck und Essensreste, so irrt er schon, wer weiß wie lange durch die Stadt, verlassen, auf der Suche nach Zuwendung eines neuen Herrchens oder Frauchens. Wagner indes bewundert die Schnelligkeit und Wendigkeit dieses Tieres, erwähnt ihn aber nicht, will er doch seinen Freund nicht im Monolog unterbrechen.

Schließlich gibt er seine Meinung zu Fausts Kummer kund: "Ich bin sicher, du findest diese Aufgabe, nach der es dir lüstet, bald. Und nun lass uns zurück fahren. Es dämmert bereits."

"Dein Wort in Gottes Ohr!" Faust blickt nun zu Wagner und erspäht sogleich den Pudel, der noch immer neben ihnen herläuft. Er springt erst Wagner und dann Faust an den Beinen hinauf, das wiederholt er lange.

"Schau dir diesen armen, verwahrlosten Köter an. Was der wohl von uns will?" "Von uns will er gar nichts, er sucht Futter, schon lang läuft er uns nach. Wir sind für ihn zwei Unbekannte."

"Aber er folgt uns auf Schritt und Tritt, Wagner!" "Herrgott; Fabian, das würde er bei jedem Anderen auch tun. Wirf einen Stock und er wird ihn dir bringen. Von seiner Sorte gibt es hier Hunderte."

"Du hast Recht, lassen wir ihn, er wird uns schon nichts Böses wollen, auch wenn er noch so oft an uns hinauf springt." "Lass ihn in Frieden, er ist ja doch nur ein streunendes Tier."

Als sie an ihrem Wagen ankommen, springt der Pudel blitzschnell durch die offene Wagentür mit ins Auto. "Dann müssen wir ihn eben mitnehmen!", lachen Beide und fahren zurück zu Fausts Haus.

"Daheim werde ich ihn unter meine Dusche stecken und ihm Futter geben, danach werden wie weiter sehen.", spottet Faust.

 

Das Anwesen von Faust. Arbeitszimmer.

Faust betritt, mit dem Pudel im Arm, sein Arbeitszimmer. Er setzt ihn vor der Heizung ab, holt eine der vielen Decken aus seinem Schlafzimmer und bringt sie ihm. "So nun wärme dich. Hungern sollst du auch nicht, und sauber machen wollen wir dich ebenfalls. Als Fabian auf dem Weg zur Küche ist, beginnt der Hund plötzlich zu knurren. Faust dreht sich um und ruft ihm zu: "Was ist? Gefällt es dir hier nicht? Sei froh, das ich mich überhaupt erbarmt habe, dich mitzunehmen. Ein jeder Andere hätte dich verstoßen. Doch ich nehme dich mit zu mir nach Hause und gebe dir sogar noch Nahrung. Was willst du mehr? Und weißt du warum ich dich so pflege? Dir scheint es genauso schlimm wie mir oder gar noch elender zu gehen."

Der Köter murrt weiter, doch Fabian zeigt sich unbeeindruckt dessen und holt Reste von Fleisch und Wurst aus seinem Kühlschrank und setzt sie dem Pudel auf einem großen Teller vor.

Dieser sitzt davor, wedelt mit dem Schwanz und rennt in Richtung des Bücherregals hinter Fausts Schreibtisch. Er rennt davor her und schnüffelt die Reihen ab. Faust folgt ihm und staunt nicht schlecht, als der Hund ein Buch aus der Mitte herauszerrt und auf dem Boden wirft.

Fabian bückt sich, hebt es auf und betrachtet den Titel: Erfolg erzielen in vier Abschnitten. Er blättert es auf und versucht sich zu erinnern, wo er es gekauft hat. Nun inspiziert er die vier Kapitel:

     
  1. Im Anfang war das Wort – Erfolg durch Äußern des erstrebten Ziels
  2. Im Anfang war der Sinn – Genaues Ergründen und Kalkulieren des Ziels
  3. Im Anfang war die Kraft – Schaffen der nötigen Mittel zur Erfüllung des Ziels
  4. Im Anfang war die Tat – Maßnahmen zur Erfüllung des Ziels

"Alles Humbug!", schreit er und wirft das Buch weg. "Diese Idioten von Buchautoren haben doch keine Ahnung! Man streicht Schritt 1 – 3 ersatzlos und steigt sofort bei Schritt 4 ein! Ansonsten kann nichts gelingen!"

Da plötzlich ertönt ein gräßliches Heulen, gefolgt von störrischem Gebell. Der Pudel macht auf sich aufmerksam. Faust blickt auf. Das Tier rennt und springt wie wahnsinnig durch das Zimmer, bellt, jault und faucht in den unmöglichsten Tönen. Er rennt zu ihm, versucht, ihn zu fangen, doch es bleibt ihm unmöglich. Er jagt ihn noch einige Male kreuz und quer umher. Dann gibt er auf und brüllt: "Elendes Vieh aus der Gosse! Was ist in dich gefahren? Wenn du so weiter randalierst, werfe ich dich hinaus!"

Faust, erschöpft und wütend, lässt sich auf dem Boden sinken. Seine Hände berühren den teueren Teppichstoff. Feuchte. Kälte. Nässe. Sogar auf den wertvollen Bodenausleger hat dieser Bastard gepinkelt. In seinem Kopf wüten Stimmen: "Hättest du die Töle nur draußen gelassen! Nun siehst du, was du davon hast. Sein Gewissen schaltet sich ein: Ich habe ja gleich so ein mulmiges Gefühl verspürt beim Anblick des Tieres. Wie soll dies enden? Nun ist der Hund verschwunden, wie es scheint. Er schärft seine Sinne. Hinter seinem Tisch auf einmal ein Plätschern. "Du hast mir zum letzten Mal die Wohnung vollgepisst!" Er will sich auf ihn stürzen, da hüllt Nebel ihn ein.

Hinter dem Schreibtisch bildet sich ein Dunst. Faust traut seinen Augen, die ohnehin wenig sehen, nicht: In dem Nebel scheint etwas anzuschwellen, es wächst. Der Hund ist lange nicht mehr hier.

Der ganze Raum ist nebelgeschwängert, da ertönt ein kümmerliches Bellen, gefolgt von Gestöhne und Gefluche: "Das ist das letzte Mal, dass ich diesen verdammten Weg wähle, langsam wird das echt zu anstrengend!"

Faust geht etwas näher, um herauszufinden, von wem diese Worte stammen. Der Rauch löst sich und ein Mann tritt hinter dem Tisch hervor. Er ist ein wenig größer als Faust, hat breite Schultern und sehr kräftige Beine und Oberarme. Trotzdem bewegt er sich flink. Er trägt einen roten Anzug, schwarze Lederschuhe, in der rechten Hand hält er einen ebenfalls schwarzen Aktenkoffer. Sein dunkles Haar ist über der Stirn zu zwei langen, hornähnlichen Spitzen geformt, vom Haargel glänzend. Am Kinn wuchert ein Ziegenbart und seine Nase ist ein wenig zu spitz geraten, betrachtet man seinen großen runden Kopf. "Das also war des Pudels Kern!", ruft Fabian und gleich darauf fragt er weiter:

"Wie nennst du dich?

Der Mann mit dem Koffer antwortet: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Faust versteht nicht und fragt weiter: "Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?"

"Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; drum besser wär’s, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element!"

Faust ist verwirrt. "Und was heißt das im Klartext?" "Oh, Entschuldigung", erwidert der Fremde, und gibt Fabian die freie Hand, "Aber ich bin jetzt schon so lange im Geschäft, da kann ich auf diese Begrüßung schon gar nicht mehr verzichten, bitte nochmals um Verzeihung!" "Ja, ja ist schon in Ordnung", stammelt Faust, während er seine Hand schüttelt, "Nur, hast du auch einen Namen und vor allem: Was willst du hier, um diese Zeit bei mir?"

Der Mann greift in seine Hosentasche und holt ein kleines Kärtchen heraus. Es ist mit Feuer bedruckt, rote und gelbe Flammen zieren den Untergrund, darauf prangt schwarze Buchstaben.

"Mein Name ist M. E. Phistopheles, meine Freunde nennen mich auch nur M. E. Phisto, das sei ganz dir überlassen, lieber Faust." Er stellt den Koffer ab, während Faust den Schriftzug der Karte studiert.

"Ein höllisch guter Motivationstrainer willst du also sein, besser als jeder Anwalt und moderner als jeder Typenberater. So steht es zumindest hier beschrieben. Doch wenn ich mir dich so ansehe, die Art, wie du herkamst näher betrachte und deinen Namen lese, so weiß ich doch, das man dich besser als den Teufel bezeichnen sollte, nicht wahr?" "Du hast ja Recht, aber glaubst du, es interessiert heutzutage noch irgendwen, wenn da nur Luzifer, Verderber, Fliegengott oder Lügner steht? Nein! Heute musst du dich schlagfertig und gewinnbringend präsentieren, musst den Leuten mit irgendwelchen Qualifikationen eintrichtern, du seist der beste. Werbung ist das A und O, ohne Verkauf der eigenen Person klappt gar nichts mehr, aber was erzähle ich dir das, Fabian, du weißt ja sicher aus eigener Erfahrung gut genug, wovon ich rede."

"Ich bin erstaunt, Phisto, du bist sehr gut informiert. Nun sage mir doch endlich den Grund deines Erscheinens!" "Wir sind schon mittendrin. Ich sehe doch ,wie du dich plagst, dein Elend ist ja weit bekannt hier und in der Umgebung. Es drang bis zu mir hervor."

"Und du glaubst, mir helfen zu können? Was kann der Teufel schon für mich tun?" "Das wirst du schon erfahren, doch nun sage ich erst einmal Lebewohl und lasse dich ein wenig ruhen, denn in deinem momentanen Zustand bist du gar nicht zu gebrauchen." "Und wenn ich nun nicht schlafen will?", keift Fabian.

"Das wirst du tun, keine Sorge, ich werde es dir zeigen. Zugleich soll diese Demonstration meiner Fähigkeiten dich überzeugen, was in mir steckt." "Also dann, tu, was du nicht lassen kannst."

M. E. Phisto öffnet seinen Koffer und holt eine Plastikhülle hinaus. Eine CD. Er befreit die kleine runde Scheibe und legt sie in Fausts Stereoanlage ein. "Was soll das werden, Teufel?" "Höre nur gut zu!"

M. E. Phisto schaltet die Anlage ein, startet die CD – Wiedergabe und schleicht sich mit einem Grinsen zum Tisch zurück, wo Faust sich in seinen Stuhl niedergelassen hat. "Was ist das?", fragt er nach. "Entspannungsmusik. Sie wird dich beruhigen und dir zu süßen Träumen verhelfen. Ich wünsche angenehmen Träume!"

Noch während dieser Worte setzt die Musik ein, liebliche Klänge, begleitet von zarten Stimmen, Geistern gleich, die sich in Fausts Kopf einnisten und ihn schon bald schläfrig machen. Er schläft ein und als er nach einigen Stunden wieder erwacht, fragt er sich, ob er getäuscht wurde, ob dies nicht alles nur ein Traum war, die Verwandlung des Hundes und das Gespräch mit dem Teufel.

Faust ist allein in seinem Haus, er zweifelt noch über seine Entscheidung. Was soll er tun, sollte dieser Phisto wirklich wieder kommen. Da klingelt es an seiner Tür. Er geht hinunter zum Eingang und drückt den Knopf der Gegensprechanlage: "Wer ist da?" "Ich bin es, dein Helfer aus der Not, der dich vorhin zum Schlafen brachte. Nun lass uns endlich verhandeln. Ich mache dir ein Angebot, nur musst du mich dafür hineinlassen." Was habe ich schon zu verlieren denkt sich Fabian und öffnet die Tür, um M. E. Phisto zu begrüßen.

Er bietet ihm einen Platz an seinem Schreibtisch an. Er hat wieder seinen Aktenkoffer dabei. "Nun sprich, du Diener der Hölle, wie willst du mir beistehen?" "Ich habe ertragen, wie du am Morgen beinahe Selbstmord begangen hättest und da habe ich mir gedacht, dir muss geholfen werden. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass du völlig verzweifelt bist. Dir fehlt ein Antrieb in deinem öden Dasein, dein Herz sehnt sich nach einer Bestimmung, einer Berufung, du möchtest wieder Filme drehen und Talente fördern, letzten Endes also Arbeit nachgehen und dementsprechende Geld verdienen. Und außerdem sehnst du dich nach Feiern, Partys, Erfolg, Liebe, Frauen und Spaß?" "Genau so ist es!" "Doch das eine scheint sich mit dem anderen nicht verbinden zu lassen, nicht wahr?" Fabian nickt nur. Sein Gesicht zeigt eine eigenartige Mischung aus Neugier und Enttäuschung.

"Ich hätte da einen Vorschlag zu machen, Fabian. Ich kann dir beides geben, natürlich nur, wenn du meine Bedingungen und Auflagen befolgst." "Sicher, ein Pakt mit dem Vertreter der Hölle hat auch seine Schattenseiten, doch wenn du mir wirklich all dies bieten kannst, so gehe ich gern auf deine Forderungen ein. Was setzt du voraus?"

"Ich verlange von dir, das du, in dem nächsten Tagen, gemeinsam mit mir natürlich, die Welt da draußen erkundest. Dabei bin ich dein Diener. Ich bringe dich überall dahin, wo du willst. Kein Ort ist mir zu teuer. Und an jedem dieser Orte werde ich mit meinen Kräften dafür sorgen, das die Erfüllung deiner Lebensfreude nicht zu kurz kommt. Das alles aber nur, wenn du bereit bist, bei all den Dingen die wir tun, nie zu vergessen, was du dir vornahmst: Kontakte knüpfen, Menschen treffen, dafür sorgen, dass du selbst endlich wieder ein gern gesehener und heiß begehrter Mann im Showbuisness bist. Und wenn das der Fall ist, so hast du es ja selber schon erkannt, ergibt sich der Ruhm und die Ehre, also auch die Bekanntschaft der Frauen, von ganz allein.

Solltest du jedoch nur einen Augenblick dein Streben aufgeben, so ist nicht nur dein Vergnügen mit mir vorbei, sondern auch dein Leben. Brichst du deine eigenen Prinzipien, die hiermit zum unabänderlichen Teil unserer Abmachung gehören, so wird dein Leben enden und ich bekomme deine Seele. Das ist der unangenehme Teil der Vereinbarung, aber du wirst doch nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, dass es soweit kommt. Bist du einverstanden?"

"Jawohl!" sagte Faust und schlug seine Hand in die M. E. Phistos. Doch dann erst fragt er nach: "Wie lange gilt dieser Bund mit dir?" "Bis an dein natürliches Lebensende. Wenn du bis zu deinem Tode weiterstrebst, so werde ich von dir lassen und mir neue Ziele und Wege suchen. Du siehst, es liegt bei dir, was gelingt und was nicht. Dieser Pakt ist äußerst fair, wie ich finde. Also nochmals nachgefragt: Bist du einverstanden?" "Natürlich." "Na schön, dann kommen wir jetzt zum unschönen Teil." Phisto öffnet seinen Koffer und holt einen Stapel Papier aus seinem schwarzen Koffer und knallt ihn auf den Tisch. "Das ist ein Vertrag, der alle Verbindlichkeiten zwischen uns genaustens regelt. Tut mir leid, ich habe das nicht veranlasst, ist ein Gesetz. Und außerdem bist du es aus deinem Staate doch gewohnt. Ich weiß nicht, wie man es hier auszudrücken pflegt, aber bei uns in der Hölle gibt es einen Spruch und der lautet folgendermaßen: "Von der Wiege bis zur Bahre braucht der Deutsche Formulare." Faust schmunzelt. M. E. Phisto amüsiert sich. "An deiner Reaktion lese ich ab, dass ich im Recht bin." Fabian ergreift den Papierstapel und überfliegt ihn. Dutzende Seiten mit Verordnungen und Paragraphen, die ihm so und ihn ähnlicher Form schon oft begegnet sind. Er wir nachher seine Unterschrift da setzen, wo es nötig ist und damit ist die Sache erledigt. Ein Klirren lässt ihn aufblicken.

Phisto holt einige Behälter, hauptsächlich kleine Schalen, Röhren und Gläser aus seinem Koffer. "Was soll das werden?, fragt er. "Ein neuer Punkt, der noch nicht im Gesetz festgeschrieben wurde. Ich muss noch einige Proben von dir verlangen. Ist nur eine Sache der Ordnung. Es ist nötig, damit ich mich später auf dich berufen kann, sollte es Probleme geben. Du bist nicht der erste, auch in Zukunft werde ich das von all meinen Kunden abverlangen müssen. Er stellt die eben hervorgeholten Utensilien auf den Tisch und dreht sie so, das Faust die keine Klebeetiketten erkennen kann, die darauf angebracht sind. Auf jedem steht ein Buchstabe "Muss denn das wirklich alles sein?" "Ja, da kommst du nicht rundrum." Sein Blick geht über jedes einzelne Gefäß. B, H, U, K, S1, S2 "Was haben die Lettern zu bedeuten?" "Ganz einfach", sagt M. E Phisto:

B steht für Blut, H ist für deine Haare, U für Urin, K für Kot, in S1 kommt dein Speichel und S2 ist für dein Sperma. Als Fabian protestieren will, klingelt es erneut. Er will zur Tür rennen, da sagt Phisto: "Es ist der, den du gestern Abend vergeblich erwartet hast, dem werde ich gehörig einheizen, ist doch in deinem Sinne, oder? Gib mir deine Klamotten, ich werde ihn austricksen und wegschaffen, zieh dich in der Zwischenzeit um, nimm die Gläser hier mit und fülle sie mit den erforderlichen Proben. Mach dich ausgehfertig, wir werden dann, sobald dieser Jüngling fort ist, mit unserem Ausflug beginnen. Vertraue mir!"

Faust zieht sich aus, gibt M. E. Phisto seine Sachen, schnappt sich die Röhrchen und geht ins Bad. Phisto kleidet sich in Fabians Sachen und empfängt den Schüler. Als er ihm die Tür öffnet, glaubt dieser natürlich, Faust vor sich zu haben. "Womit willst du meine kostbare Zeit belasten, Junge, dein Termin war gestern, aber da ich kein Unmensch bin, gebe ich dir noch eine Chance. Sage mir zu erst, weshalb du nicht wie vereinbart erschienen bist."

"D – Das ist ja eben der Grund, Herr Faust. Ich wurde gestern plötzlich von der Angst gepackt, war mir nicht mehr klar, ob ich der Anforderung dieser Hauptrolle in ihrem neuen Film gewachsen bin. Und vor lauter Ungewissheit und Angst habe ich den Termin platzen lassen. Bitte entschuldigt es 1000mal." Nur deshalb bist du hergekommen? Was hast du jetzt vor?" "Ich weiß nicht, ich werde nochmal ganz von vorn beginnen und mir darüber klar werden, was ich wirklich machen möchte. Was ratet ihr mir, Faust?" "Was ich dir rate? Das du verschwindest, du jämmerlicher Wicht. Ich will dich nie wieder hier sehen und auf meiner Schule lass dich auch nicht mehr blicken. Suche dir andere Idioten, die du verarschen kannst, bei mir bist du an der falschen Adresse. Geh mir aus den AUGEN!" Er schlägt die Tür zu, der Knabe sucht das Weite.

Nicht lange dauert es und Fabian kehrt zurück, frisch eingekleidet, gewaschen und mit den ersten erfüllten Forderungen unter dem Arm. Er gibt die gefüllten Behälter und den zusammen getackerten Papierhaufen M. E. Phisto zurück.

"Gehen wir jetzt wirklich schon auf Reisen?", fragt Faust noch etwas skeptisch. "Aber ja doch", entgegnet M. E. Phisto, "Auch wenn du jetzt noch nicht vollkommen überzeugt bist, komm nur mit, alles wird sich ergeben. Hab keine Angst, du hast den Vertrag unterzeichnet, also ,was soll noch schief gehen. Komm nimm meine Hand und dann auf ins Abenteuer." Sie verlassen das Haus.

 

Auerbachs Keller in Leipzig

Wir befinden uns in einem Lokal, welches eigentlich keinen Namen hat und nur deshalb Auerbachs Keller genannt wird, weil es sich direkt neben eben diesem Gebäude befindet. Nur herrschen hier statt dicker Maurern moderne und chice Glaswände vor und auch die Innenaussattung ist vom feinsten. Teueres Leder soweit das Auge reicht und natürlich Wandtäfelungen aus den teuersten Importhölzern überhaupt. Und in eben diesem Gebäude befinden sich 4 Männer, allesamt ins Scherzen vertieft. Sie haben bereits gespeist, ihre Teller mitsamt dem Besteck stehen noch auf dem Tisch. Sie haben sich zu einer Besprechung versammelt. Allesamt sind sie sehr einflussreiche Persönlichkeiten. Da haben wir zum einen Brander, Vorsitzender und Geschäftsführer der Firma Brander Immobilien. Außerdem sitzen noch mit am Tisch Siebel, Redakteur einer renomierten Tageszeitung und Altmayer, Starfriseur und Inhaber mehrerer Salons in Leipzig. Und zu guter Letzt noch Frosch.

Das ist nicht sein richtiger Name, aber alle nennen ihn so. Warum? Weil er klein ist. Und weil er schleimig ist. Und seine Haut scheint im Dunkeln grünlich zu schimmern. Genau diese Attribute gaben ihm den Namen. Was er macht, weiß auch niemand so genau. Er malt Bilder heißt es und versucht damit, Geld zu verdienen. Vor kurzem begann eine Ausstellung seiner jüngsten Werke. Und sie alle haben sich eigentlich versammelt, um über die momentane Situation des Staates zu diskutieren. Doch nun sind sie abgeschweift in Witze und derbe Frechheiten. Sie zerreißen sich die Mäuler über ihre Kollegen. Siebel weiß, aufgrund seiner Tätigkeit, natürlich die neuesten Dinge zu berichten. Und auch Altmayer bringt aus seinen Geschäften die neuesten Gerüchte der Prominenz mit. Eine kurze Zeit über hatten sie wirklich versucht, sich über die Politiker und das, was sie für das Land tun, zu unterhalten. Doch langfristig führte dies nur zu Zank, Streit und Gebrüll. Also verlegten sie ihre Schwerpunkte woanders hin, es gab ja schließlich haufenweise Themen, die eindeutig interessanter und wichtiger waren als Politik....

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