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Göttin Wittler
Copyright 2007 by  Maik Beckmann

Es kam nach etwas mehr als knapp vier Jahren, als sich die Mutter zu ihrem Sohn wandte und meinte: „Junge, es ist Zeit, dass du sein Zimmer mal wieder renovierst!“

Sie erntete die üblicher Gabe eines Teenagers: „Muss das sein?“

„Ja!“

Jegliche Diskussion war damit ad acta gelegt.

So zog der kleine Tross, bestehend aus einem missmutigen Teenager und einem nicht mehr motivierten Vater los, dem Baumarkt entgegen. Genaues Ziel war die Farbenabteilung.

„Welche Farbe möchtest du?“ fragte der Vater.

„Schwarz!“

„Wird deine Mutter nicht erlauben!“

„Weiß.“

Zum Signal, dass Mütter über Telepathie verfügen, klingelte das Handy des Jungen.

„Nimm eine schöne helle Farbe. An Terracotta habe ich gedacht!“

Getan, wie befohlen, kauften Vater und Sohn eine Farbe, die nicht unbedingte dem Geschmack irgendeines traf. Aber das Alpha-Weibchen hatte gesprochen.

Auf 16,89 Quadratmeter Teppich wurden 20 Quadratmeter Folie verlegt und schon ging der Junge an die Arbeit, wie einst die Bienchen von Tine Wittler, der er die Schuld für diese Aktion in die Schuhe schob. Denn seit drei Jahren hatte sich seine Mutter zu einer wahren Jüngerin der Renovierungsreligion dieser Dame entwickelt.

Darunter mussten schon die Stube, die Küche und sogar das elterliche Schlafzimmer leiden. Alles wurde in einem ekeligen Rotton angestrichen, neue teilweise undefinierbare Möbel wurden gekauft und hingestellt und zum Überfluss gab es jetzt überall Wandleuchtern, die dem Ekelfaktor der neuen Einrichtung den Höhepunkt gaben.

Sollte Tine Wittler einmal in dieses Haus einfallen, so würde sie es vermutlich sofort abreißen und hoffen, dass niemand je mitbekommt, dass diese Kitschsammlung und Geschmacksverirrung etwas mit ihr zu tun haben könnte.

Nach einer Stunde streichen und zwei Stunden Möbel (die Alten) schleppen, war das Kinderzimmer wieder fertig. Der Junge besah sein Werk und fragte sich, ob er in diesem brechreizhervorrufenden Wandfarbton je eine Minute Schlaf finden würde. Und wenn, ob er dann wünschte, je wieder aufzuwachen.

Mit den halb geleerten Farbeimern ging er nach unten und fragte, wo er denn mit dem Rest der Farbe hin solle.

„Wieso Rest?“ fragte die Mutter.

„Ich habe noch die Hälfte über.“

„Das kann nicht sein!“ beharrte die Mutter. „Im Fernsehen bleibt auch nie etwas über!“

Die Verwirrung stand der Frau ins Gesicht geschrieben. Hatte ihr halbwüchsiger Sohn etwa ein Loch in der lückenlosen Religion der Wittler entdeckt?

In ihrer Konfusion sah die gepeinigte Gläubige nur eine Möglichkeit: „Frag deinen Vater!“

Etwa zu der Zeit, als der Renovierungswahn um sich griff, hatte der Vater sich ein kleines, einfaches Gartenhäuschen als Geräteschuppen gebaut.

Mit dem Eimer in der Hand ging der Sohn in den Schuppen und fragte, wo er mit dem Rest bleiben sollte.

„Stell es in den Schrank!“ sagte der Vater und bot seinem Sohn dann einen Sitzplatz auf einem umgedrehten Eimer und eine Flasche Bier an.

„Wie lange geht das noch so weiter? Mit dem Malen und neuen Möbeln und so?“ fragte der Sohn.

„Noch einige Zeit!“

„Wie schaffst du das?“

Zur Antwort öffnete der Vater die Tür zu einem seiner Schränke. Auf der Innenseite war das Hochglanzporträt einer gänzlich entblätterten Dame zu sehen.

Fasziniert fragte er Sohn: „Gibt es solche Frauen wirklich?“

„Ich hoffe, mein Sohn. Ich hoffe!“

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