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Stephen King
Im Kabinett des Todes
(Kurzgeschichtensammlung)

Buchrezension von Gunther Barnewald für www.phantastik-news.de

14 Kurzgeschichten bzw. Novellen enthält das vorliegende Buch und wie immer bei Stephen Kings kürzeren Texten ist zwar nicht alles Gold, aber wenn der Autor wirklich inspiriert ist, dann entstehen oftmals kleine Meisterwerke. Nicht umsonst wurden einige dieses Kleinode erfolgreich verfilmt (so unter anderem "The Body" als "Stand by me - Das Geheimnis eines Sommers", "Apt Pupil" als "Der Musterschüler", "Sometimes they come back" als "Manchmal kommen sie wieder", "Children of the Corn" als "Kinder des Zorns" oder "The Shawshank Redemption" als "Die Verurteilten", um nur die vielleicht herausragendsten Visualisierungen zu nennen).
Auch "Das Kabinett des Todes" enthält neben mäßigen und guten Geschichten das ein oder andere Juwel, welches alleine schon die Anschaffung der schön gestalteten Taschenbuchausgabe des Ullstein Verlages rechtfertigen würde.
Da ist zum Beispiel die unglaublich mitreißende Geschichte des Amoklaufs eines distinguierten Oberkellners, der es ausgerechnet auf den Protagonisten abgesehen hat, als dieser sich mit seiner Frau wegen der Scheidung in einem vornehmen Restaurant treffen will ("Lunch im Gotham Café"). Wer hier als Leser nicht in den Sog der Geschichte gerät und völlig in den Bann geschlagen wird, muss entweder gehirntot sein oder wegen der erschreckenden Atmosphäre die Lektüre vorher abgebrochen haben, da er die Spannung nicht ausgehalten hatte. Letzteres ist allerdings bei Lesern Kings meist nicht zu fürchten, denn wer ein Buch des Horror-Meisters kauft, will bestimmt nichts von Liebe, ewiger Treue und Techtelmechteln lesen. Geschickt baut King in dieser Story durch Andeutungen eine bedrohliche Atmosphäre auf, die sich furios und fulminant entlädt wie bei einem Blizzard, und den Leser kaum zu Atem kommen lässt.
Gleiches gilt für die Spukgeschichte "1408", in der ein Schriftsteller, der über angeblich wahre Spukfälle schreibt und dazu recherchiert, sich in einem vom Hotelverwalter gesperrten Zimmer einmietet. Der junge Mann erzwingt sich den Zugang, denn seit mehr als 30 Jahren hat hier niemand mehr logiert, nachdem Dutzende von Menschen seit Errichtung des Hotels im Jahre 1910 in diesem Zimmer gestorben sind, Selbstmord begangen haben oder auf mysteriöse Umstände ums Leben gekommen sind. Doch schon vor der Tür des Zimmers merkt der Schriftsteller, dass er diesmal einen großen Fehler gemacht hat. Längst ist es jedoch zu spät zum Zurückweichen und den Bitten des Hoteldirektors nachzugeben, und so betritt er den Höllenraum, der seine bösartige Macht schnell zu erkennen gibt. Auch in dieser Erzählung gelingt es King eine dermaßen unheilschwangere und beängstigende Atmosphäre aufzubauen, dass man ihr als Leser kaum entkommen kann. Dabei liegt Kings große Gabe allerdings nicht nur in der Erschaffung bedrohlicher Szenarien, sondern auch in der Umsetzung des Horrors in weiteres Geschehen. Ohne Blut zu verspritzen lässt King haarsträubend skurrile Dinge geschehen, welche die Atmosphäre der Geschichte quasi zu einem Crescendo steigern. Gerade "1408" wirkt dabei wie die Wiedergeburt alter Ghoststorys, wobei der Autor sich nicht mit einem einfachen Gespenst zufrieden gibt, sondern etwas viel höllischeres aus dem Hut zaubert, um die Bedrohung fühlbar zu machen. Dies gelingt ihm scheinbar mühelos und obwohl die Geschichte in ihrer Handlung vorhersehbar erscheint, ist sie dies in ihrer Ausgestaltung keinesfalls, sondern wirkt überraschend, erschreckend und treibt den phantasiebegabten Leser schier in den Wahnsinn, wenn man sich auf sie einlassen kann.
Ebenfalls gruselig, wenn auch nicht ganz so extrem bedrohlich, ist "Der Staßenvirus zieht nach Norden", ebenfalls die Geschichte eines Schriftstellers, der auf einem Flohmarkt ein furchterregendes Bild kauft, welches sich zu verändern scheint. Zu spät bemerkt der Protagonist, dass der psychopathisch wirkende Typ auf dem Bild ihn verfolgt. Nachdem mehrere Versuche, das unheimliche Gemälde zu vernichten, fehlgeschlagen sind, erreicht der Psychopath auf dem Bild das Haus des Schriftstellers, der in seinen letzten Augenblicken auf der Bildleinwand sieht, dass der schwarze Wagen des Verfolgers vor seiner Haustür steht und diese geöffnet ist. Auch hier wirkt der Inhalt der Story banal und vorhersehbar, Kings Stil verleiht der Erzählung jedoch den nötigen Pfeffer.
Weiterhin erwähnenswert sind sicherlich die Kurzgeschichten "Achterbahn", in der sich der Autor mit dem möglichen Tod eines geliebten Menschen auseinander setzt, und "Alles endgültig", die wieder einmal ein bizarres Licht auf den us-amerikanischen Fundamentalismus, Konservatismus und die politischen Gegebenheiten des Landes wirft. Ein junger Schulabbrecher mit der mysteriösen Gabe Menschen durch Beschwörungen zu töten, wird von einem Geheimdienst instrumentalisiert, liberale Linksintellektuelle und bedeutende Forscher zu eliminieren. So tötet er unter anderem einen liberalen Kolumnisten einer konservativen Zeitung und eine bedeutende AIDS-Forscherin, wird AIDS doch als gerechte Strafe für alle Gottlosen (Homosexuelle, Promiskuitive etc.) angesehen und der Tod der Wissenschaftlerin hält die bedrohliche Krankheit länger am Leben. Fernab üblicher Verschwörungstheorien gelingt King vor allem auch ein glaubhaftes Psychogramm des naiven jungen Mannes, der sich durch einige Psychotricks in völlige Abhängigkeit zu seinen unbekannten Auftraggebern begibt.
Überhaupt ist das Innenleben der meist lebendig gestalteten Protagonisten der Grund dafür, dass Kings Prosa sich von der anderer Horrorschriftsteller unterscheidet. Macken, Ecken, Kanten und Individualität zeichnen die meisten, oft als Ich-Erzähler konzipierten, Hauptfiguren aus.
Wenn die Protagonisten allerdings einmal keine charakterliche Tiefe erreichen, werden auch die Kurzgeschichten Kings langweilig, so wie dies bei "Alles, was du liebst, wird dir genommen" der Fall ist, einer eher zerfasernden Mär eines Mannes, der Toilettensprüche sammelt und über die gewaltsame Beendigung seines Lebens nachdenkt.
Größte Enttäuschung ist dagegen die Story "Der Mann im schwarzen Anzug", für die der Autor den renommierten O. Henry Award erhalten hat. King selbst hält sie nicht für eine seiner besten Geschichten und dürfte damit gar nicht falsch liegen, denn das triviale Garn von einem kleinen Jungen, der den Teufel trifft, von ihm verbal und körperlich attackiert wird und nur mühsam entkommen kann, ist sicherlich nur etwas für religiöse Eiferer und Schwärmer, von denen es in den USA allerdings besonders viele zu geben scheint. Einige scheinen auch in der Jury gesessen zu haben, die Stephen King den Preis zuerkannte, der selbst die Geschichte (vielleicht ist dies aber auch nur Understatement des Autors) für ein "banales Volksmärchen" hält. Der Erzählung fehlt das sonst übliche Charisma Kings, die Handlung ist dermaßen trivial, dass es erschreckend ist, und der einzige Horror, den der Leser empfindet, ist jener angesichts literarischer Juroren, die einer solch drögen Story einen Preis zusprechen.
Diese beiden Geschichten sind jedoch bereits der Bodensatz in einer ansonsten guten Prosasammlung Stephen Kings. Erwähnenswert ist eventuell noch die mit viel Zeitkolorit versehene Erzählung "Der Tod des Jack Hamilton". Erzählt aus der Sicht eines kriminellen Helfers des berüchtigten Verbrechers John Dillinger, erfährt man so einiges über die Erfahrungen und Denkweisen dieser Männer (oder glaubt es zumindest). Der Protagonist ist ein eher einfach strukturierter "Schlagetot", ein Mann fürs Grobe und williger Helfer Dillingers, der den Verbrecher verehrt und mit ihm im Erziehungsheim aufgewachsen ist. Sprüche wie: "Sie hörte sich an wie die Art von Frau, die alle Paar Wochen mal was in die Fresse braucht, damit sie wieder weiß, wo der Hammer hängt", sind sozusagen pralles Leben und sprechen für sich. Akribisch schildert King eine Flucht der Verbrecher vor der Polizei und den qualvollen Tod eines Bandenmitglieds nach erlittener Schussverletzung Tage später. Die Erzählung lässt die Zeit der Weltwirtschaftskrise auferstehen und fesselt den Leser sowohl durch die abenteuerliche Flucht der drei und den Todeskampf des einen Verbrechers, als auch durch die Freundschaft der Männer untereinander und deren Zusammenhalt als verschworene Verbrechergemeinschaft.
Insgesamt ist auch Im Kabinett des Todes eine typische Sammlung von Storys und Novellen aus der Feder des Autors Stephen King, der sein Brillanz und stilistische Meisterschaft auch und vielleicht sogar vor allem in solchen Texten immer wieder unter Beweis gestellt hat. Dies gelingt ihm im vorliegenden Buch ebenfalls, auch wenn nicht alle Texte genial sind. Die sechs guten bis sehr guten Geschichten lohnen die Anschaffung des Taschenbuches allemal und angesichts epischer Wälzer des Autors gibt es sicherlich einige Leser, die sich auf neue Erzählungsbände des Autors mehr freuen, als auf seine manchmal etwas zu voluminösen Romane.

 

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