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Stephen King
Duddits - Dreamcatcher

Rezension von Michael Drewniok für buchwurm.info

Das Leben hat sie arg gebeutelt: Joe "Biber" Clarendon, den hippyesken Tischler, der zwanghaft Zahnstocher zerkaut; Pete Moore, den alkoholsüchtigen Autoverkäufer, der so gern Astronaut geworden wäre; Henry Devlin, den depressiven Psychiater, für den Selbstmord bereits beschlossene Sache ist, und Gary "Jonesy" Jones, den College-Dozenten, der sich gerade langsam von einem schweren Autounfall erholt.

Seit einem Vierteljahrhundert kennen sie sich und haben sich niemals aus den Augen verloren. Ein unsichtbares Band verbindet sie - und das im wörtlichen Sinn, denn das Quartett verfügt über gewisse hellseherische Kräfte. Das hat ihnen allerdings nicht viel Glück gebracht im Leben, denn die "normalen" Menschen schätzen es nicht, mit dem Übernatürlichen konfrontiert zu werden.

Trotzdem sind der Biber, Pete, Henry und Jonesy nur Waisenknaben gegen den Fünften im Bunde: Douglas Cavell, genannt "Duddits", ihren geistig behinderten, telepathisch begabten Freund aus frühen Kindheitstagen in der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine, Neuengland. Ihn hat das Quartett zwar schon lange aus den Augen verloren, und nun ist Duddits an Leukämie erkrankt, aber noch immer weiß er ganz genau, wie es seinen Gefährten geht. Deshalb kann er aus der Ferne das Drama verfolgen, das sich in der ersten Novemberwoche des Jahres 2001 abspielt, obwohl er es nicht verstehen, geschweige denn verhindern kann.

Wie in jedem Jahr unternehmen Biber, Pete, Henry und Jonesy im Spätherbst einen Ausflug in die Wälder von Maine. Im Camp Jefferson Tract haben sie eine Hütte gemietet und frönen der Hirschjagd. Heuer wird das Vergnügen allerdings durch einen seltsamen Vorfall getrübt: Aus dem Wald stolpert der Anwalt Richard McCarthy. Er gehört zu einer Jagdgesellschaft, die seit einigen Tagen vermisst wird. Nun ist er desorientiert und geistesabwesend und offensichtlich krank. Auf seine unfreiwilligen Gastgeber wirkt er sogar unheimlich; sie fragen sich, ob McCarthy unter einer - womöglich ansteckenden - Krankheit leidet.

Die Wahrheit ist allerdings wesentlich dramatischer - und bizarrer. Unbemerkt von den Freunden hat die Nationalgarde damit begonnen, die Region Jefferson Tract unter Quarantäne zu stellen. Niemand darf hinein, niemand heraus: Die Regierung der Vereinigten Staaten weiß sehr genau, was hier vor sich geht: Seit dem Roswell-Zwischenfall 1947 befindet sich die Welt in einem nie offen erklärten, aber erbitterten Krieg mit außerirdischen Intelligenzen. Um eine Panik unter der Bevölkerung zu vermeiden, unterliegt dies der strengsten Geheimhaltung. Das betrifft ganz besonders das Wissen um die tückische Taktik dieser Invasion, die eher einem Seuchenzug gleicht. Die Tarnung wird auch deshalb so sorgfältig aufrecht erhalten, weil die einzige bekannte Form der "Verteidigung" darin besteht, in den von den Aliens "befallenen" Gebieten jede Lebensform auszutilgen - stamme sie nun aus dem Weltall oder von der Erde ...

So sehen sich die vier Freunde bald in einem aussichtslosen Kampf gefangen - gegen die "Cleaner" der Regierung, die vom gnadenlosen und allmählich in den Wahnsinn abgleitenden Abraham Kurtz angeführt werden, und gegen die parasitenhaften Außerirdischen, von denen einer, "Mr. Gray", sich als besonders findig erweist. Den einzigen Weg zur Rettung weist ausgerechnet Duddits, doch der liegt im Sterben ...


Stephen King und sein Publikum - das war in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten eine problematische Beziehung; zumindest für diejenigen seiner Leser, die noch die "frühe" King-Phase zwischen "Carrie" (1976) und "Es" (1986) kannten und den Qualitätsunterschied zu den späteren Werken der 80er und gesamten 90er Jahren schmerzlich zur Kenntnis nehmen mussten. Damit sind nicht einmal Kings achtbare Versuche gemeint, "richtige" Literatur zu schreiben ("Das Spiel", 1992; "Dolores", 1993), oder sein lustloses Fortspinnen der längst überdrüssig gewordenen Saga vom Dunklen Turm, sondern die routinierten, aber seltsam leblosen Romane wie "Insomnia" (1994), "Das Bild" (1995) und "Sara" (1998). Noch schlimmer waren die echten Rohrkrepierer wie "Desperation/Regulator" (1996), "Das Mädchen" (1999) oder "Atlantis" (1999), die drastisch unter Beweis stellten, dass King stetig Boden auf dem Feld verlor, das er einst bestellt und lange beherrscht hatte (von geldschneiderischen Frechheiten wie "Der Sturm des Jahrhunderts", 1999, einmal abgesehen).

Der moderne unheimliche Roman verdankt Stephen King unendlich viel. Sogar die Kritik, die einen erfolgreichen Schriftsteller niemals liebt, hat in den letzten Jahren begonnen, ihm dies zuzugestehen. Aber die Verfolger holten auf, und spätestens nach 1995 zogen nicht nur seine Epigonen (Dean R. Koontz), sondern sogar zweit- (James Herbert) und drittklassige (John Saul) Zeilenschinder mehrfach an ihm vorbei.

Dann fuhr im Juni 1999 ein betrunkener Autofahrer den halbwegs abgehalfterten Meister des Horrors über den Haufen, verletzte ihn beinahe tödlich - und alles wurde anders. Die größte Krise in seinem Leben beschreibt King ausführlich in seiner Autobiografie "Das Leben und das Schreiben" (2000). Der Leser erfährt hier von Kings Drogen- und Alkoholsucht, von Depressionen und Selbstmordgedanken, und wundert sich anschließend nicht mehr darüber, dass den späten Romanen das Feuer fehlt.

Der Unfall und noch mehr die anschließenden qualvollen Monate der Genesung (und des Entzugs) haben King heftig gezeichnet. "Duddits" ist eine 800-seitige Studie über die Themen Krankheit, Tod und vor allem Schmerz. Der verunglückte, psychisch und physisch angeschlagene Dozent Jonesy ist eine kaum verhohlene Spiegelung des Autors selbst, aber auch die anderen Figuren tragen "kingsche" Züge. Dazu kommt die Geschichte selbst, oberflächlich betrachtet eine Neuauflage von "Das Monstrum" (1988; selbst hierzulande eher unter dem Originaltitel "Tommyknockers" bekannt). Aber wer (außer den üblichen verbohrt-puristischen Kritikern) verlangt eigentlich von King, in jedem seiner Romane thematisch das Rad neu zu erfinden?

Tatsächlich hat "Duddits" mit den "Tommyknockers" wenig gemeinsam. (Allerdings führt der Kontakt mit dem Extraterrestrischen in beiden Fällen zu Zahnausfall ...) Kings "Graue Aliens" von 2001 bilden zwar einerseits die Grundlage für Kings üblichen Plot vom Einbruch des Grauens in die Alltagswelt ganz normaler Durchschnittsmenschen. Das beherrscht er mit einer Meisterschaft, die im Unterhaltungsroman - zumal im phantastischen - praktisch beispiellos ist. Auf der anderen Seite steht der heimliche Krieg zwischen Menschen und Aliens für den Kampf des menschlichen Körpers gegen eine der vielen schleichenden Krankheiten, an die man lieber nicht denkt, auf dass man nicht davon betroffen werde. Aliens = Krebs, AIDS, Alzheimer... Leiden, die scheußlich und seltsam sind, die nicht wirklich geheilt werden können und deren Therapie meist ebenso drastische Folgen hat wie die Krankheit selbst.

Solche Symbolismen gibt es in "Duddits" reichlich. Aber keine Sorge: Sie schieben sich selten aufdringlich in den Vordergrund. Stephen King zeigt sich in seinem ersten "richtigen" Roman nach dem Unfall in zuletzt seltener Hochform. Überwiegt bei der Lektüre zunächst eine reservierte, vorsichtige Haltung, beginnt allmählich der alte, längst verschwunden geglaubte Zauber zu wirken. Ohne dass man es bemerkt, beginnt man sich festzulesen und dann Seiten zu "fressen". "Duddits" ist mit mehr als 800 Seiten zu umfangreich geraten, aber das merkt man nicht oft. Was trügerisch langsam beginnt, legt noch weit vor der Halbzeit an Tempo zu und lässt darin lange nicht mehr nach.

Mit sicherer Hand bohrt King auch wieder auf dem "political correctness"-Nerv von Zeitgenossen, die sich zum Streiter für Anstand und Ordnung berufen fühlen. Drastischer Horror und Splattereffekte, gepaart mit rüdem Humor, sind seit jeher ein Markenzeichen Kings. Aber einer muss ja aussprechen, was die weniger Mutigen nur zu denken wagen. Ist es zum Beispiel nicht typisch, dass sich in der Literatur, besonders aber im Film Monster, die parasitenhaft im Körperinneren eines Menschen nisten ("Ripleys" nennt King sie hier - eine seiner genialen Wortschöpfungen), stets aus der Kehle oder notfalls aus dem Brustkorb ihres Opfers hervorbrechen, wo es doch eine sehr viel näher liegende Möglichkeit gibt... Nun, King spielt diese Option durch - sehr konsequent und ohne Rücksicht auf den guten Geschmack!

Auch sonst muss man staunen: Die Aliens als nicht unbedingt bösartige oder überlegene, aber in ihrer Fremdheit unerbittliche, undurchschaubare und entschlossene Invasoren - das hat es schon länger nicht mehr gegeben. Außerirdische sind heute (wenigstens außerhalb des Z-Films) eher freundliche ETs oder sogar Opfer skrupelloser Erdlinge (wie Fox Mulder bestätigen könnte). Aber sie taugen durchaus noch als Bösewichter, wie King eindrucksvoll unter Beweis stellt! Dasselbe gilt übrigens für die Angehörigen ethnischer/religiöser Minderheiten oder geistig/körperlich Behinderte; eine interessante Parallele zum einen und zum anderen ein weiterer Pluspunkt für King, der "Duddits" nicht zum edlen "Vorzeige-Behinderten" herabwürdigt, sondern ihm eine echte Persönlichkeit mit durchaus weniger angenehmen Zügen zubilligt.

Natürlich übertreibt es der Meister hier und da; das kann bei einem Werk dieses Umfangs kaum ausbleiben. Die Figur des irrsinnigen, aber mächtigen und dadurch doppelt gefährlichen Abraham Kurtz (der eigentlich "Coontz" heißt - kleine Spitze gegen einen erfolgreichen Kollegen) ist ein wenig zu holzschnittartig geraten. Zwar tritt King mutig die Flucht nach vorn an: Er gibt dieser Figur denselben Namen wie ihrem direkten Vorbild in Joseph Conrads "Herz der Finsternis" (1902) und natürlich im Film "Apocalypse Now" (1979/2001). Trotzdem ist Kurtz King nicht so düster und gefährlich geraten, wie er es wohl gern hätte; so offensichtlich übergeschnappte Gestalten bleiben nicht einmal in militärischen Kreisen lange unentdeckt und unbehelligt.

Auf den letzten zweihundert Seiten beginnt die Geschichte ihren Schwung zu verlieren. Das eigentlich als Höhepunkt gedachte Finale zieht sich als banale Verfolgungsjagd in die Länge und mündet in einem wenig aufregenden Showdown der wenigen überlebenden Figuren. Das heißt allerdings nicht, dass man sich langweilen würde, und noch jeder King-Roman hat seine Helden schließlich an den Rand des Berges Orodruin ins Land Mordor geführt.

Anzumerken bleibt noch, dass King auch "Duddits" in das inzwischen recht dicht gesponnene Gefüge seiner imaginären Geschichte Maines einpasst. Aus anderen King-Romanen und -Erzählungen bekannte Figuren geben sich an ebenfalls bekannten Orten ein Stelldichein, aber diese Cameos und Crossovers zu identifizieren und aufzulisten, sei den Hardcore-King-Fans überlassen. (In Derry gibt’s übrigens einen verheißungsvollen Gruß vom bösen Clown Pennywise.)

Fazit: "Duddits" ist noch immer der von Stephen King bescheiden-kokett als Ziel seines schriftstellerischen Bemühens apostrophierte "Burger mit Fritten". Aber das Fleisch ist wieder saftig, die Fritten kross, und es gibt Krautsalat und ein Glas Rotwein dazu. Von einem Comeback mag man auch nicht sprechen, denn King ist schließlich nie von der Bildfläche verschwunden. Aber er hat definitiv eine Menge Boden gut gemacht, er macht wieder neugierig, und er macht vor allem darauf aufmerksam, mit welchem gedruckten Mist wir Freunde des Unheimlichen uns in den vergangenen Jahren allzu oft haben abspeisen lassen - und sei es nur einfach deshalb, weil wir uns daran gewöhnt haben!

 

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

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