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Träume des Wahnsinns
(wird fortgesetzt)

©2007 by Torsten Hefenbrock

Kapitel 1: Sommer

Kapitel 2: Andy

Kapitel 3: Warten

Kapitel 4: Eddies Wunsch

Kapitel 5: Janine und Eddie

Kapitel 6: Timothy Underthell

Kapitel 7: Raddock City (Eins, zwei, drei, du bist nicht dabei)


Prolog


12. Dezember 2017

Mit einem knatternden Rattern wurde die Kettensäge von zwei verschnittenen, blutigen Händen gestartet. Die Kette begann sich in Bewegung zu setzen, der Auspuff spuckte dicken, stickigen Qualm aus.

Über dem Metalltisch, auf dem ein kopfloser Torso lag, beleuchtete eine nackte Glühbirne den Raum. Es handelte sich offensichtlich um einen Keller mit kalten, kahlen Wänden. Der Torso auf dem Tisch war nackt und die Brüste neigten zur Seite nach außen, die Arme hingen schlaff an den Seiten herunter und die Füße lagen reglos am unteren Ende des Tischs.

Das Gesicht der Person, die die Kettensäge hielt, war im Dunkel verborgen. Aber an der Körperstruktur sollte man vermuten, dass es sich um eine männliche Person handelte. Auch er war nackt und hatte keinen Fetzen Stoff am Leib.

Die silberne Kettensäge glänzte im Lichtschein und kam für einen Moment zum Stillstand, wobei der Motor allerdings weiterhin leise ratterte.

Schließlich gab der nackte man mit dem Zeigefinger wieder Gas und die Kette setzte sich wieder in Bewegung. Langsam näherte sich das tödliche Sägeblatt dem Arm der Leiche. Schnell fraßen, fetzten und arbeiteten sich die einzelnen Glieder der Kette in das Fleisch ungefähr einen Zentimeter unter dem Ellbogen. Blut spritzte dem Mann entgegen, Fleischfetzen landeten mit flutschenden Geräuschen auf dem Betonboden und eine Lache aus Blut sammelte sich unter dem Tisch. Kein Abfluss verschlang die Unmengen Blut, nein, der Boden wurde langsam von einer dicken Schicht Blut bedeckt.

Ein Arm, aus dessen Stumpf Knochen, Fleischmasse und Blut herausragte, landete mit einem plätschernden Geräusch auf dem Boden. Es folgten ein Fuß, ein Oberarm, eine zerteilte Schulter und eine viereckig herausgeschnittene Brust.

Die Arbeit ist getan“, sagte eine männliche Stimme todbringend, aber ruhig. „Es tut mir leid.“




Erster Teil




Vorwärts: Nebel

Rückwärts: Leben

Vorwärts: Leben

Rückwärts: Nebel


Morgens kann ich nichts essen, weil ich dich liebe.

Mittags kann ich nichts essen, weil ich dich liebe.

Abends kann ich nichts essen, weil ich dich liebe.

Nachts kann ich nicht schlafen, weil ich hungrig bin.




1

Sommer


20. Juni 2006

Fünfzehn Jahre und schon so erwachsen!“, verkündete ein Mann am Ende des Tisches. Das Fenster hinter ihm war gekippt geöffnet, sodass der Nikotin im Zigarettenrauch herausfliegen konnte. „Heute vor fünfzehn Jahren hast du mich eine Menge Geld gekostet.“ Der Mann, der Eddie Cormacks Vater war, blickte zu dem Jungen am anderen Ende vom Tisch, Eddie selbst, hinüber. „Deine Mutter lag in den Wehen und mir verreckt das Auto mitten auf der Kreuzung. Der ganze Motorblock war im Arsch und kein Mechaniker der Welt konnte mir dafür eine Erklärung geben. Wie auch immer! Niemand, der in seinem schönen, warmen Auto vorbeifuhr hatte große Lust mir zu helfen, also tat das auch niemand und ich konnte alleine den Wagen bis zur nächsten freien Stelle schieben und es war mordsheiß, sag ich dir. Deine Mutter hatte Schmerzen und ich musste das Auto schieben!“

Blah, blah, blah, dachte Eddie nervös. Die Geschichte höre ich schon zum zehnten Mal! Oder zum fünfzehnten Mal? Keine Ahnung, ich kann sie aber auswendig, Dad!

Leute, das Beste an der Geschichte kommt erst noch!“, sagte Eddie mit gespielter Begeisterung, so als hätte er die Story noch nie gehört.

Ja, ganz genau“, stimmte Peter Cormack zu. „Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, den Wagen so weit wie möglich vom Verkehr zu entfernen, kam ein kleiner, weißer VW angerast und riss mir das gesamte, verdammte Heck weg. Ich hatte allerdings keine Zeit mich um die Dame zu kümmern, schließlich hatte – habe – ich eine Frau, um die ich mich sorgen musste. Wir sputeten uns auf dem Weg zum Krankenhaus, das nur noch eine halbe Meile entfernt war. Wir kamen rein, sie warfen Angela auf eine Trage, rissen ihr die Hose vom Leib und der Arzt sagte verblüfft: > Das Baby ist schon zur Hälfte draußen! <“

Oh, Mann! Zweitklassige Fantastische Geschichte von Steven Spielberg! dachte Eddie abwesend. Zurzeit schweiften seine Gedanken immer öfter vom Ort des Geschehens ab und landeten bei diesem Mädchen. Bei Andys Freundin. Bei ihr. Bei dem Mädchen in der Jeans und dem blauen Oberteil, dem Mädchen das fast immer ihre Haare offen trug und nur ab und zu einen Zopf band. Bei Janine. In seinen Tagträumen küsste er sie und hatte keine Hemmschwelle oder Bedenken was er tat, aber in der Realität war er für alle der starke Eddie, der vor niemandem die Klappe hielt und vor nichts Angst hatte, aber war Eddie einmal verliebt und er musste mit dem Mädchen reden, begann er zu stottern und sich eigenartig zu benehmen, was er auch jedes Mal tat, wenn er mit Janine reden musste. Immer wenn er sie sah schien sein Herz einen Quantensprung höher zu schlagen und er vergaß alles was hinter und vor ihm lag. Seine Umgebung schien zu verschwimmen…

Aber sie liebte nicht ihn. Sie liebte Andy. Eddie hatte die beiden einander vorgestellt, hatte ihnen gegenseitig die Namen genannt und gesagt: „Andy Janine, Janine Andy!“ Er hatte sich zuerst in sie verliebt und nicht Andy. Andy war nur ein dummer Freund von ihm und nicht für sie bestimmt. Na ja, vielleicht las Eddie zu viel und sah zu viele Filme, aber er glaubte nicht, dass es gerecht war, wie die Dinge im Moment lagen und wollte es ändern, aber wie? Er konnte nicht einfach so in eine Beziehung hineinspringen. Er konnte die beiden nicht einfach so auseinander zwängen und außerdem war heute sein Geburtstag, er sollte diese Gedanken beiseite schieben und sie sich für eine ruhige Stunde in seinem Bett aufheben. Vielleicht würde sich alles von alleine ergeben, wenn der Allmächtige es so wollte.

Fünfzehn Jahre jung, schwer verliebt und es war Sommer.

Sommer in Raddock City.

Sommer in der mehr oder weniger kleinen, verträumten Stadt.

Eddie hatte Andy und seine Freundin zu seinem Geburtstag eingeladen, schließlich war er sein bester Freund und Freundschaften musste man pflegen, wie sein Vater, Peter, zu sagen pflegte. Aber er hatte bemerkt, wie Andy sich immer und immer mehr von ihm distanzierte.

Ed!“ Er hasste es, wenn man ihn so nannte. „Ed, Eddie! Hast du gehört, viertausend Dollar hast du mich insgesamt gekostet! Mary hatte das nicht gefallen, aber ich investierte bis heute eine Menge Geld in dich und ich glaube du bist bereit, mir ein wenig davon zurückzuzahlen, indem du bei mir im Geschäft hilfst!“

Ja, Dad, natürlich“, antwortete Eddie.

Natürlich bekommst du deinen Lohn, du musst es ja nicht umsonst machen, so gemein ist dein alter Herr nicht.“

Dann bin ich aber froh!“, entgegnete er.

Seine Tante, Ruth, meldete sich zu Wort: „Also das ist doch mal was! Jetzt kannst du selbst dein Geld verdienen!“

Mit den Fingern der rechten Hand zupfte er ein Haar von seinem schwarzen Pullover und ließ es auf den Teppich fliegen. Tonlos landete es auf dem orientalischen Teppich, den seine Mutter vor Jahren von einer Reise nach Peru mitgebracht hatte. Ein wenig jagte ihm das Muster Angst ein. Aber nur ein wenig. Sie waren mit dem Flugzeug geflogen und hatten ein wenig Probleme mit dem Transport von ihrem Hotel zum Flugplatz. Aber es hatte sich gelegt, als ein hilfsbereiter Taxifahrer die Röhre auf das Dach seines Fahrzeugs geschnallt hatte. Heute lag er da und trug einen Tisch auf sich, acht Stühle, auf einem saß seine etwas korpulente Tante, auf einem anderen seine Mutter Mary, neben ihr sein Vater, am Tischende, zwei Plätze frei, sein Onkel Andrew, ein leerer Stuhl und dann er. Der Junge, der 1991 geboren wurde, unter, mehr oder weniger, eigenartigen Umständen, saß da und betrachtete den Teppich, wobei seine Gedanken wieder zu dem Mädchen in Jeans zurückkehrten.

Herrlich!“, sagte Andrew Cormack und sah ihn dabei lächelnd an. „Fünfzehn Jahre haben wir gesehen wie du gewachsen bist, und du bist gewachsen! Wie im Zeitraffer, wenn ich dich jetzt so ansehe. Mir kommt es so vor, als wärest du erst vor Monaten noch einen Meter gewesen.“

Es klingelte an der Tür. Das Geburtstagskind sprang auf und lief – schlenderte – durch den Gang zur Haustür. Es war Andrew. Nur Andrew. Und schon türmten sich wieder die Gedanken in seinem Kopf: Sie hat bemerkt wie ich sie ab und zu anstarre. Sie hat es gemerkt und hält sich jetzt von mir fern! Oh, nein! Jetzt wird er mich darauf ansprechen oder er wird es ignorieren und sagen sie hätte was Wichtiges zu erledigen!

Hi“, sagte er fröhlich. Er nahm den Kopfhörer aus seinem Ohr, der von seinem Hals herabhängend im Licht glänzte. „Janine kommt noch, keine Angst“, sagte er.

Wie hat er das gemeint? Keine Angst? ER WEISS ES!

Sie musste noch schnell mit ihrer Mum einkaufen gehen, du weißt ja, ihr Vater ist auf Geschäftsreise. Wir wollten morgen mal wieder am See vorbeischauen, willst du mitkommen, warst auch schon lange nicht mehr dort?“

Natürlich, komm doch erstmal rein“, sagte Eddie und reichte ihm die Hand, die er ergriff.


Sie kam. Um fünf. Seine Familie und Andy, den Eddies familiäre Ereignisse, die seine Tante und seine Mutter besprachen, nicht interessierten, saßen um den Tisch herum, jeder außer den beiden Jugendlichen, hatte ein Glas Wein vor sich. Eddie trank ein Mischbier und Andy ein normales Budweiser. Der erste, der aufsprang, als es klingelte, war nicht Janines Freund, sondern der Junge mit dem Mischbier vor sich. Der Junge, der zu diesem Anlass ein weißes Seidenhemd und eine schwarze Hose trug.

Er hastete mit großen Schritten zur dunkelbraunen Haustür und betätigte den Schalter auf dem ein kleiner Schlüssel abgebildet war, womit er Janine mit einem Summen die untere, verglaste Türe öffnete.

Mit einem herrlichen, wunderschönen Lächeln kam sie herein und umarmte ihn kräftig, als wäre sie ein Junge und er das Spielzeug. Ihre braun glänzenden Haare lagen offen, gebauscht auf ihren Schultern. Er bekam ein paar Strähnen ins Gesicht und pustete sie stumm weg. Er wollte nicht, dass sie sich aus einem unerheblichen Grund von ihm entfernte, schließlich war gerade seine große Liebe ganz fest in seinen Armen und beschwerte sich nicht einmal, weil er Geburtstag hatte und Geburtstagskinder umarmte man bekanntlich.

Hi, Eddie“, sagte sie mit wundervoller, erotischer Stimme. Andy war ein Glückspilz. „Wie geht’s dir? Fünfzehnjahre alt! Noch ein Jahr und du kannst mich auf deinem Roller mitnehmen.“ Sie lächelte immer noch, als sie ihn losließ. In der rechten Hand hielt sie eine knisternde Tüte, die die ganze Zeit gegen Eds Rücken gebaumelt war. „Hi, Schatz!“, rief sie Andy zu, der daraufhin aufstand und sie umarmend küsste. Eddie hasste es, wenn sie es in seiner Gegenwart taten und seine halbe Familie saß auch noch daneben. Nachdem sie mit ihrer Zungenverkrampferei fertig waren, gesellten Janine, Andy und er sich wieder zu den anderen. Jetzt erst sah er, dass sie einen Rucksack auf dem Rücken hatte und überlegte sich, was er wohl beinhaltete. Aber zunächst interessierte ihn ihr Geschenk. Er nahm es aus der Tüte. Es war Flach und viereckig, wie ein Spielbrett, außer in der Mitte, da war die Verpackung ausgebeult. Er riss das Papier weg und es stellte sich heraus, dass es sich um…


ein Ouija – Brett handelte. Die Ausbeulung war das Glas – eher eine Lupe – auf die alle ihre Finger legen mussten, damit es funktionierte.

Janine, Janine, Janine, dachte Eddie, von dir hätte ich ein bisschen mehr erwartet! Ein Ouija – Brett! Ha! Wie LUSTIG!

Sehr lustig. Im Grunde genommen interessierte es ihn, aber er hatte immer den Aspekt vertreten, dass wenn alle den Finger darauf legen, konnte man nicht feststellen wer schiebt – und es schiebt immer jemand.

Lass es uns ausprobieren“, hatte Andy im Wohnzimmer gesagt, wo er auf einem Stuhl vor seinem Bier saß. „Ich hätte große Lust herauszufinden, was in deinem Kopf vorgeht, Schatz!“ Er hatte gekichert. „Außerdem müssen wir mal wissen, von wem unser alter Ed was will, sonst komm ich noch auf den Gedanken, dass er schwul ist.“

Und sie waren in das Zimmer gegangen, hatten alles auf seinem Bett aufgebaut, sechs Kerzen um das Spielbrett gestellt und im Chor gesagt:

Geist, wir rufen dich. Geist, wir rufen dich. Geist, wir rufen dich.“ Eddie musste sich dabei ein Kichern verkneifen, was er mehr als gut hinbekam. Schließlich blies jeder von ihnen zwei Kerzen aus und legte den rechten Zeigefinger auf das Holz, das das Glas umrundete.

Gib uns ein Zeichen für deine Anwesenheit“, sagte Janine mit kräftiger Stimme. „Gib uns ein Zeichen.“

Das Glas wurde unter Eds rechtem Zeigefinger irgendwie warm. Es begann etwas zu vibrieren. Dann setzte es sich kreisend in Bewegung.

Er ist da“, sagte sie leiser. „Bist du ein guter oder ein böser Geist?“

Es stellte die kreisende Bewegung ein und rückte schlagartig auf G, dann auf U und schließlich auf T. GUT.

Wieder die kreisende Bewegung in der Mitte. „Werden Janine und ich noch lange zusammen sein?“, fragte Andy aus einem nahe liegenden Grund heraus.

Ruckartig kam das Glas über dem Wort NEIN zum Stillstand. Eddie konnte spüren, wie es immer wärmer unter seinem Finger wurde.

Spürt ihr die Wärme?“, fragte er ruhig – noch.

Ja“, sagte Janine. „Die Reibung.“ Sie wirkte etwas nervös, nachdem der Geist die letzte Antwort gegeben hatte, wenn es sich überhaupt um einen Geist handelte.

Andy, bitte frag nicht, von wem ich was will, dachte Eddie und als ob sein bester Freund seine Gedanken gelesen hätte, fragte er: „Auf wen steht Ed?“

Das Glas blieb ruhig, reglos in der Mitte. Genau in der Mitte.

Denkt es nach? Dann vibrierte es wieder. Erwischt, es hat in meinem Kopf gewühlt und die Antwort gefunden, dachte Ed schockiert.

Das Glas kam vibrierend auf dem Buchstaben J zum Stillstand. Dann wanderte, glitt, es zum nächsten, der war ein A. Eddie wusste den Namen schon. Dann ein N, ein I, noch ein N und ein E. JANINE.

Er runzelte die Stirn und betrachtete das durch das Glas vergrößerte E.

Die beiden anderen sahen ihn wartend an. Nicht wartend, nein. Erwartend. Scham krabbelte aus seinem Bauch hinauf in sein Gesicht wie ein Hirschkäfer an einem Baum. Er hätte es irgendwie verhindern müssen, doch er ließ die Frage zu und hatte eingewilligt, mitzuspielen.

Es kann nicht stimme, schließlich will ich nichts von dir“, sagte er an Janine gewand. „Außerdem seit ihr doch glücklich, oder nicht? Warum solltet ihr Schluss machen wollen?“

Berechtigte Frage“, dementierte Andy konzentriert. Wahrscheinlich dachte er gerade darüber nach, wie er auf das gerade geschehene reagieren soll. Alle hatten noch ihre Finger auf dem Glas. Das hatte Janine ihnen vor einem Monat oder so beigebracht. Man durfte den Finger nicht eher entfernen, ehe der Geist es zuließ. Ansonsten…

Wie lange werden wir noch zusammen sein?“, konsultierte Janine Stone das Ouija – Brett.

Das Glas bewegte sich wieder. Es raste. Es glitt nur so dahin. E. Besorgt blickten alle auf das Brett hinab. I. Eddie schwitzte und fühlte sich verraten. N. Janine hatte die Stirn gerunzelt. E. Andy sah immer wieder Ed mit einem bösen, aber freundschaftlichen Blick an. N. „N“, sagte Janine gedankenverloren. T. Der junge Cormack kratzte sich am Haaransatz über der Stirnmitte. A. A wie Arschloch, dachte er. G.

EINEN TAG.

Andy lachte wie ein irrer auf. „Ein Tag?“, schrie er förmlich. Er bellte es fast schon. Sein Finger wackelte gefährlich auf dem Glas. „Und wie soll das gehen?“

T…O…D. Das kleine Teil hatte sich so schnell bewegt, dass es fast wie eine Kanonenkugel vom Brett geflogen wäre und das große Fenster zu Eddies linken zerstört hätte.

Jetzt hatte Andy mit einem Mal aufgehört zu lachen. Auch ihm war die Hitze unter seiner Fingerkuppe nun aufgefallen und ihm gefiel das Wort nicht, das der angebliche Geist ihnen offenbart hatte. Ihm gefiel gar nichts.

Aber es war Sommer. Ein heißer Sommer. Ein verdammt heißer Sommer.

Und am nächsten Tag hatte man die Ereignisse von gestern schon wieder fast aus seinem Gedächtnis gelöscht, wenn man nicht darauf angesprochen wurde.

Es war Hochsommer in Raddock City und die fünfzehn-, sechzehnjährigen Jugendlichen waren von der Außenwelt total abgeschnitten.

Niemand interessierte sich dafür, was hinter der unsichtbaren Quarantänezone um Raddock City herum befand. Niemand wusste etwas von dieser Zone und niemand konnte sie sehen. Niemand hatte eine Ahnung was ihnen bevorstand, als Andy schließlich seinen Finger vom Glas nahm ohne auf ein Zeichen des gefangenen Geistes zu warten, der gequält in einer zwielichtigen Welt feststeckte und die Zukunft voraussagen konnte. Die Auswirkungen waren keineswegs auf diese drei Jugendlichen bezogen. Keineswegs.

Ganz Raddock City und die Zwielicht der Parallelwelt die ebenfalls in der Quarantänezone lag, waren davon betroffen, nur wussten diese drei Menschen noch nichts von der grausamen, brutalen Welt der anderen. Sie wussten nicht, wie Wissenschaftler in Ohio ein Tor geschaffen hatte, mit dem man zwischen der Welt der Toten und der Welt der Lebenden reisen konnte, das allerdings noch keine Testfreigabe von der Regierung bekommen hatte. Dort gab es keinen verrückten Professor, der das Experiment selbst in die Hand nahm, nur rauchende, fettarschige Laborratten in ihren Laboratorien.


Doch auch von diesen Experimenten wusste niemand.




2

Andy


21.Juni 2006

Andy, Eddies bester Freund, hatte das Ouija – Brettspiel nicht ernst genommen. Es eben nur ein Spiel.

Er hatte sein verträumtes, jugendliches Leben weiterhin geführt, wie er es schon immer geführt hatte. Bier, Zigaretten, Schule, Arbeit und Janine, wobei Janine wohl den größten Bereich beanspruchte. Er war glücklich mit ihr. Sie war glücklich mit ihm. Anscheinend. Von außen führten sie eine gemächliche, ruhige lockere Beziehung, aber was sich hinter vier Wänden abspielte, blieb auch hinter den vier Wänden.


18.Juni 2006

Du bist so egoistisch!“, schrie Janine mit wutentbrannter Stimme und nahm ein Kissen von Andys Bett das sie nach ihm warf. Hinter ihm landete es auf einem Pokal, den er für ein gewonnenes Seifenkistenrennen erworben hatte, der stumm herunterfiel und auf dem Boden auseinanderschellte. „Du willst ein guter Freund sein? Du? Du? Warum sagst du so was zu mir? Warum sagst du zu mir, zu deiner eigenen Freundin, die du angeblich liebst, Schlampe?!“

Es tut mir leid, es war nicht so gemeint“, faselte er vor sich hin, sodass es sich fast wie ein Murmelgebet angehört hatte.

Janine hatte es verstanden, aber es reichte ihr noch nicht, schließlich hatte er Schlampe zu ihr gesagt! Musste sie es sich gefallen lassen, so etwas von ihrem eigenen Freund zu hören? Musste sie das? Sie konnte die Genugtuung schon im Landeanflug hören, aber sie war noch nicht ganz auf dem Boden. Der Pilot musste noch etwas dafür machen. „Was hast du gesagt, Schatz?“ Sie machte ein Gesicht, als hätte sie gerade etwas Ekliges gesehen, vielleicht ein Unfallopfer, dessen Gesicht von Metallzacken und anderen scharfen Gegenständen aufgerissen worden war.

Ich hab gesagt, dass es mir wirklich leid tut, Schatz“, wiederholte er. „Außerdem kommt es mir vor, als ob es dir Spaß macht, mich zu quälen. Ist das Liebe, hä? Ich weiß es nicht, aber ich tendiere eher zu nein. Aber ich liebe dich. Es tut mir leid.“


21. Juni 2006

Eddie wusste nichts von diesen Streitereien, die die zwei diskret führten. Nicht einmal Andys Vater oder seine Mutter wusste davon. Niemand bekam es mit und Janine saß oft alleine in ihrem Zimmer und schluchzte zusammengesunken auf ihrem Bett. Sie wusste, dass sie es nicht verdient hatte, so beleidigt und diskriminiert zu werden. Manchmal übertrieb ihr Freund es wirklich, das wusste sie…und alle anderen. Sie heulte sich oft bei ihrer besten Freundin, Liza Dawn, aus. Manchmal bekam Eddie es sogar mit und wusste nicht, wie er damit klar kommen sollte. Er liebte sie und sie liebte Andy, auch wenn er ab und an so gemein zu ihr war. Sie hatte noch nie, wie sie zu Liza sagte, einen Jungen so geliebt wie ihn.

Es fühlte sich merkwürdig in Eddies Bauch an, als er dies hörte. Wie sollte er jemals an seine heimliche Liebe herankommen, wenn sie noch nie einen Jungen so geliebt hatte wie Andy. Liebe ist eigenartig und blind. Liebe ist blind. An Eddies Aussehen lag es bestimmt nicht. Alle Mädchen mit denen er nicht zusammen sein wollte schmeichelten ihm, obwohl es ihm gefiel, hasste er es in letzter Zeit.

Niemand hatte auch nur eine Ahnung, welches Mädchen er begehrte.


Am einundzwanzigsten Juni verließ Andrew „Andy“ Pinkett das Haus um zwölf Uhr vierunddreißig, nur sah niemand auf die Uhr, als er die schwere Mahagonitür öffnete und in die frische Luft hinaus trat um seine Freundin zu besuchen.

Janine erwartete ihn erst gegen drei, aber ihm war langweilig und er wollte zu ihr. Er liebte sie, aber ab und zu gingen die Pferde mit ihm durch, und er konnte nichts dagegen machen.

Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und suchte in seinen tiefen Taschen nach einem Feuerzeug oder Streichhölzern. Obwohl er es hasste, seine Marlboros mit Streichhölzern anzuzünden, hatte er vorsichtshalber einen kleinen Vorrat davon zu Hause gebunkert. Seine Mutter stibitzte immer seine kleinen Feuermacher, da sie selbst fast schon am Limit war und zu einer Kettenraucherin überlaufen könnte, wenn sie so weiter macht. Später wurde sie Kettenraucherin.

Er fand ein Streichholzheftchen. Er hasste den Schwefelgeschmack beim anzünden.

Aber was man nicht alles für das Nikotin tat. Raucher sterben früher! war fett in einem weißen, schwarz umrandeten Kästchen auf die Schachtel gedruckt zu lesen.

Scheiß drauf“, sagte er und riss den scharlachroten Streichholzkopf an dem braunen Streifen des Heftchens an. Die Flamme bauschte sich auf, wurde kleiner und ein kleines Wölkchen wehte davon. Dann hielt er es an die Spitze des Giftstängels und zog stark daran.

Dann machte er sich unbesorgt auf den Weg.

Er hatte das Ouija – Brettereignis ganz, ganz tief hinten in seinem Gedächtnis gespeichert und dachte an diesem Tag noch kein einziges Mal daran, was am Tag zuvor geschehen war. Und er dachte auch nicht mehr an den achtzehnten Juni oder an die beifälligen Bemerkungen, die er hin und wieder in Gegenwart von Janine von sich gab, er dachte nur an Janine und sonst nichts. Der Asphalt unter ihm war warm, denn es war Juni und Sommer. Er schwitzte. Nimm es wie es ist oder nimm es nicht. Ändern kannst du es sowieso nicht.

Er nahm es wie es war.

Der weiße Streifen, der den Fußgänger- vom Fahrradweg trennte war neu und noch so weiß wie Papier. Die Bäume am Straßenrand raschelten leise in der leichten Brise, die über die Stadt zog wie ein beobachtendes Auge.

Er bog nach rechts und kam zur Ampel, die noch auf rot geschaltet war. Wieder zog er an der Zigarette.

Die Ampel der Autos wurde gelb und dann rot, seine wurde grün. Ein weißer Van blieb auf der Spur auf seiner Seite quietschend stehen. Die Spur daneben war leer. Nur ein einziges Auto.

Andy setzte den rechten Fuß vor den linken und den linken dann vor den rechten. Als er an der Haube des Vans vorbei war, war die Stelle immer noch leer, aber es kam ein schwarzes irgendwas in der Ferne angerast und es war klug von ihm, sich schneller zu bewegen.

Die Bäume raschelten lauter, die Brise wurde zu einem leichten Wind, sodass von Andys Hinterkopf ein Haar abstand. Eine ungewöhnliche Spezies von Angst beflügelte ihn auf einen Schlag. Das schwarze Irgendwas kam näher. Es sah fast aus wie ein Cadillac, aber es war keiner. Dessen war Andy sich sicher. Er warf die Kippe weg und ging noch einen Gang schneller.

Noch ein paar Schritte, dann hätte er die Straße überquert.

Das Irgendwas beschleunigte.

Andy beschleunigte.

Es kam näher.

Er wollte rennen, konnte aber nicht. Irgendetwas hinderte ihn daran, irgendetwas an seinem rechten Fuß, den er keinen Millimeter heben konnte. Sein Kopf neigte sich nach unten und er konnte nicht glauben was er sah.

Wie ein Halbkreis ragte das Metall aus dem Boden und hatte sich um seinen Schuh geschlossen. Es handelte sich um eine dicke Handschelle. Etwas war darauf geschrieben:


Ouija – Police


Ouija – Police? Was zum Henker soll das sein? fragte er sich. Angst übermannte ihn und zwang ihn wieder zu verstand zu kommen und sich um das Problem zu kümmern. Er versuchte seinen Fuß aus der aus dem Boden ragenden Handschelle zu befreien, aber er konnte nicht.

Sah der Fahrer des Vans nicht, dass er in Schwierigkeiten steckte? Andy sah sich um. Niemand war weit und breit zusahen, die Ampel hatte auf grün umgeschaltet und der Van war losgebraust.

Das schwarze, cadillacähnliche Irgendwas kam näher. Bedrohlich näher.

Andy beugte sich schwitzend, ängstlich zögernd hinunter und wollte den Schnürsenkel auf binden. Mit seinen zitternden Fingern fuchtelte er an den dünnen Bändern herum und bekam sogar die Schleife auf, die er immer sorgfältig unter seiner Jeans versteckte. Aber den Doppelknoten darunter konnte er nicht rechtzeitig bewältigen.

Das Fahrzeug kam mit brummendem, knurrenden fast schon fluchenden, krachenden Motor auf ihn zu. Wenige Meter…

2 Meter-

1 Meter-

Alles schien in Zeitlupe für Andrew Pinkett abzulaufen. Der Wagen raste in ihn rein. Doch der Kühler und die Haube trennten sich in zwei, sodass ein riesiges Maul entstand. Er konnte Zähne und eine Zunge und einen Rachen erkennen, aber da war kein Motor. Kein Motor. Wie konnte es einen Wagen mit Zunge, Zähnen und Rachen, aber ohne Getriebe, Motor und Autobatterien geben?

Anscheinend hatte dieser Wagen nicht einmal eine Marke. Es war eine Art Cadillac, aber von keinem bekannten oder überhaupt existierenden Hersteller.

Die Handschelle mit der Aufschrift Ouija – Police verschwand. Sie öffnete sich mit einem durch den fauchenden Lärm des Rachens nicht hörbaren Klicken. Der Wagen sperrte sein Maul noch einen Meter weiter auf und verschlang Andy Pinkett mit einem Hamm! der Extraklasse. Nach ein paar Metern verschwand der Wagen. Er verblasste auf dem Asphalt wie ein Geist in der Dunkelheit oder ein Taschentuch vor einem weißen Hintergrund.

Es ging nicht bling und der Wagen war weg, eher whuuuuusch und dann war der Wagen weg. Weg. Aber nicht für immer.

Andy, der war weg für immer.



3

Warten


Janine saß lesend auf ihrem Bett. In der Hand hielt sie ein Buch von Jack Ketchum. Evil.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Vierzehn Uhr dreizehn. Keine gute Zahl.

Sie wusste das Andy meistens früher kam als er sagte, außer der Termin war wichtig, dann verspätete er sich meistens und bekam Ärger von demjenigen, bei dem er erscheinen sollte.

Wo bleibst du denn?“, fragte sie leise in die Leere hinein. Sie konnte fast schon die Teilchenbewegung der Luft sehen, als sie sprach, denn seit neunzig Minuten saß sie still da und las. Sie las und las und geriet in die Fänge des Autors, der sie fesselte. Ab und an warf sie trotzdem einen Blick auf die Uhr, um sicherzustellen, dass sie das jeweilige Kapitel noch zu Ende lesen konnte, falls es kurz vor drei wäre oder so.

Plötzlich hatte sie keine Lust mehr zu lesen und steckte das Lesezeichen zwischen die Seiten und klappte Evil zu.

Andys Freundin griff nach ihrem Handy und löste die Tastensperre. Nachdem sie im Telefonbuch Andrews Nummer gefunden hatte, drückte sie auf den Knopf mit dem grünen Telefon drauf.

Mmmmm. Mmmmm. Mmmmm. Mmmmm. „Hallo?“

Hi, Schatz“, sagte sie mit dem Anflug eines Lächelns.

Andy: „Hi.“

Janine: „Bis wann kommst du?“

Andy: „Heute gar nicht mehr.“

Er klang ein wenig unfreundlich. Janine runzelte die Stirn.

Janine: „Warum?“

Andy: „Ich hab da noch ein paar Sachen zu erledigen, dringend.“

Janine: „Was denn?“

Andy: „Ich hab mein Chemiebuch in der Schule liegen lassen, muss zum Zahnarzt, zu meiner Krankenversicherung und eine neue Krankenkarte beantragen, meiner Mutter in der Wohnung helfen und so weiter. Bin voll ausgebucht.“

Janine: „Wieso hast du mir gestern nichts davon gesagt?“

Ihr kam diese Geschichte ein wenig spanisch vor.

Andy: „Gestern habe ich noch nichts davon gewusste. Meine Mutter kam heute morgen rein und hat mir vorgetragen was ich alles erledigen müsste. Ich melde mich bei dir, sobald ich fertig bin, okay?“

Janine: „Okay, ich liebe dich.“

Andy: „Ich dich auch. Viel Spaß mit deinem Buch. Ciao.“

Er legte auf und aus dem Lautsprecher an Janines Ohr kam ein leises Klicken, als er das tat, gefolgt von einem tut, tut, tut, bis sie ebenfalls den roten Knopf ihres Handys drückte. Es kam ihr seltsam vor, aber nicht außergewöhnlich oder unmöglich, dass ihm seine Mutter so viele Aufträge gegeben hatte.

Woher wusste er, dass sie ein Buch vor sich hatte?

Wie konnte er das wissen? Sie wusste es nicht.

Vielleicht hat er einfach nur gut geraten, dachte sie achselzuckend. Sie las oft ein Buch, wenn sie auf irgendetwas oder irgendjemanden wartete und nichts Besseres zu tun hatte. Außerdem würde Andy bald auftauchen und sie könnte ihn dann fragen.

Inzwischen war halb drei und sie wurde ein wenig unruhig und wollte dass er jetzt auftauchen würde, aber er kam nicht und er hatte es ihr am Telefon gesagt. Was sollte sie machen? Ihn zwingen? Ihn bestrafen? Ihn…

Sollte sie ihn vielleicht ausspionieren? Hatte er vielleicht eine andere? Betrog er sie?

Sie wusste es nicht und es ist unfair, jemanden auszuspionieren. So was macht man einfach nicht. Ein bisschen Vertrauen musste sie zu ihm haben, schließlich waren sie schon eine geraume und schöne Zeit zusammen. Und sie hatten oft Sex gehabt. So oft, dass Janine nicht einen Gedanken daran verschwendet hatte, ob er sie betrog oder nicht. Es war ihr einerlei, aber mit so viel Sex wusste sie nicht, wie er sie hätte betrügen sollen und dann noch so viel mit ihr schlafen konnte, wie sie es taten.

Nein, es existierte kein Mädchen neben ihr. Nur sie und er…und sein Freund Eddie vielleicht noch, aber Andy war zu neunundneunzig Komma neun Prozent nicht homosexuell, dabei war sie sich hundertprozentig sicher.

Dringend Termine, was? fragte sie sich im Bett liegend und mit den Fingern auf das zugeschlagene Buch trommelnd. Krankenversicherungskarte, was? Du bist doch noch nie krank gewesen, Andy – Schatzi. Zumindest nicht in der Zeit, während wir zusammen waren…korrigiere…sind. Du solltest mal wieder ein Tagebuch schreiben, dann könntest du dich besser an die Dinge erinnern, die passiert sind! Dafür gibt’s so was!

Nein, Tagebücher sind dafür da, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, nicht um sie wie gelbe Zettel die man an eine Wand hängt als Erinnerungshilfe zu verwenden.

Tagebücher sind leere Seiten, die man mit den Geschehnissen des Tages füllt, also könntest du dich auch an gewisse Dinge erinnern, die du vergessen hast.

Ja, ja, ja. Das war doch gar nicht wichtig. Tagebuch hin, Tagebuch her, er war nie krank gewesen, während sie mit ihm zusammen war und das war eine lange Zeit.

Er will sein Chemiebuch holen? Seit wann macht Andy Hausaufgaben oder seit wann lernt er für die Schule? Seit wann interessierte er sich für Chemie? Nein, nein, nein. Fehler. Er interessiert sich nicht für Chemie. Definitiv. Irgendwas an der Sache ist faul.

Sie legte die Stirn in Falten, mit beiden Augen hatte sie irgendeinen Punkt an der Wand vor ihr fixiert. Sie war total in Gedanken versunken.

Zahnarzt besuchen? Besuchen? Zum Zahnarzt gehen. Es heißt nicht besuchen, es heißt gehen. Es heißt nicht, ich muss den Zahnarzt besuchen, es heißt, ich muss zum Zahnarzt gehen.

Was soll der Scheiß, Janine. Er hat doch nur gesagt, er müsse zum Zahnarzt, mit keiner Silbe hat er auch nur das Wort besuchen erwähnt. Wie kommst du überhaupt darauf?

Nein, nicht besuchen. Stimmt genau. Besucher. Er meinte Besucher. Niemals hat er besuchen gesagt und auch nicht Besucher, aber er meinte Besucher.

Woher…?

Er meinte Besucher!

ER MEINTE BESUCHER! wollte sie schreien, konnte aber nicht, denn nur ein leises Quieken kam heraus.

Das warten zog sich in die Länge, mehrmals versuchte sie Andy anzurufen, aber es kam nur diese ermüdende, monotone Tonbandstimme: Herzlich willkommen bei O2. Leider ist ihr Gesprächspartner im Moment nicht erreichbar, versuchen sie es später doch noch einmal. Vielen Dank.

Danke“, fauchte Janine leise störrisch. Inzwischen waren die Zeiger der Uhr rechts von ihr an der Wand auf fünfzehn Uhr sechsundfünfzig gewandert. Hatte sie es verdient so verlogen behandelt zu werden? Das spielte sich nämlich gerade in ihrem Kopf ab. Hatte sie es verdient? Sie hat einige schlimme Dinge in ihrem Leben angestellt, die sie lieber vergessen würde, aber hatte sie es verdient? Darauf folgte eine weitere Frage: Liebte sie ihn wirklich? Wirklich?

Du willst so gut wie immer in seiner Nähe sein, ihn bei dir haben, hast das Verlangen ihn andauernd zu knutschen und dich mit ihm in deinem Bett niederzulassen und du willst ihn ständig anfassen, du findest ihn attraktiv und fühlst dich zu ihm hingezogen! Ist das Liebe, oder was?

Keine Ahnung. Ihr Gedankengang legte eine Pause ein. Doch, doch, doch, meldete er sich schließlich. Es ist Liebe. Liebe ist gnadenlos. Hat sie jemanden umhüllt, lässt sie einen nicht mehr so schnell los und so ist es. Nicht anders.

Liebe bedeutet aber nicht nur Zuneigung und Verlangen, sondern auch Verantwortung und Interesse und für einander da sein. Also solltest du dir eher die Frage stellen: Liebt er dich?

Wieder trommelte sie mit den Fingern auf dem Umschlag von Evil. Die linke Augenbraue hatte sie immer noch hochgezogen und die Stirn lag immer noch in Falten gehüllt. Ihre Augen starrten immer noch, wie bei einer Hypnotisierten, in die Leere. Ihr Mund war trocken und ihr Hals tat etwas weh, beim Schlucken. Sie musste etwas trinken, sonst könnte sie heute Abend nicht schmerzfrei essen. Nach ein paar Sekunden gab sie sich einen Ruck und eine Antwort.

Er liebt mich über alles.

War das die Wahrheit oder ihre Gefühle oder nur eine vage Vermutung? Sie wusste es nicht, aber das dachte sie. Hatte sie es vielleicht doch verdient?

Andy und sie gingen auf dieselbe Schule und vor zwei Jahren hatte sie ihn gedeckt. In Andys und ihrer Klasse gab es einen etwas korpulenten Jungen, der eigentlich ganz nett war, wie Janine fand, aber alle triezten und ärgerten ihn. Der Junge ging seit der fünften Klasse auf die Raddock City Middleschool, hatte aber in all den Jahren keine Freunde gefunden, war also ein Einzelgänger. Die halbe Klasse hatte sich dann gegen ihn verschworen, als sie ein wenig mehr über ihn wussten und angefangen ihn zu beleidigen und zu mobben, wie man dazu sagt. Bis die Lage eskalierte.

Sie war noch nicht mit Andy zusammen, als es geschah, aber trotzdem schon gut mit ihm befreundet und wie wir alle wissen, können Jungs keine Freundschaften mit hübschen Mädchen haben, sie wollen die weibliche Seite der Menschheit besitzen. Aber damals hatte er sie noch nicht besessen, damals waren sie eben nur gut befreundet und in dieser Zeit begannen sich die Gefühle für Andy aufzubauen. Sie ignorierte es in dieser Zeit, weil sie es nicht wagte, ihn darauf anzusprechen, vielleicht aus Schüchternheit oder Verlegenheit. Sie wusste es nicht, aber sie traute sich eben nicht, also ließ sie es bleiben und wartete ab, ob er einen Schritt wagen würde. Wie sagt man so schön? Freundschaft ist die Distanz, Liebe ist die Nähe. Entfernen sie sich von aneinander oder kommen sie sich näher? Jedenfalls begleitete Janine Andy zur Sporthalle um fünfzehn Uhr an diesem Mittag und es war heiß, denn es war Sommer. Nebeneinander gingen sie den Gang Richtung Umkleidekabine entlang. Er sah den korpulenten, schüchternen Jungen mitten im Weg stehen und schob ihn boshaft, aggressiv zur Seite und sagte: „Mach Platz, Fettsack!“ Doch dieses eine Mal war einmal zu viel. Janine konnte sich daran erinnern, wie sie seine autoritäre Art mochte und gleichzeitig hasste, aber sie fühlte sich zu ihm hingezogen und duldete seine Äußerungen, gegenüber dem diskriminierten Jungen in ihrer Klasse, der mitten im Gang stand und zur Seite gestoßen wurde, wobei er mit dem Kopf an die harte, kalte Betonwand schlug, was ein dumpfes dm erzeugte. Diesmal hatte Andy es übertrieben und Janine wusste es schon bevor Desmond Desmond überhaupt reagieren konnte. Mit der rechten Hand hielt er sich den Kopf, mit der linken wühlte er in seiner linken Hosentasche der Jeans, die er wie üblich trug und weshalb ihn viele schon dumm angemacht hatten. Desmond wühlte und wühlte, man hätte meinen können, er wolle gar nicht mehr damit aufhören. Doch dann brachte er etwas Glänzendes zum Vorschein. Das einfallende Sonnenlicht wurde auf der Klinge des Messers reflektiert und blendete Janine einen Augenblick, sodass sie nichts sehen konnte. Dann, als sie ihr Augenlicht wieder zurückbekam, erkannte sie ein Schweizer Taschenmesser mit jedem scheiß Zubehör: Schraubenzieher, Korkenzieher, kleine Säge, Nagelpfeile und Klinge, die er ausgeklappt hatte, schneller als sie gucken konnte. Nur Andy sah es nicht, denn er lief weiter und stand mit dem Rücken zu Desmond, der ihm einen vernichtenden Blick zuwarf. Mit der rechten Hand hielt er sich immer noch die Stelle ein kleines Stück über seinem rechten Ohr. Er musste hart aufgeschlagen sein und Janine konnte sich einigermaßen vorstellen, wie es sich angefühlt hatte. Die schlimmsten Schmerzen, sind die dumpfen Schmerzen. Außerdem wurde er jeden für ihn gottverdammten Tag diskriminiert und geärgert, gequält und gestoßen, genervt und fertig gemacht. Dieses letzte Tröpfchen brachte das Fass zum überlaufen.

Mit der rechten Hand erhoben grüßte Andy seinen Freund Jonathan, der schon vor der Umkleidekabine wartete und genau in diesem Augenblick das Messer in Desmonds Hand erblickte, glänzend und Schmerz verkündend.

Pass auf!“, rief Jonathan warnend aus und deutete mit einem Finger auf den Jungen hinter Andy. Er drehte sich um, erblickte ebenfalls den Jungen mit dem Schweizer Taschenmesser und wich einen einzigen Schritt zurück. Janine dachte: Wow, den will ich haben. Keine Angst, nur Mut.

Sie wusste damals und an diesem Tag nachdenkend in ihrem Bett nicht, warum sie das gerade in diesem Moment dachte, aber so war es. Manche Dinge kann man einfach nicht erklären.

Warum tust du das?!“, schrie Desmond fast schon mit einer weiblichen, schrillen Stimme. Seine Tonlage kündigte einen Wutausbruch an. „Wieso lässt du mich nicht einfach in Ruhe?“

Den Satz, den Andy dann sagte, sollte sie nie in ihrem restlichen Leben vergessen: „Weil du einfach dafür geschaffen wurdest, für alle den Sündenscheißbock zu spielen!“ Und auch den Unterton konnte sie nicht aus ihrem Gehirn verbannen, dieser Sag-noch-ein-Wort-und-ich-bring-dich-um Ton. Für eine einzige Sekunde herrschte heroische Stille im Gang, dann kam Jonathan angelaufen und drückte Andy irgendetwas von hinten in die Hand und ein Lächeln zauberte sich auf Andrews Gesicht. Ein fast schon unheimliches Lächeln, als wäre er ein Serienkiller, der Spaß daran hat, Menschen zu fesseln und zu quälen, bis das der Tod ihre Seele vom Körper trenne. „Was…“, begann Andy, konnte aber nicht zu Ende sprechen, weil er von dem korpulenten, gepeinigten Jungen unterbrochen wurde: „Noch eine miese Sache und ich steche dich ab, kapiert?! Ich steche dich ab!

Nein, davor steche ich dich ab, du Arschloch!“ Andy setzte sich rasch in Bewegung und kam knapp einen Meter vor Desmond zum Stillstand, hob das Ding in seiner Hand und schlug ihm auf den Kopf. Klack, klack, klack. Erst dreimal, dann schien er es sich anders überlegt zu haben und es folgten noch zwei Schläge.

Blut rann an Desmonds Wangen hinab, tropfte an seinem Kinn auf den Boden. Er schrie, als hätte ihm jemand einen Teleskopschlagstock in den Arsch gerammt. Aber so war es nicht. Andy schien sich ein wenig beruhigt zu haben, schlug aber noch einmal mit der linken Faust zu und traf genau die Stelle die er treffen wollte: die Nase. Ein knacken drang durch die von Schreien geschwängerte Luft und erreichte Janines Ohren.

Missgeburt!“, schrie Andy noch einmal.

Jonathan sah ihn als erster kommen: Mr. Hill, ihr Sportlehrer.

Schnell nahm Jonathan Andy das Messer weg, steckte es in seine Hosentasche und zog sich zurück. Mr. Hill sah nur noch Desmonds blutigen Schädel, dass Schweizer Taschenmesser in seiner und das Blut an Andys Hand. Beide warfen sich tödliche Blicke zu.

Später, als es dann ernst wurde, deckte Janine Andy und sagte aus, dass er kein Messer oder sonst einen Gegenstand gehabt hätte. Sie sagte nur aus, dass Desmond ihn attackiert hatte. Er musste die Schule verlassen und Andy bekam eine Androhung, dass er noch eine Kleinigkeit anstellen musste, um von der Schule zu fliegen. Er hielt sich daran und blieb. Durch wen? Durch Janine.

 


4

Eddies Wunsch


Eddie Cormack saß nachdenklich im Wohnzimmer der Wohnung, die seine Eltern monatlich bezahlten. Er hatte den Kopf auf die Hände und die Ellenbogen auf die Knie gestützt.

Es ist so eine scheiß Situation, dachte er. Wieso musst du mit ihr zusammen sein? Wieso du? Wie soll ich’s machen?

Die Frage, die er sich eigentlichen stellen wollte – sich aber nicht traute – war: Soll er auf seine Liebe verzichten oder auf seinen Freund – seinen besten Freund?

Wenn Andy wirklich sein bester Freund war, konnte dieser Eddie verzeihen, aber wenn nicht würde er ihn verlieren und mit all den Geheimnissen, die Eddie ihm anvertraut hatte verschwinden, zumindest eine Zeit lang. Eddie hatte nicht viele Freunde, dass wusste Andy ebenso gut wie er selbst, aber Andrew hatte Freunde. Viele. Er konnte gut auf Mister Ich-will-was-von-der-Freundin-meines-besten-Freundes verzichten.

Mal abgesehen davon, dass Andy ihm vielleicht verzeihen würde, was würde Janine überhaupt dazu sagen? Das war eine gute Frage. Eine entscheidende, finale Frage. Er konnte einen Freund verlieren, aber auch alles. Pech oder Glück? Verlierer oder Gewinner? Eddie war noch nie ein ausgesprochen guter Gewinner gewesen. Ab und zu hatten er und sein bester Freund nachts, wenn er bei ihm geschlafen hatte, Karten gespielt und wenn Eddie ein paar Spiele hintereinander gewonnen hatte, setzte er weiterhin Geld und verlor am Schluss alles. Gewinnender Verlierer, hatte Andy oft zu ihm gesagt.

Sein Vater arbeitete als Anwalt und vertrat gerade einen vorbestraften, des Mordes angeklagten, Mann. Ein fast aussichtsloser Prozess, wie Peter Cormack gesagt hatte. Der Richter war anscheinend ein aufgeblähtes Arschloch, der Staatsanwalt war gut und sein Mandant ein perspektivloser Typ aus der Gosse von Raddock City.

Seine Mutter, Mary, war als Putzfrau tätig und hatte jeden Tag drei Stellen zu je vier Stunden zu bewältigen. Sie hatte Eddie oft gebeten ihr zu helfen, doch er hatte andere Sachen im Sinn. Er kümmerte sich um seine Sachen und sie sich um ihre, dass war zumindest seine Meinung. Keine gute Zukunftsplanung und auch kaum egoistisch. Natürlich hatte er sich nie so gegenüber seiner eigenen Mutter geäußert und die meisten Menschen in seinem Umfeld kannten ihn als hilfsbereiten, netten jungen Mann, der auch mal einer alten Frau half die Einkaufstüten die Treppen hoch zu tragen, wobei er ab und zu etwas daraus stibitzte.

Er war alleine zu Hause, der Fernseher und die Heizung waren ausgeschaltet, denn es war Sommer. Neun von zwölf Monaten war Sommer in Raddock City. Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, wie er ab und an sagte.

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür. Eddie schreckte auf, wurde aus seinen Gedanken gerissen und schlenderte zur Haustür. Er drückte den kleinen Schalter mit dem kleinen Schlüssel drauf, womit sich die untere Tür mit einem Summen öffnen ließ. Ein Mann in einem Anzug kam hindurch. Er trug einen Dreitagebart, eine mit dem Schild nach hinten gedrehte Mütze und weiße Turnschuhe.

Komische Zusammensetzung, dachte Eddie. Der Mann im Anzug, mit Mütze und weißen Turnschuhen kam die Treppe hoch und blieb vor der Haustür stehen. Einen Augenblick herrschte Stille und die beiden sahen sich in die Augen. Hatte dieser Kerl überhaupt Augen? Ja, aber sie waren irgendwie…irgendwie anders. So leer. Leer.

Hallo, mein Name ist Timothy Underthell“, sagte er. Seine Stimme. Seine eigenartige Stimme. Sie hörte sich an, wie man sich die Stimme eines Händlers vorstellte. Nicht wie die auf den Märkten, sondern wie man sie sich vorstellte. Nicht verhandelbar. „Ich suche Eddie Cormack.“

Er hatte ihn nicht einmal gefragt, wie er heißt. Ein Hallo war alles. Mehr nicht.

Ich bin Eddie“, antwortete der Junge im Türrahmen. „Kenne ich sie?“

Nein, aber wie ich schon sagte, mein Name ist Timothy Underthell.“ Er sah Eddie ausdruckslos an. „Soll ich ihn dir aufschreiben?“, gab er sarkastisch von sich.

Könnten sie machen“, entgegnete Eddie mit dem Hauch eines Lächelns.

Ich mach dir einen Vorschlag“, sprach Underthell, „wenn ich kurz mit dir sprechen darf, gebe ich dir meine Visitenkarte.“

Legen sie los.“

Darf ich reinkommen?“ Seine Augen schienen plötzlich einen unheimlichen Glanz angenommen zu haben.

Eigentlich wollte er den Mann nicht rein lassen, aber wenn er es sich- „Nein. Ich darf niemanden rein holen, wenn meine Eltern nicht da sind.“ Das hatten sie zwar noch nie gesagt, aber egal.

Okay, okay. Wie du dir vielleicht schon gedacht hast, bin ich ein Vertreter für eine größere Firma, ein Händler.“

Ja, dachte ich mir.“

Jedenfalls bin ich hier, um dir etwas anzubieten. Ein Angebot.“ Ich bin kein Baby, du Arschloch! dachte Eddie etwas gereizt. Doch dieses Gefühl verflog sofort wieder. „Ich kenne deine Probleme, deine Begierde, dein Verlangen, deine Wünsche und deine Gefühle. Aber ich bin nur für die vierte Rubrik zuständig, für deine Wünsche. Du bist nicht Aladin und ich bin kein Flaschengeist, soviel möchte ich schon einmal ich Voraus klarstellen. Für jeden Wunsch, den ich dir erfülle-“

Ich bin nicht blöd, Mister!“, unterbrach Eddie Underthell. „Ich bin nicht neun oder zehn, ich bin fünfzehn. Ich glaube nicht mehr an das Monster im Kleiderschrank oder unter dem Bett, an Magie und scheiß Kaninchen aus dem Hut ziehen Tricks. Wenn Sie jemanden verarschen wollen, dann versuchen Sie es ein Stockwerk höher, die haben eine neunjährige Tochter, die glaubt dran, aber ich nicht.“ Er hatte nicht wütend gesprochen, nein, sogar ganz zivilisiert und in seinen Ohren hatte sich das schon fast juristisch angehört.

Junge, ich verscheißere dich nicht.“

Natürlich“, sagte er. Für jeden Wunsch den ich dir erfülle, musst du mir den Arsch hinhalten, damit ich meinen Johnny reinschieben kann, wolltest du sagen, nicht wahr? „Alles klar, sprechen Sie weiter.“ Er wollte hören, was der Typ zu sagen hatte – ehrlich.

Für jeden Wunsch, den ich dir erfülle, musst du mir auch etwas geben“, erklärte Timothy und Eddie dachte: Hab ich’s nicht gesagt? „Es ist eine Art Bezahlung, die ich allerdings erst später – viel später – in Anspruch nehmen werde. Wenn du erwachsen bist, Junge.“ Hat er meinen Namen vergessen, oder was? „Die Zahlungsart kann ich dir noch nicht genau sagen, dass muss ich erst noch mit meinem Chef regeln, aber wenn du mein Angebot annimmst, verspreche ich dir, dir jeden Wunsch zu erfüllen, aber er muss von Herzen kommen, sonst Funktioniert es nicht.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Darf ich reinkommen?“

Was würden Sie sagen, wenn ich die Bullen hole?“, fragte Eddie mit erhobenen Augenbrauen.

Die Wahrheit“, antwortete Underthell.

Aso“, sagte Eddie. „Ich schrei rum ohne Ende, wenn Sie irgendein Kindervergewaltiger oder so was in der Art sind, glauben Sie mir. Ihre netten Worte können Ihnen dann auch nicht mehr helfen.“

Harte Worte, für einen Jungen wie dich, aber wenn ich dich beruhigen kann, ich bin nicht so einer. Außerdem kannst du zu mir >du< sagen, wenn es dir nichts ausmacht, schließlich will ich so sympathisch wie möglich rüberkommen.“

Was für eine gequirlte Scheiße“, flüsterte Eddie unhörbar vor sich hin.

Nein, nicht gequirlt, nur nett, also nette Scheiße.“

Was zum Geier bist du, du Arschloch? fragte sich Eddie. Hast du irgendwas zu verbergen?

Ich kann dir einen Wunsch zu einem kleinen Preis erfüllen, aber wie gesagt, er muss von Herzen kommen, äußere ihn und er soll sich bewahrheiten“, wiederholte Timothy.

Ich bin wunschlos glücklich“, entgegnete Eddie, als hätte er vergessen, dass dieser Typ sein Geflüster verstanden hätte. Eine Art Spannung lag in der Luft und ein eigenartiger Geruch, den Eddie nichts ihm bekannten zuordnen konnte. Bildete er sich das nur ein?

Das bezweifle ich“, sagte Timothy Underthell und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jeder Mensch hat einen Wunsch, aber würde ich jedem einen erfüllen… Na ja, würde ich fünf Menschen Wünsche erfüllen, würden sich diese widersprechen, es wäre zu paradox, um es wahr werden zu lassen, außer ich würde diese fünf Leute in fünf verschiedene Welten verfrachten.“

Und wieso bekomme gerade ich einen erfüllt?“

Weil ich dich ausgewählt habe“, antwortete Timothy. „Zufall.“

Ein eigenartiges Gefühl machte in Eddies Körper die Runde. Er begann dem Mann im Anzug, den Turnschuhen und dem Cap zu glauben. Es hörte sich einfach wahr an. Als würde so ein Typ einfach irgendwo klingeln und seine komischen Ideen verbreiten. Nein, und dieser Mann wirkte keineswegs irre oder aus der Klapse entflohen. Im Gegenteil, er wirkte sogar gebildet, schlau und Sympathisch, wie er gesagt hatte.

Warum wollen Sie…Warum willst du unbedingt einen Wunsch erfüllen?“

Weil ich eben ich bin. Weil ich nun mal bin, wer ich bin. Ich muss Wünsche erfüllen, es ist meine Bestimmung, außerdem hab ich noch eine andere Aufgabe, aber die geht dich nichts an-“

Genauso wie dich meine privaten Wünsche nichts angehen!“, fiel Eddie ihm ins Wort.

Aber es ist meine Aufgabe dir einen zu erfüllen!“, konterte Underthell ohne Zögern. „Aber bedenke, dass du nur einen einzigen äußern darfst. Darf ich reinkommen?“

Nein!

Okay, okay.“

Wie gesagt, ich habe keine Wünsche.“

Doch. Doch, doch, doch. Ich kann es sehen.“ Er musterte Eddie mit einem studierenden Blick und einem geheimnisvollen Glanz in den Augen. Diese Begegnung war kein Zufall, das wusste Eddie in diesem Moment so sicher, wie er wusste, dass er in Janine verliebt war.

Janine. Ein Geistesblitz durchfuhr ihn. Er hatte doch einen Wunsch. Und bei diesem Einfall musste er gleichzeitig an seine große Liebe denken. Was sie wohl gerade machte? Ich habe doch einen Wunsch. Aber er hatte mal gelesen, dass man gut darauf achten musste, wie man Wünsche äußert. Vergiss es, dieser Typ kann dir keinen Wunsch erfüllen! Genauso wenig, wie du ohne Flügel fliegen kannst.

Ganz genau. Das war Underthells Stimme. Aber er hatte nicht geredet. Doch. Aber in seinem Kopf. Er hatte…nein…doch. Er hatte in Eddies Kopf geredet. In seinem Kopf. Nein. Doch, hat er und du weißt es. Was ist das für ein Typ?

Wer bist du?“, fragte Eddie schließlich mit einem Anflug von Panik.

Timothy Underthell.“

Nein, nein. Was bist du?“

Diese Frage zauberte ein zurückgehaltenes Lächeln auf das Gesicht des vor ihm stehenden Mannes. „Was ist eine bessere Frage als wer, aber ich glaube, du weißt, dass ich dir das nicht sagen kann.“

Warum nicht?“

Weil ich es eben nicht kann. Oder gefällt dir darf vielleicht besser? Ich mache dir einen Vorschlag: Ich komme in einer Stunde wieder und bis dahin…hast du dir deinen Wunsch überlegt.“

Ohne Eddies Hilfe entzog sich der Türgriff seiner Hand. Die Tür fiel ins Schloss und blieb zu. Durch den Türspion konnte er niemanden sehen. Eddie öffnete noch einmal die Tür, aber da war niemand mehr. Nur der leere Hausgang. Treppen und die Glastür am unteren Ende der Treppe.

Verdammt“, flüsterte Eddie Cormack und schloss die Tür, weil er sich irgendwie beobachtet fühlte.

Er ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich an den Tisch. Dort lagen eine Frauenzeitschrift seiner Mutter und ein Kugelschreiber. Eddie begann seinen Namen auf das Papier zu kritzeln.

Dann schrieb er darunter Timothy Underthell:


Eddie Cormack

Timothy Underthell


Er sah sich die Namen an und runzelte die Stirn. Dieses Mal schrieb er an den Rand der Zeitschrift nur den Namen seines ungebetenen Gasts:


Timothy Underthell


Dann noch einmal so:


Timothy Under t hell


Und schließlich:


Timothy Under T hell

Lässt man Timothy und das T in Underthell weg, heißt es Underhell. Under Hell. Unter Hölle. Zufall? Glaubte Eddie nicht. Schließlich hatte er begonnen dem Mann zu glauben. Dieser Underhell oder Underthell hatte irgendetwas Glaubhaftes an sich. Eddie wusste nicht was, aber etwas war da. Und es war sehr überzeugend. Diese Art, diese Überzeugungskraft, dieser verwunschene Typ. Eddie musste lächeln. Verwunschener Typ der Wünsche erfüllt. Außerdem konnte man an das T zwischen Under und Hell ein H und ein E anfügen und es hieß Under the Hell. Unter der Hölle.

Scheiße, dachte Eddie, hast du Fantasie. Aber wie.

Zehn Minuten saß er da und sah sich die fünf Schriftzüge an, die er geschrieben hatte. Dann stand er auf und riss die Seite aus der Zeitschrift heraus. Er zerknüllte sie und warf sie in den Papierkorb in der Küche.

Eine Stunde verstrich.


Es klingelte an der Tür.

Wer das wohl ist? Eddie machte sich auf den Weg. Drückte wieder auf den Schalter mit dem kleinen Schlüssel drauf und öffnete die Tür. Nicht Timothy Underthell. Nein. Keineswegs. Es handelte sich um Janine Stone. Sie wirkte nervös und aufgeregt. Wie immer waren ihre Haare gekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden worden. Ihre Augenlider waren geschminkt und die Lippen mit Lipp-Gloss zum Glänzen gebracht worden. Scheiß Zeitpunkt um hier aufzutauchen, Süße.

In diesem Moment wurde ihm klar, was sein Wunsch war: Janine zu haben. Mit ihr glücklich zu sein. Eine Beziehung die auf einem Wunsch beruht? Noch nie davon gehört. Dann würde er eben der erste sein, der so etwas machte.

Hi, Eddie“, sagte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Hat sich Andy bei dir gemeldet?“

Gut, sie kam immer gleich zur Sache, kein drum herum Gerede. „Nein, hat er nicht.“ Wirklich schlechter Zeitpunkt um hier aufzukreuzen. Sonst kommst du doch auch nie vorbei! Irgendwie hatte er gerade eine eigenartige Wut in sich. Scheiße, alles war heute eigenartig.

Wir waren verabredet und plötzlich hat er angerufen und abgesagt, aber irgendwie mit unglaubwürdigen Gründen“, sagte sie mit ihrer lieblichen Stimme, die Eddie den ganzen Tag hören könnte ohne sich zu beschweren.

Ist gar nicht seine Art“, antwortete Eddie gedankenverloren. „Komm rein, du kannst versuchen ihn anzurufen.“

Hab ich schon zu Hause, er hat sein Handy aus“, entgegnete Janine. „Kann ich vielleicht reinkommen?“

Eddie grinste in sich hinein. „Natürlich.“

Sie kam herein, setzte sich ins Wohnzimmer und Eddie brachte ihr ein Glas Eistee mit Eiswürfeln. Beim Laufen klimperten diese im Glas hin und her.

Soll ich noch einmal versuchen ihn zu erreichen?“, fragte Eddie.

Kannst du machen.“

Er ging zum Telefon und wählte Andys Handynummer. Der rote Kasten gab bei jedem Drehen der Wählscheibe ein leises, beruhigendes Summen von sich. Nachdem er fertig gewählt hatte, erklärte ihm eine Tonbandstimme, dass der Teilnehmer im Moment nicht erreichbar sei.

Andy war Eddies bester Freund und er schämte sich für seinen Gedanken: Scheiß auf dich!

Wie tief war er eigentlich gesunken? Er wollte sich von einem komischen Typen wünschen mit der Freundin seines besten Freundes zusammen sein zu können und schiss auf seinen besten Freund, während dessen Freundin bei ihm im Wohnzimmer saß und Eistee trank und er verzweifelt auf Underthell wartete, der schon fünfzehn Minuten Verspätung hatte. Oh, Mann!

Er hat sein Handy immer noch aus“, rief Eddie Janine von dem Schnurtelefon aus zu, dass ganz hinten im Gang stand. „Ich versuch es später noch einmal.“

Okay“, antwortete Janine betroffen.

Es klingelte zum dritten Mal am heutigen Tag an der Tür und Eddie setzte sich mit dem Hauch eines Grinsens in Bewegung. Janine blieb im Wohnzimmer. Gut. Er öffnete und vor ihm stand Timothy Underthell mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht.

Du hast einen Wunsch, richtig?“, fragte er hinterhältig.

Ja.“ Eddie erkannte sich selbst nicht mehr. Seine Art hatte sich verändert. Er fühlte sich im Moment zu dem Typ hingezogen, den er seit zirka hundertfünf Minuten kannte.

Ich höre.“

Ich wünsche mir, dass Andy nie wieder auftaucht und Janine ihn vergisst und sich in mich verliebt und wir zusammenkommen werden und niemand sich in unsere Beziehung einmischen wird!“ Er hatte so schnell gesprochen, dass er erst hinterher die ersten Worte über Andy wieder zurücknehmen wollte, als es aber schon zu spät war.

So möge es geschehen“, zischte Timothy, beugte sich nach unten, tippte Eddie mit dem rechten Zeigefinger auf die Stirnmitte und richtete sich dann wieder auf. „Ich wünsche dir ein angenehmes Leben. Bis wir uns wieder sehen.“

Nein, ich hab mich versprochn’!“, sagte Eddie hastig. „Ich hab mich so was von versprochn’! Hey! Nein, nichtsoschnell, ich wollt nicht so-“

Bevor er zu Ende sprechen konnte, drehte sich der Mann im Kreis wie ein automatisierter, durchgedrehter Zirkel, drehte sich so schnell, dass die Farben seiner Kleidung verschwammen und eins wurden, drehte sich so schnell, bis er nicht mehr zu sehen war und zu einem Strich wurde. Der Strich verschwand mit einem Plop! und Eddie blieb alleine zurück. Er fühlte sich schwach, ausgebrannt und hintergangen. Er wurde übers Ohr gezogen, wie sein Vater gesagt hätte, wäre er anwesend gewesen.

Aber er wurde nicht übers Ohr gezogen. Er hatte selbst den Wunsch geäußert. Er ganz alleine hatte die Wahl, was er sagte und was nicht. Er ganz alleine hatte die Schuld zu tragen und die Folgen hinzunehmen, er musste die durch ihn entstanden Falten wieder ausbügeln; niemand anders. Er hat sich seine Schuldgefühle selbst zu verdanken. In solchen Situation erkannte man, wer ein Mensch wirklich ist, hatte sein Vater einmal gesagt, als sie sich irgendeinen Film angesehen hatten, dessen Titel Eddie nicht mehr wusste. Was hatte er getan?

Es war nur irgendein Spinner, der dich mächtig verarschen wollte und es gehörig geschafft hat! sagte Eddies gesunder Menschenverstand. Der Typ kennt Andy nicht, kennt Janine nicht und dich schon gar nicht, das weißt du!

Stimmt, das wusste er. Dieser Kerl kannte ihn, Andy und Janine nicht, die zusammen in seinem Zimmer um ein Ouija – Brett gesessen waren. Außerdem konnte niemand solche Wünsche erfüllen.

Ach, und wie konnte der Typ dann so einen Abgang machen, wenn er so was nicht kann? David Copperfield, oder was?

 

5

Janine und Eddie

 

Eddie hatte mal vor Jahren von einem Jungen in der Zeitung gelesen, der seine Eltern ermordet und abgehauen sein sollte. Der Name des Jungen war Alex Winters gewesen. Er fand es immer wieder erstaunlich, wie Jugendliche so etwas durchziehen konnten ohne bestraft oder zumindest gefunden zu werden, denn Winters wurde nie gefunden. Und Eddie bezweifelte, dass Alex Winters die Tat begangen hatte, sondern glaubte, dass noch jemand anderes seine Finger mit im Spiel hatte, von dem leider keine Spur zu sehen gewesen war. Warum er sich gerade daran erinnerte wusste er nicht, aber in seinem Wohnzimmer saß Janine Stone, vor ihm hatte sich gerade irgendein Wünsche erfüllender Typ in Luft aufgelöst und er hatte seinem besten Freund sozusagen den Tod gewünscht. Scheiß Situation in der er sich jetzt befand, aber das hatte er sich selbst zuzuschreiben und er musste selbst damit fertig werden. Er ganz alleine.

Janine saß im Wohnzimmer und schlürfte immer wieder in kleinen Abständen an ihrem Eistee. Die Eiswürfel waren etwas geschmolzen und kleiner geworden. Sie hatte den Fernseher eingeschaltet und sah sich irgendeine Gerichtssendung an, als Eddie rein kam und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Wer war’s?“, fragte sie ihn mit ihrer süßen, lieblich klingenden Stimme. Er konnte einfach nicht genug davon bekommen.

„Irgend so ein Vertreter, der mir einfach nicht glauben wollte, dass meine Eltern nicht zu Hause sind“, antwortete er gelassen und er schaffte es tatsächlich sich nichts anmerken zu lassen, denn sie wendete sich wieder dem Fernseherapparat zu.

„Bei uns war letztens auch einer“, erwiderte sie, „der wollte uns irgendein Zeitschriftenabonnement andrehen.“

Sie blieb noch eine Weile, trank ihr Glas aus und erhob sich schließlich, als Eddie es endlich geschafft hatte, es sich auf dem Wohnzimmersessel bequem zu machen. Janine verabschiedete sich von ihm und ging.

 

Eddie Cormack hasste Gerichtssendungen und schielt den Flimmerkasten aus. Seine Mutter hatte immer zu ihm gesagt, wenn er zu viel fern sah, er würde quadratische Augen bekommen. Das war wahrscheinlich übertrieben, aber er hatte einmal gelesen, dass beim Fernsehen mehr Gehirnzellen absterben, als normalerweise. Bücher sind besser, also nahm er sich ein interessant klingendes aus dem Bücherregal seines Vaters im Schlafzimmer. Clive Barker mit dem Titel Das Buch des Blutes und legte sich in sein Bett. Der fünfzehnjährige, junge Mann schlief mit dem Buch auf der Brust im Bett liegend ein. Dies war so ein Tag, den man am liebsten nicht erlebt hätte. Dies war so ein Tag, an dem man am besten im Bett geblieben wäre. Dies war so ein Tag, an dem man sich besser mit Freunden getroffen und ein Tütchen geraucht hätte, als daheim zu bleiben und diesem komischen Kerl zu begegnen. Dies war so ein Tag, den Eddie Cormack vergessen wollte.

Er schlief ein und träumte.

 

Eddie ist nackt. Nicht einmal Socken oder eine Unterhose hat er an. Sein noch nicht ganz entwickeltes Ding hängt zwischen seinen Beinen schlapp herum. Seine Haare bewegen sich in der leichten Brise. Der Boden, auf dem er mit seinen nackten Füßen steht, fühlt sich glitschig und kalt an, fast wie dicker, ekliger Schlamm. Vor ihm befindet sich ein langer, dunkler an beiden Seiten von Bäumen gesäumter Waldweg. Der Boden ist fast schon schwarz, doch der Himmel ist scharlachrot und mit blinkenden, gelben Sternen übersät. Die Luft riecht nach TNT, wie Eddie es sich vorstellt, denn er hat noch nie welches gerochen. Er riecht Schießpulver, Moder, Fäulnis und Angst. Kann man Angst überhaupt riechen? Nicht wenn man ein Mensch ist. Seine Haut fühlt sich trocken an. Seine Augen brennen ein wenig, aber er kann sie noch aufhalten. Weit genug um zu sehen, dass sich ein einziger Baum in der Stille bewegt. Als wäre etwas großes gerade dagegen gerannt.

Er setzt sich in Bewegung, will laufen, will den Ursprung überprüfen, aber nach dem ersten Schritt muss er stehen bleiben, weil er nicht weiter gehen kann. Als wären seine Füße Metall und der Boden ein starker Magnet. Er kann nicht weitergehen. Aber er will weitergehen. Er versucht seinen linken, festgesaugten Fuß zu befreien, schafft es aber nicht und bleibt einen Moment ruhig stehen. Wieder bewegt sich ein einzelner Baum auf der rechten Seite, diesmal allerdings etwas näher. Etwas? Einen ganzen Fetzen näher!

„Was zum Teufel?“, flüstert Eddie verzweifelt und packt mit beiden Händen seinen linken Oberschenkel. Die Ruhe in ihm ist dahin. Panik ist angesagt. Er zieht so fest er kann, doch es regt sich nichts, nur das Ding im Wald bewegt sich und kommt immer näher. Immer und immer näher. Wieder raschelt ein Baum, als wäre jemand dagegen gerannt und wieder etwas näher.

Plötzlich kann er tausende Stimmen hören. Tausende. Was sagen sie? Er kann es nicht verstehen. Die Überschneidungen der einzelnen Stimmen machen es unmöglich etwas zu verstehen. Wieder bewegt sich ein Baum etwas näher, doch diesmal kann Eddie nicht das Rascheln hören, weil die Stimmen lauter sind. Er kann sich nicht bewegen, damit muss er sich nun abfinden, er kann nicht mehr versuchen als seine Füße zu lösen und das hat nun mal nicht funktioniert.

„Leg dich hin“, flüstert eine ihm unbekannte Stimme leise in sein Ohr. „Ist deine einzige Möglichkeit.“

Er macht was ihm gesagt worden war und lässt sich einfach fallen. Die Landung gibt ein lautes platsch! von sich und Eddie verzieht das Gesicht, weil es sich wie ein Bauchklatscher vom Dreimeterbrett im Schwimmbad anfühlt. Wieder ein sich bewegender Baum, aber dieses mal direkt neben seiner Position. Er kann schwere, stampfende Schritte direkt hinter ihm wie laute Gummihammerschläge auf Holz hören. Es muss riesig sein, was sich da nähert. Und es kommt näher. Immer näher. Was…

 

„…ist es?“, fuhr Eddie in seinem Bett mit dem Buch auf der Brust hoch. Er war schweißgebadet. Er hatte schon lange keinen so realen Alptraum mehr gehabt. Das schlimmste war, dass er ihn nicht einmal zu Ende geträumt hatte und wahrscheinlich beim nächsten Einschlafen wieder davon geplagt werden würde. Dieses stampfende, unheimliche Ding, was war es?

Er wusste es nicht.

Diese Stimme, die ihm den Tipp gegeben hatte, sich hinzulegen, wem gehörte sie?

Er wusste es nicht.

Die anderen tausend Stimmen, was hatten sie gesagt?

Er wusste es nicht.

Was hatte dieser Traum zu bedeuten?

Auch das wusste er nicht.

 

22.Juni 2006

Eddie hatte vermutet, der Traum würde in der darauf folgenden Nacht wiederkehren, aber er war nicht gekommen, es war eine traumlose Nacht geworden. Eine erholsame Nacht für Eddie Cormack.

Wie fast jeden Morgen von Montag bis Freitag, hatte Mary Cormack ihn mit dem Zuschlagen der Tür um acht Uhr geweckt. Sein Vater ging schon um halb sieben zur Arbeit, machte aber die Tür leiser zu.

Ein Pluspunkt für dich, Dad, dachte Eddie im Halbschlaf. Was heißt Halbschlaf, eigentlich war er schon vollkommen wach hielt nur die Augen geschlossen, um sie vor der Helligkeit des neuen Tages zu schützen.

Schließlich überwand er sich doch und stand mit geöffneten Augen auf, um in die Küche zu gehen und sich einen Kaffee zu holen, beziehungsweise machen. Ab und zu ließ ihm seine Mutter was übrig, ab und zu eben nicht. Diesmal allerdings schon.

Es war Donnerstag, ein blöder Tag, wie Eddie fand, aber in den Ferien gefiel ihm eigentlich jeder Tag. Außer der gestrige und der darauf folgende und wahrscheinlich die restlichen Tage seines Lebens. Er würde nie darüber hinwegkommen, das wusste er jetzt schon.

Du hast ihn umgebracht, flüsterte eine Stimme in ihm immer wieder. Du hast ihn umgebracht. Du alleine.

Hatte er das? Wurde er nicht dazu gedrängt? Hatte er überhaupt eine andere Wahl? Ja, die hatte er! Er hatte sie!

Er hätte es anders machen können, aber so wie er gehandelt hatte, hatte er eben gehandelt und es war unwiderruflich.

Liebe ist blind. Liebe ist brutal.

Diese zwei Sätze hielt er sich immer wieder vor Augen. Er klammerte sich an diese zwei Sätze. Aber warum einen Wunsch abschlagen? Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul! Er lehnte an seinem Geburtstag schließlich auch keine Geschenke ab, nur aus Höflichkeit oder Gewissensbissen.

Hatte der Typ eben ein paar David Copperfield Tricks drauf, aber deswegen musste Eddie würde sich nicht schämen. Er hatte ausgesprochen, was er dachte, mehr nicht, auch wenn er es einem Fremden anvertraut hatte, anstatt seinem besten Freund, wenngleich er es ihm auf keinen Fall hätte sagen können. Ein Dilemma.

Ich wünsche mir, dass Andy nie wieder auftaucht und Janine ihn vergisst und sich in mich verliebt und wir zusammenkommen werden und niemand sich in unsere Beziehung einmischen wird! Das waren seine Worte gewesen.

Krrr! Wieder bekam er Besuch. Er setzte sich schwerfällig in Bewegung; er fühlte sich überhaupt nicht gut. Sein Kopf fühlte sich so schwer an, als hätte ihm jemand Gewichte an die Ohren gehängt. Im Minutentakt knurrt sein Magen, allerdings nicht aus Hunger, eher aus Übelkeit. Seine Beine kamen ihm vor, wie Stelzen aus Gummi.

 

„Janine“, hauchte er, sodass sie es nicht hören konnte. Sie wirkte überhaupt nicht niedergeschlagen, traurig oder erschöpft, sie wirkte, als würde sie Andys Verschwinden völlig kalt lassen, sie wirkte, als würde sie ein Leben ohne jeden Kummer und Frust leben, als hätte sie einen Schluck vom Wasser des Jungbrunnens genommen. Ihr Gesicht war wunderschön geschminkt, ihre Haare sorgfältig zu einem Zopf zusammengebunden – was Eddie nicht wirklich gefiel – und ihr Hals mit einer silbernen, glänzenden Kette verziert. Wunderschön. „Hi.“

„Hi!“, gab sie zurück und kam die Treppen hochgestiegen. „Hi, hi!“ Sie lächelte und umarmte ihn herzhaft und fest, als Janine bei ihm angekommen war.

„Hi“, wiederholte Eddie noch einmal. „Was machst du hier?“

„Schatz“, sagte sie, „was soll das heißen? Ich bin immerhin deine Freundin, oder nicht?“

„Ich weiß nicht …“, murmelte er nachdenklich und runzelte die Stirn.

Was? Meine Freundin? So schnell? Nein, oder? Kann mir mal jemand auf den Kopf schlagen, damit ich weiß, ob ich träume oder nicht? Bitte.  Komm schon. So schnell kann das doch nicht gehen. Copperfield hat’s vollbracht.

„Ja“, antwortete er schließlich. „Sicher bist du das.“

„Dann is ja gut, du.“ Sie gab ihm einen kurzen Kuss und schlüpfte an ihm vorbei durch die Tür in die Wohnung.

Sein erster Kuss von ihr. Er hatte einen Kuss bekommen. So kurz und flüchtig, dass er schon wieder nur als Begrüßungsschmatzer zu zählen war.

Oh, nein, Mann, verdammt!

Der erste Kuss sollte schön werden. Er sollte in einer romantischen, guten Situation kommen, vielleicht vor dem Fernseher im Kerzenlicht während ein Liebesfilm läuft, oder so was in der Art. Jetzt hatte er ein kleines Küsschen bekommen und sie hat sich einfach so an ihm vorbei gestohlen.

Sie saß im Wohnzimmer und hatte die Beine überkreuzt auf den Tisch gelegt. In der Hand hielt sie ein Glas Eistee. Der Fernseher war eingeschaltet. Die Bilder flimmerten über den Bildschirm, aber Eddie nahm sie nicht wahr.

Wie …? Wie kann das möglich sein? Wie kann sie …? Plötzlich …Scheiße, sie macht so, als würde sie Andy nicht mehr kennen.

Doch, sie kennt ihn! In ihrem Unterbewusstsein! Du hast es dir so gewünscht, Ed Eddie!

Aber …

Ed Eddie, keine Panik, Mini Eddie hilft dir schon!

Er setzte sich zu ihr ins Wohnzimmer auf seinen Stammplatz: den großen, bequemen Sessel. Der Fernseher kam ihm so nebensächlich vor, wie die bunten, flackernden Lichter in einer Disco. Er wollte ihn abschalten, zu Janine gehen, ihr alles beichten, vielleicht sogar einen Arm um sie legen, wenn er es tat, aber er hatte einfach nicht den Mut dazu.

Aber genug Mut, um Andy den Tod zu wünschen, hattest du…

Ja, dazu hatte ich genug Mut.

Lass es einfach. Timing ist die halbe Miete, schon vergessen?

Nein, noch nicht.

Er entspannte sich ein wenig und sah starr aus dem Fenster. Die Vögel zwitscherten laut, während sie mit ihren kleinen Füßchen auf den Ästen der Bäume saßen und wahrscheinlich eine Pause einlegten. Autos kamen die Straße entlanggefahren und erzeugten laute Motorengeräusche, die sich unangenehm in Eddies Kopf bohrten.

Er war so froh gewesen, als er die Tür geöffnet hatte und dort Janine stand und nicht dieser verrückte, eigenartige Underthell. Er war erleichtert, aber sein Verstand hatte ihm gesagt, er sollte es nicht sein, schließlich hatte er ihrem Freund die Hölle an den Hals gewünscht, nur damit er sie haben konnte. Er sollte sich eigentlich schämen, sagte ihm sein Verstand, aber er tat es nicht wirklich, er saß da, sah aus dem Fenster und dachte darüber nach, wie er es ihr erklären konnte. Aber war er nicht Andys Vater eine Erklärung schuldig? Wartete Mr. Pinkett nicht auf eine Erklärung?

Sicher, Ben Pinkett hatte eine Menge – eine große Menge – Geld, aber ihm würde doch wohl sein eigener Sohn wichtiger sein als alles andere. Er konnte es ihm nicht verschweigen, er musste es ihm sagen. Andy wohnte drei Blocks weiter, aber sein Vater war selten zu Hause und seine Stiefmutter interessierte sich nicht wirklich für ihren Stiefsohn. Er musste es Ben Pinkett erzählen. Er war es ihm schuldig. Natürlich müsste er sich einen anderen Grund ausdenken müssen…

Moment mal, sagte Eds Verstand. Denkst du, er würde dir glauben, wenn du ihm erzählst, dass du Andy den Tod gewünscht hast und er kurz darauf verschwunden ist? Er würde sagen, ‚sei nicht traurig, aber es ist nicht deine Schuld’. Außerdem weißt du nicht einmal, wo sich Mr. Pinkett befindet. Er ist Finanzier der Laboratorien im Southend, wie willst du in ein Hochsicherheitsgebäude eindringen? Denkst du, irgendjemand lässt dich dort rein und riskiert gekündigt zu bekommen? Nein, mit Sicherheit nicht. Die werden sagen, warte bis Pinkett dich anspricht oder dir zufällig über den Weg läuft, aber lass mich in Ruhe, das würden sie sagen. Nicht mehr und nicht weniger. Dann bekommst du vielleicht noch ein lächelndes ‚Ciao’ und das war’s dann aber auch schon.

Könnte sein, aber ich muss es ihm erzählen. Ich muss es IRGENDJEMAND erzählen!

 

Janine sah ihn seit nun schon zehn Minuten an. Sie hatte sich nicht getraut etwas zu sagen und ihn aus seinem Tagtraum zu reißen. Jetzt machte sie es aber trotzdem mit schüchterner, ängstlicher Stimme: „Was ist mit dir?“

Eddie schrak auf und sah sich desorientiert um. „Ah, äh…was?

Janine sah ihn verwirrt an und begann dann zu lachen. Es klang wunderschön, als wäre er im Paradies und sehe einen Engel, der gerade den lustigsten Witz seines Lebens gehört hatte.

„Janine, was ist denn los?“, fragte er. Nun war er an der Reihe sie verwirrt anzuschauen.

„Nichts“, prustete sie. „Nichts!“

„Doch!“, er konnte die Wut in ihm aufwallen spüren, hielt sich aber zurück, um nicht zu schreien. „Los, raus damit.“

„Nichts“, wiederholte Janine. Ihr Lachen wurde etwas heruntergeschraubt, als sie Eddies ernstes Gesicht sah. „Oh, Mann! Wieso machst du jetzt so eine Grimasse? Das Gesicht davor fand ich viel lustiger!“ Sie hörte sich an wie ein kleines Kind, das einen Hund fasziniert studiert. „Komm her, Schatz. Gib mir einen Kuss.“

Eddie dachte darüber nach, Röte stieg in seinen Kopf. Wieso

Ah, stimmt ja.

Er beugte sich über die Armlehne des Sessels und küsste sie so gut er konnte. Zuerst nur Lippen auf Lippen, dann öffnete sie ihren Mund, schob ihm die Zunge hinein, massierte seine. Wunderschön, dachte er. Wir sind zusammen.

 

6

Timothy Underthell

 

„Scheiße, Mann!“, schrie der große Kerl, der gebeugt vor Timothy Underthell stand. Die langen, schwarzen Haare des Typs hingen feucht herunter, klebten an seinen Wangen, seine tief liegenden, schwarzen Augen sahen ihn wütend und erregt an. Er trug einen schwarzen Anzug kombiniert mit weißen Lackschuhen, die im schwachen Licht, das durch das kleine, quaderförmige Fenster hinter Underthell einfiel, glänzten. Hinter dem Mann, der Timothy mit Ohrfeigen bearbeitete, befand sich eine kleine Menschengruppe, die sich aufgeregt unterhielten, hinter ihnen war eine geschlossene Tür, die so verlockend und so unerreichbar für den an den Stuhl gefesselten wirkte. Er sah schlimm aus, seine Augen waren geschwollen, blau, seine Lippen aufgeplatzt, trocken und blutig, seine Nase ziemlich schief, sehr wahrscheinlich gebrochen. Seine Hände waren hinter der Lehne mit Handschellen zusammengebunden, seine Füße an die Stuhlbeine mit Draht gefesselt. „Wie viel hast du dem verdammten Jungen erzählt?“

„Gar nichts“, stammelte Underthell und ließ weiter den kopf hängen. „Nichts … überhaupt nichts. Wieso sollte ich ihm was erzählen?“

„Du weißt warum!“, antwortete der große, langhaarige Typ und schlug ihm wieder klatschend mit der Handfläche ins Gesicht. „Du weißt es ganz genau, du verdammtes Arschloch!“

„Nein!“ Tränen rollten seine Haut hinab und landeten stumm auf seiner Jeans. „Woher denn auch?“

„Kanasutra wird dich holen, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst“, flüsterte der Typ ihm ins Ohr.

„Kanasutra holt sich dich“, sagte er und der Langhaarige schreckte zurück.

„Nein, nein, nein, sie kommt nur wegen dir, mein Freund, nur wegen dir. Du hast doch gar keine Ahnung, was du angestellt hast, sie ist überhaupt nicht erfreut, über das, was ich ihr erzählt habe und sie will sich persönlich um diese Angelegenheit kümmern, verstanden?“

„Fi – ck d – ich“, stotterte er. „Fick dich!“

„Ich fick dich, du Penner!“

„Mich? Gut, mach nur. Wenn Kanasutra kommt und du mich gefickt hast, wird sie nicht gerade erfreut darüber sein, nehme ich an, demnach muss ich mir gar keine Sorgen machen, oder?“

„Ja, bleib cool, Junge, bleib cool, aber nicht zu cool, sonst könnte noch einer meinen, du wärest tot.“

 

Einer der Männer, der sich bei der Gruppe vor der Tür befunden hatte, war zu Underthell und dem anderen Typen herübergekommen. Er trug ebenfalls einen schwarzen Anzug, alle trugen schwarze Anzüge. Seine Augen waren allerdings blau und wunderschön. Sein Haar sah aus, wie man es sich bei Jesu vorstellt. Blond, aber nicht zu sehr, schon eher bräunlich.

„Pat“, sagte er. „Pat. Wir müssen verschwinden. Wenn wir hier erwischt werden, bringt uns der Boss um. Er hat Kanasutra geholt, sie sollte bald da sein, also, komm.“

„Nein“, gab der Mann, der Underthell geschlagen hat, zurück. „Nein. Dieses Arschloch hat es zwar verdient, alleine gelassen zu werden, aber er hat es noch mehr verdient, geschlagen zu werden.“

Underthell mischte sich ein: „Es ist eine Desinformation! Ich habe dem Jungen nichts erzählt!“

„Und wie, verdammte Scheiße, erklärst du dann seine verfickten Träume?!“, schrie Pat in wütendem, ekstatischem Tonfall.

„Ich weiß es nicht!“

„Denkst du etwa Entoia hat sich eingemischt, oder was?“

„Das habe ich nicht gesagt!“

„Aber gedacht!“, brüllte Pat und drehte sich wieder zu dem jesusähnlichen Mann um. „Komm, lass uns verschwinden.“

 

Nachdem die Tür wieder geschlossen wurde, setzte sich Timothy wieder gerade hin. Seine Fuß- und Handgelenke schmerzten, brannten wie Feuer, aber sein Kopf war außer den äußerlichen Schäden noch so ziemlich in Ordnung. Er fühlte sich nicht schlecht oder verwirrt und ihm war nicht übel und er hatte keine Kopfschmerzen, obwohl seine Lippe aufgeplatzt, seine Augen blau geschlagen und seine Wangen rot geohrfeigt wurden. Er konnte immer noch klar und zusammenhängend denken, sodass er über einen Fluchtplan nachdachte, denn wenn Kanasutra ihn erwischen würde, würde es kein gutes Ende für ihn geben. Kein Happy – End.

Sein Rücken fühlte sich bedrückt an, als hätte ihm jemand Ballast aufgebunden. Waren da doch Kopfschmerzen? Ja, aber nur ganz leichte, die sanft gegen seine Schläfen pochten. Nicht unangenehm, aber auch nicht gerade nützlich.

In Gedanken wiederholte er immer wieder Kanasutras Namen, um die Angst zu schüren und sich selbst anzutreiben. Ihm musste etwas einfallen. Er musste von diesem Stuhl fortkommen, er musste aus diesem Raum raus und er musste von hier verschwinden.

Kanasutra, Kanasutra, Kanasutra.

Schweiß stand ihm auf der Stirn, seine Haare standen zu Berge, Gänsehaut hatte sich auf seinen Armen und auf seinem Rücken ausgebreitet. Wie gerne er jetzt eine Zigarette hätte.

Diese verdammten Fotzen! Wie können sie nur? Mich schicken, mich fesseln, mich schlagen! Freunde, pah! Spart auch das für später, ihr miesen Arschlöcher.

Wird es ein später geben?

Vermutlich nicht, aber die Möglichkeit besteht, also streng deine Gehirnzellen an und denk nach!

War es Pats eigene Entscheidung oder die vom Boss?

Wer weiß, die kann man nicht berechnen oder in einem Plan einkalkulieren. Außerdem ist es mir so ziemlich egal, wer es nun veranlasst hat. Der Boss, Pat oder Kanasutra selbst, scheißegal.

Vermutlich schon, aber wenn es der Boss war, heißt es, dass du von Anfang an unwichtig für diese Mission oder Aufgabe warst.

Nein, nicht unwichtig für die Aufgabe, unwichtig nach dem ich die Aufgabe erfüllt habe. Ich war nur zu einem einzigen Scheißzweck zu gebrauchen gewesen, für diese Arschlöcher. Verdammt!

Wirf den Stuhl um.

Er sah sich um. Keine metallischen Gegenstände, nichts womit er hätte die Handschellen aufmachen oder die Fußfesseln durchschneiden können.

Wirf den Stuhl um.

Dieser Gedanke schien sich wie eine zerkratzte Schallplatte zu wiederholen.

Du hast Eddie keine Informationen zukommen lassen.

Stimmt, aber das werde ich.

Und wie er das tun würde, wenn er es schaffte, sich zu befreien. Mit einem schmerzhaften, dumpfen Rumsen, landete er auf dem Boden. Eine kopfschmerzenfördernde Aktion. Sein Schädel dröhnte schlimmer denn je. Das Pochen schien schon fast Löcher von innen in seine Schläfen zu hämmern. Seine Augen begannen zu tränen, sein Mund fühlte sich trocken an.

Timothy sah es nun zum ersten Mal: Das abgebrochene Abflussrohr links neben der Tür. Das Sonnenlicht schimmerte darauf und blendete ihn ein wenig, die scharfe Spitze sah ihn bedrohlich an.

Wie zum Geier soll ich da hin kommen?, fragte er sich und legte langsam den Kopf auf den Teppichboden. Scheiße.

Er versuchte sein Bestes: Warf sich herum, schüttelte den Kopf, zappelte mit den festgebundenen Beinen und zerrte an der Handschellen, wobei seine Handgelenke wieder begannen zu brennen, als hätte ihm jemand Säure drübergeleert. Aber es funktionierte. Zentimeter für Zentimeter kam er dem Abflussrohr näher, nun machte er sich aber schon Gedanken, wie er seine Fußfesseln an dem Rohr aufschneiden sollte. Er wusste nicht, ob die Türe überhaupt aufgeschlossen war, er wusste nicht, ob hinter ihr ein Aufpasser wartete, der seine Knarre griffbereit im Halfter stecken hatte. Er konnte sich nicht sicher sein, ob sein Plan funktionieren würde. Aber er musste versuchen, seine Fesseln zu lösen. Am liebsten hätte er sie wie irgendein Superheld gesprengt, aber das konnte er nicht, schließlich war er nicht Superman oder sonst irgendein Mann aus Stahl.

Er kam dem abgebrochenen, verrosteten Abflussrohr näher, konnte schon den verfaulten Geruch wahrnehmen, der ihm entgegen kam. Er meinte irgendwo in der Ferne eine Ratte im Kanalsystem hören zu können, aber wahrscheinlich war er es nur seine Einbildung, die durch seine Angst penetriert wurde.

So viele Jahre hatte er nun schon für den Boss gearbeitet und jetzt war er verlassen in einem schlecht beleuchteten Raum gefesselt an einem Stuhl gelandet.

Arschlöcher.

Er ruckelte wieder am Stuhl, kam dem Metall wieder näher, der Geruch wurde stärker und sein Hirn begann wieder gegen die Schläfen zu pochen. Sein Mund – trocken, klebrig -, sein Gesicht – zerschlagen, blauäugig – und seine Arme – gefesselt, taub – fühlten sich schrecklich schwer an. Mit einem letzten, schnaufenden Ruck, kam er an die Stelle, an die er kommen wollte.

Kondenswölkchen waren plötzlich bei jedem Ausatmen zu sehen. Sein Atem war sichtbar, der Raum war plötzlich kalt, wie ein Eimer Wasser aus einem zugefrorenen See. Kleine Wölkchen verblassten vor ihm. Er atmete sofort wieder neue aus.

Oh, Gott. Kanasutra.

Alles war umsonst. Es war zu spät. Wenn die Kälte hereinbrach, war Kanasutra schon in der Nähe und für die meisten war es dann schon längst zu spät, für andere jedoch, war es noch nicht lange zu spät. In diesem Fall, war sich Timothy aber sicher, dass er es nicht überleben würde.

 

Er zitterte und dachte an ältere Zeiten, als er und die Welt noch jung waren. Die Welt: Vitalia.

Eine Welt, die aussah, als wäre man in Eden gelandet. Das Eden, wie man es sich vorstellt, wenn man an das Paradies denkt. Das Eden, in dem es nur wunderschöne Menschen, Pflanzen, Tiere, Wolken und andere Wesen gibt. Das Eden, das Vital, der jüngste Gott, geschaffen hatte. Vitalia war sein Eden.

Eine Welt voller lieben Menschen, schüchterner Tiere und einer wundervollen Natur. Die Bäume waren bunt, nicht nur grün und gelb und rosa wie im Frühling. Hier waren die Bäume immer bunt, immer war etwas Neues zu entdecken da gewesen. Die Kinder spielten Fangen auf den Feldern und Fußball auf den Plätzen, sie lachten und lachten, aber nie weinten sie, weil sie ein vollkommenes Leben führten. Ihre Eltern mussten nicht trauern, um verstorbene Söhne und Töchter, sie mussten nicht trauern, weil ein Kind von einem Betrunkenen überfahren wurde, sie mussten nicht darüber nachdenken, ob sie ihr Kind nun bis acht oder zehn rauslassen können, es war egal, denn es geschah nie etwas Schlimmes in dieser Welt.

Man nannte Vitalia auch die Welt der Gerechten. Leben und leben lassen, hieß es, nicht fressen oder gefressen, töten oder getötet, stehlen oder bestohlen werden. Hier lebten die Menschen in Harmonie; in einer wahren Idylle.

 

Bis vor drei Jahren.

Da starb Vital und die Welt schien sich zu verschieben, zumindest hatte es so ausgesehen, als würde alles aus den Fugen geraten. Menschen fielen übereinander her, Kinder stürzten sich freiwillig von Klippen in den Tod, Eltern stritten und trennten sich, ließen ihre Söhne und Töchter alleine zurück und die Natur verkümmerte, weil sich niemand mehr Gedanken machte, was aus dieser Welt geschehen sollte. Sie forschten und experimentierten, ja, aber sie sorgten sich nicht mehr um ihre Umwelt. Forschung war ihr Anreiz.

Dann kamen die „Schwarzen Wesen“ (zu denen auch Timothy Underthell zählte, der zuvor in Vitalia lebte) und begannen mit der Verbreitung ihrer Wut.

Sie gewannen die Herrschaft über diese Welt, versklavten die Unkonvertierbaren und töteten die Alten. Diejenigen, die auf die Seite der „Schwarzen Wesen“ kamen, lebten in Reichtum und Wohlergehen. Sie hatten keine Sorgen, aber mussten kommen, wenn es ihnen befohlen wurde. Timothy wurde im Laufe der Zeit als sehr zuverlässig eingestuft und in den inneren Kreis aufgenommen. Wer diese Organisation leitete, wusste niemand, nicht einmal die Mitglieder. Aber er hatte einen Boss.

„Nennt mich einfach nur Boss, hier sind Namen unwichtig“, hatte dieser gesagt. So war es dann auch, bis heute. Er lernte verschiedene, neue Wesen kennen, die sich hier entwickelten und lebten, unter ihnen Kanasutra, die mächtiger als alle anderen wurde, außer vielleicht dem Herrscher.

Es wurde ein Schloss erbaut, ein Nachgebilde der französischen Bastille. Aber es würde sich niemand trauen, diese Burg stürzen zu wollen. Niemand konnte die „Schwarzen Wesen“ aufhalten. Die Bösen, die Hinterlistigen, die Gemeinen und die Tödlichen.

7

Raddock City

(Eins, zwei, drei, du bist nicht dabei)

 

23. Juni 2006, Pinkett Laboratorien, Southend

„Wie weit sind Sie?“, fragte Bill Pinkett aggressiv den weiß gekleideten Wissenschaftler, der ihn durch die Brille hindurch schüchtern, verlegen ansah. „Wir wollen vorankommen.“

„Die Verbindung, die Öffnung und die Versorgung sind stabil, aber wir haben noch kein lebendes Objekt hindurchgeschickt“, erklärte der Wissenschaftler, auf dessen Namensschild Daniel Ned stand. „Wir wissen einfach nicht, ob ein menschlicher Körper den Druck, die Kompensation und allem standhalten wird. Wir können es einfach nicht riskieren, ein Menschenleben aufs Spiel zu setzen, das verstehen Sie doch, oder?“

„Haben Sie mich gerade gefragt, ob ich es verstehe?“

„Ja, Sir, habe ich. Sie wissen ganz genau, dass ein Mann mit Frau und Kind sein Leben verlieren könnte, bei dem Versuch etwas zu entdecken, das vielleicht überhaupt nicht existiert.“

„Nicht existiert?“, fragte Bill ungläubig. „Nicht existiert? Verscheißern Sie mich nicht. Natürlich existiert diese Welt! Ich habe davon geträumt, die Pläne für diese Scheißmaschine beim Schlafwandeln aufgeschrieben und jetzt sagen Sie noch einmal, dass dahinter nichts existiert!“

Eine Gruppe Wissenschaftler schlenderte durch den Gang, auf dem sie sich befanden. Aus einem Raum, dessen Tür geöffnet war, konnte man leise piepsende Elektronikgeräusche hören. Am Ende des Gangs befand sich eine zweiflüglige Tür mit zwei abgedunkelten Scheiben.

Bill Pinkett sah müde und fertig aus, sein Gesicht war von Falten gezeichnet und von eingesunkenen Augen markiert. Dieser verdammte Wissenschaftler traute sich tatsächlich, ihm zu widersprechen, ein Fingerschnipsen und dieser Daniel Ned wäre mit einem Klaps aus diesen Laboratorien befördert worden, da Bill Pinkett dieses ganze Unterfangen finanzierte und Ergebnisse sehen wollte.

„Ein Affe“, sagte Mr. Pinkett plötzlich. „Versuchen Sie es mit einem Affen oder einem Hund, die werden auch benutzt, wenn Raketen getestet werden. Los, suchen Sie einen!“

 

24. Juni 2006 Bei Bill Pinkett zu Hause

„Schatz, lass es sein“, heulte Miranda Pinkett und warf sich ihm um den Hals. „Du … Du kannst ihn nicht finden.“

„Ich muss ihn finden“, antwortete er in ernstem, kein bisschen traurigem oder mitleidigem Tonfall. „Ich muss. Verstehst du das nicht?“

„Doch … Aber sieh dich doch nur einmal einen Moment an!“

„Was ist denn mit mir?“, fragte Bill und sah sie an, während er sie mit den Händen einen viertel Meter von sich wegdrückte, Tränen rollten ihr die Wangen hinab. „Was zum Teufel soll denn mit mir sein?!“

„Du siehst aus, als wärst du schon ein halbes Jahr tot.“ Ihre Stimme klang zwar immer noch brüchig, aber nicht mehr traurig und weinerlich, sondern ernst und gebieterisch.

Zwei ihrer Strähnen klebten an seinen Lippen. Auch er hatte nun Tränen in den Augen. „Mein Sohn ist verschwunden und niemand kann mir sagen wann oder ob er wiederkommt. Soll ich einen Freudentanz vollführen?“

Er weinte, schluchzte und umarmte seine ehemals wunderschöne Frau, die halb so fertig aussah wie er.

 

Eddie sah aus dem Fenster auf die scheinbar leergefegte Straße hinaus, die apokalyptisch und mysteriös im schwachen Sonnenlicht lag. Es war heiß, wie jeden Sommer in Raddock City, aber die Menschen begaben sich anscheinend nicht an den See, um sich zu bräunen und um zu schwimmen, sie saßen anscheinend genau wie er zu Hause, nur bezweifelte er, dass sie die gleichen Probleme wie er hatten. Sie mussten sich finanziell, sozial und familiär Gedanken machen, er nicht. Er musste sich über sein Gewissen Gedanken machen. War er wirklich Schuld an Andys Verschwinden? Musste er wirklich zu Bill Pinkett gehen und ihm alles erzählen? Bill hatte fast nie Zeit, war immer beschäftigt in seinen Laboratorien, musste vorankommen, Zeit ist Geld, wie er immer sagte, aber konnte er sich nicht einmal einen Augenblick Auszeit gönnen, um etwas über seinen Sohn zu erfahren? Vielleicht.

„Ich muss es ihm erzählen“, flüsterte Eddie und beugte sich vor, um seine Nase durch den Spalt des gekippten Fensters zu stecken. Er hatte sich etwas Kühle erhofft, bekam aber nur warme Luft zu fassen. „Verdammte Hitze.“

Er dachte an Janine. Wie glücklich sie doch war. Wie konnte sie so verdammt glücklich sein? Unwissenheit ist ein Segen.

Seine Mutter würde bald nach Hause kommen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie sie die Ruhe vertreiben würde. Kein Fernseher, kein Radio, keine Autos und Menschen auf der Straße; nur eine tickende Uhr. Tick-tack, tick-tack, tick-tack.

Der orientalische Teppich fühlte sich angenehm an seinen nackten Füßen an, er schwitzte, war müde. Traumlose, durchschlafene Nächte und er war trotzdem völlig fertig.

Er konnte plötzlich doch jemanden durch den Spalt des gekippten Fensters hören. Stimme. Kinderstimmen.

„Eins, zwei, drei, du bist dabei“, sang eine Jungenstimme. Da standen sie, mitten auf der Stonehall Street. Die Hitze schien sie nicht zu stören. Die standen doch gerade noch nicht da, dachte er und betrachtete die fünf Kinder. Ein Junge in einem blauen Sweatshirt stand vor den vier anderen und sagte den Reim auf, während er mit dem Finger bei jedem Wort auf einen der vier anderen deutete, die alle mit dem Rücken zu Eddie standen. Der Junge, der auszählte, hatte ein eigenartiges Gesicht. Große, runde Augen, nicht mandelförmig, dicke, glänzende Lippen, als hätte er eine dicke Schicht Lippenstift aufgetragen, langes, schwarzes Haar, die ihm auf die Schultern hingen. Etwas Glänzendes schien über seinem Ohr in seinem Haar zu stecken. Eddie schätzte sein Alter auf zehn oder elf, aber im Gesicht sah der Junge älter aus. Aber älter konnte er einfach nicht sein. Der Junge deutete auf das Kind links von ihm. „Du bist dabei, Schätzchen.“

„Was machen die da?“, fragte Eddie Cormack leise.

„Eins, zwei, drei“, sang der Junge mit dem schwarzen Haar, „du bist dabei.“ Diesmal deutete er auf das Kind in der Mitte der übrigen drei.

Moment, wo ist das vierte Kind hin? Es war verschwunden, als wäre es in der Hitze kondensiert worden. Wo ist es hin? Verschwunden.

Das mittlere Kind entfernte sich aus der Reihe und stellte sich hinter den Reimenden. „Eins, zwei, drei, du bist dabei“, sang er wieder und diesmal wählte er den linken Jungen aus. Eddie wusste, dass es sich um einen Jungen handelte, weil dieser sich kurz umgedreht und die Straße entlanggeschaut hatte.

Ein Kind war noch übrig. „Da war es nur noch einer“, sagte Eddie und lächelte, obwohl ihm überhaupt nicht zum lächeln zumute war. Er wollte rauslaufen und sich einmischen, warum wusste er nicht, er hatte einfach das Gefühl, als müsse er dies tun. Aber er blieb wo er war und sah weiter zu.

„Eins, zwei, drei“, sang der Junge wieder, obwohl nur noch einer vor ihm stand, „du bist nicht dabei! Vier, fünf, sechs“, er hatte eine Hand hinter dem Rücken und mit der anderen zeigte er auf das übrig gebliebene Kind, „ich kill dich mit der Flex!“

Schnell zog der Junge die andere Hand hinter dem Rücken hervor und hielt tatsächlich eine grüne Flex in der Hand. Er grinste, seine Augen glühten wie entzündete Kohle in der Nacht. Mit einer schnellen Bewegung fuhr die Drehscheibe des Geräts herunter und landete auf dem Kopf des übrig gebliebenen Jungen. Blut spritzte in alle Richtungen, befleckte die Straße, den heißen Asphalt.

„Verdammte Scheiße!“, schrie Eddie auf, taumelte zurück, stolperte über den orientalischen Teppich und landete mit dem Hinterkopf auf der Tischkante. Ein stechender, heißer Schmerz durchfuhr ihn, das Wohnzimmer wurde schwarz, verblasste, von der Schwärze gefressen.

 

... to be continued 


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